DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Kurze und/oder lange Kommentare oder Reviews zu den von euch gesehenen Filmen.
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



Bild

● DAS RÄTSEL DES SILBERNEN DREIECK / CIRCUS OF FEAR (D|GB|1965/66)
mit Leo Genn, Christopher Lee, Heinz Drache, Suzy Kendall, Anthony Newlands, Klaus Kinski, Maurice Kaufmann,
Margaret Lee, Lawrence James, Skip Martin, Victor Maddern, Henry Longhurst sowie Cecil Parker und Eddi Arent
eine Produkrion der Constantin Film | Proudweeks Films | im Constantin Filmverleih
ein Film von John Llewellyn Moxey

Dreieck (1).JPG
Dreieck (2).JPG
Dreieck (3).JPG
Dreieck (4).JPG
Dreieck (5).JPG
Dreieck (6).JPG
Dreieck (7).JPG
Dreieck (8).JPG
Dreieck (9).JPG

»Wir haben eine Leiche gefunden, halb verbrannt!«


Bei einem spektakulären Raub von ausgemusterten Banknoten kommt es zu einem Zwischenfall, bei dem ein Polizist getötet wird. Die Gangster-Bande ist ab diesem Zeitpunkt auf der Flucht vor einem Polizei-Aufgebot in ungeahnter Größenordnung. Die meisten Komplizen können wenig später von Scotland Yard dingfest gemacht werden, allerdings ist der Mörder des Beamten immer noch mit einem Koffer voll Geld flüchtig. Diese hohe Summe soll er seinem Chef an einem abgelegenen Ort übergeben, doch er wird mit einem Wurfmesser getötet, auf dessen Griff ein silbernes Dreieck abgebildet ist. Die Spur führt den ermittelnden Inspektor Elliott (Leo Genn) in einen Zirkus, der sich soeben in sein Winter-Quartier begeben hat und wo es von Verdächtigen nur so zu wimmeln scheint, bis die Mordserie plötzlich unter den Augen der Polizei weitergeht...

Die seinerzeit immer noch gut laufende Wallace-Reihe brachte es immer wieder auf Ableger, die mit Großbritannien koproduziert wurden, wenngleich dies nicht für die Rialto Film gilt, die bis zu diesem Film mit "Das Geheimnis der gelben Narzissen" und "Das Verrätertor" erst zwei derartige Kollaborationen vorzuweisen hatte. Diese länderübergreifenden Allianzen kamen in diesen Fällen wahrscheinlich vordergründig zustande, um vereinfacht an nicht kontinentalen Originalschauplätzen drehen zu können, was hier komplett der Fall war. Nimmt man noch die Abenteuer-Beiträge "Todestrommeln am großen Fluss" und "Sanders und das Schiff des Todes" in diese Riege auf, so glänzen diese deutsch-britischen Gemeinschaftsproduktionen, mit Ausnahme von "Das Geheimnis der gelben Narzissen", nicht gerade durch eklatant hohe Zuschauerzahlen. John Llewellyn Moxeys Beitrag fällt in dieser Gruppe ebenfalls ab, lockte er seinerzeit doch nur noch 1 Million Zuschauer in die bundesdeutschen Kinos. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Produktion nicht von den bislang bekannten Wallace-Adaptionen, denn es geht um Mörderraten und Spannung - wie man es eben gewöhnt war. Erste Abstriche zeigen sich bei der Besetzungsliste und innerhalb des Stabes, was daran liegt, dass der Streifen von dem englischen Produzenten Harry Alan Towers finanziert wurde. Der für die Reihe von Beginn an federführende Großverleih Constantin Film beteiligte sich mit der Summe von 500.000 DM und konnte den Starttermin in der Bundesrepublik koordinieren, und somit mögliche Doppel-Terminierungen mit anderen Wallace-Filmen zu vermeiden. In Deutschland wurde "Das Rätsel des silbernen Dreieck" ohne Genitiv-S und als Schwarzweißfilm verliehen, in Großbritannien unter dem Titel "Circus of Fear", welcher spannender und letztlich auch treffsicherer wirkt. Bei der Wahl des deutschen Titels blieb man der Strategie der handelsüblichen Titelvergaben allerdings treu.

John Llewellyn Moxey inszeniert eine zunächst sehr klassische Kriminalgeschichte, die sich mit einem minutiös durchgeplanten Raub von Banknoten befasst, die zur Vernichtung freigegeben wurden. Die Gangster rechneten offenbar mit allem, doch nicht mit massiven Komplikationen, die die gesamte Operation ins Wanken bringen, den weiteren Verlauf aber auch überaus spannend und originell färben können, da sich das Publikum plötzlich in einem Zirkus wiederfindet, was für einen Wallace-Film zum beispiellosen Ambiente wird, auch wenn einige Artisten- und Publikumsszenen aus Sidney Hayers "Der Rote Schatten" stammen. Bevor man sich allerdings dort einfinden kann, kommt es zum ersten Mord, der sehr atmosphärisch eingefangen ist. So rückt die Thematik rund um die verschwundene Millionen-Beute scheinbar in die zweite Reihe, erfährt durch den Messermörder allerdings eine sehr gute Verbindung, sodass sich der Weg folgerichtig in Barberinis Zirkus bahnt. Kriminalfälle, die sich den Mut und gleichzeitig Luxus erlauben, alles andere als reibungslos zu verlaufen, stahlen einen besonderen Reiz aus, da sie eine nervöse Eigendynamik und zahlreiche Überraschungsmomente versprechen. Es geht um Geld, um viel Geld, welches im Übrigen auch noch behördlich registriert ist und Scotland Yard nervös werden lässt - außerdem hat es sogar schon für einen perfiden Mord gereicht. Die besondere Atmosphäre kommt aufgrund der Serienmord-Thematik und des damit verbundenen Markenzeichens in Form des silbernen Dreiecks auf, in Verbindung mit Moxeys sicherer Inszenierung. Im deutschen Vorspann wird als Regisseur übrigens Werner Jacobs genannt, allerdings fungierte der Berliner lediglich als Regie-Koordinator. "Das Rätsel des silbernen Dreieck" gehört insgesamt eher zu den unterschätzten Beiträgen der Reihe, obwohl er nicht im Wesentlichen aus dieser fällt, sprich, über die typischen Charakteristika verfügt, die in all den Jahren eine beachtliche Fangemeinde rekrutieren konnten.

Dies gilt sicherlich auch für die Stars der buchstäblichen Manege, die hier allerdings spärlicher als sonst zu finden sind. Von deutscher Seite sind Heinz Drache, Klaus Kinski und Eddi Arent zu sehen, die sich bislang in jeder Beziehung in der langjährigen Serie verdient gemacht hatten, außerdem noch Christopher Lee in seinem dritten und letzten Auftritt. Ansonsten ist der Rest der Crew sicherlich alles andere als unbekannt, allerdings vermisst man die starken Zugpferde oder verlässlichen Zubringer, die ansonsten in den Geschichten zur Ausstattung gehörten. Lässt man dieses obligatorische Verlangen beiseite und obendrein auf die teils exzellenten Darbietungen des Cast ein, fährt man mit diesem Beitrag ebenso gut wie mit den anderen Filmen, die womöglich rein deutsche Produktionen waren. Andere Länder - andere Sitten: Dies schlägt sich bereits bei den Anordnungen der Interpreten durch, denn in der deutschen Version ist alles wie gehabt geregelt und eigentliche Hauptrollen wurden kurzerhand nach hinten durchgereicht. In der englischen Version sieht das Anordnungs-Roulette etwas anders aus und der Vorspann verweist stolz auf tatsächliche Hauptdarsteller und Star-Gäste. In dieser Produktion teilen sich Leo Genn und Heinz Drache die Hauptrollen und präsentieren ein Muster, dass es bereits in vorigen Filmen gegeben hatte. Der Ermittler und eine Art Hobby-Detektiv, beziehungsweise persönlich Betroffener, bilden eine gut bekömmliche Allianz bezüglich wichtiger Erhebungen, grenzen sich dennoch durch Kontraste in ihren Wesen ab. Während Leo Genn einen Ermittler anbietet, der wie aus dem Bilderbuch wirkt, bringt Heinz Drache Temperament und Impulsivität mit in die Manege, was sich zum größten Teil über die Ruhe und Besonnenheit Inspektor Elliotts definiert. Der englische Schauspieler bietet dabei eine Figur an, die es bislang nicht oft in den Wallace-Filmen zu sehen gab, was jedoch zu einer sehr klassischen Note führt, die man deswegen als beinahe eigenwillig interpretieren will.

Heinz Drache ist vielleicht in einer seiner besten Wallace-Rollen zu sehen, die viel mehr als Routine und Anforderung darstellt, und bei der es sogar gelingt, ihm glaubhaft eine Partnerin auf den Leib zu schneidern, die dieses Mal nicht unpassend wirkt, zumal Suzy Kendalls Modus der Zurückhaltung und ihr unkritisches Wesen eine hohe Anpassungsfähigkeit beweisen. Heinz Drache ist hier vom Duft der Vergangenheit umgeben, der sich dem Zuschauer zunähst wie ein zäher Nebel präsentiert und nur Auskunft darüber erteilt, dass Carl etwas zu verbergen hat. So wirkt er getrieben und rastlos, anscheinend immer auf der Suche nach belastbaren Beweisen oder entscheidenden Puzzlestückchen, die auch die Neugierde des Zuschauers stillen würden. Bis man allerdings zu wichtigen Erkenntnissen kommt, wird nicht nur die komplette Zirkus-Crew vorgestellt, sondern auch allerlei Komplikationen und Spannungen untereinander, sowie die sichere Hand des Mörders, der sich ganz offensichtlich in diesem bunten Umfeld verbirgt und verzweifelt nach der abhanden gekommenen Beute sucht. Nur der Zuschauer wird Komplize des unglücklichen Finders und schaut gespannt auf die Verstrickungen der betont verschiedenen, hin und wieder sogar eindimensional wirkenden und agierenden Charaktere. Zu nennen sind hier etwa Cecil Parker, Klaus Kinski, Eddi Arent, Suzy Kendall, Margaret Lee, Maurice Kaufman, Skip Martin oder Christopher Lee, die jedoch in teils erstaunlicher Art und Weise für erinnerungswürdige Interpretationen sorgen und den unumstößlichen Eindruck vermitteln, dass sie wichtige Bausteine der Story darstellen. Eine besonders stichhaltige Leistung bietet noch Anthony Newlands als Zirkusdirektor Barberini, bei dem man sich lange nicht entscheiden kann, wo er eigentlich steht. "Das Rätsel des silbernen Dreieck" verfügt bis in die kleinsten Rollen über eine Spitzen-Besetzung, die sich der Anforderung entsprechend anpasst, ohne sich dabei unglaubwürdig verbiegen zu müssen.

