ONKEL TOMS HÜTTE - Géza von Radványi

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Prisma
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ONKEL TOMS HÜTTE - Géza von Radványi

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John Kitzmiller

ONKEL TOMS HÜTTE


● ONKEL TOMS HÜTTE / LA CASE DE L'ONCLE TOM / LA CAPANNA DELLO ZIO TOM / CICA TOMINA KOLIBA (D|F|I|JUG|1964)
mit Herbert Lom, O. W. Fischer, Olive Moorefield, Thomas Fritsch, Michaela May, Vilma Degischer, Charles Fawcett, Bibi Jelinek, Erika von Thellmann,
George Goodman, Harold Bradley, Dorothee Ellison sowie Eleonora Rossi Drago, Mylène Demongeot, Juliette Gréco, Eartha Kitt und Catana Cayetano
eine Produktion der cCc Filmkunst | Melodie Film | Debora Film | Sipro | Avala Film | im Nora Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Harriet Beecher Stowe
ein Film von Géza von Radványi

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»Ja, aber ich kann ihn doch schließlich nicht umfärben!«


Sklaven im Amerika des 19. Jahrhunderts werden von ihren Besitzern ausgebeutet, erniedrigt und nicht selten zu Tode gequält. Humanitäre Ausnahmen gibt es nur wenige, da der Besitz dieser Menschen als Grundrecht angesehen wird. Die Leibeigenen rund um Tom (John Kitzmiller) haben es bei dem liberalen Mr. Shelby (Charles Fawcett) vergleichsweise gut, doch dieser gerät in finanzielle Schwierigkeiten und muss sich sehr zum Unmut seiner Familie von den langjährigen Arbeitern trennen. Diese wiederum geraten an den unmenschlichen Sklavenhändler Legree (Herbert Lom), der die Menschen schlechter behandelt als Vieh. Es beginnt eine Zeit der Gewalt, Erniedrigung und Qual...

Die im Jahr 1927 gedrehte Stummfilm-Adaption des gleichnamigen und als Klassiker der Literaturgeschichte gehandelten Romans "Onkel Toms Hütte" war die letzte Verfilmung des Stoffes, bis sich ein Firmenkonsortium unter Beteiligung des Berliner Produzenten Artur Brauner erneut mit dem Stoff befassen sollte, um einen aufwändig und vor allem teuren Farbfilm zu forcieren, der für deutsche Verhältnisse auf seltenem 65-mm-Kameranegativ hergestellt werden sollte. Mit einem Produktionsvolumen von rund 4,5 Millionen D-Mark entstand einer bis dahin der teuersten deutschen Filme überhaupt, was sich im Endergebnis wie ein roter Faden beobachten lässt. Die zeitgenössische Kritik nahm den Film weitgehend gönnerhaft beziehungsweise nicht global ablehnend auf, jedoch nicht ohne zu betonen, dass es an der Intensität der Vorlage fehle und es Géza von Radványi nicht gelungen sei, die Schärfe der Rassismus-Thematik umzusetzen. Mit O. W. Fischer in den Hauptrollen konnte der ungarische Regisseur bereits mit den Erfolgsfilmen "Es muss nicht immer Kaviar sein" und "Diesmal muss es Kaviar sein" große Erfolge feiern und hat auch dieses Projekt zu jeder Zeit gut im Griff, wenngleich es vielleicht nicht ausbleibt, dass sich bei einer massiven Spielzeit von etwa 142 Minuten ein paar Längen einschleichen. In seiner ursprünglichen Version soll der Film sogar eine Länge von 170 Minuten gehabt haben, wie einige Quellen angeben. Ausgestattet mit einer internationalen Besetzung, kann der episodenhafte Verlauf nicht nur große Momente planen, sondern auch ausspielen und für den Gebrauch handelsüblicher Unterhaltungsfilme mit kritischer Grundstimmung und Intention kommt es zu einem beachtlichen Gesamtergebnis. Hier die Waage zu halten gestaltete sich seit jeher als schwer, da man immer Kompromisse mit Publikum und Vorlage eingehen muss, allerdings ist es auch nicht jedem recht zu machen. Tatsächlich nimmt man Wellen von Sentimentalität und Rührseligkeit war; Stilmittel, die im Unterhaltungsfilm dieser Zeit wie ein Lebenselixier erscheinen und bei interessanter Aufarbeitung gar nicht so deplatziert wirken, wie oftmals vorgeworfen.

