DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK / CIRCUS OF FEAR (D|GB|1965/66)
mit Leo Genn, Christopher Lee, Heinz Drache, Suzy Kendall, Anthony Newlands, Klaus Kinski, Maurice Kaufmann,
Margaret Lee, Lawrence James, Skip Martin, Victor Maddern, Henry Longhurst sowie Cecil Parker und Eddi Arent
eine Produkrion der Constantin Film | Proudweeks Films | im Constantin Filmverleih
ein Film von John Llewellyn Moxey

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»Wir haben eine Leiche gefunden, halb verbrannt!«


Bei einem spektakulären Raub von ausgemusterten Banknoten kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem ein Polizist getötet wird. Die Gangster-Bande ist ab diesem Zeitpunkt auf der Flucht vor einem Polizei-Aufgebot in ungeahnter Größenordnung. Die meisten Komplizen können wenig später von Scotland Yard dingfest gemacht werden, allerdings ist der Mörder des Beamten immer noch mit einem Koffer voll Geld flüchtig. Diese hohe Summe soll er seinem Chef an einem abgelegenen Ort übergeben, doch er wird mit einem Wurfmesser getötet, auf dessen Griff ein silbernes Dreieck abgebildet ist. Die Spur führt den ermittelnden Inspektor Elliott (Leo Genn) in einen Zirkus, der sich soeben in sein Winter-Quartier begeben hat und wo es von Verdächtigen nur so zu wimmeln scheint, bis die Mordserie plötzlich unter den Augen der Polizei weitergeht...

Die seinerzeit immer noch gut laufende Wallace-Reihe brachte es immer wieder auf Ableger, die mit Großbritannien koproduziert wurden, wenngleich dies nicht für die Rialto Film gilt, die bis zu diesem Film mit "Das Geheimnis der gelben Narzissen" und "Das Verrätertor" erst zwei derartige Kollaborationen vorzuweisen hatte. Diese länderübergreifenden Allianzen kamen in diesen Fällen wahrscheinlich vordergründig zustande, um vereinfacht an nicht kontinentalen Originalschauplätzen drehen zu können, was hier komplett der Fall war. Nimmt man noch die Abenteuer-Beiträge "Todestrommeln am großen Fluss" und "Sanders und das Schiff des Todes" in diese Riege auf, so glänzen diese deutsch-britischen Gemeinschaftsproduktionen, mit Ausnahme von "Das Geheimnis der gelben Narzissen", nicht gerade durch eklatant hohe Zuschauerzahlen. John Llewellyn Moxeys Beitrag fällt in dieser Gruppe ebenfalls ab, lockte er seinerzeit doch nur noch 1 Million Zuschauer in die bundesdeutschen Kinos. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Produktion nicht von den bislang bekannten Wallace-Adaptionen, denn es geht um Mörderraten und Spannung - wie man es eben gewöhnt war. Erste Abstriche zeigen sich bei der Besetzungsliste und innerhalb des Stabes, was daran liegt, dass der Streifen von dem englischen Produzenten Harry Alan Towers finanziert wurde. Der für die Reihe von Beginn an federführende Großverleih Constantin Film beteiligte sich mit der Summe von 500.000 DM und konnte den Starttermin in der Bundesrepublik koordinieren, und somit mögliche Doppel-Terminierungen mit anderen Wallace-Filmen zu vermeiden. In Deutschland wurde "Das Rätsel des silbernen Dreieck" ohne Genitiv-S und als Schwarzweißfilm verliehen, in Großbritannien unter dem Titel "Circus of Fear", welcher spannender und letztlich auch treffsicherer wirkt. Bei der Wahl des deutschen Titels blieb man der Strategie der handelsüblichen Titelvergaben allerdings treu.

John Llewellyn Moxey inszeniert eine zunächst sehr klassische Kriminalgeschichte, die sich mit einem minutiös durchgeplanten Raub von Banknoten befasst, die zur Vernichtung freigegeben wurden. Die Gangster rechneten offenbar mit allem, doch nicht mit massiven Komplikationen, die die gesamte Operation ins Wanken bringen, den weiteren Verlauf aber auch überaus spannend und originell färben können, da sich das Publikum plötzlich in einem Zirkus wiederfindet, was für einen Wallace-Film zum beispiellosen Ambiente wird, auch wenn einige Artisten- und Publikumsszenen aus Sidney Hayers "Der Rote Schatten" stammen. Bevor man sich allerdings dort einfinden kann, kommt es zum ersten Mord, der sehr atmosphärisch eingefangen ist. So rückt die Thematik rund um die verschwundene Millionen-Beute scheinbar in die zweite Reihe, erfährt durch den Messermörder allerdings eine sehr gute Verbindung, sodass sich der Weg folgerichtig in Barberinis Zirkus bahnt. Kriminalfälle, die sich den Mut und gleichzeitig Luxus erlauben, alles andere als reibungslos zu verlaufen, stahlen einen besonderen Reiz aus, da sie eine nervöse Eigendynamik und zahlreiche Überraschungsmomente versprechen. Es geht um Geld, um viel Geld, welches im Übrigen auch noch behördlich registriert ist und Scotland Yard nervös werden lässt - außerdem hat es sogar schon für einen perfiden Mord gereicht. Die besondere Atmosphäre kommt aufgrund der Serienmord-Thematik und des damit verbundenen Markenzeichens in Form des silbernen Dreiecks auf, in Verbindung mit Moxeys sicherer Inszenierung. Im deutschen Vorspann wird als Regisseur übrigens Werner Jacobs genannt, allerdings fungierte der Berliner lediglich als Regie-Koordinator. "Das Rätsel des silbernen Dreieck" gehört insgesamt eher zu den unterschätzten Beiträgen der Reihe, obwohl er nicht im Wesentlichen aus dieser fällt, sprich, über die typischen Charakteristika verfügt, die in all den Jahren eine beachtliche Fangemeinde rekrutieren konnten.

Dies gilt sicherlich auch für die Stars der buchstäblichen Manege, die hier allerdings spärlicher als sonst zu finden sind. Von deutscher Seite sind Heinz Drache, Klaus Kinski und Eddi Arent zu sehen, die sich bislang in jeder Beziehung in der langjährigen Serie verdient gemacht hatten, außerdem noch Christopher Lee in seinem dritten und letzten Auftritt. Ansonsten ist der Rest der Crew sicherlich alles andere als unbekannt, allerdings vermisst man die starken Zugpferde oder verlässlichen Zubringer, die ansonsten in den Geschichten zur Ausstattung gehörten. Lässt man dieses obligatorische Verlangen beiseite und obendrein auf die teils exzellenten Darbietungen des Cast ein, fährt man mit diesem Beitrag ebenso gut wie mit den anderen Filmen, die womöglich rein deutsche Produktionen waren. Andere Länder - andere Sitten: Dies schlägt sich bereits bei den Anordnungen der Interpreten durch, denn in der deutschen Version ist alles wie gehabt geregelt und eigentliche Hauptrollen wurden kurzerhand nach hinten durchgereicht. In der englischen Version sieht das Anordnungs-Roulette etwas anders aus und der Vorspann verweist stolz auf tatsächliche Hauptdarsteller und Star-Gäste. In dieser Produktion teilen sich Leo Genn und Heinz Drache die Hauptrollen und präsentieren ein Muster, dass es bereits in vorigen Filmen gegeben hatte. Der Ermittler und eine Art Hobby-Detektiv, beziehungsweise persönlich Betroffener, bilden eine gut bekömmliche Allianz bezüglich wichtiger Erhebungen, grenzen sich dennoch durch Kontraste in ihren Wesen ab. Während Leo Genn einen Ermittler anbietet, der wie aus dem Bilderbuch wirkt, bringt Heinz Drache Temperament und Impulsivität mit in die Manege, was sich zum größten Teil über die Ruhe und Besonnenheit Inspektor Elliotts definiert. Der englische Schauspieler bietet dabei eine Figur an, die es bislang nicht oft in den Wallace-Filmen zu sehen gab, was jedoch zu einer sehr klassischen Note führt, die man deswegen als beinahe eigenwillig interpretieren will.

Heinz Drache ist vielleicht in einer seiner besten Wallace-Rollen zu sehen, die viel mehr als Routine und Anforderung darstellt, und bei der es sogar gelingt, ihm glaubhaft eine Partnerin auf den Leib zu schneidern, die dieses Mal nicht unpassend wirkt, zumal Suzy Kendalls Modus der Zurückhaltung und ihr unkritisches Wesen eine hohe Anpassungsfähigkeit beweisen. Heinz Drache ist hier vom Duft der Vergangenheit umgeben, der sich dem Zuschauer zunähst wie ein zäher Nebel präsentiert und nur Auskunft darüber erteilt, dass Carl etwas zu verbergen hat. So wirkt er getrieben und rastlos, anscheinend immer auf der Suche nach belastbaren Beweisen oder entscheidenden Puzzlestückchen, die auch die Neugierde des Zuschauers stillen würden. Bis man allerdings zu wichtigen Erkenntnissen kommt, wird nicht nur die komplette Zirkus-Crew vorgestellt, sondern auch allerlei Komplikationen und Spannungen untereinander, sowie die sichere Hand des Mörders, der sich ganz offensichtlich in diesem bunten Umfeld verbirgt und verzweifelt nach der abhanden gekommenen Beute sucht. Nur der Zuschauer wird Komplize des unglücklichen Finders und schaut gespannt auf die Verstrickungen der betont verschiedenen, hin und wieder sogar eindimensional wirkenden und agierenden Charaktere. Zu nennen sind hier etwa Cecil Parker, Klaus Kinski, Eddi Arent, Suzy Kendall, Margaret Lee, Maurice Kaufman, Skip Martin oder Christopher Lee, die jedoch in teils erstaunlicher Art und Weise für erinnerungswürdige Interpretationen sorgen und den unumstößlichen Eindruck vermitteln, dass sie wichtige Bausteine der Story darstellen. Eine besonders stichhaltige Leistung bietet noch Anthony Newlands als Zirkusdirektor Barberini, bei dem man sich lange nicht entscheiden kann, wo er eigentlich steht. "Das Rätsel des silbernen Dreieck" verfügt bis in die kleinsten Rollen über eine Spitzen-Besetzung, die sich der Anforderung entsprechend anpasst, ohne sich dabei unglaubwürdig verbiegen zu müssen.

Die Unübersichtlichkeit des Ambientes Zirkus erschwert diese Suche nach der Wahrheit für alle Beteiligten erheblich und oftmals scheinen sich selbst Personen nicht zu kennen, die sich offenbar bereits jahrelang kennen, was allerdings dafür sorgt, dass sich jedes einzelne angebotene Fragment nach und nach für das Publikum ordnet. Vorteil dieser Geschichte, deren Drehbuch von Peter Welbeck alias Harry Alan Towers erarbeitet wurde, ist der klare Aufbau, der zwar nicht immer aus Wahrscheinlichkeiten konstruiert ist, aber aufgrund der stilsicheren Inszenierung und der authentischen Bilder und Situationen überzeugen kann. Bereits der erste Tote läutet ein, dass man es ausschließlich mit Komplikationen und Problemen zu tun bekommen dürfte und erfährt, dass ein brillanter Messerwerfer zwar kriminelles Potenzial besitzen kann, aber kein Meisterverbrecher sein muss. Zutaten wie Erpressung, Unterdrückung, Rachegefühle und Nötigung tun das Übrige dazu und beschleunigen diesen in wahlweise bunten oder schwarzweißen Bildern eingefangenen Beitrag. Die Tatsache, dass der Haupttäter der Geschichte empfindlichst getroffen wurde, verschärft den Eindruck der latenten Gefahr für beinahe alle Personen, da der Mörder die Strippen längst nicht mehr selbst in Händen hält. Interessant ist, dass dieses Phantom innerhalb der sich anbahnenden Abwärtsspirale immer aggressiver zu werden scheint, was sich in ungewöhnlich brutal ausgeschmückten Tötungsszenen entlädt. Unterstützt durch Johnny Douglas' eingängige Musik, kommt in den richtigen Momenten Gänsehaut-Flair auf. In der deutschen Version ist übrigens Raimund Rosenbergers Track aus "Das siebente Opfer" als Vorspannmusik zu hören, die ebenfalls Vorzüge besitzt. Insgesamt handelt es sich bei "Das Rätsel des silbernen Dreieck" um einen Film der Kontraste, was nicht zuletzt an der möglichen Wahl der jeweiligen Version liegt, aber auch um einen Beitrag, der die Tradition hervorragender Krimi-Unterhaltung selbstbewusst fortführt.

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SPERRBEZIRK


● SPERRBEZIRK / SPERRBEZIRK - DAS GESCHÄFT MIT DER UNMORAL (D|1966)
mit Harald Leipnitz, Suzanne Roquette, Rudolf Schündler, Karl Stepanek, Guido Baumann, Christian Rode, Dagmar Lassander,
Helga Zeckra, Ursula van der Wielen, Christina von Falz-Fein, Ernst Neubach, Max Nosseck, Ralf Gregan, Hans Bergmann, u.a.
als Gäste Ingeborg Schöner, Bruce Low, Mary Roos, Hans Clarin, Barbara Valentin und Ruth Maria Kubitschek
eine Produktion der Ernst Neubach Film | UFA International | im Gloria Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Ernst Neubach
ein Film von Will Tremper

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»Dass ich den Sperrbezirk nicht erfunden habe, das wissen sogar die Nutten!«


Ann (Suzanne Roquette) arbeitet als Bedienung in einem Autokino und hat wie viele Mädchen ihres Alters Träume von einem unbeschwerten Leben. Als sie eines Tages Bernie Kallmann (Harald Leipnitz) kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf in den smarten Verführer, der mit ihr allerdings nur eines im Sinn hat: Ann soll für ihn in einer seiner Wohnungen anschaffen. Obwohl sie sich innerlich sträubt, sind die Gefühle für Bernie stärker und sie fügt sich in ihr neues Schicksal, zumal sie glaubt, dass er in gravierenden finanziellen Schwierigkeiten steckt, aus denen sie ihm heraushelfen muss...

Wie es scheint, hat es Skandale im Sperrbezirk wohl schon immer gegeben, und unter Gelegenheitsregisseur Will Tremper kommt es zwar zu keiner revolutionären Auslegung der Geschichte aus der Welt der Unmoral, aber zu unterschiedlichen Grundvoraussetzungen, die in anderen Filmen nicht zu finden sind. Tremper verfügte über besondere Connections zu Schauspielern, was sich in seinen wenigen Filmen überdeutlich zeigt, diese daher zu regelrechten Happenings macht, auch wenn die Bearbeitung eher einmal herkömmlich erscheint. "Sperrbezirk" zeigt im Rahmen des Konkurrenzkampfes mit Artgenossen keine signifikanten Schwächen und kann zunächst mit einer sehr frischen Herangehensweise punkten. Will Tremper versucht es mit einem frappanten Realismus der Straße, den man seinen Personen in ganz unbestimmter Weise abnimmt, auch wenn es hier und dort zu einigen Überzeichnungen kommt. Das wohl älteste Gewerbe der Welt verfügt naturgemäß auch über die ältesten Geschichten und Maschen der Welt, die sich allerdings niemals abnutzen werden, da Naivität und zu wenig Vorstellungskraft sowie mangelnde Erfahrung die Geschäfte derer begünstigen, denen andere völlig egal sind. In einer Bar hält die männliche Hauptperson Ausschau nach sogenanntem Frischfleisch, bis im etliche gut zurecht gemachte Objekte ins Auge fallen, die potenziell für ihn anschaffen könnten. Sogar die dort tanzende Barbara Valentin - die sich in ihrem kurzen Auftritt selbst spielt - wird ins Visier genommen, bis sich Suzanne Roquette in den Fokus aller Beteiligten tanzt. Ihre Schönheit ist auffällig, ihre Ausgelassenheit ansteckend, außerdem lässt sie sich nach kürzester Zeit um den Finger wickeln. Für die in Weimar geborene Interpretin war es nach drei kleineren Rollen die erste große Hauptrolle, die sie offensichtlich Will Trempers Experimentierfreudigkeit und Gespür für den toast of the town - quasi die neuste Neuentdeckung - zu verdanken hatte. So werden es hier am Ende nicht die bereits arrivierten Stars oder Überraschungsgäste sein, die "Sperrbezirk" am eindrücklichsten formen, sondern primär Suzanne Roquette, deren Karriere hierzulande leider nie richtig in Gang kam.

Das Geschäftsmodell des Bernie Kallmann ist denkbar einfach, denn er trumpft mit irgendetwas zwischen Charme und Unverfrorenheit auf, bis die Auserkorene nicht mehr anders kann, sich in den so anders wirkenden Mann zu verlieben. Glücklicherweise besitzt er eine Beteiligung an einem Appartementhaus, wo Ann ohne Probleme für ihn anschaffen kann, nachdem sie zugeritten wurde. Das Publikum erlebt einen erstaunlichen Prozess bei der jungen Frau, die bis vor Kurzem noch in einem Autokino gearbeitet hat, denn sie verliebt sich Hals über Kopf in ihren designierten Zuhälter, den sie ehrfurchtsvoll Bernhard nennt, und seinen Spitznamen ablehnt, wie der Teufel das Weihwasser. Sie sieht in ihm etwas ganz Besonderes und würde alles für ihn tun, auch wenn ihr dabei übel wird. Im Spektrum diverser Abhängigkeiten toxischer Beziehungen lässt sich ein Abstieg miterleben, der aufgrund der Bereitwilligkeit tragisch wirkt. Um den Zuschauer bei Laune zu halten und das Geschehen nicht zu kopflastig wirken zu lassen, wird man mit Bernies Machenschaften und dessen Helfershelfern vertraut gemacht, die alle wie ein Uhrwerk zu funktionieren haben, solange sich jeder selbst der Nächste sein darf. Will Tremper inszeniert rasant und streckenweise mit der nötigen Provokation, die ein solcher Beitrag als Aushängeschild nötig hat, wenngleich man hier und da gerne noch mehr auf die Tube hätte drücken dürfen. Interessant und faszinierend bleibt die empfundene Realitätsnähe, die sich vor allem in den Schauplätzen und unwichtigen Details finden lässt, wenngleich man thematisch vielleicht einige Märchen erzählt bekommt, weil sie in erster Linie publikumswirksam erscheinen. Die herbe Schwarzweiß-Fotografie setzt zahlreiche Kontraste und bringt eine Schwere in das Szenario, die die sich langsam entfaltende Brisanz unterstreicht. Da der Film über sehr greifbare Charaktere verfügt, die von den Interpreten je nach Situation leichtfüßig bis schwermütig dargestellt werden, kommt vor allem dann Stimmung auf, wenn es ordentlich zur Sache geht, doch leider bleibt der Verlauf an wichtigen Stellen zu beliebig und verhalten, insbesondere dann, wenn man einschlägige Vergleiche zieht.

Nichtsdestotrotz werden Fans von Will Trempers Herangehensweise in besonderem Maß zufriedengestellt, da sein Hauptaugenmerk in einer Art und Weise auf den beteiligten Personen haften bleibt, bis man seinen Blick nicht mehr von ihnen abwenden kann. Harald Leipnitz war zu dieser Zeit längst ein glaubwürdiger Kandidat, beide Seiten des Gesetzes zu bedienen und er schafft es sogar, nicht komplett wie der letzte Dreck zu wirken, was möglicherweise an den völlig unkritischen Anwandlungen von Suzanne Roquette liegt, die ihn wie einen Heiligen anbetet. In diesem Abhängigkeitsverhältnis lässt sich aber auch der brisante Kern der kompletten Geschichte finden, zumal die meisten Opfer sich nicht als solche ansehen, sondern als barmherzige Samariterinnen, die alles daran setzen, ihre Illusionen in Wirklichkeit zu verwandeln. Will Tremper jedoch zeigt andere Bilder der blanken Realität, die banden- oder syndikatsähnlichen Strukturen gleichen, dabei wenig Rücksicht auf potenzielle und tatsächliche Verluste nehmen. Die Brutalität bleibt in großen Teilen unterschwellig vorhanden und spielt sich eher im Rahmen seelischer Grausamkeiten ab, bis es zu erwarteten Gewaltexzessen kommt, die eine Katastrophe andeuten. Wie immer fragt man sich, für wen diese am schlimmsten enden wird, aber es entsteht genügend Spannung und Reiz, diese Geschichte als gelungen einzustufen. Sehr gute Leistungen bieten Rudolf Schündler, Christian Rode und Karl Stepanek, aber auch die leichten Mädchen zeigen sich von ihrer wahlweise ordinären Seite. Ebenfalls interessant ist die Liste der Gäste - bei Tremper wie üblich üppig und prominent gefüllt - unter denen sich selbst Interpreten finden, die im Vorspann nicht angekündigt sind. "Sperrbezirk" gehört in erster Linie zu den Tremper'schen Juwelen, die in unkonventioneller Art und Weise auch heute noch zu leuchten vermögen, aber leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, denn es bietet sich ein interessanter Blick zurück nach vorn. Schöne Bilder, krude Szenen, schwere Jungs und leichte Mädchen verhelfen diesem Sittenreißer zu einem sehr guten, um nicht zu sagen handfesten Eindruck, der immerhin auch heute noch griffig und in Teilen aktuell wirkt.

