TOD AUF DEM NIL - John Guillermin

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Prisma
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TOD AUF DEM NIL - John Guillermin

Beitrag von Prisma »




Peter Ustinov

TOD AUF DEM NIL


● DEATH ON THE NILE / TOD AUF DEM NIL (GB|1978)
mit Jane Birkin, Lois Chiles, Bette Davis, Mia Farrow, Jon Finch, Olivia Hussey, George Kennedy, Angela Lansbury, Simon MacCorcindale,
Navid Niven, Maggie Smith, Jack Warden sowie Inderjeet Singh Johar, Harry Andrews, Sam Wannamaker, Barbara Hicks, Celia Imrie, u.a.
eine Produktion der EMI | Mersham Productions | im Verleih der Neue Constantin Film
nach dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie
ein Film von John Guillermin

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»Und wieso sehen Sie mich dabei an, auf diese familiäre, kontinentale Weise?«


Der Luxusdampfer "Karnak" führt eine illustre Gesellschaft über den Nil. Unter den Passagieren befindet sich auch Linnet Ridgeway (Lois Chiles), die mit ihrem Mann Simon die Flitterwochen verbringt. Jeder der Mitreisenden ist in irgend einer Weise mit Linnet verbunden, allerdings nicht im freundschaftlichen Sinn. Nach wenigen Tagen wird die schöne Millionenerbin ermordet aufgefunden und jeder der Mitreisenden könnte es gewesen sein, da die junge, aber unerbittliche Geschäftsfrau sich jeden zum Feind gemacht hat. Der Mörder kann sich allerdings nicht in Sicherheit wiegen, zumal Meisterdetektiv Hercule Poirot (Peter Ustinov) ebenfalls an Bord ist. Seine Vernehmungen erschüttern und brüskieren die übrig gebliebenen Personen auf der "Karnak", und die Lage wird immer unübersichtlicher. Ein Mordanschlag deutet schließlich die nächste Leiche an...

Der Kriminalroman "Der Tod auf dem Nil" zählt zu den bekanntesten Werken der Schriftstellerin Agatha Christie und erschien bereits im Jahr 1937. Seit dieser Zeit kam es zu zahlreichen Theater-Adaptionen und Verfilmungen, unter denen John Guillermins Beitrag zu den Besten zählt, daher heute als Klassiker gehandelt wird. Wie so häufig bahnt sich der bevorstehende Mordfall unausweichlich an, immerhin drängt sich eine bestimmte Person in den Aufmerksamkeitsfokus des Publikums, welche alles daran setzt, die Wut und den blanken Hass verschiedener Personen auf sich zu ziehen, um später ermordet aufgefunden zu werden. Was zunächst so einfach klingt, entpuppt ich als schwer zu lösendes Puzzle, denn immerhin hat jeder der Beteiligten ein Motiv, aber keiner will oder kann es gewesen sein. Hier bietet sich das Vakuum des kleinen Kreuzfahrtdampfers nahezu an, das Feld der Verdächtigen einzugrenzen, sie aber ebenso in einem engen Radius in Meisterdetektiv Hercule Poirots Fängen zu halten. Das Szenario beginnt unscheinbar mit der Integration der designierten Toten, die schnell durch Großgrundbesitzer-Allüren auffällt und sich als intrigante, eitle, und rücksichtslose Person herauskristallisiert, nicht zuletzt da sie ihrer vermeintlich besten Freundin den Mann ausspannt. Die Hochzeitsreise führt ins geheimnisvolle Ägypten, um den Tod zu erwarten. Nach der Vorstellung der anderen Mitreisenden stellt sich in Windeseile heraus, dass es nicht nur von Mordmotiven geradezu wimmelt, sondern dass auch jeder Grund genug für die Tat gehabt hätte, immerhin ergeben sich deutliche bis vage Verbindungen zu Linett Ridgeway, die neuerdings Doyle heißt. Der Mord zögert sich noch lange heraus, um genügend Öl ins Feuer gießen zu können, bis sich die Spannungen der Situation mit einem Mord entladen. Der Film kokettiert mit der zeitlosen Schönheit und geheimnisvollen Aura seiner Schauplätze, sodass sich Perfektion in allen erdenklichen Bereichen andeutet und letztlich auch zeigen wird.

