● 鬼婆 / ONIBABA - DIE TÖTERINNEN (JP|1964)
mit Nobuko Otowa, Jitsuko Yoshimura, Kei Satō, Taiji Taonoyama, Someshô Matsumoto, Kentarô Kaji und Uno Jūkichi
ein Produktion der Kindai Eiga Kyokai | im Verleih der NFF
ein Film von Shindō Kaneto
»Ich bin kein Dämon! Ich bin ein Mensch!«
Im kriegszerrütteten Japan des 14. Jahrhunderts töten eine ältere Bäuerin (Nobuko Otowa) und ihre Schwiegertochter (Jitsuko Yoshimura) verirrte Samurai im hohen Schilfgras, um deren Rüstungen bei einem Hehler (Taiji Tonoyama) gegen Essen zu tauschen. Die Leichen lassen sie in einem großen Loch im Schilffeld verschwinden. Ihr brutaler Überlebenskampf gerät jedoch ins Wanken, als der heimgekehrte Soldat Hachi (Kei Satō) eine Affäre mit der jungen Frau beginnt. Aus Existenzängsten, Eifersucht und Furcht vor dem Verlassenwerden versucht die Alte ab sofort alles daranzusetzen, das junge Paar zu trennen …
Der Wind peitscht sich eine unwegsame Schilflandschaft zurecht, die Halme werden zu Spielbällen der Naturgewalten und veranstalten bedrohliche Schattenspiele. Es scheint, als veranstalte das Feld eine orchestrale Tragödie, um verheißungsvoll auf das hinzudeuten, was auf das Publikum zukommen wird. Zwei Frauen passen sich an die Natur und gegen die Natur des Menschen an. Sie funktionieren nur noch über ihren Überlebenstrieb, der ungebrochen ist. Schnell wird man Zeuge ihrer verzweifelten, aber ebenso kaltblütigen Strategie, durch jeden neuen Tag kommen zu können. So handelt es sich um einen guten Tag, wenn geschwächte und verletzte Samurai-Krieger des Weges kommen, die obendrein noch die Orientierung verloren haben. Welche Gefahr sollte schon von zwei abgemagerten und von der Not gezeichneten Frauen ausgehen? Man wird eines Besseren belehrt und bekommt eine noch kürzere Variante des kurzen Prozesses vor Augen geführt. Ein schwarzes Loch im Feld symbolisiert die Urängste des Menschen – in diesem Umfeld sind sie mehr als begründet. Die Grausamkeit beschränkt sich hierbei nicht auf das Visuelle, sondern geht in den Gedanken des Zuschauers weiter. Manche von den Opfern dürften noch nicht tot sein, denkt man sich ganz leise und insgeheim, also wirkt die Vorgehensweise umso brutaler. Man selbst sucht interessanterweise nicht nach Schuldigen oder Opfern, sondern platziert sich relativ neutral am Rande des kargen Geschehens. Die Schwarzweiß-Fotografie ist absolut brillant, die Geschichte leise und dennoch aufwühlend. Bei derartig starken Impressionen möchte man daher kaum glauben, dass es sich bei "Onibaba - Die Töterinnen" um eine klassische Independent- und Low-Budget-Produktion handelt, die über die eigene, unabhängige Gesellschaft des Regisseurs Shindō Kaneto finanziert und hergestellt wurde – nicht zuletzt, um sich von dem Diktat und den starren Vorgaben der großen Filmstudios freizumachen. Die finanziellen Beschränkungen zwangen die Macher zu einem extremen Minimalismus, der die psychologische Wirkung des Kammerspiels jedoch nur noch weiter verdichtete. Shindō reduziert das menschliche Dasein ohne gesellschaftliche Regeln auf seine nackten Urinstinkte und nutzt das wogende Gras als dynamische Bühne und visuelles Gefängnis.
