STUNDEN DER ANGST - Ludwig Cremer

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
Antworten
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 5800
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

STUNDEN DER ANGST - Ludwig Cremer

Beitrag von Prisma »



Stunden der Angst.JPG

● STUNDEN DER ANGST (D|1964) [TV]
mit Hans Caninenberg, Alice Treff, Horst Naumann, Bum Krüger, Barbara Witow, Rolf Löffler,
Karl Lieffen, Reinhard Glemnitz, Paul Dättel, Gerhart Lippert, Willi Rose sowie Hanns Lothar
eine Produktion der Bavaria Atelier | im Auftrag des ZDF
ein Film von Ludwig Cremer

Stunden der Angst (3).JPG
Stunden der Angst (5).JPG
Stunden der Angst (8).JPG
Stunden der Angst (9).JPG
Stunden der Angst (11).JPG
Stunden der Angst (13).JPG
Stunden der Angst (15).JPG
Stunden der Angst (17).JPG
Stunden der Angst (18).JPG

»Wendepunkte sind dazu da, dass man sie übersieht!«


Glenn Griffin (Hanns Lothar), dessen Bruder Hank (Karl Lieffen) und ihr Kompagnon Samuel Robish (Paul Dättel) fliehen aus dem Gefängnis. Wahllos suchen die Flüchtigen sich das Haus von Dan Hilliard (Hans Caninenberg) und seiner Frau Ellinor (Alice Treff) aus, um sich dort vor der Polizei zu verstecken, denn hier würde sie niemand vermuten. Die Hilliards und ihre zwei Kinder bekommen die Order, dass nach außen hin alles wie gewohnt abzulaufen hat. Unter panischer Angst sitzen sie in ihrem eigenen Haus in der Falle, bis sich die unerträgliche Situation immer mehr zuspitzt. Doch Sheriff Bard (Horst Naumann) ist den Gangstern bereits auf den Fersen, mit dem Glenn noch eine alte Rechnung zu begleichen hat …

Ludwig Cremers "Stunden der Angst" stellt die deutsche Version des von William Wyler inszenierten Klassikers "An einem Tag wie jeder andere" aus dem Jahr 1955 dar, der mit Humphrey Bogart, Fredric March oder Martha Scott über eine große Starbesetzung verfügt. Für die Verhältnisse eines deutschen Fernsehfilms kann ebenfalls von einem großartigen Darsteller-Ensemble gesprochen werden, das sich überzeugend in die Materie einarbeitet. Versehen mit Zügen eines psychologisch gefärbten Kammerspiels kochen die Emotionen in einem nahezu vakuumierten Setting hoch, auch wenn immer wieder einige Ortswechsel zu sehen sind. Allerdings behält der Zuschauer im Hinterkopf, dass trotz des Erzwingens von Normalität immer noch Geiseln im Hause Hilliard gefangen gehalten werden, denen mit Drohgebärden und vorgehaltener Waffe schwer zugesetzt wird. Es ist ersichtlich, dass man es nicht nur mit Sprücheklopfern zu tun hat, die im Zweifelsfall nicht Ernst machen würden, sodass die Geschichte über eine dauerhafte Grundspannung verfügt, die immer wieder mit neuen Kehrtwendungen durchzogen sein wird. Interessante Nebenhandlungen sorgen für eine sich immer weiter aufbäumende Brisanz, die sich für alle Beteiligten zum Schleudersitz entwickeln könnte, da das Fass jederzeit überzulaufen droht. Auf der einen Seite steht die Geschlossenheit der Familie Hilliard, die durch die unterschiedlichen Interessen der Gangster bedroht wird. Drei Peiniger bedeuten hier im Klartext, dass eine Uneinigkeit in dreifacher Potenz aufkommt, auch wenn man sich dem stärksten Glied in dieser kleinen Kette noch unterzuordnen hat. Was machen rücksichtslose Verbrecher, die ihre Opfer zum Spuren bringen wollen? Sie bedrohen wahlweise die Kinder, was etwas völlig Entmachtendes mit sich bringt. Interessant hierbei ist, dass man es jedoch nicht mit Leuten zu tun bekommt, deren Angst eine Art Unterwürfigkeit produziert, sondern es sind sarkastische, verachtende und dementsprechend gefährliche Wortspitzen in Richtungen der Kriminellen zu hören. Diese tun dem Gerechtigkeitssinn einerseits gut, andererseits lassen sie aber auch alle Alarmglocken läuten, da die Befürchtung naheliegt, dass der aggressivste dieser Knackis auf nicht genehmigtem Freigang ausrasten könnte. Zuvor konnte man völlig konträre Szenen einer Bilderbuchfamilie sehen, deren größte Aufgabe es war, ihre zwei Kinder zu anständigen Leuten zu erziehen. Das alles wird plötzlich durch kriminellen Pöbel unterwandert, der es sich übergangsweise im gemachten Nest bequem macht.

