DANA GHIA

Leinwandsternchen und verkannte Stars im Blickpunkt
Antworten
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 5800
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

DANA GHIA

Beitrag von Prisma »




DANA GHIA

[* 13. Juli 1932 | † 15. Januar 2024]

DanaGhia2.jpg
DanaGhia3.jpg
DanaGhia6.jpg
DanaGhia1.jpg



Prisma hat geschrieben:
Die Italienerin Dana Ghia wurde im Jahr 1932 in Mailand geboren und verfolgte in jungen Jahren eine Karriere als Fotomodell, wurde später jedoch schnell zum Begriff als Sängerin, die wegen ihres modernen Darbietungsstils auf internationalen Tourneen gefeiert und geachtet wurde. Der Film entdeckte Ghia erst Mitte der 60er-Jahre und obwohl ihre Filmografie lediglich 28 Credits aufweist und ihre Rollen oftmals geringeren Umfangs waren, konnte sich durch das Platzieren in etlichen Publikumserfolgen auch hier einen Namen machen. Dana Ghia verfügt über eine besondere Präsenz, konnte ihre Rollen dementsprechend auch innerhalb marginaler Szenen nachhaltig und glaubwürdig ausfüllen und strukturieren. Mit bürgerlichem Namen als Felicita Ghia geboren, trat die Interpretin gelegentlich unter den weiteren Pseudonymen Ghia Arlen, Ghia Felicita oder Diana Madigan auf. Dana Ghia, über deren Privatleben nicht allzu viel bekannt ist, starb im hohen Alter von 91 Jahren im Jahr 2024.


Der Name Dana Ghia steht gleichbedeutend für eine besondere Art der Staffage in italienischen beziehungsweise europäischen Genre-Produktionen, in denen die Interpretin überwiegend kleinere Parts übernehmen sollte. Trotz dieser Einsätze mit vorwiegend übersichtlicher Screentime kamen nicht selten erinnerungswürdige Darbietungen dabei heraus, die insbesondere von Ghias größter Stärke, einer bemerkenswerten Präsenz in Verbindung mit einer zurückhaltend erscheinenden Aura, geprägt sind. Sie wirkt jedoch nie bedeutungslos. Die in Mailand geborene Schauspielerin mit dem bürgerlichen Namen Felicita Ghia, die sich zunächst als Sängerin und Fotomodell einen Namen über Achtungserfolge machen konnte, startete relativ spät ins Film-Business und deckte keine besondere oder ausschließliche Typisierung ab. In diesem Zusammenhang scheute sie sich auch nicht, unsympathische oder kalt wirkende Charaktere, aber beispielsweise auch Mordopfer zu interpretieren, quasi alles, was der zeitgenössische Film von seinen patenten Zubringerinnen erwartete. In den meisten ihrer Filme ist sie trotz ihrer oft marginalen Auftritte sehr prominent bis exponiert in Szene gesetzt, sodass es ein Leichtes ist, sie in lebhafter Erinnerung zu behalten. Ghias wandlungsfähiger Stil gibt ihr die Möglichkeiten, quasi von einer Dirne zur Dame werden zu können; ein Spektrum, in dem so gut wie alles von Frauen der gehobenen Gesellschaft über Saloon-Damen oder rätselhaften Einzelgängerinnen abgedeckt werden kann, die genauso hoheitsvoll wie borghese erscheinen können. So verkörpert die Blondine im italienischen Film mehrheitlich eine klassisch-reife Schönheit, sie bietet Vergangenheit und Abgründe aber auch Kalkül an, ebenso wie Dominanz und Schwäche. Sucht man jedoch nach ihrer markantesten oder vielleicht bekanntesten Rolle, kommt es zu Schwierigkeiten, schnell oder eindeutig fündig zu werden, da die tatsächlichen Besetzungen kaum linear wirken. Dana Ghia kann insgesamt als eine Art Allround-Talent bezeichnet werden, da sie jede noch so unterschiedliche Anforderung überraschend eindringlich meistert, was wiederum zu einem hohen Wiedererkennungswert führen kann, auch wenn ihre Filmografie lediglich 28 Produktionen ausweist, dies aber immerhin über einen gestreckten Zeitraum von beinahe 20 Jahren.