Die Unübersichtlichkeit des Ambientes Zirkus erschwert diese Suche nach der Wahrheit für alle Beteiligten erheblich und oftmals scheinen sich selbst Personen nicht zu kennen, die sich offenbar bereits jahrelang kennen, was allerdings dafür sorgt, dass sich jedes einzelne angebotene Fragment nach und nach für das Publikum ordnet. Vorteil dieser Geschichte, deren Drehbuch von Peter Welbeck alias Harry Alan Towers erarbeitet wurde, ist der klare Aufbau, der zwar nicht immer aus Wahrscheinlichkeiten konstruiert ist, aber aufgrund der stilsicheren Inszenierung und der authentischen Bilder und Situationen überzeugen kann. Bereits der erste Tote läutet ein, dass man es ausschließlich mit Komplikationen und Problemen zu tun bekommen dürfte und erfährt, dass ein brillanter Messerwerfer zwar kriminelles Potenzial besitzen kann, aber kein Meisterverbrecher sein muss. Zutaten wie Erpressung, Unterdrückung, Rachegefühle und Nötigung tun das Übrige dazu und beschleunigen diesen in wahlweise bunten oder schwarzweißen Bildern eingefangenen Beitrag. Die Tatsache, dass der Haupttäter der Geschichte empfindlichst getroffen wurde, verschärft den Eindruck der latenten Gefahr für beinahe alle Personen, da der Mörder die Strippen längst nicht mehr selbst in Händen hält. Interessant ist, dass dieses Phantom innerhalb der sich anbahnenden Abwärtsspirale immer aggressiver zu werden scheint, was sich in ungewöhnlich brutal ausgeschmückten Tötungsszenen entlädt. Unterstützt durch Johnny Douglas' eingängige Musik, kommt in den richtigen Momenten Gänsehaut-Flair auf. In der deutschen Version ist übrigens Raimund Rosenbergers Track aus "Das siebente Opfer" als Vorspannmusik zu hören, die ebenfalls Vorzüge besitzt. Insgesamt handelt es sich bei "Das Rätsel des silbernen Dreieck" um einen Film der Kontraste, was nicht zuletzt an der möglichen Wahl der jeweiligen Version liegt, aber auch um einen Beitrag, der die Tradition hervorragender Krimi-Unterhaltung selbstbewusst fortführt.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



SPERRBEZIRK


● SPERRBEZIRK / SPERRBEZIRK - DAS GESCHÄFT MIT DER UNMORAL (D|1966)
mit Harald Leipnitz, Suzanne Roquette, Rudolf Schündler, Karl Stepanek, Guido Baumann, Christian Rode, Dagmar Lassander,
Helga Zeckra, Ursula van der Wielen, Christina von Falz-Fein, Ernst Neubach, Max Nosseck, Ralf Gregan, Hans Bergmann, u.a.
als Gäste Ingeborg Schöner, Bruce Low, Mary Roos, Hans Clarin, Barbara Valentin und Ruth Maria Kubitschek
eine Produktion der Ernst Neubach Film | UFA International | im Gloria Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Ernst Neubach
ein Film von Will Tremper

Sperrbezirk (1) .jpg
Sperrbezirk (2) .jpg
Sperrbezirk (3) .jpg
Sperrbezirk (4) .jpg
Sperrbezirk (5) .jpg
Sperrbezirk (7) .jpg
Sperrbezirk (9) .jpg
Sperrbezirk (10) .jpg
Sperrbezirk (11) .jpg

»Dass ich den Sperrbezirk nicht erfunden habe, das wissen sogar die Nutten!«


Ann (Suzanne Roquette) arbeitet als Bedienung in einem Autokino und hat wie viele Mädchen ihres Alters Träume von einem unbeschwerten Leben. Als sie eines Tages Bernie Kallmann (Harald Leipnitz) kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf in den smarten Verführer, der mit ihr allerdings nur eines im Sinn hat: Ann soll für ihn in einer seiner Wohnungen anschaffen. Obwohl sie sich innerlich sträubt, sind die Gefühle für Bernie stärker und sie fügt sich in ihr neues Schicksal, zumal sie glaubt, dass er in gravierenden finanziellen Schwierigkeiten steckt, aus denen sie ihm heraushelfen muss...

Wie es scheint, hat es Skandale im Sperrbezirk wohl schon immer gegeben, und unter Gelegenheitsregisseur Will Tremper kommt es zwar zu keiner revolutionären Auslegung der Geschichte aus der Welt der Unmoral, aber zu unterschiedlichen Grundvoraussetzungen, die in anderen Filmen nicht zu finden sind. Tremper verfügte über besondere Connections zu Schauspielern, was sich in seinen wenigen Filmen überdeutlich zeigt, diese daher zu regelrechten Happenings macht, auch wenn die Bearbeitung eher einmal herkömmlich erscheint. "Sperrbezirk" zeigt im Rahmen des Konkurrenzkampfes mit Artgenossen keine signifikanten Schwächen und kann zunächst mit einer sehr frischen Herangehensweise punkten. Will Tremper versucht es mit einem frappanten Realismus der Straße, den man seinen Personen in ganz unbestimmter Weise abnimmt, auch wenn es hier und dort zu einigen Überzeichnungen kommt. Das wohl älteste Gewerbe der Welt verfügt naturgemäß auch über die ältesten Geschichten und Maschen der Welt, die sich allerdings niemals abnutzen werden, da Naivität und zu wenig Vorstellungskraft sowie mangelnde Erfahrung die Geschäfte derer begünstigen, denen andere völlig egal sind. In einer Bar hält die männliche Hauptperson Ausschau nach sogenanntem Frischfleisch, bis im etliche gut zurecht gemachte Objekte ins Auge fallen, die potenziell für ihn anschaffen könnten. Sogar die dort tanzende Barbara Valentin - die sich in ihrem kurzen Auftritt selbst spielt - wird ins Visier genommen, bis sich Suzanne Roquette in den Fokus aller Beteiligten tanzt. Ihre Schönheit ist auffällig, ihre Ausgelassenheit ansteckend, außerdem lässt sie sich nach kürzester Zeit um den Finger wickeln. Für die in Weimar geborene Interpretin war es nach drei kleineren Rollen die erste große Hauptrolle, die sie offensichtlich Will Trempers Experimentierfreudigkeit und Gespür für den toast of the town - quasi die neuste Neuentdeckung - zu verdanken hatte. So werden es hier am Ende nicht die bereits arrivierten Stars oder Überraschungsgäste sein, die "Sperrbezirk" am eindrücklichsten formen, sondern primär Suzanne Roquette, deren Karriere hierzulande leider nie richtig in Gang kam.

Das Geschäftsmodell des Bernie Kallmann ist denkbar einfach, denn er trumpft mit irgendetwas zwischen Charme und Unverfrorenheit auf, bis die Auserkorene nicht mehr anders kann, sich in den so anders wirkenden Mann zu verlieben. Glücklicherweise besitzt er eine Beteiligung an einem Appartementhaus, wo Ann ohne Probleme für ihn anschaffen kann, nachdem sie zugeritten wurde. Das Publikum erlebt einen erstaunlichen Prozess bei der jungen Frau, die bis vor Kurzem noch in einem Autokino gearbeitet hat, denn sie verliebt sich Hals über Kopf in ihren designierten Zuhälter, den sie ehrfurchtsvoll Bernhard nennt, und seinen Spitznamen ablehnt, wie der Teufel das Weihwasser. Sie sieht in ihm etwas ganz Besonderes und würde alles für ihn tun, auch wenn ihr dabei übel wird. Im Spektrum diverser Abhängigkeiten toxischer Beziehungen lässt sich ein Abstieg miterleben, der aufgrund der Bereitwilligkeit tragisch wirkt. Um den Zuschauer bei Laune zu halten und das Geschehen nicht zu kopflastig wirken zu lassen, wird man mit Bernies Machenschaften und dessen Helfershelfern vertraut gemacht, die alle wie ein Uhrwerk zu funktionieren haben, solange sich jeder selbst der Nächste sein darf. Will Tremper inszeniert rasant und streckenweise mit der nötigen Provokation, die ein solcher Beitrag als Aushängeschild nötig hat, wenngleich man hier und da gerne noch mehr auf die Tube hätte drücken dürfen. Interessant und faszinierend bleibt die empfundene Realitätsnähe, die sich vor allem in den Schauplätzen und unwichtigen Details finden lässt, wenngleich man thematisch vielleicht einige Märchen erzählt bekommt, weil sie in erster Linie publikumswirksam erscheinen. Die herbe Schwarzweiß-Fotografie setzt zahlreiche Kontraste und bringt eine Schwere in das Szenario, die die sich langsam entfaltende Brisanz unterstreicht. Da der Film über sehr greifbare Charaktere verfügt, die von den Interpreten je nach Situation leichtfüßig bis schwermütig dargestellt werden, kommt vor allem dann Stimmung auf, wenn es ordentlich zur Sache geht, doch leider bleibt der Verlauf an wichtigen Stellen zu beliebig und verhalten, insbesondere dann, wenn man einschlägige Vergleiche zieht.

Nichtsdestotrotz werden Fans von Will Trempers Herangehensweise in besonderem Maß zufriedengestellt, da sein Hauptaugenmerk in einer Art und Weise auf den beteiligten Personen haften bleibt, bis man seinen Blick nicht mehr von ihnen abwenden kann. Harald Leipnitz war zu dieser Zeit längst ein glaubwürdiger Kandidat, beide Seiten des Gesetzes zu bedienen und er schafft es sogar, nicht komplett wie der letzte Dreck zu wirken, was möglicherweise an den völlig unkritischen Anwandlungen von Suzanne Roquette liegt, die ihn wie einen Heiligen anbetet. In diesem Abhängigkeitsverhältnis lässt sich aber auch der brisante Kern der kompletten Geschichte finden, zumal die meisten Opfer sich nicht als solche ansehen, sondern als barmherzige Samariterinnen, die alles daran setzen, ihre Illusionen in Wirklichkeit zu verwandeln. Will Tremper jedoch zeigt andere Bilder der blanken Realität, die banden- oder syndikatsähnlichen Strukturen gleichen, dabei wenig Rücksicht auf potenzielle und tatsächliche Verluste nehmen. Die Brutalität bleibt in großen Teilen unterschwellig vorhanden und spielt sich eher im Rahmen seelischer Grausamkeiten ab, bis es zu erwarteten Gewaltexzessen kommt, die eine Katastrophe andeuten. Wie immer fragt man sich, für wen diese am schlimmsten enden wird, aber es entsteht genügend Spannung und Reiz, diese Geschichte als gelungen einzustufen. Sehr gute Leistungen bieten Rudolf Schündler, Christian Rode und Karl Stepanek, aber auch die leichten Mädchen zeigen sich von ihrer wahlweise ordinären Seite. Ebenfalls interessant ist die Liste der Gäste - bei Tremper wie üblich üppig und prominent gefüllt - unter denen sich selbst Interpreten finden, die im Vorspann nicht angekündigt sind. "Sperrbezirk" gehört in erster Linie zu den Tremper'schen Juwelen, die in unkonventioneller Art und Weise auch heute noch zu leuchten vermögen, aber leider zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind, denn es bietet sich ein interessanter Blick zurück nach vorn. Schöne Bilder, krude Szenen, schwere Jungs und leichte Mädchen verhelfen diesem Sittenreißer zu einem sehr guten, um nicht zu sagen handfesten Eindruck, der immerhin auch heute noch griffig und in Teilen aktuell wirkt.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



Bild


● DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE / L'UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO (D|I|1970)
mit Tony Musante, Suzy Kendall, Eva Renzi, Enrico Maria Salerno, Umberto Raho, Reggie Nalder, Werner Peters, Renato Romano und als Gast Mario Adorf
eine Produktion der cCc Filmkunst | Seda Spettacoli | im Constantin Filmverleih
ein Film von Dario Argento

H1.jpg
H2.jpg
H3.jpg
H4.jpg
H5.jpg
H6.jpg
H7.jpg
H8.jpg
H9.jpg

»Ich weiß nicht was ich seltsam daran fand, aber irgendwas kam mir merkwürdig vor«


Der amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas (Tony Musante) wird eines Abends zufällig Zeuge eines Verbrechens. In einer Kunstgalerie beobachtet er den Kampf zwischen einer schwarz gekleideten Gestalt und Monica Ranieri (Eva Renzi), der Frau des Galeriebesitzers (Umberto Raho). Dabei wird sie mit einem Messer attackiert und weil Sam sich bemerkbar macht wird Monica lediglich verletzt. Schnell stellt sich heraus, dass es sich offenbar um einen lange gesuchten Serienmörder handelt, der Rom seit geraumer Zeit unsicher macht und junge Frauen tötet. Beim Verhör mit Inspektor Morosini (Enrico Maria Salerno) stellt sich heraus, dass der Amerikaner noch irgend etwas beim Tathergang gesehen haben muss, er aber nicht benennen kann um was es sich genau handelt. Da Sam in den nächsten Tagen wieder zurück in die USA fliegen möchte, der Inspektor auf ihn als wichtigen Zeugen aber nicht verzichten kann, behält dieser kurzerhand seinen Pass ein und Dalmas begibt sich selbst auf die Suche nach dem Mörder, bei der er und seine Freundin Julia (Suzy Kendall) in Lebensgefahr geraten. Unterdessen schlägt der Mörder erneut zu...