Durch die avantgardistische, unheimlich stakkatoartige Musik von Hikaru Hayashi gewinnt die Szenerie eine fast fieberhafte Energie, die den Zuschauer packt, auch wenn nicht gerade Tür und Tor für den Tod geöffnet sind. Die kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografie fabriziert intensive Stimmungen und Schwingungen, indem sie im gewittrigen Dunkel mit harten Schatten experimentiert. Immer wieder ist vom Teufel die Rede und man denkt sich insgeheim, dass er sich diese unmenschlichen Lebensbedingungen und die karge Einöde höchstpersönlich ausgedacht hat. Ein ebenso zentrales wie beklemmendes Motiv ist das metertiefe Erdloch mitten im Schilfmeer, das als Schacht in eine moralische und physische Hölle fungiert, in dem die Frauen ihre Opfer verschwinden lassen. Die Tötungsszenen sind in ihrer Pragmatik bestürzend, denn jede emotionale Regung wird beiseite geschoben, da die Frauen lediglich an die nächste, durch den Tod gesicherte Mahlzeit denken können. Getragen wird diese dichte Inszenierung von zwei Hauptdarstellerinnen, die im japanischen Heimatkino einen völlig unterschiedlichen, aber enormen Star-Status besaßen. Nobuko Otowa, die die ältere Frau verkörpert, war eine landesweit gefeierte Instanz und Shindōs Muse, während die jüngere Jitsuko Yoshimura als das unangepasste, wilde Gesicht der Japanischen Neuen Welle galt. Gemeinsam transportieren sie die unnachgiebige Natur zweier Frauen, die gegen alle Widrigkeiten das Überleben gelernt haben – lernen mussten. Bei aller Unmenschlichkeit kommen im Verlauf doch noch deutliche menschliche Züge wie Kontrollwahn, Angst, sexuelle Triebe und der unstillbare Wunsch nach einem besseren Leben auf. Das vage, symbolträchtige Finale des Films mündet schließlich in einem verzweifelten, metaphorischen Sprung, der reich an tieferen Deutungsebenen ist und von der zeitlosen Tragik menschlicher Entmenschlichung im Krieg erzählt. So wird "Onibaba - Die Töterinnen" zu einem filmischen Meisterwerk, das seine handwerkliche und narrative Brillanz in jeder einzelnen Einstellung konsequent ausspielt. Als Zuschauer bleibt man am Ende etwas fassungslos zurück, denn bei aller zeitlichen und realen Ferne handelt es sich zweifellos um keine Geschichte, die wie ein ausgedachtes Film-Märchen wirkt – denn im übertragenen Sinn kann der Teufel überall und nirgends lauern.
Der Wind peitscht sich eine unwegsame Schilflandschaft zurecht, die Halme werden zu Spielbällen der Naturgewalten und veranstalten bedrohliche Schattenspiele. Es scheint, als veranstalte das Feld eine orchestrale Tragödie, um verheißungsvoll auf das hinzudeuten, was auf das Publikum zukommen wird. Zwei Frauen passen sich an die Natur und gegen die Natur des Menschen an. Sie funktionieren nur noch über ihren Überlebenstrieb, der ungebrochen ist. Schnell wird man Zeuge ihrer verzweifelten, aber ebenso kaltblütigen Strategie, durch jeden neuen Tag kommen zu können. So handelt es sich um einen guten Tag, wenn geschwächte und verletzte Samurai-Krieger des Weges kommen, die obendrein noch die Orientierung verloren haben. Welche Gefahr sollte schon von zwei abgemagerten und von der Not gezeichneten Frauen ausgehen? Man wird eines Besseren belehrt und bekommt eine noch kürzere Variante des kurzen Prozesses vor Augen geführt. Ein schwarzes Loch im Feld symbolisiert die Urängste des Menschen – in diesem Umfeld sind sie mehr als begründet. Die Grausamkeit beschränkt sich hierbei nicht auf das Visuelle, sondern geht in den