Im Rahmen zahlreicher durch sie vermittelter Eindrücke drängt sich allerdings am meisten auf, dass sie sich nicht gerne in die Karten schauen lässt. Wie in jeder Karriere bestätigen gewisse Ausnahmen allerdings die Regel. In ihrer bunten Filmografie von gut choreografierten Auftritten zeigen sich zwar breite Facetten und eine auffällige Anpassungsfähigkeit, aber kaum die Ambition, in der ganz großen Liga spielen zu wollen. Dies bezieht sich in erster Linie auf den Status eines Top-Stars, wenngleich Ghia zweifellos jede weibliche Hauptrolle hätte stemmen können. Interpretinnen wie sie staffieren viele Plots hochinteressant aus, sodass eben diese pointierten Auftritte wie kleine Happenings wirken. Rollen, die vollkommen auf die Bedürfnisse des Publikums abgestimmt wirken und etwas zwischen Ausstrahlung und Spektakel hergeben, können unter Umständen ebenso im Gedächtnis bleiben, wie die Darbietungen der ganz großen oder umfangreichen Parts. Rollentechnisch gesehen hat Dana Ghia im Rückblick den Vorteil, überwiegend wichtig für Plots oder Schlüsselszenen gewesen zu sein. Hier bieten sich manche Auftritte in Italowestern oder Giallo an, die wahrscheinlich auch am meisten mit ihrer Person in Verbindung gebracht werden dürften. Eine Typisierung der blonden Interpretin mag sich nicht gerade als leicht darstellen, immerhin wurden unterschiedlichste Anforderungen an sie gestellt. Nicht selten wirkt sie reserviert, hin und wieder sogar überheblich und nicht minder unnahbar, kann jedoch mit Leichtigkeit auf die Seite der Sympathieträgerin wechseln, falls es die Grundvoraussetzungen erfordern. Wie der anspruchsvollste Film mit ihr aussieht, oder welche Rolle unterm Strich ihre stärkste ist, kann einem somit nur das Fan-Herz beantworten. Bei er Betrachtung ihrer Karriere bleibt jedoch die Bandbreite und vor allem die Dosierung ihrer Screentime im Gedächtnis, die beinahe so wirkt, als warte man auf etwas Spannendes und ebenso Spektakuläres. Das filmische Schaffen der Italienerin durch- beziehungsweise aufzuarbeiten dürfte daher mehr als lohnenswert werden, die entsprechenden Produktionen und Geschichten erfahrungsgemäß auch. Da Wiedersehen dem Sprichwort nach Freude macht, dürfte dies sicherlich auch für die interessante Italienerin gelten, die bereits in den 80er-Jahren den Vorhang fallen ließ.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 5800
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DANA GHIA

Beitrag von Prisma »



DanaGhiaMesser (4).JPG
DanaGhiaMesser (7).JPG
DanaGhiaMesser (6).JPG


● DANA GHIA als DIAMANTE in
DAS MESSER (I|D|1971)



