SPIELBALL DER LUST - José María Forqué

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Prisma
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SPIELBALL DER LUST - José María Forqué

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SPIELBALL DER LUST

● NO ES NADA, MAMÁ, SÓLO UN JUEGO / SPIELBALL DER LUST / DIE MACHT DES STÄRKEREN (E|VE|1974)
mit David Hemmings, Andrea Rau, Francisco Rabal, Aquiles Guerrero, Lucila Herrera, Nuria Gimeno sowie Rudy Hernández und Alida Valli
eine Produktion der Orfeo | Alfa Films | im Verleih der Kora Film
ein Film von José María Forqué

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»Wenn du Angst vor ihm hast, wird es nur noch schlimmer!«


Juan (David Hemmings), Sohn einer angesehenen Familie aus Venezuela, quält ein dunkles Trauma aus seiner eigenen Kindheit, das ihn mit den Jahren zum Sadisten werden ließ. Auf seiner Hazienda veranstaltet er erniedrigenden Terror mit zahlreichen Dienstbotinnen, um sich sexuell zu erregen. Diese Aktionen werden von seiner eigenen Mutter Louise (Alida Valli) verschleiert, die von uralten Schuldkomplexen geplagt ist. Juans nächstes Opfer ist die schöne Lola (Andrea Rau), Tochter eines Angestellten, die er auf seine übliche Art und Weise bedrängt und demütigt, bis sich dem Sohn des Hauses ungeahnte Widerstände in den Weg stellen...

Bei José María Forqués "Spielball der Lust" handelt es sich um einen Beitrag, der alleine wegen seiner eigenwilligen Kombinationen interessant ist. Dies reduziert sich nicht nur auf die ungewöhnliche Auswahl der beteiligten Schauspieler oder des Stabes, sondern lässt sich vor allem über thematische Belange sagen. Die Handlung beginnt mit der Integration eines unverbesserlichen Sadisten, der sein weibliches Opfer nicht nur zwingt, sich als Hase zu verkleiden, immerhin handelt es sich um eine Hetzjagd durch den Dschungel, sondern sich selbst dazu anhält, den Sinn und persönlichen Nutzen dieser Verfolgung im Auge zu behalten: auf die sexuelle Erregung erfolgt der Tod der Beute, und es ist fraglich, was ihn schließlich mehr auf Touren bringt. Ob es sich um die Jagd selbst handelt oder das Erlegen der Beute, wird sich in diesem Aufsehen erregenden Verlauf noch herausstellen, der von Hauptdarsteller David Hemmings unbequem beeinflusst und dominiert wird. Rückblenden weisen schnell darauf hin, dass Wurzel allen Übels ein nie aufgearbeitetes Kindheitstrauma ist, aus dem einfältige Schutzmaßnahmen der Mutter resultieren, die sie wie eine Monstranz vor sich herträgt. Die Ansammlung der Gestörten befindet sich mit dem jeweiligen Gegenüber also in guter Gesellschaft, doch es hat sich bei den Bediensteten längst herumgesprochen, mit wem und vor allem was man es zu tun hat. José María Forqués Film fällt durch einen ungewöhnlich hohen Drive auf, außerdem zehrt die Story von einer sehr gut durchdachten Bildsprache, die abwechselnd provozierend, abstoßend, ablenkend aber auch faszinierend wirkt. Die Regie bedient sich einer brutalen Schönheit, einer gut konstruierten Assoziationskette und letztlich eines guten Maßes an publikumswirksamen Elementen, was den Zuschauer dazu animieren kann, diesen teils strapaziösen Verlauf sehr aufmerksam zu verfolgen. Das alte Spielzeug des gewaltbereiten Sohnes wurde von dessen aggressiven und offenbar abgerichteten Hunden zerfleischt, nachdem es in eine Fußfalle geraten war, das nächste Opfer ist zu sehr Nutte, als dass er sich interessieren könnte, doch dann taucht die unschuldig aber betörend schöne Tochter eines Bediensteten auf, bis der Jagdtrieb erneut geweckt ist.

Hier kommt man in den Genuss der doch ungewöhnlich wirkenden Verpflichtung der Deutschen Andrea Rau, die hierzulande längst als Sex-Sternchen gehandelt wurde, was ihren Fähigkeiten jedoch nicht ausschließlich gerecht wird, denn es handelt sich um eine Interpretin mit vereinnahmender Aura und besonderer Körpersprache - im praktischen und übertragenen Sinn. Andrea Rau wirkt auch hier wie der wahr gewordene Prototyp der Verführung, was auch dem Antagonisten Juan nicht entgeht. Er wird mit Verachtung und Abscheu abgestraft, was ihn nur noch mehr anstachelt, sodass sich völlig drastische Maßnahmen anbahnen, die die schöne Lola gefügig machen sollen und werden. Die schützenden Hände über jede noch so abstoßende Aktion breitet Juans eigene Mutter aus, die möglicherweise als wahrhaft Schuldige genannt werden könnte, wenn es denn einen Ankläger geben würde. Gespielt von der wie üblich umwerfenden Alida Valli entstehen fast schon verstörende Momente, wenn sie ihrem Sohn Absolutionen erteilt und seine Machenschaften nicht nur verschleiert, sondern sie aktiv unterstützt. Die entsprechenden Damen wie Lola werden eigens von ihr zur Raison gebracht. Die Kamera konzentriert sich auf Vallis suchende und von geheimen Sorgen geplagten Augen, und hier handelt es sich um eine ihrer vielleicht interessantesten Leistungen der wie immer überzeugenden und mit starker Präsenz ausgestatteten Italienerin. Gemäß der Thematik bekommt das Publikum einiges an nackter Haut und physischer und vor allem psychischer Brutalität geboten, außerdem kryptisch wirkenden Rückblenden, die Juan als kleinen Jungen zeigen. Das in der Vergangenheit liegende Geheimnis ist im Grunde genommen von weltlicher Natur. Zugunsten der sich zuspitzenden Konfrontation zwischen David Hemmings und Andrea Rau wirken die eindringlich dirigierten Szenen der Regie wirklich packend, sodass man es unterm Strich mit einem hochinteressanten Film zu tun hat, der seine Wirkung gleich auf mehreren Ebenen entfalten kann. Regisseur Forqué, der ursprünglich Architektur studierte, vollbringt mit "Spielball der Lust" eine beeindruckende architektonische Filmkreation, die in Erinnerung bleibt.



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