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● DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE / L'UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO (D|I|1970)
mit Tony Musante, Suzy Kendall, Eva Renzi, Enrico Maria Salerno, Umberto Raho, Reggie Nalder, Werner Peters, Renato Romano und als Gast Mario Adorf
eine Produktion der cCc Filmkunst | Seda Spettacoli | im Constantin Filmverleih
ein Film von Dario Argento

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»Ich weiß nicht was ich seltsam daran fand, aber irgendwas kam mir merkwürdig vor«


Der amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas (Tony Musante) wird eines Abends zufällig Zeuge eines Verbrechens. In einer Kunstgalerie beobachtet er den Kampf zwischen einer schwarz gekleideten Gestalt und Monica Ranieri (Eva Renzi), der Frau des Galeriebesitzers (Umberto Raho). Dabei wird sie mit einem Messer attackiert und weil Sam sich bemerkbar macht wird Monica lediglich verletzt. Schnell stellt sich heraus, dass es sich offenbar um einen lange gesuchten Serienmörder handelt, der Rom seit geraumer Zeit unsicher macht und junge Frauen tötet. Beim Verhör mit Inspektor Morosini (Enrico Maria Salerno) stellt sich heraus, dass der Amerikaner noch irgend etwas beim Tathergang gesehen haben muss, er aber nicht benennen kann um was es sich genau handelt. Da Sam in den nächsten Tagen wieder zurück in die USA fliegen möchte, der Inspektor auf ihn als wichtigen Zeugen aber nicht verzichten kann, behält dieser kurzerhand seinen Pass ein und Dalmas begibt sich selbst auf die Suche nach dem Mörder, bei der er und seine Freundin Julia (Suzy Kendall) in Lebensgefahr geraten. Unterdessen schlägt der Mörder erneut zu...

Eine in Schwarz gekleidete, und nicht zu erkennende Gestalt bedient eine Schreibmaschine, der kleine Raum vermittelt ein unbehagliches Vakuum. Alles dort scheint pedantisch geordnet, und tödlich korrekt durchdacht zu sein und die Intention dieser kurzen Szenen vermittelt eine unmissverständliche Deutlichkeit, noch bevor das Phantom zuschlagen wird. Eine junge Frau wird auf der Straße abfotografiert, die wunderbare Musik von Ennio Morricone entschärft die Situation für einen kurzen Augenblick, bevor es mit dem veranschaulichten Kurzpsychogramm des Mörders weitergeht. Ein Foto des Opfers wird mit einer Nummer markiert und eine Reihe bedachtsam angeordneter Messer sorgt für Gewissheit. Der Zuschauer steht unmittelbar vor dem ersten sichtbaren Mord und man weiß durchaus, dass es sicherlich nicht der letzte sein wird. Die Montur der sich geschmeidig bewegenden, und in schwarzem Leder gekleideten Gestalt, vermittelt einen offensichtlich autoerotischen Aspekt. Ein Schrei beendet die Szene und das Leben der vermutlich wahllos auserkorenen jungen Frau. Unmittelbar danach bekommt man den Protagonisten der Story vorgestellt. Sam Dalmas ist abwesend, gedanklich ist er womöglich schon längst wieder zurück in den USA. Sein Blick fällt durch die Panoramafenster einer hell ausgeleuchteten Kunstgalerie und er wird Zeuge eines Verbrechens. In dieser Schlüsselszene ist die Kamera aufmerksamer als der Protagonist und als jeder Beobachter es sein kann, obwohl sie den Zuschauer für einen kurzen Augenblick mit in das Innere der Galerie nimmt. Man sieht Monica Ranieri, ein blankes Messer ist wenige Zentimeter von ihr entfernt, es ist, als könne man sie berühren. Wie Sam den kompletten Film über beteuern wird, stimmt etwas an dieser Szene nicht mit den normalen Gesetzen einer solchen Situation überein, der aufmerksame Zuschauer ist der gleichen Ansicht, doch vorerst kann keiner den verschachtelten Fehler erkennen. Bereits hier zeigt Dario Argento, wo er mit seinem eigentlich kompliziert gestalteten Film hin möchte.

Er trübt die Auffassungsgabe durch die Ferne, bietet aber gleichzeitig die Chance, diese Situation permanent wieder Revue passieren zu lassen, er offeriert Transparenz, die allerdings noch keine Allianz mit dem Vorstellungsvermögen oder der Kombinationsgabe eingehen kann. Der Augenzeuge wird vom Täter im Labyrinth der Glasfenster gefangen gehalten, trotz der Nähe entsteht eine unüberbrückbare Distanz, so dass die Zeit bleibt, jede Einzelheit dokumentieren zu können. Der Raum vermittelt eine beeindruckende Struktur, genau wie es übrigens der komplette Film tun wird, die Szenerie veranschaulicht Kontraste, die sich ebenfalls durch den Verlauf ziehen werden. Die Struktur dieser Situation wird durch die verletzte Monica Ranieri gestört, umgekehrt, da es zunächst niemandem möglich ist, zu intervenieren. Trotz ihres Kampfes, bleibt die unbequeme Möglichkeit, einige Gedanken weiter auszumalen, weil die Regie die verstreichende Zeit einem Diktat ähneln lassen wird. Wird Monica Ranieri rechtzeitig gerettet werden, wird sie Angaben zum Täter machen können, wird Sam Dalmas als dringend tatverdächtig eingestuft, ist er ab sofort selbst in Gefahr? Der Film nimmt seinen spektakulären, oder vielmehr intelligenten Lauf und es ist erstaunlich, welcher Meilenstein hier entstanden ist, wohlgemerkt mit einfachen und klassischen Mitteln. Erstaunlich vielleicht deswegen, weil man "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" aus damaliger Sicht einfach als das betrachten muss, was der Film vom Ursprung her sein sollte: Ein Beitrag, der in der Bundesrepublik unter der Trivialmarke Bryan Edgar Wallace vermarktet wurde. Die Vermutung liegt also nahe, dass sich zur Entstehungszeit vielleicht noch niemand so recht im Klaren darüber war, wie dieser Film ein komplettes Genre noch beeinflussen würde und welche Sensation man am schmieden war. Der Verlauf ist als Blick zurück nach vorn aufgebaut und ähnelt einem spröden Zusammentragen von vielen Mosaiksteinchen. Da Sam Dalmas und seine Freundin unfreiwillige Ermittler werden, und die Polizei bei der Lösung des Falles ebenfalls Schützenhilfe leisten kann, zeigt sich die bereits erwähnte, jedoch schleichende Transparenz für den Zuschauer.

Der Fall bereitet Kopfzerbrechen, und der Mörder schlägt immer wieder zu. Dies geschieht nicht in aller Diskretion, nein, er ist mittlerweile so weit, dass die Taten in einer vollkommen omnipotenten Art und Weise telefonisch bei der Polizei angekündigt werden. Die Gesetzeshüter spannen unterdessen Sam Dalmas als Lockvogel ein, da jegliche Anhaltspunkte fehlen. Die Taten folgen immer dem gleichen Muster. Schöne, alleinstehende Frauen werden bestialisch ermordet und es bleibt zu erahnen, dass der Geschichte ein psychologisches Motiv zu Grunde liegt. Betrachtet man die beteiligten Darsteller, so wirkt die Crew wie eine Bestätigung dafür, dass man nicht unbedingt von einem möglichen Überraschungscoup ausgegangen war, denn die Riege ist nicht mit den damaligen Top-Akteuren ausstaffiert worden. Dies soll weniger als Kritik, sondern eher als Feststellung angemerkt sein, denn die Darsteller wirken bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzt. Tony Musante macht jeden Zuschauer aufgrund seiner wichtigen Beobachtung zum Verbündeten, bei dieser Variante entsteht eine noch intensivere Solidarität mit dem Protagonisten als im Normalfall. Auch dass die sympathische Suzy Kendall an seiner Seite mit recherchiert, rückt sie deutlich in den Kreis der Sympathieträger. Beide werden noch in äußerst gefährliche Situationen geraten, die sie trotz einiger persönlicher Warnungen des Mörders nicht scheuen. Tony Musante gefällt aufgrund seiner kantigen Art. Seine Alleingänge wirken vielleicht bezeichnend für seinen Charakter, da er im privaten Bereich nicht anders vorzugehen scheint. Suzy Kendall wirkt bodenständig und kann in den richtigen Situationen ihre Emotionen heraus lassen. Ihre besten Momente zeigt sie, als der Handschuhmörder sie in ihrer eigenen Wohnung bedroht, Kendall hat man nicht alle Tage so temperamentvoll und präzise gesehen. Beim Thema Präzision ist unbedingt auch Enrico Maria Salerno zu nennen, der den überforderten Polizeiapparat anführt. Seine ruhigen und überaus sachlichen Ermittlungen wissen zu gefallen, sie würden einem sogar imponieren, wenn unterm Strich die richtigen Ergebnisse stehen würden.

Weitere bekannte Gesichter und willkommene Darbietungen liefern ein zweifelhafter Umberto Raho, ein ebenso schwer einzuschätzender Renato Romano und Reggie Nalder, als rechte oder linke Hand des Mörders, der wirklich für beängstigende Momente sorgen wird. Allround-Talent Werner Peters beeindruckt, gegenüber seiner sonst obligatorischen Auftritte, in einer vollkommen konträr angelegten Rolle, als an Sam interessierter Antiquitäten-Händler, die man zuvor noch nie von ihm gesehen hat. Schließlich rundet Mario Adorf das Geschehen als Gast ab, und zwar mit einer absolut irren Performance, die weniger für Aufklärung, als Auflockerung sorgen wird. In der Welt der Gialli sollte es insbesondere nach diesem Beitrag forcierter zugehen, so dass man hier im Rahmen von Gewaltspitzen und expliziten Szenen, auch im Sinne des Anvisierens der konstitutionellen Vorzüge der beteiligten Damen, noch gezügeltere Wege eingeschlagen hatte. Was allerdings immer schon ein Thema war, ist die Schönheit im allgemeinen, sowie im präziseren Sinne. Bleibt man bei diesem Schlagwort, so kommt man zu niemand anderem als zu der umwerfenden Eva Renzi, die hier in beeindruckenden Etappen eingesetzt, oder besser gesagt platziert wurde. "Das Lexikon der Deutschen Filmstars" bescheinigte ihr, sie konnte »ihre anspruchsvollen Rollencharaktere mit reifem Spiel und feiner Psychologie vertiefen«, eine Einschätzung, die hier wie der springende Punkt wirkt. Zugegebenermaßen ist "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" auf psychologischer Ebene ausbaufähig geblieben, so dass man anerkennen muss, dass Eva Renzi einen nicht unwichtigen Teil dazu beiträgt, dass diese eindrucksvolle Assoziationskette funktioniert, und sei es nur auf die darstellerischen Kompetenzen reduziert. Renzi formt Monica Ranieri tiefenbetont, sie wird Teil des Films, der Geschichte, eines Dekors, was den Zuschauer über die gesamte Spieldauer beschäftigen wird. So ging eine vereinnahmende Leistung der Deutschen in die Geschichte des Giallo ein, die auch heute noch einen gewissen Modell-Charakter vermittelt.

Die persönliche Quintessenz Eva Renzi hat im Grunde genommen keine weiteren Beschreibungen nötig, denn ein Blick genügt um zu begreifen, dass sie selbst Expertise genug darstellt. Der deutsche, klassische Krimi erlebte Mitte der 60er Jahre die Geburtsstunde des sogenannten "Melissa-Effekts", für die Gialli könnte man diese Erfindung vielleicht ab sofort "Monica-Ranieri-Effekt" nennen, denn dieses Modell sollte fortan noch häufiger Verwendung finden. Dario Argentos Beitrag beweist in nahezu allen Bereichen eine überdurchschnittliche Qualität. Zunächst ist die globale Stilsicherheit zu erwähnen, vor allem die erfinderische Attitüde, die dem Film seine unbeirrbare Richtung gibt, ist bemerkenswert. Im visuellen und bildsprachlichen Bereich kommt es zu vielen größeren und kleineren Highlights, insbesondere die subjektiven Kamerafahrten bei den Ermordungsszenen forcieren hochspannende Momente. Vereint mit Ennio Morricones abwechslungsreicher Musik, die ebenfalls Emotionen schürt, aber genauso für Atempausen sorgt, entstehen formvollendete Kreationen. Dario Argento beweist mit seinem Frühwerk, dass es sich bei ihm um einen Querdenker handelt, der mit formellen und stilistischen Kapriolen bestehende Grenzen und Gesetzte der Inszenierung aufweichen konnte. Die hier auftauchenden Stilelemente werden zur dichten Fusion für den Zuschauer, unterm Strich steht zwar die Ambition der Unterhaltung, allerdings der intelligenteren Sorte, obwohl sich auch viele Oberflächlichkeiten aufspüren lassen (könnten). Der Verlauf gibt die Besonderheit des Gesamtwerkes lange nicht her, das Finale wird gleich in mehreren Etappen eingeleitet und etliche Twists tragen zum besonderen Sehvergnügen, beziehungsweise Erstaunen bei. Das echte Finale erweist sich schließlich als einer der überraschendsten Momente überhaupt und das abrupte Ende lässt eine nüchterne Prognose zurück, die fehlende Erklärungen weg dividiert. Wenn der Film schließlich zu Ende ist, kommt eigentlich immer wieder der selbe Wunsch zum Vorschein, nämlich "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" noch einmal als Erstansicht wahrnehmen zu können. Ein prägendes Erlebnis!

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DIE GEFANGENE DES KU-KLUX-KLAN


● STORM WARNING / DIE GEFANGENE DES KU-KLUX-KLAN (US|1951)
mit Ginger Rogers, Ronald Reagan, Doris Day, Steve Cochran, Lloyd Gough, Hugh Sanders, Dale Van Sickel, Raymond Greenleaf, u.a.
Produktion und Verleih | Warner Bros.
ein Film von Stuart Heisler

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»Vergessen Sie nicht, wie viel Gutes der Klan tut!«


Aus beruflichen Gründen ist Marsha Mitchell (Ginger Rogers) auf dem Weg nach Riverpoint. Da sie ihre Schwester Lucy (Doris Day) schon länger nicht mehr gesehen hat, möchte sie diese mit einem Besuch in dem Städtchen Rock Point überraschen. Dort kommt es zu einem verstörenden Zwischenfall, denn Marsha wird Zeugin eines feigen Mordes an einem Journalisten, begangen durch Mitglieder des Ku-Klux-Klan. Im Schutze der Dunkelheit kann sie einige der Männer erkennen, die ihre Masken abgenommen hatten, was sich noch zum großen Problem für das Wiedersehen mit ihrer Schwester entwickeln wird, da einer der Männer Marshas eigener Schwager Hank (Steve Cochran) war. Schon bald wird die Zeugin zur Zielscheibe der Klan-Mitglieder...

Betrachtet man den deutschen Titel dieser Anfang der 50er-Jahre entstandenen Produktion, könnte der Eindruck entstehen, dass man es lediglich mit einem von unzähligen Reißern zu tun bekommt, jedoch hat Regisseur Stuart Heislers Film wesentlich mehr zu bieten, als das, was man zunächst annehmen möchte. Der besagte Klan schwebt zwar wie ein schwarzer Schatten über dem Szenario, doch dem Zuschauer bleiben abscheuliche Bilder der Taten weißer Rassisten weitgehend erspart, die ihre Mission - eingehüllt in Kapuzen und den Schutz der Dunkelheit - erfüllen wollen, da sie sich für Heilsbringer halten. Der Film konzentriert sich auf eine quälende psychologische Zange, in der sich die Protagonistin Marsha befindet, und immer weiter von Beteiligten hineingedrängt wird. Die Suche nach der Wahrheit ist uninteressant, nur das Konzipieren einer individuellen Wahrheit, die man den Leuten auftischen kann, bleibt als oberste Priorität zurück. Ein Reporter wird mit Schüssen niedergestreckt, damit er die Machenschaften des Klans nicht verbreiten kann; noch ahnt niemand, dass es eine ungewollte Zeugin gegeben hat, die sich zunächst an die Moral klammert und aussagen möchte. Die Wahrheit würde angesehene Persönlichkeiten der Stadt an den Galgen bringen, ihrer eigenen Schwester den Mann nehmen, aber zur Realität gehört auch, dass Teile des Gerichts und der Geschworenen durchsetzt mit Klan-Mitgliedern sein würden, die Marsha zuvor unter immensen Druck gesetzt hatten. Es deutet sich eine ausweglose Situation an, in der es zahlreiche schuldige und unschuldige Verlierer geben könnte, falls die Gerechtigkeit siegt. Heislers Augenmerk wird auf einen von Ronald Reagan giftig geführten Gerichtsprozess gelegt, der noch bizarre Tendenzen annehmen wird, daher hochinteressant für den Zuschauer verläuft. Es entsteht eine unbequeme Spannung in diesem Vakuum, das zu einem Schauprozess hochstilisiert wird, dessen Ergebnis die gesamte Stadt so oder so schlucken wird.

Ausstaffiert mit exzellenten Interpretinnen und Interpreten, kann sich die ganze Schwere und Brisanz des Verlaufs entfalten. Im Besonderen ist Hauptdarstellerin und Hollywood-Ikone Ginger Rogers hervorzuheben, deren innere Zerreißprobe eindrücklich und leidenschaftlich dargestellt wird. Hin- und hergerissen zwischen Gewissen, Moral und äußeren Zwängen, kommt es zu einer Reihe von Entscheidungen, die oftmals nur schwer zu akzeptieren sind, aber es stellt sich Mitgefühl mit dem unschuldigen Opfer eines perfiden Spiels ein, welches von einem widerwärtigen Mob bedrängt wird, der sich bei sich jeder bietenden Gelegenheit damit rechtfertigt, dass die Straßen wegen ihm sicher seien. Der Film hantiert mit viel Eigendynamik und Emotionen, sodass es stets spannend bleibt, zumal die Zeugin der Anklage unfreiwillig die Seiten wechseln wird. Tatkräftige Unterstützung leisten Doris Day oder Steve Cochran, deren vermeintliche Idylle wegzubrechen droht. »Solange sie in der Stadt ist, sind wir nicht sicher!«, lautet der Tenor des Klans, der dem Empfinden nach wieder zu außerordentlichen Maßnahmen greifen könnte. So schwebt die Protagonistin in latenter Gefahr, und man hofft, dass sie ihre Aussage noch zeitnah machen kann. Die Geschichte behandelt verdrehte Realitäten, die sich mittlerweile in der Stadt etabliert haben. Die Leute scheinen sich unter gewissen Umständen an alles zu gewöhnen; Hauptsache, sie können ihr unbehelligtes Leben weiterführen. Parolen wie »Der Klan tut viel Gutes!« werden als gesellschaftliche und moralische Realität übernommen. "Die Gefangene des Ku-Klux-Klan" spitzt sich dramatisch zu und schlägt Wege ein, die man im Vorfeld so nicht erwartet hätte, da überraschend keine Rassismus-Thematik behandelt wird, sondern man sich hauptsächlich mit den Widersachern der im Verborgenen agierenden Gemeinschaft beschäftigt. Eingefangen in packenden Schwarzweiß-Bildern, entsteht ein überaus atmosphärischer Verlauf, der erschreckend und daher fesselnd wirkt.

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EIN MÖRDERISCHES PAAR


● COPPIA OMICIDIA / EIN MÖRDERISCHES PAAR (I|1998)
mit Raz Degan, Raoul Bova, Laura Morante, Francesca Schiavo, Jacques Sernas, Giorgio Antonini, Girolamo Di Stolfo, Mauro Cacioppi,
Cinzia Carrea, Katia Crispino, Helmut Hagen, Fausto Lombardi, Emiliano Novelli, Mario Novelli, Erik Prizzi und Thomas Kretschmann
eine Produktion der Filmauro
ein Film von Claudio Fragasso

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»Du bist wunderschön!«


Durch Zufall erfährt der Technik-Freak Dario (Raoul Bova), dass es sich bei seinen Nachbarn Carla (Laura Morante) und Domenico Andreoli (Thomas Kretschmann) um Auftragskiller handelt, die hochrangige Politiker ins Jenseits befördern sollen. Während Darios Frau Luciana (Francesca Schiavo) darüber nachdenkt, die erst dreijährige aber fast zerrüttete Ehe zu retten, beschäftigt sich ihr Mann mit dem Auskundschaften der Andreolis. Um weitere Morde zu verhindern, verwanzt er deren Wohnung und stattet sie mit Videokameras aus. Alle Beteiligten müssen sich ab sofort vor dem Mann im Hintergrund namens Vito (Raz Degan) in Acht nehmen, dessen Brutalität keine Grenzen zu kennen scheint. Schon bald geraten Dario und Luciana in eine fingierte Situation, die sie plötzlich wie die Killer aussehen lässt...