Betrachtet man Dana Ghias Einsätze, ist eine Art Staffage-Karriere wahrzunehmen, die den italienisch geprägten Film ökonomisch, teils Aufsehen erregend aber vor allem diszipliniert und pointiert unterstützen konnte. Bei Duccio Tessaris "Das Messer" ist es zunächst nicht gelungen, der Produktion einen packenden deutschen Titel zu verpassen, sodass der Film nominell gesehen beinahe nichtssagend wirkt, auch ohne ihn überhaupt betrachtet zu haben. Außerdem besitzt der Francis Durbridge Dreiteiler desselben Jahres den gleichen Titel, Tessaris Film kam allerdings erst im Sommer 1972 in die Kinos. Glücklicherweise wird dies die einzige Klage auf hohem Niveau bleiben, denn die Regie bietet wie üblich ein Komplettangebot an, das keine Wünsche offen lässt. Schon der Vorspann ist ein visueller und akustischer Genuss, der seine Schauspieler vollmundig ankündigt, unter denen auch Dana Ghia zu finden ist, die in den Credits weit nach hinten gerückt ist, was tatsächlich dem geringen Umfang ihrer Rolle entspricht. Besonders geistreich erscheint die Tatsache, dass die wichtigen Personen des Verlaufs anschließend in kurzen bewegten Szenen mit ihren Filmnamen vorgestellt werden, in denen auch Diamante zu finden ist. Der aus dem Französisch stammende Name kann 1:1 ins Deutsche übersetzt werden und weist nach kurzen Intervallen auf die Ambivalenz dieser nach außen hin elegant und unnahbar wirkenden Frau hin, die zu Beginn in ihrer feudalen Villa zu sehen ist. Sie sitzt alleine am Kaffeetisch, der mit Tafelsilber so gedeckt ist, als ob sie ein Dutzend Gäste erwarte. Sie zündet sich gelangweilt eine Zigarette an und fängt an zu stricken, die Zeit setzt ihr offenbar schwer zu. Damit ist das knappe Kennenlernen der Mutter der jungen Hauptfigur der Geschichte bereits beendet und das Publikum muss über eine Stunde auf einen zweiten und finalen Auftritt warten. Obwohl diese kurze Szene mit der namentlichen Vorstellung Ghias nonverbal vonstattengeht, sagt er doch einiges über sie aus, die sich offenbar ausschließlich in der besseren Gesellschaft bewegt. Diamante trägt eine Maske, die sie, wie sich zeigen wird, nie abnimmt, höchstwahrscheinlich nicht abnehmen kann. Ihre blasierte und kühle Ausstrahlung macht einsam; ein Preis, den sie bereit ist zu zahlen, da der Luxus über viele Entbehrungen im Rahmen der Zwischenmenschlichkeit hinwegtröstet. Zumindest scheint es so.

Dana Ghia sieht hier blendend aus, sie wirkt wie ein Teil der geschmackvoll gewählten Kulissen und Details, wie ein Dekor, sodass man beinahe von einer Art der lebendigen Architektur sprechen könnte, doch die Frau wirkt resigniert. Des Weiteren handelt es sich bei der wandlungsfähigen Interpretin um eine optimale Wahl für die Mutter Giorgios, was sich nicht zuletzt auf ihr Erscheinungsbild und das Helmut Bergers bezieht. Die beiden haben eine gemeinsame Szene, was wortwörtlich zu nehmen ist. Diamante bekommt eine der wohl üblichen Szenen gemacht, ihre Empörung ist erneut groß, zumal zwei völlig unterschiedliche Weltbilder und gesellschaftliche Paralleluniversen aufeinandertreffen. Der Tisch ist reichlich gedeckt, der Raum gleicht einem Salon eines Schlosses. Mutter und Sohn sitzen an der großen Tafel weit auseinander, sie haben sich nichts zu sagen, obendrein wissen sie nichts voneinander und können nicht das Geringste miteinander anfangen. Diamante fragt ihren Sohn, wie die Schule läuft, er erwidert mit gereiztem Unterton, dass er diese bereits vor zwei Jahren beendet habe. Sie reagiert nicht auf seine Provokationen, von denen sich Giorgio eine andere Gefühlsregung als die eines Eisblocks erhofft. Dana Ghia spielt die Karten der Arroganz und Gleichgültigkeit klassisch aus, allerdings fürchtet sie sich dennoch vor Quertreibern, die sich nicht so oft oder täglich sieht wie ihren Coiffeur oder das Dienstmädchen. Ihren Sohn kann sie nicht leugnen aber ebenso wenig fassen, ihrer Ansicht nach könnte er genauso gut aus dem Proletariat stammen, mit dem Diamante nichts zu tun hat, zumal sie sich über andere zu erheben scheint. Dana Ghias Vorstellung gehrt in weniger als zwei Minuten treffsicher und punktgenau vonstatten, für das Publikum reicht diese kurze Zeit, um einen vagen Begriff davon zu bekommen, warum Giorgio ist, wie er ist. Landläufig werden derartig kurze Auftritte wie der von Ghia als unbedeutend und irrelevant abqualifiziert, doch hinter ihm steckt wesentlich mehr, als nur Beiwerk, das sie jedoch im Film darzustellen hat. So hält selbst dieses kurze Intervall nach über einer Stunde einen kleinen Schlüssel für das Szenario bereit, den Dana Ghia ohne Zögern an das Publikum weiterreicht, um sich wie üblich wieder schnell zu verabschieden. Am Ende handelt es sich um einen sehr interessanten Schlagabtausch ohne wirklichen Gegner, da sich Diamante wie üblich verweigert und nicht aus dem goldenen Käfig locken lässt.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 5800
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DANA GHIA

