DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Dyanne Thorne

GRETA - HAUS OHNE MÄNNER


● GRETA - HAUS OHNE MÄNNER / GRETA, LA TORTIONNAIRE / ILSA, THE WICKED WARDEN (CH|D|CA|1977)
mit Lina Romay, Tania Busselier, Angela Ritschard, Peggy Markoff, Eric Falk, Esther Studer, Dagmar Bürger, u.a.
eine Produktion der Elite Film | Cinépix
ein Film von Jess Franco

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»Was weiß ein kleiner Feld-, Wald- und Wiesendoktor von der Behandlung schwachsinniger Asozialer?«


Alarm in der abgelegen, im Urwald liegenden La Guardia-Klinik. Eine Frau ist aus der psychiatrischen Anstalt entflohen, die von Aufseherinnen gehetzt und schließlich angeschossen wird. Mit letzter Kraft kann sie zum Haus von Dr. Arcos (Jess Franco) retten. Bevor er sie jedoch behandeln kann, wird sie von Greta (Dyanne Thorne), der Leiterin der Klinik, und ihren Helfershelfern abtransportiert. Die Schwester der Verletzten, Abigail Philips (Tania Busselier) erfährt, dass die Entflohene verstorben sein soll. Sie bringt Dr. Arcos dazu, sie für den Zeitraum von 30 Tagen in die höchst fragwürdige Anstalt einzuweisen, um dort recherchieren zu können. Anschließend soll er wieder für ihre Entlassung sorgen. Doch Abbie ahnt nicht, dass sie damit einen Freibrief in die Hölle ausgestellt bekommen hat. Nicht nur die sadistische Leiterin, sondern auch die perverse Insassin Juana (Lina Romay) macht ihren Aufenthalt zur gefährlichen und unerträglichen Zerreißprobe …

Wer bereits die schlagenden Argumente einer wild gewordenen Ilsa kennenlernen konnte, dürfte auch auf Jess Francos Greta gespannt sein, denn immerhin konnte man auch für diese Produktion die imposante Dyanne Thorne gewinnen, die sich in Windeseile als einer von Francos Selbstläuferinnen herausstellen wird. Mit Thorne im Gepäck war der wirtschaftliche Erfolg dem Vernehmen nach nur reine Formsache, und es ist sogar spannend dabei zuzusehen, wie unterschiedliche inszenatorische Auffassungen um die längst berüchtigte US-Amerikanerin buhlen. Jess Franco platziert seine Hauptdarstellerin so, dass man nicht an ihren schlagenden Argumenten vorbeikommen kann, und es ist erneut erstaunlich, welch bizarre Aura die gefürchtete Leiterin einer Klinik ohne offensichtliche Expertise aufbauen kann – zumindest im medizinischen Sinn. Innerhalb ihrer Foltermethoden und ausschweifenden Sexualpraktiken, die gerne auch einmal in Kombination durchgeführt werden, erweist sich Thorne abermals als ausgewiesene Expertin, vor der die Insassinnen zittern. Die praktischen Veranschaulichungen statten den Film mit einem teils unappetitlichen Flair aus, welches jedoch zum Hinschauen bewegt, da man bei so viel Brutalität, Sadismus und Unmenschlichkeit einfach nicht wegsehen kann. Wie sich derartige Zustände etablieren konnten, wird nicht geklärt, zumal weder die Regie noch das Publikum ernsthaft daran interessiert sein dürften. Die Geschichte kann somit ihren demonstrativen Charakter gewinnbringend ausspielen, was für zufriedene Interessenten sorgt, immerhin weiß man im Vorfeld, mit wem man es hier vor und hinter der Kamera zu tun bekommt. Es kann nicht oft genug betont werden, wie erstaunlich die Tatsache ist, dass sich Jess Franco stets an Populärthemen und aufflammende Trends heran heften konnte, ohne dabei allerdings zu viel Abklatsch zu betreiben, immerhin weist jedes seiner Regiewerke eine unverkennbare, individuelle Architektur und Färbung auf, was man sowohl positiv, als in bestimmten Fällen auch negativ bewerten kann. Der klare oder simple Aufbau der Story entfaltet sich als klassischer Alptraum zwischen Leidenschaft, Sadismus und Folter, was bei der Palette der Angebote und vor allem visuellen Veranschaulichungen für Kopfnicken beim Zielpublikum sorgen wird.

Im Rahmen der luxuriösen Grundvoraussetzung einer übermächtigen Titelfigur kommt es zu wirklich guten Leistungen der anderen Schauspielerinnen im Gefängnis der gefürchteten Greta, die eigens von Dyanne Thorne im vollen und altbekannten Umfang mit Wonne ausbuchstabiert wird. Dabei ist schon eine Routine zu sehen, die eine deutliche Sprache darüber spricht, was mit ihr hier noch zu erwarten ist. Unter Jess Franco ist es natürlich klar, dass die sadistische Ader zugunsten einer perfiden, lesbisch-sadomasistischen Tendenz weichen muss. In diesem Zusammenhang wird Lina Romay beinahe wollüstig etabliert, und muss viele Szenen zum Besten geben, die andere Kolleginnen aufgrund ihrer widerlichen Anflüge vielleicht niemals in Betracht gezogen hätten. Unterm Strich trägt sie jedoch dazu bei, dass die Konstruktion schockieren kann, da sie für das Unerwartete und Perverse steht. Tania Busselier bietet dem Zuschauer quasi die Sympathieträgerin, also gute Seite in diesem von Höllenqualen durchzogenen Haus an, wird den Zuschauer allerdings auf harte Proben stellen. Ansonsten verfügt die Produktion über gute alte Bekannte, die das gerne auch in vulgärem Licht schimmernde Geschehen tatkräftig unterstützen, genau wie es der gepflegte Gossenton innerhalb einer blendenden deutschen Synchronisation tut, die von der begnadeten Ursula Heyer als Greta angeführt wird. Folgende Aussage von Jess Franco himself wirkt auch hier exemplarisch und wird in teils aufwühlenden, abstoßenden aber auch erotischen Bildern festgehalten: »Ich bin ein sexuell Besessener, ein enorm Besessener. Ich bin ein Voyeur und ich will davon nicht geheilt werden – daher mein gigantisches Vergnügen, Sexszenen zu erfinden, sie zu dirigieren, sie zu sehen und sie obendrein zu filmen …«. All dies wirkt wie das Elixier vieler seiner Geschichten. "Greta – Haus ohne Männer" ist und bleibt schlussendlich ein guter Franco, der das Potenzial seiner Geschichte und der nicht alltäglichen Hauptdarstellerin effizient nutzt. Versehen mit einem Finale, das wirklich hervorragend gelungen ist, da es dem Publikum vollkommen überraschend und urplötzlich zum Fraß vorgeworfen wird, bleibt der Verlauf in deutlicher Erinnerung, da er seinen zu erwartenden Frondienst am Kunden mit Leichtigkeit tun kann.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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LAMPENFIEBER


● LAMPENFIEBER (D|1960)
mit Dunja Movar, Antje Weisgerber, Gustav Knuth, Hans Schweikart, Anne Kersten, Henry Vahl, Eva Vaitl, Peter Paul, Minna Späth, Elke Sommer,
Claus Wilcke, Corinna Genest, Gitty Daruga, Dieter Klein, Michael Hinz, Helmut Förnbacher, Erna Sellmer, Peter Striebeck sowie Bernhard Wicki
als Gäste: Hannes Messemer, Johanna von Koczian, Margarete Haagen, Eva Maria Meineke, Hans Clarin, Rosel Schäfer, Annemarie Wernicke, u.a.
eine Heinz Angermeyer Produktion der Filmaufbau | im Constantin Filmverleih
ein Film von Kurt Hoffmann

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»An das Böse glaubt man immer erst hinterher!«


Gitta (Dunja Movar) hat sich in den Kopf gesetzt, Schauspielerin zu werden, bis sie sich gegen den Willen ihrer Eltern an einer Münchner Schauspielschule bewirbt und auch angenommen wird. Ihr Vater sperrt sich gegen jegliche finanzielle Unterstützung, sodass sie selbst für ihren Lebensunterhalt und eine Wohnung aufkommen muss. Als sie die Wohnung nicht mehr bezahlen kann, zieht sie bei ihrer Mitschülerin Grete (Inken Deter) ein, der Tochter eines Lebensmittelhändlers (Gustav Knuth), der sie in jeder Hinsicht bei der Ausbildung unterstützt, da er seinen eigenen Traum verwirklichen will. Als Gitta sich in ihren Mitschüler Caspar (Dieter Klein) verliebt, der schon bald wegen eines Engagements in eine andere Stadt ziehen muss, werden ihre Leistungen an der Schule merklich schlechter …

»Wenn Sie glauben, dass Sie auf der Bühne nur eine Bestätigung Ihrer persönlichen Selbstsucht finden werden, oder eine Befriedigung Ihrer Eitelkeit, oder eine Herauslösung aus den Nöten der Zeit in eine Welt des Traumes und der Verantwortungslosigkeit, so lassen Sie sich nur gleich gesagt sein, dass die Wirklichkeit der Bühne Sie auf das Härteste enttäuschen wird. Sie verpflichten sich einem Beruf, dessen oberstes Gebot das Opfer ist! Versuchen Sie nicht den Beifall der Meisten zu erringen, sondern streben Sie nach dem Urteil der Besten.« Als der Intendant einer Schauspielschule mit diesen mahnenden, aber völlig aufrichtig gemeinten Worten vor seine Klasse tritt, ist tatsächlich noch keinem von den jungen Leuten bewusst, was auf sie zukommen wird. Die meisten von ihnen haben eine Art Ruf gehört, der sich nicht weiter unterdrücken ließ. Bei einigen wird es gar schmerzhaft gewesen sein, bis sie ihre Energie, das Engagement und die Leidenschaft in den provisorischen Übungsbühnen der Schule entladen konnten, doch der Weg, so wird immer wieder gemahnt, ist noch weit, unberechenbar und steinig. Auch, dass es nur die wenigsten der jungen Leute etabliert in den schaffen werden, liege in der gnadenlosen Natur der Sache. Schnell zeichnen sich unterschiedliche Wege ab, die von Disziplin, Gefühlen, Desinteresse oder der Suche nach dem schnellen Sprungbrett geprägt sein werden. Regisseur Kurt Hoffmann bietet in "Lampenfieber" einen überraschend dynamischen, aber vielmehr teildokumentarischen Stil an, der die Fundamente des Schauspielunterrichts näherbringt: Proben, Repetition, Improvisation Linguistik, Theorie, Ballett, Florett, und was alles noch dazu gehört. Die Lehrer agieren streng, wollen sie dem Publikum am Ende doch nur das Beste präsentieren. Die Produktion schafft es mit Leichtigkeit, einen realen Transfer herzustellen, um nicht als eine von bereits vielen dagewesenen Geschichten in der Versenkung zu verschwinden. So gibt es eine vielleicht beispiellose Anzahl etablierter Stars, die sich hier geistreicher Weise selbst spielen: Hannes Messemer, Eva Maria Meineke, Margarete Haagen, Hans Clarin oder während eines Fernsehspiels Robert Graf und Ina Peters.

Der hier behandelte Personenkult ist dabei keine Erfindung aus der Traumfabrik, sondern ebenso eine wichtige Basis des Theaters, Films, und Fernsehens, welcher sich jedoch nicht alleine auf die angehenden Schauspieler beschränkt. Der Film ist lehrreich, da es so viel Praktisches hinter den Kulissen zu sehen gibt. Die Geschichte ist unterhaltsam, da sie sich vielen Nebenschauplätzen widmet, die das Leben selbst schreibt und nicht eine vorgefertigte Dramaturgie. Die Produktion ist außerdem überraschend feinfühlig und in ausgewählten Phasen tiefsinnig, da menschliche und schwierige Themen angesprochen werden, die mehr oder weniger zu denken geben. Junge Leute sollen geerdet werden, doch man hat kein Stück Ton in den Händen, das sich beliebig formen lässt. Die meisten von ihnen haben ihre eigenen Köpfe. Hier stechen insbesondere Dunja Movar, Michael Hinz, Elke Sommer, Gitty Daruga, Dieter Klein oder Claus Wilcke hervor, da sie unterschiedlichste Entwürfe eines Theaterschülers anbieten. Movar, die bereits drei Jahre später an den Folgen eines Suizidversuchs verstarb und damit vielleicht sogar sinnbildhaft für die mitunter nicht vorhandene Schwerelosigkeit des Berufs steht, ist in ihrem zweiten und letzten Kinofilm zu sehen. Ihre Gitta Crusius stammt aus wohlbehüteten Verhältnissen, ihr Vater ist selbstverständlich gegen diese Art des Werdegangs und versagt ihr jegliche Unterstützung. Um an der Schule angenommen zu werden, fälscht sie die Einverständniserklärung der Eltern, da sie ihren Traum verwirklichen will. Angesagt ist harte Arbeit und neben dieser noch härtere, um etwas Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Dabei spielt Dunja Movar mit einer erfrischenden Leichtigkeit auf, um die Schwere ihrer Rolle sehr intensiv herauszuarbeiten. Elke Sommer hingegen ist für einen anderen Weg vorgesehen, deren Evelyne schnell eine Offerte einer gewissen Eros Film erhält und einen anderen Karriereweg einschlägt. Claus Wilcke spielt sich als Zyniker der Truppe, um nicht zu sagen, Mephisto auf, Michael Hinz und Dieter Klein bieten unterschiedliche Entwürfe schwacher und resoluter Gemüter an, sodass jeglicher Karriereweg offenbleibt.