Gedreht an Originalschauplätzen bei den Pyramiden von Gizeh oder den Tempelanlagen von Karnak, Kom Ombo und Abu Simbel, entstehen nahezu epische Momente, die sich mit kammerspielartigen Sequenzen auf dem Dampfer "Karnak" verfeinert werden. Ein Film, der über eine derartige Ansammlung von Weltstars und großen Namen verfügt, wird seine volle Kraft auch in diesem sehr wichtigen Bereich ausspielen, sodass eine schauspielerische Pointe die andere jagt. Exzellente Dialogfäden treiben den Verlauf unaufhörlich an, beeindruckende Bilder und Schauwerte sorgen für ein besonderes Gesamtbild. Peter Ustinov ist hier zum ersten Mal in der Rolle des Hercule Poirot zu bestaunen, dessen Ermittlungsarbeit eine hauptsächlich unangenehm auffallende Horde der Hautevolee vor sich hertreibt. Er kann den noch nicht stattgefundenen Mord förmlich riechen, die üblichen Verdächtigen genau ausmachen. Er begegnet ihnen in den richtigen Momenten zwar entschieden, aber stets mit der nötigen Höflichkeit eines Gentleman, der nötigen Distanz und Aufmerksamkeit eines scharfen Beobachters. In alphabetischer Reihenfolge listet der unscheinbar und trügerisch ruhig wirkende Vorspann ein Staraufgebot auf, das - auch ohne es gesehen zu haben - keine Wünsche offen lässt. Eskalationspotenzial liefert zunächst die jüngere Garde, bestehend aus Lois Chiles, weltbekannt geworden durch ihren James-Bond-Auftritt in "Moonraker" oder ihre temporäre Hauptrolle in der Serie "Dallas", Simon MacCorcindale und Mia Farrow, die unerbittliche Kämpfe miteinander austragen. Leidenschaftlich und letztlich hervorragend in ihren Darstellungen, prägen sie ihre Teile des oft langsam angelegten Verlaufs. Jane Birkin oder Olivia Hussey repräsentieren die ruhigere und damit unverdächtigere Fraktion, was bei Agatha Christie jedoch nichts zu bedeuten hat. Jon Finch, George Kennedy, David Niven oder Jack Warden, bieten unterschiedlichste Charaktere an, die zwischen Verdacht und Unschuld hin- und herpendeln.

In andere schauspielerische Sphären taucht man mit den Top-Interpretinnen Angela Lansbury, Maggie Smith und Bette Davis ein, die ihre Charaktere so aberwitzig gut formen, dass es wirkt, als bekomme man Gratis-Schauspielstunden erteilt. Lansbury, als Schriftstellerin Salome Otterbourne und Urheberin erotischer Trivialliteratur, kann an Aufdringlichkeit und Indiskretion nicht übertroffen werden. Die hartprozentige Alkoholikerin vom Dienst wirkt vulgär und nicht minder berüchtigt bei ihren Mitreisenden, sodass hier herrliche und denkwürdige Momente in Wort und Tat entstehen. Bette Davis und Maggie Smith, als gehässige Herrin und frustrierte Zofe, sorgen für überaus skurrile Sinneseindrücke, die nicht selten zum Schmunzeln verleiten, ohne jedoch in die Karikatur abzudriften. Generell lassen sich zahlreiche Catfights beobachten, die sich insbesondere zwischen den ungleichen Damen abspielen, und Hercule Poirot sitzt gerade in diesem Zusammenhang oft unangenehm berührt zwischen den Stühlen. Mordanschläge und tatsächliche Morde geben sich ab einem gewissen Zeitpunkt die Klinke in die Hand und dezimieren den Kreis der Verdächtigen empfindlich, was allerdings keinen Schluss über den Wahren Täter und die Hintergründe zulässt. Ermittlungsarbeit, Befragungen und die finale Auflösung werden mit scharfzüngiger Attitüde geführt und es kommt zu faustdicken Überraschungen, bis man die Omnipotenz Poirots erst gar nicht mehr hinterfragt. Am Ende hat der beobachtende Fuchs gnadenlos zugeschlagen und deckt eine gut konstruierte Geschichte auf, die bis zum letzten Meter von ihrem Überraschungspotenzial lebt. "Tod auf dem Nil" etabliert sich in der erlesenen Riege der gehobenen Kriminalfilme und kann sich als zeitloser Klassiker in der Erinnerung festsetzen. Auch wenn es hauptsächlich eine Geschichte ist, die von ihrer Erstansicht lebt, kann man sich dieses lebhafte Treiben zwischen Verdächtigen und Toten immer wieder aufs Neue anschauen, ohne sich weniger gut und ausgeklügelt unterhalten zu fühlen.

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Sid Vicious
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Re: TOD AUF DEM NIL - John Guillermin

Beitrag von Sid Vicious »

Die Methode dieser zwischen 1974 und 1988 entstandenen Christie-Verfilmungen fürs Kino ist immer dieselbe. Bei TOD AUF DEM NIL greift sie m.E. am besten, das ist schon eine Art Anschauungsunterricht für angehende Filmgelehrte oder jene Bohemians, die selbst mal was in die Richung von Whodunnit machen wollen. Ich habe TOD AUF DEM NIL bestimmt schon fünfmal geschaut - und der Film zündet(e) immer wieder. Die Besetzung ist dito stark wie das Drehbuch. Ich kann nichts in dem Film entdecken, das ich irgendwie bemängeln könnte.
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Prisma
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Re: TOD AUF DEM NIL - John Guillermin

Beitrag von Prisma »

Sid Vicious hat geschrieben:
Fr., 19.01.2024 11:59
Ich habe TOD AUF DEM NIL bestimmt schon fünfmal geschaut - und der Film zündet(e) immer wieder.

Hab den schon etliche Male mehr gesehen und bei mir ist das genauso. Die Erstansicht ist zwar nicht mehr zu übertreffen, aber trotzdem entdeckt man immer noch Neues. Die Umsetzung und die Personen verlieren nicht an Reiz. Am seltensten habe ich "Mord im Orient-Express" gesehen, den mag ich vergleichsweise nicht allzu sehr, obwohl ich solche Mord-im-Vakuum-Storys ja eigentlich sehr gerne mag.

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