Eine in Schwarz gekleidete, und nicht zu erkennende Gestalt bedient eine Schreibmaschine, der kleine Raum vermittelt ein unbehagliches Vakuum. Alles dort scheint pedantisch geordnet, und tödlich korrekt durchdacht zu sein und die Intention dieser kurzen Szenen vermittelt eine unmissverständliche Deutlichkeit, noch bevor das Phantom zuschlagen wird. Eine junge Frau wird auf der Straße abfotografiert, die wunderbare Musik von Ennio Morricone entschärft die Situation für einen kurzen Augenblick, bevor es mit dem veranschaulichten Kurzpsychogramm des Mörders weitergeht. Ein Foto des Opfers wird mit einer Nummer markiert und eine Reihe bedachtsam angeordneter Messer sorgt für Gewissheit. Der Zuschauer steht unmittelbar vor dem ersten sichtbaren Mord und man weiß durchaus, dass es sicherlich nicht der letzte sein wird. Die Montur der sich geschmeidig bewegenden, und in schwarzem Leder gekleideten Gestalt, vermittelt einen offensichtlich autoerotischen Aspekt. Ein Schrei beendet die Szene und das Leben der vermutlich wahllos auserkorenen jungen Frau. Unmittelbar danach bekommt man den Protagonisten der Story vorgestellt. Sam Dalmas ist abwesend, gedanklich ist er womöglich schon längst wieder zurück in den USA. Sein Blick fällt durch die Panoramafenster einer hell ausgeleuchteten Kunstgalerie und er wird Zeuge eines Verbrechens. In dieser Schlüsselszene ist die Kamera aufmerksamer als der Protagonist und als jeder Beobachter es sein kann, obwohl sie den Zuschauer für einen kurzen Augenblick mit in das Innere der Galerie nimmt. Man sieht Monica Ranieri, ein blankes Messer ist wenige Zentimeter von ihr entfernt, es ist, als könne man sie berühren. Wie Sam den kompletten Film über beteuern wird, stimmt etwas an dieser Szene nicht mit den normalen Gesetzen einer solchen Situation überein, der aufmerksame Zuschauer ist der gleichen Ansicht, doch vorerst kann keiner den verschachtelten Fehler erkennen. Bereits hier zeigt Dario Argento, wo er mit seinem eigentlich kompliziert gestalteten Film hin möchte.

Er trübt die Auffassungsgabe durch die Ferne, bietet aber gleichzeitig die Chance, diese Situation permanent wieder Revue passieren zu lassen, er offeriert Transparenz, die allerdings noch keine Allianz mit dem Vorstellungsvermögen oder der Kombinationsgabe eingehen kann. Der Augenzeuge wird vom Täter im Labyrinth der Glasfenster gefangen gehalten, trotz der Nähe entsteht eine unüberbrückbare Distanz, so dass die Zeit bleibt, jede Einzelheit dokumentieren zu können. Der Raum vermittelt eine beeindruckende Struktur, genau wie es übrigens der komplette Film tun wird, die Szenerie veranschaulicht Kontraste, die sich ebenfalls durch den Verlauf ziehen werden. Die Struktur dieser Situation wird durch die verletzte Monica Ranieri gestört, umgekehrt, da es zunächst niemandem möglich ist, zu intervenieren. Trotz ihres Kampfes, bleibt die unbequeme Möglichkeit, einige Gedanken weiter auszumalen, weil die Regie die verstreichende Zeit einem Diktat ähneln lassen wird. Wird Monica Ranieri rechtzeitig gerettet werden, wird sie Angaben zum Täter machen können, wird Sam Dalmas als dringend tatverdächtig eingestuft, ist er ab sofort selbst in Gefahr? Der Film nimmt seinen spektakulären, oder vielmehr intelligenten Lauf und es ist erstaunlich, welcher Meilenstein hier entstanden ist, wohlgemerkt mit einfachen und klassischen Mitteln. Erstaunlich vielleicht deswegen, weil man "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" aus damaliger Sicht einfach als das betrachten muss, was der Film vom Ursprung her sein sollte: Ein Beitrag, der in der Bundesrepublik unter der Trivialmarke Bryan Edgar Wallace vermarktet wurde. Die Vermutung liegt also nahe, dass sich zur Entstehungszeit vielleicht noch niemand so recht im Klaren darüber war, wie dieser Film ein komplettes Genre noch beeinflussen würde und welche Sensation man am schmieden war. Der Verlauf ist als Blick zurück nach vorn aufgebaut und ähnelt einem spröden Zusammentragen von vielen Mosaiksteinchen. Da Sam Dalmas und seine Freundin unfreiwillige Ermittler werden, und die Polizei bei der Lösung des Falles ebenfalls Schützenhilfe leisten kann, zeigt sich die bereits erwähnte, jedoch schleichende Transparenz für den Zuschauer.

Der Fall bereitet Kopfzerbrechen, und der Mörder schlägt immer wieder zu. Dies geschieht nicht in aller Diskretion, nein, er ist mittlerweile so weit, dass die Taten in einer vollkommen omnipotenten Art und Weise telefonisch bei der Polizei angekündigt werden. Die Gesetzeshüter spannen unterdessen Sam Dalmas als Lockvogel ein, da jegliche Anhaltspunkte fehlen. Die Taten folgen immer dem gleichen Muster. Schöne, alleinstehende Frauen werden bestialisch ermordet und es bleibt zu erahnen, dass der Geschichte ein psychologisches Motiv zu Grunde liegt. Betrachtet man die beteiligten Darsteller, so wirkt die Crew wie eine Bestätigung dafür, dass man nicht unbedingt von einem möglichen Überraschungscoup ausgegangen war, denn die Riege ist nicht mit den damaligen Top-Akteuren ausstaffiert worden. Dies soll weniger als Kritik, sondern eher als Feststellung angemerkt sein, denn die Darsteller wirken bis in die kleinsten Rollen perfekt besetzt. Tony Musante macht jeden Zuschauer aufgrund seiner wichtigen Beobachtung zum Verbündeten, bei dieser Variante entsteht eine noch intensivere Solidarität mit dem Protagonisten als im Normalfall. Auch dass die sympathische Suzy Kendall an seiner Seite mit recherchiert, rückt sie deutlich in den Kreis der Sympathieträger. Beide werden noch in äußerst gefährliche Situationen geraten, die sie trotz einiger persönlicher Warnungen des Mörders nicht scheuen. Tony Musante gefällt aufgrund seiner kantigen Art. Seine Alleingänge wirken vielleicht bezeichnend für seinen Charakter, da er im privaten Bereich nicht anders vorzugehen scheint. Suzy Kendall wirkt bodenständig und kann in den richtigen Situationen ihre Emotionen heraus lassen. Ihre besten Momente zeigt sie, als der Handschuhmörder sie in ihrer eigenen Wohnung bedroht, Kendall hat man nicht alle Tage so temperamentvoll und präzise gesehen. Beim Thema Präzision ist unbedingt auch Enrico Maria Salerno zu nennen, der den überforderten Polizeiapparat anführt. Seine ruhigen und überaus sachlichen Ermittlungen wissen zu gefallen, sie würden einem sogar imponieren, wenn unterm Strich die richtigen Ergebnisse stehen würden.

Weitere bekannte Gesichter und willkommene Darbietungen liefern ein zweifelhafter Umberto Raho, ein ebenso schwer einzuschätzender Renato Romano und Reggie Nalder, als rechte oder linke Hand des Mörders, der wirklich für beängstigende Momente sorgen wird. Allround-Talent Werner Peters beeindruckt, gegenüber seiner sonst obligatorischen Auftritte, in einer vollkommen konträr angelegten Rolle, als an Sam interessierter Antiquitäten-Händler, die man zuvor noch nie von ihm gesehen hat. Schließlich rundet Mario Adorf das Geschehen als Gast ab, und zwar mit einer absolut irren Performance, die weniger für Aufklärung, als Auflockerung sorgen wird. In der Welt der Gialli sollte es insbesondere nach diesem Beitrag forcierter zugehen, so dass man hier im Rahmen von Gewaltspitzen und expliziten Szenen, auch im Sinne des Anvisierens der konstitutionellen Vorzüge der beteiligten Damen, noch gezügeltere Wege eingeschlagen hatte. Was allerdings immer schon ein Thema war, ist die Schönheit im allgemeinen, sowie im präziseren Sinne. Bleibt man bei diesem Schlagwort, so kommt man zu niemand anderem als zu der umwerfenden Eva Renzi, die hier in beeindruckenden Etappen eingesetzt, oder besser gesagt platziert wurde. "Das Lexikon der Deutschen Filmstars" bescheinigte ihr, sie konnte »ihre anspruchsvollen Rollencharaktere mit reifem Spiel und feiner Psychologie vertiefen«, eine Einschätzung, die hier wie der springende Punkt wirkt. Zugegebenermaßen ist "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" auf psychologischer Ebene ausbaufähig geblieben, so dass man anerkennen muss, dass Eva Renzi einen nicht unwichtigen Teil dazu beiträgt, dass diese eindrucksvolle Assoziationskette funktioniert, und sei es nur auf die darstellerischen Kompetenzen reduziert. Renzi formt Monica Ranieri tiefenbetont, sie wird Teil des Films, der Geschichte, eines Dekors, was den Zuschauer über die gesamte Spieldauer beschäftigen wird. So ging eine vereinnahmende Leistung der Deutschen in die Geschichte des Giallo ein, die auch heute noch einen gewissen Modell-Charakter vermittelt.

Die persönliche Quintessenz Eva Renzi hat im Grunde genommen keine weiteren Beschreibungen nötig, denn ein Blick genügt um zu begreifen, dass sie selbst Expertise genug darstellt. Der deutsche, klassische Krimi erlebte Mitte der 60er Jahre die Geburtsstunde des sogenannten "Melissa-Effekts", für die Gialli könnte man diese Erfindung vielleicht ab sofort "Monica-Ranieri-Effekt" nennen, denn dieses Modell sollte fortan noch häufiger Verwendung finden. Dario Argentos Beitrag beweist in nahezu allen Bereichen eine überdurchschnittliche Qualität. Zunächst ist die globale Stilsicherheit zu erwähnen, vor allem die erfinderische Attitüde, die dem Film seine unbeirrbare Richtung gibt, ist bemerkenswert. Im visuellen und bildsprachlichen Bereich kommt es zu vielen größeren und kleineren Highlights, insbesondere die subjektiven Kamerafahrten bei den Ermordungsszenen forcieren hochspannende Momente. Vereint mit Ennio Morricones abwechslungsreicher Musik, die ebenfalls Emotionen schürt, aber genauso für Atempausen sorgt, entstehen formvollendete Kreationen. Dario Argento beweist mit seinem Frühwerk, dass es sich bei ihm um einen Querdenker handelt, der mit formellen und stilistischen Kapriolen bestehende Grenzen und Gesetzte der Inszenierung aufweichen konnte. Die hier auftauchenden Stilelemente werden zur dichten Fusion für den Zuschauer, unterm Strich steht zwar die Ambition der Unterhaltung, allerdings der intelligenteren Sorte, obwohl sich auch viele Oberflächlichkeiten aufspüren lassen (könnten). Der Verlauf gibt die Besonderheit des Gesamtwerkes lange nicht her, das Finale wird gleich in mehreren Etappen eingeleitet und etliche Twists tragen zum besonderen Sehvergnügen, beziehungsweise Erstaunen bei. Das echte Finale erweist sich schließlich als einer der überraschendsten Momente überhaupt und das abrupte Ende lässt eine nüchterne Prognose zurück, die fehlende Erklärungen weg dividiert. Wenn der Film schließlich zu Ende ist, kommt eigentlich immer wieder der selbe Wunsch zum Vorschein, nämlich "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" noch einmal als Erstansicht wahrnehmen zu können. Ein prägendes Erlebnis!

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



DIE GEFANGENE DES KU-KLUX-KLAN


● STORM WARNING / DIE GEFANGENE DES KU-KLUX-KLAN (US|1951)
mit Ginger Rogers, Ronald Reagan, Doris Day, Steve Cochran, Lloyd Gough, Hugh Sanders, Dale Van Sickel, Raymond Greenleaf, u.a.
Produktion und Verleih | Warner Bros.
ein Film von Stuart Heisler

A1.png
A2.png
A3.png
A4.png
A5.png
A6.png
A7.png
A8.png
A9.png

»Vergessen Sie nicht, wie viel Gutes der Klan tut!«


Aus beruflichen Gründen ist Marsha Mitchell (Ginger Rogers) auf dem Weg nach Riverpoint. Da sie ihre Schwester Lucy (Doris Day) schon länger nicht mehr gesehen hat, möchte sie diese mit einem Besuch in dem Städtchen Rock Point überraschen. Dort kommt es zu einem verstörenden Zwischenfall, denn Marsha wird Zeugin eines feigen Mordes an einem Journalisten, begangen durch Mitglieder des Ku-Klux-Klan. Im Schutze der Dunkelheit kann sie einige der Männer erkennen, die ihre Masken abgenommen hatten, was sich noch zum großen Problem für das Wiedersehen mit ihrer Schwester entwickeln wird, da einer der Männer Marshas eigener Schwager Hank (Steve Cochran) war. Schon bald wird die Zeugin zur Zielscheibe der Klan-Mitglieder...