Regisseur Kurt Hoffmann bietet insgesamt Entwürfe an und verweist auf die vielen kleinen, aber feinen Unterschiede der Personen, sodass alleine beim Thema der Charakterzeichnungen für breite Abwechslung und sogar Spannung gesorgt ist. Hochwertige Leistungen zeigen wie immer Bernhard Wicki und Antje Weisgerber als Dozenten und Bühnenschauspieler, die ihren Aspiranten etwas mehr mitzugeben versuchen, als nur blanke Theorie. Man nennt es Erfahrung. Überhaupt ist diese Produktion breit und hochinteressant besetzt, unter anderem mit Hans Schweikart, Gustav Knuth, Gitty Daruga, Corinna Genest, Anne Kersten oder Eva Vaitl. "Lampenfieber" nimmt seinen Titel immer wieder wörtlich und zeigt nicht nur die berechtigten Ängste der angehenden Bühnendarsteller, sondern auch die der bereits etablierten. Die Liste der Interpreten, die sich selbst spielen, ist hier beispiellos lang und es ist gut möglich, dass man einige von ihnen zwischen all den Turbulenzen und Kulissen erst überhaupt nicht ausmacht. Der dokumentarische Stil öffnet dem Publikum ein interessantes Fenster, durch das man Selbstzweifel, Tränen, Resignation und einfach nur harte Arbeit sehen kann, folglich sehr wenig von Glanz und Gloria zeigt, was man als Konsument normalerweise verzehrfertig serviert bekommt. Diese hervorragend konstruierte Produktion ist eigenartigerweise kein großer Begriff im Dunstkreis hochwertiger deutscher Produktionen mit Brettern, die die Welt bedeuten. Außerdem über doppeltem Boden verfügen, kann aber nach so vielen Jahren immer noch überzeugen, da die Themen im Grunde genommen die Gleichen geblieben sein dürften. So bleibt ein überaus gründlich aufgerollter und dennoch dynamischer Film, der das gemeine Publikum vielleicht weniger belehren will, sondern zu Demut aufrufen möchte. Versehen mit einer Vielzahl bekannter Schauspieler in tragenden und Kleinstrollen, kann das teils unbarmherzige Schicksal innerhalb der Münchner Schauspielschule seinen Lauf nehmen und aufweisen, dass in diesem Business ganz eigene, wohl unumstößliche Gesetze hat, die jeder Neue gerne umkrempeln würde, sich aber schon bald über den Geschmack von Granit wundern dürfte. Sehenswert.

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Prisma
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● DER WÜRGER VON SCHLOSS BLACKMOOR (D|1963)
mit Karin Dor, Harry Riebauer, Rudolf Fernau, Hans Nielsen, Dieter Eppler, Richard Häussler, Hans Reiser,
Gerhard Hartig, Stephan Schwartz, Peter Nestler, Werner Schott sowie Ingmar Zeisberg und Walter Giller
eine Produktion der cCc Filmkunst | im Gloria Verleih
ein Film von Harald Reinl

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»Ich kann jeder sein!«


Auf einem Empfang auf Schloss Blackmoor gibt Lucius Clark (Rudolf Fernau) bekannt, dass er in den Adelsstand erhoben werden soll. Noch während der Feierlichkeiten wird ein Mord von einer dunklen Gestalt verübt, die wenig später auch Clark bedroht. Inspektor Mitchell (Harry Riebauer) von Scotland Yard nimmt die Ermittlungen auf, stößt dabei jedoch kaum auf brauchbare Aussagen und hohe Widerstände. Die Spur führt schließlich in ein berüchtigtes Nachtlokal, dessen Besitzer Tavish (Hans Nielsen) noch eine Rechnung mit Clark offen hat. Es geht um wertvolle Rohdiamanten, die von Blackmoor nach London gebracht werden sollen, doch jeder Kurier fällt dem Würger zum Opfer …

Produzent Artur Brauner als ewige Konkurrenz zu bezeichnen trifft sicherlich nicht den Kern der Sache, immerhin konnte er sich innerhalb dieses vermeintlichen Modus zu Höchstleistungen motivieren, was sich spätestens bei diesem zweiten Film unter der Marke Bryan Edgar Wallace zeigt. Brauner einigte sich mit dem englischen Kriminalschriftsteller und Drehbuchautor auf die Verwendung einiger seiner Geschichten, wobei man bei manchen durch und durch erdachten Storys nur noch den Markennamen benutzte. Die Reihe konnte sich als ernsthafte Konkurrenz zur von der Rialto Film vermarkteten Edgar Wallace-Reihe etablieren und brachte über die Jahre richtige Klassiker hervor, zu denen definitiv Harald Reinls "Der Würger von Schloss Blackmoor" gehört. Will man einen Grusel-Krimi der 60er-Jahre nennen, der über eine exzellente Atmosphäre verfügt, dann muss diese Produktion in den Ring geworfen werden, deren düstere Note sich von Anfang bis Ende entfalten kann. Eine maskierte Gestalt rennt durch die weitläufigen Parks von Schloss Blackmoor, begeht den ersten, offenbar wahllosen Mord an einem unschuldigen Mann, der sich trotz stattlicher Konstitution nicht gegen die Mordlust des Angreifers wehren kann. Anschließend wird Lucuis Clark höchstpersönlich aufgesucht, der offenbar eine Verbindung zu dem maskierten Mörder zu haben scheint. Schnell stellt sich heraus, dass es um entwendete Blutdiamanten geht, die wie ein Fluch auf dem weiteren Schicksal des neuen Schlossherrn lasten, der sich dort übrigens nur eingemietet hat, immerhin soll der lange im Dienst der Krone stehende Clark schon bald in den Adelsstand erhoben werden. Ob es noch dazu kommt, wird Harald Reinl in besonders anschaulicher Manier klären, der sich auf die Bildgewalt des Verlaufs und die Spiellaunen der Interpreten verlässt. Im Angebot stehen die unterschiedlichsten Charaktere, Repräsentanten beider Seiten zwischen Gut und Böse und der unscheinbaren Mitte.

Sehr interessant ist hier, dass Harry Riebauer in der männlichen Hauptrolle zu sehen ist, der sich in dieser Beziehung und für weitere filme allerdings nicht durchsetzen konnte. Als fester Bestandteil in der deutschen Krimi-Landschaft sollte er fortan nur noch (wichtige) Nebenrollen einnehmen. Als Inspektor Mitchell macht der mit stoischer Ruhe ausgestattete Mime eine solide Figur und steht großen Vorbildern eigentlich in nichts nach. Dabei scheint er sich völlig im Klaren darüber zu sein, dass er sich in tödliche Gefahren begibt und beweist eine gute Spürnase bei seinen unprätentiösen Ermittlungen. Die überaus attraktive Karin Dor scheint in seiner Nähe zunächst etwas abweisend beziehungsweise kratzbürstig zu sein, immerhin entstehen Interessenkonflikte zwischen Scotland Yard und Presse, aber im Grunde genommen zieht man doch an einem Strang. Spätestens als sich Claridge sich erstmals an seine Schultern anlehnen kann, ist es um sie geschehen, zumindest sieht es die damalige Krimi-Charta eindeutig so vor. Einerseits wirkt Claridge Dorsett selbstbewusst im Beruf und unerschrocken auf Abwegen und in zweifelhaften Etablissements, andererseits erscheint sie aber auch wie der Prototyp des zu beschützenden Opfers zu sein - eine Hybrid-Funktion, mit der sich im Kriminalfilm sehr viel anfangen lässt. Karin Dors Kaliber deutet jedenfalls der Vorspann an, den sie führt die Titel-Credits noch vor ihrem männlichen Kollegen an, was für die damalige Zeit nicht ausgeschlossen aber ungewöhnlich war. Betrachtet man die weiteren Darsteller, so bleiben keine Wünsche offen. Besonders hervorzuheben ist sicherlich Rudolf Fernau in einer seiner prägnantesten Rollen im Krimi der 60er-Jahre und es ist als Glück zu bezeichnen, dass es bei Artur Brauner immer wieder zu Engagements kam. Der aus München gebürtige Interpret stattet seine Szenen und die Basis dieser Kriminalgeschichte mit einer auffälligen Kälte und im Grunde genommen Skrupellosigkeit aus, die indirekt noch mehrere Opfer fordern wird.

Aber das hochqualifizierte Schauspiel ruft selbst bei den kriminellsten Vertretern dieser Geschichte Sympathien hervor. Die Regie lässt sich bei der Täterfindung ungern in die Karten schauen, sodass es ein unübersichtliches Angebot an Verdächtigen gibt, wer sich hinter der Maske des Würgers verbergen könnten. Ob Hans Nielsen, Richard Häussler, Dieter Eppler, Hans Reiser oder sogar Walter Giller - dem einen traut man mehr zu, de anderen weniger. Gillers Interaktion mit dem jungen Stephan Schwartz ersparen ausgewiesene und berüchtigte Clowns der einschlägigen Krimi-Landschaft, können somit weitgehend überzeugen, was auch für die zweite signifikante Dame dieses Geschehens gilt: Ingmar Zeisberg, die auch eine beachtenswerte Karriere im Genre hinlegen sollte. Als verruchte und gleichzeitig verführerische Bardame kann sie für Aufsehen sorgen und den Rätselfaktor befeuern. Wie erwähnt lebt der Film von einer außergewöhnlichen atmosphärischen Dichte und der bemerkenswert-experimentellen Musik von Oskar Sala, der es schafft, dass der Zuschauer das Moor atmen und Diamanten funkeln hören kann. Harald Reinl spart auch nicht an Action und Tempo, außerdem kommt es zu ungewöhnlichen Veranschaulichungen im Rahmen von Brutalität und Sadismus, aber Rache schmeckt dem Vernehmen nach eben kalt am besten. Des Weiteren ist die exzellente Dialogarbeit hervorzuheben, die sich stets auf gehobenem Niveau bewegt. Ein dunkles Gemäuer, verfallene Katakomben, ein Nachtlokal, in dem mehrere 100 Jahre Zuchthaus zusammenkommen, der weitläufige bis unüberschaubare Park und öffentliche Plätze, die keinerlei Sicherheit vor den unerbittlichen Mörderhänden bieten, stellen das Kaleidoskop des Schreckens dar, das diesen Film so besonders und zeitlos macht. "Der Würger von Schloss Blackmoor" legt die Messlatte nach einem relativ konventionellen und handelsüblichen Vorgängerfilm für die weitere Konkurrenz ziemlich hoch an, und zählt sicherlich zu den absoluten Highlights der Reihe.

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Prisma
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George Nader

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● DER TOD IM ROTEN JAGUAR / LA MORTE IN JAGUAR ROSSA (D|I|1968)
mit Daniela Surina, Grit Boettcher, Kurt Jaggberg, Herbert Stass, Giuliano Raffaelli, Carl Lange, Ilse Steppat, Gert Haucke, Harry Riebauer, Robert Fuller,
Friedrich Schütter, Suzann Hsiao, Karin Schröder, Hans Epskamp, Britt Lindberg, Frank Nossack, Charles Wakefield, Doris Steinmüller sowie Heinz Weiss
eine Constantin Produktion der Allianz Film | Cinematografica Associati | im Constantin Filmverleih
ein Film von Harald Reinl

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»Hier sind Abhörgeräte versteckt!«


Das FBI sieht sich mit einer neuen Form des organisierten Verbrechens konfrontiert. Es handelt sich um bezahlte Auftragsmorde, die sich mittlerweile durch die ganzen USA ziehen. Spätestens nach dem Mord an Ann Gordon (Karin Schröder) und ihrer kleinen Tochter Jane (Manuela Schmitz) ist klar, dass man es mit einer äußerst skrupellosen Organisation zu tun hat. Der Hauptverdächtige ist mit Mrs. Gordons eigenem Mann Francis (Giuliano Raffaelli) schnell gefunden, doch er hat ein wasserdichtes Alibi. Jerry Cotton (George Nader) wird auf den Fall angesetzt und er versucht zu beweisen, dass es sich hierbei um einen bestellten Mord handelte. Zusammen mit dem Privatdetektiv Sam Parker (Herbert Stass) ermittelt er in einem weiteren Mordfall, der ähnlich erscheint, denn der Buchhalter des Geschäftsmannes Carp (Kurt Jaggberg) kam auf dieselbe mysteriöse Art und Weise um, doch es gibt erneut ein Alibi. Was noch niemand weiß: Carps eigene Frau Linda (Grit Boettcher) steht als nächste auf der Abschussliste. Nach gefährlichen Ermittlungen und weiteren Morden führt die Spur schließlich zu dem bekannten Nervenarzt Dr. Saunders (Carl Lange), bei dem sich Abgründe auftun …

Unter der Leitung des Krimi-Spezialisten Harald Reinl entstand mit "Der Tod im roten Jaguar" einer der wohl ausgefeiltesten Cotton-Verfilmungen, und auch sein Nachfolger "Todesschüsse am Broadway" lässt sich problemlos in dieser Kategorie wiederfinden. Überhaupt ist anzumerken, dass die Reihe mit jedem Film interessanter wurde. Fall N°7 ist vielleicht der unterhaltsamste Teil im Rahmen der langjährigen Ermittlungen geworden, außerdem bekommt man hier eine unglaublich gute Besetzung quasi eiskalt serviert. Man schaut sich den Vorspann an, und die prominenten Namen mögen einfach kein Ende nehmen. In diesem Zusammenhang hat sich die fortlaufende Serie tatsächlich stark verbessert, auch Spannung, leichter Thrill und Action wurden glücklicherweise wieder größer geschrieben. Es ist zu bemerken, dass Harald Reinl die Produktion absolut im Griff hatte und das FBI-Märchen somit durchgehend gut anzupacken wusste. Gleich zu Beginn wird man mit einem ordentlichen Tempo konfrontiert, das charakteristisch für die Geschichte sein wird. Besonders gut kommt zudem der recht überraschend wirkende Whodunit-Effekt zum Tragen. Um das Publikum letztlich für mögliche Fortsetzungen zu interessieren, setzte man auf eine härtere Gangart, was im Rahmen bestimmter Morde in dieser Story zu wahrhaftigen Schockmomenten führt, da Protagonisten, Sympathieträger und vollkommen Unbeteiligte über die Klinge springen müssen. Aber Jerry Cotton hat es eben mit einem sehr schmutzigen Geschäft zu tun. Inhaltlich dieses Mal mit Auftragsmorden angereichert, präsentiert sich die Geschichte ziemlich abwechslungsreich, was nicht zuletzt auf mehrere, ziemlich eigenartige Charaktere zurückzuführen ist. Auch dass bei vielen bekannten Darstellern, die sich hier wirklich die Klinke in die Hand geben, die Auftrittsdauer sehr kurz bemessen ist, sorgt für Abwechslung und ein straffes Tempo. Der Aufbau des Films ist bis ins Detail gut durchdacht und klar, wenn man auch über gewisse Wahrscheinlichkeiten erst gar nicht zu diskutieren braucht.