Lucianas Schilderungen beim Psychologen sind gekennzeichnet von Verzweiflung und Resignation, vor allem scheint sie aber nicht mehr daran zu glauben, dass die erst junge Ehe noch zu retten ist. Ihr Mann, ein ausgesprochener Technik-Fan mit einem Hang zum Voyeurismus, beobachtet und filmt lieber wildfremde Leute auf der Straße oder nackte Damen durch offene Fenster, als sich mit seiner eigenen Frau zu beschäftigen. Darios ausgiebiges Equipment gibt sporadische seh- und hörbare Einblicke in das Leben anderer her, über sein eigenes Privatleben scheint er jedoch den Überblick verloren zu haben. Vielleicht fehlt ihm auch einfach das Interesse an seiner Partnerin, die von einem geregelten Alltag träumt. Als Dario per Zufall auf eine geheimnisvolle Frau mit schwarzer Sonnenbrille und blonder Perücke aufmerksam wird, die einen einzelnen Schüssel in einem Café verliert, ändert sich der verschlafene Alltag schlagartig, denn wenig später begeht die Fremde brutale Morde an Politikern. Ab sofort ist die Spurensuche eröffnet, und trotz erheblicher Zweifel lässt sich Luciana auf das angehende Mörderspiel ein, in der Hoffnung, ihrem Mann wieder näherzukommen. Derartige Geschichten lassen keinen Zweifel daran entstehen, dass es ab sofort gefährlich werden wird, bestenfalls lässt sich wie hier eine merkliche Spannung wahrnehmen, die das Geschehen immer wieder forciert. Dank seines Knowhows kann Dario rekonstruieren, um wen es sich bei der Killerin handelt, sodass die Spur ohne Umwege zu den eigenen Nachbarn führt, zu denen ab sofort der Kontakt gesucht wird. In Windeseile stellt sich heraus, dass es sich bei den Andreolis nicht nur um überaus skrupellose, sondern auch schamlose Zeitgenossen handelt, die nicht nur mit Waffen hantieren zu wissen. Aber zunächst konzentriert sich die zielstrebige Regie auf überaus blutige und actionreiche Mord-Sequenzen, die ein Tempo transportieren, welches sich durchaus sehen lassen kann. Verschiedene Handlungsstränge werden ab sofort gut miteinander verstrickt, die Präsentation der Personen gewinnt an Profil und Schärfe, bis der gefährliche Hintermann auftaucht, eine Art überzeugendes Klischee aus Spion, Killer und Sexprotz, den es offenbar anmacht, andere Personen leiden und sterben zu sehen.

Mit dem Auftauchen des israelischen Schauspielers und Models Raz Degan erreicht die Geschichte neue Sphären der Hochspannung, denn bei Vito handelt es sich um eine gewissen- und gnadenlose Killermaschine, die durch nichts aufzuhalten zu sein scheint. Durch ihn ahnt man, dass am Ende immer der Tod anderer zu stehen hat. Degan zeichnet seine Figur überraschend gut, da er es schafft, eine Aura zwischen Abscheu und Faszination zu kreieren. Überhaupt sind die Hauptfiguren sehr brauchbar ausgewählt, denn innerhalb der Konstellationen ergeben sich Kontraste, die für Zündstoff stehen. Doch zunächst scheinen alle Beteiligten von der Gunst Vitos zu leben; es fragt sich allerdings, wie lange noch. Durch die unfreiwillige Beteiligung von Dario und Luciana entsteht ein klassisches Tauziehen zwischen Gut und Böse, naiv und kalkulierend, wobei dies gewisse Abstufungen erfährt, vor allem, wenn es zu genügend Hintergrundinformationen gekommen ist. Doch zunächst wird die Melodie schallgedämpfter Waffen gespielt, der Bodycount der Geschichte ist ziemlich hoch, was für eine gewisse Unübersichtlichkeit sorgt. Hinzu kommt eine Findung innerhalb der Findung, denn immerhin müssen Dario und seine Frau wieder enger zusammenrücken. Die Regie begnügt sich hierbei allerdings nicht mit Schablonen der landläufigen Schmonzette, sondern die Protagonisten müssen erst einmal leiden. Hinzu kommt eine ansprechende Würze zwischen Sex & Crime, die in jeder Hinsicht für pikante Momente sorgen wird. "Ein mörderisches Paar" wurde seinerzeit im Nachtprogramm des ZDF platziert und verfügt über eine recht gute deutsche Synchronisation, stellt dabei ein typisches Kind der End-90er dar. Versehen mit Typen und einigen (temporär) bekannten und angesagten Gesichtern, kann die Story vor allem im Dunstkreis der Hauptrollen überzeugen. Raz Degan, seinerzeit bekannt geworden durch den hochfrequentierten Märchen-Mehrteiler "Prinzessin Alisea", legt die Messlatte für Angst, Mord, und Verbrechen ziemlich hoch an, sodass seine Helfershelfer sich ordentlich ins Zeug legen müssen. Mit Laura Morante und Thomas Kretschmann sind zwei willige Killer gefunden, die sich in ihren Rollen ordentlich profilieren werden.

Dies gilt vor allem für die heißblütige und verführerische Italienerin Morante, die über eine Attraktivität verfügt, die über die Maßen gefährlich wirkt. Sie sorgt nicht nur für Blutfontänen, sondern auch für eine permanent sexuell aufgeladene Spannung, was sich allerdings weniger auf ihren eigenen Mann bezieht, sondern möglicherweise auf jeden anderen. Ihre Affärenbereitschaft liegt somit quasi in der Luft und hier lässt es sich die Regie nicht nehmen, sie als bereitwilliges Zugpferd für heiße Flirt- und Sex-Einlagen einzuspannen. Ihre weniger bekannte Kollegin Francesca Schiavo ist hier quasi in doppelter Opposition zu finden, die sich in diesem Alptraum sichtlich ohnmächtig fühlt, da es keinen leichten Weg mehr herauszufinden gibt. Auf ihren an ihr uninteressierten Mann braucht sie nicht zu hoffen, nicht zu bauen, da er wie versessen wirkt, die Zufalls-Verbrechen aufklären beziehungsweise vereiteln zu wollen. Raoul Bova und Francesca Schiavo bilden ein überzeugendes - und trotz einiger Macken - sympathisches Paar, vor allem weil sie gemeinsam alles andere als perfekt funktionieren, zumindest zunächst. Über den vor ihnen liegenden Fall finden sie wieder mehr zueinander, bis sie den Verbrechern als perfekt abgestimmtes Duo einheizen können, doch ihr Hauptgegner Vito weiß schließlich noch ganz andere Register zu ziehen. Unterlegt mit eingängiger und spannungsfördernder Musik sowie intensiven visuellen Eindrücken, lässt sich im Rahmen einer typischen End-90er-Optik viel Positives ausmachen, und alles läuft auf einen packenden Showdown in Paris hinaus, der kleinere Überraschungen zu bieten hat. "Ein mörderisches Paar" ist vor allem spannend und temporeich ausgefallen, was die nicht immer schlüssigen Zusammenhänge gut wettmachen kann. Mord und Verbrechen kann hier ganz unverblümt abenteuerliche Blüten treiben, bis sich herausstellt, dass wieder einmal höchste Kreise in den Sumpf aus Korruption und Liquidierung involviert sind, und es die ganz normalen Bürger richten müssen. Ausstaffiert mit einem überraschend gut agierenden und daher überzeugenden Ensemble, kann die mit teils brutalen Bildern und charmanten Übertreibungen ausgestattete Geschichte beliebig forciert werden, wirkt daher unterm Strich überzeugend aber vor allem unterhaltsam.

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Keir Dullea   Senta Berger   Lilli Palmer   in

DAS AUSSCHWEIFENDE LEBEN DES MARQUIS DE SADE


● DAS AUSSCHWEIFENDE LEBEN DES MARQUIS DE SADE / DIE LIEBESABENTEUER DES MARQUIS S. / DE SADE (D|US|1969)
mit Sonja Ziemann, Christiane Krüger, Uta Levka, Susanne von Almassy, Barbara Stanek, Friedrich Schoenfelder, Heinz Spitzner,
Herbert Weissbach, Tilly Lauenstein, Ortrud Gross, Max Kiebach, Susanne Hsiao, Rolf Eden sowie John Huston und Anna Massey
eine Produktion der cCc Filmkunst | Trans Continental | American International Pictures | im Verleih der Columbia
ein Film von Cy Endfield und Roger Corman

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»Unsere Fantasie ist die einzige Wahrheit!«


Nach seiner Flucht aus einer Irrenanstalt, kommt Louis Marquis de Sade (Keir Dullea) wieder auf seinem Schloss an, und blickt kritisch auf sein bisheriges Leben. Ihm wird klar, warum er sich seit seiner Jugend gegen die Etikette der besseren Kreise widersetzte und von der Gesellschaft vorgegebene Konventionen ablehnte, wo es nur ging. Seine Eltern (Friedrich Schoenfelder und Susanne von Almassy) arrangierten die Heirat mit der vergleichsweise unansehnlichen Renée de Montreuil (Anna Massey), doch er war bereits ihrer schönen Schwester Anne (Senta Berger) verfallen. Es folgten Alkohol, Affären und Orgien, auf denen der Marquis auch seine sadistischen Gelüste auslebte, die ihm einst sein Onkel (John Huston) einimpfte...

Der Berliner Produzent Artur Brauner war bekannt für seine Bereitschaft, imposante Großfilme zu produzieren, gerne auch, wenn sich noch andere Geldgeber ausfindig machen ließen. Diese deutsch-amerikanische Co-Produktion entstand unter Doppelregie unter großem Aufwand, denn nicht nur die zugrunde liegende Geschichte ist moderner interpretiert, sondern es kam zu einem regelrechten Ausstattungsfilm in mehreren Bereichen, der seine visuelle Dominanz auszuspielen versucht. Betrachtet man das Zeitfenster und die hier angebotene Zeigefreudigkeit, so kommen vor allem Interessenten anmutiger Weiblichkeit auf ihre Kosten, wenngleich der Film - der ja wie eine Ankündigung wirkt - im Gros betont zahm und verdächtig initiativ bleibt. Zwar gibt es einige Strecken von Orgien, aber in der grassierenden Aufklärungswelle wurden bereits andere Geschütze geboten. Die Besetzung ist offensichtlich in einige Fraktionen aufgeteilt: Weltstars, die ihre Aufgaben darin verstehen, auch für dementsprechendes Schauspiel zu sorgen, bekannte deutsche Interpreten, die sich neben ihnen zu profilieren versuchen, und diejenigen Schauspielerinnen, die keine Probleme damit haben, sich hüllenlos zu präsentieren, oder sich wahlweise von der Titelfigur hart ran nehmen zu lassen. So entsteht eine sehr interessante Melange unterschiedlichster Eindrücke, die sich unterm Strich gut sehen lassen kann. Zu kämpfen hat die routiniert inszeniert wirkende Geschichte - die über allerlei Progressiv-Einfälle verfügt - mit einem Gespenst namens Langeweile, welches immer wieder umher huscht, sich daher nicht leugnen lässt. Die Regie hat offensichtliche Probleme, den Verlauf zu ordnen, da man sich häufig zeitlich und örtlich desorientiert fühlt, was natürlich auch eine Art der Strategie sein kann, wenn man an die vielen Traum-Sequenzen der Produktion denkt. Allerdings bleibt unterm Strich eine diesbezüglich ungeklärte Frage im Szenario stehen und das Duo Cy Endfield und Roger Corman widmet sich dem in Szenesetzen der vielleicht teuren Einkäufe.

Hier zu erwähnen ist vor allem Hauptdarsteller Keir Dullea, der im Jahr zuvor mit Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" einen immensen Erfolg feiern konnte, und sich hier in der Titelrolle verausgaben darf. An seiner Seite spielen große Namen wie Lilli Palmer, John Huston, Senta Berger, Anna Massey, oder Sonja Ziemann, die hauptsächlich in Etappen auftreten und sich der Anforderung entsprechend sehr überzeugend präsentieren. Andere bekannte deutsche Stars wie Christiane Krüger, Uta Levka, Friedrich Schoenfelder oder Susanne von Almassy sind hingegen nur in kürzeren Intervallen zu sehen, was aufgrund der hohen Star-Konzentration schon beachtlich wirkt. Dennoch bleibt der Eindruck, dass der Film über weite Strecken an Substanz und vor allem Drive vermissen lässt. Teil der Veranstaltung sollen natürlich auch sadistische Themen sein, bei denen insbesondere Uta Levkas Part hervorgehoben werden darf, als sie mit einem Degen zur Räson gebracht wird. Deutliche Theater-Anleihen und die des Kostümfilms lassen ein für die Zeit eigenartig rückwärtsgewandtes Flair aufkommen, welches durch die Bilder der Orgien an erotischer Atmosphäre gewinnen soll. Allerdings bleibt zu betonen, dass insbesondere diese Szenen, die noch nicht einmal als Sex-Szenen zu beschreiben sind, Tendenzen der unfreiwilligen Komik aufwerfen, da sie in entlarvender Zeitlupe gezeigt werden. Hier bleibt noch das Farbenspiel zu erwähnen und die angemessene Musik, die unterm Strich ganz gut anzukommen vermag. "Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade" gestaltet sich thematisch ausschweifend, aber eben nicht inszenatorisch, sodass man es letztlich nur mit einem Ausstattungsfilm zu tun hat, dessen besondere Entourage überzeugt, außerdem einige Momente zutage kommen, die recht atmosphärisch wirken. Schauspielerinnen wie Sonja Ziemann und Susanne von Almassy nahmen hier übrigens ihren Abschied vom Kino-Geschäft, und der Film stellt insgesamt vielleicht keinen krönenden, aber immerhin annehmbaren Abschluss dar.

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TÖDLICHE BEUTE


● DEADLY PREY / TÖDLICHE BEUTE (US|1987)
mit Ted Prior, Troy Donahue, David Campbell, William Zipp, Fritz Matthews, Dawn Abraham, Suzanne Tara, Thomas Baldwin,
Leo Weltman, Jasper Collins, Brian Edward O'Connor, Sean Holton, Markus Leithold, Charles Veniro sowie Cameron Mitchell
eine Produktion der Action International Pictures
ein Film von David A. Prior

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»Ich töte euch!«


Colonel John Hogan (David Campbell) trainiert eine Gruppe von Söldnern. Finanziert durch dubiose Hintermänner, werden die Männer ausschließlich auf Brutalität, Härte und Unmenschlichkeit gedrillt und es kommt selbst in den eigenen Reihen zu Liquidierungen, falls jemand nicht spurt. Um an Nachschub für ihre Übungen zu kommen, entführen sie wahllos Männer auf offener Straße, die in ihrem Camp zu lebendigen Zielscheiben werden. Als Mike Danton (Ted Prior) eines Tages den Müll herausbringt, wird er ebenfalls geschnappt. Noch ahnt niemand, dass Mike vor Jahren ebenfalls von Colonel Hogan ausgebildet wurde - als einer der Besten. Der Gejagte entwickelt sich schnell zum Jäger und einer unerbittlichen Killermaschine...

Ein Mann übersteht eine harte Ausbildung bei der US-Armee, überlebt den Vietnamkrieg einigermaßen unbeschadet, wird allerdings eines Tages beim simplen Herausbringen des Mülls von skrupellosen Söldnern entführt, die zu Übungszwecken eine tödliche Hetzjagd mit ihm veranstalten wollen. Auf diese Art und Weise hat es schon viele ahnungslose Zivilisten erwischt, aber immerhin muss man sich mit realen Hetzjagden schulen, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein. Leider haben die Entführer, deren Kameraden und ihr Boss nicht im Traum daran gedacht, dass sie plötzlich den falschen Mann in ihr Todescamp geholt haben, den sie nur mit einer Hose bekleidet in die Prärie schicken, um ihn schwer bewaffnet zur Strecke zu bringen. Die Physis von Hauptdarsteller Ted Prior lässt offenbar niemanden nachdenklich werden, immerhin freut man sich darauf, die zappelnde Beute zu erlegen, doch das Publikum weiß genau, dass sich die Jäger warm anziehen sollten, denn die langjährige Erfahrung hat einen unfehlbaren Killer aus Mike Danton gemacht. Bereits vor der Aktion schwört Mike, dass niemand dieses Kommando überleben wird. Niedrig budgetiert und offenbar in wenigen Tagen als Script zusammengefasst, kann sich dieser kleine Klassiker des B-Actionfilms wirklich sehen lassen, vorausgesetzt man zählt sich zu den unerschrockenen Fans des Genres und derartiger Geschichten, die manchmal noch weniger Sinn als Verstand haben. Die Story ist zugegeben alles andere als uninteressant, aufgrund der Rahmenbedingungen jedoch etwas repetitiv, sodass man dem Empfinden nach eine Stunde nichts anderes zu sehen bekommt, als das Ausschalten und Abschlachten der vermeintlichen Jäger, denen ihr eigenes Territorium gar keinen Vorteil bringt. Hierbei kann der Mann der Stunde auf zahlreiche Tricks und Fallstricke aus seiner Zeit bei der Armee zurückgreifen, und es kommt hauptsächlich zu brutalen Todesszenen, in denen sich die Spannung entladen kann. Da man es offensichtlich mit einer Horde Idioten zu tun hat, kann das Blut ungehindert in Fontänen sprudeln.

Tödliche Waffen, unsichtbare Fallen und eine Armee von Mäusen, die sich in fataler Weise mit Katzen verwechseln, bilden das Elixier dieses unbarmherzigen Reißers, in dem sich die Rollen vertauschen, die Kräfte aber nur selten verschieben. Ted Prior hat schließlich nicht weniger zu tun, als seine Stärke, Cleverness und einen unbändigen Überlebenswillen zu demonstrieren - gelegentlich unterhält er sich auch mit seinen Opfern, um an wichtige Informationen zu gelangen. Aber er macht keine Gefangenen, bis auf eine Ausnahme, um schließlich einen Verbündeten in dieser unübersichtlichen Hölle zu haben. Prior wirkt nicht zuletzt oder eigentlich ausschließlich wegen seiner körperlichen Überlegenheit so überzeugend, die hier praktischerweise auf einem Silbertablett und lediglich in kurzer Hose serviert wird. Auch er muss Federn lassen, aber der eiserne Wille lässt ihn zum Endgegner werden. Die Dialoge sind karg, schließlich gibt es nicht viel zu diskutieren, die Gewaltspitzen umso aussagekräftiger. Hierbei lassen sich sogar immer wieder kleine Steigerungen beobachten und abrufen, bis es sogar noch zu einigen kleineren Überraschungen kommt, die jedoch die schwarze Seele dieses Flicks unterstreichen. Schauspielerisch gesehen gibt es hier nicht viel Spektakuläres zu entdecken, physisch allerdings schon. Am Ende knipst Mike Danton, gegen den selbst schweres Kriegsgerät nichts auszurichten weiß, über 50 Söldnern das Licht aus, die vielleicht besser vorher von ihm ausgebildet worden wären, um den Hauch einer Chance zu haben - aber wer konnte dieses Fiasko schon ahnen? Regisseur David A. Prior hat hier im Rahmen der Möglichkeiten alles richtig gemacht, indem er einfach alles seinen unausweichlichen Lauf nehmen lässt, sodass Action-Cracks doch zufrieden mit dem überschaubaren Angebot sein dürften. Am Ende deutet sich an, dass dieser Alptraum so schnell kein Ende haben dürfte und daher darf man sich sogar auf eine in weiter Ferne liegende Fortsetzung freuen. "Tödliche Beute" - ein interessanter Titel mit doppeltem Boden - hält in jeder Beziehung, was er verspricht. Trash und Smash in einem.

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BLOOMFIELD

● BLOOMFIELD / BLOOMFIELD (GB|ISR|1969)
mit Richard Harris, Romy Schneider, Maurice Kaufmann, Yossi Yadin, Shraga Friedman, Aviva Marks, Yossi Graber,
David Heyman, Gideon Shemer, Sarah Moor, Reuven Bar-Yotam, Beyla Genauer, Amnon Berenson und Kim Burfield
eine Produktion der World Films Company | Limbridge | Cenfilco Tel Aviv | im Nobis Filmverleih
ein Film von Richard Harris und Uri Zohar

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»Darf ich mit nirgendwo hin?«


Der erfolgreiche Fußballspieler Eitan (Richard Harris) verschiebt den günstigen Zeitpunkt des Aufhörens immer und immer wieder nach hinten, lebt daher gerne in den Tag hinein. Seine Freundin, die erfolgreiche Bildhauerin Nira (Romy Schneider), steht kurz vor dem Durchbruch und wird Spiegel seines Erfolgsniedergangs. Da der Tag des sportlichen Abschieds womöglich immer näher rückt, möchte der kleine Nimrod (Kim Burfield) sein Idol unbedingt einmal in Aktion im Bloomfield-Stadion sehen, doch der Vater des versetzungsgefährdeten Jungen mahnt, dass sich seine Leistungen zuerst verbessern müssen, um bei einem Spiel dabei sein zu können. Nira drängt Eitan derweil, sich einen richtigen Job zu suchen, doch er bekommt krumme Geschäfte angeboten. Kann er dem Erfolgsdruck standhalten?

»Mach die Aufnahmeprüfung, und du kannst so viel Fußball spielen, wie du willst!« Ein derartiger Satz wäre für jeden von Fußball begeisterten Jungen sicherlich Musik in dessen Ohren, wenn die Zusatzklausel der Aufnahmeprüfung nicht wäre, immerhin bedeutet sie eine Beschneidung des damit empfundenen Freiheitsgefühls. Da der Nimbus der Realität - so auch der des Fußballs - nur mit viel Spucke, Kaugummi und Illusionen hält, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der kleine Junge, der sich auf den Weg zu seinem glorifizierten Idol macht, die ersten Risse im Gesamtbild entdecken wird. Der Zuschauer erledigt diese Aufgabe bei diesem Film wesentlich schneller, denn Regisseur Richard Harris ist an nichts anderem als einer auf Schablone zugeschnittenen Selbstinszenierung interessiert, bei der man sich kein Bein ausreißen muss, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Für den irischen Schauspieler war "Bloomfield" seine erste und einzige Regiearbeit, die allerdings auch ihre Vorteile aufzuweisen hat. Hier zu nennen ist die an Perfektion grenzende Kameraarbeit von Otto Heller, für den diese britisch-israelische Produktion leider die letzte vor seinem Tod war. Seine Kreationen zeigen große Wirkung in einer Produktion, der es in den wichtigen Momenten an dramaturgischer Substanz fehlt, was bei der vom Prinzip her interessanten Storyline sicherlich mit der unsicheren und auf sich selbst bezogenen Regie zu tun hat. Darüber zu philosophieren, dass ein anderer inszenatorischer Ansatz hier möglicherweise kleinere Wunder gewirkt hätte, ist noch müßiger als die Bewertung des Endergebnisses, doch am Ende richtet dieser auf heiter bis dramatisch getrimmte Film keinerlei Schaden an, zumal er schöne visuelle Momente innerhalb toller Schauplätze zu bieten hat, die insbesondere Romy Schneider und Kim Burfield hofieren. Deren schauspielerische Zeichnungen wirken schlussendlich besonders authentisch. Die Geschichte an sich lässt sich auch gut von Fußball-Analphabeten anschauen, denn der Fokus rückt immer wieder angemessen vom Hauptthema ab.