Beitrag von Prisma »



DanaGhiaKatze (4).JPG
DanaGhiaKatze (9).JPG
DanaGhiaKatze (18).JPG


● DANA GHIA als LADY ALICE in
SIEBEN TOTE IN DEN AUGEN DER KATZE (D|F|I|1973)



Antonio Margheritis "Sieben Tote in den Augen der Katze" bietet seinen Interpretinnen überaus relevante, aber völlig unterschiedliche Anlegungen der Rollen an, unter denen Dana Ghias Lady Alice trotz einer beinahe obligatorisch geringen Auftrittsdauer hervorzustechen vermag. Wie der verheißungsvolle Titel bereits unmissverständlich ankündigt, wird sich die Besetzungslist sukzessive durch Mörderhand dezimieren müssen, sodass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, gerade bei den Nebenrollen schnelle Abgänge beobachten zu können. Dana Ghia ist hier bereits in ihrem zwanzigsten Film zu sehen, der sie schon wesentlich näher in den Radius ihres Karriereendes rückt. Lady Alice besucht ihre Schwester Mary auf dem Stammschloss Dragonstone und wird von einer Art Bittstellerin empfangen, der die Finanzen offenbar wie das Wasser bis zum Hals stehen. Der Zuschauer und Alice werden mit wenig Demut und deutlichen Forderungen konfrontiert, die jedoch schnell abgeschmettert sind. Alice ist wohl aus zahlreichen Gründen nicht bereit, ihrer dem Empfinden nach verhassten Schwester aus der Bredouille zu helfen, da in der Vergangenheit sicherlich einiges vorgefallen ist, das hier jedoch nicht thematisiert wird. Hier reicht die nicht gerade sympathisch wirkende Aura einer großartig aufspielenden Françoise Christophe völlig aus, um vollendete Tatsachen und zahlreiche Mutmaßungen in den Raum zu stellen, die derartige Schlüsse ungehindert zulassen. Das angespannte Verhältnis kommt also nicht von ungefähr, sodass es zu einer ungeschönten Konversation zwischen den beiden kommt, in der beide Parteien ihre Karten auf den Tisch legen. »Das ehrwürdige Haus der Ahnen … Du lebst hier wie im Mittelalter, in einer Burg mit Ratten und Ungeziefer, deren Unterhalt ungeheure Summen verschlingt!« Mary weist umgehend darauf hin, dass sie sich frage, warum ihre Schwester ihre Ferien im Schloss verbringt, brüskiert sie damit sichtlich, da es einem offenen Hinauskomplementieren gleichkommt. Dana Ghia fällt in ihren wenigen Intervallen durch herbe Kontraste auf. Zunächst wirkt sie überaus kultiviert und in erhaben wirkender Weise empfindlich, da sie direkte Worte wohl nicht in dieser Form gewöhnt ist. Für sie kommt es allerdings noch schlimmer, da sie mit ihrem als verrückt geltenden Neffen aneinandergerät, der ohne Umschweife anspricht, dass sie doch einfach abreisen solle, schließlich sei sie von niemandem eingeladen worden.