Wie gut diesem Film der italienische Einschlag generell tut, kann insbesondere aus der Besetzungsliste herausgefiltert werden, denn die Erweiterungen sind mehr als erfreulich. Mit George Nader als Jerry Cotton ist eine schon längst absolut sichere Bank zu sehen, und er wirkt gewohnt souverän. Dass er der Titelfigur seit Beginn der Serie seinen unverwechselbaren Stempel aufdrücken konnte, schlägt auch hier voll durch, denn die Mischung aus Agilität, Routine und Schlagfertigkeit weiß erneut zu gefallen. Leider kann das von seinem Filmkollegen Heinz Weiss nicht prinzipiell behauptet werden, der sich immer mehr als Stichwortgeber und Nebenfigur herauskristallisiert. Insgesamt ist die Besetzung aber mehr als ausgewogen und für die Begriffe eines deutschen Krimis richtig spektakulär. Besonders auf der Verbrecher-Seite werden hervorragende Akzente gesetzt, die von Giuliano Raffaelli, Carl Lange oder Kurt Jaggberg blendend dargestellt werden, was auf der Seite der Opfer ebenso der Fall ist. Grit Boettcher als bedrohte Ehefrau war bis dato beispielsweise selten so schwungvoll und überzeugend zu sehen, auch die kleineren Darbietungen wie von Ilse Steppat, Karin Schröder oder Britt Lindberg bleiben im Gedächtnis. Was in der Frühphase der persönlichen Cotton-Eindrücke immer als großer Nachteil angesehen wurde, erfuhr mit den Jahren einen kompletten Sinneswandel: die Tatsache der eigentümlichen Einsätze bei den weiblichen Hauptrollen, die heute kleine Offenbarungen darstellen. Keine ganz großen, oder sogar recht kleine Namen, sollten erst gar nicht in die Versuchung kommen, die Aufmerksamkeit von Jerry Cotton himself abzulenken. Beim genauen Hinsehen tun sie dies aber trotzdem. Es ist als großes Glück zu bezeichnen, dass man hier Daniela Surina in einer ihrer größeren Rollen sowie seltenen Auftritte zu Gesicht bekommt, und sie stellt neben Heidy Bohlen das bemerkenswerteste Cotton-Girl dar. Die Liste der hier beteiligten Stars ist so üppig, dass nicht auf jeden gesondert einzugehen ist, aber Gert Haucke als Auftragskiller darf definitiv nicht unterschlagen werden. Er wirkt beängstigend, nicht etwa, weil er klassisch-brutal dargestellt wird, sondern weil er einfach nur einen riesengroßen Knall hat, den er frappant echt und überzeugend darzustellen weiß.

Die beste Besetzung in der langjährigen Cotton-Reihe stellt somit auch beinahe schon die halbe Miete dar, außerdem liegt es auf der Hand, dass Regisseur Harald Reinl die hochwertigsten Beiträge abliefern konnte, weil er den Stoff am besten zu interpretieren und mit Stringenz auszustatten wusste. In den Bereichen Action, Spannungsaufbau und Dynamik stellt er unterm Strich das Gütesiegel der Reihe dar und erfreulicherweise kam hier auch der Rätselfaktor nicht zu kurz. "Der Tod im roten Jaguar" transportiert eine unverwechselbare Atmosphäre und präsentiert gelungene Aufnahmen, auch die Charakterdarstellungen erscheinen hier noch eine Spur mehr ausgefeilt zu sein, als es andernorts der Fall war, da vielleicht ohnehin nie der große Fokus auf einer besonders dichten Darstellung gelegen hat. Die Musik von Peter Thomas erschien in den Anfängen vielleicht noch sensationell zu sein, doch nach der Unterlegung in diversen anderen Teilen hat sie sich aufgrund der Uniformität leider etwas überholt. Die große Stärke dieses siebten Teils der Reihe liegt definitiv in ihrem glasklaren Aufbau. Das Geschehen rund um die Organisation, die Auftragsmorde anbietet, um ihren Klienten wasserdichte Alibis zu verschaffen, ist durchgehend überzeugend und interessant genug dargestellt, um fesseln zu können. Erstaunlich ist die geschilderte Rücksichtslosigkeit beziehungsweise die auftauchende Brutalität, da beispielsweise auch vor der Liquidierung eines kleinen Mädchens nicht zurückgeschreckt wird. Nicht minder interessant erscheint es dabei, wie der Film im Verlauf um Erklärungen bemüht ist, wie es möglich sein könne, Menschen zu Mördern werden zu lassen. Jene Erläuterungen, für die kein geringerer Experte als Carl Lange als Nervenarzt Dr. Saunders zur Verfügung steht, sind selbstverständlich schön krude und schließlich unwahrscheinlich, aber es entsteht ein nicht zu verachtender Spaß-Faktor, der sich wie ein roter Jaguar durch den kompletten Film zieht. Harald Reinl macht es hier, und sogar noch einen Film später vor, wie man sie bearbeiten muss, damit eine Serie nicht nur interessant und abwechslungsreich bleibt, sondern auch mit neuen Impulsen angereichert wird. Schwer unterhaltsam!

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Prisma
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HIMMELFAHRTSKOMMANDO EL ALAMEIN


● COMMANDOS / HIMMELFAHRTSKOMMANDO EL ALAMEIN / MIT EICHENLAUB UND SCHWERTERN (I|D|1968)
mit Lee Van Cleef, Götz George, Joachim Fuchsberger, Jack Kelly, Pier Paolo Capponi, Heinz Reincke, Otto Stern,
Marino Masè, Helmut Schmid, Giampiero Albertini, Duilio del Prete, Ivano Staccioli, Lorenzo Piani und Marilù Tolo
eine Produktion der PIC | G.G.I. SpA | cCc Filmkunst | im Verleih der Columbia
ein Film von Armando Crispino

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»An der Front hatten wir erheblich mehr Ruhe als hier!«


Nordafrika gegen Ende des Jahres 1942. Deutsche Truppen sind unter Befehl von Generalfeldmarschall Rommel auf dem Vormarsch in Richtung Ägypten. Den US-Amerikanern Sergeant Sullivan (Lee Van Cleef) und Captain Valli (Jack Kelly) gelingt es mit ihren Leuten, das strategisch wichtige Lager in El Alamein in ihre Gewalt zu bringen. Um unerkannt zu bleiben, müssen sie einige Tage lang in italienischen Uniformen auf Verstärkung warten. Das Lager entwickelt sich zum Pulverfass, dessen Lunte bereits gezündet ist, zumal die deutschen Soldaten rund um Oberleutnant Heitzel (Joachim Fuchsberger) bereits eingetroffen sind. Wird sich die wacklige Tarnung aufrechterhalten lassen?

Die Karriere des italienischen Regisseurs Armando Crispino erstreckt sich leider nur über einen kurzen Zeitraum von gerade einmal weniger als zehn Jahren, in dem lediglich acht Spielfilme unter seiner Leitung entstanden, von denen heute nur noch wenige in Erinnerung geblieben sind. Crispino war unter anderem auch als Drehbuchautor tätig und diesbezüglich werden ihm häufig Unstimmigkeiten bezüglich der Kohärenz bescheinigt, was ebenso für manche Filme gilt, bei denen er als Regisseur tätig war. Vielleicht tut man dem Italiener Unrecht, wenn vorschnell mangelnde Routine oder Unerfahrenheit unterstellt wird, denn manche seiner Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen, da diese bei gerne angewandter, teils offensiver Härte und Brutalität auch Doppelbödigkeit in Genres anbieten, in denen solche Voraussetzungen weniger gefragt waren. Als eines der prominentesten Beispiele ist in diesem Zusammenhang sicherlich der in der Bundesrepublik unter dem Banner Bryan Edgar Wallace vermarktete Giallo "Das Geheimnis des gelben Grabes" zu nennen, der mehr offeriert, als ihm attestiert wird. Dies gilt bestimmt auch für seinen Kriegsfilm "Himmelfahrtskommando El Alamein", der erneut mit deutscher Beteiligung und internationalem Star-Aufgebot entstanden ist. Crispino geht auch in dieser 1968 entstandenen Produktion mit bewährter Handschrift vor, denn er verliert ungern Zeit, was der dramaturgischen Schärfe vielleicht vielerorts ein Dorn im Auge sein will. Im Gegensatz zu einer Originalfassung von 112 Minuten, kam der Film in der Bundesrepublik in einer um 24 Minuten gekürzten Fassung in die Kinos, was im Endeffekt für das Tempo, die Brisanz und fehlenden Atempausen sorgen wird, die die Geschichte nötig hat. Kriegsschauplätze werden von ausgehebelten Gesetzen beherrscht und es scheint, als existierten in der ägyptischen, von Schauplätzen auf Sardinien simulierten Wüste überhaupt keine Werte mehr, die die Zivilisation mühsam aufgebaut hatte.

Zu erkennen sind nur noch feindliche Lager und aus Strategie geschmiedete Allianzen, die bei jeder Gelegenheit dazu gemacht sein könnten, in Stücke zu zerfallen. Das Publikum darf sich unter Armando Crispinos drastischer, aber gleichzeitig hochwertiger Bebilderung auf schwere Gefechte und brutale Phasen gefasst machen, in denen er sich nicht scheut, Schockmomente zu konstruieren, um sie anschließend genüsslich auszureizen. Im Grunde genommen rückt die recht simple Geschichte zugunsten von Spektakel und Massakern schnell in den Hintergrund, und beinahe ist einem so, als bleibe nichts als Kugel- und Bombenhagel, Tod, Gemetzel und Verderben in der Erinnerung zurück. So einfach macht es sich dieser möglicherweise unterschätzte Beitrag allerdings nicht, denn lose Skizzen einzelner Schicksale deuten persönliche Niederlagen an. Interessant bei dieser brisanten Produktion bleibt schließlich, dass die Sinnlosigkeit derartiger Manöver und des Krieges im Allgemeinen unverschlüsselt an den Pranger gestellt werden - natürlich unter strikter Berücksichtigung des Publikumsinteresses, das bei solchen Veranstaltungen wohl nicht primär auf tiefschürfende Dramatik und entwaffnende Dialoge aus sein dürfte. Angesichts der gewählten Marschrichtung ist der Regie ein effektiver Mittelweg zwischen strapaziöser Unterhaltung und ein paar subtilen Elementen gelungen, wobei Letzteres beinahe im Rahmen von Kugelfeuer, Explosionen und Todesschreien untergeht. Der wohl interessanteste Kniff besteht allerdings in der Tatsache, dass sich nach dem bitteren Ende zeigen wird, dass es sich um kein im Vorfeld auf bestimmte Nationen beziehungsweise Personen zugeschnittenes, glorifizierendes Helden-Epos handelt, sondern sich nachhaltig um eine überaus destruktive Balance bemüht, die unterm Strich am meisten beeindruckt oder schockiert. Effektive Schützenhilfe hierbei leistet das internationale Star-Aufgebot, das mit denkwürdigen Leistungen aufrüstet.

Allen voran steht zweifellos Western-Ikone Lee Van Cleef als getrieben und bedenklich unemotional wirkender Sergeant Sullivan, der vor seiner blutigen Vergangenheit gezeichnet ist und flüchtet, diese aber stets zu Überholmanövern ansetzt, da sie ihn physisch und psychisch zu Grunde gerichtet hat. Zur Schau gestellt als Haupt-Aggressor der Geschichte, wirkt es geradezu so, dass er das Fass jederzeit zum Überlaufen bringen könnte, was für eine unangenehme Spannung sorgt. Als Antagonist in den eigenen Reihen ist sein US-amerikanischer Kollege Jack Kelly zu sehen, der vergleichsweise zu weich und bedacht wirkt, um neben Sullivan bestehen zu können, obwohl dieser nicht das Privileg des Oberbefehls in der abgesandten Truppe genießt. Für Zündstoff ist also genügend gesorgt und wenn es schon intern zu eskalieren droht, stellt sich die berechtigte Frage wie es letztlich aussehen mag, wenn der tatsächliche Feind direkt vor den Soldaten steht. Diese Hochspannung definiert sich über den Verlauf gesehen als Leitmotiv und ist ausschließlich dazu gemacht, um in den entscheidenden Phasen hochzukochen. Gerne gesehene Darsteller repräsentieren die jeweiligen Truppen verschiedener Herkunftsländer und hier ist vor allem die ausgiebige Ansammlung deutscher Top-Interpreten zu nennen, die der Anforderung nach ein- bis zweidimensional denken und agieren. Es ist erstaunlich, wie frappierend echt die Darstellungen von Götz George oder Helmut Schmid in Sachen Ideologie oder Aggressivität wirken, wenngleich auch hier deutliche Gegenentwürfe von Joachim Fuchsberger oder Heinz Reincke angeboten werden, die sich im Endeffekt gegen die Eintönigkeit stellen. Gleiches kann durchaus von ihren italienischen Kollegen gesagt werden, die ebenfalls angemessene Zeichnungen durch Interpreten wie Pier Paolo Capponi oder Marino Masè erfahren. So wurde im schauspielerischen Bereich nichts dem Zufall überlassen, der am Kriegsschauplatz naturgemäß von Männern geformt wird.