Betrachtet man den deutschen Titel dieser Anfang der 50er-Jahre entstandenen Produktion, könnte der Eindruck entstehen, dass man es lediglich mit einem von unzähligen Reißern zu tun bekommt, jedoch hat Regisseur Stuart Heislers Film wesentlich mehr zu bieten, als das, was man zunächst annehmen möchte. Der besagte Klan schwebt zwar wie ein schwarzer Schatten über dem Szenario, doch dem Zuschauer bleiben abscheuliche Bilder der Taten weißer Rassisten weitgehend erspart, die ihre Mission - eingehüllt in Kapuzen und den Schutz der Dunkelheit - erfüllen wollen, da sie sich für Heilsbringer halten. Der Film konzentriert sich auf eine quälende psychologische Zange, in der sich die Protagonistin Marsha befindet, und immer weiter von Beteiligten hineingedrängt wird. Die Suche nach der Wahrheit ist uninteressant, nur das Konzipieren einer individuellen Wahrheit, die man den Leuten auftischen kann, bleibt als oberste Priorität zurück. Ein Reporter wird mit Schüssen niedergestreckt, damit er die Machenschaften des Klans nicht verbreiten kann; noch ahnt niemand, dass es eine ungewollte Zeugin gegeben hat, die sich zunächst an die Moral klammert und aussagen möchte. Die Wahrheit würde angesehene Persönlichkeiten der Stadt an den Galgen bringen, ihrer eigenen Schwester den Mann nehmen, aber zur Realität gehört auch, dass Teile des Gerichts und der Geschworenen durchsetzt mit Klan-Mitgliedern sein würden, die Marsha zuvor unter immensen Druck gesetzt hatten. Es deutet sich eine ausweglose Situation an, in der es zahlreiche schuldige und unschuldige Verlierer geben könnte, falls die Gerechtigkeit siegt. Heislers Augenmerk wird auf einen von Ronald Reagan giftig geführten Gerichtsprozess gelegt, der noch bizarre Tendenzen annehmen wird, daher hochinteressant für den Zuschauer verläuft. Es entsteht eine unbequeme Spannung in diesem Vakuum, das zu einem Schauprozess hochstilisiert wird, dessen Ergebnis die gesamte Stadt so oder so schlucken wird.

Ausstaffiert mit exzellenten Interpretinnen und Interpreten, kann sich die ganze Schwere und Brisanz des Verlaufs entfalten. Im Besonderen ist Hauptdarstellerin und Hollywood-Ikone Ginger Rogers hervorzuheben, deren innere Zerreißprobe eindrücklich und leidenschaftlich dargestellt wird. Hin- und hergerissen zwischen Gewissen, Moral und äußeren Zwängen, kommt es zu einer Reihe von Entscheidungen, die oftmals nur schwer zu akzeptieren sind, aber es stellt sich Mitgefühl mit dem unschuldigen Opfer eines perfiden Spiels ein, welches von einem widerwärtigen Mob bedrängt wird, der sich bei sich jeder bietenden Gelegenheit damit rechtfertigt, dass die Straßen wegen ihm sicher seien. Der Film hantiert mit viel Eigendynamik und Emotionen, sodass es stets spannend bleibt, zumal die Zeugin der Anklage unfreiwillig die Seiten wechseln wird. Tatkräftige Unterstützung leisten Doris Day oder Steve Cochran, deren vermeintliche Idylle wegzubrechen droht. »Solange sie in der Stadt ist, sind wir nicht sicher!«, lautet der Tenor des Klans, der dem Empfinden nach wieder zu außerordentlichen Maßnahmen greifen könnte. So schwebt die Protagonistin in latenter Gefahr, und man hofft, dass sie ihre Aussage noch zeitnah machen kann. Die Geschichte behandelt verdrehte Realitäten, die sich mittlerweile in der Stadt etabliert haben. Die Leute scheinen sich unter gewissen Umständen an alles zu gewöhnen; Hauptsache, sie können ihr unbehelligtes Leben weiterführen. Parolen wie »Der Klan tut viel Gutes!« werden als gesellschaftliche und moralische Realität übernommen. "Die Gefangene des Ku-Klux-Klan" spitzt sich dramatisch zu und schlägt Wege ein, die man im Vorfeld so nicht erwartet hätte, da überraschend keine Rassismus-Thematik behandelt wird, sondern man sich hauptsächlich mit den Widersachern der im Verborgenen agierenden Gemeinschaft beschäftigt. Eingefangen in packenden Schwarzweiß-Bildern, entsteht ein überaus atmosphärischer Verlauf, der erschreckend und daher fesselnd wirkt.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



EIN MÖRDERISCHES PAAR


● COPPIA OMICIDIA / EIN MÖRDERISCHES PAAR (I|1998)
mit Raz Degan, Raoul Bova, Laura Morante, Francesca Schiavo, Jacques Sernas, Giorgio Antonini, Girolamo Di Stolfo, Mauro Cacioppi,
Cinzia Carrea, Katia Crispino, Helmut Hagen, Fausto Lombardi, Emiliano Novelli, Mario Novelli, Erik Prizzi und Thomas Kretschmann
eine Produktion der Filmauro
ein Film von Claudio Fragasso

Ein-moerderisches-Paar (1) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (3) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (4) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (5) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (6) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (8) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (10) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (11) .jpg
Ein-moerderisches-Paar (12) .jpg

»Du bist wunderschön!«


Durch Zufall erfährt der Technik-Freak Dario (Raoul Bova), dass es sich bei seinen Nachbarn Carla (Laura Morante) und Domenico Andreoli (Thomas Kretschmann) um Auftragskiller handelt, die hochrangige Politiker ins Jenseits befördern sollen. Während Darios Frau Luciana (Francesca Schiavo) darüber nachdenkt, die erst dreijährige aber fast zerrüttete Ehe zu retten, beschäftigt sich ihr Mann mit dem Auskundschaften der Andreolis. Um weitere Morde zu verhindern, verwanzt er deren Wohnung und stattet sie mit Videokameras aus. Alle Beteiligten müssen sich ab sofort vor dem Mann im Hintergrund namens Vito (Raz Degan) in Acht nehmen, dessen Brutalität keine Grenzen zu kennen scheint. Schon bald geraten Dario und Luciana in eine fingierte Situation, die sie plötzlich wie die Killer aussehen lässt...

Lucianas Schilderungen beim Psychologen sind gekennzeichnet von Verzweiflung und Resignation, vor allem scheint sie aber nicht mehr daran zu glauben, dass die erst junge Ehe noch zu retten ist. Ihr Mann, ein ausgesprochener Technik-Fan mit einem Hang zum Voyeurismus, beobachtet und filmt lieber wildfremde Leute auf der Straße oder nackte Damen durch offene Fenster, als sich mit seiner eigenen Frau zu beschäftigen. Darios ausgiebiges Equipment gibt sporadische seh- und hörbare Einblicke in das Leben anderer her, über sein eigenes Privatleben scheint er jedoch den Überblick verloren zu haben. Vielleicht fehlt ihm auch einfach das Interesse an seiner Partnerin, die von einem geregelten Alltag träumt. Als Dario per Zufall auf eine geheimnisvolle Frau mit schwarzer Sonnenbrille und blonder Perücke aufmerksam wird, die einen einzelnen Schüssel in einem Café verliert, ändert sich der verschlafene Alltag schlagartig, denn wenig später begeht die Fremde brutale Morde an Politikern. Ab sofort ist die Spurensuche eröffnet, und trotz erheblicher Zweifel lässt sich Luciana auf das angehende Mörderspiel ein, in der Hoffnung, ihrem Mann wieder näherzukommen. Derartige Geschichten lassen keinen Zweifel daran entstehen, dass es ab sofort gefährlich werden wird, bestenfalls lässt sich wie hier eine merkliche Spannung wahrnehmen, die das Geschehen immer wieder forciert. Dank seines Knowhows kann Dario rekonstruieren, um wen es sich bei der Killerin handelt, sodass die Spur ohne Umwege zu den eigenen Nachbarn führt, zu denen ab sofort der Kontakt gesucht wird. In Windeseile stellt sich heraus, dass es sich bei den Andreolis nicht nur um überaus skrupellose, sondern auch schamlose Zeitgenossen handelt, die nicht nur mit Waffen hantieren zu wissen. Aber zunächst konzentriert sich die zielstrebige Regie auf überaus blutige und actionreiche Mord-Sequenzen, die ein Tempo transportieren, welches sich durchaus sehen lassen kann. Verschiedene Handlungsstränge werden ab sofort gut miteinander verstrickt, die Präsentation der Personen gewinnt an Profil und Schärfe, bis der gefährliche Hintermann auftaucht, eine Art überzeugendes Klischee aus Spion, Killer und Sexprotz, den es offenbar anmacht, andere Personen leiden und sterben zu sehen.

Mit dem Auftauchen des israelischen Schauspielers und Models Raz Degan erreicht die Geschichte neue Sphären der Hochspannung, denn bei Vito handelt es sich um eine gewissen- und gnadenlose Killermaschine, die durch nichts aufzuhalten zu sein scheint. Durch ihn ahnt man, dass am Ende immer der Tod anderer zu stehen hat. Degan zeichnet seine Figur überraschend gut, da er es schafft, eine Aura zwischen Abscheu und Faszination zu kreieren. Überhaupt sind die Hauptfiguren sehr brauchbar ausgewählt, denn innerhalb der Konstellationen ergeben sich Kontraste, die für Zündstoff stehen. Doch zunächst scheinen alle Beteiligten von der Gunst Vitos zu leben; es fragt sich allerdings, wie lange noch. Durch die unfreiwillige Beteiligung von Dario und Luciana entsteht ein klassisches Tauziehen zwischen Gut und Böse, naiv und kalkulierend, wobei dies gewisse Abstufungen erfährt, vor allem, wenn es zu genügend Hintergrundinformationen gekommen ist. Doch zunächst wird die Melodie schallgedämpfter Waffen gespielt, der Bodycount der Geschichte ist ziemlich hoch, was für eine gewisse Unübersichtlichkeit sorgt. Hinzu kommt eine Findung innerhalb der Findung, denn immerhin müssen Dario und seine Frau wieder enger zusammenrücken. Die Regie begnügt sich hierbei allerdings nicht mit Schablonen der landläufigen Schmonzette, sondern die Protagonisten müssen erst einmal leiden. Hinzu kommt eine ansprechende Würze zwischen Sex & Crime, die in jeder Hinsicht für pikante Momente sorgen wird. "Ein mörderisches Paar" wurde seinerzeit im Nachtprogramm des ZDF platziert und verfügt über eine recht gute deutsche Synchronisation, stellt dabei ein typisches Kind der End-90er dar. Versehen mit Typen und einigen (temporär) bekannten und angesagten Gesichtern, kann die Story vor allem im Dunstkreis der Hauptrollen überzeugen. Raz Degan, seinerzeit bekannt geworden durch den hochfrequentierten Märchen-Mehrteiler "Prinzessin Alisea", legt die Messlatte für Angst, Mord, und Verbrechen ziemlich hoch an, sodass seine Helfershelfer sich ordentlich ins Zeug legen müssen. Mit Laura Morante und Thomas Kretschmann sind zwei willige Killer gefunden, die sich in ihren Rollen ordentlich profilieren werden.