Der junge Nimrod bringt die nötige kindliche Unbeschwertheit in die laufende Geschichte, die der schwammig gezeichneten Ernsthaftigkeit vieler Szenen deutliche Hiebe versetzt. Viele Intervalle wirken zudem angenehm durch Panoramafahrten durch die interessante Landschaft und Umgebung sowie musikalische Ohrwurm-Themen gestreckt, außerdem bäumt sich eine merkliche Sentimentalität auf, die nicht wenige vielleicht sogar Kitsch nennen würden. Es geht schließlich um Zielfindung eines Mannes, der die Erfüllung längst kennengelernt hat, aber nichts mehr mit sich im Herbst seiner Karriere anzufangen weiß. Zurechtgerückt werden muss dieser Scherbenhaufen von einem kleinen Jungen, der mit kindlicher Begeisterung, vielleicht sogar Naivität, an Ideale glaubt. Dies großflächig zu vermitteln, braucht keine Zauberhand auf dem Regiestuhl, doch leider beschäftigt sich Hauptdarsteller und Regisseur viel zu sehr mit seinen Belangen und seiner eigens entworfenen Zeichnung. Kim Burfield brachte es als Kinderdarsteller auf ein halbes Dutzend Auftritte, für Romy Schneider handelte es sich um ein ungewöhnliches Experiment zwischen französischen Kassenerfolgen, wenngleich es kein Geheimnis ist, dass ihre Beteiligungen unter britischer Flagge nicht als ihre besten Platzierungen eingestuft werden. Erwähnenswert ist noch Maurice Kaufmann in einer für ihn obligatorischen und daher markanten kleinen Rolle. Das Geschehen schleppt sich leider viel zu offensichtlich in inszenatorischer Ambivalenz voran, lässt dabei glücklicherweise immer wieder über herrliche Bildimpressionen staunen, kann aber am Ende keinen besonderen Gesamteindruck hinterlassen, da Brisanz, Dramatik, Entscheidungen oder Humor keine wirklichen Pointen erleben und vermitteln. Richard Harris muss hier leider als der falsche Mann im doppelten Sinne identifiziert werden, sodass sein in Teilen nett anzusehendes Kinodebüt kaum für Aufsehen sorgen kann. Für die meisten Zuschauer dürften 90 Minuten Fußball somit die wesentlich interessantere Option darstellen.

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John Kitzmiller

ONKEL TOMS HÜTTE


● ONKEL TOMS HÜTTE / LA CASE DE L'ONCLE TOM / LA CAPANNA DELLO ZIO TOM / CICA TOMINA KOLIBA (D|F|I|JUG|1964)
mit Herbert Lom, O. W. Fischer, Olive Moorefield, Thomas Fritsch, Michaela May, Vilma Degischer, Charles Fawcett, Bibi Jelinek, Erika von Thellmann,
George Goodman, Harold Bradley, Dorothee Ellison sowie Eleonora Rossi Drago, Mylène Demongeot, Juliette Gréco, Eartha Kitt und Catana Cayetano
eine Produktion der cCc Filmkunst | Melodie Film | Debora Film | Sipro | Avala Film | im Nora Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Harriet Beecher Stowe
ein Film von Géza von Radványi

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»Ja, aber ich kann ihn doch schließlich nicht umfärben!«


Sklaven im Amerika des 19. Jahrhunderts werden von ihren Besitzern ausgebeutet, erniedrigt und nicht selten zu Tode gequält. Humanitäre Ausnahmen gibt es nur wenige, da der Besitz dieser Menschen als Grundrecht angesehen wird. Die Leibeigenen rund um Tom (John Kitzmiller) haben es bei dem liberalen Mr. Shelby (Charles Fawcett) vergleichsweise gut, doch dieser gerät in finanzielle Schwierigkeiten und muss sich sehr zum Unmut seiner Familie von den langjährigen Arbeitern trennen. Diese wiederum geraten an den unmenschlichen Sklavenhändler Legree (Herbert Lom), der die Menschen schlechter behandelt als Vieh. Es beginnt eine Zeit der Gewalt, Erniedrigung und Qual...

Die im Jahr 1927 gedrehte Stummfilm-Adaption des gleichnamigen und als Klassiker der Literaturgeschichte gehandelten Romans "Onkel Toms Hütte" war die letzte Verfilmung des Stoffes, bis sich ein Firmenkonsortium unter Beteiligung des Berliner Produzenten Artur Brauner erneut mit dem Stoff befassen sollte, um einen aufwändig und vor allem teuren Farbfilm zu forcieren, der für deutsche Verhältnisse auf seltenem 65-mm-Kameranegativ hergestellt werden sollte. Mit einem Produktionsvolumen von rund 4,5 Millionen D-Mark entstand einer bis dahin der teuersten deutschen Filme überhaupt, was sich im Endergebnis wie ein roter Faden beobachten lässt. Die zeitgenössische Kritik nahm den Film weitgehend gönnerhaft beziehungsweise nicht global ablehnend auf, jedoch nicht ohne zu betonen, dass es an der Intensität der Vorlage fehle und es Géza von Radványi nicht gelungen sei, die Schärfe der Rassismus-Thematik umzusetzen. Mit O. W. Fischer in den Hauptrollen konnte der ungarische Regisseur bereits mit den Erfolgsfilmen "Es muss nicht immer Kaviar sein" und "Diesmal muss es Kaviar sein" große Erfolge feiern und hat auch dieses Projekt zu jeder Zeit gut im Griff, wenngleich es vielleicht nicht ausbleibt, dass sich bei einer massiven Spielzeit von etwa 142 Minuten ein paar Längen einschleichen. In seiner ursprünglichen Version soll der Film sogar eine Länge von 170 Minuten gehabt haben, wie einige Quellen angeben. Ausgestattet mit einer internationalen Besetzung, kann der episodenhafte Verlauf nicht nur große Momente planen, sondern auch ausspielen und für den Gebrauch handelsüblicher Unterhaltungsfilme mit kritischer Grundstimmung und Intention kommt es zu einem beachtlichen Gesamtergebnis. Hier die Waage zu halten gestaltete sich seit jeher als schwer, da man immer Kompromisse mit Publikum und Vorlage eingehen muss, allerdings ist es auch nicht jedem recht zu machen. Tatsächlich nimmt man Wellen von Sentimentalität und Rührseligkeit war; Stilmittel, die im Unterhaltungsfilm dieser Zeit wie ein Lebenselixier erscheinen und bei interessanter Aufarbeitung gar nicht so deplatziert wirken, wie oftmals vorgeworfen.

Außerdem entschärfen diese Tendenzen die hier nicht selten grausame Grund-Thematik und Vorgehensweise gewisser Charaktere, die sonst nur schwer zu ertragen gewesen wäre. In diesem Zusammenhang ist der Wahl-Brite Herbert Lom als Sklavenhändler Simon Legree zu erwähnen, dessen widerliche Aura den gesamten Verlauf prägt. Lom spielt den Schurken unter dem Deckmantel eines Geschäftsmannes mit Prokura der politischen Maxime brillant und man sieht einen vulgären und gleichzeitig brutalen Zeitgenossen, der mit dem Leben handelt, wie andere mit Lebensmitteln oder Gegenständen. In seiner Hand liegen Existenzen, er versucht die besten Preise für seiner Ansicht nach minderwertiges Leben herauszuschlagen. Vorgegangen wird dabei wie auf einer Vieh-Auktion, bei der gute Zähne und feste Muskeln präsentiert werden. Was ihn betrifft, gibt es nicht nur einen Kontrahenten, der die Gegenseite liberal und human repräsentiert, allerdings verfügen die Wenigsten über eine Lobby und gesellschaftliche Anerkennung. Legree ist zwar verhasst, aber die Gewöhnung der großen Masse der Leute rechtfertigt sein Tun zu jeder Zeit. Die Regie stellt eine Reihe von Interpreten auf, die im Vergleich und tatsächlich kultiviert und getrieben von Prinzipien, erfüllt von humanitären Gedanken und Nächstenliebe wirken, doch Lom ist letztlich wie ein Endgegner der unbezwingbaren Sorte, dessen Schergen seine und deren Existenz verteidigen. O. W. Fischer bietet Balsam für die Seele der seinerzeit noch nicht vorhandenen Gerechtigkeit an, ebenso wie Gertraud Mittermayr alias Michaela May, doch das Publikum muss sich auf harte Schocks gefasst machen. Unterstützend bei diesem Thema agieren Thomas Fritsch, Vilma Degischer, Bibi Jelinek oder Erika von Thellmann, doch besonders intensiv in Darstellung und Emotion wirken die US-amerikanischen Kollegen des Szenarios. Der zu dieser Zeit besonders in europäischen Produktionen bekannt gewordene John Kitzmiller stattet seine Titelrolle überzeugend und besonders greifbar aus, leider war es für den markanten Schauspieler bereits sein letzter Auftritt, da er 50 Tage vor der Uraufführung verstarb.

Einen ebenfalls besonderen Eindruck hinterlässt Olive Moorefield als Legrees Lieblings- und Liebessklavin, die eine bestechende Melancholie anbietet, nicht ohne dabei zu demonstrieren, dass sie nur auf den richtigen Moment wartet, um ihren Peiniger endgültig zu erledigen. Erwähnenswert ist des Weiteren der Auftritt der aus Guatemala stammenden Catana Cayetano, die ab diesem Film in Deutschland Karriere machte. "Onkel Toms Hütte" wartet mit weiteren Stars und Gästen wie Mylène Demongeot, Eartha Kitt, Juliette Gréco oder Eleonora Rossi Drago auf, sodass man insgesamt von einem spektakulären Schauspielerfilm sprechen kann, der jedoch auch thematisch, handwerklich, ausstattungstechnisch und visuell überzeugen kann. Hin und wieder kommt sogar der Spirit auf, den man sich im Vorfeld auch vorgestellt hat, selbst die musikalische Untermalung von Peter Thomas wirkt weitgehend gut integriert. Wie erwähnt muss es zu tragischen und ergreifenden Intervallen kommen, da der Verlauf der Geschichte strapaziös, ihr Fazit allerdings hoffnungsvoll geformt sein soll. Für eine internationale Großproduktion unter vorwiegend deutscher Federführung ist insgesamt ein beachtliches End-Ergebnis entstanden, das durch Géza von Radványis sichere Regie ein erinnerungswürdiges Profil erlangt. Auch ohne die literarische Vorlage von Harriet Beecher Stowe zu kennen, funktioniert diese Konstruktion sehr gut, das durch die Bank großartige Schauspiel der Interpreten verhilft der Geschichte zur nötigen Intensität, Emotion und spürbarem Nachhall, welcher "Onkel Toms Hütte" über den vielleicht plumpen Verdacht erhebt, nur ein handelsüblicher Unterhaltungsfilm trivialer Art sein zu wollen. Wieder einmal hat sich Experimentierfreudigkeit und Mut zum Risiko rentiert, was mehr als nennenswert ist, da es sich immerhin um eine Großproduktion handelt. Sicherlich wäre es hochinteressant, den Film in der voll angegebenen Länge sehen zu können, doch wie es heißt, ist die hier vorliegende die letzte existierende Version. Es bleibt ein sehenswerter Film, dessen Stärken sich aus einer optimalen Dosierung im Rahmen der Basisbereiche ergeben.

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Prisma
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DIE NACKTE GRÄFIN


● DIE NACKTE GRÄFIN (D|1970)
mit Wolfgang Lukschy, Ursula Blauth, Renate Kasché, Fernando Gómez, Helga Marlo, Elke Hart, Gunther Möhner, Christiane Müller,
Julio M. Pinheiro, Michael Comer, Gernot Möhner, Ilka Häusler, Michel Jacot, Jean-Pierre Zola, Ibrahim Aslahan und Kurt Nachmann
ein Lisa Film | im Gloria Verleih
ein Film von Kurt Nachmann

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»Man muss eine Frau nicht mit dem Penis besitzen!«


Am Rand einer bayrischen Landstraße wird ein junger Mann in seinem Cabriolet gefunden. Er ist nackt und tot. Auf Kommissar Gabriel (Kurt Nachmann) kommen schwierige Ermittlungen zu, denn die Zulassungspapiere des Fahrzeugs führen ihn auf das Gut des Grafen Anatol Manesser-Mankonyí (Wolfgang Lukschy), der bei der Bevölkerung einen berüchtigten Ruf genießt. Beim Eintreffen der Polizei gibt der Graf gerade ein ausschweifendes Fest für seine Frau Verena (Ursula Blauth), steht daher für Rede und Antwort nicht zur Verfügung und verweist an seine Dienerschaft, die dem Kommissar ein eindeutiges Bild über den offenbar sexuell verworfenen und sadistisch veranlagten Hausherren zeichnet. Ist der Schlüssel für Mord hier zu finden?

Dass die Polizei häufiger einmal Leichen am Wegesrand findet, ist sicherlich nicht neu, dass sie allerdings nackt in einem teuren Cabriolet liegen, welches wie eine Visitenkarte platziert ist, vielleicht schon. Regisseur Kurt Nachmann lässt es sich in seinem Film nicht nehmen, die Ermittler-Rolle gleich selbst zu übernehmen, zeichnet dabei einen stoischen Beamten, den offenbar nichts so leicht aus der Ruhe bringt, wenn der vorprogrammierte Weg nicht zu einem berüchtigten Grafen führen würde, dessen schlechtem Ruf wohl nie ein guter vorausgegangen ist. Der Titel-Ankündigung nach klingt "Die nackte Gräfin" wie ein klassischer Vertreter der längst in Gang gekommenen deutschen Sex-Welle und lässt bei einem Blick auf die Besetzung und den Stab zunächst nicht viel Spielraum für andere Schlussfolgerungen übrig. Doch in diesem Film ist alles anders als erwartet, handelt es sich doch überraschenderweise um einen der am schönsten und vor allem kühnsten fotografierten deutschen Filme mit erotischem Hintergrund, die man überhaupt finden kann. Offenbar orientiert an großen internationalen Vorbildern, jedoch ausgestattet mit eigener Seele und doppeltem Boden, kann man sich auf ein besonderes Filmvergnügen gefasst machen, dessen Visualisierung überaus beachtlich wirkt und für Paukenschläge sorgen kann. Die Geschichte wirkt mit all ihren Windungen recht originell und kann mit Leichtigkeit Trümpfe ausspielen, an die vielleicht niemand im Vorfeld gedacht hätte. Überhaupt würde man Kurt Nachmann nach diversen und im Grunde genommen eindeutigen cineastischen Visitenkarten keinen so couragierten und faszinierenden Film zugetraut haben, was die Sache am Ende umso interessanter macht. Nach einer empfundenen Ewigkeit spielt Wolfgang Lukschy wieder einmal eine Hauptrolle, doch Großmutters Zeiten sind in diesem Szenario definitiv vorbei. Seine weltmännische Aura und eine gebieterische Überheblichkeit sogen für eine wie von selbst laufende Überzeugungskraft, die alle in seinem Umfeld zu Untertanen macht - zumindest scheint es so.

Arroganz umweht ihn wie ein Zauber, der jedoch von seinen indiskreten Untergebenen schnellstens unterlaufen wird, da sie aus der Mottenkiste plaudern und ihren Herrn bei dieser Gelegenheit in ein reichlich schlechtes Licht rücken. Hier fällt eine wie immer bezaubernde Renate Kasché auf, die als pauschale Bereicherung für jeden Film zu werten ist, außerdem der Spanier Fernando Gómez, dessen Karriere in deutschen Sexfilmen begann und bekannten Serienformaten endete. Es ist schwer zu ordnen, was die Angestellten in ungefilterter Art und Weise von sich geben, doch dies gilt nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für den ermittelnden Polizeimann. Somit kommt der Film schnell zu seinem erotischen Kern, der durch Sadismus, Hörigkeit, Voyeurismus und Sadomasochismus angefeuert wird, bei dieser Gelegenheit in grellen und hochinteressanten Bildern strahlt. Hierfür verantwortlich zeigt sich der deutsche Fotograf und Kameramann Franz X. Lederle, der seine unverkennbare Handschrift in vielen publikumswirksamen Filmen von Wallace bis St. Pauli unterbringen konnte. Seine Fotografien erschließen und erklären sich wie Visionen in einem Genre, das sich nicht häufig mit derartigen Federn zu schmücken versuchte, was die Sache umso vereinnahmender, wenn nicht sogar brisanter macht. Um den Fall von hinten aufzurollen, kommen bei den Berichterstattungen Rückblenden zum Tragen, die etwas Ordnung in das grelle Dunkel bringen sollen. »Sex ist wie gutes Essen. Findest du Austern pervers?« Der Graf erweist sich als redegewandt und lullt seine seinerzeit frisch erbeutete Ehefrau mit Gegensätzlichkeiten ein, die jedoch wie die schönste Musik klingen können. Bereits nach der Hochzeit schwingt er seinen kleinen Fotoapparat, um seine Gattin beim Sex mit einem anderen zu fotografieren. Die Nacktheit, die im Verlauf gezeigt wird, geht eine prickelnde Allianz mit der Ästhetik ein und erteilt der Fließbandarbeit eine deutliche Abfuhr, sodass man beim Thema Zuschauen schnell zum bereitwilligen Komplizen des Grafen werden kann. Die Titelfigur stellt sich in bevorzugten Stellungen und mit natürlichem Entkleidungsdrang selbst vor.

Dies sogar mit einer spürbaren Wollust und der gefügigen Motivation, ihren Gatten zumindest passiv zufriedenzustellen. Es entstehen bizarre Intervalle, die einiges zeigen, aber noch mehr andeuten, gerne auch in den Bereich der Metaphorik gehend. Man sieht ausgefallenen Sex zwischen Panoramaglas, inmitten moderner Kunst, Trash, Körperkunst oder mahnender Mythologie, was dem Ganzen eine besondere Würze verleiht. Musikalisch getragen wird die Geschichte von einem häufig variierten Hauptthema von Gerhard Heinz, welches auch mit Gesang von der Österreicherin Marianne Mendt versehen ist. Ihr Lied "Die sieben Sünden" macht sich besonders gut bei den gezeigten Orgien des Grafen und kann mit einem Text aufwarten, der Ironie mit Sozialkritik verknüpft: »Hochmut, Hass, Völlerei, Wollust, Trägheit, Geiz und Neid. Das sind die Sünden von gestern und heute, die sieben Sünden, die jeder begeht, die sieben Sünden, die keiner bereute, seitdem sich diese Erde dreht.« Nimmt man es ganz genau, wird das Publikum thematisch ebenso durch einen unkonventionellen Kriminalfilm geführt, der jedoch in die zweite Reihe rückt, da man hier viel mehr geboten bekommt, als nur handelsübliche Unterhaltung. Da sich der Film auch darstellerisch auf einem guten Niveau bewegt, kann es in Kombination mit allen anderen Vorzügen zu einem gelungenen Gesamtergebnis kommen. Gerne gesehene Darstellerinnen wie Renate Kasché, Elke Hart, Helga Marlo oder Haupt- und Gelegenheitsdarstellerin Ursula Blauth machen die Angelegenheit besonders erlebnisreich und nahezu elektrisierend, sodass es global gesehen als Erlebnis angesehen werden kann, Kurt Nachmanns Beitrag verfolgen zu können. Wer hätte gedacht, dass der Wiener neben einschlägigen Beiträgen wie etwa "Josefine Mutzenbacher" oder "Kinderarzt Dr. Fröhlich" einen solch edlen Vertreter des erotischen Films fabrizieren könnte, der obendrein durch Schärfe, Mut und eine besondere Verspieltheit glänzt? "Die nackte Gräfin" kann daher durch und durch als Überraschungs-Coup beschrieben werden, dessen Nimbus im hinlänglich bekannten deutschen Sexfilm-Dschungel absolut deckelnd wirkt. Vom Anfang bis Ende überraschend.