In diesem Sinn ist zwischen all der nach Tod riechenden Luft und dem mit Blut getränkten Sand nur eine einzige Frauenrolle zu finden, die ausschließlich zur Verlustierung der Soldaten dient. Die italienische Interpretin Marilù Tolo als Adriana bringt es lediglich auf ein paar unscheinbare und wenig geschmackvoll arrangierte Szenen, in denen ausschließlich ihr Dasein als Objekt dokumentiert wird, doch unter Crispino wird es auch diesbezüglich keine Kehrtwende oder gar ein versöhnliches Ende geben, da so viele harte Schocks wie nur möglich gesetzt werden sollen. Die Simulation der Kriegsschauplätze ist gelungen und aufwändig inszeniert, genau wie die Simulation dieses vollkommen trostlosen und gottverlassen wirkenden Fleckchens Erde. Zahlreiche pyrotechnische Akzente und durchschlagende Bilder der Qual wollen das Verderben hautnah schildern und in diesem Zusammenhang ist nicht zu leugnen, dass die Regie eine nicht nur beunruhigende, sondern phasenweise sehr erschreckende Atmosphäre erschaffen konnte, dass ihre eigentliche Intention nicht schuldig bleibt. "Himmelfahrtskommando El Alamein" möchte anscheinend genau der deprimierende Film über die schlimmste, künstlich am Leben gehaltene und niemals enden wollende Geißel der Menschheit sein, die er ist. Ohne Lichtblicke und Hoffnung fortfahrend, ist daher so gut wie vorbestimmt, dass sich der Verlauf nach und nach selbst exekutiert und sich kaum an Sympathieträgern - geschweige denn Überlebenden - interessiert zeigt. Unterm Strich bleibt vielleicht nur einer von zahllosen Kriegsfilmen, die möglicherweise mehr unterhalten als aufklären möchten, der aber vergleichsweise auch ebenso wie sein Regisseur unterschätzt wird. "Himmelfahrtskommando El Alamein" lässt sich bei Interesse an der Thematik sehr gut anschauen, außerdem kommen Anhänger der insbesondere deutschen Darsteller in den Genuss ungewöhnlicher Interpretationen, die nicht alle Tage abgerufen werden mussten. Ein Film, der trotz seiner reißerischen Seele das Potenzial besitzt, nachdenklich zu stimmen.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Horst Buchholz

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● DAS TOTENSCHIFF (D|MEX|1959)
mit Mario Adorf, Helmut Schmid, Alf Marholm, Werner Buttler, Dieter von Keil, Panos Papadopulos, Günter Meisner,
Marielouise Nagel, Claudia Gerstäcker, Albert Bessler, Karl Lieffen, Alfred Balthoff, Edgar O. Faiss und Elke Sommer
eine Produktion der UFA | Producciones José Kohn | im UFA-Filmverleih
ein Film von Georg Tressler

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»Sie sind doch sicher glücklich hier an Bord der Yorikke Dienst zu tun!«


Der amerikanische Seemann Philip Gale (Horst Buchholz) geht in Antwerpen an Land. Um die harte Arbeit für kurze Zeit vergessen zu können, zieht es ihn in das Amüsierviertel der Stadt. Er lernt ein leichtes Mädchen (Marielouise Nagel) kennen und verbringt die Nacht mit ihr. Am nächsten Tag stellt er fest, dass ihm sein Geld gestohlen wurde, doch viel schlimmer ist, dass auch seine Papiere verschwunden sind. Außerdem ist sein Schiff bereits vor dem abgemachten Termin ausgelaufen. Ohne seine Seemannspapiere ist es ihm unmöglich, an eine Heuer zu kommen, und er wird von der belgischen Polizei abgeschoben. Philip muss irgendwie nach Marseille kommen, weil man dort auch ohne Legitimation eine Arbeit bekommen könne. An seinem französischen Ziel angekommen, findet er zu seinem Glück tatsächlich eine Heuer als Trimmer auf einem Schiff. Die "Yorikke" entpuppt sich jedoch als erschreckend heruntergekommener Frachter, auf dem die Arbeitsbedingungen nicht nur knochenhart, sondern auch unmenschlich sind. Er freundet sich mit dem Kohlenschlepper Lawski (Mario Adorf) an, der ihm die unglaubliche Wahrheit über die "Yorikke" anvertraut …

Regisseur Georg Tressler arbeitete hier nach "Die Halbstarken" und "Endstation Liebe" bereits zum dritten Mal mit seinem Star Horst Buchholz zusammen, den er als modernen und unkomplizierten Schauspieler bezeichnete. Diese deutsch-mexikanische Co-Produktion der Ufa wurde ebenfalls zum großen Erfolg und beeindruckt in ihrer realistischen und ungeschönten Umsetzung und in der tragischen Darstellung von Einzelschicksalen. Der Film ist in allen Belangen als Meisterleistung zu bezeichnen und wirkt auch nach über sechzig Jahren kein bisschen angestaubt. Es werden Ängste angesprochen, die jeden plagen könnten: Plötzlich und ohne eigenes Verschulden in einem Alptraum zu landen, sich bei zwei Entscheidungsmöglichkeiten für die fatalste Variante zu entscheiden, jemandem komplett ausgeliefert zu sein und aus der Situation nicht mehr herauszukommen, oder komplett ohne Identität zu sein. Hauptdarsteller Horst Buchholz ist hier nur innerhalb dieser mitreißenden Geschichte auf einem falschen Dampfer, und ansonsten ist zu sagen, dass man mit dem charismatischen Schauspieler hier die allererste Wahl getroffen hat. Er spielt unkonventionell und dynamisch, es schimmern immer wieder Kostproben seines Humors durch, der sich im weiteren Verlauf in Galgenhumor verwandeln wird. Er wirkt im Film jeder Anforderung und jeder Situation gewachsen, sein breites Repertoire und seine natürliche, sympathische Erscheinung lassen das Publikum in jeder Minute mitfiebern. Mario Adorf, der schon alleine durch seine markante Erscheinung wirkt, als sei er unverzichtbares Inventar dieser Andeutung eines Schiffes, steht ihm in nichts nach. Er lockt Philip unter Vorspiegelung falscher Tatsachen auf die "Yorikke", um es mit seiner Hilfe bei der eigenen Arbeit leichter zu haben. Aus der anfänglichen Antipathie entsteht schließlich eine Freundschaft, die die unsäglichen Umstände halbwegs erträglich werden lassen. Helmut Schmid spielt die Rolle des wenig umgänglichen Heizers Martin, unter dessen Aggressionen sein Umfeld stark zu leiden hat.

Er wird einige Male mit Philip aneinander geraten, sodass ein Kampf zwischen mentaler und körperlicher Überlegenheit entsteht. Ebenfalls hervorragend wirkt Alf Marholm, als Kapitän des Totenschiffs. Er vereint Skrupellosigkeit und Zynismus in einer ganz bitteren Mischung und wirkt genau wie Werner Buttler, der hier als seine rechte Hand fungiert, abstoßend und widerwärtig. Die darstellerischen Leistungen bewegen sich bis in die Nebenrollen hinein auf überdurchschnittlichem Niveau. Bevor der Kampf ums nackte Überleben losgeht, strahlt Elke Sommer als letzter Hoffnungsschimmer für den Seemann Philip auf. Er trifft sie per Zufall, und Mylène wird das einzige Mädchen in seiner wohl langen Liste sein, an die er mit aufrichtigem Gefühl zurückdenken wird. Elke Sommer wirkt hier wie der Prototyp einer Mischung aus Versuchung und Unschuld. Dementsprechend verhält sie sich scheu und zurückhaltend. Die schöne Blondine ist kein leichtfertiges Mädchen und träumt einerseits von einer gemeinsamen, bürgerlichen Zukunft. Andererseits hat sie durch ihre offene Art etwas indirekt Aufforderndes an sich, von ihrer klassischen Schönheit ganz zu schweigen. Elke Sommer sieht man rund zehn Minuten, ziemlich am Anfang der Geschichte, und ihrer kleinen Rolle kann sogar eine gewisse Tragweite zugesprochen werden, da nicht nur Philip noch mehrmals an sie denken wird. Mit ihr bekommt die Hoffnung eines ihrer schönsten Gesichter, doch es wird eine andere Dame in das Leben von Philip treten: die "Yorikke". So spielt dieses schrottreife verkommene und kurz vor dem Kollaps stehende Schiff eine weitere Hauptrolle im Film, die hervorragend in Szene gesetzt ist. Als sie zum ersten Mal auftaucht, herrscht Stille bei der Besatzung. Die Musik versetzt hierbei einen großen Paukenschlag. Die ersten Bilder im Profil und an Deck lassen es einem beinahe die Sprache verschlagen und man zweifelt sofort an der Seetüchtigkeit dieses Frachters. Alles ist verdreckt, heruntergekommen und trostlos; erstaunt beobachtet man nur einen riesigen Haufen Schrott.

Das Raffinierte bei der Umsetzung ist, dass nicht das Unheil naht, wie es der Volksmund gerne sagt, sondern dass die Besatzung dem Unheil hinterherläuft. Besorgte und resignierte Mienen veranschaulichen, dass die Beteiligten es mit einer ausweglosen Situation zu tun haben. Dieses Schiff beherbergt ein Sammelsurium von Gestalten, die entweder einiges auf dem Kerbholz haben, oder die vor dem Schicksal davon laufen möchten. Die Besatzung besteht somit bereits aus Toten, im sozialen, gesellschaftlichen oder sogar moralischen Sinn. Das mutmaßliche Schiff wirkt wie ein Fluch und schwebt selbst an Land wie ein Schatten über der Crew. Eine Einstellung zeigt Horst Buchholz und Mario Adorf bei einer Unterhaltung: Man sieht das wunderschöne Panorama der Stadt, in der sie angelegt haben, und in der Ferne sieht man die "Yorikke" in ihrer Silhouette, die wie eine gierige Schwarze Witwe lauert. Bemerkenswert an dieser Produktion ist, neben der kompetenten und eindringlichen Umsetzung, dass die gesellschaftskritischen Untertöne genau wie die Anprangerung eines kalten Kapitalismus auch heute noch brandaktuell sind, und wohl immer bleiben werden. Natürlich ist das hier gebotene Zeitfenster ausschlaggebend, aber man könnte die "Yorikke" im übertragenen Sinne heute mit diversen anderen Missständen vergleichen. Für damalige Verhältnisse ist außerdem das Aufzeigen oder Andeuten gewisser "Milieustudien" verhältnismäßig offen gewesen, denn der Film zeigt sich unmissverständlich und vor allem direkt. "Das Totenschiff" verfügt über einen sehr spannenden und in seinen brisantesten Phasen schockierenden Verlauf, präsentiert insbesondere im letzten Drittel spektakuläre Szenen und extravagante Kamerafahrten. Die Musik von Roland Kovac erweist sich stets als hervorragendes Stilmittel, welches ebenso sinnlich, als auch aufwühlend präsentiert wird. Georg Tressler inszenierte nach der Romanvorlage von B. Traven einen herausragenden Spielfilm, der mit seiner sparsamen Ausnutzung von Effekten nicht nur durchweg überzeugend ausgefallen ist, sondern im Nachgang auch zu denken gibt. Ein herausragender Film.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● …4 …3 …2 …1 …MORTE / ÓRBITA MORTAL / PERRY RHODAN - SOS AUS DEM WELTALL / KAMPF DER PLANETEN (I|E|D|1967)
mit Lang Jeffries, Essy Persson, Ann Smyrner, Joachim Hansen, Luis Dávila, Daniel Martín, John Karlsen, Hermann Nehlsen, John Bartha,
Lisa Halvorsen, Tom Felleghy, Gino Marturano, Gianni Rizzo, Mirella Pamphili, Dakar, Alessandro Tedeschi, Bruno Ariè sowie Pinkas Braun
eine Produktion der PEA | Aitor Films | Tefi Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Primo Zeglio


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»Nicht ein Einziger der Leute darf überleben!«


Major Perry Rhodan (Lang Jeffries) wird mit seiner Crew auf eine geheime Weltraum-Mission zum Mond geschickt, da sich dort ein Metall befinden soll, das wertvoller als alle bekannten Vorkommnisse auf der Erde, außerdem ein wesentlich größeres Atomgewicht als Uran haben soll. Bei der Ankunft stößt man jedoch auf ein außerirdisches Raumschiff, welches wegen eines Defekts notlanden musste. Die Crew des Planeten Arkon, angeführt von der Kommandantin Thora (Essy Persson) und dem Wissenschaftler Crest (John Karlsen) demonstriert postwendend deren Überlegenheit, doch Crest ist gesundheitlich angeschlagen, da er an einer Blutkrankheit leidet. Um ihm helfen zu können, muss man zur Erde zurück, doch die Ankunft bleibt nicht unbemerkt …

Turbulente Science-Fiction-Märchen und farbenfrohe Weltraum-Räuberpistolen besitzen naturgemäß das Potenzial, ihre Anhängerschaft gezielt abzuholen, außerdem schnell auf die Zufriedenheitsseite zu ziehen, was bestimmt auch für "Perry Rhodan - SOS aus dem Weltall" gilt. Ohne diesen Film gesehen zu haben und angesichts des Rufes, der ihm vorauseilt, macht man sich im Grunde genommen auf eine der üblichen Billigproduktionen gefasst, die man sich in der losen Erwartung schlampig aneinandergereiht und ohne besondere Geschehnisse vorstellt. Glücklicherweise weist Primo Zeglios poppiger Genre-Beitrag unmittelbar auf seine Vorzüge hin und kann sogar mit technischer Finesse und überraschend gelungenen Tricks punkten, was bei einem Produktionsbudget von 2,4 Millionen D-Mark schließlich kein Wunder darstellt. Auf zahlreiche Intervalle bezogen, ist das Script sicherlich eine Art immer wieder verwendeter Dauerbrenner, allerdings müssen dem Publikum triftige Gründe geliefert werden, warum sich eine Crew in derartige unkalkulierbare Gefahren begibt. Zugunsten recht weltlicher Angelegenheiten rücken diese immer wieder in den Hintergrund, sodass eine interessante Frage aufkommt, die sich bei etlichen Geschichten stellt. Will dieser Film ernst genommen werden, oder möchte er einfach nur ein Vertreter der besonderen Unterhaltung sein? Dies zu beantworten, obliegt natürlich dem Zuschauer selbst, denn bei aller Überraschung, die in inszenatorischer Hinsicht wahrzunehmen ist, kann das Ganze auch schnell kippen und als langweilig oder eben doch im negativen Sinn als trashy identifiziert werden. Inmitten einer sehr gelungenen deutschen Synchronfassung, deren Riege der Sprecher (unter anderem mit Rainer Brandt, Herbert Stass, Gerd Matrienzen oder Joachim Nottke) ebenso prominent wirkt, wie die Besetzungsliste der Produktion selbst, bilden sich sehr extravagante visuelle Eindrücke ab, die die Aufmerksamkeit forcieren können. Was seinerzeit vielleicht modern wirkte, strahlt heute eher im Nimbus der Nostalgie, was sich jedoch als optimale Zutat erweist, wenn man den Film Jahrzehnte nach seiner Entstehung anschaut. Die Geschichte verfügt über eine wellenartige Spannung, die nicht immer auf höchstem Niveau wahrzunehmen ist, da sich die Regie mit einigen Plänkeleien in der Peripherie aufhält, um wohlgemerkt immer wieder zum angekündigten Punkt zu kommen.