Dies gilt vor allem für die heißblütige und verführerische Italienerin Morante, die über eine Attraktivität verfügt, die über die Maßen gefährlich wirkt. Sie sorgt nicht nur für Blutfontänen, sondern auch für eine permanent sexuell aufgeladene Spannung, was sich allerdings weniger auf ihren eigenen Mann bezieht, sondern möglicherweise auf jeden anderen. Ihre Affärenbereitschaft liegt somit quasi in der Luft und hier lässt es sich die Regie nicht nehmen, sie als bereitwilliges Zugpferd für heiße Flirt- und Sex-Einlagen einzuspannen. Ihre weniger bekannte Kollegin Francesca Schiavo ist hier quasi in doppelter Opposition zu finden, die sich in diesem Alptraum sichtlich ohnmächtig fühlt, da es keinen leichten Weg mehr herauszufinden gibt. Auf ihren an ihr uninteressierten Mann braucht sie nicht zu hoffen, nicht zu bauen, da er wie versessen wirkt, die Zufalls-Verbrechen aufklären beziehungsweise vereiteln zu wollen. Raoul Bova und Francesca Schiavo bilden ein überzeugendes - und trotz einiger Macken - sympathisches Paar, vor allem weil sie gemeinsam alles andere als perfekt funktionieren, zumindest zunächst. Über den vor ihnen liegenden Fall finden sie wieder mehr zueinander, bis sie den Verbrechern als perfekt abgestimmtes Duo einheizen können, doch ihr Hauptgegner Vito weiß schließlich noch ganz andere Register zu ziehen. Unterlegt mit eingängiger und spannungsfördernder Musik sowie intensiven visuellen Eindrücken, lässt sich im Rahmen einer typischen End-90er-Optik viel Positives ausmachen, und alles läuft auf einen packenden Showdown in Paris hinaus, der kleinere Überraschungen zu bieten hat. "Ein mörderisches Paar" ist vor allem spannend und temporeich ausgefallen, was die nicht immer schlüssigen Zusammenhänge gut wettmachen kann. Mord und Verbrechen kann hier ganz unverblümt abenteuerliche Blüten treiben, bis sich herausstellt, dass wieder einmal höchste Kreise in den Sumpf aus Korruption und Liquidierung involviert sind, und es die ganz normalen Bürger richten müssen. Ausstaffiert mit einem überraschend gut agierenden und daher überzeugenden Ensemble, kann die mit teils brutalen Bildern und charmanten Übertreibungen ausgestattete Geschichte beliebig forciert werden, wirkt daher unterm Strich überzeugend aber vor allem unterhaltsam.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Keir Dullea   Senta Berger   Lilli Palmer   in

DAS AUSSCHWEIFENDE LEBEN DES MARQUIS DE SADE


● DAS AUSSCHWEIFENDE LEBEN DES MARQUIS DE SADE / DIE LIEBESABENTEUER DES MARQUIS S. / DE SADE (D|US|1969)
mit Sonja Ziemann, Christiane Krüger, Uta Levka, Susanne von Almassy, Barbara Stanek, Friedrich Schoenfelder, Heinz Spitzner,
Herbert Weissbach, Tilly Lauenstein, Ortrud Gross, Max Kiebach, Susanne Hsiao, Rolf Eden sowie John Huston und Anna Massey
eine Produktion der cCc Filmkunst | Trans Continental | American International Pictures | im Verleih der Columbia
ein Film von Cy Endfield und Roger Corman

Marquis S (1) .jpg
Marquis S (2) .jpg
Marquis S (3) .jpg
Marquis S (4) .jpg
Marquis S (5) .jpg
Marquis S (6) .jpg
Marquis S (7) .jpg
Marquis S (8) .jpg
Marquis S (9) .jpg

»Unsere Fantasie ist die einzige Wahrheit!«


Nach seiner Flucht aus einer Irrenanstalt, kommt Louis Marquis de Sade (Keir Dullea) wieder auf seinem Schloss an, und blickt kritisch auf sein bisheriges Leben. Ihm wird klar, warum er sich seit seiner Jugend gegen die Etikette der besseren Kreise widersetzte und von der Gesellschaft vorgegebene Konventionen ablehnte, wo es nur ging. Seine Eltern (Friedrich Schoenfelder und Susanne von Almassy) arrangierten die Heirat mit der vergleichsweise unansehnlichen Renée de Montreuil (Anna Massey), doch er war bereits ihrer schönen Schwester Anne (Senta Berger) verfallen. Es folgten Alkohol, Affären und Orgien, auf denen der Marquis auch seine sadistischen Gelüste auslebte, die ihm einst sein Onkel (John Huston) einimpfte...

Der Berliner Produzent Artur Brauner war bekannt für seine Bereitschaft, imposante Großfilme zu produzieren, gerne auch, wenn sich noch andere Geldgeber ausfindig machen ließen. Diese deutsch-amerikanische Co-Produktion entstand unter Doppelregie unter großem Aufwand, denn nicht nur die zugrunde liegende Geschichte ist moderner interpretiert, sondern es kam zu einem regelrechten Ausstattungsfilm in mehreren Bereichen, der seine visuelle Dominanz auszuspielen versucht. Betrachtet man das Zeitfenster und die hier angebotene Zeigefreudigkeit, so kommen vor allem Interessenten anmutiger Weiblichkeit auf ihre Kosten, wenngleich der Film - der ja wie eine Ankündigung wirkt - im Gros betont zahm und verdächtig initiativ bleibt. Zwar gibt es einige Strecken von Orgien, aber in der grassierenden Aufklärungswelle wurden bereits andere Geschütze geboten. Die Besetzung ist offensichtlich in einige Fraktionen aufgeteilt: Weltstars, die ihre Aufgaben darin verstehen, auch für dementsprechendes Schauspiel zu sorgen, bekannte deutsche Interpreten, die sich neben ihnen zu profilieren versuchen, und diejenigen Schauspielerinnen, die keine Probleme damit haben, sich hüllenlos zu präsentieren, oder sich wahlweise von der Titelfigur hart ran nehmen zu lassen. So entsteht eine sehr interessante Melange unterschiedlichster Eindrücke, die sich unterm Strich gut sehen lassen kann. Zu kämpfen hat die routiniert inszeniert wirkende Geschichte - die über allerlei Progressiv-Einfälle verfügt - mit einem Gespenst namens Langeweile, welches immer wieder umher huscht, sich daher nicht leugnen lässt. Die Regie hat offensichtliche Probleme, den Verlauf zu ordnen, da man sich häufig zeitlich und örtlich desorientiert fühlt, was natürlich auch eine Art der Strategie sein kann, wenn man an die vielen Traum-Sequenzen der Produktion denkt. Allerdings bleibt unterm Strich eine diesbezüglich ungeklärte Frage im Szenario stehen und das Duo Cy Endfield und Roger Corman widmet sich dem in Szenesetzen der vielleicht teuren Einkäufe.

Hier zu erwähnen ist vor allem Hauptdarsteller Keir Dullea, der im Jahr zuvor mit Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" einen immensen Erfolg feiern konnte, und sich hier in der Titelrolle verausgaben darf. An seiner Seite spielen große Namen wie Lilli Palmer, John Huston, Senta Berger, Anna Massey, oder Sonja Ziemann, die hauptsächlich in Etappen auftreten und sich der Anforderung entsprechend sehr überzeugend präsentieren. Andere bekannte deutsche Stars wie Christiane Krüger, Uta Levka, Friedrich Schoenfelder oder Susanne von Almassy sind hingegen nur in kürzeren Intervallen zu sehen, was aufgrund der hohen Star-Konzentration schon beachtlich wirkt. Dennoch bleibt der Eindruck, dass der Film über weite Strecken an Substanz und vor allem Drive vermissen lässt. Teil der Veranstaltung sollen natürlich auch sadistische Themen sein, bei denen insbesondere Uta Levkas Part hervorgehoben werden darf, als sie mit einem Degen zur Räson gebracht wird. Deutliche Theater-Anleihen und die des Kostümfilms lassen ein für die Zeit eigenartig rückwärtsgewandtes Flair aufkommen, welches durch die Bilder der Orgien an erotischer Atmosphäre gewinnen soll. Allerdings bleibt zu betonen, dass insbesondere diese Szenen, die noch nicht einmal als Sex-Szenen zu beschreiben sind, Tendenzen der unfreiwilligen Komik aufwerfen, da sie in entlarvender Zeitlupe gezeigt werden. Hier bleibt noch das Farbenspiel zu erwähnen und die angemessene Musik, die unterm Strich ganz gut anzukommen vermag. "Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade" gestaltet sich thematisch ausschweifend, aber eben nicht inszenatorisch, sodass man es letztlich nur mit einem Ausstattungsfilm zu tun hat, dessen besondere Entourage überzeugt, außerdem einige Momente zutage kommen, die recht atmosphärisch wirken. Schauspielerinnen wie Sonja Ziemann und Susanne von Almassy nahmen hier übrigens ihren Abschied vom Kino-Geschäft, und der Film stellt insgesamt vielleicht keinen krönenden, aber immerhin annehmbaren Abschluss dar.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



TÖDLICHE BEUTE


● DEADLY PREY / TÖDLICHE BEUTE (US|1987)
mit Ted Prior, Troy Donahue, David Campbell, William Zipp, Fritz Matthews, Dawn Abraham, Suzanne Tara, Thomas Baldwin,
Leo Weltman, Jasper Collins, Brian Edward O'Connor, Sean Holton, Markus Leithold, Charles Veniro sowie Cameron Mitchell
eine Produktion der Action International Pictures
ein Film von David A. Prior

Tödliche Beute (1) .jpg
Tödliche Beute (3).jpg
Tödliche Beute (4) .jpg
Tödliche Beute (6) .jpg
Tödliche Beute (7) .jpg
Tödliche Beute (9) .jpg
Tödliche Beute (10) .jpg
Tödliche Beute (11) .jpg
Tödliche Beute (12) .jpg

»Ich töte euch!«


Colonel John Hogan (David Campbell) trainiert eine Gruppe von Söldnern. Finanziert durch dubiose Hintermänner, werden die Männer ausschließlich auf Brutalität, Härte und Unmenschlichkeit gedrillt und es kommt selbst in den eigenen Reihen zu Liquidierungen, falls jemand nicht spurt. Um an Nachschub für ihre Übungen zu kommen, entführen sie wahllos Männer auf offener Straße, die in ihrem Camp zu lebendigen Zielscheiben werden. Als Mike Danton (Ted Prior) eines Tages den Müll herausbringt, wird er ebenfalls geschnappt. Noch ahnt niemand, dass Mike vor Jahren ebenfalls von Colonel Hogan ausgebildet wurde - als einer der Besten. Der Gejagte entwickelt sich schnell zum Jäger und einer unerbittlichen Killermaschine...

Ein Mann übersteht eine harte Ausbildung bei der US-Armee, überlebt den Vietnamkrieg einigermaßen unbeschadet, wird allerdings eines Tages beim simplen Herausbringen des Mülls von skrupellosen Söldnern entführt, die zu Übungszwecken eine tödliche Hetzjagd mit ihm veranstalten wollen. Auf diese Art und Weise hat es schon viele ahnungslose Zivilisten erwischt, aber immerhin muss man sich mit realen Hetzjagden schulen, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein. Leider haben die Entführer, deren Kameraden und ihr Boss nicht im Traum daran gedacht, dass sie plötzlich den falschen Mann in ihr Todescamp geholt haben, den sie nur mit einer Hose bekleidet in die Prärie schicken, um ihn schwer bewaffnet zur Strecke zu bringen. Die Physis von Hauptdarsteller Ted Prior lässt offenbar niemanden nachdenklich werden, immerhin freut man sich darauf, die zappelnde Beute zu erlegen, doch das Publikum weiß genau, dass sich die Jäger warm anziehen sollten, denn die langjährige Erfahrung hat einen unfehlbaren Killer aus Mike Danton gemacht. Bereits vor der Aktion schwört Mike, dass niemand dieses Kommando überleben wird. Niedrig budgetiert und offenbar in wenigen Tagen als Script zusammengefasst, kann sich dieser kleine Klassiker des B-Actionfilms wirklich sehen lassen, vorausgesetzt man zählt sich zu den unerschrockenen Fans des Genres und derartiger Geschichten, die manchmal noch weniger Sinn als Verstand haben. Die Story ist zugegeben alles andere als uninteressant, aufgrund der Rahmenbedingungen jedoch etwas repetitiv, sodass man dem Empfinden nach eine Stunde nichts anderes zu sehen bekommt, als das Ausschalten und Abschlachten der vermeintlichen Jäger, denen ihr eigenes Territorium gar keinen Vorteil bringt. Hierbei kann der Mann der Stunde auf zahlreiche Tricks und Fallstricke aus seiner Zeit bei der Armee zurückgreifen, und es kommt hauptsächlich zu brutalen Todesszenen, in denen sich die Spannung entladen kann. Da man es offensichtlich mit einer Horde Idioten zu tun hat, kann das Blut ungehindert in Fontänen sprudeln.

