Keiner hört ihn beten (D)
Lager der Gewalt (D)
Un hecho violento (ES)
Le Camp de la violence (F)
Camp of Violence
Violent Fate
ES 1958
R: José María Forqué
D: Richard Morse, Mabel Karr, Alfonso Vidal, Carlos Ballesteros, Mara Goyanes, Manuel Díaz González, Nora Sanso, Patrick Laurence, Adolfo Marsillach u.a.
Deutsche Erstaufführung: 8. Februar 1962
Schnittbericht: Deutsche Fassung - Spanische Fassung
Score: Miguel Asins Arbó
OFDb
"Captain, behandeln sie uns doch nicht wie Tiere!"
Ein packender tragischer Film, der hart bis an das - auch von starken Nerven - nicht mehr Erträgliche geht! In diesem Streifen wird der Beschauer in jene Epoche zurückgeführt, als die Kriminalität in Amerika ihrer Hochblüte entgegenging und die Richter deshalb zur Auffassung gelangten, dass nur harte Strafen dem Übel steuern könnten. So mag es zu solch skandalösen Urteilen gekommen sein, wie das erwähnte, auf Tatsachen beruhende Beispiel drastisch belegt: Die Unzulänglichkeit der Gesetze zwingt eine junge Frau zum Wettlauf mit dem Tod, um das Leben ihres Mannes zu retten. Dieser ist ein unschuldig Verurteilter, der in ein Zwangsarbeitslager kommt und dort die Methoden eines unmenschlichen und sadistischen Lagerleiters über sich ergehen lassen muss... [Quelle: Cinema Cult]
Es ist immer wieder schön, wenn ein Blindkauf ein filmisches Juwel beinhaltet, mit dem man im Vorfeld in keinster Weise gerechnet hat. So geschehen am letzten Wochenende im Rahmen eines kurzen Abstechers in meine alte Heimat, als mir plötzlich in einem Second-Hand-Regal für Filme die mir bis dato völlig unbekannte DVD von KEINER HÖRT IHN BETEN ins Auge stach. Ein kurzer Blick auf die Inhaltsangabe reichte in Verbindung mit dem Hinweis aus, dass es sich um eine seltene deutsche Kinosynchronfassung der IFU (Remagen) handelt, die seit ihrer Premiere im Jahr 1962 nicht mehr zu sehen und hören war, um die gebrauchte DVD für ein paar Euros kurzerhand einzusacken. Zu meiner größten Überraschung stellte sich zuhause heraus, dass es sich bei KEINER HÖRT IHN BETEN um keine US-amerikanische Filmproduktion handelt, wovon ich fälschlicherweise aufgrund der beiden Hauptdarsteller ausging, sondern um einen europäischen, genauer gesagt spanischen Film, für den sich kein Geringerer als José María Forqué, der Regisseur von DAS ANTLITZ DES TODES, DER TEUFEL MISCHT DIE KARTEN und DIE FRAU VOM HEIßEN FLUSS, verantwortlich zeigte. Umso gespannter war ich nun von dem, was mich erwarten würde und wurde letztendlich auch nicht enttäuscht... Nach dem Film hatte ich sogar große Probleme, meinen weit aufgerissenen Mund wieder einigermaßen zu zubekommen.
Der Film beginnt mit der Einführung des frisch vermählten Ehepaares Clint (Richard Morse) und Kathy "Kitty" Hall (Mabel Karr), die sich für ihre Flitterwochen in einem strandnahen Ferienbungalow eingemietet haben. Nachdem den beiden frisch Verliebten ausgiebig Zeit für ihr Rumgeplänkel eingeräumt wurde, ist plötzlich Schluss mit Lustig: Kitty, die unbewusst verschmutztes Wasser aus einer verunreinigten Pumpe zu sich nahm, erkrankt infolgedessen sehr schwer. Kurzerhand macht sich Clint mit seinem Wagen auf den Weg, um im nächstgelegenen Ort den diensthabenden Arzt zu alarmieren. Doch als er auf dem Weg dorthin auf zwei Rock'n'roll-tanzende Teenager trifft, die als Lockvögel mitten auf der Straße ausgelassen herumschwofen, wird er plötzlich von mehreren Halbstarken aus dem Hinterhalt ausgeknockt. Nachdem sich die Bande mit seinem Wagen sowie seinem Geld aus dem Staub gemacht hat, kommt Clint allmählich wieder zu sich und setzt seinen Weg zur nächstgelegenen Arztpraxis per Pedes fort. Dort angekommen, muss Clint zu seinem Entsetzen feststellen, dass die Arztpraxis nicht besetzt ist, was ihn nach kurzer Überlegung dazu führt, den Inhaber der gegenüberliegenden Apotheke um medizinischen Rat zu fragen. Da das Leben seiner Frau auf dem Spiel steht, bittet er den Apotheker eindringlich darum, ihm die lebensrettende Medizin auf Pump auszuhändigen, was der geschäftstüchtige Pharmazeut aber rigoros ablehnt. Mit dem Rücken zur Wand stehend reagiert Clint mit einer Kurzschlussreaktion: Er simuliert mit seiner rechten Faust, die er versteckt unter seinem Pullover aufbauscht, den Besitz einer Waffe, mit der ihr die Herausgabe des Medikaments erpresst. Obwohl er dem Apotheker gegenüber immer wieder glaubhaft bekundet, ihm am nächsten Morgen den Preis für das Medikament zu erstatten, hat dieser nichts Besseres zu tun, als den