Es ist anzunehmen, dass man mit diesem Genre-Beitrag besser fährt, wenn man vielleicht keinen der "Perry Rhodan"-Romane kennt, denn dem Vernehmen nach mutet die Inszenierung den treuen Fans dann doch zu viele Abweichungen zu. Für Anhänger prominenter Schauspieler internationaler Märkte wird hier jedoch einiges geboten und es ist beinahe von einem kleinen Fest zu sprechen. Als Perry Rhodan ist der Kanadier Lang Jeffries zu sehen, der auf europäischer Ebene längst kein unbeschriebenes Blatt mehr war. Hier wirkt es allerdings recht sonderbar, dass sich das volle Potenzial einer ausgewiesenen Titelrolle nicht entfalten kann und Jeffries dabei zu sehr neben anderen Kollegen in die Stratosphäre rückt, welche wesentlich exponierter in Erscheinung zu treten wissen. Hier ist vor allem die attraktive Schwedin Essy Persson zu nennen, die mit "Perry Rhodan - SOS aus dem Weltall" den Grundstein für eine leider nicht sehr lange andauernde, internationale Karriere legen konnte. Ihr Spiel wirkt im Korsett des Scripts erfrischend, gebieterisch und mit Klischees kokettierend, sodass man ihr gerne dabei zusieht, was sie intergalaktisch zu fabrizieren hat. Von vor allem in Deutschland bekannter Seite, welches mit 30 % der Produktionskosten beteiligt war, überzeugt vor allem der Schweizer Pinkas Braun, in einer für ihn obligatorischen und daher griffigen Rolle als Schurke, in der er vor allem von seiner auffälligen Präsenz und bedrohlichen Seite zehrt. Joachim Hansen, Hermann Nehlsen und Ann Smyrner wird nur eine geringfügige Beteiligung beziehungsweise Bedeutsamkeit am Geschehen zugebilligt, wenngleich sie von einigen europäischen Kollegen, wie etwa Gianni Rizzo, Luis Dávila oder Daniel Martín unter Schützenhilfe stehen. Am Ende ist es ein bisschen schade, dass die Mission zu schnell zurück auf die Erde verlegt wird, sodass man gemessen an der Titelankündigung nicht restlos zufriedengestellt wird. Insgesamt gesehen ist diese Produktion trotz ihrer Weltraum-Thematik ein klassisches Kind des Zeitrahmens geworden, da sich Inhalte verschiedener Genres vermischen und Schauspieler allseits bereit wirken, sich einfach in jede erdenkliche Rolle einzufinden, und sei es auf dem Mond. Schlussendlich bleibt Primo Zeglios Beitrag ein extravagantes Angebot, das einerseits vielleicht Lichtjahre von den Besten, andererseits ebenso weit entfernt von den ganz misslungenen Vertretern des europäischen Genre-Kinos ist. Wieso sollte dieser Flick also keinen Spaß machen?

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● DER TODESRÄCHER VON SOHO / EL MUERTO HACE LAS MALETAS (D|E|1972)
mit Horst Tappert, Fred Williams, Barbara Rütting, Elisa Montés, Beni Cardoso, Wolfgang Kieling, Rainer Basedow,
Luis Morris, Mara Laso, Eva Garden, Dan van Husen, Ángel Menéndez, Andrea Montchal und Siegfried Schürenberg
eine Produktion der cCc Filmkunst | Tele Cine | Fénix Films | im Constantin Filmverleih
ein Film von Jess Franco

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»Er mischt sich in Dinge, die ihn nichts angehen!«


Eine beunruhigende Mordserie hält London in Atem, denn ein Serienkiller geht stets nach dem gleichen Strickmuster vor, indem er seinen Opfern deren eigenen Tod ankündigt, indem er ihre Koffer packt. Sein Markenzeichen ist ein exotisches Wurfmesser, das er mit hoher Präzision bedient und bei jedem Todeskandidaten genau ins Herz trifft. Die Polizei steht vor einem Rätsel, da sich zwischen den Toten zunächst keine Verbindungen herstellen lassen und die Zusammenhänge fehlen. Inspektor Redford (Fred Williams) arbeitet sich in Kleinstarbeit durch den mysteriösen Londoner Nebel und gelangt langsam aber sicher zu wichtigen Erkenntnissen. Hinter der Mordserie scheint eine synthetische Droge namens Meskalin zu stehen, welche ihn zu dem undurchsichtigen Arzt Dr. Bladmore (Siegfried Schürenberg) führt. Hat dieser tatsächlich mit den Verbrechen zu tun, oder befindet sich Redford auf einer völlig falschen Fährte?

Im Jahr 1961 startete Artur Brauner eine eigene Kriminalserie, die unter dem Banner Bryan Edgar Wallace vermarktet wurde. Ob für einige der jeweils abgehandelten Themen jemals eine Vorlage in Form eines Kriminalromans existiert hat, sei dahingestellt, allerdings liegt diesem Vertreter tatsächlich der Roman "Der Tod packt seinen Koffer" zugrunde. Nichtsdestoweniger konnten die Konkurrenz-Produkte zur erfolgreich angelaufenen Edgar-Wallace-Reihe der Rialto Film für Achtungserfolge sorgen, und manchmal sogar für mehr. Jess Francos 1972 entstandener Reißer "Der Todesrächer von Soho" handelt in etwa die gleiche Geschichte ab, die in der BEW-Premiere "Das Geheimnis der schwarzen Koffer" bereits Verwendung gefunden hatte. Derartige Remakes, Neu-Interpretationen oder Aufgüsse haben es in der Regel schwer, da mögliche Überraschungseffekte oder frische Impulse fehlen. Diese Spät-Variante ist erfreulicherweise wesentlich überzeugender als der angestaubt und teils ungelenk wirkende Vorgänger von Werner Klingler ausgefallen. Die Bryan-Edgar-Wallace-Reihe fand übrigens nach Jess Francos Beitrag mit Armando Crispinos "Das Geheimnis des gelben Grabes" ihr Ende. "Der Todesrächer von Soho" wird naturgemäß mit gemischten Gefühlen aufgenommen und bewertet, vor allem unter dem Kriterium der Regie. So wird der Film einerseits oft als zu konservativ für Franco-Verhältnisse beschrieben, andererseits als zu unwirsch für eine Reihe mit kriminalistischen Prämissen. Bleibt man auf der Vorteils- und Vergleichsseite, wird dieser in vielerlei Hinsicht interessante Flick sehr gut unterhalten können, denn zunächst fällt seine hochinteressante Geschichte ins Gewicht, die sicherlich eine der stärksten innerhalb der kompletten Serie geblieben ist. Ein Killer informiert seine designierten Opfer über deren bevorstehendes Ende, indem er die Koffer packt und vor der Ermordung ein perfides Spiel treibt.

Die Polizei tappt wie so oft im Dunkeln, ebenso wie das interessiere Publikum, für welches sich die anfangs nebulösen Zusammenhänge erst ordnen müssen. Jess Franco und der einschlägig bekannte deutsche Kriminalfilm ist vielleicht am besten als eine aus der Logik entsprungene Zweckgemeinschaft beschrieben, die der Spanier nur temporär aber produktiv bediente, inszenierungstechnisch allerdings hier und da Probleme mit ihr hatte, da es sich ganz offensichtlich um keine seiner großen Herzensangelegenheiten handelte. So bleibt der Haupt-Kritikpunkt eine nicht bis zum Ende aufrechterhaltene Spannungskurve, die Hintergründe oder Täter zu früh preisgegeben haben. In einem Film wie "Der Todesrächer von Soho" wirkt diese Tatsache nicht weiter gravierend, da er mit vielen Vorzügen aufwartet, die aus konventionellen Mustern ausbrechen, was sich weniger in der Architektur der verarbeiteten Geschichte zeigt, sondern im Rahmen inszenatorischer Belange. Franco entscheidet sich trotz des im deutschen Titel namentlichen erwähnten Settings London weitgehend gegen von Nebel beherrschte Sequenzen und präsentiert unorthodoxe Filter, die wider Erwarten eine schwer zu definierende Aura und ein eigentümliches Flair aufbauen können. Im Kontrast dazu etablieren sich grelle Farben, interessante Schattenspiele, auffällige Requisiten und kontrastreiche Sets, die über eine gewisse Budgetierung berichten wollen, außerdem für Abwechslungsreichtum sorgen, was die Produktion nachhaltig modern erscheinen lässt. Mittels extravaganter Kamera-Einstellungen kommt eine ansprechende Dynamik und sozusagen Leben in diese tödliche Angelegenheit, die von dunkler Vergangenheit, Geheimnissen und überaus weltlichen Beweggründen dominiert wird. In Kombination mit Rolf Kühns kraftvollen Kompositionen, unter denen insbesondere sein leidenschaftliches Stück "Blue Concerto" heraussticht, entsteht ein überaus ansprechendes Gesamtbild, das sich nicht durch gewisse Ungereimtheiten beirren lässt, und unterm Strich fesselnd wirkt.

In dieser Produktion sind erfreulicherweise zahlreiche Veteranen des deutschen Kriminalfilms und im Sinne des Krimis unverbrauchte Gesichter zu sehen, die in ihren unterschiedlich angelegten Rollen für teils beachtliche Momente sorgen. Die Hauptrolle dieser Veranstaltung gestaltet Horst Tappert, der sich hier und da längst in Genre-Produktionen etablieren konnte und zum dritten Mal unter Francos Regie agiert. Auch hier lässt sich sagen, dass sich der Reiz dieser Zusammenarbeit nicht zuletzt aus der Tatsache ergibt, dass man einen Interpreten wie Tappert nicht unbedingt bei Jess Franco erwartet hätte, ihn aber aufgrund seiner Krimi-Erfahrung und der recht konventionellen Leitung des spanischen Filmemachers dankend annimmt. In der Rolle des Autors Charles Barton empfiehlt er sich durch eine vollkommen abgeklärt wirkende Körpersprache, die in Verbindung mit der merklichen Tatsache, dass er der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein scheint, für Sympathiepunkte, aber gleichzeitig auch für eine schwer zu definierende Distanz zum Zuschauer sorgt, da er sich einiger Methoden bedient, die über das Ziel hinaus schießen. Sein freundschaftlicher Umgang mit Inspektor Redfort alias Fred Williams will über lange Intervalle recht gut gefallen, wenngleich sich das Gefühl einstellt, dass nicht immer an einem Strang gezogen wird. Die nebulöse Komponente, in der die meisten Charaktere gefangen sind, ist der Spannung sehr zuträglich, denn im Endeffekt sollte man hier nicht jedem trauen. Völlig erhaben wirkt die aus Granada stammende Schauspielerin Elisa Montés, die bereits Franco-Erfahrung vorzuweisen hatte, allerdings den Raum für das Ausbuchstabieren ihrer Facetten eingeräumt bekommt. Schön wie nie, kann man Montés dabei begleiten, wie sie in einem immer gefährlicher werdenden Strudel aus Bedrohung und Mord gerät, vor dem sie selbst der Inspektor nicht vollends schützen kann, da zu viele Personen ein doppeltes Spiel treiben.

Überhaupt könnten zahlreiche Personen des Szenarios zur vorzeitigen Auflösung des Falles beitragen, woraus sich eine gut dosierte Grundspannung ergibt, die von den Stars der Manege klassisch ausgespielt wird. Zugunsten Barbara Rüttings und ihres gleichzeitig größeren Namens für eine solche Produktion, rutschte Elisa Montés in den deutschen Credits weit nach hinten, obwohl sie die eigentliche weibliche Hauptrolle des Films inne hat. Barbara Rütting eilte längst der Ruf voraus, die richtige Frau für besondere schauspielerische Anforderungen zu sein, vor allem weil die eher oft spröde und kühl wirkende Berlinerin sich nie als dankbare Handlangerin für den ecken- und kantenlosen deutschen Film herausgestellt hatte. Selbst ihre vergleichbaren Rollen in der Wallace-Reihe heben sich nach wie vor von dem Verlangen nach einheitlichen Gebilden und völlig publikumskompatiblen Zuschnitten der Dramaturgie ab, sodass sie wie geschaffen für die Rolle der verschlagen und skrupellos wirkende Celia ist. Alleine ihre Aufmachung berichtet von gebieterischer Dominanz, dementsprechend kommandiert sie ihren männlichen Handlanger herum und übernimmt Aufgaben, die selbst gestandene Herren nicht immer mit dem kleinen Finger abwickeln würden. In diesem Zusammenhang schließen sich denkwürdige Szenen an, die zu deutlichen Schlüssen verleiten. Ihre übergeordnete Stelle ist eine Frau, von der sie in Sachen Kaltblütigkeit und unerbittlicher Härte wohl noch einiges lernen könnte: Linda alias Beni Cardoso, die mit Jess Franco mehr als die Hälfte ihrer Filme drehte, somit zu dessen spektakulärster Stammgarde gehörte. Wie üblich rückt der Spanier die Damen der Schöpfung auch in diesem Film wesentlich mehr und vor allem interessanter in den Fokus, sodass es die zum Teil prominenten Darsteller schwer haben, sich entsprechend zu profilieren.

Es scheint so, als haben Rollen wie die von Wolfgang Kieling, Siegfried Schürenberg oder etwa Fred Williams nicht den gleichen Schliff, das ebenbürtige Gewicht oder schlicht und einfach das gleiche Interesse erfahren, wie es bei Rütting, Cardoso oder Montés zweifellos der Fall ist, was nicht unbedingt auf die zum Teil übersichtliche Screentime zurückzuführen ist, sondern auf den Umstand, dass Franco in jedem seiner Filme ein weibliches Elixier haben musste. Anhand der thematischen Voraussetzungen werden die Interpretinnen zwar nicht in typischer Manier dienstbar gemacht, bieten aber weitaus mehr an, als in vergleichbaren Produktionen. In Besetzungsfragen bietet "Der Todesrächer von Soho" schließlich einträgliche Variationen an, die so oder so in Erinnerung bleiben. Wie sich bei dem Verfolgen dieser Geschichte herausstellt, versucht die Vergangenheit die Gegenwart zu verdrängen und die Zukunft empfindlich zu beeinflussen. Die bislang unbehelligten kriminellen Elemente der Story sind schnell ausgemacht, denn immerhin stellen sie sich praktischerweise selbst unmissverständlich vor, doch über allem thront ein noch undurchsichtigeres Gemisch als der berüchtigte Londoner Nebel, der nicht so einfach zu durchdringen ist. Ein Mörder wirft seine Messer mit tödlicher Präzision; die Polizei weiß, dass es jedes Mal den richtigen getroffen hat. Doch wer steckt dahinter und vor allem welches Motiv? Jess Franco bietet Verdächtige an, von denen sich jedoch einige selbst aus dem Dunstkreis der potenziellen Täter disqualifizieren, da eine dramaturgische und inszenatorische Ungeduld auszumachen ist, welche die Kirsche auf der Torte letztlich vereitelt. Insgesamt stellt "Der Todesrächer von Soho" dennoch einen mehr als soliden und durch und durch unterhaltsamen Beitrag innerhalb und fernab der Bryan-Edgar-Wallace-Reihe dar, der durch Jess Francos extravagante Handschrift ein besonders hervorstechendes Flair erhält.