Tödliche Waffen, unsichtbare Fallen und eine Armee von Mäusen, die sich in fataler Weise mit Katzen verwechseln, bilden das Elixier dieses unbarmherzigen Reißers, in dem sich die Rollen vertauschen, die Kräfte aber nur selten verschieben. Ted Prior hat schließlich nicht weniger zu tun, als seine Stärke, Cleverness und einen unbändigen Überlebenswillen zu demonstrieren - gelegentlich unterhält er sich auch mit seinen Opfern, um an wichtige Informationen zu gelangen. Aber er macht keine Gefangenen, bis auf eine Ausnahme, um schließlich einen Verbündeten in dieser unübersichtlichen Hölle zu haben. Prior wirkt nicht zuletzt oder eigentlich ausschließlich wegen seiner körperlichen Überlegenheit so überzeugend, die hier praktischerweise auf einem Silbertablett und lediglich in kurzer Hose serviert wird. Auch er muss Federn lassen, aber der eiserne Wille lässt ihn zum Endgegner werden. Die Dialoge sind karg, schließlich gibt es nicht viel zu diskutieren, die Gewaltspitzen umso aussagekräftiger. Hierbei lassen sich sogar immer wieder kleine Steigerungen beobachten und abrufen, bis es sogar noch zu einigen kleineren Überraschungen kommt, die jedoch die schwarze Seele dieses Flicks unterstreichen. Schauspielerisch gesehen gibt es hier nicht viel Spektakuläres zu entdecken, physisch allerdings schon. Am Ende knipst Mike Danton, gegen den selbst schweres Kriegsgerät nichts auszurichten weiß, über 50 Söldnern das Licht aus, die vielleicht besser vorher von ihm ausgebildet worden wären, um den Hauch einer Chance zu haben - aber wer konnte dieses Fiasko schon ahnen? Regisseur David A. Prior hat hier im Rahmen der Möglichkeiten alles richtig gemacht, indem er einfach alles seinen unausweichlichen Lauf nehmen lässt, sodass Action-Cracks doch zufrieden mit dem überschaubaren Angebot sein dürften. Am Ende deutet sich an, dass dieser Alptraum so schnell kein Ende haben dürfte und daher darf man sich sogar auf eine in weiter Ferne liegende Fortsetzung freuen. "Tödliche Beute" - ein interessanter Titel mit doppeltem Boden - hält in jeder Beziehung, was er verspricht. Trash und Smash in einem.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



BLOOMFIELD

● BLOOMFIELD / BLOOMFIELD (GB|ISR|1969)
mit Richard Harris, Romy Schneider, Maurice Kaufmann, Yossi Yadin, Shraga Friedman, Aviva Marks, Yossi Graber,
David Heyman, Gideon Shemer, Sarah Moor, Reuven Bar-Yotam, Beyla Genauer, Amnon Berenson und Kim Burfield
eine Produktion der World Films Company | Limbridge | Cenfilco Tel Aviv | im Nobis Filmverleih
ein Film von Richard Harris und Uri Zohar

Bloomfield (2).png
Bloomfield (3).png
Bloomfield (5).png
Bloomfield (6).png
Bloomfield (7).png
Bloomfield (9).png
Bloomfield (11).png
Bloomfield (10).png
Bloomfield (12).png

»Darf ich mit nirgendwo hin?«


Der erfolgreiche Fußballspieler Eitan (Richard Harris) verschiebt den günstigen Zeitpunkt des Aufhörens immer und immer wieder nach hinten, lebt daher gerne in den Tag hinein. Seine Freundin, die erfolgreiche Bildhauerin Nira (Romy Schneider), steht kurz vor dem Durchbruch und wird Spiegel seines Erfolgsniedergangs. Da der Tag des sportlichen Abschieds womöglich immer näher rückt, möchte der kleine Nimrod (Kim Burfield) sein Idol unbedingt einmal in Aktion im Bloomfield-Stadion sehen, doch der Vater des versetzungsgefährdeten Jungen mahnt, dass sich seine Leistungen zuerst verbessern müssen, um bei einem Spiel dabei sein zu können. Nira drängt Eitan derweil, sich einen richtigen Job zu suchen, doch er bekommt krumme Geschäfte angeboten. Kann er dem Erfolgsdruck standhalten?

»Mach die Aufnahmeprüfung, und du kannst so viel Fußball spielen, wie du willst!« Ein derartiger Satz wäre für jeden von Fußball begeisterten Jungen sicherlich Musik in dessen Ohren, wenn die Zusatzklausel der Aufnahmeprüfung nicht wäre, immerhin bedeutet sie eine Beschneidung des damit empfundenen Freiheitsgefühls. Da der Nimbus der Realität - so auch der des Fußballs - nur mit viel Spucke, Kaugummi und Illusionen hält, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der kleine Junge, der sich auf den Weg zu seinem glorifizierten Idol macht, die ersten Risse im Gesamtbild entdecken wird. Der Zuschauer erledigt diese Aufgabe bei diesem Film wesentlich schneller, denn Regisseur Richard Harris ist an nichts anderem als einer auf Schablone zugeschnittenen Selbstinszenierung interessiert, bei der man sich kein Bein ausreißen muss, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Für den irischen Schauspieler war "Bloomfield" seine erste und einzige Regiearbeit, die allerdings auch ihre Vorteile aufzuweisen hat. Hier zu nennen ist die an Perfektion grenzende Kameraarbeit von Otto Heller, für den diese britisch-israelische Produktion leider die letzte vor seinem Tod war. Seine Kreationen zeigen große Wirkung in einer Produktion, der es in den wichtigen Momenten an dramaturgischer Substanz fehlt, was bei der vom Prinzip her interessanten Storyline sicherlich mit der unsicheren und auf sich selbst bezogenen Regie zu tun hat. Darüber zu philosophieren, dass ein anderer inszenatorischer Ansatz hier möglicherweise kleinere Wunder gewirkt hätte, ist noch müßiger als die Bewertung des Endergebnisses, doch am Ende richtet dieser auf heiter bis dramatisch getrimmte Film keinerlei Schaden an, zumal er schöne visuelle Momente innerhalb toller Schauplätze zu bieten hat, die insbesondere Romy Schneider und Kim Burfield hofieren. Deren schauspielerische Zeichnungen wirken schlussendlich besonders authentisch. Die Geschichte an sich lässt sich auch gut von Fußball-Analphabeten anschauen, denn der Fokus rückt immer wieder angemessen vom Hauptthema ab.

Der junge Nimrod bringt die nötige kindliche Unbeschwertheit in die laufende Geschichte, die der schwammig gezeichneten Ernsthaftigkeit vieler Szenen deutliche Hiebe versetzt. Viele Intervalle wirken zudem angenehm durch Panoramafahrten durch die interessante Landschaft und Umgebung sowie musikalische Ohrwurm-Themen gestreckt, außerdem bäumt sich eine merkliche Sentimentalität auf, die nicht wenige vielleicht sogar Kitsch nennen würden. Es geht schließlich um Zielfindung eines Mannes, der die Erfüllung längst kennengelernt hat, aber nichts mehr mit sich im Herbst seiner Karriere anzufangen weiß. Zurechtgerückt werden muss dieser Scherbenhaufen von einem kleinen Jungen, der mit kindlicher Begeisterung, vielleicht sogar Naivität, an Ideale glaubt. Dies großflächig zu vermitteln, braucht keine Zauberhand auf dem Regiestuhl, doch leider beschäftigt sich Hauptdarsteller und Regisseur viel zu sehr mit seinen Belangen und seiner eigens entworfenen Zeichnung. Kim Burfield brachte es als Kinderdarsteller auf ein halbes Dutzend Auftritte, für Romy Schneider handelte es sich um ein ungewöhnliches Experiment zwischen französischen Kassenerfolgen, wenngleich es kein Geheimnis ist, dass ihre Beteiligungen unter britischer Flagge nicht als ihre besten Platzierungen eingestuft werden. Erwähnenswert ist noch Maurice Kaufmann in einer für ihn obligatorischen und daher markanten kleinen Rolle. Das Geschehen schleppt sich leider viel zu offensichtlich in inszenatorischer Ambivalenz voran, lässt dabei glücklicherweise immer wieder über herrliche Bildimpressionen staunen, kann aber am Ende keinen besonderen Gesamteindruck hinterlassen, da Brisanz, Dramatik, Entscheidungen oder Humor keine wirklichen Pointen erleben und vermitteln. Richard Harris muss hier leider als der falsche Mann im doppelten Sinne identifiziert werden, sodass sein in Teilen nett anzusehendes Kinodebüt kaum für Aufsehen sorgen kann. Für die meisten Zuschauer dürften 90 Minuten Fußball somit die wesentlich interessantere Option darstellen.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




John Kitzmiller

ONKEL TOMS HÜTTE


● ONKEL TOMS HÜTTE / LA CASE DE L'ONCLE TOM / LA CAPANNA DELLO ZIO TOM / CICA TOMINA KOLIBA (D|F|I|JUG|1964)
mit Herbert Lom, O. W. Fischer, Olive Moorefield, Thomas Fritsch, Michaela May, Vilma Degischer, Charles Fawcett, Bibi Jelinek, Erika von Thellmann,
George Goodman, Harold Bradley, Dorothee Ellison sowie Eleonora Rossi Drago, Mylène Demongeot, Juliette Gréco, Eartha Kitt und Catana Cayetano
eine Produktion der cCc Filmkunst | Melodie Film | Debora Film | Sipro | Avala Film | im Nora Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Harriet Beecher Stowe
ein Film von Géza von Radványi

Onkel-Toms-Huette02.jpg
Onkel-Toms-Huette03.jpg
Onkel-Toms-Huette05.jpg
Onkel-Toms-Huette06.jpg
Onkel-Toms-Huette07.jpg
Onkel-Toms-Huette08.jpg
Onkel-Toms-Huette10.jpg
Onkel-Toms-Huette11.jpg
Onkel-Toms-Huette12.jpg

»Ja, aber ich kann ihn doch schließlich nicht umfärben!«


Sklaven im Amerika des 19. Jahrhunderts werden von ihren Besitzern ausgebeutet, erniedrigt und nicht selten zu Tode gequält. Humanitäre Ausnahmen gibt es nur wenige, da der Besitz dieser Menschen als Grundrecht angesehen wird. Die Leibeigenen rund um Tom (John Kitzmiller) haben es bei dem liberalen Mr. Shelby (Charles Fawcett) vergleichsweise gut, doch dieser gerät in finanzielle Schwierigkeiten und muss sich sehr zum Unmut seiner Familie von den langjährigen Arbeitern trennen. Diese wiederum geraten an den unmenschlichen Sklavenhändler Legree (Herbert Lom), der die Menschen schlechter behandelt als Vieh. Es beginnt eine Zeit der Gewalt, Erniedrigung und Qual...

Die im Jahr 1927 gedrehte Stummfilm-Adaption des gleichnamigen und als Klassiker der Literaturgeschichte gehandelten Romans "Onkel Toms Hütte" war die letzte Verfilmung des Stoffes, bis sich ein Firmenkonsortium unter Beteiligung des Berliner Produzenten Artur Brauner erneut mit dem Stoff befassen sollte, um einen aufwändig und vor allem teuren Farbfilm zu forcieren, der für deutsche Verhältnisse auf seltenem 65-mm-Kameranegativ hergestellt werden sollte. Mit einem Produktionsvolumen von rund 4,5 Millionen D-Mark entstand einer bis dahin der teuersten deutschen Filme überhaupt, was sich im Endergebnis wie ein roter Faden beobachten lässt. Die zeitgenössische Kritik nahm den Film weitgehend gönnerhaft beziehungsweise nicht global ablehnend auf, jedoch nicht ohne zu betonen, dass es an der Intensität der Vorlage fehle und es Géza von Radványi nicht gelungen sei, die Schärfe der Rassismus-Thematik umzusetzen. Mit O. W. Fischer in den Hauptrollen konnte der ungarische Regisseur bereits mit den Erfolgsfilmen "Es muss nicht immer Kaviar sein" und "Diesmal muss es Kaviar sein" große Erfolge feiern und hat auch dieses Projekt zu jeder Zeit gut im Griff, wenngleich es vielleicht nicht ausbleibt, dass sich bei einer massiven Spielzeit von etwa 142 Minuten ein paar Längen einschleichen. In seiner ursprünglichen Version soll der Film sogar eine Länge von 170 Minuten gehabt haben, wie einige Quellen angeben. Ausgestattet mit einer internationalen Besetzung, kann der episodenhafte Verlauf nicht nur große Momente planen, sondern auch ausspielen und für den Gebrauch handelsüblicher Unterhaltungsfilme mit kritischer Grundstimmung und Intention kommt es zu einem beachtlichen Gesamtergebnis. Hier die Waage zu halten gestaltete sich seit jeher als schwer, da man immer Kompromisse mit Publikum und Vorlage eingehen muss, allerdings ist es auch nicht jedem recht zu machen. Tatsächlich nimmt man Wellen von Sentimentalität und Rührseligkeit war; Stilmittel, die im Unterhaltungsfilm dieser Zeit wie ein Lebenselixier erscheinen und bei interessanter Aufarbeitung gar nicht so deplatziert wirken, wie oftmals vorgeworfen.