Sichtlich schockiert und unangenehm berührt, verlässt Alice die Tafel, um ihrer Tochter Corringa mitzuteilen, dass sie noch einige Tage warten sollten, bevor sie abreisen, da es sonst zu auffällig aussehen würde. Hier zeigt sich die typische Attitüde dieser Frau, die direkte Konfrontation scheut und blumige Worte erwartet, egal in welcher Situation und Konstellation. Die Italienerin spielt mit merklicher Nervosität, die sich offenbar durch ihren ganzen Körper zu ziehen scheint, außerdem fühlt sie sich unwohl inmitten des alten Gemäuers, da der Komfort und Luxus fehlt, den sie hinlänglich gewöhnt ist. In der nächsten Etappe ihres Auftritts betreibt sie Konversation mit einer ungewöhnlichen Gesprächspartnerin, und zwar der titelgebenden Katze, deren Augen über Leben und Tod wachen werden. In allen folgenden Szenen ist Dana Ghia kaum wiederzuerkennen, zumal sie in erster Linie völlig anders hergerichtet ist, als zu Beginn. Im Rahmen quälender Rückblenden sucht sie ihre Tochter in für sie unerträglichen Alpträumen heim und lehrt alle Beteiligten durch kryptische Prophezeiungen das Fürchten, doch es kann gesagt werden, dass es sich um sehr starke Szenen aus dem Jenseits handelt. So wird sie trotz einer eher marginalen Rolle in Erinnerung bleiben, was nicht zuletzt an der intensiven und einfallsreichen Inszenierung liegt. Für Dana Ghia handelt es sich in diesem mit Horrorelementen versehenen Thriller schließlich um einen sehr prägnanten Auftritt, der mitunter zu ihren bekanntesten gehören dürfte. Im Angebot stehen wahlweise Eiseskälte und Feuer, Konfrontation und Illusion, Abweisung und Entrüstung und ein Gefühl des Unwohlseins außerhalb ihrer üblichen Komfortzone mit Dienstmädchen und im Dunstkreis der Hautevolee. Vom Typ her passt die beherrscht wirkende Interpretin perfekt in diese Art Rolle, zumal ihre Wandlungsfähigkeit in aller Ökonomie ausgeschöpft wird. Hinzu kommt, dass die Bereiche Körpersprache, Twiststärke und Präsenz in optimaler Weise zum Tragen kommen. Nennt man die großen Damen dieses Szenarios, so ist Dana Ghia neben ihren vielleicht omnipräsent wirkenden Kolleginnen Jane Birkin, Françoise Christophe und Doris Kunstmann sicherlich nicht so schnell genannt, was zunächst einmal am Bekanntheitsgrad, der Auftrittsdauer und Funktionalisierung liegen mag. Nimmt man die Rolle der Lady Alice und das tadellose und eingängige Schauspiel der Dana Ghia jedoch einmal genauer unter die Lupe, so ergibt sich ein wichtiger Mosaikstein für dieses in allen Belangen sehr spannende Gefüge.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 5800
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DANA GHIA

Beitrag von Prisma »



Dana Ghia My dear Killer (4).png
Dana Ghia My dear Killer (8).png
Dana Ghia My dear Killer (14).png


● DANA GHIA als ELEONORA MORONI in
MY DEAR KILLER (I|E|1972)



»Es tut mir leid, Mrs. Moroni, aber ich muss Ihnen einige Fragen über Stefania stellen …« Die elegant wirkende Frau reagiert kaum auf die Bemerkung Inspektor Perettis, zumindest nicht so, wie er und das Publikum es erwarten würden, denn es handelt sich um unbequeme Fragen über ihre ermordete Tochter. Man merkt, dass sie sich bedrängt fühlt, unterbricht das Stricken eines Pullovers für ihr totes Kind jedoch nicht. An der Reaktion des Polizeimannes lässt sich erkennen, dass er umgehend über die psychische Konstitution seiner Zeugin im Bilde zu sein scheint und er geht weiterhin ungewohnt subtil vor. Es ergeben sich keine neuen Erkenntnisse, denn dafür ist Eleonora Moroni zu sehr gefangen in der Vergangenheit. Es ist, als ob eine unüberwindbare Mauer zur Realität, zum Hier und Jetzt gezogen wäre, deren Überwindung die Frau im besten Alter nicht verkraften würde, vielleicht sogar nicht überleben. Dana Ghia ist in Tonino Valeriis atmosphärischem Giallo, wie für ihre Karriere meist üblich, in kürzeren Intervallen zu sehen, die sich hier erfreulicherweise über den kompletten Film verteilen. Antworten wird man bei dieser in sich gekehrten und offenbar schwer traumatisierten Frau nicht mehr finden können, denn sie hat alles verloren. Wenig später übernimmt ihre resolute Schwägerin das Wort und hierbei wird jedem schnellstens klar, dass es in ihrem besonderen Interesse liegt, die Frau mit der Finanzstärke systematisch von der Außenwelt abzuschirmen. Die Befragung durch die Polizei missfällt ihr offenbar sehr, aber nicht um ihrer Schwägerin willen, sondern aus Angst, dass ihre Konstruktion in Stücke zerfällt. Dana Ghia wirkt der Anforderung ihres Parts entsprechend abwesend, gefangen in sich selbst und verhalten in ihren spärlichen Antworten. Sie strickt einen Pullover für ihr Kind, welches ihn niemals tragen wird. Mit Stolz präsentiert sie dem Inspektor das Foto ihrer seinerzeit fünfjährigen Tochter, der ihr versichert, wie hübsch sie sei und Ähnlichkeit mit der Mutter habe. Eine gute Strategie, seine Zeugin auf für sie sicheres Terrain zu führen, bis die besagte Schwägerin das Wort und Regiment übernimmt. Eleonora bleibt unbeachtet auf ihrem wohl bevorzugten Platz, bis sie schließlich durch die feudale Villa geistern wird, um rufend nach ihrer Tochter zu suchen. Offenbar ist sie dazu verurteilt, dieses Szenario immer und immer wieder durchzuspielen, denn ihr Dasein scheint wie eingefroren, ihre Gedanken abgekapselt zu sein und dies ab dem Zeitpunkt der Todesnachricht.

Ihr Leben spielt sie wiederkehrend wie in Endlosschleife bis zu diesem Schicksalsschlag durch, ohne jemals weiterkommen zu können, da die Türe zur Realität verschlossen ist, ohne den passenden Schlüssel wieder finden zu können. Vor dieser Szene und anschließend bekommt das Publikum die Mutter in Rückblenden präsentiert. Ängstlich läuft sie suchend und rufend durch den Park des Hauses, ihre Panik ist vom Publikum beinahe zum Greifen nah und spürbar, ebenso als sie den erpresserischen Anruf erhält. Eleonora hört nur zu, wie gelähmt, unfähig auch nur ein Wort zu sagen. Die Summe von 500.000 Dollar ist eine Randnotiz, die keine Relevanz für sie zu haben scheint, vor allem weil der Tod in Aussicht gestellt wurde. Als sie den Hörer aufhängt, sieht man Mrs. Moroni in diesem Verlauf das einzige Mal gedanklich völlig klar. Ihr Gesichtsausdruck spricht dabei Bände, als sie ins Leere starrt und dabei vermutlich Bilder in Vorahnung sieht, die sich wenig später leider bestätigen würden. Dana Ghia provoziert durch ihr subtiles und beinahe minimalistisches Angebot Mitgefühl, sodass es umso überraschender wirkt, dass sie vom Skript nicht als eine der Verdächtigen für die anschließende Mordserie ausgeschlossen wird, immerhin wurde die Frau als Gefangene ihrer niemals aufhörenden Gedanken präsentiert. Was Ghia betrifft, so hat man mit ihrer Platzierung erneut den richtigen Coup gelandet. Elegante, nicht selten etwas oberflächlich anmutende Damen der gehobenen Gesellschaft waren ihre leichteste Fingerübung und dennoch ein wichtiges Fragment. Oftmals interpretierte sie Schlüsselrollen, wenn sie denn von der Geschichte genügend aufgerollt wurden. Hier bleibt sie gewollt in der Leere des Szenarios zurück, aus der sie nicht ausbrechen kann, dabei nicht greifbar für den Zuschauer und die Polizei ist, außerdem unantastbar aus Rücksichtnahme auf ihren angeschlagenen Geisteszustand. Ist Eleonora Moroni also der klassische Typ des innocent bystander, gefangen in ihrer eigenen Realität, oder besitzt sie die Kapazitäten, das Geschehen aktiv zu prägen? Diese interessante Frage wird von Dana Ghia geschickt verschleiert, bis es gegen Ende zu einem unnachgiebigen Blick in einen Spiegel kommt, der jedem Beteiligten die Gewissheit über ihre Zukunft aufzeigen wird. Ja, Auftritte der Italienerin dieser Art sind immer hochinteressant und gerne gesehen, sollten aufgrund ihrer empfundenen Marginalität jedoch keineswegs unterschätzt werden, da sie wie hier oftmals ein wichtiges Bindeglied zwischen Unkenntnis und Erkenntnis darstellt.

Antworten