Es kommt zu intensiven schauspielerischen Darbietungen, die sowohl auf der einen, als auch auf der anderen Seite des Gesetzes blendend funktionieren. Das Familienleben der Hilliards ist durch konservative Routine geprägt. Man versteht sich, auch ohne viele Worte zu verlieren. Manche würden es vielleicht spießig nennen, aber die erarbeitete Idylle funktioniert im Tagesgeschäft. Hans Caninenberg als Familienoberhaupt kehrt die naturgemäße Autorität des gebürtigen Duisburgers heraus, die in vielen Produktionen wie hier zum Tragen kommt. An seiner Seite ist Alice Treff zu sehen, Veteranin und Virtuosin des deutschen Fernsehens und Kinos zugleich. Trotz einer gefühlten Unterordnung in den familiären Strukturen, scheint sie diejenige zu sein, die am guten Ende das letzte Wort haben wird. Versehen mit klarem Verstand, der ihr in der folgenden Ausnahmesituation noch hilfreich sein wird, hält sie die Fäden in der Hand. Als aggressiver Gegenpart stiftet Hanns Lothar Unruhe. Emotionslos, ohne Rücksicht und herablassend. So gibt er jedem Familienmitglied despektierliche Spitznamen, um ihre Identität und Stärke gleich zu unterwandern. Lothar schafft es, eine schneidende Gefahr um sich zu konstruieren, sodass die gewünschte psychologische Spannung mithilfe seiner Kontrahenten aufgeht. Seine Kumpanen wirken untereinander und im Gegensatz zu ihm ungleich. Sein Bruder hat nichts zu sagen, auch nicht bei der üblichen Drecksarbeit, das Knast-Anhängsel Robish kokettiert mit einer besonderen Unberechenbarkeit, die sich über Aufmüpfigkeit und niedere Triebe definiert. Schließlich sitzt man auf einem Pulverfass, auch wenn die Polizei längst aus dem Off heraus ermittelt. Als Zuschauer wartet man nur darauf, dass sich die Situation irgendwann entlädt und hier hat man mutmaßlich Demütigungen, Gewaltspitzen und schlimmstenfalls auch Mord vor Augen. Deutsche TV-Filme haben naturgemäß einige Schwierigkeiten damit, eine US-amerikanische Realität zu simulieren, was auch hier nicht zu übersehen ist. Allerdings bekommt man in allen anderen Bereichen sehr gute und überzeugende Angebote gemacht, um zu dem Gesamteindruck kommen zu können, dass Ludwig Cremers Konstruktion nach Vorlage sehr gut funktioniert. Am Ende kühlt sich die Geschichte durch Prosa herunter und lässt gewollt wichtige Fragen offen, vor allem, ob das Leben – falls noch vorhanden – so weitergehen kann, wie gehabt. "Stunden der Angst" orientiert und misst sich erfolgreich mit großen Vorbildern und stellt schlussendlich gehobene TV-Kost dar.

Antworten