Außerdem entschärfen diese Tendenzen die hier nicht selten grausame Grund-Thematik und Vorgehensweise gewisser Charaktere, die sonst nur schwer zu ertragen gewesen wäre. In diesem Zusammenhang ist der Wahl-Brite Herbert Lom als Sklavenhändler Simon Legree zu erwähnen, dessen widerliche Aura den gesamten Verlauf prägt. Lom spielt den Schurken unter dem Deckmantel eines Geschäftsmannes mit Prokura der politischen Maxime brillant und man sieht einen vulgären und gleichzeitig brutalen Zeitgenossen, der mit dem Leben handelt, wie andere mit Lebensmitteln oder Gegenständen. In seiner Hand liegen Existenzen, er versucht die besten Preise für seiner Ansicht nach minderwertiges Leben herauszuschlagen. Vorgegangen wird dabei wie auf einer Vieh-Auktion, bei der gute Zähne und feste Muskeln präsentiert werden. Was ihn betrifft, gibt es nicht nur einen Kontrahenten, der die Gegenseite liberal und human repräsentiert, allerdings verfügen die Wenigsten über eine Lobby und gesellschaftliche Anerkennung. Legree ist zwar verhasst, aber die Gewöhnung der großen Masse der Leute rechtfertigt sein Tun zu jeder Zeit. Die Regie stellt eine Reihe von Interpreten auf, die im Vergleich und tatsächlich kultiviert und getrieben von Prinzipien, erfüllt von humanitären Gedanken und Nächstenliebe wirken, doch Lom ist letztlich wie ein Endgegner der unbezwingbaren Sorte, dessen Schergen seine und deren Existenz verteidigen. O. W. Fischer bietet Balsam für die Seele der seinerzeit noch nicht vorhandenen Gerechtigkeit an, ebenso wie Gertraud Mittermayr alias Michaela May, doch das Publikum muss sich auf harte Schocks gefasst machen. Unterstützend bei diesem Thema agieren Thomas Fritsch, Vilma Degischer, Bibi Jelinek oder Erika von Thellmann, doch besonders intensiv in Darstellung und Emotion wirken die US-amerikanischen Kollegen des Szenarios. Der zu dieser Zeit besonders in europäischen Produktionen bekannt gewordene John Kitzmiller stattet seine Titelrolle überzeugend und besonders greifbar aus, leider war es für den markanten Schauspieler bereits sein letzter Auftritt, da er 50 Tage vor der Uraufführung verstarb.

Einen ebenfalls besonderen Eindruck hinterlässt Olive Moorefield als Legrees Lieblings- und Liebessklavin, die eine bestechende Melancholie anbietet, nicht ohne dabei zu demonstrieren, dass sie nur auf den richtigen Moment wartet, um ihren Peiniger endgültig zu erledigen. Erwähnenswert ist des Weiteren der Auftritt der aus Guatemala stammenden Catana Cayetano, die ab diesem Film in Deutschland Karriere machte. "Onkel Toms Hütte" wartet mit weiteren Stars und Gästen wie Mylène Demongeot, Eartha Kitt, Juliette Gréco oder Eleonora Rossi Drago auf, sodass man insgesamt von einem spektakulären Schauspielerfilm sprechen kann, der jedoch auch thematisch, handwerklich, ausstattungstechnisch und visuell überzeugen kann. Hin und wieder kommt sogar der Spirit auf, den man sich im Vorfeld auch vorgestellt hat, selbst die musikalische Untermalung von Peter Thomas wirkt weitgehend gut integriert. Wie erwähnt muss es zu tragischen und ergreifenden Intervallen kommen, da der Verlauf der Geschichte strapaziös, ihr Fazit allerdings hoffnungsvoll geformt sein soll. Für eine internationale Großproduktion unter vorwiegend deutscher Federführung ist insgesamt ein beachtliches End-Ergebnis entstanden, das durch Géza von Radványis sichere Regie ein erinnerungswürdiges Profil erlangt. Auch ohne die literarische Vorlage von Harriet Beecher Stowe zu kennen, funktioniert diese Konstruktion sehr gut, das durch die Bank großartige Schauspiel der Interpreten verhilft der Geschichte zur nötigen Intensität, Emotion und spürbarem Nachhall, welcher "Onkel Toms Hütte" über den vielleicht plumpen Verdacht erhebt, nur ein handelsüblicher Unterhaltungsfilm trivialer Art sein zu wollen. Wieder einmal hat sich Experimentierfreudigkeit und Mut zum Risiko rentiert, was mehr als nennenswert ist, da es sich immerhin um eine Großproduktion handelt. Sicherlich wäre es hochinteressant, den Film in der voll angegebenen Länge sehen zu können, doch wie es heißt, ist die hier vorliegende die letzte existierende Version. Es bleibt ein sehenswerter Film, dessen Stärken sich aus einer optimalen Dosierung im Rahmen der Basisbereiche ergeben.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



DIE NACKTE GRÄFIN


● DIE NACKTE GRÄFIN (D|1970)
mit Wolfgang Lukschy, Ursula Blauth, Renate Kasché, Fernando Gómez, Helga Marlo, Elke Hart, Gunther Möhner, Christiane Müller,
Julio M. Pinheiro, Michael Comer, Gernot Möhner, Ilka Häusler, Michel Jacot, Jean-Pierre Zola, Ibrahim Aslahan und Kurt Nachmann
ein Lisa Film | im Gloria Verleih
ein Film von Kurt Nachmann

Gräfin1.jpg
Gräfin2.jpg
Gräfin3.jpg
Gräfin4.jpg
Gräfin5.jpg
Gräfin6.jpg
Gräfin7.jpg
Gräfin9.jpg
Gräfin8.jpg

»Man muss eine Frau nicht mit dem Penis besitzen!«


Am Rand einer bayrischen Landstraße wird ein junger Mann in seinem Cabriolet gefunden. Er ist nackt und tot. Auf Kommissar Gabriel (Kurt Nachmann) kommen schwierige Ermittlungen zu, denn die Zulassungspapiere des Fahrzeugs führen ihn auf das Gut des Grafen Anatol Manesser-Mankonyí (Wolfgang Lukschy), der bei der Bevölkerung einen berüchtigten Ruf genießt. Beim Eintreffen der Polizei gibt der Graf gerade ein ausschweifendes Fest für seine Frau Verena (Ursula Blauth), steht daher für Rede und Antwort nicht zur Verfügung und verweist an seine Dienerschaft, die dem Kommissar ein eindeutiges Bild über den offenbar sexuell verworfenen und sadistisch veranlagten Hausherren zeichnet. Ist der Schlüssel für Mord hier zu finden?

Dass die Polizei häufiger einmal Leichen am Wegesrand findet, ist sicherlich nicht neu, dass sie allerdings nackt in einem teuren Cabriolet liegen, welches wie eine Visitenkarte platziert ist, vielleicht schon. Regisseur Kurt Nachmann lässt es sich in seinem Film nicht nehmen, die Ermittler-Rolle gleich selbst zu übernehmen, zeichnet dabei einen stoischen Beamten, den offenbar nichts so leicht aus der Ruhe bringt, wenn der vorprogrammierte Weg nicht zu einem berüchtigten Grafen führen würde, dessen schlechtem Ruf wohl nie ein guter vorausgegangen ist. Der Titel-Ankündigung nach klingt "Die nackte Gräfin" wie ein klassischer Vertreter der längst in Gang gekommenen deutschen Sex-Welle und lässt bei einem Blick auf die Besetzung und den Stab zunächst nicht viel Spielraum für andere Schlussfolgerungen übrig. Doch in diesem Film ist alles anders als erwartet, handelt es sich doch überraschenderweise um einen der am schönsten und vor allem kühnsten fotografierten deutschen Filme mit erotischem Hintergrund, die man überhaupt finden kann. Offenbar orientiert an großen internationalen Vorbildern, jedoch ausgestattet mit eigener Seele und doppeltem Boden, kann man sich auf ein besonderes Filmvergnügen gefasst machen, dessen Visualisierung überaus beachtlich wirkt und für Paukenschläge sorgen kann. Die Geschichte wirkt mit all ihren Windungen recht originell und kann mit Leichtigkeit Trümpfe ausspielen, an die vielleicht niemand im Vorfeld gedacht hätte. Überhaupt würde man Kurt Nachmann nach diversen und im Grunde genommen eindeutigen cineastischen Visitenkarten keinen so couragierten und faszinierenden Film zugetraut haben, was die Sache am Ende umso interessanter macht. Nach einer empfundenen Ewigkeit spielt Wolfgang Lukschy wieder einmal eine Hauptrolle, doch Großmutters Zeiten sind in diesem Szenario definitiv vorbei. Seine weltmännische Aura und eine gebieterische Überheblichkeit sogen für eine wie von selbst laufende Überzeugungskraft, die alle in seinem Umfeld zu Untertanen macht - zumindest scheint es so.

Arroganz umweht ihn wie ein Zauber, der jedoch von seinen indiskreten Untergebenen schnellstens unterlaufen wird, da sie aus der Mottenkiste plaudern und ihren Herrn bei dieser Gelegenheit in ein reichlich schlechtes Licht rücken. Hier fällt eine wie immer bezaubernde Renate Kasché auf, die als pauschale Bereicherung für jeden Film zu werten ist, außerdem der Spanier Fernando Gómez, dessen Karriere in deutschen Sexfilmen begann und bekannten Serienformaten endete. Es ist schwer zu ordnen, was die Angestellten in ungefilterter Art und Weise von sich geben, doch dies gilt nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für den ermittelnden Polizeimann. Somit kommt der Film schnell zu seinem erotischen Kern, der durch Sadismus, Hörigkeit, Voyeurismus und Sadomasochismus angefeuert wird, bei dieser Gelegenheit in grellen und hochinteressanten Bildern strahlt. Hierfür verantwortlich zeigt sich der deutsche Fotograf und Kameramann Franz X. Lederle, der seine unverkennbare Handschrift in vielen publikumswirksamen Filmen von Wallace bis St. Pauli unterbringen konnte. Seine Fotografien erschließen und erklären sich wie Visionen in einem Genre, das sich nicht häufig mit derartigen Federn zu schmücken versuchte, was die Sache umso vereinnahmender, wenn nicht sogar brisanter macht. Um den Fall von hinten aufzurollen, kommen bei den Berichterstattungen Rückblenden zum Tragen, die etwas Ordnung in das grelle Dunkel bringen sollen. »Sex ist wie gutes Essen. Findest du Austern pervers?« Der Graf erweist sich als redegewandt und lullt seine seinerzeit frisch erbeutete Ehefrau mit Gegensätzlichkeiten ein, die jedoch wie die schönste Musik klingen können. Bereits nach der Hochzeit schwingt er seinen kleinen Fotoapparat, um seine Gattin beim Sex mit einem anderen zu fotografieren. Die Nacktheit, die im Verlauf gezeigt wird, geht eine prickelnde Allianz mit der Ästhetik ein und erteilt der Fließbandarbeit eine deutliche Abfuhr, sodass man beim Thema Zuschauen schnell zum bereitwilligen Komplizen des Grafen werden kann. Die Titelfigur stellt sich in bevorzugten Stellungen und mit natürlichem Entkleidungsdrang selbst vor.