Außerdem entschärfen diese Tendenzen die hier nicht selten grausame Grund-Thematik und Vorgehensweise gewisser Charaktere, die sonst nur schwer zu ertragen gewesen wäre. In diesem Zusammenhang ist der Wahl-Brite Herbert Lom als Sklavenhändler Simon Legree zu erwähnen, dessen widerliche Aura den gesamten Verlauf prägt. Lom spielt den Schurken unter dem Deckmantel eines Geschäftsmannes mit Prokura der politischen Maxime brillant und man sieht einen vulgären und gleichzeitig brutalen Zeitgenossen, der mit dem Leben handelt, wie andere mit Lebensmitteln oder Gegenständen. In seiner Hand liegen Existenzen, er versucht die besten Preise für seiner Ansicht nach minderwertiges Leben herauszuschlagen. Vorgegangen wird dabei wie auf einer Vieh-Auktion, bei der gute Zähne und feste Muskeln präsentiert werden. Was ihn betrifft, gibt es nicht nur einen Kontrahenten, der die Gegenseite liberal und human repräsentiert, allerdings verfügen die Wenigsten über eine Lobby und gesellschaftliche Anerkennung. Legree ist zwar verhasst, aber die Gewöhnung der großen Masse der Leute rechtfertigt sein Tun zu jeder Zeit. Die Regie stellt eine Reihe von Interpreten auf, die im Vergleich und tatsächlich kultiviert und getrieben von Prinzipien, erfüllt von humanitären Gedanken und Nächstenliebe wirken, doch Lom ist letztlich wie ein Endgegner der unbezwingbaren Sorte, dessen Schergen seine und deren Existenz verteidigen. O. W. Fischer bietet Balsam für die Seele der seinerzeit noch nicht vorhandenen Gerechtigkeit an, ebenso wie Gertraud Mittermayr alias Michaela May, doch das Publikum muss sich auf harte Schocks gefasst machen. Unterstützend bei diesem Thema agieren Thomas Fritsch, Vilma Degischer, Bibi Jelinek oder Erika von Thellmann, doch besonders intensiv in Darstellung und Emotion wirken die US-amerikanischen Kollegen des Szenarios. Der zu dieser Zeit besonders in europäischen Produktionen bekannt gewordene John Kitzmiller stattet seine Titelrolle überzeugend und besonders greifbar aus, leider war es für den markanten Schauspieler bereits sein letzter Auftritt, da er 50 Tage vor der Uraufführung verstarb.

Einen ebenfalls besonderen Eindruck hinterlässt Olive Moorefield als Legrees Lieblings- und Liebessklavin, die eine bestechende Melancholie anbietet, nicht ohne dabei zu demonstrieren, dass sie nur auf den richtigen Moment wartet, um ihren Peiniger endgültig zu erledigen. Erwähnenswert ist des Weiteren der Auftritt der aus Guatemala stammenden Catana Cayetano, die ab diesem Film in Deutschland Karriere machte. "Onkel Toms Hütte" wartet mit weiteren Stars und Gästen wie Mylène Demongeot, Eartha Kitt, Juliette Gréco oder Eleonora Rossi Drago auf, sodass man insgesamt von einem spektakulären Schauspielerfilm sprechen kann, der jedoch auch thematisch, handwerklich, ausstattungstechnisch und visuell überzeugen kann. Hin und wieder kommt sogar der Spirit auf, den man sich im Vorfeld auch vorgestellt hat, selbst die musikalische Untermalung von Peter Thomas wirkt weitgehend gut integriert. Wie erwähnt muss es zu tragischen und ergreifenden Intervallen kommen, da der Verlauf der Geschichte strapaziös, ihr Fazit allerdings hoffnungsvoll geformt sein soll. Für eine internationale Großproduktion unter vorwiegend deutscher Federführung ist insgesamt ein beachtliches End-Ergebnis entstanden, das durch Géza von Radványis sichere Regie ein erinnerungswürdiges Profil erlangt. Auch ohne die literarische Vorlage von Harriet Beecher Stowe zu kennen, funktioniert diese Konstruktion sehr gut, das durch die Bank großartige Schauspiel der Interpreten verhilft der Geschichte zur nötigen Intensität, Emotion und spürbarem Nachhall, welcher "Onkel Toms Hütte" über den vielleicht plumpen Verdacht erhebt, nur ein handelsüblicher Unterhaltungsfilm trivialer Art sein zu wollen. Wieder einmal hat sich Experimentierfreudigkeit und Mut zum Risiko rentiert, was mehr als nennenswert ist, da es sich immerhin um eine Großproduktion handelt. Sicherlich wäre es hochinteressant, den Film in der voll angegebenen Länge sehen zu können, doch wie es heißt, ist die hier vorliegende die letzte existierende Version. Es bleibt ein sehenswerter Film, dessen Stärken sich aus einer optimalen Dosierung im Rahmen der Basisbereiche ergeben.



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