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Prisma
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Jean Sorel   Eleonora Rossi Drago

NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN


● NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN / IPNOSI / HIPNOSIS (D|E|I|1962)
mit Heinz Drache, Margot Trooger, Werner Peters, Mara Cruz, Massimo Serato, Michael Cramer, Guido Celano und Götz George
eine Produktion der International Germania | Procusa | Domiziana Internazionale Cinematografica | im Constantin Filmverleih
ein Film von Eugenio Martín

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»Ich verdächtige nicht gerne, ich überführe lieber!«


Der Hypnotiseur und Bauchredner Georg von Cramer (Massimo Serato) wird nach seiner abendlichen Vorstellung am Varieté ermordet in seiner Garderobe aufgefunden. Unter Verdacht gerät der als Bote tätige Chris Kronberger (Götz George), der wie jeden Abend eine Sendung Blumen abzugeben hatte. Da man ihn zuletzt aus von Cramers Garderobe rennen sah, wird er zum Hauptverdächtigen und befindet sich seitdem auf der Flucht vor Inspektor Kaufmann (Heinz Drache), der auch die Mitglieder des Varietés unter die Lupe nimmt. Aber es kommen ihm Zweifel an der Schuld des Verdächtigen, der mittlerweile ebenfalls gezwungen ist, in diesem Fall zu ermitteln. Bei den Befragungen durch den leitenden Kriminalkommissar (Werner Peters) kommt es am Ort des Verbrechens jedoch zu einem unglaublichen Hinweis durch von Cramers Kollegin Katharina (Margot Trooger). Sie behauptet nämlich, dass der wichtigste Zeuge in diesem Fall die Bauchrednerpuppe "Grog" sei, die nicht nur während der Tat anwesend war, sondern seit dem Mord spurlos verschwunden ist...

Mit Eugenio Martíns "Nur tote Zeugen schweigen" schließt sich eine lang bestehende Lücke, die wohl selbst bei vielen eingeschworenen Krimi-Kennern noch darauf gewartet hat, geschlossen zu werden. Insbesondere die coproduzierten Beiträge dieser Dekade bieten sehr interessante Variationen der kriminalistischen Unterhaltung, und obwohl sie sich an damals gängigen Formaten orientiert haben, bekommt man als Zuschauer oft wesentlich mehr geboten als erwartet. Teilweise liegt es bestimmt an den unterschiedlichen Begehren der verschiedenen Märkte, allerdings wirken manche Beiträge nicht zuletzt deswegen unkonventionell, weil sie sich eben von den handelsüblichen Produktionen unterscheiden sollten. Diese Strategie ging glücklicherweise bei einigen Konkurrenzprodukten auf, bei anderen hingegen blieb unterm Strich lediglich der Eindruck bestehen, dass sie bemüht aber nicht außergewöhnlich zurück blieben. "Nur tote Zeugen schweigen" reizt zunächst wegen der nicht alltäglich klingenden Geschichte und des Umfeldes Theater, außerdem versammeln sich im Bereich der Darsteller namhafte Gesichter der deutschen Krimi-Prominenz und einige Mitglieder des europäischen Kinotopp. Ein schneller Einstieg ebnet den Weg für eine speziell anmutende Geschichte, ein ebenso schneller Mord und die Tatsache, dass der Zuschauer als Zeuge fungieren darf, tut dem allgegenwärtig verwirrenden Element keinen Abbruch. Nach kurzer Spieldauer zeigt sich im Speziellen, dass Martín eine unterschiedliche Strategie beim Aufbau der beteiligten Charaktere fährt, insbesondere einige der deutschen Akteure wirken in ihrem Einsatz vollkommen konträr zu den üblichen Eindrücken und bestehenden Sehgewohnheiten. Gute Voraussetzungen für eine Konkurrenz-Produktion reinster Seele, die man vielleicht genau aus diesem Grund mit kritischeren Blicken konfrontiert als sonst. Hat man viel gesehen, gibt es naturgemäß auch nicht mehr sehr viel Außergewöhnliches oder Neues zu entdecken, was aber keineswegs auf die Schauspieler-Entourage zutreffen wird, wenngleich Jean Sorel und Eleonora Rossi Drago weitgehend typische Einsätze, im Sinne markanter Personen vorzuweisen haben. Es sind eher die deutschen Stars, die dem europäischen Flair angepasst wirken, was als recht bemerkenswert in Erinnerung bleibt.

Dem Verlauf kommt eine Verschlagenheit nach Art des Hauses Sorel zugute, ein regelrecht dumpfes Profil der männlichen Hauptrolle bereichert die mysteriös verlaufende Geschichte sehr gut. Die Spannung begründet sich in den Personen, deren Handeln schwer zu deuten ist, sowohl er als auch Partnerin Eleonora Rossi Drago geben keinen Zentimeter Aufklärung preis, zumindest nicht freiwillig. Sicherlich hapert es hier und da an kriminalistischem Pragmatismus, allerdings erweist sich eben genau dieser Eindruck als erfrischendes Element. Schützenhilfe hierbei leistet eine überaus geheimnisvoll wirkende Eleonora Rossi Drago, die eine ordentliche Portion Nervosität auf den Zuschauer übertragen kann. Die Kamera setzt ihre Blicke mit denen der beunruhigend wirkenden Bauchrednerpuppe "Grog" gleich und thematisiert das Schlagwort Hypnose sehr gut, überhaupt werden die meisten Darsteller in regelrechten Bildstrecken eingefangen. Erfreuliche Leistungen sieht man des Weiteren von Mara Cruz, die als gutes Pendant zu den anderen Damen des Geschehens aufbauen kann, oder Massimo Serato, der nicht zuletzt wegen seiner kurzen, aber überaus eindringlichen Szenen auffällt. Die deutsche Seite fällt wie bereits erwähnt mit guten alten Bekannten aus den zu dieser Zeit beliebten Wallace-Filmen, oder aus dem Epigonen-Bereich auf, und augenscheinlich kristallisiert sich eine wirklich interessante Mischung heraus. Der deutsche Trailer wirbt selbstbewusst mit den Stars aus dem kurz zuvor entstandenen Straßenfeger "Das Halstuch" von Francis Durbridge, und gemeint sind natürlich Heinz Drache und Margot Trooger, die man später ebenfalls wieder in den "Hexer"-Filmen gemeinsam vor der Kamera sehen konnte. Betrachtet man Drache, so wirkt seine Darbietung natürlich noch etwas weniger festgefahren als bei seinen folgenden Auftritten im Krimi-Fach. Allerdings sieht man in diesem teilweise turbulenten Verlauf einen Inspektor, wie man sie sich früher oder später bei Wallace häufiger gewünscht hätte. Drache wirkt noch befreiter und innerhalb seiner üblichen Angriffslustigkeit vehementer, vielleicht sogar unkonventioneller, sodass er schließlich einen soliden Eindruck hinterlässt. Sein Chef wird dargestellt vom stets gerne gesehenen Werner Peters, der seinen sehr kurzen Auftritt zwar routiniert färben kann, er aber für das weitere Geschehen nicht relevant ist.

Beim Thema Relevanz muss leider ebenfalls Margot Trooger genannt werden, deren Rolle hochinteressant angebahnt wird, sich aber ebenfalls irgendwann abrupt verliert. Ihre provokante Fragestellung nach dem verstummten, beziehungsweise verschwundenen Zeugen in Form der Bauchrednerpuppe irritiert nicht nur Beteiligte am Befragungsort, sondern vor allem den Zuschauer und sie schürt letztlich den Gedanken an das potentiell Unmögliche. Schließlich kann Götz George als zwischen die Fronten geratene Schachfigur gefallen, ohne allerdings in den Luxus eines dramaturgischen Feinschliffs zu kommen. Insgesamt wird die komplette Star-Besetzung in dieser hohen Dichte den Film aber bereichern, da der gute Wille von andersartigen Anlegungen zu erkennen ist In diesem Zusammenhang sollte auch die Puppe "Grog" nicht unerwähnt bleiben, da sie für wirklich unheimliche Momente sorgen wird. Nicht nur von der Optik her werden derartige Akzente gesetzt, sondern auch im Bereich Akustik, da man zu späterer Spieldauer noch mehrmals ihr beunruhigendes Lachen im Szenario hören wird. Dieser kleine Horror-Einschlag tut dem Verlauf sehr gut und stellt sich neben dem eigentlichen Kriminalfall, der von vorne herein ein ziemlich offenes Buch ist, einen extravaganten Hingucker dar. Genre-Experten werden sich möglicherweise etwas an dem offenen Verlauf der Geschichte und der sich anbahnenden Vorhersehbarkeit stören, auch dass gewisse Personen gegen den eigentlich intelligent angelegten Spannungsaufbau arbeiten, stört das gelungene Gesamtbild ein wenig. Dennoch besitzt Eugenio Martíns Beitrag ganz großartige Momente, die zumindest einmal nicht alltäglich erscheinen, vor allem auch angesichts des Produktionsjahres. Man setzt auf Kontraste und Widerstände, temporeiche und bedrohlich wirkende Sequenzen sorgen für eine kurzweilige Unterhaltung, Set, Ausstattung, Musik und Bebilderung präsentieren sich in angemessenem Rahmen. Auch wenn bei "Nur tote Zeugen schweigen" einiges an brisantem Potential unausgeschöpft bleiben wird, und man sich stellenweise eine konsequentere Abhandlung gewünscht hätte, bleibt dieser Beitrag im Großen und Ganzen als gelungene Abwechslung in Erinnerung, die mit Leichtigkeit belegen kann, dass Gelegenheit nicht nur Diebe, sondern auch Mörder machen kann.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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GEHEIMNIS IM BLAUEN SCHLOSS


● TEN LITTLE INDIANS / GEHEIMNIS IM BLAUEN SCHLOSS (GB|1965)
mit Hugh O'Brian, Shirley Eaton, Daliah Lavi, Wilfrid Hyde-White, Stanley Holloway, Leo Genn, Dennis Price, Marianne Hoppe, Fabian und Mario Adorf
eine Produktion der Tenlit Films | Towers of London | im Nora Verleih
nach dem Roman von Agatha Christie
ein Film von George Pollock

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»Ein makaberer Scherz!«


Ein Unbekannter, der sich I. R. Gendwer nennt, lädt eine zehnköpfige Gesellschaft unter falschen Vorwänden in ein abgelegenes Schloss in den Bergen ein. Die Herrschaften glauben zwar, sich im Klaren über ihre jeweilige Einladung zu sein, doch spätestens als sie die Stimme ihres Gastgebers von einem Tonband hören, ist das Entsetzen groß. Jeder Einzelne wird eines ungesühnten Verbrechens beschuldigt und es werden Anklagen wie vor Gericht erhoben. Zunächst wird der komplette Spuk nicht ganz ernst genommen, doch wenig später gibt es auch schon den ersten Toten, bis weitere Todesurteile in unterschiedlichen Abständen vollstreckt werden. Hat man es mit einem Wahnsinnigen zu tun und sind die Anklagen berechtigt? Die übrigen Personen sind im Kampf ums Überleben von nun an auf sich alleine gestellt und können niemandem mehr trauen. Wer ist der Unbekannte?

Bei dem Roman "Ten Little Indians" der britischen Autorin Agatha Christie handelt es sich bis heute um den am meisten verkauften Kriminalroman der Welt. Alleine aus diesem Grund wirkt es daher wenig verwunderlich, dass der Stoff immer wieder verfilmt wurde und als Garant für gute Unterhaltung geeignet ist. Zunächst ist zu sagen, dass der Titel "Geheimnis im blauen Schloss" diesem Film in keiner Weise gerecht wird und wohl eher an die seinerzeit immer noch mit Erfolg laufende Edgar-Wallace-Reihe und deren Epigonen angelehnt war, um möglichst viele Interessenten anzulocken. Mit dem Genre-Spezialisten George Pollock bekommt man einen Film angeboten, der technisch sauber und inszenatorisch interessant gestaltet ist, immerhin ist die Grundvoraussetzung eine starke Romanvorlage, die sowohl beim Lesen als auch beim Anschauen für ein immenses Überraschungsmoment sorgen kann. Der in Schwarzweiß gedrehte Beitrag nimmt seinen Lauf vor winterlicher Kulisse, und noch ahnt keiner, dass ein unausweichlicher Alptraum vorprogrammiert ist. Die Personen sind höchst unterschiedliche Charaktere, doch eines haben sie alle gemeinsam, denn sie sind undurchsichtig, teils unsympathisch genug, um in der späteren Anklage des unbekannten Gastgebers schuldig sein zu können. Als Zuschauer blickt man schließlich verunsichert auf eine sogenannte bessere Gesellschaft, der die Angst vorm ebenso undurchsichtigen Gegenüber ins Gesicht geschrieben steht. Die internationale Besetzung leistet in diesem Zusammenhang sehr gute Schützenhilfe und glänzt förmlich durch ein provokantes Kokettieren mit möglicher krimineller Energie, die durch den Verlauf rehabilitiert werden könnte, falls man den überlebt. Diese Wahrscheinlichkeit ist die einzige Unwahrscheinlichkeit in diesem Szenario, denn das Gebilde lichtet sich bereits nach kurzer Spieldauer durch vermeintlich wahllos wirkende Mordmethoden, die allerdings an den berüchtigten Abzählreim der "Ten Little Indians" angelehnt zu sein scheint. Also hat alles, was hier geschieht, Methode, sodass ein gutes Maß an Spannung in diesem Vakuum aufkommen kann.

Da das Schloss temporär von der Zivilisation abgeschnitten ist, bleibt der Kreis der Verdächtigen übersichtlich, jedoch auch vollkommen an Verschleierung interessiert. Schleppend aber auch ganz natürlich ergeben sich kleinere Allianzen und Gruppierungen, da man sich alleine noch wenige sicher fühlen könnte. Der Schauplatz mit seinen teils opulent wirkenden Räumlichkeiten und dunklen Katakomben verbreitet eine klassische Krimi-Atmosphäre, die Morde sind visuell eindringlich und zum Greifen nah inszeniert, sodass alleine in den Kern-Bereichen alles zu Erwartende geboten wird. Schauspielerisch und bei der Zeichnung der Charaktere kristallisieren sich besonders dichte Leistungen heraus, die vom US-Amerikaner Hugh O'Brian und seiner britischen Kollegin Shirley Eaton angeführt werden. Ihr Wechselspiel aus Transparenz und Undurchsichtigkeit geht - wie bei anderen auch - sehr gut auf. Ob Leo Genn, Wilfrid Hyde-White, Dennis Price, Daliah Lavi, Fabian, Stanley Holloway oder Mario Adorf, die Verwirrung scheint stets gut an die Rahmenhandlung angepasst zu sein. Ein wenig eigenartig erscheint die Verpflichtung von Marianne Hoppe, deren Auftritt leider oft auf ihren bloßen Altersunterschied zu Mario Adorf reduziert wird, obwohl sie in ihrer übersichtlichen Spieldauer recht gute Akzente zu setzen weiß. Je weniger Gäste im Schloss übrig bleiben, desto enger zieht sich die Schlinge um den Hals des wahren Täters zu, so meint man zumindest, doch Agatha Christie und George Pollock spielen ihre Asse nach und nach aus. "Geheimnis im blauen Schloss" lässt sich jederzeit gut anschauen, da der Unterhaltungswert hoch und die Spannung spürbar ist. Bei dem breiten Angebot der Verfilmungen nach der Romanvorlage bleibt es jedem Zuschauer überlassen, seinen persönlichen Favoriten ab "Das letzte Wochenende" von 1945 ausfindig zu machen, wobei George Pollocks Adaption sicherlich eine der gelungenen Angebote darstellt. Am Ende ist und bleibt das Geschehen ein kleiner Meilenstein der Erstansicht, denn der Überraschungseffekt ist auch bei der besten Kombinationsgabe und höchsten Aufmerksamkeit kaum herzuleiten, aber dennoch nachvollziehbar.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● QUATTRO MOSCHE DI VELLUTO GRIGIO / QUATRE MOUCHES DE VELOURS GRIS / VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT (I|F|1971)
mit Michael Brandon, Mimsy Farmer, Francine Racette, Jean-Pierre Marielle, Marisa Fabbri, Aldo Bufi Ladi, Calisto Calisti, Oreste Lionello,
Fabrizio Moroni, Stefano Satta Flores, Tom Felleghy, Laura Troschel, Gildo Di Marco, Guerrino Crivello, Leopoldo Migliori sowie Bud Spncer
eine Produktion der Seda Spettacoli | Universal Productions France | im Verleih der Cinema International Corporation
ein Film von Dario Argento

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»Glaubst du mir nicht?«


Roberto Tobias (Michael Brandon), der Schlagzeuger einer Rockband, fühlt sich seit mehreren Tagen von einem unbekannten Mann beobachtet und verfolgt. Als er diesen zur Rede stellen will, tötet Roberto ihn im Affekt, wird aber gleichzeitig von einem Maskierten fotografiert. Ab sofort beginnt ein perverses Psycho-Spiel zwischen ihm und dem Unbekannten. Es geschehen weitere bestialische Morde, die so gelenkt werden, dass Roberto immer mehr in den Verdacht gerät, sie begangen zu haben. Auch seiner Frau Nina (Mimsy Farmer) erzählt er nichts von den Geschehnissen, bis sich die Schlinge um Robertos Hals immer enger zuzieht...

"Vier Fliegen auf grauem Samt" komplettiert neben "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" und "Die neunschwänzige Katze" Dario Argentos sogenannte Tier Trilogie, wobei diese Produktion aus dem Jahr 1971 in der Bundesrepublik nicht mehr unter dem Banner Bryan Edgar Wallace vermarktet wurde, sprich: auch keine deutsche Produktionsfirma wie etwa die cCc oder Terra Filmkunst beteiligt war. Dies schlägt sich nicht unbedingt thematisch nieder, sondern lediglich in der Tatsache, dass keine deutsche Beteiligung mehr im Stab zu finden ist, was im Zweifelsfall und auf das persönliche Ranking bezogen zu Abstufungen nach hinten führen könnte, immerhin liegt die inszenatorische Messlatte mit Argentos Debüt sehr hoch. In dieser Geschichte kommt es überraschenderweise zu einer Ausdünnung von Sympathieträgern, wenngleich sich doch ein paar Protagonisten identifizieren lassen, was für eine interessante Art der Unterhaltung steht, da man sich als Zuschauer sehr mit seinen Prognosen bezüglich des Handlungsverlaufs zurückhält. Die Geschichte beginnt unheimlich, das Publikum wird erneut zum Komplizen von Opfer und gleichzeitig Mörder, dessen unheimliche Maskierung auf einen Wahnsinnigen schließen lässt. Oder eine Wahnsinnige? Die Hauptpersonen sind jung, scheinen gut situiert, und die Frage nach der Wahrscheinlichkeit dieser Konstellation wird durch eine bemüht modern und unabhängig wirkende Attitüde weggewischt. Obwohl man schnell der Seite Michael Bradnons zugewiesen wird, bleibt die Unzufriedenheit, die eigene Solidarität einer Person zugestehen zu müssen, die nicht besonders sympathisch und empathisch wirkt. Seine Partnerin Mimsy Farmer lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Gewollt oder nicht, schlecht gespielt oder nicht, Strategie der Regie oder nicht oder ist tatsächlich alles so ungewiss wie geplant? Dario Argento kann es kaum verbergen, dass Leistungsvolumen und Fantasie mit jedem weiteren Film sukzessive abgenommen haben, da es ihm nicht mehr möglich war, sich selbst neu zu erfinden, wenngleich "Vier Fliegen auf grauem Samt" alles andere als einen schwachen Film darstellt.

Der Film beginnt mit einem tödlichen Unfall, der erst durch einen unheimlich maskierten Zeugen zum Mord stilisiert werden könnte, immerhin hat die unkenntliche Figur Fotos von der Situation geschossen. Da hier auch der Letzte nicht mehr an den Zufall glaubt, lässt man sich voller Spannung auf das hier angebotene Mordkomplott ein, dessen Verlauf und Ausgang durch gekonnte Winkelzüge relativ ungewiss bleibt, es sei denn, die Materie Giallo ist einem nicht fremd. Die folgenden Morde fallen erneut durch eine überaus grausame Exposition auf, und da diese nicht linear wirken, wird für eine Unberechenbarkeit gesorgt, die jederzeit und vor allem bei jedem zuschlagen könnte, immerhin wird alles verwendet, was noch einen drauf setzen kann, wie etwa Drahtschlingen, Giftspritzen oder Schlachthofmesser. Wenn man so will, zelebriert Dario Argento wieder einmal den unkonventionellen, gegen Ende seines Films sogar den ästhetischen Tod. Über visuelle Aspekte kann auch hier abendfüllend diskutiert werden, denn es kommt zu immer beispielloser werdenden Kamerafahrten, die in tödlichen Einbahnstraßen enden, Kapriolen, die zu Atemlosigkeit führen, und einer Nähe, die beunruhigend wirkt. Die Hauptpersonen versprühen leider nicht den gleichen Esprit und es fehlt anscheinend an wichtiger Agilität, aber sie erfüllen ihren Zweck als wandelnde Täuschungsmanöver oder zu Unrecht Verdächtigte. Der US-Amerikaner Michael Brandon stattet seine Rolle mit einer eigenartigen Lethargie aus, die nicht ausschließlich auf seine Film-Situation und privaten Umstände zurückzuführen sind. Ihn mit der Hauptrolle zu betrauen bleibt daher ein Schleudersitz, da es ihn an Ausdrucksfähigkeit fehlt. Dies gilt im Besonderen für seine Landsfrau Mimsy Farmer, deren Gestaltungsmöglichkeiten sich innerhalb weniger starrer Stilmittel abspielen und unterm Strich unbefriedigend bleiben. So darf Farmer mit einem immer gleich bleibenden Gesichtsausdruck quasi gegen die Ziellinie fahren. Die Verpflichtung der beiden Interpreten weist möglicherweise auf eine Orientierung am amerikanischen Markt hin, wie es zuvor auch eine Ausrichtung zum europäischen Kino gab.