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Prisma
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EINE JUNGFRAU IN DEN KRALLEN VON ZOMBIES


● LA NUIT DES ÉTOILES FILANTES / CHRISTINA, PRINCESSE DE L'ÉROTISME / I DESIDERI EROTICI DI CHRISTINE /
EINE JUNGFRAU IN DEN KRALLEN VON ZOMBIES / DAS GRAUEN VON SCHLOSS MONTSERRAT (B|F|I|LIE|1973)
mit Christina von Blanc, Britt Nichols, Anne Libert, Rosa Palomar, Paul Muller, Alice Arno, Antônio do Cabo, Jesús Franco, Nicole Guettard und Howard Vernon
eine Produktion der Prodif Ets. | Brux International Pictures | CFFP | Eurociné | J.K. Films
ein Film von Jess Franco

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»Der Tod greift nach euch mit seinen Tausend Händen!«


Ernesto (Paul Muller), der Vater von Christina (Christina von Blanc), begeht unverhofft Selbstmord. Auf dem Weg zur Testamentseröffnung im elterlichen Schloss Montserrat wird sie eindringlich gewarnt, sich von dem Ort fernzuhalten, der angeblich unbewohnt sein soll. Zum Erstaunen Christinas trifft sie auch ihre totgeglaubten Verwandten, die allesamt völlig emotionslos und seltsam reagieren. Bereits in der ersten Nacht wird Christina von bizarren Alpträumen gequält, in denen sie unter anderem auch von ihrem toten Vater heimgesucht wird. Dieser verkündet zu ihrem Entsetzen, dass er ermordet wurde. Von nun an nimmt das Grauen unerträgliche Formen an …

Jess Francos auf unendliche Weiten angelegter Filmfundus bietet oft nicht den Variantenreichtum an, den man vielleicht erwarten würde, denn dafür ist der Gusto des Regisseurs ein zu einseitiger Tatbestand. Zwar bekommt das Publikum Filme unterschiedlichster Couleur angeboten, doch sein Haupt-Stilmittel der Repetition ist kaum zu übersehen. In "Das Grauen von Schloss Montserrat", der landläufig auch unter dem primitiver klingenden Titel "Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies" bekannt ist, sind es wie so häufig Sequenzen zwischen Traum, Realität und Alptraum, die das Szenario in Gang bringen und als Motor für eine Geschichte ohne viel wirkliche Substanz fungieren. Eine anstehende Erbschaft treibt die über die Maßen anziehend wirkende Protagonistin in das Schloss ihrer Väter, in dem sie von einer Bagage empfangen wird, die einem Gruselkabinett entsprungen sein könnte. Bei dieser Gelegenheit empfiehlt sich eine regelrechte Franco-Stammbesetzung, die sich bereits in so manchem seiner Filme profilieren konnte oder dies noch tun würde. Augenmerk der Inszenierung liegt auf dem Ungewissen und Geheimnisvollen, man spürt förmlich, das die namenlose Bedrohung zum Greifen nah ist. Lediglich Christina kommt nicht auf diesen Gedanken, die betont naiv ins gewetzte Messer zu laufen hat. Ihr Vater beging angeblich Selbstmord, zurück bleibt eine allseits erstaunliche Gleichgültigkeit, bis die Traumphasen beginnen, die Story zu dominieren. Christina von Blanc wirkt für die Gestaltung der Chronologie des Grauens wie geschaffen und essenziell; Jess Franco tut in diesem Zusammenhang das, was er offenbar am besten kann: Er dirigiert die Weiblichkeit und fabriziert in Verbindung mit deren Bedrohung eine temporäre Grundspannung, die allerdings immer wieder durch ablenkende Einfälle unterwandert wird. Dies wäre vielleicht nur in dem speziellen Fall als fatal zu betrachten, wenn es nicht als gewollt wirken würde. Beim Thema Nervenkitzel bliebt der Verlauf auf einem oft unbestimmten Niveau, der sich entfaltende Alptraum wirkt wie ein Labyrinth, aus dem es nur einen Exit gibt, nämlich den Tod. Krude Gestalten geben zu denken, verwirren und beunruhigen, da sie obendrein die passenden Gesichter zur Verfügung stellen.

Die Darbietungsstile von Howard Vernon, Paul Muller oder etwa Anne Libert wirken genau genommen ein wenig phlegmatisch und es bleibt zu hinterfragen, ob dies alles nur an die laufende Geschichte angepasst oder doch durch und durch undynamisch ist. Freunde derartiger Veranstaltungen werden allerdings kaum hinterfragen, was genau bei der Schauspielführung geschehen ist, denn man hat sich an die Top-Scorer des Spaniers gewöhnt und freut sich förmlich über jedes Wiedersehen. Ein solches bekommt man ohnehin in gefühlt jedem Film auch unter Beteiligung Jess Francos selbst geboten, dessen Figur hier jedoch zu sehr auf Vordergründigkeit angelegt ist, ohne dabei wichtige Erklärungen zu geben. Dass handeln nicht immer erklärt werden muss, versteht sich von selbst, doch wenn ein Film über eine schwache dramaturgische Schärfe verfügt, womöglich keine besitzt, gleichen Interpretationsversuche einem Roulette. Nicht selten werden der Produktion schwere Geschütze wie das Aufflammen von Lyrik, Sinnlichkeit und Sinnhaftigkeit bescheinigt, was allerdings nur dann zu erfassen ist, wenn man sich als Zuschauer auf der richtigen Seite platzieren konnte. Die oft kryptischen Dialoge wirken zuweilen prätentiös, das Handeln der Personen höchstens an die quälende Unberechenbarkeit von (Alp)Träumen angepasst und der Verlauf ist trotz allerlei Güter aus dem Gemischtwarenladen des Obskuren recht gut nachzuvollziehen. Für erotische Schauer sorgt neben Christina von Blanc noch die aufregende Portugiesin Carmen Yazalde alias Britt Nichols, in einem der interessantesten Parts dieser Geschichte. Der wiederkehrende Alptraum nimmt immer vehementere Formen an, mündet hierbei in ein Finale, das den Verlauf insgesamt aufwerten kann. Am Ende bleibt "Eine Jungfrau in den Krallen von Zombies" in der ursprünglichen Fassung besser anschaubar als in der getunten, wenngleich insgesamt nicht zu leugnen ist, dass sich phasenweise zu langatmige Sequenzen breitmachen, die quasi die Geschichte einer kaum zu verbergenden Ideenlosigkeit erzählen. Erneut fabriziert Jess Franco also einen isolierten Fall, der für Fans mehrere Möglichkeiten des Zugangs bietet, Kritiker jedoch in dem bestätigen dürfte, was bereits vor dem Anschauen auf der Hand gelegen hat.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Lorenzo Lamas

FINAL ROUND - LABYRINTH DES TODES


● FINAL ROUND / FINAL ROUND - LABYRINTH DES TODES (US|CA|1994)
mit Kathleen Kinmont, Anthony De Longis, Clark Johnsin, Stephen Mendel, Arne Olsen, Réal Andrews und Isabelle Mejias
eine Produktion der Den Pictures Inc.
ein Film von George Erschbamer

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»Sayonara, Arschloch!«


Bei einer Schlägerei in einer Bar wird man auf Tyler Verdiccio (Lorenzo Lamas) aufmerksam, der unheimlich schnell mit seinen Fäusten umzugehen weiß. Allerdings zieht diese Aktion kein seriöses Job-Angebot nach sich, denn Tyler wird betäubt und gemeinsam mit seiner Freundin Jordan (Kathleen Kinmont) entführt. Verantwortlich hierfür zeigt sich der skrupellose Geschäftsmann und Spieler John Delgado (Anthony De Longis), der sein Geld mit illegalen Wetteinnahmen verdient. Spieler aus aller Welt können auf dessen Söldner wetten und live per Fernsehen mitverfolgen, wie diese Killermaschinen ihre lebendigen Zielscheiben in einen großen Industriekomplex jagen und am bitteren Ende abschlachten …

Im Gewand solider B-Movie-Unterhaltung besitzt Georges Erschbamers "Final Round - Labyrinth des Todes" das nicht uninteressante Potenzial, mehrere Zielgruppen in Zufriedenheit miteinander zu vereinen. Zumindest mit etwas Fantasie. Da die Geschichte sehr starke Anleihen aus einschlägig bekannten Strategie- und Baller-Spielen besitzt, in denen Opfer gejagt und niedergemetzelt werden müssen, fühlt es sich eigentlich nur so an, dass ein Controller respektive ein Joystick oder eine Tastatur fehlt, immerhin bewegte man sich noch im Produktionsjahr 1994. Diese Direct-to-Video-Produktion empfiehlt sich mit typischen Action-Einlagen und dieses Mal eigenartig stumpf wirkenden bis herkömmlichen Kampfszenen, die das Fan-Herz trotzdem höher schlagen lassen, und geht dabei eine interessante Symbiose mit Basiselementen aus anderen Sparten ein, woraus sich im weitesten Sinn eine Art Hybrid ergibt, das ohne viel oder gar tatsächlichen Aufwand zu gefallen weiß. Im wahrsten Sinn des Wortes geht es dank Lorenzo Lamas mal wieder alles Schlag auf Schlag, sodass man sehr schnell zur Sache und auch in diese Geschichte hinein kommt, deren Hintergründe in Windeseile zu einem offenen Buch werden, ohne dass man sie hinterfragt hätte. Ein geldgeiler und abartig veranlagter Perverser bittet zu seinen selbst inszenierten Spielen, bei denen es weniger ums Leben als um den Tod geht. Einladungen werden mit der Betäubungsspritze vergeben, der Gewinn wäre das Überleben, wenn es nicht so gut wie ausgeschlossen wäre. Kurze Szenen aus diesem Labyrinth des Schreckens zeichnen einen konkreten Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird, doch zunächst muss erst einmal der richtige Mann rekrutiert werden. In einer Bar wird ein weiblicher Scout auf die Hauptfigur namens Tyler Verdiccio aufmerksam und offensichtlich scharf, filmt seine Prügelkünste als Referenz gleich mit, um sie weiterzureichen. Nette Einfälle aus dem Spektrum Dialoge/Synchronisation, Humor, Absurdität, Banalität und Brutalität lassen die richtige Stimmung aufkommen, doch bevor es auf Hochtouren losgehen darf, hat Tyler noch eine angenehme Aufgabe vor sich und darf die aufregende Kathleen Kinmont abarbeiten, jedoch ohne Happy Ending, da den beiden die Betäubungsspritze zuvor kommt.

Kathleen Kinmont und Lorenzo Lamas waren von 1989 bis 1993 verheiratet, daher lässt sich bei ihren Sex-Szenen eine Dynamik feststellen, die vielleicht nicht so leicht vorgespielt werden kann, was im Endeffekt nur heißen soll, dass es sich um überaus ästhetische Szenen handelt, bevor es mit unmenschlichen Praktiken weitergehen darf. Das Zielpublikum wartet natürlich vornehmlich auf diese Szenen, in denen die Beute gehetzt wird, es aber zur entscheidenden Frage wird, wer hier wen abfertigt. Erwartungsgemäß kann Tyler den Spieß natürlich herumdrehen, zumal gegen alle Erwartungen auch auf ihn gewettet wurde, und zwar mit einer unüblich hohen Summe von $ 500.000, beziehungsweise 3 Millionen. Schlecht für den Boss, der es doch bislang gewohnt war, ungehindert abkassieren zu können. Der weitere Verlauf suhlt sich in einem Missverhältnis von 3 gegen 5 Personen, und die Kamera folgt ihnen durch eine unwegsame und unübersichtliche Fabrikhalle, in der wahrscheinlich schon viele unschuldige Opfer ihr Leben für den schlechten Zweck haben lassen müssen. Die Gegenspieler trumpfen mit erwartungsgemäß ätzenden Gesichtern und perfiden Tricks auf, stellen sich aus einem Sammelsurium von Ex-Soldaten, Söldnern, Kriminellen oder sonst was zusammen. Die richtigen Voraussetzungen, um einmal so richtig durchzugreifen, sodass die teils unsentimental und geschmacklos arrangierten Szenen wie eine Genugtuung wirken. Eigenartig bei diesem Verlauf ist, dass er sich das vakuumartige Setting nur zaghaft zunutze macht und sich insgesamt ein bisschen zu viel entschleunigt, um letztlich in Initiativ-Intervallen zur Sache zu kommen. Die in die Länge gezogene Geschichte weiß aufgrund ihrer grobschlächtigen Kampfszenen und schäbigen Seele dennoch zu gefallen, vor allem, da es immer wieder Hingucker oder Hinhörer gibt, die einen über Wasser halten. "Final Round - Labyrinth des Todes" macht all denjenigen sicherlich Spaß, die nach derartig stumpfsinnig angelegtem Chosen und Charakteren suchen, die Gut und Abschaum derartig plakativ zeichnen, vereinen und in eine abgeschlossene Arena stecken. Auch wenn der Film am Ende ewig auf Halde gelegen hatte, konnte er doch insofern überraschen, nicht so übel gewesen zu sein, wie pauschal angenommen.

