● VAMPYROS LESBOS - DIE ERBIN DES DRACULA / LAS VAMPIRAS (D|E|1971)
mit Susann Korda, Ewa Strömberg, Heidrun Kussin, Andrea Montchal, Paul Muller, Michael Berling, Beni Cardoso und Dennis Price
eine Produktion der Tele-Cine| Fénix Films | im Verleih der Cinerama Filmgesellschaft
ein Film von Jess Franco
Filmische Verewigungen nach dem Roman von Bram Stockers "Dracula" sind über die Jahrzehnte häufig und in unterschiedlichsten Auslegungen entstanden; Jess Franco selbst inszenierte mit "Nachts, wenn Dracula erwacht" bereits eine von ihnen, die seinerzeit als originalgetreue Adaption entstand - so zumindest die Aussagen des Regisseurs und der Verleih-Werbung. Der spanische Exzentriker kann hier schließlich auf seine Erfahrung bauen und kombiniert sie mit seinem individuellen Begriff, Filme herzustellen, was global gesehen für Aufsehen sorgen wird. Sein surreal angehauchtes Märchen von der Erbin des Dracula erfährt mit ihm als Dirigenten schöner Körper eine Total-Wendung, wenngleich der grobe Handlungsaufbau sowie die beteiligten Charaktere stets an das Vorbild erinnern werden. Seine effizientesten Werkzeuge bekommt das Publikum hier in Form von Susann Korda alias Soledad Miranda und Ewa Strömberg zu sehen; zwei Interpretinnen, die seinen persönlichen Kosmos seit geraumer Zeit diktieren beziehungsweise eine große Rolle spielen sollten. Vielleicht kann gesagt werden, dass Jess Franco wieder einmal bestehende Filmgesetze umkehrt, indem er sie zu seinen eigenen macht, was nicht unbedingt als großer Fauxpas angesehen werden sollte, sondern als aufregendes Angebot, in eine Welt der Träume einzutauchen, die oft nicht von Alpträumen zu unterscheiden sind, da sie mit prickelnder Erotik gefüllt sind und es permanent zu Eruptionen kommt. Als Zuschauer darf man daher wohlwollend anerkennen, dass es sich im Gros um ein Filmangebot handelt, von dem nur zu profitieren ist, auch wenn man ein paar Haare in der Suppe finden wird, was bei Franco erfahrungsgemäß nicht ausbleiben kann. Der Flick spielt vor sommerlicher Urlaubskulisse, die laszive Vampirtochter muss sich tagsüber schließlich erst gar nicht in eine dunkle Gruft zurückziehen, um bei Nacht auf die Jagd nach geeigneten Opfern zu gehen. "Vampyros Lesbos - Die Erbin des Dracula" wirft insgesamt viele interessante Fragen und Gedankenspiel auf und eines von ihnen - und nach persönlichem Ermessen vielleicht das wichtigste - ist, was dieser Film ohne Susann Korda und Ewa Strömberg geworden und was von der sinnlich-gefährlichen Aura übrig wäre?
Natürlich sind derartige Fragespielchen über das ¿Hätte-Wäre-Wenn? Bei einem fertigen Film völlig irrelevant, da sich sowieso nichts ändern lässt, aber dennoch immer wieder gerne durchgespielt. Jess Franco benutzt seine beiden Hauptdarstellerinnen wie ein Lebenselixier für das, was er dem interessierten Publikum näherbringen möchte. Es kommt zu markanten Kopplungen zwischen Liebe und Libido, Verlangen und Abscheu, Leidenschaft und Angst, sodass man sich möglicherweise nur einseitig auf diese zwei weiblichen Fixpunkte konzentrieren wird. Franco schaltet eine Reihe von Sinn- und Trugbildern, metaphorischen Andeutungen und Schlafwandel bei vollem Bewusstsein, sodass überaus ansehnliche Intervalle entstehen, die weniger zu entschlüsseln sind, als dass sie animieren, in welcher Form auch immer. Susann Korda, in voller Prägnanz synchronisiert von der unverwechselbaren Beate Hasenau, entfaltet ihre volle Aura mithilfe der aufmerksamen Augen von Regie und Kamera, Ewa Strömberg erfährt dem Empfinden nach wie üblich eine leichte Abstufung durch den Spanier selbst, wenngleich sie die eigentliche Hauptrolle spielt, die von der Intensität her jedoch nicht an die Titelrolle heranreichen kann. Wie dem auch sei, dieses darstellerische Ensemble überrascht, überzeugt, verführt, animiert und gleicht auftretende Ungereimtheiten selbstbewusst aus. Francos Stammbesetzung mit Adrea Montchal, Beni Cardoso, Paul Muller oder Dennis Price sorgt für sicheres Terrain, außerdem kann sich die Deutsche Heidrun Kussin als Agra im Gedächtnis verankern. "Vampyros Lesbos - Die Erbin des Dracula" stellt in seiner eigenen Filmografie vielleicht insofern eine Sternstunde dessen dar, alle skizzierten Gedanken und Wünsche auf Zelluloid gebracht zu haben. Das Thema reizt, Franco provoziert, die Interpretinnen Strömberg und Korda sind auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Franco-Karrieren zu sehen - was will man mehr? Verfeinert mit der bemerkenswerten Musik von Siegfried Schwab und Manfred Hübler, vermischen sich intensive Bilder zu einem Franco'schen Traum, der sogar für Zuschauer aller Erwartungen gemacht sein könnte, vorausgesetzt man findet seine eigenen Fixpunkte, die man nicht wieder vergessen will.