Einer attraktiven Francine Racette und nervös agierenden Marisa Fabbri ist es in ihren kleineren Rollen vergönnt, bizarre Akzente zu setzen, ebenso wie es Bud Spencer tut, dessen Mitwirkung manchmal wie ein Fremdkörper in dieser Produktion wirkt, die aber generell auf nicht alltäglich und handelsüblich wirkende Charaktere setzt. Eigentlich. Den wohl besten und intensivsten Part hat der ausdrucksstarke Franzose Jean-Pierre Marielle erwischt, der als homosexueller Privatdetektiv ohne jegliche berufliche Erfolge des Rätsels Lösung herbeizaubern soll. Im weiteren Verlauf kommt es zu unerwarteten, teils unorthodoxen Wendungen, die den Zuschauer nicht nur irritieren, sondern fast vor den Kopf stoßen, und die Suche nach dem Mörder intensiviert sich unter Dario Argentos Regie vor allem, wenn man dem über weite Strecken rätselhaft wirkenden Titel auf die Spur kommt, dessen Auflösung ebenso geistreich wie abwegig erscheint. "Vier Fliegen auf grauem Samt" verfügt über eine kühne Bildgestaltung und verankert sich über eindringliche und bestialische Ermordungsszenen im Gedächtnis, vor allem aber wegen eines Finales, welches eine unerschrockene Melange aus Ästhetik und Schock eingeht, das Puzzle spektakulär zusammenfügt, um unter Maestro Ennio Morricone seine Erfüllung zu finden. Dem Vernehmen nach war Dario Argento jedoch mit dessen Arbeit so unzufrieden, dass er über 20 Jahre nicht mehr mit Morricone zusammen arbeiten wollte, was beinahe schon an Selbstgeißelung grenzt. Zwischenzeitliche Alpträume Robertos und nicht zu ordnende Bilder halten das Geschehen frisch und geheimnisvoll, bis man ahnt, dass die Regie jederzeit eine Schippe drauflegen könnte oder zumindest möchte. Der Abschluss der sogenannten Tier-Trilogie ist unterhaltsam, spannend und abwechslungsreich geworden, im Vergleich jedoch nicht mehr so überragend wie vor allem "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", wobei einen dieser Vergleich auch nicht wirklich weiter bringt, immerhin hat man es hier mit einem eigenständigen und ebenso selbstbewussten Film und besonderem Aushängeschild des Genres zu tun, das man sich immer wieder anschauen kann.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Michel Piccoli   Romy Schneider   Mascha Gonska

TRIO INFERNAL


● LE TRIO INFERNAL / TRIO INFERNAL / TRIO INFERNALE (F|D|I|1974)
mit Philippe Brizard, Jean Rigaux, Monica Fiorentini, Hubert Deschamps, Monique Trabès, Francis Claude, Pierre Dac, Paoinou und Andréa Ferréol
Produktion Belstar | Lira Films | Films 66 | Les Productions Fox Europa | TIT Film | Oceania P.I.C. | im Verleih der Cinerama Filmgesellschaft
ein Film von Francis Girod

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»Du hastn schönen Arsch, aber nix im Kopf!«


Der Rechtsanwalt und Lebemann Georges Sarret (Michel Piccoli) ist gesellschaftlich angesehen, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein skrupelloser Krimineller, dem jedes Mittel recht ist, um ein unbeschwertes Luxusleben führen zu können. Dies geschieht in der Regel auf Kosten der anderen und er schreckt auch vor Mord nicht zurück. Ihm behilflich sind die attraktiven Schwestern Philomène (Romy Schneider) und Cathérine Schmitt (Mascha Gonska), die ihm bei kriminellen Machenschaften und im Bett zu Diensten stehen. Das teuflische Trio ladet einen unbehelligten Coup nach dem anderen, bis es zu unvorhergesehenen Komplikationen kommt...

Im Olymp großer Schwarzer Komödien aus Frankreich hat Francis Girods "Trio Infernal" sehr viel mit dem berühmten ersten Atemzug zu tun, immerhin wird hier alles geboten, was man sich unter dieser Klassifikation vorstellt. Im Grunde genommen bekommt das Publikum noch wesentlich mehr geboten, da die Geschichte und ihre Inszenierung dem Empfinden nach nicht im Imaginären abhandelt, sondern in der Realität durchaus vorhanden sein könnte. Vielleicht ist dies insgesamt weniger auf die hier angebotenen Charaktere bezogen, sicher aber auf die niederträchtigen Verhaltensweisen der Anti-Helden, wenn sich die sieben Todsünden die Klinke immer wieder in die Hand geben. Ein kultivierter Advokat und zwei reizende Damen könnten unter Girods Regie in Wirklichkeit auch nur ein durch und durch Krimineller und zwei gewöhnliche Huren sein, aber man lässt sich gerne blenden von so viel geistreicher Scharade. Ein unmoralisches Geschäftsmodell macht Mode, bei dem Romy Schneider und Mascha Gonska entscheidende Rollen spielen werden. Zunächst sollen sie alte klapprige Männer heiraten, um anschließend das Erbe einstreichen zu können, doch schon bald geht es ihrem Auftraggeber beziehungsweise Zuhälter, dem angesehenen Rechtsanwalt Sarret, nicht mehr schnell genug, sodass es gleich bestialischer Mord sein muss. Man ist erstaunt über so viel Kalkül, kriminelle Energie und Kaltschnäuzigkeit, aber vielleicht noch viel mehr darüber, dass sich bei ihm absolut kein Gewissen meldet. Der Film entscheidet sich von Anfang an für eine sarkastische Note, ohne dabei jedoch allzu zynisch zu werden. In Verbindung mit Ennio Morricones Musik entstehen hervorragend abgestimmte Momente zwischen Bildern, Aktionen, Personen und Untertönen, die die Seele dieser komisch-tragischen Komödie unterstreichen. "Trio Infernal" ist darüber hinaus sicher auch als Meilenstein zu bezeichnen, dies allerdings nicht auf ein Subgenre reduziert, sondern generell, denn es handelt sich um einen der faszinierendsten und besten Filme dieses Zeitfensters und ist auch heute noch als schweres Kaliber in Erinnerung geblieben.

Angelehnt an den authentischen Fall rund um den Mörder Georges-Alexandre Sarrejani, der im Jahr 1934 hingerichtet wurde, darf es Michel Piccoli sein, der eine abenteuerliche Show ausbuchstabiert und am Ende auch dirigiert. Piccoli, längst in der Riege französischer Superstars zu finden, zeigt eine überaus kühne und abgebrühte Interpretation des zutiefst verworfenen Rechtsanwalts, der nach außen hin einen Ehrenmann gibt, außerhalb des Auges der Öffentlichkeit jedoch sein wahres Gesicht zu zeigen pflegt. Mithilfe der Schwestern Cathérine und Philomène, die er sowohl im kriminellen Berufsleben als auch im Schlafzimmer so abrichtet, dass sie ihm in jeder Beziehung zu Diensten stehen, kommt er zu Geld, doch er möchte mehr. Ab sofort liegt ihm kein noch so schmutziges Mittel fern, um in die solvente Lage zu kommen, sich alles leisten zu können, was seinem Stand gebührt. Michel Piccoli brilliert in dieser verabscheuungswürdigen aber ebenso faszinierenden Rolle, die von Romy Schneider und Mascha Gonska auf Händen getragen und mit Füßen vertreten wird. Die beiden Schwestern sind sehr unterschiedlichen Gemüts, denn Philomène ist eiskalt und berechnend, Cathérine eher naiv-einfältig und gefällig, wenngleich sie im Bett gleich zu sein scheinen. Der vulgäre Kern der älteren der beiden lässt sich durch feinste Roben und den Anstrich einer Dame von Welt kaschieren, bei der jüngeren Schwester funktioniert es nicht so einfach, erweitert aber ihr Einsatzgebiet enorm, denn Cathérine verkörpert einen Typ Frau, der weitreichender gefragt ist, da sie für Interessenten nahbarer erscheint. Interessenten haben jedenfalls beide Frauen, sodass sie leicht an ältere Herren zu vermitteln sind, deren Restleben hoch versichert wird, um die Prämie einstreichen zu können. Aber dem ist nicht genug, denn diese Strategie dauert einfach zu lang, bis es schließlich zu kaltblütigen Morden kommt. Diese werden durch die Regie äußerst plastisch dargestellt, doch der wahre Clou ist beispielsweise die Ekel erregende Beseitigung der Leichen, was einem schon den Magen umdrehen kann.

Ein Szenario, aufgeladen zwischen Sex und Mord, Fantasie und Realität, Leidenschaft und Brutalität, macht den Zuschauer jederzeit zum Komplizen der gesamten Angelegenheit, überzeugt insgesamt aber mit einer kalten und unsentimentalen Attitüde, die zwischen Amplituden Schwarzen Humors hervorblitzt. Manchmal kann man alles Dargebotene kaum fassen, ebenso wie das Gebärden der schillernden Figuren. Francis Giraud bemüht sich um einen nahtlosen Verlauf, der wenig Atempausen zulässt, wenngleich einige gestreckt wirkende Phasen ausfindig zu machen sind. Die Dialogarbeit ist beachtlich und kommt ohne sprachliche Klippen, aber mit den Synchronstimmen von Harry Meyen, Romy Schneider und Mascha Gonska aus. Das Spiel ist einfach, der Einsatz hoch, die thematischen Auswüchse überaus bizarr, doch das Schicksal lässt sich nicht zähmen, auch nicht von einem Multimordtalent wie Georges Sarret. "Trio Infernal" funktioniert auf gleich mehreren Ebenen, sodass er als doch sehr würziger Unterhaltungsfilm angenommen werden kann, aber sich auch anprangernde Gesellschaftskritik innerhalb der Fasson der schwarzgefärbten Komödie ausfindig machen lässt, welche erfahrungsgemäß auch als klassisches Drama ausarten kann. Der Film bleibt am Ende nicht nur als Triumph der mutigen Regie in Erinnerung, sondern auch als solcher der Hauptdarsteller Michel Piccoli, Romy Schneider und Mascha Gonska. Eigenen Überlieferungen zufolge soll die Rolle der Cathérine übrigens zunächst Uschi Glas angeboten worden sein, die sich dieser allerdings nicht gewachsen gefühlt haben soll. Nach dieser Performance ist Mascha Gonska nicht aus diesem Film wegzudenken und es ist als großes Glück zu bezeichnen, dass man hier nur die zweite Wahl engagiert hatte. Neben den überragenden Leistungen der Hauptpersonen können sich beispielsweise noch Monica Fiorentini, Philippe Brizard, Jean Rigaux oder Andréa Ferréol in kurzen Auftritten empfehlen. Francis Giraud ist mit seinem Regie-Debüt ein besonderer Coup gelungen, der in allen relevanten Bereichen punkten, erschrecken, erheitern und fesseln kann, und das aus dem bloßen Stand.

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Prisma
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● DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN WITWE / ARAÑA NEGRA (D|E|1963)
mit O. W. Fischer, Karin Dor, Doris Kirchner, Werner Peters, Klaus Kinski, Antonio Casas, Claude Farell, Belina,
Gabriel Llopart, José Maria Caffarel, Angel Menéndez, Felix Dafauce, Cris Huerta, Tomás Blanco und Eddi Arent
eine Produktion der International Germania Film | Procusa | im Constantin Filmverleih
nach dem Roman "Die Königin der Nacht" von Louis Weinert-Wilton
ein Film von Franz Josef Gottlieb

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»Sprich oder stirb!«


Eine Mordserie hält London in Atem. Bereits zwei Männer wurden mit einem Gummigeschoss in der Form einer Schwarzen Witwe getötet. Der Reporter Welby (O. W. Fischer), angestellt bei der renommierten Zeitung "London Sensations", möchte der Sache auf den Grund gehen und findet heraus, dass die Opfer vor mehreren Jahren Mitglieder einer Expedition in Mexiko waren, deren Leiter unter ungeklärten Umständen starb. Die Recherchen ergeben, dass auch Welbys Chef Osbourne (Werner Peters) an dieser Expedition beteiligt war, doch sich alles andere als kooperativ zeigt. Wann wird der nächste Mord geschehen?

In einer Zeit, in der die kriminalistische Konkurrenz immer größer wurde, der Markt allerdings keineswegs übersättigt erschien, kam es zu hochinteressanten Epigonen wie "Das Geheimnis der schwarzen Witwe". Der dritte Vertreter der Louis-Weinert-Wilton-Reihe bleibt nach "Der Teppich des Grauens" und "Die weiße Spinne" in vielerlei Hinsicht als wohl stärkster interner Vertreter aber auch insgesamt Top-Beitrag der zeitgenössischen Krimi-Welle in Erinnerung, dem sein spanischer Produktionseinschlag ganz ausgezeichnet steht. Die Adaptionen nach dem sudetendeutschen Schriftsteller Louis Weinert-Wilton alias Alois Weinert konnten neben Wallace & Co. hauptsächlich zu zufriedenstellenden Geschäften avancieren, lediglich "Das Geheimnis der chinesischen Nelke" konnte mit unterschiedlicher Marschrichtung zu keinem großen Erfolg werden. Eine rätselhafte Mordserie terrorisiert London, wenngleich die Adressaten der sogenannten Schwarzen Witwe genau wissen, dass sie als nächstes Opfer dran sein werden. Die Bevölkerung darf sich mit der neusten "London Sensations" daher nur zurücklehnen und neugierig und gespannt darauf warten, wen es bald erwischen wird. Die Produktion setzt unter der Regie des Routiniers Franz Josef Gottlieb auf eine hybride Verarbeitung des Stoffes, denn es kommt zu ganz klassischen Inhalten und neuen Farbtupfern innerhalb dieser herrlichen Schwarzweiß-Fotografie, die gleich mit kühnen Winkeln und atemberaubenden Kameraeinstellungen auffällt. Der Mörder schlägt aus dem Nichts zu, mit einem Geschoss, das aussieht wie eine Spinne. Die Zeitungen konstruieren Geschichten, wie eine Spinne ihr Netz webt, bis die größte Zeitung am Platz in den Fokus rückt, da ihre Teilhaber gleichzeitig die designierten Opfer sein sollen. Zugrunde liegt ein geheimnisvoller und nie geklärter Fall aus der Vergangenheit, bis die sehr gut konstruierte Geschichte wie von selbst zu laufen beginnt. Der Opener ist hochatmosphärisch, der nahezu lautlose Tod unausweichlich. Die ersten Toten haben lediglich Gesichter, doch stellen für das interessierte Publikum lediglich Fremde dar, bis die ersten eindrücklichen Vorstellungen beginnen.

Unter den Herren des Zeitungsgremiums befindet sich ein Mörder, die Schwarze Witwe fordert eine undifferenzierte Kollektivstrafe und richtet einen nach dem anderen hin. Interessanterweise vertritt die Polizei in diesem Spielfilm eine deutlich untergeordnete Rolle und stellt somit nicht die männliche Hauptrolle, aber Ermittlungen gibt es dennoch, dieses Mal von dem wohl unbequemsten und daher besten Reporter der besagten Zeitung, der von O. W. Fischer dargestellt wird. Die Verpflichtung des Österreichers schaut zunächst wie ein Wagnis und purer Schleudersitz aus, immerhin lässt einen das Vorstellungsvermögen bezüglich der Stilsicherheit oder Echtheit auf ungewohntem Terrain ein wenig im Stich, aber man muss schon sagen, das Fischer eine der überraschendsten Alternativen im zeitgenössischen Kriminalfilm darstellt. Sein Entwurf erscheint unkonventionell und letztlich überzeugend, sodass man in diesem Zusammenhang nichts bemängeln kann und sich auf die bevorstehende Dynamik mit seinen Kollegen einlassen kann. Für diese Rolle war übrigens zunächst Heinz Drache angedacht. Selbst neben Partnerin Karin Dor, die bemerkenswerterweise zum dritten Mal in Folge die weibliche Hauptrolle bei Weinert-Wilton spielt, wirkt Fischer nicht deplatziert und es entwickelt sich eine nette Findung mit etlichen Hürden, obwohl Dor selbst in den Kreis der Verdächtigen platziert wird. Doch muss die Schwarze Witwe dem Namen nach tatsächlich eine Frau sein? In diesem Szenario kämen unter femininen Gesichtspunkten nicht viele Parts für die Mörderin neben Karin Dor infrage, so nur noch Doris Kirchner und Claude Farell, die Sängerin Belina einmal ausgenommen. Doris Kirchner, die damalige Ehefrau des Regisseurs Franz Josef Gottlieb, zeigt hier sicherlich eine der beachtlichsten Leistungen und besticht innerhalb einer kaum einzuschätzenden Aura zwischen Nähe und Ferne. Ihr Filmgatte wird dargestellt von Werner Peters, schmierig und potenziell kriminell wie eh und je, außerdem ist er Chef der mit Blutgeld gegründeten Zeitung und gleichzeitig des Journalisten Welby, der einen persönlichen Auftrag zur Lösung des Falls sieht.

Eine Tatsache, die gewisse Herren und ausgewiesene Schurken zunächst nervös werden und anschließend mit den Zähnen klappern lässt. Diese sind überwiegend dargestellt von spanischen Kollegen wie Antonio Casas, Gabriel Llopart oder José Maria Caffarel, die auch schon im ersten Weinert-Wilton-Film "Der Teppich des Grauens" in patenter Art und Weise zu sehen waren. Claude Farell und insbesondere ein dandyhaft wirkender Klaus Kinski runden das undurchsichtige Geschehen ab, doch das tödliche Spiel bleibt für lange Zeit relativ offen. Die Regie legt Wert auf ein mysteriöses Element, welches immer wieder durch hier sehr angemessene Situationskomik aufgelockert wird, und in diesem Zusammenhang kann man von einem von Eddi Arents wohl besten Krimi-Auftritten sprechen. Die Musik von Antonio Pérez Olea wirkt stimmungsgeladen abgestimmt auf jede Situation, sein Co-Filmkomponist Martin Böttcher sorgt mit dem Chanson "Die schwarze Witwe" für pures Aufsehen, das von der aus Polen gebürtigen Sängerin Belina angeheizt wird. Diese Sequenzen sind in Ton, Bild und wechselseitiger Inszenierung kaum besser zu lösen und tragen zu einer besonders geheimnisvollen Aura dieses Verlaufs bei, schüren bei dieser Gelegenheit außerdem Verdachtsmomente und fast epische Eindrücke. Die Morde auf Ansage gehen unaufhörlich weiter, es erwischt dem Vernehmen und den Tatschen nach keine Unschuldigen. Übrig bleiben Verängstigte oder Verdächtige, manchmal sogar beides, oder Personen, die diesen Fall sicherlich irgendwann lösen können. Nochmals erwähnt werden sollte die Arbeit des spanischen Kameramanns Godofredo Pacheco, dessen Einfallsreichtum sich auf die laufende Geschichte überträgt und somit für Aufsehen erregende Höhepunkte sorgt, was eine Geschichte wie diese unter starker Konkurrenz auch braucht. Am Ende handelt es sich bei "Das Geheimnis der schwarzen Witwe" nicht nur um einen spannenden, temporeichen und mit Action geladenen, sehr gut aufgebauten Kriminalfilm, sondern bestimmt auch um einen der besten Krimis dieser Zeit, da er sich den Luxus von Eigendynamik erlaubt. Daher immer und immer wieder gerne gesehen.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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LIEBE IST NUR EIN WORT


● LIEBE IST NUR EIN WORT (D|1971)
mit Malte Thorsten, Judy Winter, Herbert Fleischmann, Donata Höffer, Inge Langen, Joey Schoenfelder, Friedrich Georg Beckhaus, Carl Lange,
Karl Walter Diess, Friedrich Siemers, Elisabeth Volkmann, Manuel Iregsusi, Bernd Redecker, Franz Rudnick, Dieter Wagner, Holger Hagen, u.a.
nach dem gleichnamigen Roman von Johannes Mario Simmel
ein Roxy Film | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Vohrer

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»Wenn du wieder kommst, bin ich tot und begraben!«


Der 20-jährige Industriellensohn Oliver Mansfeld (Malte Thorsten) soll sein Abitur auf einem neuen Internat nachholen, nachdem er vorher überall von der Schule geflogen ist. Bereits am Flughafen fällt ihm die 10 Jahre ältere Verena Angenfort (Judy Winter) ins Auge, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Deren Gatte (Herbert Fleischmann) ist ein guter Geschäftsfreund seines eigenen Vaters. Oliver und Verena beginnen eine leidenschaftliche Affäre miteinander, doch Angenfort lässt sich nichts von seinem Privatbesitz streitig machen. Oliver lässt sich auf einen ungleichen Kampf ein, dem er nicht gewachsen ist...

Ein junger Mann fällt am Flughafen durch sein betont oppositionelles Verhalten auf und als er vom Zollbeamten über seine Herkunft befragt wird, setzte er dazu an, eine verbitterte Rede zu halten. »Aus Luxemburg, wie immer!«, wenngleich die Frage sicherlich auf seinen bekannten, ebenso reichen und mächtigen Vater abzielte, den Oliver Mansfeld postwendend als Wirtschaftskriminellen und Halsabschneider darstellt. Aus dem Publikum heraus denkt man zunächst an einen verwöhnten Sohn aus reichem Hause, der bislang von jedem Internat geflogen ist und sein Abitur verspätet nachholen soll, aber dieser Eindruck bewährt sich nicht, bekommt man es doch mit einem überraschend ehrlichen und unbestechlichen jungen Mann zu tun, der mehr Idealist als Kapitalist zu sein scheint. Stoffe der Marke Johannes Mario Simmel wurden nicht selten als Trivial-Literatur abgehakt, die auf der anderen Seite jedoch auch Bestseller waren, und auch wenn der Titel dieser Produktion recht pathetisch und unabänderlich klingen will, bekommt man es unter der Leitung von Alfred Vohrer mit einem sehr packenden und nachdenklichen Film zu tun, der seine Narben hinterlässt. Als zweite von sechs Verfilmungen nach Simmel unter seiner Regie entstand ein erneut sehr ambitioniertes Drama, dessen Anfang auch gleichzeitig sein Ende darstellt. Strömender Regen, versteinerte Mienen, der Abtransport eines Toten und viele offene Fragen, die ab sofort vom flüssigen Verlauf und hochinteressanten Charakteren geordnet werfen sollen. Für Oliver Mansfeld soll mit dem Besuch seines neuen Internats alles von vorne losgehen, da er bislang als auflehnerisch und für Regeln unempfänglich aufgefallen war, da niemand hinter die Kulissen blicken wollte. Die liberal angehauchten Pauschalangebote des neuen Direktors, Dr. Florian, dass sich alles zum Guten wenden werde, schinden zumindest einmal Zeit heraus, das Kennenlernen mit der aufregenden Bankiersgattin Verena Angenfort noch mehr als das. Oliver verliebt sich sofort in die zehn Jahre ältere Frau und begibt sich unerschrocken und leichtsinnig in eine Situation, der er nicht Herr werden kann, sodass Liebe zu einem Wort degradiert wird. Von anderen.

Alfred Vohrers Inszenierung beweist ein breites Gespür für das Kreieren von bedeutenden Momenten und einem besonderen Flair, die zugrunde liegende Romanvorlage tut das Übrige dazu. Der frühe Verlauf ist geprägt von Natürlichkeit und zahlreichen Selbstverständlichkeiten. Jugendlicher Leichtsinn, die dazugehörende Spontanität und Leidenschaft der Jugend hebeln die Resignation einer Ehe aus, die grotesker Weise für ein Sicherheitsgefühl sorgen kann. Verena hat sich dazu entschlossen, eine alte, wenn auch überaus attraktive Frau neben ihrem Gatten zu spielen, eben so, wie man es in den besseren Kreisen von ihr erwartet. Ihre Affären scheinen ihr Jungbrunnen zu sein, ihr eigener Mann eine Art Lebensversicherung, zumindest für das Leben, das sie gewohnt ist zu führen. Es scheint, als habe Geld noch jeden Charakter gebrochen, auch wenn sich Oliver Mansfeld mutig und etwas ungelenk gegen das Establishment stellt. Diese erst zweite Simmel-Adaption von Regisseur Alfred Vohrer beginnt mit Schock und Melancholie, um wenig später vom Gegenteil zu erzählen, bis sich wieder erste Fallstricke und Widersacher zeigen. Dieses Wechselbad der Eindrücke sorgt für eine Unberechenbarkeit und unbequeme Vorahnungen innerhalb einer trügerischen Idylle, die bei der erstbesten Gelegenheit zu platzen droht, auch wenn die angebotenen Impressionen überaus schön und leidenschaftlich wirken. Die Geschichte bietet ein buntes Portfolio von Charakteren an, deren Launen, Spleens, Wünsche und vor allem Taten nicht unterschiedlicher sein könnten. Dies lässt sich auch völlig unabhängig von der entsprechenden Generation behaupten, denn jeder hat seine besonderen Finessen zu bieten, vor allem wenn es darum geht, auf einen anderen einzuwirken beziehungsweise ihn zu manipulieren. Getragen wird die Geschichte von der völlig unverbrauchten und mit Instinkt ausgestatteten Leistung des Debütanten Malte Thorsten, der für seine Leistung in "Liebe ist nur ein Wort" mit dem Deutschen Filmpreis und dem Filmband in Gold als bester Nachwuchsschauspieler ausgestattet wurde. Seine größten schauspielerischen Erfolge feierte er unter Alfred Vohrer.

Malte Thorsten stattet seinen Part mit einer guten Portion Halsstarrigkeit aus, jedoch ohne aufdringlich, versnobt oder unsympathisch zu wirken. Es scheint, als wisse er in jeder Situation was er will. Diese Selbstverständlichkeit, vielleicht Unbeschwertheit, hat sein Objekt der Begierde längst verloren. Er und Judy Winter geben ein spannendes Ensemble ab, zumal die Findung von entgegengesetzten, äußeren Rändern des Daseins sehr anschaulich gezeichnet wird. Mit einem Widersacher wie Herbert Fleischmann sind Katastrophen und äußerst unangenehme Situationen so gut wie vorprogrammiert, denn er wird unterschätzt, vor allem wenn anderen die Fantasie fehlt, wie gemein und schlecht er sein könnte. Oliver droht dem erfahrenen Geschäftsmann auf den Leim zu gehen, der sich das Vergnügen eines Katz-und-Maus-Spiels bereitet. Bleibende Eindrücke hinterlassen Inge Langen als völlig desorientiert wirkende Mutter Olivers, der anzusehen ist, dass sie von seinem eigenen Vater kaputt gemacht wurde, oder Carl Lange, Karl Walter Diess sowie Donata Höffer als leichtfertiger Blickfang des Internats, in dem sich auch völlig Gestörte tummeln. Die Schauplätze sind imposant, die Musik von Erich Ferstl erneut episch und die Kamera von Charly Steinberger zeigt Kapriolen, die besonderes Leben ins Szenario bringen können, selbst in den Tod. Auch das Finale kann ganz spezielle Ausrufezeichen setzen. Unterm Strich bekommt das Publikum eine typische aber nicht minder exzellente Simmel-Adaption geboten, die durch Alfred Vohrers unverkennbare Handschrift zu dem Hit geworden ist, der bereits im Vorfeld zu erwarten war. Die Tragik der Geschichte schreibt im Endeffekt nicht nur der Autor selbst, sondern viel eher das Leben, falls es einem den so mitspielen will. "Liebe ist nur ein Wort" avancierte zu einem der 10 erfolgreichsten Filme der laufenden Saison 1971 und behauptete sich neben zahlreichen Report- und Klamaukfilmen. In der persönlichen Rangliste der Simmel-Adaptionen kann der Film einen sehr hohen Stellenwert einnehmen, da er im Vergleich zu anderen (Simmel-)Beiträgen von Alfred Vohrer alternative inszenatorische und thematische Wege einschlagen kann.

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Prisma
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● DER UNHEIMLICHE MÖNCH (D|1965)
mit Karin Dor, Harald Leipnitz, Ilse Steppat, Siegfried Lowitz, Siegfried Schürenberg, Hartmut Reck, Dieter Eppler,
Kurt Waitzmann, Uta Levka, Rudolf Schündler, Kurd Pieritz, Dunja Rajter, Susanne Hsiao, Uschi Glas und Eddi Arent
ein Rialto Film Preben Philipsen | im Constantin Filmverleih
ein Film von Harald Reinl

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»Nach der Beschreibung der Mädchen könnte jeder der Mönch sein, auch Sie!«


Auf Schloss Darkwood überschlagen sich die Ereignisse: kurz nachdem der Notar der Familie das Testament des wenig später verstorbenen Schlossherrn geändert hatte, verunglückt dieser mit seinem Wagen tödlich. Die Erben gehen zunächst davon aus, dass das neue Testament im Wagen des Notars verbrannt ist, allerdings präsentiert Richard (Siegfried Lowitz), einer der Söhne des Verstorbenen, seinen Geschwistern das abgeänderte Dokument, welches besagt, dass deren Nichte Gwendolin (Karin Dor) als Alleinerbin eingesetzt wurde. Richards Schwester Patricia (Ilse Steppat) lädt Gwendolin nach Darkwood ein, das als Mädchenpensionat geführt wird, und fortan wird die junge Frau von den Familienmitgliedern umworben. Gleichzeitig beunruhigt eine vermummte Gestalt in Form eines Mönchs die Mädchen des Internats, sodass Inspektor Bratt (Harald Leipnitz) an gleichzeitig mehreren Fronten zu ermitteln hat...

Die Edgar-Wallace-Reihe hatte seit Bestehen sehr große Kino-Erfolge aufzuweisen, zu denen auch "Der unheimliche Mönch" von Regisseur Harald Reinl zählt, welxher mit diesem Film seinen Abschied von der Serie nahm. Die Resonanz bei diesem Ende des Jahres 1965 gedrehten und bis dato zwanzigsten Rialto Film nach Wallace war wieder einmal hervorragend und konnte weit über 2½ Millionen Zuschauer in die Lichtspielhäuser locken. So zeigte sich, dass die Materie immer noch genügend Potenzial für die großen Würfe herzugeben hatte, wenngleich der Erfolg durch interne Übersättigungs- und Abnutzungserscheinungen oder die breit aufgestellte Konkurrenz aus dem In- und Ausland sicherlich mit für einen Rückgang der Zahlen verantwortlich war. "Der unheimliche Mönch" gilt als einer der letzten großen Klassiker der Reihe und die Gründe hierfür lassen sich vor allem an inszenatorischen und stilistischen Belangen festmachen. Reinls Film verfügt in erster Linie über eine exzellente Atmosphäre und eine herausragende Besetzung, sodass die komplette Spielzeit ein sehr hohes Niveau widerspiegelt. Da es sich um den letzten Schwarzweiß-Wallace der Rialto gehandelt hat, wirkt es tatsächlich so, als habe man noch einmal alle typischen Charakteristika mobilisieren wollen, um die neue Ära der Farbfilme einzuleiten. Interessant ist, dass der Film über einen Farbvorspann verfügt, was sich nicht nur auf bunte Grafiken oder eingefärbte Standbilder bezieht, sondern auch auf das bewegte Bild. Diese kurze Phase, in der der Wagen des Notars ausbrennt, beflügelt die Fantasie insofern, dass man sich vorstellt, wie dieser komplette Film in Farbe gewirkt hätte, was sich allerdings schnell wieder gibt, da das Angebot herrlicher Schwarzweiß-Bilder hier enorm ist, was natürlich auch an den besonderen Schauplätzen liegt. So kommt man in den Genuss von Reinls minutiös und aufwändig arrangiertem Licht- und Schattenspiel rund um das Schloss und die weitläufigen Parkanlagen.

Der Einstieg in den Verlauf wird mit einem tosenden Gewitter und strömendem Regen eingeläutet, außerdem einer umher schleichenden Gestalt, die offensichtlich auf einen richtigen Moment zu warten scheint. Im Inneren des Schlosses hingegen, wartet man ungeduldig auf den Tod, denn immerhin geht es um viel Geld. Man verspürt eine zerreißende Nervosität bei den wartenden Personen, da der Notar zugegen ist, der durch seine Absolution im Handumdrehen Erwartungen und Träume zerplatzen lassen kann. Es erweist sich als eine clevere Idee, das Publikum direkt mit in die neuen Modalitäten einzuweihen, während die unmittelbar betroffenen Herrschaften vor der Türe wie auf heißen Kohlen hin- und hergehen. Die Voraussetzungen ändern sich schlagartig, da der Notar von einem Unbekannten ermordet wird und das soeben geänderte Testament an sich nimmt, welches wenig später als Trumpfass wieder auftaucht, um einen der vielen Handlungsstränge zu bilden. Es ist auffällig, dass es neben der Haupthandlung recht viele Auswüchse zu geben scheint, die das Publikum in Atem halten sollen. So bleibt abzuwarten, ob sich Regisseur Reinl beim Ordnen nicht verheddert, zumal sich noch herausstellt, dass einige Geschehnisse doch recht weit auseinander liegen. In der Zwischenzeit stellt sich die mordlustige Titelfigur selbst eindringlich vor, die ihr erstes Opfer treffsicher mit der Peitsche niederstreckt, um auch Scotland Yard in das Geschehen zu integrieren. Auch hier zeigt sich unmittelbar, welch feines Gespür für atmosphärische Dichte besteht, sodass sich nicht selten das Potenzial zeigt, Gänsehaut aufkommen zu lassen und Schauer über den Rücken zu treiben. Die Titelfigur in der Verkleidung eines Mönchs mag auch auf den zweiten Blick etwas eigentümlich anmuten, allerdings wird diese doch sehr auffällige Maskerade nicht großartig hinterfragt, da man in zahlreichen Wallace-Vorgängern ähnliche Gestalten wahrnehmen konnte, die ihren Dienst am Kunden erfüllten.

"Der unheimliche Mönch" verfügt über eine Premium-Besetzung, die sich innerhalb der Reihe vielleicht in der ewigen Top-5 platzieren kann, da nicht nur hochkarätige Stars geboten werden, sondern auch denkwürdige Präzisionsleistungen. Zwar bewegen sich die meisten Schauspieler in ihren unlängst bekannten Rollenprofilen und brechen in diesem Zusammenhang nicht aus dieser Norm aus, was übrigens auch für manche Interpretinnen gilt, allerdings wird man Zeuge einer exzellenten Schauspielerführung und darf sich an dynamischen Interpretationen erfreuen, zumal das Szenario überwiegend von Wallace-Veteranen beherrscht wird. Repräsentativ für Recht und Ordnung ist Harald Leipnitz in seinem zweiten Wallace'schen Zwischenstopp zu sehen, der die Figur des Ermittlers mit einer angenehm andersartigen Note ausstattet. Ihn umgibt eine völlig neue Form der Sachlichkeit, was vor allem vergleichsweise nicht immer sonderlich sympathisch wirken will, aber langfristig gesehen Achtungserfolge erzielen kann. Harald Leipnitz' Inspektor Bratt stellt dem Empfinden nach sehr klassische Erhebungen an, denen der Zufall auch gerne einmal zur Hilfe kommen darf. An seiner Seite agieren Personen, die wechselseitig überaus konträr wirken, und Bratts Kompetenzen somit immer wieder aktiv in den Vordergrund rücken. Kurt Waitzmann als sein Assistent wirkt somit wie der klassisch-loyale Helfer, der sogar häufig als Stichwortgeber fungiert. So sieht man eine Konstellation von Kollegen, die einander schätzen und erfolgversprechend ermitteln. An deren Seite poltert immer wieder Sir John alias Siegfried Schürenberg herum, der für die humorischen Anteile der Polizeiarbeit und darüber hinaus der kompletten Szenerie verantwortlich ist. Schürenberg konnte sich im Lauf der Jahre als feste Größe in der Serie etablieren, sodass seine unverkennbaren oder eher unkonventionellen Methoden zu den Highlights der jeweiligen Filme werden können, vorausgesetzt man vergibt ihm seinen konfusen Stil, der oft wirkt, als sei er ohne Hand uns Fuß.

Die Riege zwielichtiger Gestalten, Bösewichte oder schwer zu durchschauender Personen wird durch zahlreiche Personen abgedeckt, die wie geschaffen für derartige Parts wirken. So können Siegfried Lowitz, Hartmut Reck und Dieter Eppler Teile der Familie zeichnen, mit der man lieber nichts zu tun hätte. Insbesondere Lowitz übertrifft sich hier in der Rolle des skrupellosen Anwalts selbst und liefert bei seinem Ausstand seine vielleicht beste Wallace-Performance. Rudolf Schündler und Kurd Pieritz runden den Kreis der Verdächtigen gekonnt ab und Eddi Arent fällt durch wohldosierten Humor auf, außerdem durch Facetten, die er insbesondere im Umgang mit der anmutigen Weiblichkeit nicht oft zeigen durfte. Eine herausragende Interpretation bietet Ilse Steppat an, die das Publikum zu uneindeutigen Eindrücken verleitet. So entfaltet sich eine Aura zwischen vorsichtiger Sympathie und dem natürlichen Verlangen nach Sicherheitsabstand. Steppats Fähigkeiten können eher als Schauspielkunst klassifiziert werden, denn sie liefert einige Lehrstunden in Sachen Aura, Gestik, Mimik und Dominanz. Bleibt man bei den Rollen, die innerhalb der Reihe vielleicht mit die schönsten und intensivsten waren, so muss unbedingt auch Karin Dor Erwähnung finden, die hier eine der seltenen Gelegenheiten bekam, einen Wallace-Film namentlich in den Titel-Credits anzuführen. Ihre Gwendolin wirkt wie ein Prototyp der sympathischen Erscheinung, die alle Erwartungen, Wünsche und Projektionsflächen des Publikums miteinander vereint. Als geprellte Erbin, die immer mehr in Bedrängnis durch ihr Umfeld gerät, werden pauschal alle Beschützerinstinkte aktiviert, und es ist interessant einen unbekannten Beschützer an ihrer Seite zu wissen. Eine obligatorische Liaison mit dem Ermittler will daher weniger zünden, zumal sie eigentlich unnötig wirkt, bekommt man doch eine bodenständige Frau zu sehen, die teils sogar desillusioniert wirkt. Dor überrascht und überzeugt jedenfalls mit einer reifen Vorstellung, die in lebhafter Erinnerung bleibt.

Wie erwähnt verfügt "Der unheimliche Mönch" über einige separat voneinander ablaufende Handlungsstränge, von denen sich einige spektakulär treffen, andere jedoch abrupt fallen gelassen werden, was sich insbesondere im letzten Drittel des Verlaufs herauskristallisiert. Weniger schlimm als auffällig ist somit von einigen Angelegenheiten nicht mehr die Rede. Gravierender erscheint das plötzliche Wegfallen gewisser Personen wie beispielsweise Ilse Stappat, über deren Verbleib oder Schicksal man nichts Weiteres mehr erfährt, da das Hauptaugenmerk nur noch auf der Überführung des Mönchs liegt. Bei genauer Betrachtung lassen sich einerseits tatsächlich mehrere dramaturgische Ungereimtheiten finden, allerdings sind sie gerade bei diesem Film sehr leicht zu vergeben, da man auf der andren Seite so viel in diesem teils unheimlich wirkenden Unterhaltungsspektakel geboten bekommt. Hinzu kommt ein Finale, das mit besonderen Überraschungen aufwarten kann, da man sich offenkundig gegen das Gesetz der Serie positioniert. So lassen sich die fadenscheinigen Erklärungen und nahezu hellseherischen Fähigkeiten Inspektor Bratts wesentlich leichter wegstecken, als es unter normalen Umständen der Fall gewesen wäre. Der Film zeichnet sich im Endeffekt nicht nur durch seine Bildgewalt, Variation und Dynamik aus, sondern auch durch die exzellente Musik von Peter Thomas, die verlässlicher Begleiter sowie Verstärker für Stimmungen und Geschehnisse aller Couleur wird. Die aufwändige Inszenierung wird außerdem durch die Wahl der Schauplätze unterstrichen. So ist das im neugotischen Stil errichtete Schloss Hastenbeck als Schloss Darkwood eine der besten Standortwahlen der kompletten Reihe geworden, außerdem wurde an Originalschauplätzen in London gedreht. Harald Reinl bietet erneut ein Komplettpaket an, von dem man nach Beendigung des Films sagen darf, dass es sich um einen Wallace handelt, wie man ihn sich vorstellt und dass es schade ist, dass der gebürtige Österreicher keinen Farbfilm zur Reihe beisteuerte.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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DIE TOTENSCHMECKER


● DIE TOTENSCHMECKER / DER IRRE VOM ZOMBIEHOF / DAS MÄDCHEN VOM HOF / DAS TAL DER GESETZLOSEN (D|1978)
mit Herb Andress, William Berger, Peter Jacob, Lore Graf, Claus Fuchs, Claudia Bethge, Günter Geiermann, Wolfgang Breiden,
Sony Kaikoni, Nipso Brantner, Georg Segar, Cäzilia Brantner, Ramona Blum, Hedwig Blum, Monica Teuber sowie Maria Beck
eine Produktion der Cine-Tele Team | Alfa Film | im Nobis Filmverleih
ein Film von Ernst Ritter von Theumer

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»Ihr habt den Teufel im Leib!«


Zwischen den Brüdern Felix (William Berger) und Kurt (Herb Andress) schwelt ein immer währender Streit um die Position auf dem Großbauernhof ihres Vaters (Peter Jacob) im Tiroler Alpenland. Als sich eines Tages auf der Durchreise befindende »Zigeuner« in ihrer Nähe niederlassen, geraten die Bewohner des Hofes in Aufruhr, da sie von Vorurteilen, Fremdenhass und diffusen Ängsten beherrscht sind. Lediglich die 15jährige Anna (Maria Beck) freundet sich mit Joschi (Sony Kaikoni) an. Als zwei der kampierenden Frauen eines Tages zum Bauernhof kommen, um Milch und Eier zu kaufen, kommt es zu einem entsetzlichen Zwischenfall mit dem dritten Sohn des Hauses (Claus Fuchs), der aufgrund seiner geistigen Retardierung immer isoliert wurde...

Pressebericht vom 11. Februar 1977 hat geschrieben:
Am 5. November 1972 schoss ein Bauer auf flüchtende Zigeunerfrauen, die in seinen Hof eingedrungen waren. Mit Schüssen in den Rücken starb eine hochschwangere Frau und eine zweite wurde lebensgefährlich verletzt. Die Bevölkerung des Ortes gab dem Bauer recht und die Verteidigung appellierte an das Schwurgericht: Das Strafgericht sollte Verbrecher treffen, aber nicht einen anständigen Bürger, der sich und seine Familie verteidigt! Schützen Sie durch ihr Urteil die Landbevölkerung, indem sie nicht einen anständigen Bürger in das Gefängnis schicken!