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● SUCHKIND 312 / SUCHKIND 312 - DIE GESCHICHTE EINER UNERFÜLLTEN LIEBE (D|1955)
mit Inge Egger, Paul Klinger, Heli Finkenzeller, Alexander Kerst, Renate Schacht, Josef Sieber, Berta Drews, Ilse Fürstenberg, Karin Hardt,
Hans Leibelt, Erich Dunskus, Werner Hessenland, Pia von Rüden, Horst Beck, Kora Marlo und Ingrid Simon, Stefan Haar, Inge Moldenhauer
nach dem Hörzu-Roman von Hans Ulrich Horster
ein Unicorn Film | im Verleih der NF
ein Film von Gustav Machatý

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»Was sollen wir denn den Leuten sagen, wenn wir plötzlich eine so große Tochter haben?«


Ursula (Inge Egger) und Oberregierungsrat Dr. Richard Grothe (Paul Klinger) führen eine harmonische Ehe, bis Ursula plötzlich durch eine Suchanzeige in einer Zeitung von der Vergangenheit eingeholt wird. Sie erfährt, dass ihre seit Kriegsende 1945 vermisste Tochter Martina (Ingrid Simon) noch lebt. Auch Achim Lenau (Alexander Kerst), der ebenfalls totgeglaubte Vater des Kindes, taucht wieder auf. Ursula, die mittlerweile in gutsituierten Verhältnissen lebt und erneut Mutter geworden ist, erzählt ihrem Mann nach langem Überlegen schließlich von der Existenz der beiden Vermissten. Dieser fürchtet fortan um seine Reputation und möchte einen Skandal vermeiden, indem er seiner Gattin ein Ultimatum stellt …

Der Publizist, Schriftsteller und Journalist Eduard Rhein, von 1946 bis 1964 Chefredakteur der Programmzeitschrift Hörzu, verfasste ab dem Jahr 1950 zahlreiche Illustriertenromane die dort millionenfach abgedruckt wurden. Ein halbes Dutzend seiner Geschichten wurde zum Teil unter dem wie hier verwendeten Pseudonym Hans Ulrich Horster verfilmt, darunter Produktionen wie "Der rote Rausch", "Herz ohne Gnade" oder "Eheinstitut Aurora". Der aus Prag gebürtige Gustav Machatý erlangte weltweite Bekanntheit durch seinen Skandalfilm "Ekstase" und konnte sich in Hollywood einen Namen als Regisseur und Drehbuchautor machen, inszenierte mit "Suchkind 312" jedoch schon seinen letzten Film, dem von der zeitgenössischen Kritik zu viel Rührseligkeit vorgeworfen wurde. Zweifellos ist der Film vordergründig auf ein feinbesaitetes Zielpublikum abgestimmt, verfügt allerdings über eine routinierte Inszenierung und gute Schauspielführung. Wenn Menschen zu Nummern werden, soll kein Auge trocken bleiben, als funktionierende Projektionsfläche fungiert ein kleines Mädchen, welches vom Krieg zur vermeintlichen Waise gemacht wurde. Die Emotionen und Konstellationen der Hauptfiguren tun das Übrige zu der hier gezeigten Dramatik dazu. Szenen einer vorzeigbaren Ehe bahnen den Anfang für die mit Hörzu-Drastik aufgeladene Geschichte, doch es wird schnell klar, dass die Verbindung nur so gut funktioniert, weil es eine Frau gibt, die mit ihren Aufgaben und Pflichten vertraut ist. Nach außen hin scheint alles perfekt, bis das längst begrabene Geheimnis von Ursula Grothe exhumiert wird. Gepeinigt von eigenem Gewissen und Ängsten, entschließt sie sich zur Beichte, ihr Mann reagiert wenig überraschend, da er nicht heraus kann aus seinem gesellschaftlichen Korsett. So fällt ihm nichts Besseres als ein Ultimatum ein, welches einfach nicht zu erfüllen ist. Für den Herrn Oberregierungsrat ist es dem Anschein nach nicht einmal das Schlimmste, dass seine Frau schon einmal eine Beziehung hatte. Er weiß, dass im Krieg andere Regeln geherrscht haben. Indiskutabel für ihn ist primär das uneheliche Kind; eine Brandmarkung, die er vor den Augen der Öffentlichkeit nicht ertragen könnte. So wünschte er das gerade wieder gefundene Kind sofort in die Vergessenheit zurück.

In der Zwischenzeit melden andere dubiose Damen Anspruch auf Martina an. Eine von ihnen legt postwendend 10 000 Mark auf den Tisch der Pflegemutter, eine andere kündigt an, zu allem bereit zu sein. Aber die Mühlen der Behörden haben auch damals schon ihre Zeit in Anspruch genommen. Das Hauptaugenmerk liegt fortan auf der Zerrissenheit der richtigen Mutter, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, da es plötzlich zwei Väter für zwei verschiedene Kinder gibt. Der eine ist nicht bereit, ein Kuckuckskind aufzunehmen, der andere würde sich um beide sorgen wollen. Inge Egger spielt mit einem Repertoire auf, welches große Anteilnahme provoziert und die Frage in den Raum stellt, welchen Weg es überhaupt aus dieser verfahrenen Situation heraus gibt, in der keine Schuldigen zu finden sind. Egger schafft es dabei mit Leichtigkeit, das Publikum zu berühren, was vor allem sehr gut im Zusammenspiel mit Paul Klinger zur Geltung kommt. Er wirkt kultiviert, weltmännisch und sorgt für eine materielle Sicherheit, die er sich in Form einer für seine Ansprüche gut funktionierenden Ehefrau auch bezahlen lässt. Seine gesellschaftliche Stellung thront als wichtigstes Gut über den Köpfen der Familie. Gegenentwürfe liefern Heli Finkenzeller als dessen umsichtige und milde Schwester sowie Alexander Kerst als Vater des sogenannten Suchkindes mit der amtlichen Nummer 312. Erwähnenswert sich die Leistungen der Kinder Ingrid Simon, Stefan Haar und Inge Moldenhauer, die mit Unbekümmertheit punkten können, außerdem leisten Josef Sieber, Berta Drews, Karin Hardt und insbesondere Renate Schacht sehr wichtige Schützenhilfe. Der Verlauf, der eigentlich mit einem Happy End anfängt, da das totgeglaubte Kind wieder auftaucht, beginnt sich zusehends durch ein Nadelöhr der Dramatik zu manövrieren, zumal die meisten Personen heftige Widerstände leisten, um ihre eigenen Komfortzonen nicht aufzugeben. Szenen gehässiger Vertreter der sogenannten besseren Gesellschaft verschärfen die ohnehin schwierige Situation für Frau Oberregierungsrat und hätten häufiger etabliert werden können, um nicht ausschließlich die vorhersehbare Architektur der Schmonzette zu bedienen. Dennoch funktioniert der Film mit all seinen kleineren Kehrtwendungen erstaunlich gut, da es die Schauspieler sind, die dem Ganzen Emotion, Verzweiflung oder wahlweise Härte verleihen. Am Ende bleibt es schade, dass Regisseur Machatý mit "Suchkind 312" bereits seinen letzten Film realisierte, dessen Brisanz Zuschauer-Schablonen zum Opfer fällt.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● DER FLUCH DES SCHWARZEN RUBIN / AGENTE S3S: OPERAZIONE URANIO / ESPIONNAGE À BANGKOK POUR U-92 (D|I|F|1964-65)
mit Thomas Alder, Peter Carsten, Serge Nubret, Chitra Ratana, Carlo Tamberlani, Jacques Bézard, Alberto Cevenini, Yu Sam, Ma Suphin und Horst Frank
ein Rapid Film | Metheus Film | Société Nouvelle de Cinématographie | Thai Tri Mitr Films | im Constantin Filmverleih
ein Film von Manfred R. Köhler

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»Die brauchen ne Bleispritze!«


In einem Bangkoker Museum wird eine wertvolle Goldkette gestohlen, in die ein schwarzer Rubin eingearbeitet ist. Der Legende nach soll dieser jedem Träger einen gewaltsamen Tod bescheren. Das Geschmeide gehört zum Familienschatz den Prinzen Gulab (Yu Sam), dessen Erbansprüche durch den Besitz legitimiert werden. Um das für ihn lebenswichtige Symbol wieder in die Hände zu bekommen, engagiert er den international tätigen Privatdetektiv Rolf Torring (Thomas Alder) und dessen Gefolgschaft Hans Warren (Peter Carsten) und Pongo (Serge Nubret). Bei den Ermittlungen kann das Trio schnelle Erfolge verbuchen, die ebenso zügige Mordanschläge nach sich ziehen …

Die zweite Spielfilmregie von Manfred R. Köhler bewegt sich stilsicher im Fahrwasser ähnlicher Produktionen und schwappt sogar häufiger einmal über den Tellerrand des Genres, was immerhin überraschend erscheint. Blickt man auf die in den Haupt- und Nebenrollen vermeintlich zu schwache Besetzung, will zunächst wenig Hoffnung auf einen gelungenen Vertreter aufkommen, doch man wird schnell eines Besseren belehrt, sodass das ermittelnde Trio Konkurrenten durch Eigendynamik schnell in die Tasche steckt. Thomas Alder, zuvor verheizt in überaus monotonen Veranstaltungen, überzeugt als smarter und unerschrockener Ermittler, der sowohl seriös als auch humorvoll herüberkommen kann. Davon war im Vorfeld nicht auszugehen, wenngleich es sich bei Alder gewiss um keinen schlechten Handwerker handelt. Die großen Aushängeschilder des Genres hatten bis zu diesem Zeitpunkt jedoch andere Namen und wecken beim Publikum auch andere Assoziationen. Seine mit sicheren Fäusten agierenden Kumpanen werden von Peter Carsten und Serge Nubret in interessante Fasson gebracht, bis einem das Dargebotene ziemlich energisch und optimal abgestimmt vorkommt. Gedreht vor imposanten Schauplätzen in Thailand, kommt ein Exotik-Flair auf und die Bildgewalt hilft häufig über die handelsübliche Story hinweg, die zu ihrer Verteidigung allerdings immer wieder spannende, actionreiche und nebulöse Phasen anbietet. Sehr gut kommt zudem der Mangel an Vorhersehbarkeit an. Rund um den Raub der Goldkette baut sich eine geheimnisvolle Atmosphäre auf. Die frühen Anschläge auf die Ermittler beweisen, dass man es mit rücksichtslosen Handlangern und einem Hintermann zu tun hat, der nicht gewillt ist, Gefangene zu machen. Jeder scheint verdächtig zu sein, bei jedem könnte ein Motiv zu finden sein, denn es geht um den Weg zu immensem Reichtum, der von einer verschlüsselten Botschaft auf der Kette zu finden sein wird. Horst Frank, versehen mit der Synchronstimme von Rainer Brandt, wird vorstellig als Mann fürs Grobe, der zwischendurch auch keine Probleme damit hat, unschuldige Frauen zu foltern, um an seine Informationen zu gelangen. Da er sich einen Namen als ausgewiesener Schurke in vielen Produktionen machen konnte, wirkt er in dieser Geschichte umso überzeugender, zumal er an keine Kette gelegt ist.

Zwischenzeitlich haben die Protagonisten mit der hiesigen Fauna, wie etwa Spinnen, Tigern und Krokodilen zu kämpfen, was durch simulierte oder einkopierte Bilder für eine gewisse Atemlosigkeit sorgen kann. Auch die Pyrotechnik kommt in diesem turbulenten Spektakel nicht zu kurz. Das Publikum ahnt, dass bei der Wahl derartig drastischer Mittel nicht nur der materielle oder ideelle Wert einer Goldkette im Vordergrund stehen kann, sondern etwas mehr dahinterstecken muss. Thomas Alder, Peter Carsten und Serge Nubret schaffen es mit Leichtigkeit, einem die Zeit zu vertreiben, indem sie ihre Agilität unter Beweis stellen. Thomas Alder platziert sich als Kopf des Ganzen, steht jedoch auf keinem Podest, sondern agiert auf völliger Augenhöhe mit seinen Freunden. Peter Carsten trumpft häufiger mit flotten Sprüchen auf, kann auch die Fäuste sprechen lassen, genau wie es sein französischer Kollege und Profi-Bodybuilder Serge Nubret in unbändiger aber sympathischer Art und Weise tut, der vor allem durch seine beeindruckende Physis zu punkten versucht. Der Rest der Besetzung ist mehr oder weniger mit unbekannteren Namen versehen, was jedoch nicht heißt, dass keine Präzisionsauftritte angeboten werden. Interessant ist das Fehlen der traditionell platzierten, meist europäischen Hauptdarstellerin, die hier einen beeindruckenden Ersatz durch die aus Thailand stammende Chitra Ratana erfährt. Sie fungiert als klassische Projektionsfläche für Angst und Schrecken und gerät in sehr lebensbedrohliche Situationen. Der Showdown des Films bietet einige Überraschungen an, auch was die Entlarvung des Drahtziehers angeht, aber vor allem sind es hier die episch wirkenden Kulissen und Schauplätze, die in Erinnerung bleiben werden. "Der Fluch des schwarzen Rubin" lief seinerzeit in der Bundesrepublik ungewöhnlich schlecht im Kino an, sodass die geplante Fortsetzung mit dem Namen "Die Rache des grünen Skorpions" fallengelassen wurde, was angesichts der Überzeugungsarbeit des hier federführenden Trios zu bedauern ist. Am Ende bleibt ein Vertreter des Abenteuer-Krimis, der es mit einfachen Mitteln und frisch wirkenden Einfällen versteht, von sich Reden zu machen und schließlich wesentlich besser dasteht, als zu Beginn gedacht. Ein klassischer Überraschungserfolg, der sein stiefmütterliches Dasein nicht verdient.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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PRIVATE HOUSE OF THE SS GIRLS


● CASA PRIVATA PER LE SS / PRIVATE HOUSE OF THE SS GIRLS (I|1977)
mit Gabriele Carrara, Marina Daunia, Macha Magall, Thomas Rudy, Vassili Karis, Tamara Triffez, Luce Gregory, Walter Brandi,
Ivano Staccioli, Allan Collins, Giovanni Attanasio, Monica Nickel, Gota Gobert, Cristina Minutelli sowie Lucic Bogoliub Benny
eine Produktion der Distribuzione Associate Regionali
ein Film von Bruno Mattei

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»Die beste Waffe ist der Terror!«