Sheriff zu alarmieren, der Clint kurz darauf vor dessen Rückkehr stellt. Während Kitty ihr Vergiftung überlebt, wird Clint wegen bewaffneten Raubüberfall vor Gericht angeklagt. Da er sich bis dato noch nichts in seinem Leben zu Schulde kommen ließ und auch seine Tat, bei der keine Waffe zum Einsatz kam, nur aus der Not heraus geschehen ist, rechnet Clint mit einem üblichen Strafmaß von 1-2 Monaten Gefängnis. Doch als ihm am Ende des Prozesses das Strafmaß von einem reaktionären Richter Gnadenlos verkündet wird, der trotz des fehlenden Waffenfunds an einem bewaffneten Raubüberfall festhält, verliert der Angeklagte den Glauben: Neun Jahre Zwangsarbeit in einem von jeglicher Zivilisation abgeschiedenen Straflager! Und als wäre das noch nicht genug, wird das Straflager von einem sadistischen Aufseher geleitet, der jegliche Menschenrechte genüsslich mit Füßen tritt und offensichtlich nur Zufriedenheit verspürt, wenn er andere Menschen mit barbarischen Methoden Qualen zuführt. Während Kitty alles dafür tut, ein schnellstmögliches Revisionsverfahren in die Wege zu leiten, für das die Chancen aber schlecht stehen, muss Clint immer heftiger werdende Gewalterfahrungen machen, die sich von erfolglosem Fluchtversuch zu erfolglosem Fluchtversuch auch immer noch verschärfen. Erst als sich Kitty Rat bei einem Geistlichen nimmt, der sich daraufhin tatsächlich als ein Mann der Tat herausstellt, kommt plötzlich Bewegung in die Sache. Bleibt letztlich die Frage, ob die Bemühungen auch von Erfolg gekrönt sind - und wenn ja, ob sie auch noch rechtzeitig die Rettung von Clint bewirken, der immer heftiger um sein Leben ringen muss?
Ein bemerkenswerter Film, der filmische Gewalt angesichts seines frühen Entstehungsjahres (1958) äußerst drastisch und schonungslos in Szene setzt. Hinzu gesellt sich ein bemerkenwerter Ton, der sowohl die kritische Konfrontration eines unbescholtenen Bürgers, der aus der Not heraus eine schadensarme Straftat begeht, und einem autoritären Staatsapparat, der mit reaktionären Richtern unverhältnismäßig schwerste Strafmaße für jede noch so kleine Lappalie verhängt, durchzieht, als auch das barbarische Treiben in dem menschenfeindlichen Straflager ungeschönt kommentiert, was angesichts der damaligen Rahmenbedingungen (Stichwort: Franco-Regime) absolut erstaunlich ist. Ebenfalls verblüffend sind die nachgestellten Kulissen, die dem Zuschauer glaubhaft eine amerikanische Kleinstadt vorgaukeln, obwohl der Film ausschließlich in Spanien gedreht wurde. Fernerhin ist es José María Forqué gelungen, einen glaubhaften Film auf die Beine zu stellen, der obendrein mit hervorragenden Darstellern besetzt wurde. Abgerundet wird das Ganze mit einer Filmmusik von Miguel Asins Arbó, wobei die Jazz-Stücke dem deutschen Filmvorspann nach von einem gewissen "J. Franco" stammen sollen. Was die DVD betrifft, so präsentiert diese die deutsche Kinofassung, bei der lediglich ein paar Jump-Cuts vorliegen, in einer hervorragenden Bildqualität, wohingegen die spanische Filmfassung, die sich im Bonus befindet und ein längeres Filmende beinhaltet, ein klein wenig schlechter aussieht. Die deutsche Synchronfassung ist obendrein allererste Sahne. Alles in Allem ein überragender Film, der sich wider Erwarten als eine ganz große Überraschung herausstellte.
Filmplakate:
► Text zeigen
"Der spanische Film kam mit einer Freigabe ab 18 Jahren im Februar 1962 gekürzt in die deutschen Lichtspielhäuser. Um die zwei Minuten wurden entfernt. Danach sah man den Film zumindest im deutschen TV oder Heimkino nicht mehr, da auch die deutsche Kinosynchonisation verschollen war. " (Quelle)
Fassungsunterschiede: "Die Hauptfassung der DVD scheint auf einem Transfer einer deutschen Kinokopie zu basieren und bietet eine sehr gute Bildqualität. Bei den Rollenwechseln kommt es jedoch zu Fehlstellen, und neben einigen Handlungskürzungen wirkt das Ende etwas abrupt. [...] Die spanische Fassung scheint neu synchronisiert und vertont worden zu sein und läuft einige Minuten länger als die deutsche Version. Auch hier treten gelegentlich kurze Fehlstellen auf. Interessant ist, dass in einigen Szenen im Strandhaus alternatives Bildmaterial verwendet wird: Kathy ist dort im Badeanzug statt im Bikini zu sehen. Eine angedeutete Sexszene fehlt, ebenso eine Einstellung, in der sich Clint und Kathy am Strand küssen. Insgesamt wirkt die spanische Fassung daher etwas züchtiger." (Quelle: Schnittbericht)
Deutscher Titelvorspann & spanischer Titelcredit:
