DER KOMMISSAR

Der Tummelplatz für alle Serienjunkies und Binge-Watcher!
Von DALLAS bis DENVER, vom TATORT in die LINDENSTRASSE über BREAKING BAD bis hin zu GAME OF THRONES.
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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

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● FOLGE 36: TOD EINES LADENBESITZERS (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Curt Bois, Werner Kreindl, Hans Herrmann Schaufuss, Fritz Rasp, Margarethe von Trotta, Lisa Helwig, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte



Aufruhr in einer kleinen Ortschaft. Kurz nachdem der Kleinhändler Heinze sein Ladenlokal abgeschlossen hat, geschieht ein Verbrechen. Als Kommissar Keller und seine Leute den Tatort untersuchen, scheint es zunächst klar zu sein, dass der Erschlagene einem Raubmord zum Opfer gefallen ist. Doch handelt es sich wirklich um dieses Tatmotiv? Die Ermittlungen ergeben, dass der Ladenbesitzer nicht sehr umgänglich gewesen sein soll, und die ältere Kundschaft eines in der Nähe liegenden Seniorenheims sehr schlecht behandelte. Plötzlich steht das Rachemotiv im Raum, was Kommissar Keller veranlasst, sich näher mit den alten Herren des Heims zu beschäftigen...

Ein alter Mann steht vor dem Spirituosen-Sortiment und hat dieselben glänzenden Augen, wie sie Kinder haben, wenn sie vor dem Süßigkeiten-Regal stehen. Doch diese beinahe unschuldig wirkende Situation wird plötzlich durch einen Zwischenfall und einen unangenehmen Ladenbesitzer gestört, der den alten Herrn vor die Türe setzt und entnervt abschließt. Plötzlich geschieht ein Mord, der in Standbildern lediglich von den Schreien des Opfers untermalt wird. Schnell führt die Spur in das nicht weit entfernt liegende Altenheim, und die Ermittlungen werden sich sowohl als interessant, als auch schwierig erweisen, weil es die Polizei mit Gegenspielern zu tun bekommt, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben. Schnell stellt sich heraus, dass das Drehbuch mit uralten Konflikten der Generationen jonglieren möchte, so wie es die Dialoge mit der Erfahrung älterer Menschen tun, welche in diesen Fällen nicht mehr das höchste, sondern das offenbar einzig verbliebene Gut dieser Menschen im goldenen Käfig darstellt. Die Angst, ausgedient zu haben, die Furcht vor dem Abstellgleis, oder besser gesagt vor der Endstation, dem Wartezimmer zum Jenseits, wird quasi stillschreiend thematisiert, doch die besseren Lösungen haben nun stets die jüngeren Generationen parat. Das Szenario wirkt unter der Regie von Wolfgang Staudte überaus grotesk. Durch Mord und Polizei scheinen sich alle Beteiligten belästigt zu fühlen, die Heimleitung kommt ins Rudern, weil die mühsam aber unerbittlich aufgebaute Tagesstruktur gestört wird, das Bild nach außen beschädigt werden könnte. Ansichten und Befehlston kommen dem Umgang in einer Kaserne gleich, welcher von lebenden Toten nur noch resigniert oder unbeteiligt quittiert wird. Die überspitzte Darstellung soll bestenfalls auf Missstände hinweisen und schlimmstenfalls die Realität simulieren, doch reicht es wegen vermeintlichen Kleinigkeiten schon für Mord? Kommissar Keller und seine Leute werden ein Liedchen davon singen können, dass sie bereits wegen viel weniger bemüht werden mussten, und man es zum Teil kaum fassen konnte, wozu die Klientel im Zweifelsfall fähig sein kann.

Die Heimleitung wird von Werner Kreindl ausgezeichnet dargestellt. Mit Wendungen wie »alle Vergünstigungen werden gestrichen!«, oder »alte Leute haben ein anderes Verhältnis zur Realität!«, fällt er binnen kürzester Zeit als überaus unbequeme Instanz auf. Die außerordentliche Situation macht ihn dennoch sichtlich nervös und er fühlt sich von der neuen Unordnung bedroht, denn sie kommt einfach zu spontan für ihn. Bei den älteren Herrschaften fällt im Besonderen Curt Bois auf, der das erfahrene Sprachrohr einer kompletten Mannschaft glaubhaft darzustellen weiß. Da man hier versucht hat, alle Generationen abzudecken und in dieser Farce zu Wort kommen zu lassen, ist noch der kurze Auftritt von Margarethe von Trotta erwähnenswert, die ihren Großvater in das Seniorenheim bringt, beziehungsweise einfach abstellt. Obwohl kein Leerzimmer, sondern nur noch ein einzelnes Bett frei ist, lässt sie ihn zurück, da sie den alten Herrn sonst wieder mit sich nehmen müsste. Kommissar Keller geht sachlich und zielstrebig vor, vergisst es jedoch in keinem Moment, den Senioren mit Respekt und Verständnis gegenüberzutreten. Was ihm und dem Zuschauer so eigenartig erscheint, ist, dass der Mord keinerlei Bestürzung bei irgend jemandem auslöst, sondern eher Solidarität und beinahe eine neue Agilität. Der Heimleiter wittert eine Meuterei und geht mit verschärften Methoden vor, um die renitenten Gäste in die Schranken zu weisen. Die Eindrücke überschlagen sich. Folge 36 ist insgesamt schön fotografiert worden und überrascht mit einer eigenartigen beißenden und kontrakt wirkenden Musik, die nicht zum Geschehen passen möchte. Wolfgang Staudte inszeniert letztlich nicht uninteressant, jedoch basiert diese Folge, aus der man das Möglichste herausgeschlagen hat, auf Unwahrscheinlichkeiten und kippt thematisch gesehen zum Ende hin leider erwartungsgemäß um; darüber kann auch die ziemlich spannend inszenierte finale Sequenz nicht hinwegtäuschen. Zu viele dumpf klingende, unangenehm formulierte Untertöne, und eine entgleiste Absolution für ein Verbrechen haben insgesamt schließlich nicht überzeugen können.

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Prisma
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● FOLGE 37: DIE ANDERE SEITE DER STRAẞE (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Helma Seitz
Gäste: Gisela Dreyer, Bruno Hübner, Christine Ostermayer, Gerd Baltus, Kurt Beck, Klaus Höhne, Hans Brenner, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler



Ein Mann wird auf offener Straße erschossen, der Aussagen zufolge in panischer Angst umherlief. Kommissar Keller geht davon aus, dass der Fall schnell geklärt werden kann, da es genügend Augenzeugen zu geben scheint. Zu seiner Verwunderung will niemand der Befragten etwas gesehen haben. Egal wie die Verhöre ablaufen, es herrscht Schweigen. Auch gutes Zureden oder verschärfte Befragungen führen bei den Ermittlungen nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Es scheint, als seien alle Aussagen gut abgesprochen worden zu sein, doch was steckt wirklich dahinter? Erst als ein weiterer Mord geschieht, kann der Kommissar dem Mörder eine Falle stellen...

Bei "Die andere Seite der Straße" handelt es sich um eine der erstaunlichsten Folgen der gesamten Kommissar-Reihe. Erstaunlich deswegen, weil sich innerhalb von nur 90 Sekunden unmissverständlich herausstellt, dass es für den ersten Mord eigentlich nur zwei Verdächtige geben kann. Hierbei bekommt man es mit einem inszenatorischen, oder wenn man so will, akustischen Patzer par excellence zu tun. Nach zehn Minuten ist dann auch schon völlig klar, dass nur noch eine in Frage kommende Person übrig bleiben wird, was der Spannung nicht gerade zuträglich ist. Um das Konstrukt irgendwie aufrechtzuerhalten, musste als noch ein zweiter Mord aufs Tableau, was innerhalb der Folgen auch nicht immer der Fall war. Schnell findet sich das Publikum in einem heruntergekommenen Viertel wieder, in dem es von zwielichtigen Gestalten nur so zu wimmeln scheint, die man vorzugsweise in der im Karree liegenden Nacht-Bar finden kann. Es ist wirklich unglaublich, dass das Potential dieser Folge im Handumdrehen verplempert erscheint und sich nichts mehr retten lässt. Die Idee, dass alle die den Mord gesehen haben und schweigen, ist vom Prinzip her ganz originell, da es unter diesen Umständen zahlreiche Möglichkeiten gibt, den Fall aufzurollen, um das Motiv exponiert in Erscheinung treten zu lassen, außerdem für eine unberechenbare Eigendynamik unter den Personen zu sorgen. Leider kommt Regisseur Theodor Grädler erst gar nicht auf diesen Dreh, und inszeniert von Anfang bis Ende unspektakulär und entsetzlich langweilig. Eintönige, schrecklich oberflächliche Wischiwaschi-Dialoge, ermüdende Befragungen von stummen Zeugen und weitgehend uninteressante Charaktere machen Folge 37 zu einer klassischen Geduldsprobe, die vor allem im Vergleich zu anderen Folgen schwer ins Gewicht fällt. Selbst permanente Ortswechsel, die zumindest für ein anvisiertes Tempo stehen, wirken hier wie eine Katze, die sich permanent in den Schwanz beißt. Auch die modernere Musik sorgt nicht für eine gewünschte, oder zumindest erfrischende Note, was normalerweise gut möglich gewesen wäre.

Die Rollenverteilungen dieser Story wirken wie ein russisches Roulette an gängigen Klischees. Da es wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, die schwachen Eindrücke zu schildern, sollen die soliden Auftritte lobend erwähnt werden, die hier glücklicherweise zu finden sind. Kurt Beck wirkt überzeugend und agiert angemessen, ihn hätte man tatsächlich gerne häufiger in derartigen Rollen oder Serien gesehen, ansonsten ist unbedingt Gisela Dreyer zu erwähnen, die sich von allen anderen Beteiligten in Darstellung und Anlegung abheben kann. Mit ihrer Traurigkeit und Resignation zieht sie immer wieder verhaltene, mitleidige Blicke auf sich und sie stellt eine besonders authentisch wirkende Schlüsselfigur im Dickicht der verkommenen Kneipe dar. Ansonsten hat man es in der Darstellung reihenweise mit gescheiterten Existenzen zu tun, oder solchen, die auf dem besten Weg dazu sind, aus welchen Gründen auch immer. Der zweite Mord bringt nochmal eine gewisse vage Spannung in den Verlauf und stiftet bestenfalls zunächst Verwirrung. Außerdem musste man sich in der Reihe oftmals an einen Mord halten, von daher erscheint diese Situation doch etwas außergewöhnlich. Was das bis hierher interessierte Publikum jedoch im Finale an Erklärungen aufgetischt bekommt, wirkt nicht unbedingt nachvollziehbar, geschweige denn wahrscheinlich und sorgt daher für keinen zufriedenstellenden Gesamteindruck. Überhaupt lassen sich zahlreiche Mosaik-Steinchen finden, die einen etwas absurden Anschein hinterlassen, aber es ist dem möglicherweise gelangweilten Zuschauer schließlich auch irgendwie egal, da man sich die qualvolle Konstruktion des nahenden Endes buchstäblich herbeiwünscht. Aufgesetzte Tragik, unbeholfene gesellschaftskritische Färbungen und ein im Endeffekt langatmiger Mordfall machen "Die andere Seite der Straße" zu einem merklichen Tiefpunkt der Serie, die in diesem Stadium wieder einige Schippen drauflegen müsste, um keine Eintönigkeit zu vermitteln. Mit Theodor Grädlers konservativer Regie ist der Jahrmarkt der Langeweile und der Unwahrscheinlichkeiten also wieder einmal eröffnet gewesen.

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Prisma
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● FOLGE 38: GRAU-ROTER MORGEN (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Lilli Palmer, Hans Caninenberg, Sabine Sinjen, Fritz Schmiedel, Fred Haltiner, Michael Hinz, Annemarie Wendl, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler



Ein Spaziergänger findet am Ufer der Isar ein junges Mädchen, das erschossen wurde. Bei den Ermittlungen stellt sich schnell heraus, dass die Ermordete namens Billie drogensüchtig war. Bei den Befragungen lernt Kommissar Keller Frau Larasser, die Mutter der Toten kennen, die ihre Tochter fast zwei Jahre in der Sucht begleitete, und die zum Erstaunen aller Beteiligten Dinge aus dieser Zeit schildert, die oft nur schwer zu begreifen sind. Die Familie fiel in dieser Zeit auseinander. Es gibt viele Tatverdächtige im einschlägigen Milieu und auch im Umfeld von Billie finden sich Motive, doch die Klärung des Falles gestaltet sich nicht so einfach, wie Kommissar Keller zunächst vermutet hat...

Folge 38 stellt innerhalb der Kommissar-Reihe einen umstrittenen Klassiker dar, vor allem weil die Thematik beziehungsweise Schilderung um Drogensucht und Mord eben alles andere als konventionell ausgefallen ist. Der Kriminalfall an sich wird hier eher wie eine Nebensächlichkeit abgehandelt, und der Fokus liegt auf dem Durchleuchten eines erdrückenden Scherbenhaufens und den dazu gehörenden gescheiterten Personen, die wegen einer Kettenreaktion kapitulieren mussten. Im Grunde genommen wirkt allerdings auch dies alles untergeordnet, denn die konsequente Zwangszentrierung liegt im Endeffekt nur auf einer bestimmten Person, nämlich auf Stargast Lilli Palmer, die das komplette Szenario von Anfang bis Ende - für Kommissar-Verhältnisse nahezu beispiellos - dominieren wird. Dem Zuschauer wird eine Geschichte der empfundenen Befremdlichkeiten offeriert, man kann beinahe sagen zugemutet, und der Verlauf zeigt einen bizarren, gewollt verzerrten, aber auch teils ambitioniert erschreckenden Blick auf eines der vielleicht unzähligen Gesichter der Co-Abhängigkeit, des Leidensdruckes und der Verzweiflung. Theodor Grädler inszeniert sehr interessant, nicht zuletzt, weil man Lilli Palmer die große Bühne überlässt, die in dieser Folge wirklich alle Register zieht. Die Geschichte ist wie gesagt nicht besonders außergewöhnlich, aber es sind die unerwarteten Verhaltensweisen der Beteiligten, die für Aufsehen sorgen. Wo man zu Beginn in Rückblenden noch die üblichen Parolen und Sorgen einer Mutter gegenüber ihrer Tochter sieht, wirkt die mittlerweile tief verwurzelte Resignation in Verbindung mit den unbegreiflichen Hilfsaktionen der Frau Larasser wie ein kontraproduktiver Schlag ins Gesicht. Die indirekte Frage nach der Schuld stellt hier schließlich die Hauptwertung dar, auch wenn sie dem Zuschauer eher diffus präsentiert wird. Es gibt wohl keine andere Episode innerhalb der Reihe, in der es so viele ausgiebige Großaufnahmen gegeben hat. Jedes Mal, wenn Lilli Palmers versteinerte Mimik angezoomt wird, um sich damit mit der Vergangenheit zu solidarisieren, entsteht eine besonders dichte Atmosphäre, die hin und wieder sogar unangenehme Formen annimmt.

Vielleicht ist es gut beschrieben, wenn man hier von Lilli Palmers Erzähl-Folge spricht, deren Stimme dem Szenario trotz aller Aufregung eine eigenartig andächtige Ruhe vermittelt. Hier braucht es nichts weiter als ihre Dominanz und Präzision, um die Weichen zu stellen. So liefert sie nicht nur erneut eine Lehrstunde in Sachen herausragender Interpretation, sondern verwirrt den Zuschauer förmlich mit ihren teils abwegig wirkenden Auffassungen und Thesen, die ihr Filmtochter kurieren sollten. Dabei stellt sich allerdings schnell heraus, dass Frau Larasser völlig unpassende Ansatzpunkte gewählt hat, und erschreckend konsequent mit in die Abhängigkeit ihrer Tochter hineinwirkte. Diese seltsamen Formen sind allerdings keineswegs Produkte der späten Verzweiflung und Resignation, die sich langsam aber zielstrebig aufgebäumt haben, sondern diese Frau hat die Katastrophe, womöglich schon viele Jahre zuvor fabriziert und provoziert, sodass sie nun hilflos vor ihrem eigenen Werk stehen muss. Keiner kann ihr helfen. Es sind keine Tränen mehr übrig, die Beteiligten reagieren nüchtern und beinahe reflexartig beruhigt auf die Todesnachricht. Nur dass es sich um einen Mord handelt, sorgt für subtile Hysterie, die unter Theodor Grädler jedoch unter Verschluss gehalten wird. Erwähnenswert sind des Weiteren die Leistungen von Sabine Sinjen, die der süchtigen jungen Frau eine authentische Aura verleihen kann, jedoch als tragische Figur der Angelegenheit zurückbleiben wird, auch Hans Caninenberg als erleichterter Vater zeigt sich erneut von seiner präzisen und überzeugenden Seite. Die Schilderung des Milieus und der dazu passenden Personen wirkt vielleicht hier und da ein wenig überzeichnet, erweist sich dennoch als nötige Zutat für diese Episode, die im Endeffekt ohne falsche Sentimentalitäten von Seiten des Drehbuches auskommt, jedoch im Zweifelsfall das Potential besitzt, diese beim Zuschauer hervorzurufen. Theodor Grädler hat den schwierigen Stoff mit seiner nüchternen Herangehensweise sehr ansprechend und hochinteressant umsetzen können, sodass "Grau-roter Morgen" alle Möglichkeiten zeigt, als eine der ganz besonderen Episoden in Erinnerung zu bleiben.

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Prisma
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● FOLGE 39: ALS DIE BLUMEN TRAUER TRUGEN (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Sylvia Lukan, Paul Hoffmann, Inge Birkmann, Heinz Ehrenfreund, Klaus Wildbolz, Thomas Piper, Thomas Egg, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Dietrich Haugk



Dr. Trotta wird im Garten seines Hauses erschossen. Die Spur zum Täter führt über eine Schallplatte der Band "Joker Five", die sich der Mann in mittleren Jahren immer und immer wieder anhörte. Jeanie, die Sängerin dieser Musikgruppe war die Freundin von Doktor Trottas Sohn Peter. Sie starb wenige Wochen zuvor an den Komplikationen einer Abtreibung. Kommissar Keller vermutet genau hier den Zusammenhang, doch deswegen scheint auch jeder der Beteiligten ein Tatmotiv zu haben. Die Ermittlungen ergeben, dass man niemandem eine direkte Schuld an Jeanies Tod nachweisen kann, doch es könnte sein, dass der Tat möglicherweise eine Racheaktion zugrunde liegt...

Im Rahmen der "Kommissar"-Reihe lassen sich viele Klassiker ausfindig machen und bei Dietrich Haugks "Als die Blumen Trauer trugen" handelt es sich sicherlich um einen von ihnen, der mit einer auffälligen Melancholie durchzogen ist, vielleicht könnte man es sogar Theatralik nennen. Diese Tatsache soll allerdings nichts Negatives über diese Episode aussagen, denn der Zuschauer wirkt nicht zuletzt wegen der einfühlsamen und gleichermaßen fordernden Geschichte, sondern der besonderen Charaktere so packend, sodass man sich nicht abwenden kann und mit der singenden beziehungsweise toten Lichtgestalt des Verlaufs mitfühlt. Folge 39 wird von Musik getragen, von einem Lied, das allgegenwärtig erscheint und buchstäblich nachhallt. Doch zunächst kommt es zu einem plötzlichen Mord, dem eine packende Inszenierung zuteilwird, sich außerdem ganz offensichtlich in der besseren Gesellschaft abspielt. Konträr dazu stehen die gleich zu Beginn integrierten Bandmitglieder, aber es kommt zu einem schnellen Aufzeigen von wichtigen Zusammenhängen, bis man es mit einem sehr klassischen Aufrollen eines Verbrechens zu tun bekommt, bei dem Kommissar Keller und seine Mannschaft förmlich jedes kleinste Detail aufgreifen werden. Im Mittelpunkt steht die Lethargie der jungen Männer aus der Band, denen deutlich anzusehen ist, dass eine Welt zusammengebrochen ist und man sich nicht vorstellen kann, wie es jemals weitergehen soll. Außergewöhnlich dabei wirkt die Skizzierung der Emotionen, wenn es wie in diesem Fall dazu kommt, dass die Inspiration, Freundin, Liebe, sprich: das Elixier nicht mehr weiter existiert. Die Erfahrung Kommissar Kellers und des treuen und aufmerksamen Zuschauers sagt, dass innerhalb solcher Zustände alles möglich sein könnte, was auch deutlich in Betracht gezogen wird, was die Folge mit einer merkwürdigen Spannung versorgt, die jedoch alles andere als klassisch erscheint. Die Abhandlung des sensibel gefärbten Themas erfährt durch die Regie jedenfalls sehr echt wirkende Momente, wobei die kritische Auseinandersetzung mit dem § 218 einigen Oberflächlichkeiten weichen muss.

Dietrich Haugk beschäftigt sich zwar umgehend mit dem Kriminalfall und dem dazu gehörenden Mord, außerdem werden die übrig gebliebenen Schlüsselfiguren sehr gut charakterisiert, aber letztlich lebt die Folge nahezu ausschließlich von ihren großen Rückblenden, in der man die faszinierende Lichtgestalt Jeanie posthum bewundern und kennenlernt. So weit das Auge reicht, sieht man großflächige Poster der Sängerin und sie ist allgegenwärtig, doch auch mit diesem ausgeprägten Kult ist der Tod nicht zu überwinden, noch weniger zu verstehen. Auch Daisy Doors Schlager "Du lebst in Deiner Welt (Highlights Of My Dreams)", der nach der Ausstrahlung über Nacht zum großen Hit wurde, wird Teil einer intelligenten Kreation, der die österreichische Theater-Schauspielerin Sylvia Lukan einen denkwürdigen Brillantschliff gibt. Ihr Wesen wirkt anziehend, ihre Art vereinnahmend und sie bleibt als eine der ganz besonderen weiblichen "Kommissar"-Figuren in Erinnerung. Routiniers wie die stets großartige und das Szenario bestimmende Inge Birkmann oder Paul Hoffmann setzen klassische Schauspiel-Akzente und drängen den oftmals auf zu modern getrimmten Charakter der Umgebung zu Serien-Maximen zurück, was stets eine gute Mischung zwischen Lethargie und Nüchternheit offeriert. Erneut sieht man ein paar der 1000 Blüten der Liebe, eines der unzähligen Gesichter des Schicksals und ein halbes Dutzend von Leuten, die offensichtlich echte Typen sind. Wie im Titel angedeutet, wird hier eine international verständlich wirkende Sprache gesprochen, nämlich die der Blumen, und es bleibt zu sagen, dass ein abwechslungsreiches Roulette der Emotionen und falschen Entscheidungen sehr gut unterhalten kann, da man sich unmissverständlich angesprochen fühlt. Die Auflösung wirkt zugegebenermaßen etwas eilig aus dem Hut gezaubert und insgesamt muss die angestoßene Kritik ganz simplen Populärthemen weichen, doch dies bleibt sekundär, da man von Dietrich Haugk ein gelungenes Serien-Experiment angeboten bekommt, das sich seiner kraftvollen Möglichkeiten zu jedem Zeitpunkt bewusst ist und daher in beinahe schmerzlicher Erinnerung bleibt.

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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

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Im Abspann der K-Folge "Als die Blumen Trauer trugen" lieh die deutsche Schlagersängerin Daisy Door der Darstellerin Sylvia Lukan ihre Stimme. Der Titel "Du lebst in Deiner Welt" wurde von Altmeister Peter Thomas komponiert und produziert. Nach der Ausstrahlung schoss der Song bis auf Platz 1 der deutschen Hitparade, der Ohrwurm verkaufte sich innerhalb der ersten drei Monate über 500.000 mal und zählt zu bis heute zu den bekanntesten Liedern aus TV-Serien. Immer wieder gerne gehört, trägt das Stück zum besonderen Flair dieser neununddreißigsten Episode bei.


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Dschallogucker
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Re: DER KOMMISSAR

Beitrag von Dschallogucker »

Ich liebe diesen Song schon lange und meine mp3 hier auf dem PC ist schon arg strapaziert ;)

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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

Beitrag von Prisma »

Dschallogucker hat geschrieben:
Mo., 11.12.2023 21:49
Ich liebe diesen Song schon lange und meine mp3 hier auf dem PC ist schon arg strapaziert ;)

Immer wenn ich die Episode schaue, bleibt mir der Song Tage im Kopf, wirklich in Endlosschleife.
Ich mag ihn auch sehr und er verhilft der 39. Folge letztlich zu einem echten Klassiker-Status.

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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

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● FOLGE 40: DER TOD DES HERRN KURUSCH (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Volkert Kraeft, Cornelia Froboess, Christiane Krüger, Wolfgang Büttner, Martha Wallner, Heinz Baumann, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Theodor Grädler



Der nicht sonderlich beliebte Herr Kurusch sucht Monat für Monat die Bewohner seiner Mietshäuser auf, um die Mietgelder eintreiben, die er sich in bar auszahlen lässt. Dementsprechend weiß auch jeder, dass er Einnahmen von über 12 000 D-Mark mit sich herumträgt. Einer seiner Mieter, der Student Ewald Lerche, fasst einen Entschluss, um sich aus der finanziellen Misere zu befreien. Mit einem Hammer will er Kurusch erschlagen und die Geldsumme erbeuten, doch der Plan geht nicht auf. Gerade als er zur Tat schreiten will, macht er eine verwirrende Entdeckung. Jemand kam dem jungen Mann zuvor und hat Kurusch ermordet. Als Lerche fluchtartig die Wohnung verlässt, läuft er geradewegs der Nichte des Toten in die Arme, die ihn schließlich bei der Polizei als Mörder identifiziert...

Folge 40 der beliebten Krimi-Serie befasst sich vergleichsweise mit einem, auf den ersten Blick vielleicht recht profanen Fall, dem Habgier zugrunde liegt. Die Einleitung konzentriert sich auf die lückenlose Vorstellung der Hauptpersonen, sodass man schnell weiß, mit wem man es zu tun bekommt. Die Charakterisierung des Herrn Kurusch geschieht somit schnell und ohne Umschweife, denn man sieht einen alten Mann mit pedantischen und unaufgeregten Zügen, der ganz offensichtlich keinen Wert auf (un)angebrachte Höflichkeiten legt. Naturgemäß zieht er den Unmut und in vereinzelten Fällen sogar Hass auf sich, da er lediglich als unerbittlicher Geldeintreiber angesehen wird, den die Nöte der Leute nicht im Geringsten interessieren. Der Grund für den wenige Minuten später folgenden Mord wird also mit Neid und Habgier ziemlich schnörkellos thematisiert, und die Tatsache, dass junge Leute einen perfiden Mordplan ausarbeiten, lässt den Zuschauer etwas irritiert zurück, immerhin ist deutliches kriminelles Potenzial zu beobachten. Der Clou der Geschichte ist, dass natürlich alles anders kommt, als erwartet, denn der potentielle Mörder findet nur noch eine mit Blut überströmte Leiche vor. Da er quasi auf frischer Tat ertappt wurde, sich aber praktisch nichts vorzuwerfen hat, macht den besonderen Reiz des Kriminalfalls aus. Ewald Lerche muss sich plötzlich rechtfertigen, seine Unschuld beweisen, auch wenn sie im moralischen Sinne längst nicht mehr besteht. Da man die Vorgeschichte kennt, hegt man wenig Sympathien mit dem abgebrüht wirkenden jungen Mann, der zu allem Überfluss auch noch seine Freundin Helga hemmungslos mit in die Affäre zieht. Die Folge ist durchzogen mit Hektik, Nervosität, Beschuldigungen und Misstrauen, woraus die eigentliche Spannung entsteht. Im späten Verlauf tauchen noch weitere interessante Personen auf, die wichtige Informationen für den Fall liefern, überhaupt lässt sich sagen, dass man gerade wegen der beteiligten Darsteller sehr aussagekräftige Charakterzeichnungen offeriert bekommt, die hier zum Erfolg führen.

Zweifelhafter Protagonist dieser vierzigsten Episode ist der damals dreißigjährige Volkert Kraeft, der es geschickt in die Wege leitet, ihn zwischen Abneigung und eigenem Gerechtigkeitsempfinden wahrzunehmen. Da es dem Zuschauer en detail möglich war, unmittelbar bei seinem gescheiterten Vorhaben dabei zu sein, und man ihn daher als eigentlich unschuldig identifiziert, wird man zu seinem unfreiwilligen Komplizen; eine Allianz, die kein besonderes Verständnis für den Studenten hervorrufen wird. Die Tatsache, dass er seine Freundin Helga, die von Christiane Krüger einmal mehr sehr eindrucksvoll dargestellt wird, rücksichtslos einspannt, macht ihn noch weniger sympathisch, allerdings verlangt der erfahrene Krimi-Zuschauer, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Um es auf den Punkt zu bringen, ist der Plan der beiden dilettantisch geplant und von Einfältigkeit geprägt, was sich vor allem post mortem zeigt, da die Verwischung von Spuren und das Konstruieren von falschen Fährten nichts anderes als den Mut der Verzweiflung dokumentiert. Ein gefundenes Fressen für einen Routinier wie Kommissar Keller, der vor allem Lerche im Visier hat, weil sein nervöses Gesicht zahlreiche Bände spricht. Sehr gute Leitungen bieten des Weiteren Cornelia Froboess und Wolfgang Büttner an, die jeweils Vehemenz und charakterliche Starre personifizieren, auch Martha Wallner als Kuruschs kaltgestellte Ehefrau und notorische Trinkerin hinterlässt einen hervorragenden Eindruck, der durch knackige Dialoge untermauert wird. Theodor Grädler inszeniert diesen bereits 40. Fall mit seinen üblichen pragmatischen Tendenzen, vor allem der Aufbau ist bei "Der Tod des Herrn Kurusch" besonders geglückt, sodass befürchtete Längen erst gar nicht aufkommen wollen. Die angebotene Auflösung lässt insgesamt vielleicht ein bisschen zu viel Überraschung vermissen, allerdings wurden die vorhandenen, vielleicht etwas begrenzten Möglichkeiten hier optimal ausgenutzt. Es bleibt eine Folge mit merklichem Profil und äußerst kurzweiligem Charakter, die gerade deswegen als stark in Erinnerung bleibt.

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● CHRISTIANE KRÜGER als HELGA SCHWERIN in
DER KOMMISSAR - DER TOD DES HERRN KURUSCH (D|1971)



In der interessanten Episode "Der Tod des Herrn Kurusch" übernahm Christiane Krüger ihren zweiten von insgesamt drei Auftritten in der Kriminalserie "Der Kommissar". Bei den jeweiligen Rollen kam es zu sehr unterschiedlichen Anlegungen der Charaktere, dementsprechend auch zu deutlich voneinander abgegrenzten Darbietungen. Dies sei kurz erwähnt, da es ja sehr häufig zu relativ einheitlichen Besetzungen kam, die oftmals dem Image entsprechend abgestimmt waren. Als Helga Schwerin sieht man Krüger auf relativ ungewohnten Pfaden, da sie einen Typ Frau verkörpert, die sie nicht gerade häufig zu interpretieren hatte. Neben ihrem Partner Volkert Kraeft, kommt man aufgrund des offensichtlich einseitigen Umgangs nicht umhin, sie beinahe kritisch zu mustern, da sie dem Empfinden nach zunächst nur schön auszusehen hat, um im Endeffekt alles hinzunehmen. Als offensichtlich unfreiwillige Komplizin eines wohlgemerkt einfältigen Mordplans, spürt man förmlich ihr Unbehagen, das mit einer unruhigen Spannung versehen ist. Beinahe nervös hält sie sich an ihrer Zigarette fest und es scheint, als habe sie schwer dagegen anzukämpfen, nicht hysterisch zu werden und die Fassung zu verlieren. Von ihrem vollkommen auf sich selbst fixierten Freund ist keine Beruhigung zu erwarten, da er sie mit Anweisungen und wenig feinfühligen Kommentaren unter Druck setzt, sie zum Funktionieren und Durchhalten animiert, doch es wird ziemlich schnell klar, dass Helga aufgrund ihres Naturells keine gewöhnliche Kriminelle sein kann und will, sich aber aus Zuneigung und einer möglichen Verbesserung der finanziellen Lage solidarisch zeigt. Die Solidarität mit dem Tod hat man in Krimis häufig in vielen unterschiedlichen Facetten erleben können, aber auch das Finale, wenn alle Masken fallen und sich das bohrende Gewissen meldet. Dem Zuschauer ist von vorne herein klar, dass die attraktive Frau diese Last nicht aushalten kann und umkippen wird - wenn nicht heute, dann morgen.

Christiane Krüger thematisiert die Anspannung in jeder ihrer Szenen sehr gut. Neben ihrem Partner wirkt sie in jeder Hinsicht untergeordnet, vor Kommissar Keller scheint sie sogar wie das Kaninchen vor der Schlange zu erstarren. Fragend schaut sie ihren Partner in crime an, wenn die Polizei Auskünfte oder Hilfe von ihr ersucht, dabei sieht es so aus, als warte sie stets auf dessen Zustimmung und agiert erst nach dessen eindeutiger Absolution. Die Angst steht ihr ins Gesicht geschrieben und nur in wenigen schwachen Momenten kommt es von ihrer Seite zu verhaltenen Vorwürfen, die sie aber im gleichen Moment weder relativieren wird. Man sieht eine interessante Konstellation, weil sie eben nicht auf Augenhöhe präsentiert wird, und insgesamt eine sehr ansprechende Rolle, da man Temperament, Emotion und Gerechtigkeitsempfinden wittert. Beim Verhör in Kellers Büro wartet man als Zuschauer förmlich darauf, dass sie die Nerven verlieren wird, doch erneut transportiert Christiane Krüger eine in ihrem Wesen verankerte Stärke, die sich zeigt, egal in welcher Situation sie sich gerade befindet. Schnell ist sie als schwächstes Glied in dieser Kette identifiziert, und gerade bei solchen Rollen ergibt ich ein besonderer Reiz und nicht selten eine eigenartige Tragik, da sie möglicherweise zum Zünglein an der Waage werden könnte. Darstellerisch bewegt sich Christiane Krüger wieder einmal vollkommen auf solidem Terrain und vermittelt eine greifbare Figur, mit der man trotz der negativen Voraussetzungen mitgehen und sie auch sympathisch finden kann. Insgesamt wirkt sie sogar eine Spur mehr verständlich und greifbar, da sie ihren Gemütszustand im Rahmen ihrer eindeutigen Körpersprache zur Schau stellt. Weitere Akzente werden wie üblich in der Dialogarbeit und ihrem klassisch schönen Erscheinungsbild gesetzt, sodass man von einer Darbietung sprechen kann, die in einschlägigen "Kommissar"-Sphären sicherlich in Erinnerung bleiben dürfte. Ein überaus angenehmes Wiedersehen mit der Hamburgerin.



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● FOLGE 41 | DER KOMMISSAR | KELLNER WINDECK (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Michael Verhoeven, Angela Salloker, Inge Langen, Hans Korte, Edith Heerdegen,
Claus Biederstaedt, Rosemarie Kirstein, Thomas Frey, Harald Gruber, Iris Berben, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Erik Ode



Bei einem Fotoshooting wird ein Ermordeter in einem Brunnen gefunden. Kommissar Keller und seine Leute finden schnell heraus, dass es sich um einen Kellner namens Windeck handelt, der unmittelbar in der Nähe angestellt war. Bei den Befragungen fügt sich insbesondere durch die Aussagen der Frauen seines Umfeldes das Bild eines liebenswerten und aufmerksamen Mannes zusammen, der eigentlich allseits geschätzt gewesen sein müsste, doch es stellt sich ebenfalls heraus, dass ihn vor allem einige Ehemänner als Bedrohung angesehen haben. Ist hier das Motiv zu finden? Für Kommissar Keller ist erfahrungsgemäß jedenfalls klar, dass er bei einem Mordfall alle Möglichkeiten in Betracht ziehen muss...

Eine große Besonderheit dieser 41. Episode stellt die Tatsache dar, dass Hauptdarsteller Erik Ode hier selbst auf dem Regiestuhl platz nahm, um einen Beitrag zu inszenieren, der von viel Fingerspitzengefühl und psychologischer Spannung geprägt ist. Auch gelingt es ihm hervorragend, der Titelfigur Windeck und vielen anderen Beteiligten sehr viel Tiefe und Griffigkeit mitzugeben. Ein Darsteller kann sich bestimmt ein Stück weit mehr in die Köpfe der anderen Interpreten hineindenken und somit ist "Kellner Windeck" zu bescheinigen, dass es sich um eine der dichtesten und - wenn man so will - ergreifendsten Folgen der langjährigen Serie handelt. Natürlich bleibt auch der von vorne herein so überaus seltsam wirkende Kriminalfall nicht auf der Strecke und das Publikum wittert als Gegenpol zu so viel Sympathie und Herzlichkeit, ausgehend von der Titelrolle, nichts als Missgunst, Eifersucht, Neid und die ganze Palette an niederen Beweggründen, die man sich nur ausmalen kann. »Alle Frauen weinen um diesen Kellner!«, was nicht nur dem Ermittler in frappierender Art und Weise auffallen will, sondern auch dessen Kollegen, aber auf der anderen Seite sieht man bei den Herren der Schöpfung Gleichgültigkeit, sogar Erleichterung, unterschwelligen Hass und vermutlich den Rest der sieben Todsünden, die das Ermittler-Team um einige chritte weiterbringen dürften. Bereits nach der Hälfte des Verlaufs zeigt sich der sonst so nüchterne Kommissar Keller sogar von seiner beeindruckten Seite, denn die Zeugenbefragungen ergeben Psychogramme, die ganz offensichtlich als ungewöhnlich eingestuft werden und nicht alle Tage zu hören waren. Die Männer dieses Umfeldes waren durch den aufrichtigen Respekt irritiert, den Windeck Frauen entgegen bringen konnte, und das auf vollkommen uneigennütziger Basis. Was Anfang der 70er-Jahre beinahe wie eine noch ferne Vision angemutet haben muss, besitzt vielleicht auch heute noch nicht diesen allgemeinen Gültigkeitscharakter, daher ist die eher unorthodoxe Färbung dieses hochinteressanten Themas umso beeindruckender.

Bereits der Anfang der Folge wird mit einem großen Ausrufezeichen versehen, als ein Fotomodell alias Iris Berben den Toten bei einem zäh wirkenden Shooting in einem Brunnen entdeckt. Die Ermittlungen ergeben ganz groteske Eindrücke im Dunstkreis des Umfeldes, denn seine Zimmerwirtin trauert um ihn wie eine verzweifelte Mutter, verachtet aber ihren eigenen, nichtsnutzigen Sohn, oder die Frau seines Arbeitgebers weint um den Kellner wie eine Schwester um ihren Bruder. Tatsächlich alle Frauen dieses Szenarios erstarren in tiefer Trauer, kolportieren dabei ein Männerbild das absolut unüblich war und ist. Das Funktionieren der Folge wird von Erik Odes besonderer Bearbeitung eindrücklich geebnet, erlangt die wahre Kraft aber über die Titelfigur Windeck, interpretiert von einem nahezu unwirklich aufspielenden Michael Verhoeven in ganz großartiger Manier. Es handelt sich um einen jungen Mann, der überhaupt nicht auf die Idee kommen würde, jemandem etwas Böses zu wollen. Das simple Gegenteil ist der Fall. Dennoch oder gerade deswegen wird er von nahezu jedem Mann seines Umfeldes als große Gefahr identifiziert, weil er Frauen so behandelt, wie sie es nicht gewöhnt sind beziehungsweise nicht geben können. »Da war jemand, der was von Frauen verstand!«, hört man eine von den Hinterbliebenen nachdenklich philosophieren und genau hier tut sich das einzig wahrscheinliche Tatmotiv auf. Durch die Bank bekommt man es mit großartigen Leistungen der Gast-Darsteller zu tun und hier sind insbesondere Inge Langen, Hans Korte, Claus Biederstaedt, Edith Heerdegen oder Angela Salloker zu nennen. Schlussendlich ist eine der ganz besonderen "Kommissar"-Folgen entstanden, die in diesem Fall sogar berührend wirkt, ohne ins Melodramatische abzudriften. Kommissar Keller lässt sich am Ende zu einer ungewöhnlich deutlichen Bewertung verleiten und selten hat man als Zuschauer einen Mordfall gesehen, der im Rahmen seiner Sinnlosigkeit so erschüttern konnte. "Kellner Windeck" markiert einen Klassiker der Reihe, der in allen Belangen hochwertig ausgefallen ist.

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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

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● FOLGE 42 | DER KOMMISSAR | EIN RÄTSELHAFTER MORD (D|1971)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Fritz Wepper, Helma Seitz
Gäste: Maria Wimmer, Dieter Borsche, Heidi Stroh, Donata Höffer, Eva Ingeborg Scholz,
Herbert Fleischmann, Jane Tilden, Manfred Seipold, Hansi Jochmann, Thomas Astan, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Staudte



Ein Student wird auf offener Straße hinterrücks erschossen, doch auch die anwesenden Augenzeugen können der Polizei nicht bedeutend weiterhelfen. Bei den Ermittlungen wird der Einschusswinkel genauer unter die Lupe genommen und man kommt zu dem Schluss, dass die tödliche Kugel nur aus einem bestimmten Haus gekommen sein kann. Umgehend befassen sich Kommissar Keller und seine Crew mit den Mietern dieses Hauses und es ergeben sich schnell unterschiedliche, aber auch eindeutige Lebensumstände dieser Personen. Eines haben sie alle gemeinsam, denn niemand will etwas gesehen oder gehört haben. So glänzen die möglichen Zeugen durch eine sehr abweisende Haltung gegenüber der Polizei. Offensichtlich hat jeder etwas zu verbergen, doch wer hat den jungen Studenten ermordet?

Bei Wolfgang Staudtes mittlerweile achten Episode für die "Kommissar"-Reihe zeigt sich umgehend, dass es sich erneut um eine präzise Arbeit handelt und das Hauptaugenmerk wird auf die Arbeit der Ermittler und die damit verbundene und sehr genaue Beobachtungsgabe gelegt. Ein junger Mann wird auf offener Straße erschossen. Zeigten sich die Zeugen noch bestürzt, sind es nun die Personen aus dem Haus neben dem Tatort, die sich in auffälliges Schweigen hüllen oder durch eine aggressive Verweigerungshaltung glänzen. Die schnelle Vorstellung skizziert die unterschiedlichsten Charaktere. Man lernt eine Strohwitwe kennen, die einen minderjährigen Liebhaber hat, außerdem eine ältere alleinstehende Frau, die einen Studenten finanziert und bei sich leben lässt. Zudem ist ein unsympathischer Herr zu sehen, der ein winziges Zimmer an ein halbes Dutzend Türken vermietet hat, oder eine neugierige Klatschtante, die offensichtlich zum Standard jedes Mehrfamilienhauses gehört. Auch die Freundin des Ermordeten wird vorgestellt, inklusive deren rätselhaft wirkenden Arzt, ausgestattet mit Sonnenbrille bei Tag und Nacht. »Der Tote auf der Straße interessiert mich nicht!«, ist nur eine der kalten Duschen, die Kommissar Keller zu hören bekommt, aber wie gewöhnlich lässt er sich nicht beirren, auch wenn sich die Verdächtigen noch so renitent und vermeintlich unauffällig verhalten. Es gibt schließlich gewohnheitsmäßig keinerlei Verbündete für Recht und Ordnung. Auffällig ist in der 42. Folge, dass Reinhard Glemnitz eine berufliche Pause eingelegt hat, aber die aufmerksamen Kollegen werden es auch ohne ihn richten können. Der heimtückische Mord wird hier sehr gut inszeniert, die damit einhergehenden Vorstellungen der Personen ebenfalls, wenngleich viele Unzulänglichkeiten beziehungsweise Ungereimtheiten sofort auf einem Silbertablett serviert werden, die der eigenartigen Spannung dieses Falles jedoch keinen Abbruch tun. Es kristallisieren sich mögliche Tatmotive heraus, genau wie ein eigentlich herkömmlicher Kriminalfall, der allerdings von Routinier Wolfgang Staudte eine sehr eingängige Bearbeitung erfährt.

Dreh- und Angelpunkte dieser Folge stellen Tatort, Mehrfamilienhaus und eine gut besuchte Kneipe dar, die kurzerhand zu einer Art Ermittler-Büro umfunktioniert wird, schließlich sitzt man dort an der Quelle, um die Verdächtigen ins Visier zu nehmen und etliche Gaumenfreuden bereitstehen zu haben. Die Darsteller in "Ein rätselhafter Mord" wirken besonders mysteriös beziehungsweise ziemlich weit weg vom Zuschauer, da es hauptsächlich unsympathisch zugehen wird. Zu nennen ist sicherlich Maria Wimmer, die mit Kommandoton und eiserner Härte und Disziplin auffällt. Manfred Seipold als Student, der von ihr finanziert wird, hat nichts zu melden und nimmt die Befehle seiner Wirtin und Geldgeberin bedingungslos aber ebenso resigniert an. Dieter Borsche als merkwürdiger Arzt, der dem Empfinden nach ein paar Frühlingsgefühle bekommt, wenn er seine junge Patientin alias Donata Höffer betreut, macht wie üblich einen soliden Eindruck, genau wie ein immer unbequem wirkender Herbert Fleischmann, oder eine wie so oft stimmungslabil wirkende Eva Ingeborg Scholz. Eine besondere Freude stolziert in Form von Heidi Stroh als Augenzeugin des Mordes umher und es ist wie gewöhnlich ein Fest, ihr beim Schauspiel nach Art des unverkennbaren Hauses zu folgen. Letztlich bekommt man ein komplettes Gebäude geboten, in dem der Schlüssel so sicher wie das Amen in der Kirche zu finden sein wird, doch dem Titel der Folge entsprechend wird das Ganze tatsächlich auch rätselhaft aufgezogen. Ein Haus vollgestopft mit Klischees steht im Angebot der Episode, doch man verspürt unter dieser nötig wirkenden Voraussetzung keinen Grund zum Klagen, denn eigentlich erwartet man hier genau diese Art der Krimi-Unterhaltung. Es wird ein bisschen mit psychologischen Abgründen und persönlichen Geheimnissen jongliert, doch der ganz große Schock wird hier definitiv ausbleiben, obwohl die Bewohner des Hauses eigentlich verstörend genug sind. Als positive Verstärker sind noch die originellen Karussellfahrten der Kamera und die zeitgenössische Musik in der Kneipe zu nennen. Insgesamt unterhält diese Folge gut, obwohl sie phasenweise seelenruhig verläuft.

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Sid Vicious
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Re: DER KOMMISSAR

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Prisma hat geschrieben:
Mo., 11.12.2023 12:36

Im Abspann der K-Folge "Als die Blumen Trauer trugen" lieh die deutsche Schlagersängerin Daisy Door der Darstellerin Sylvia Lukan ihre Stimme. Der Titel "Du lebst in Deiner Welt" wurde von Altmeister Peter Thomas komponiert und produziert. Nach der Ausstrahlung schoss der Song bis auf Platz 1 der deutschen Hitparade, der Ohrwurm verkaufte sich innerhalb der ersten drei Monate über 500.000 mal und zählt zu bis heute zu den bekanntesten Liedern aus TV-Serien. Immer wieder gerne gehört, trägt das Stück zum besonderen Flair dieser neununddreißigsten Episode bei.
In der Tat ein sehr angenehmer Song, den ich freilich ebenfalls schon zigmal gehört habe, aber niemals nach der Interpretin gefragt habe. Ich schaue mal, ob ich Schallplatten von der Frau ergattern kann. Das ist nicht ganz so einfach, da so etwas in der Regel kein Händler ankauft, da sich dieses Schlagerzeug so gut wie gar nicht verkauft.
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LordKaputt
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Re: DER KOMMISSAR

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Sid Vicious hat geschrieben:
Mo., 29.01.2024 11:09
In der Tat ein sehr angenehmer Song, den ich freilich ebenfalls schon zigmal gehört habe, aber niemals nach der Interpretin gefragt habe. Ich schaue mal, ob ich Schallplatten von der Frau ergattern kann. Das ist nicht ganz so einfach, da so etwas in der Regel kein Händler ankauft, da sich dieses Schlagerzeug so gut wie gar nicht verkauft.
Second hand geht das oft ganz gut und günstig über Discogs. Gerade besagter Hit ist auch auf zahlreichen Pressungen erschienen, von denen viele günstig zu haben sind.

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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

Beitrag von Prisma »



Dass die Single noch so gut zu haben ist, liegt wahrscheinlich an der Menge der damals verkauften Pressungen. Bei anderem Kram hat man da viel mehr Probleme, etwas zu bekommen. Ich hätte mir die wohl auch schon zugelegt, aber habe das Lied auf ner CD, genau wie Peter Thomas' "Melissa", obwohl das nicht dasselbe ist.

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Sid Vicious
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Re: DER KOMMISSAR

Beitrag von Sid Vicious »

LordKaputt hat geschrieben:
Mo., 29.01.2024 12:02
Sid Vicious hat geschrieben:
Mo., 29.01.2024 11:09
In der Tat ein sehr angenehmer Song, den ich freilich ebenfalls schon zigmal gehört habe, aber niemals nach der Interpretin gefragt habe. Ich schaue mal, ob ich Schallplatten von der Frau ergattern kann. Das ist nicht ganz so einfach, da so etwas in der Regel kein Händler ankauft, da sich dieses Schlagerzeug so gut wie gar nicht verkauft.
Second hand geht das oft ganz gut und günstig über Discogs. Gerade besagter Hit ist auch auf zahlreichen Pressungen erschienen, von denen viele günstig zu haben sind.
Das passt generell schon. Aber ich bin derart Old School, dass ich keine Geldkarten und kein PayPal besitze, da läuft alles nur via Überweisungen und die akzeptiert discogs wie ebay nicht. :(
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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

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● NACHTRAG ZU | DER KOMMISSAR | EIN RÄTSELHAFTER MORD (D|1971)



Schaut man sich die "Kommissar"-Folge "Ein rätselhafter Mord" an, kommt es beim Observieren einer der Wohnungen zu ein paar interessanten Eindrücken für Filmfreunde, denn die Wohnung des Sohnes von einem der Verdächtigen ist vom Boden bis zur Decke mit Genre-Requisiten aus der Filmwelt und Kino-Plakaten geschmückt, die damals mehr oder weniger bekannt waren. So ist beispielsweise ein Plakat von Dario Argentos "Die neunschwänzige Katze" oder Sergio Corbuccis "Lasst uns töten, Companeros" zu sehen, um richtig in Stimmung zu kommen, läuft im Hintergrund "Spiel mir das Lied vom Tod" von Ennio Morricone. Da in einem Mordfall ermittelt und nach Verdächtigen gesucht wird, kommt es in diesem Zimmer zu einer interessanten Assoziation angesichts der Affinität für Filme, denn die indirekte Frage lautet: hat er sich zu einem Mord inspirieren lassen?

Davon einmal abgesehen, dass Waffen an der Wand hängen oder ein Strick von der Decke baumelt, kommen die Ermittler inklusive Zuschauern natürlich auf die Idee, dass es sich bei dem jungen Mann, gespielt von einem abwesend wirkenden Thomas Astan, der sich obendrein auch noch gerne mit seinem Motorrad durch die Stadt treibt, um den Täter handeln könnte, immerhin lässt er sich von Gewalt, Mord und Totschlag gerne passiv berieseln. Die indirekte Frage nach Realitätsverlust wurde in dieser Serie gerne häufiger und auf unterschiedliche Weise gestellt, dieses Mal musste eben der Film an sich herhalten, wenngleich sich am Ende ein Motiv offenbart, das eher nichts mit Kino und Film zu tun hat. Aber wie bereits in der Besprechung der Folge erwähnt, wimmelt es in diesem Mehrfamilienhaus geradezu von gängigen Klischees, was sich sogar noch als dienliche Zutat erweisen konnte.

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Re: DER KOMMISSAR

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● FOLGE 43 | DER KOMMISSAR | TRAUM EINES WAHNSINNIGEN (D|1972)
mit Erik Ode, Günther Schramm, Reinhard Glemnitz, Fritz Wepper
Gäste: Curd Jürgens, Christine Kaufmann, Günther Stoll, Victor Beaumont, Wera Frydtberg und Horst Frank
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF
Regie: Wolfgang Becker



In einer psychiatrischen Klinik ist ein Mord geschehen. Die Polizei wird unmittelbar danach verständigt, kann einen weiteren Mord jedoch nicht verhindern. Auf der Suche nach dem Täter kristallisiert sich schnell heraus, dass es sich nur um einen soeben Entflohenen handeln kann, nämlich den Verwandlungskünstler Kabisch, dem es möglich ist, in die unterschiedlichsten Rollen und Masken zu schlüpfen. Kommissar Keller durchleuchtet Kabischs Vorleben und stößt dabei auf beunruhigende Entdeckungen. Diese weisen unbedingt darauf hin, dass sich weitere Personen in tödlicher Gefahr befinden. Für Kommissar Keller und seine Leute beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und die Unberechenbarkeit Kabischs erschwert die Ermittlungen um ein Vielfaches...

Die Palette des "Kommissar"-Orbit ist trotz immer wiederkehrender Strukturen und ähnlicher Geschichten sehr vielfältig und abwechslungsreich, was insbesondere die nahezu experimentelle Folge "Traum eines Wahnsinnigen" eindrucksvoll unter Beweis stellen wird. Als Basis dienen hierbei sehr dunkle und noch tiefere Abgründe der zerrütteten menschlichen Psyche, was alleine von der Umsetzung her, durch einen Krimi-Experten wie Wolfgang Becker, zu einem leichten Spiel werden sollte. Gemessen an der sehr komplexen Thematik ist dies aber möglicherweise etwas zu viel gesagt, denn den einfachen Weg wird die Regie in Folge 43 definitiv nicht wählen, was diesen Beitrag umso interessanter, vor allem geheimnisvoller werden lässt. Die Episode überrascht mit einem vollkommen ungewöhnlichen Einstieg, da die mysteriöse Note, die im gesamten Verlauf mitschwingt, von vorneherein preisgegeben wird. Bizarre, an den Nerven zerrende und hochspannende Momente ebnen den Weg für eine unberechenbare Geschichte, die sich im weiteren Sinn sogar in einem Psycho-Thriller oder Giallo hätte wohlfühlen können, zumindest kann das vom Prinzip her gesagt werden, falls man auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Entsetzliche Schreie durchziehen die weitläufigen Flure einer Klinik, verzweifelt versucht man eine Kettenreaktion aufzuhalten, doch plötzlich spricht ein unheimlicher Schatten mit dem Chef der Anstalt, der es mit verständnisvoller Gesprächsführung und Sachlichkeit versucht, die ihn aber letztlich das Leben kosten wird. Damit der angekündigte Wahnsinnige seinen bizarren Traum verwirklichen kann, muss er hinaus aus dem weißen Vakuum mit Gittern und seine Verwandlungskünste werden ihm anscheinend uneinholbare Vorteile verschaffen, wie die Polizei immer erst hinterher feststellen wird. Durch das sachliche Ermitteln der Beamten und die kühle Analyse der Medizin scheinen verschiedene Welten aufeinanderzutreffen, sodass sich schnell herausstellt, dass von fachlicher Seite kaum brauchbare Hilfe zu erwarten ist, was hier immer wieder ungemein dichte Formen annimmt.

Hier zu erwähnen ist selbstverständlich Curd Jürgens, der überheblich im Beruf aber sonderbar in seinem Allgemeinzustand wirkt. Schnell nötigt er sich Kommissar Keller als unabdingbaren Faktor bei der Suche nach dem entflohenen Kabisch auf, und es wird sich im Rahmen einer Präzisionsleistung herausstellen, ob er die Ermittlungen eher behindern oder unterstützen wird. In "Traum eines Wahnsinnigen" sind es ohnehin die perfekt abgestimmten Leistungen der Interpreten, die die Folge in Glaubhaftigkeit erstrahlen lassen. So zum Beispiel Christine Kaufmann, deren Ausstrahlung sich hier regelrecht zu einer unfassbaren Aura entwickeln kann, obwohl sie als Verfolgte die Ur-Klischees des Krimis bedient. Günther Stoll an ihrer Seite wirkt gewöhnungsbedürftig, was allerdings ausschließlich an Kaufmann liegt, denn die Darbietung ist wie üblich solide. In Episode 43 kommt der Zuschauer außerdem den Genuss, das höchste Ausmaß von Horst Franks Vielfältigkeit kennenzulernen, sozusagen in sechsfacher Potenz, was der Geschichte im Rahmen dieser Serie zurecht einen Ausnahmestatus verleiht. Kommissar Keller und seine Mannschaft laufen insgesamt nicht nur einem Wahnsinnigen hinterher, sondern auch einem strengen Zeitdiktat, bis es fraglich wie nie erscheint, ob die Polizei das anvisierte Opfer schützen kann, da ein völliger Ausnahmezustand angesichts bestehender Serien-Gesetzte nicht auszuschließen ist. Die Spannung wird genau wie die Verwirrung immer wieder auf die Spitze getrieben und auch wenn die Motive im Allgemeinen nur unzureichend oder transparent erklärt werden, gibt genau dieser Eindruck dieser Geschichte ihre Brisanz, da gerade die angeschlagene Psyche unergründlich zurückbleibt. Ein packendes Doppel-Finale artet zumindest für die Verhältnisse der Reihe in buchstäblich blanken Horror aus, was insbesondere von Christine Kaufmann reflektiert wird, deren Rolle als Projektionsfläche aufgeht. Die Regie behält es sich allerdings stets vor, noch eine Schippe draufzulegen. Insgesamt bleibt eine ungewöhnliche aber hervorragend ausbuchstabierte Folge, deren Atmosphäre ungeahnte Dimensionen erreicht.

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Prisma
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Re: DER KOMMISSAR

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● CHRISTINE KAUFMANN als EVA RASSNER in
DER KOMMISSAR - TRAUM EINES WAHNSINNIGEN (D|1972)



Oftmals scheint es so, als es habe es sich die langjährige "Kommissar"-Serie immer wieder gerne zur vornehmsten Aufgabe gemacht, gerade bestimmte Darstellerinnen im Rahmen von Episoden-Hauptrollen - oder für die jeweiligen Geschichten relevante Charaktere - in den Fokus zu rücken. In "Traum eines Wahnsinnigen" wurde Christine Kaufmann mit dieser dankbaren Aufgabe betraut und letztlich ist sie es auch, die der Folge ihren unmittelbaren Sinn gibt, und das aus mehreren Gründen zugleich. Ihre erste Szene gestaltet sie nahezu tänzerisch und eher noch traumwandlerisch, da sie eine seltsame Präsenz und Abwesenheit in einem präsentiert. Unterlegt mit Ludwig van Beethovens sogenannter "Mondscheinsonate" entstehen mit wenig Aufhebens ganz große Momente durch eine Akteurin, die die Szenerie ganz unaufdringlich dominieren wird.

Wikipedia hat geschrieben:
Es scheint geradezu im Naturell dieser 1800/1801 komponierten Klaviersonate zu liegen, die Fantasien der Hörer zu entzünden. In der Literatur und auch in der bildenden Kunst hat sie ihren vielfachen Niederschlag gefunden. Sie war Gegenstand zahlreicher romantischer Interpretationsversuche, die sich meist auf den langsamen ersten Satz konzentrieren.

Auch hier werden die Anfänge der Klaviersonate Nr. 14 in perfekten Einklang mit der Aura von Christine Kaufmann gebracht, die in dieser Folge nicht nur als titelgebender Traum, sondern gleichermaßen als Träumerin integriert wird. Eine ungewöhnlich hohe Dichte von Großaufnahmen ihres makellosen, aber genauso maskenhaft und zerbrechlich wirkenden Gesichts, versuchen das Konglomerat aus Wahnvorstellung und Traum transparent und verständlich zu beschreiben, was der aufmerksamen Kamera spielend gelingt. Gerade in den 70er-Jahren war die Schauspielerin häufig als Projektionsfläche für Angst und Panik sowie als Spiegel der Mechanik zu beobachten, sodass im Serienkontext eine Leistung in Erinnerung bleibt, die für stille Furore, vor allem aber bleibende Erinnerung sorgt. Der Mörder Kabisch ist aus der psychiatrischen Klinik ausgebrochen und man vermutet, dass er Eva, seine Adoptivtochter, umbringen will. Dies kolportiert zumindest der behandelnde Arzt, Dr. Hochstätter. Es dauert nur wenige Minuten bis die weibliche Hauptrolle von mehreren Seiten charakterisiert und beschrieben ist, was wider Erwarten sehr eigenartige Formen annimmt. Dr. Hochstätter beispielsweise spricht beinahe ehrfürchtig von dieser Frau, beruft sich dabei jedoch auf die Informationslage, die nur auf den Erzählungen seines entflohenen Patienten basiert, den er in überaus seltsam anmutenden Phasen zitiert und schließlich beinahe Verhöre mit Eva veranstaltet. Auch die Kamera macht es sich zur Hauptaufgabe, Christine Kaufmanns Gesicht förmlich abzutasten, ihre Emotionen einzufangen, um sie somit transparent zu machen, was aber nicht immer gelingt, da sie von Geheimnissen umgeben zu sein scheint. Pure Angst diktiert das Geschehen, bei dem es nur eine Frage der Zeit zu sein scheint, bis sich alle möglichen Ventile entladen. Kabischs Traum vom vollkommenen Menschen sollte in seiner Adoptivtochter die endgültige Erfüllung finden, doch wie sich im weiteren Verlauf herausstellt, wollte er das Ergebnis später eigenhändig vernichten.

Ein Mordanschlag eilt der Geschichte also voraus, sodass die Spannung weiter über Christine Kaufmann aufgebaut werden kann, die sich dieser Strategie jedoch nicht im eigentlichen Sinne beugt, sondern hauptsächlich über ihre Emotionen. Irritiert blickt man auf Wechselbäder der Gefühle, die zwischen Angst, Verwirrung, unverständlicher Ruhe, bis hin zu unbegreiflichem Vertrauen und kindlicher Neugierde pendeln. In schwachen Momenten fühlt man sich eindeutig und unverblümt an Gordon Hesslers "Mord in der Rue Morgue" erinnert, in dem Christine Kaufmann eine ähnliche Rolle spielt, vor allem aber mit der exakt gleichen Körpersprache auffällt. Wolfgang Becker benutzt seine Interpretin angesichts des verheißungsvoll klingenden Titels wie ein Instrument. Dabei stellt sich mit Hilfe der talentierten weiblichen Hauptrolle schnell heraus, dass der Regisseur dieses Instrument auch perfekt zu bedienen weiß, insbesondere wenn er einem unheimlich intensiv agierenden Horst Frank die Bühne überlässt, um sich im Rahmen einer Maskerade zu inszenieren. Vielleicht ist es zu viel gesagt, dass gediegene Horror-Elemente mitschwingen, jedoch werden die Hauptakteure so eingesetzt, wie es beispielsweise in diesem Genre an der Tagesordnung ist. Neben Horst Frank in einer Sechsfachrolle, ist es Christine Kaufmann, die sich in der Erinnerung des Zuschauers verankern wird. Durch ihre Fremdsynchronisation wird zusätzlich der Eindruck einer Person kreiert, die einem absolut fremd und unbegreiflich erscheint, obwohl sie von der Dramaturgie her die klassische Identifikationsfigur der Geschichte ist, mit der man auch naturgemäß mitfiebert. Ganz im Sinne dieser experimentierfreudigen Folge unterstützt Kaufmann diese Strategie mit einer beachtenswerten Leistung, die dem Empfinden nach weniger mit minutiös geplantem als mit hin und wieder improvisiertem, aber letztlich stark antizipiertem Schauspiel zu tun hat. Im Serien-Kontext hat man es daher bestimmt mit einer der Top-5-Darbietungen bezüglich einer magischen Aura zu tun.

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