SS-Offizier Hans Schellenberg (Gabriele Carrara) soll einen Spezialauftrag ausführen, den er von oberster Stelle erhalten hat. Er soll mögliche Verräter und Spione in den eigenen Reihen ausfindig machen. Um diese zu entlarven, werden zehn Prostituierte von seinem Helfershelfer Professor Jürgen (Allan Collins) auf das abscheulichste konditioniert, um ihren Liebhabern aus Offiziersriegen Informationen zu entlocken. Die eigens dafür eingerichtete "Villa Blumenstrauß" dient ab sofort als Ort für jede erdenkliche Art der Perversion, doch niemand gesteht sich ein, dass das Kriegsende naht …

Das Naziploitation-Genre zeigte sich in seiner ergiebigen wenn auch kurzen Hochphase meist provokant, strapaziös und gerne unappetitlich, sodass einige Beiträge dabei herauskamen, die in ihrer Qualität höchst unterschiedliche Profile zeigen. Bruno Matteis "Private House of the SS Girls" kann ohne viel Diskussion als Erlebnis unterhalb des Bodensatzes dieser kaum an historischer Genauigkeit interessierten Gattung beschrieben werden, da sich hier alle inszenatorischen und darstellerischen Unarten versammeln, die in Verbindung mit der Thematik einen unerträglichen Touch erreichen. Dass die Geschichte völlig an den Haaren herbeigezogen wirkt, sei verziehen, denn immerhin lebten diese Storys ohnehin von der ausschweifenden Fantasie aus dem Nazi-Märchenwald. Unter Verwendung eines Fundaments, das aus wenigen, vage ausbuchstabierten historischen Überlieferungen höchstens mit Spucke und Kaugummi zusammenhält, entfalten sich Eindrücke, die entscheidend von den anvisierten Schockmomenten gleichförmiger Artgenossen abweichen. Dementsprechend werden diese gut 90 Minuten zur Zerreißprobe, sodass die eigenen Durchhalteparolen die der widerlichen Nazi-Entourage übertönen. Der Film entwickelt kein Mitgefühl für irgendjemanden, auch nicht für die Opfer. In keinem Bereich ist Timing oder Dosierung wahrzunehmen, die Gesetze eines handwerklich einigermaßen gut gemachten Films werden mit der Brechstange zerstört, auch wenn er teils interessant fotografiert wirkt. Es ist schwierig, dieses angebotene Konglomerat aus so viel Overacting, Inkohärenz, Geschwätzigkeit und Klischees ohne Camouflage zu ordnen, bis es einem schließlich völlig egal wird, was weiterhin passiert. Bruno Mattei konnte mit "KZ 09" einen wesentlich besseren schlechten Vertreter zum Dunstkreis des Genres beisteuern und er verliert sich hier in der Intention sowie der eigenen Unfähigkeit, das Rad neu zu erfinden. Die Geschichte beginnt mit dem Plan des Ausspionierens möglicher Feinde und der Konditionierung von zehn Nutten, was als Grundlage für den Verlauf noch nicht einmal völlig absurd anmuten möchte. Grotesk wird die Veranstaltung erst durch die weitere Marschrichtung aus Aneinanderreihungen von spekulativem Sex vor Hakenkreuzfahnen, mit allem und jedem, der für die Aufgabe triebig genug erscheint, und sei es ein deutscher Schäferhund. Der Sex-Einschlag wirkt überaus unappetitlich, die Unterlegung mit nicht selten völlig der Situation unangebrachter Musik ermüdend bis Aggressionen schürend.

In diesem Zusammenhang entstehen Phasen der unfreiwilligen, geradezu fatalen Komik, in denen nicht zu unterscheiden ist, ob sich der Film schlussendlich (zu) ernst nimmt, oder eine Genre-Persiflage abliefern möchte. Das eigentlich spärliche Dialog-Angebot wirkt bei Intervallen der Hochkonjunktur überaus prätentiös und gleichzeitig nichtssagend. Schlimm wird es, wenn eine Melange aus Jammern, Winseln und Größenwahn zustande kommt, was hauptsächlich von den wichtigsten Offizieren ausgeht. In diesem Zusammenhang muss Hauptdarsteller und Gelegenheitsschauspieler Gabriele Carrara an den Pranger gestellt werden, der seiner Schlüsselfunktion als invasive Kraft zu keiner Zeit gerecht wird. Schrecklich übertriebene Stilmittel, unbeholfenes bis inadäquates Spiel mit Gestik und Mimik sowie unappetitlich arrangiertes Sex-Gerangel lassen seinen Hans Schellenberg zu keiner Zeit in ein Schreckgespenst verwandeln, sondern in eine Figur, die trotz ihrer Funktion und Bereitschaft zu zerstören nicht ernst genommen werden kann. Zwar wird erwähnt, dass es sich um einen Teufel in Menschengestalt handle, doch dem Zuschauer wird die Möglichkeit genommen, genügend Fantasie zu entwickeln, ihn sich in derartig prekären Szenen vorzustellen. Marina Daunia und Macha Magall wirken in ihren wenigen Filmauftritten zumindest meistens interessant bis reizvoll und dürfen sich hier als willige Sexwerkzeuge präsentieren, erscheinen unterm Strich leider völlig verschenkt. Sucht man nach einer Leistung ohne Tadel, darf sicherlich Allround-Talent Allan Collins als Professor Jürgen genannt werden, der aus den Frauen fehlerlose Sex-Maschinen erschaffen will, die zum Erreichen der Ziele schließlich auch perfekt sekundieren. Seine pragmatische Herangehensweise und der unaufgeregte Darbietungsstil fabrizieren hier mitunter den besten darstellerischen Szenen des Films. Sucht man nach Nervenkitzel und Schockmomenten, kann lange gesucht werden, denn die passive Regie entscheidet sich gegen einen klassischen Genrevertreter, sondern für einen mit pseudo-philosophischem Geschwafel vollgestopften Film, dessen Strategie – in die Tiefen der Psyche seiner ätzenden Protagonisten einzudringen – völlig gescheitert ist. Schlussendlich bleibt eine Allianz aus Unfähigkeit in fast allen erdenklichen Bereichen und der für einen derartigen Vertreter beinahe ausgeschlossenen Langeweile, sodass der Film schnell als Zumutung abgetan werden kann. "Private House of the SS Girls" ist somit als potenzieller Tiger gestartet und als schäbiger Bettvorleger gelandet.

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SECHS WOCHEN IM LEBEN DER BRÜDER G.


● SECHS WOCHEN IM LEBEN DER BRÜDER G. (D|1974) [TV]
mit Jan Kollwitz, Hans-Georg Panczak, Regine Lutz, Maria Axt, Gisela Fritsch, Hilde Hessmann, Charlotte Joeres, Kurt Buecheler,
Vera Kluth, Evelyn Meyka, Joachim Nottke, Horst Pinnow, Lothar Köster, Sigrid Lagemann, Ulrike Lange-Ritter und Renate Küster
sowie Renee Augsten, Harry Bentlin, Ingo Küster, Rolf Oesterle, Gaby Rohlff, Wolfgang Rosinski, Christian Stripp, Frank Zablewski
eine Produktion des Sender Freies Berlin
ein Fernsehfilm von Peter Beauvais​

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»Wach doch auf, Mama!«


Der zwölfjährige Rolf (Jan Kollwitz) sucht verzweifelt nach seinem vier Jahre älteren Bruder Jürgen (Hans Georg Panczak), der häufiger lange von zu Hause weg bleibt. Rolf weiß sich nicht mehr zu helfen, da deren Mutter (Renate Küster) sich seit zwei Tagen im Wohnzimmer eingeschlossen hat. Als Jürgen die Tür aufbricht, finden sie sie tot auf. Die depressive und Alkohol abhängige Frau hat Selbstmord begangen. Da die beiden Jungen wegen Entziehungskuren ihrer Mutter schon häufiger im Heim waren und dort schreckliche Gewalt erlebt haben, trifft Jürgen eine drastische Entscheidung. Er verbarrikadiert die Wohnzimmertür und der Alltag soll mit der nach und nach verwesenden Leiche wie gehabt weitergehen …

Mit seinem Fernsehfilm "Sechs Wochen im Leben der Brüder G." liefert Regisseur Peter Beauvais eine erschütternde Studie über das Versagen der Solidargemeinschaft und deren einzelner Kräfte, sodass man die hier geschilderten Eindrücke wegen der nahezu verstörenden Etappen nicht mehr so schnell vergessen wird. Es kommt nicht häufig vor, dass die begrenzten Mittel einer TV-Produktion derartig zwingende Zustände der Beklemmung und Ohnmacht hervorrufen können und im Grunde genommen kann man es als Zuschauer kaum fassen, was hier scheinbar en passant passiert. Damit sind nicht nur sie geschilderten Traumata nach dem Suizid von Frau G. gemeint, sondern auch der gesamte Vorlauf dieser regelrechten Tragödie, die sich im Endeffekt jedoch gar nicht als solche verstehen will. Vielmehr ist die Intention einer an der Realität orientierten Schilderung deutlich wahrzunehmen. Zumindest eine solche unter den gegebenen Umständen. Es ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten, welchen Weg dieser Verlauf gleich nach dem Auffinden der Toten nimmt, was gleichbedeutend damit ist, dass der Schock von Anfang an unausweichlich modelliert wird. Ein zwölfjähriger Junge, der sehr an seiner kranken Mutter hängt, weiß sich in seiner Verzweiflung nicht zu helfen und sucht nach seinem Bruder, der es gewohnt ist, in den Tag hineinzuleben und gegenüber seiner Mutter als wandelnder Vorwurf aufzutreten. Schockierend ist bereits, dass bei dem Auffinden der Leiche keinerlei Mitgewühl wahrzunehmen ist, sondern nur die Angst, dass sich alles noch einmal zum Schlechteren verändern könnte, und das Annehmen vom unabänderlichen Lauf der Dinge. Peter Beauvais veranschaulicht diese für den Zuschauer noch unbestimmten Gefühle mit zahlreichen Rückblenden, die es in sich haben. Die seelisch vollkommene zerrüttete Mutter, eine im Viertel hinlänglich bekannte Trinkerin, verlor den Halt im Leben mit dem Tod ihres Mannes. Der erste Flashback zeigt, wie sie unter heftigem Widerstand abgeführt wird, um sie in einem Sanatorium wieder herzustellen. Die Kinder werden wahllos in Einrichtungen abverteilt und mit der Zerstörungswut anderer konfrontiert. Hier zeigen sich die Facetten der körperlichen Gewalt und psychischen Grausamkeit in vielen Andeutungen und erschreckenden Facetten. Jürgen wird misshandelt, erniedrigt, vergewaltigt. Rolf wird von einem höchstens zwei Jahre älteren Jungen um sein Taschengeld erpresst, doch das bisschen reicht nicht aus, sodass er anschaffen gehen soll. Vor einer einschlägig bekannten, öffentlichen Toilette, vor der sich die Freier die Klinke in die Hand geben, soll das völlig traumatisierte Kind zunächst an einen älteren Herrn vermittelt werden. Noch kann er fliehen, doch wie der Titel ankündigt, erlebt man nur sechs Wochen im Leben der Brüder.

Wenn der Film sich seinem bitteren Ende zuneigt, bleibt eine denkbar schlechte Prognose zurück. Die Eindrücke der Zwischenzeit machen hingegen in greifbarer Form fassungslos, da man permanent damit konfrontiert ist, dass die Kinder mit einer verwesenden Leiche in der Wohnung leben. Rolf beteuert nach Tagen oder Wochen, dass er seine Mutter gehört habe, wie sie ins Bad gegangen sei, da er in dem überaus hellhörigen Hochhaus eine Toilettenspülung gehört hat. Außerdem brenne das Licht im Wohnzimmer; Jürgen ist überfordert und behandelt seinen kleinen Bruder mit unbeholfener Härte. Die Anzeichen der Verwahrlosung sind mittlerweile nicht mehr zu übersehen, doch keiner fühlt sich verantwortlich oder in der Pflicht, irgendetwas zu tun. Die schauspielerischen Qualitäten der beiden Titelfiguren warten hier damit einer außergewöhnlichen Präzision auf, die völlig unbedarft wirkt, jedoch clean und sich an der Realität orientierend. Sowohl TV-Gelegenheitsschauspieler Jan Kollwitz, Urenkel der berühmten Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz, als auch Hans-Georg Panczak, wirken hier derartig überzeugend, dass man kaum auf die Idee kommt, es nur mit Schauspielerei zu tun zu haben. Das alles geht unter die Haut. Gerade dieser real wirkende Transfer macht die Seheindrücke umso unerträglicher. Als deren völlig zerrüttete Mutter brilliert Renate Küster, die vor allem als Kapazität in der Oberliga der deutschen Synchronsprecherinnen bekannt wurde. Sie ist hier in allen erdenklichen Zuständen der psychischen Verfassung zu sehen: depressiv, betrunken, labil, aggressiv, nach Hilfe schreiend und sich einer trügerischen Euphorie hingebend, die trauriges Mitgefühl hervorruft. Regisseur Peter Beauvais spart sich die visuellen Härteschocks weitestgehend auf, malt sie dementsprechend kaum aus, was am Ende für viel intensivere Eindrücke sorgen wird, wenn man beispielsweise Jürgen mit einem nassen Handtuch vor der Nase durch die Wohnung gehend sieht, da der Verwesungsgeruch nicht mehr auszuhalten ist. Fast alles findet hier Erfüllung in Andeutungen, Ankündigungen, die sich tief in die Köpfe des Publikums bohren, um dort in der Fantasie weiter ausgemalt zu werden. "Sechs Wochen im Leben der Brüder G." wurde seinerzeit mit einigen Preisen ausgezeichnet, was bereits viel über die Qualität dieser traurigen Studie aussagt. Am Ende bleibt die unerbittliche Mechanik einer Gesellschaft, die es offenbar verlernt hat, zu agieren, mitzufühlen und zu helfen. Selbst ausgewiesene Stellen, die Hilfestellung anbieten sollen, versagen kläglich, da stets ein erhobener, wenn auch unsichtbarer Zeigefinger wahrzunehmen ist, der auf die Schuld der anderen verweist und darauf, dass man für Miseren nicht verantwortlich ist. Das Drastische der Produktion bleibt, dass sich alles trotz der Absurdität der hier getroffenen Entscheidungen doch um die nackte Realität handeln könnte. Irgendwo. Immer wieder. Vielleicht noch schlimmer.

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