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Der auch als "Dr. Eurovision" bekannte Kulturwissenschaftler Irving Wolther sieht den Grund dafür nicht allein in mangelnder Qualität, sondern in einer grundlegenden Fehlhaltung: "Wir als Deutsche haben den Song Contest nie als die politische Plattform gesehen und begriffen, die er ist." Stattdessen: Schenkelklopfer und Rückblicke auf die lustigsten Kostüme mit Barbara Schöneberger. Andere Länder nutzen den ESC etwa, um soziale Themen zu verhandeln: ein serbischer Beitrag über das marode Gesundheitssystem, ein griechischer über Konsumrausch. Deutschland schickt eine Stinkefingerpuppe.
Dass sich daran so schnell nichts ändert, hat auch strukturelle Gründe. Jene Teile der deutschen Musikszene, die gesellschaftlich relevant sind und etwas zu sagen hätten, interessieren sich schlicht nicht für den Wettbewerb. Die Teile der deutschen Musikszene, die wirklich Relevantes zu sagen hätten – Wolther nennt Capital Bra als Beispiel –, würden nie in einer Show auftreten, in der Boomer über ihren Gesang diskutieren. Der ESC bleibt für sie eine Welt, in der sie nichts verloren haben.
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Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in Deutschland der Gatekeeper des ESC-Beitrags. Und der ARD-Durchschnittszuschauer ist laut GfK-Studie über 60 Jahre alt. Das prägt jede Entscheidung: welche Formate funktionieren, welche Künstlerinnen und Künstler eingeladen werden, wie das Rahmenprogramm gestaltet wird, was als "repräsentativ" gilt.
Das Ergebnis sind oft Beiträge, die in erster Linie für das eigene, ältere Publikum gemacht sind, nicht für die 160 Millionen Menschen in Europa, die am Abstimmungsabend einschalten. Der ESC-Zuschauer in Portugal, Polen oder Schweden hat keine Nostalgiebeziehung zu deutschen Schlagern. Er bewertet, was er sieht: Relevanz, Energie, Haltung und Originalität.
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Das ist vielleicht das Bitterste: Deutschland ist kein Land ohne politische Stimme, ohne Kunstfreiheit, ohne musikalische Vielfalt. Die Rap-Szene verhandelt Migration, Identität und Klassenfragen. Indie-Künstlerinnen setzen sich mit Feminismus, Klimaangst und queerer Realität auseinander. Es gibt in Deutschland eine lebendige, diverse und politisch wache Musikszene. Sie ist nur nie beim ESC.
Stattdessen schickt Deutschland das, was sicher ist, was niemandem wehtut, was sich im Rahmenprogramm gut anfühlt. Und landet damit am Tabellenende. Nicht, weil Deutschland keine gute Musik hat. Sondern weil es nicht den Mut aufbringt, diese Musik dorthin zu schicken, wo es darauf ankommt.
Das Fazit ist ja richtig, aber die Begründung ist schrott. Dieser Experte scheint irgendwann geistig in den 1990er Jahren stehengeblieben zu sein. Es stimmt einfach nicht, dass im öff-rechtlichen andauernd alte Schlager gespielt werden. Der deutsche Schlager wird im Gegenteil systematisch aus diesem Wettbewerb rausgedrängt. Dass die deutschen keinen positiven Bezug zu ihrer eigenen Kultur haben, ist ein anderes Thema.
Mein Eindruck ist, dass man in Deutschland immer auf die Idee kommt, zum ESC möglichst lahmarschigen englsichsprachigen Radiopop zu schicken. Dieser Radiopop geht halt überall völlig unter, das ist Musik, die völlig beiläufig ist.
Und derartige Musik kann halt nicht begeistern.