Am Rande der Großstadt (D)
Ai margini della metropoli (IT)
Dans les faubourgs de la ville (F)
À Margem da Metrópole (POR)
Tortura de Duas Almas (BRA)
Infierno en el suburbio
Edge of the Metropolis
IT 1953
R: Carlo Lizzani & Massimo Mida
D: Massimo Girotti, Marina Berti, Giulietta Masina, Michel Jourdan, Lucien Gallas, Rossana Martini, Adriana Sivieri, Giulio Calì, Patrizia Lari, Paola Borboni, Giuliano Montaldo, Franco Caruso u.a.
Deutsche Erstaufführung: 22. September 1959 (West) -- 23. Juni 1956 (Ost)
Synchronkartei
Locationvergleich
Score: Franco Mannino
OFDb
"Eine besonders ergreifende Einzelheit, die wir ihnen heute im Rahmen der 10 Minuten der Menschlichkeit übertragen, ist gewiss dazu bestimmt, das erschütterndste Kapitel im Roman zu werden, der nun mehr bereits seit Wochen die Öffentlichkeit in Atem hält - dem Roman von Mario Ilari und Gina Alfonsi: Schuldig oder unschuldig? Diese Frage bewegt heute jeden."
Der junge römische Rechtsanwalt Martini (Massimo Girotti) übernimmt die Verteidigung eines Mannes (Michel Jourdan), dem wegen angeblichen Mordes lebenslange Haft droht – der ehrgeizige Jurist erhofft sich von dem spektakulären Fall einen Karriereschub. Das Schicksal seines aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Klienten ist ihm zunächst gleichgültig. Erst als Martini bei seinen Recherchen mit der Situation der verachteten italienischen Unterschicht und deren Ungleichbehandlung durch die Justiz konfrontiert wird, ändert sich seine Haltung: Nun setzt er alles daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen … [Quelle: ARD]
"AM RANDE DER GROßSTADT basiert auf den journalistischen Recherchen von Mario Massimi zum Mord an Annarella Bracci und dem Verdächtigen Lionello Egidi. Der Film kam nach strenger Zensur, die vor allem dem Schutz des Ansehens der Polizei diente, in die Kinos. Der Mord an Annarella Bracci löste in der italienischen Öffentlichkeit große Empörung aus, da er in einem extrem heruntergekommenen und armen Umfeld, am Rande der Metropole Rom, geschah. Rom expandierte in jenen Jahren rasant, und es entstanden Elendsviertel, um die zahlreichen Zuwanderer unterzubringen" (Quelle)".
Carlo Lizzani ist es mit seiner zweiten Regiearbeit gelungen, eine bemerkenswerte Melange aus Kriminalfilm, Film Noir, Melodram und Neorealismu zu kreieren, in der Nachkriegsitalien als ein Land der Armut und Ungerechtigkeit gezeigt wird, in dem das Verbrechen allgegenwärtig ist. Angesiedelt in den von Ausgestoßenen und Flüchtlingen besiedelten Außenbezirken Roms, dessen Ortsbild von Industrieanlagen, verlassenen Fabriken, Elendsvierteln und Obdachlosenschuppen geprägt ist, erzählt Lizzani die Geschichte eines Mannes, dem, obwohl er stets seine Unschuld bekräftigt, von Amtswegen der Strafprozess wegen eines vermeintlichen Mords an einer jungen Frau gemacht wird. Juristischen Beistand erhält der Angeklagte durch einen aufstrebenden Rechtsanwalt, der in dem Fall eine Chance für sein berufliches Weiterkommen sieht. Was den Angeklagten Mario Ilari betrifft, so hegt Rechtsanwalt Martini aufgrund sozialer Vorurteile zunächst Zweifel an der Unschuld seines Mandanten, der eben genau aus einem dieser Außenbezirke stammt. Da Mario Ilari der Prozess im Schnellverfahren gemacht wird, an dessen Ende ihm eine lebenslängliche Haftstrafe droht, sieht Martinis Strategie für seinen Erfolg vor, mildernde Umstände geltend zu machen - was wiederum ein Schuldeingeständnis voraussetzt, dem sein Mandant aber in keinster Weise zustimmt. Also muss er seine anvisierte Strategie im Laufe des Strafprozesses wohl oder übel revidieren, was letztendlich in einem Plädoyer für die Menschlichkeit endet, denn Martini hat aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen mit den Bewohnern der Außenbezirken nicht nur sein soziales Gewissen entdeckt, sondern auch gesellschaftliche Mechanismen, die Gewalt und Kriminalität begünstigen. Lizzani zeigt dabei nicht nur die negativen Folgen auf der Verliererseite einer kapitalistischen Klassengesellschaft auf, sondern auch die Vorurteile, die ihnen von den besseren Gesellschaftskreisen entgegengebracht werden. Die soziale Benachteiligung und die damit einhergehenden Armut verwehrt vielen der Betroffenen nicht nur die Zugangsmöglichkeiten auf Bildung und Arbeit, sondern begünstigt auch delinquentes Verhalten, was im Fall von Mario Ilari zu gefährlichen Vorurteilen führt, die die Lebensexistenz eines unschuldigen Menschen zerstören können. Außerdem weist Lizzani darauf hin, dass gezieltes Fehlverhalten nicht immer einer absichtlichen Böswilligkeit unterliegt, denn diese Täter sind oftmals selbst Opfer sozialer Benachteiligung, die im Film stellenweise mehr Menschlichkeit ausstrahlen als die vermeintlich Gerechten. Obwohl die DEFA-Kinosynchro ganz hervorragend klingt, wäre es dennoch interessant zu wissen, ob für den Kinostart in der BRD eine eigenständige Synchronfassung erstellt wurde.Alles in allem lieferte Carlo Lizzani mit AM RANDE DER GROßSTADT einen ganz hervorragenden Film ab, der sich mit der sozialen Ungleichbehandlung auseinandersetzt, die eine moderne Klassengesellschaft unweigerlich mit sich bringt.
Produktionsinfos: "Die Innenaufnahmen für den Film wurden in den römischen Studios von SAFA Palatino gedreht. Die Außenaufnahmen entstanden in verschiedenen Vierteln Roms, hauptsächlich im EUR-Viertel und in Monteverde, die beide zu dieser Zeit eine große Bautätigkeit erlebten. Die „Borgata“, in der die Protagonisten leben, war das Viertel Parioli in Rom, eine spontan entstandene Siedlung zwischen dem Corso Francia und der Villa Glori, die 1960 für den Bau des Flaminio-Stadions und des Olympischen Dorfes geräumt wurde". (Quelle)
Fazit: "Der Alte braucht wieder Medizin!"
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