Dies sogar mit einer spürbaren Wollust und der gefügigen Motivation, ihren Gatten zumindest passiv zufriedenzustellen. Es entstehen bizarre Intervalle, die einiges zeigen, aber noch mehr andeuten, gerne auch in den Bereich der Metaphorik gehend. Man sieht ausgefallenen Sex zwischen Panoramaglas, inmitten moderner Kunst, Trash, Körperkunst oder mahnender Mythologie, was dem Ganzen eine besondere Würze verleiht. Musikalisch getragen wird die Geschichte von einem häufig variierten Hauptthema von Gerhard Heinz, welches auch mit Gesang von der Österreicherin Marianne Mendt versehen ist. Ihr Lied "Die sieben Sünden" macht sich besonders gut bei den gezeigten Orgien des Grafen und kann mit einem Text aufwarten, der Ironie mit Sozialkritik verknüpft: »Hochmut, Hass, Völlerei, Wollust, Trägheit, Geiz und Neid. Das sind die Sünden von gestern und heute, die sieben Sünden, die jeder begeht, die sieben Sünden, die keiner bereute, seitdem sich diese Erde dreht.« Nimmt man es ganz genau, wird das Publikum thematisch ebenso durch einen unkonventionellen Kriminalfilm geführt, der jedoch in die zweite Reihe rückt, da man hier viel mehr geboten bekommt, als nur handelsübliche Unterhaltung. Da sich der Film auch darstellerisch auf einem guten Niveau bewegt, kann es in Kombination mit allen anderen Vorzügen zu einem gelungenen Gesamtergebnis kommen. Gerne gesehene Darstellerinnen wie Renate Kasché, Elke Hart, Helga Marlo oder Haupt- und Gelegenheitsdarstellerin Ursula Blauth machen die Angelegenheit besonders erlebnisreich und nahezu elektrisierend, sodass es global gesehen als Erlebnis angesehen werden kann, Kurt Nachmanns Beitrag verfolgen zu können. Wer hätte gedacht, dass der Wiener neben einschlägigen Beiträgen wie etwa "Josefine Mutzenbacher" oder "Kinderarzt Dr. Fröhlich" einen solch edlen Vertreter des erotischen Films fabrizieren könnte, der obendrein durch Schärfe, Mut und eine besondere Verspieltheit glänzt? "Die nackte Gräfin" kann daher durch und durch als Überraschungs-Coup beschrieben werden, dessen Nimbus im hinlänglich bekannten deutschen Sexfilm-Dschungel absolut deckelnd wirkt. Vom Anfang bis Ende überraschend.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 3617
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Jean Sorel   Eleonora Rossi Drago

NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN


● NUR TOTE ZEUGEN SCHWEIGEN / IPNOSI / HIPNOSIS (D|E|I|1962)
mit Heinz Drache, Margot Trooger, Werner Peters, Mara Cruz, Massimo Serato, Michael Cramer, Guido Celano und Götz George
eine Produktion der International Germania | Procusa | Domiziana Internazionale Cinematografica | im Constantin Filmverleih
ein Film von Eugenio Martín

Zeugen1.jpg
Zeugen2.jpg
Zeugen3.jpg
Zeugen4.jpg
Zeugen5.jpg
Zeugen6.jpg
Zeugen7.jpg
Zeugen8.jpg
Zeugen9.jpg

»Ich verdächtige nicht gerne, ich überführe lieber!«


Der Hypnotiseur und Bauchredner Georg von Cramer (Massimo Serato) wird nach seiner abendlichen Vorstellung am Varieté ermordet in seiner Garderobe aufgefunden. Unter Verdacht gerät der als Bote tätige Chris Kronberger (Götz George), der wie jeden Abend eine Sendung Blumen abzugeben hatte. Da man ihn zuletzt aus von Cramers Garderobe rennen sah, wird er zum Hauptverdächtigen und befindet sich seitdem auf der Flucht vor Inspektor Kaufmann (Heinz Drache), der auch die Mitglieder des Varietés unter die Lupe nimmt. Aber es kommen ihm Zweifel an der Schuld des Verdächtigen, der mittlerweile ebenfalls gezwungen ist, in diesem Fall zu ermitteln. Bei den Befragungen durch den leitenden Kriminalkommissar (Werner Peters) kommt es am Ort des Verbrechens jedoch zu einem unglaublichen Hinweis durch von Cramers Kollegin Katharina (Margot Trooger). Sie behauptet nämlich, dass der wichtigste Zeuge in diesem Fall die Bauchrednerpuppe "Grog" sei, die nicht nur während der Tat anwesend war, sondern seit dem Mord spurlos verschwunden ist...

Mit Eugenio Martíns "Nur tote Zeugen schweigen" schließt sich eine lang bestehende Lücke, die wohl selbst bei vielen eingeschworenen Krimi-Kennern noch darauf gewartet hat, geschlossen zu werden. Insbesondere die coproduzierten Beiträge dieser Dekade bieten sehr interessante Variationen der kriminalistischen Unterhaltung, und obwohl sie sich an damals gängigen Formaten orientiert haben, bekommt man als Zuschauer oft wesentlich mehr geboten als erwartet. Teilweise liegt es bestimmt an den unterschiedlichen Begehren der verschiedenen Märkte, allerdings wirken manche Beiträge nicht zuletzt deswegen unkonventionell, weil sie sich eben von den handelsüblichen Produktionen unterscheiden sollten. Diese Strategie ging glücklicherweise bei einigen Konkurrenzprodukten auf, bei anderen hingegen blieb unterm Strich lediglich der Eindruck bestehen, dass sie bemüht aber nicht außergewöhnlich zurück blieben. "Nur tote Zeugen schweigen" reizt zunächst wegen der nicht alltäglich klingenden Geschichte und des Umfeldes Theater, außerdem versammeln sich im Bereich der Darsteller namhafte Gesichter der deutschen Krimi-Prominenz und einige Mitglieder des europäischen Kinotopp. Ein schneller Einstieg ebnet den Weg für eine speziell anmutende Geschichte, ein ebenso schneller Mord und die Tatsache, dass der Zuschauer als Zeuge fungieren darf, tut dem allgegenwärtig verwirrenden Element keinen Abbruch. Nach kurzer Spieldauer zeigt sich im Speziellen, dass Martín eine unterschiedliche Strategie beim Aufbau der beteiligten Charaktere fährt, insbesondere einige der deutschen Akteure wirken in ihrem Einsatz vollkommen konträr zu den üblichen Eindrücken und bestehenden Sehgewohnheiten. Gute Voraussetzungen für eine Konkurrenz-Produktion reinster Seele, die man vielleicht genau aus diesem Grund mit kritischeren Blicken konfrontiert als sonst. Hat man viel gesehen, gibt es naturgemäß auch nicht mehr sehr viel Außergewöhnliches oder Neues zu entdecken, was aber keineswegs auf die Schauspieler-Entourage zutreffen wird, wenngleich Jean Sorel und Eleonora Rossi Drago weitgehend typische Einsätze, im Sinne markanter Personen vorzuweisen haben. Es sind eher die deutschen Stars, die dem europäischen Flair angepasst wirken, was als recht bemerkenswert in Erinnerung bleibt.

Dem Verlauf kommt eine Verschlagenheit nach Art des Hauses Sorel zugute, ein regelrecht dumpfes Profil der männlichen Hauptrolle bereichert die mysteriös verlaufende Geschichte sehr gut. Die Spannung begründet sich in den Personen, deren Handeln schwer zu deuten ist, sowohl er als auch Partnerin Eleonora Rossi Drago geben keinen Zentimeter Aufklärung preis, zumindest nicht freiwillig. Sicherlich hapert es hier und da an kriminalistischem Pragmatismus, allerdings erweist sich eben genau dieser Eindruck als erfrischendes Element. Schützenhilfe hierbei leistet eine überaus geheimnisvoll wirkende Eleonora Rossi Drago, die eine ordentliche Portion Nervosität auf den Zuschauer übertragen kann. Die Kamera setzt ihre Blicke mit denen der beunruhigend wirkenden Bauchrednerpuppe "Grog" gleich und thematisiert das Schlagwort Hypnose sehr gut, überhaupt werden die meisten Darsteller in regelrechten Bildstrecken eingefangen. Erfreuliche Leistungen sieht man des Weiteren von Mara Cruz, die als gutes Pendant zu den anderen Damen des Geschehens aufbauen kann, oder Massimo Serato, der nicht zuletzt wegen seiner kurzen, aber überaus eindringlichen Szenen auffällt. Die deutsche Seite fällt wie bereits erwähnt mit guten alten Bekannten aus den zu dieser Zeit beliebten Wallace-Filmen, oder aus dem Epigonen-Bereich auf, und augenscheinlich kristallisiert sich eine wirklich interessante Mischung heraus. Der deutsche Trailer wirbt selbstbewusst mit den Stars aus dem kurz zuvor entstandenen Straßenfeger "Das Halstuch" von Francis Durbridge, und gemeint sind natürlich Heinz Drache und Margot Trooger, die man später ebenfalls wieder in den "Hexer"-Filmen gemeinsam vor der Kamera sehen konnte. Betrachtet man Drache, so wirkt seine Darbietung natürlich noch etwas weniger festgefahren als bei seinen folgenden Auftritten im Krimi-Fach. Allerdings sieht man in diesem teilweise turbulenten Verlauf einen Inspektor, wie man sie sich früher oder später bei Wallace häufiger gewünscht hätte. Drache wirkt noch befreiter und innerhalb seiner üblichen Angriffslustigkeit vehementer, vielleicht sogar unkonventioneller, sodass er schließlich einen soliden Eindruck hinterlässt. Sein Chef wird dargestellt vom stets gerne gesehenen Werner Peters, der seinen sehr kurzen Auftritt zwar routiniert färben kann, er aber für das weitere Geschehen nicht relevant ist.

Beim Thema Relevanz muss leider ebenfalls Margot Trooger genannt werden, deren Rolle hochinteressant angebahnt wird, sich aber ebenfalls irgendwann abrupt verliert. Ihre provokante Fragestellung nach dem verstummten, beziehungsweise verschwundenen Zeugen in Form der Bauchrednerpuppe irritiert nicht nur Beteiligte am Befragungsort, sondern vor allem den Zuschauer und sie schürt letztlich den Gedanken an das potentiell Unmögliche. Schließlich kann Götz George als zwischen die Fronten geratene Schachfigur gefallen, ohne allerdings in den Luxus eines dramaturgischen Feinschliffs zu kommen. Insgesamt wird die komplette Star-Besetzung in dieser hohen Dichte den Film aber bereichern, da der gute Wille von andersartigen Anlegungen zu erkennen ist In diesem Zusammenhang sollte auch die Puppe "Grog" nicht unerwähnt bleiben, da sie für wirklich unheimliche Momente sorgen wird. Nicht nur von der Optik her werden derartige Akzente gesetzt, sondern auch im Bereich Akustik, da man zu späterer Spieldauer noch mehrmals ihr beunruhigendes Lachen im Szenario hören wird. Dieser kleine Horror-Einschlag tut dem Verlauf sehr gut und stellt sich neben dem eigentlichen Kriminalfall, der von vorne herein ein ziemlich offenes Buch ist, einen extravaganten Hingucker dar. Genre-Experten werden sich möglicherweise etwas an dem offenen Verlauf der Geschichte und der sich anbahnenden Vorhersehbarkeit stören, auch dass gewisse Personen gegen den eigentlich intelligent angelegten Spannungsaufbau arbeiten, stört das gelungene Gesamtbild ein wenig. Dennoch besitzt Eugenio Martíns Beitrag ganz großartige Momente, die zumindest einmal nicht alltäglich erscheinen, vor allem auch angesichts des Produktionsjahres. Man setzt auf Kontraste und Widerstände, temporeiche und bedrohlich wirkende Sequenzen sorgen für eine kurzweilige Unterhaltung, Set, Ausstattung, Musik und Bebilderung präsentieren sich in angemessenem Rahmen. Auch wenn bei "Nur tote Zeugen schweigen" einiges an brisantem Potential unausgeschöpft bleiben wird, und man sich stellenweise eine konsequentere Abhandlung gewünscht hätte, bleibt dieser Beitrag im Großen und Ganzen als gelungene Abwechslung in Erinnerung, die mit Leichtigkeit belegen kann, dass Gelegenheit nicht nur Diebe, sondern auch Mörder machen kann.

► Text zeigen

Antworten