Der Name Ernst Ritter von Theumer steht in der Regel für eine besondere Art der Unterhaltung in genreübergreifender Manier, was sich auch in diesem Beitrag zeigen wird. Inszeniert unter dem Pseudonym Richard Jackson, kommt es zu einer sehr speziellen Geschichte, die sich nicht immer an bestehende Gesetze der Erwartungshaltung hält. Der Titel "Die Totenschmecker" suggeriert Verderben, Tod und Gemetzel, genau wie es der spätere Video-Titel "Der Irre vom Zombiehof" tut, doch diese Varianten können genau wie die Alternativen "Das Mädchen vom Hof" oder "Tal der Gesetzlosen" nur vordergründig in die Irre leiten und dem Ganzen darüber hinaus nicht gerecht werden. Ernst Ritter von Theumer bietet also zunächst einmal die große Ungewissheit an, was sich im Vorfeld insofern negativ auswirkt, da man möglicherweise nicht das bekommt, was erwartet wurde, egal von welcher Seite man den Film betrachtet. Als Pendant zur Kitzbüheler Umgebung bekommt man eine Geschichte serviert, die schlimmer als eine griechische Tragödie aber dennoch nicht so weit hergeholt zu sein scheint, wie lange angenommen. Da sich eine familiäre Zwietracht mit einer unbeschreiblichen Xenophobie vermischt, ist die Katastrophe vorprogrammiert und aufgrund ihrer vielen Akteure auch unausweichlich. Ein weit verbreiteter Mythos, dass Fremde einem irgendetwas wegnehmen wollen, war und ist bis heute leider präsent, sodass diejenigen, die sich bedroht fühlen, zu unverhältnismäßigen Mitteln greifen können. Hier tut dies fast eine komplette Familie, die aus ihrem gedanklichen Tunnel nicht mehr herauskommt. Patriarchalische Verhältnisse, die sich seit Urzeiten aufrecht erhalten haben, sichern die vakuumierten Ansichten für Generationen. Bestehend aus dem Altbauer und seinen zwei Söhnen⁺, der Magd, die ihm ein Enkelkind schenkte aber keine Schwiegertochter wurde, und seiner gottesfürchtigen Frau, die gemessen an den kommenden Geschehnissen wie ein düsteres Orakel wirkt.

Gedeckelt von einer Kolportage-Frömmigkeit, die sich seit Jahrhunderten weitergetragen hat, aber praktisch nicht existiert, entstehen denkwürdige Momente, wie etwa solche, dass erst einmal das Kreuz geschlagen wird, um die warme Suppe bei Tisch löffeln zu können, nachdem jemand völlig unsentimental abgeknallt wurde. Das Szenario schaukelt sich unscheinbar aber sicher hoch, da innerhalb der ansässigen Familie ohnehin genügend Konflikte brodeln. Versehen mit einem Sohn, den man lieber verstecken möchte und einem unehelichen Kind, ist die Reputation im Tal ohnehin am Arsch, was zur latenten Aggressivität führt, da man sich über diese Realitäten im Klaren ist. Bebildert mit landschaftlicher Schönheit und Idylle, beruhigenden Heiligenbildern und vergebenden Kruzifixen, zeigen sich im harten Kontrast dazu tiefste menschliche Abgründe, die durch das Auftauchen der »Zigeuner« Gestalt annehmen. Bei genauer Überlegung ist dieser Zusammenhang nichts als absurd, allerdings fühlen sich die Bewohner des Großbauernhofs bedroht. Zwischenzeitlich geht es in "Die Totenschmecker" ziemlich gemächlich zu, bis es zu Höhepunkten in Form affektiver Bilder kommt, die publikumswirksam platziert sind. Gesprochen wird im Dialekt, gedacht im Dreieck. Das Umfeld erhält einen traditionellen Touch, wofür natürlich auch das Ambiente mit verantwortlich ist. Im Grunde genommen ist die Geschichte wie eine Kettenreaktion aufgebaut, sodass eins zum anderen kommen muss. Zuerst waren Vorurteile da: »Zigeuner« stehlen dem Vernehmen nach nicht nur materielle Dinge, sondern auch Herzen, führen ohnehin nur Schlechtes im Schilde und man sollte sich von ihnen fern halten. Nachdem Anna sich selbst ein altes Lied mit derartigen Inhalten vorgesungen hatte, trifft sie auf Sony, der ihr auf seiner Geige vorspielt und sie zu seinen Leuten einlädt. Anna fühlt sich sehr wohl und geborgen, sodass die alt eingepflanzten Vorurteile mit einem Schlag weggewischt sind.

Dennoch sollte niemand zu Hause erfahren, mit wem sie sich herumgetrieben hat, da es sonst etwas setzen würde. Als Zuschauer weiß man, dass der Tod überall lauern könnte und man wartet nur auf den ersten Gewaltexzess, für den regelrechte Experten bereit stehen. Es ist nur die Frage, wer zuerst ausrasten wird, aber jede noch so große Abscheulichkeit wird gerechtfertigt und in einer abstoßenden Absolutionsrunde abgenommen. Sicher verfügt die Geschichte über einige völlig verzerrte Charaktere, aber was hätte es gebracht, die Realität realer als real darzustellen. Dass gewisse Herrschaften so agieren, bis es vielleicht surreal wirkt, erspart dem Film lediglich den Zusatz, dass die Personen frei erfunden seien, zumal als Horsd’œuvre auf einen tatsächlichen Zusammenhang verwiesen wird. Die aus dem Ruder laufende Aggression fängt irgendwann an, die Vorstellungskraft zu übersteigen, was den Film unterm Strich so brutal und bedrückend wirken lässt, obwohl sich wie erwähnt viel zu gediegene Phasen eingeschlichen haben. Im Gros ist die Geschichte bis auf Herb Andress und William Berger anscheinend laienhaft besetzt, wobei sich die jeweiligen Leistungen dem Geschehen erstaunlich gut anpassen und für atmosphärische Dichte sorgen. Berger und Andress als zwei Kampfhähne suggerieren gleich zu Beginn, dass es mit ihnen nur eine Frage der Zeit sein wird, bis die Emotionen hochkochen und explodieren. Angestachelt von deren eigenem Vater, einem schlechteren Befehlshaber, und der Magd, die trotz der familiären Verstrickung keine offizielle Anerkennung durch eine Heirat bekommt, sucht man vergeblich nach Figuren, von denen irgendetwas Positives zu erwarten wäre. Lediglich Maria Beck wirkt wie eine Exotin in diesem von Traditionen und Engstirnigkeiten beladenen Haus, und sie mach darstellerisch eine erstaunlich gute Figur, was übrigens auch für viele andere Interpreten gilt. Der Verlauf setzt allerdings auf ein rapides Dezimierungsprinzip, dessen Mechanik oft verstört und völlig wahllos wirkt.

"Die Totenschmecker" machen ihrem reißerischen und leider etwas deplatziert wirkenden Titel alle Ehre. Im Endeffekt ist es schade, dass die vielen nicht passgenauen Titel den durchaus ernsten und nachdenklichen Tenor des Films verwässern, der eben nicht nur dazu hergestellt zu sein scheint, zu schockieren und abzustoßen. Es wird zwar schwierig, gangbare Brücken zur Realität zu bauen, aber im Endeffekt handelt es sich bei den Basis-Inhalten um keine von Ernst Ritter von Theumer erfundenen Märchen, wobei der gezielte und empfindliche Blick gerade durch seine Federführung und Präsenz in die menschliche Psyche fehlt. Abgründe sind deutlich erkennbar, doch hin und wieder wäre ein konkreter Entwurf der persönlichen Intentionen hilfreich gewesen. Handelt es sich um komplett psychisch Gestörte, religiöse Fanatiker, gebrochene Einsiedler, oder doch relativ normale Menschen, denen die falsche Zeit und der falsche Ort zum Verhängnis wurden? Weiterhin ist es natürlich fraglich, in wieweit dieser Beitrag mit seiner provokanten Ruhe vor dem Sturm überhaupt in diese Richtung führen möchte. So sollte man dieses angebotene Hybrid bestenfalls dankend annehmen und in den richtigen Momenten staunen. Zwischenzeitlich fragt man sich tatsächlich aufrichtig, wie alles überhaupt so weit kommen konnte, da sich die Hauptpersonen vollkommen aus rationalen Gefilden verabschiedet haben. Eines ist jedenfalls klar: Die Brüder Felix und Kurt hätten sich auch ohne den von ihrem dritten Bruder provozierten Zwischenfall die Köpfe eingeschlagen. Irgendwann. Irgendwo. Wegen irgendetwas. Unterm Strich bleibt "Die Totenschmecker" ein Vertreter mit überaus reißerischen aber nicht minder nachdenklichen Tendenzen, der seine unsentimentale Unterhaltungsmission mehr als ernst nimmt und das Publikum schockiert wo es nur geht. Dies geschieht bevorzugt in den persönlichen Komfortzonen der Zuschauer, die durch die aufwühlenden Bilder inklusive zahlreicher Tabubrüche ausgehebelt werden. Im Nachgang beachtlich.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Margaret Rutherford   James Robertson Justice   Muriel Pavlow   in

16 UHR 50 AB PADDINGTON


● MURDER SHE SAID / 16 UHR 50 AB PADDINGTON (GB|1961)
mit Charles Tingwell, Stringer Davis, Thorley Walters, Ronnie Raymond, Joan Hickson, Gerald Cross, Conrad Phillips und Arthur Kennedy
eine Produktion der Metro-Goldwyn-Mayer | George H. Brown Productions | im Verleih der Metro-Goldwyn-Mayer
nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie
ein Film von George Pollock

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»Seit wann kann eine Tote aussteigen?«


Während einer Zugfahrt beobachtet Mis Marple (Margaret Rutherford) einen Mord an einer Frau in einem überholenden Zug, doch weder im dort noch auf der Bahnstrecke wird eine Leiche gefunden. Bei der Polizei wurde die Aussage der Hobbydetektivin als Hirngespinst abgetan. Grund genug für Miss Marple, selbst die Initiative zu ergreifen. Da sie bei ihren Erhebungen an der Bahnstrecke Schleifspuren entdeckt hatte, die zum Anwesen der Familie Ackenthorp führt, lässt sie sich von einer Agentur dorthin als Hauswirtschafterin vermitteln. Das cholerische Familienoberhaupt Luther Ackenthorpe (James Robertson Justice) ist wenig begeistert von der Ankunft der Schnüfflerin, zumal sie auf dem Gelände die Leiche einer Frau findet...

Mit der im Jahr 1961 entstandenen Produktion "16 Uhr 50 ab Paddington" wurde der Grundstein für eine Reihe höchst unterhaltsamer Kriminalgeschichten rund um die quirlige Hauptfigur Miss Marple gelegt, die in der Bundesrepublik längst Kultstatus besitzen und bereits unzählige Male wiederholt wurden. Diese erste Verfilmung frei nach Agatha Christie stellt sicherlich eine der dichtesten Verfilmungen dar, wenngleich zu betonen wäre, dass innerhalb der vierteiligen Reihe keine wirklich schwachen Produktionen zu finden sind. Kurz nach Beginn geht alles Schlag auf Schlag, denn die Protagonistin wird unfreiwillige Zeugin eines brutalen Mordes, den sie zufällig in einem vorbeifahrenden Zug beobachten muss. Während der Schaffner es als wilden Traum einer alten Dame abtut, die über ihren spannenden Kriminalroman eingeschlafen ist, stößt die rüstige alte Dame bei der Polizei ebenfalls auf wenig Fürsprache. Der erste Mord im Nebenabteil des vorbeifahrenden Zuges bringt es zu einer sehr atmosphärischen Inszenierung, deren Fokus auf dem Todeskampf des attraktiven Mordopfers und der brutalen Vorgehensweise des Mörders liegt. Das Publikum ist hierbei viel mehr als nur Zeuge, nämlich Komplize der Beobachterin, die niemand ernst nimmt, und man sinnt schließlich nach Aufklärung und Gerechtigkeit. Umso besser, dass es sich bei Miss Marple um eine resolute Ermittlerin handelt, die die Angelegenheit gleich selbst in die Hand nimmt, immerhin blickt sie auf die Erfahrung unzähliger Kriminalromane zurück, kann außerdem auf ihre wache Auffassungsgabe und Furchtlosigkeit bauen. Immer wenn Marple von der Polizei brüskiert wird, läuft sie zu Höchstformen auf, sodass man sie schließlich bei der Arbeit beobachten kann, die eigentlich die Beamten übernehmen müssten. Mit ihrem treuen Freund Mister Stringer - der ein genaues Pendant zu Miss Marple darstellt - führt der Weg schnell zu einem Herrenhaus, in dem man die Hobbydetektivin wenig später als Hauswirtschafterin ausfindig machen kann. Ihrem Spursinn kann dabei keiner entkommen, nicht aber ohne ihre täglichen Pflichten im Auge zu behalten, für die sie sich dort schließlich hat unterbringen lassen.

Der über weite Strecken recht altmodisch wirkende Film, dem seine antiquierten Tendenzen hervorragend stehen, da er sie offen zur Schau trägt, verfügt über eine exzellente Besetzung, die von der Titelrolle angeführt wird. Margaret Rutherford - hier einmalig synchronisiert von Agnes Windeck - stellt jede weitere Miss Marple-Figur in den Schatten und geht als Prototyp in die Kriminalgeschichte ein. Das Schauspiel wird getragen von auffälliger Akzentuierung in den Bereichen Gestik und Mimik, bis es schließlich nicht schwerfällt, die alte Dame zu mögen und mit ihr mitzufiebern. Muriel Pavlow, als völlig passive, ihrem Vater gegenüber sogar verängstigte Akteurin, Arthur Kenedy, Stringer Davis oder Charles Tingwell erweisen sich als sehr gute und anpassungsfähige Interpreten, darüber hinaus noch bessere Stichwortgeber, doch die Leistung von James Robertson Justice als Choleriker vom Dienst sorgt für zusätzliche Besteindrücke und humorige Farbtupfer innerhalb des doch abgelegenen Szenarios. Es ist anzunehmen, dass er auch ohne deine chronischen Schmerzen so lospoltern würde, um jeden in seinem Umfeld wie einen Bediensteten zu behandeln. Der Mordfall wird von Miss Marple konsequent und professionell aufgerollt, bis es zu weiteren Verbrechen kommt, die sich innerhalb der Familie Achenthorpe abspielen. Ursächlich basierend auf überaus weltlichen Motiven, liegt man mit seinem Mörder-Tipp hier vielleicht relativ schnell richtig, obwohl sich zahlreiche Verdächtige geradezu anbieten, aber dennoch bleibt die Angelegenheit über die komplette Distanz spannend, geistreich und vor allem sehr unterhaltsam. Mit George Pollocks "16 Uhr 50 ab Paddington" bekommt man den perfekten Einstieg in die normalerweise gemütliche Welt der Miss Marple angeboten, falls sie nicht Mordfälle für andere aufzuklären hat. Margaret Rutherford wird dabei zum ultimativen Aushängeschild der mit Verbrechen aufgeheizten Geschichten und kann hier einen perfekten Einstand erzielen. Das Gute des Films ist schließlich, dass es für ihn keine Verjährungsfrist zu geben scheint, man sich ihn somit auch die nächsten drei Dutzend mal anschauen kann, ohne sich in irgendeiner Form zu langweilen.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● UNSER WUNDERLAND BEI NACHT | EPISODE 1 | HAMBURG (D|1959)
mit Paul Esser, Hilde Sessak, Thomas Holtzmann, Wolfgang Völz, Tilly Lauenstein, Karin Stoltenfeld,
Alexa und Nina von Porembsky, Irmgard Kleber, Maria Krasna, Hildegard Grethe, Paul Edwin Roth, u.a.
es singt und begleitet Klaus Günter Neumann
eine Produktion der Cinephon Film | im Verleih der NF
ein Film von Jürgen Roland


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»Die Davidwache ist die Buchhaltung von St. Pauli!«


Tag für Tag erleben Hauptwachtmeister Siegel (Paul Esser) und seine Kollegen (Thomas Holtzmann und Wolfgang Völz) die unterschiedlichsten Verbrechen, Delikte, Diebstähle, Prügeleien und persönlichen Schicksale auf der berühmten Davidwache auf St. Pauli. Oft geht es dort zu wie im Taubenschlag, wenn sich beispielsweise besorgte Bürger, Selbstdarsteller, Gauner und Prostituierte die Klinke in die Hand geben, auf Hilfe oder hartes Durchgreifen warten müssen. Die verschiedenen Situationen der höchst unterschiedlichen Leute zu bewerten stellt sich als die tägliche Mammutaufgabe der Beamten heraus, die bei all den Pöbeleien, Lügen und Ablenkungsmanövern nicht immer leicht zu bewerkstelligen ist...

Bei Jürgen Rolands filmischem Debüt handelt es sich um einen Drei-Episodenfilm - entstanden nach den gleichnamigen Veröffentlichungen von Stefan Roon in der "Münchner Illustrierten" - für den er das erste Drittel beisteuerte. Das "Lexikon des internationalen Films" berichtete von den »Schattenzonen des bundesdeutschen Wirtschaftswunders«, und es ist nicht zu leugnen, dass man sich hier tatsächlich etwas mehr Zeigefreudigkeit erlaubte, als es für diese Zeit üblich war. Der Alltag auf der berühmten Davidwache wird ebenfalls als eine Episode dargestellt, die nur genauso lange dauert wie Rolands Arbeit, und es ist erstaunlich, wie viel Handlug, Gewirr und unterschiedliche Personen der Hamburger Regisseur in diese begrenzte Spieldauer hineinzustecken weiß. Thematisch gesehen kommt es zum Aufnehmen von Straftaten, häuslichen Auseinandersetzungen, aber vor allem Delikten aus der hier als Aufhänger verwendeten Halbwelt. Schon bald sitzen die Prostituierten dort wie die Hühner auf der Stange und bringen etwas verbale Vulgarität in das Szenario, wenngleich Roland bemüht ist, die Geschichten mit einem doppelten Boden auszustatten. Die Beamten kennen ihren Kiez und die dazu gehörenden Leute und wirken in vielen Situationen wie Mädchen für alles. Augenscheinlich kümmern sie sich oft um Dinge, die man nicht unbedingt einem Polizisten zumuten würde, aber es scheint nicht ungewöhnlich zu sein, dass beispielsweise eine ältere Dame mit der unbekannten Adresse ihres Bruders versorgt wird, und eine betriebsinterne Sammlung stattfindet, da sie sich die Fahrkarte sonst nicht leisten könnte. Häusliche Streitigkeiten eskalieren und werden auf der Wache geklärt, Prostituierte stecken ihre Reviere dort ebenfalls neu ab und jeder, der dort landet, wird gleich behandelt, vor allem mit dem nötigen Respekt. Das Intro des Films weist auf eine ironische Note hin, die sich insbesondere bei Jürgen Rolands Bearbeitung durchsetzen kann, aber es wird wie erwähnt vor allem verbal mehr geboten, als in anderen Filmen dieser Zeit.

Die Geschichte ist durchgehend ansprechend besetzt, sodass man bei den Repräsentanten von Recht und Ordnung gute bis engagierte Leistungen von Paul Esser, Thomas Holtzmann oder Wolfgang Völz zu sehen bekommt, die wie ein eingespieltes Team wirken. Alles spielt sich in diesem ersten Drittel so gut wie nur in einem Raum ab, doch die Regie schafft es vor allem wegen des schnellen Wechsels von unterschiedlichen Charakteren eine recht eigene Art der Spannung aufzubauen, obwohl das Setting limitiert ist. Man schaut dem unübersichtlichen Treiben sehr interessiert zu und ist gespannt, wie die Beamten die wirklich unterschiedlichsten Fälle lösen, oder ob es noch zu waschechten Eskalationen oder wenigstens Handgreiflichkeiten kommt. Mit ein wenig Hilfe zur Selbsthilfe werden Hilde Sessak, Alexa und Nina von Porembsky, Tilly Lauenstein oder Maria Krasna mehr oder weniger zufrieden gestellt, damit die nächsten in der Warteschlange bedient werden können, auch wenn es teils zu schicksalsträchtigen Themen kommt. Ansonsten wird über Beischlafdiebstahl, Prostitution heute oder damals sowie von den unterschiedlichen Auffassungen darüber diskutiert, die sich hin und wieder allzu schnell auflösen. "Unser Wunderland bei Nacht" legt mit der Episode Hamburg einen starken und überaus sehenswerten Grundstein und nimmt zahlreiche Bezüge auf die Themen dieses Zeitfensters, welche lieber hinter vorgehaltener Hand diskutiert wurden - zumindest angeblich. Der trockene Alltag auf dem Revier gleicht einer Katze, die sich in den Schwanz beißt, wird durch die fortschreitende Uhrzeit gegen Mitternacht jedoch entscheidend aufgelockert, und es kommt zu Hilfsangeboten, bei denen normale Beamte die entsprechenden Leute sicherlich schnell abgewiesen hätten. So beinhaltet diese Episode nicht nur etwas von Wunderland, sondern gleichzeitig Märchenland, was jedoch zum Unterhaltungswert beitragen kann. Es bleibt vor allem interessant, da die nächsten Stationen in Düsseldorf und München völlig andere Gesichter und Geschichten preisgeben werden.

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