Gedanken des Zuschauers weiter. Manche von den Opfern dürften noch nicht tot sein, denkt man sich ganz leise und insgeheim, also wirkt die Vorgehensweise umso brutaler. Man selbst sucht interessanterweise nicht nach Schuldigen oder Opfern, sondern platziert sich relativ neutral am Rande des kargen Geschehens. Die Schwarzweiß-Fotografie ist absolut brillant, die Geschichte leise und dennoch aufwühlend. Bei derartig starken Impressionen möchte man daher kaum glauben, dass es sich bei "Onibaba - Die Töterinnen" um eine klassische Independent- und Low-Budget-Produktion handelt, die über die eigene, unabhängige Gesellschaft des Regisseurs Shindō Kaneto finanziert und hergestellt wurde – nicht zuletzt, um sich von dem Diktat und den starren Vorgaben der großen Filmstudios freizumachen. Die finanziellen Beschränkungen zwangen die Macher zu einem extremen Minimalismus, der die psychologische Wirkung des Kammerspiels jedoch nur noch weiter verdichtete. Shindō reduziert das menschliche Dasein ohne gesellschaftliche Regeln auf seine nackten Urinstinkte und nutzt das wogende Gras als dynamische Bühne und visuelles Gefängnis.
Durch die avantgardistische, unheimlich stakkatoartige Musik von Hikaru Hayashi gewinnt die Szenerie eine fast fieberhafte Energie, die den Zuschauer packt, auch wenn nicht gerade Tür und Tor für den Tod geöffnet sind. Die kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografie fabriziert intensive Stimmungen und Schwingungen, indem sie im gewittrigen Dunkel mit harten Schatten experimentiert. Immer wieder ist vom Teufel die Rede und man denkt sich insgeheim, dass er sich diese unmenschlichen Lebensbedingungen und die karge Einöde höchstpersönlich ausgedacht hat. Ein ebenso zentrales wie beklemmendes Motiv ist das metertiefe Erdloch mitten im Schilfmeer, das als Schacht in eine moralische und physische Hölle fungiert, in dem die Frauen ihre Opfer verschwinden lassen. Die Tötungsszenen sind in ihrer Pragmatik bestürzend, denn jede emotionale Regung wird beiseite geschoben, da die Frauen lediglich an die nächste, durch den Tod gesicherte Mahlzeit denken können. Getragen wird diese dichte Inszenierung von zwei Hauptdarstellerinnen, die im japanischen Heimatkino einen völlig unterschiedlichen, aber enormen Star-Status besaßen. Nobuko Otowa, die die ältere Frau verkörpert, war eine landesweit gefeierte Instanz und Shindōs Muse, während die jüngere Jitsuko Yoshimura als das unangepasste, wilde Gesicht der Japanischen Neuen Welle galt. Gemeinsam transportieren sie die unnachgiebige Natur zweier Frauen, die gegen alle Widrigkeiten das Überleben gelernt haben – lernen mussten. Bei aller Unmenschlichkeit kommen im Verlauf doch noch deutliche menschliche Züge wie Kontrollwahn, Angst, sexuelle Triebe und der unstillbare Wunsch nach einem besseren Leben auf. Das vage, symbolträchtige Finale des Films mündet schließlich in einem verzweifelten, metaphorischen Sprung, der reich an tieferen Deutungsebenen ist und von der zeitlosen Tragik menschlicher Entmenschlichung im Krieg erzählt. So wird "Onibaba - Die Töterinnen" zu einem filmischen Meisterwerk, das seine handwerkliche und narrative Brillanz in jeder einzelnen Einstellung konsequent ausspielt. Als Zuschauer bleibt man am Ende etwas fassungslos zurück, denn bei aller zeitlichen und realen Ferne handelt es sich zweifellos um keine Geschichte, die wie ein ausgedachtes Film-Märchen wirkt – denn im übertragenen Sinn kann der Teufel überall und nirgends lauern.