Dressed to kill
USA 1980
Regie: Brian De Palma
Angie Dickinson, Michael Caine, Nancy Allen, Keith Gordon, Dennis Franz, Ken Baker, David Margulies, Susanna Clemm, Brandon Maggart, Amalie
Collier, Sean O’Rinn, Fred Weber
Kate Miller ist eine gut situierte und sexuell frustrierte weiße Ehefrau in New York, und in dieser Eigenschaft nutzt sie die Chance, als sich zufällig ein Stelldichein mit einem Unbekannten im Museum ergibt. Man landet im Taxi, man landet im Bett, und alles könnte so schön sein. Doch beim Verlassen des Apartments wartet ein Unbekannter auf Kate und metzelt sie im Aufzug mit einem Rasiermesser in kleine Stücke. Die zufällig vorbeikommende Edelhure Liz Blake sieht nicht nur die Leiche, sondern dummerweise auch den Mörder. Und da sie als einzige Zeugin fast automatisch unter schwerem Verdacht steht, tut sie sich mit Kates Sohn zusammen, um den wahren Mörder zu finden. Der natürlich seinerseits davon ausgehen muss erkannt worden zu sein, und wiederum Jagd macht auf Liz.
Früher, in jungen Jahren, konnte ich mit Herrn De Palma nichts anfangen. DER TOD KOMMT ZWEIMAL fand ich eher schwachsinnig, und weil die Kritiken immer so überschwenglich waren, habe ich mir DRESSED TO KILL im Kino angeschaut. Danach war das Thema De Palma für mich erstmal erledigt.
Sehr viele Jahre und unergründlich viele Lobeshymnen später kam dann REDACTED, und das Interesse wuchs wieder. FEMME FATALE und PASSION rissen mich total vom Hocker, woraufhin ich es mit dem ach so gelobten Frühwerk noch einmal versuchte. Also die Filme bis etwa 1980. SCHWARZER ENGEL ist nett, sagen wir besser bemüht, TEUFELSKREIS ALPHA war wirklich gut, und BLOW OUT macht tatsächlich absolut alles absolut richtig. Meine Beziehung zu Brian hat sich etwas normalisiert, warum also nicht mal wieder DRESSED TO KILL?
Jetzt weiß ich warum ich den so lange vor mir hergeschoben habe. Gut unterhalten hat er ja, und ich habe kaum gemerkt wie die Zeit vergeht. Aber so viele Peinlichkeiten, so aufdringliche und alles zukleisternde Musik, und vor allem: So ein grauenhafter Schluss … Wo ist da das Meisterwerk, von dem alle reden?
Also mal von vorne: Der Anfang ist gut, die Musik von Pino Donaggio schmeichelt den Ohren, Angie Dickinson befriedigt sich unter der Dusche, und der, urplötzlich in der Nasszelle sich transformierende, Butzemann ist ziemlich klar als Traum zu erkennen. OK, dann gibt es routinemäßigen Sex mit dem Ehemann, lässt seine in erster Linie sexuellen Frustrationen am Psychiater aus und geht ins Museum. Dort beginnt es dann allerdings wirklich interessant zu werden. Es werden heimliche Zeichen mit einem Unbekannten ausgetauscht, Handschuhe werden liegen gelassen und wieder aufgesammelt, und eine prickelnde Verfolgungsjagd zwischen notgeiler Milf und abenteuerlustigem Phantom macht ordentlich Stimmung und heizt die Spannung an. Hier beginnt die Musik das erste Mal zu nerven. War sie bis dahin noch verspielt und heiter, so beginnt sie hier schwer und massiv über dem gesamten Konstrukt zu liegen und alles zu erdrücken. Rein prinzipiell klingt Donaggio hier wie Bernard Hermann, aber es einfach alles zu viel und zu massig. Es fehlen die Pausen in der drohenden Klangkulisse, die Spannung aufbauen und Dynamik hineinbringen …
Kurz und gut bleibt die Musik im Wesentlichen so, und mal abgesehen von den deutlichen PSYCHO-Verweisen bei den Duschszenen kommt da auch nichts Innovatives mehr. Zu viel Bombast, zu wenig Gefühl für den Film. Haken dran …
Aber bleiben wir beim Film, denn der kommt jetzt zu den ersten echten Höhepunkten: Der Sex im Taxi (war der Unbekannte etwa der geile Taxi-Ficker?), das Stöbern im Schreibtisch, die Entdeckung der medizinischen Unterlagen, die Flucht aus der Wohnung, und die Erkenntnis, ein wesentliches Kleidungsstück vergessen zu haben. Ein unglaublich schöne Sequenz die Brian hier gedreht hat, mit perfekten Timing und einer traumhaften Kameraführung. Man merkt, welchen Einfluss die italienischen Gialli auf ihn gehabt haben müssen, und wie er versucht, deren besondere Stimmung zu fassen und, auf amerikanische Verhältnisse umgemünzt, einzubauen.
Es folgt die Metzgerei mit der sehr eindrücklichen Szene, wenn Liz den Mörder in einem gewölbten Spiegel sieht … und aus die Maus. Das war’s, fertig der spannende Thriller. Der Perspektivwechsel von Kate Miller zu Liz Blake ist erzähltechnisch interessant und sehr spannend, aber Nancy Allen kann den Film halt einfach nicht tragen. Angie Dickinson hat mit ihrer ganzen Ausstrahlung und ihrer ruhigen Art viel dazu beigetragen, ihren Teil des Films in trockene Tücher zu bringen. Aber Nancy Allen, wie soll ich es sagen? Sie bringt es einfach nicht. Beim Polizeiverhör tischt Dennis Franz so ziemlich alle Stereotypen auf die einem über NYC-Cops einfallen, und sticht sie damit mehr als locker aus. Sie bleibt blass und kann zwar ihre Rolle als burschikose Edelnutte gut ausfüllen, aber von einer Identifikationsfigur ist sie weit entfernt. Genauso wie Michael Caine mit seiner Ich-wünsche-mich-gerade-ganz-weit-weg-Performance, die einem gestressten New Yorker Psychiater vielleicht gut stehen mag, aber dem Film nur bedingt gut tut.
Im weiteren Verlauf wechseln sich dann Licht und Schatten konsequent ab. Die Sequenz in der U-Bahn ist Suspense-Kino vom Feinsten! Das kleine Mädchen, verfolgt von einer ganzen Auswahl verschiedener böser Wölfe, und ist der eine Wolf abgehängt springt gleich der nächste aus seinem Versteck. Dazu die feine Kameraführung – das hätte gerne noch ein wenig so weitergehen können um ordentlich an den Nerven zu zerren. Aber irgendwann muss Schluss sein, das sehe ich ein, aber ob da nicht noch mehr hätte drin sein können?
Wesentlich mehr hätte man meines Erachtens aus der Splitscreen-Szene machen können, in der Michael Caine seinen Anrufbeantworter abhört, fernsieht, und parallel dazu Nancy Allen ebenfalls fernsieht. So eine gute Idee der Splitscreen in diesem Augenblick auch sein mag – Ich verstehe den Zusammenhang zwischen den beiden Szenen ganz einfach nicht! Ich hatte große Mühe den gesprochenen Wörtern auf den beiden Seiten zu folgen, nur um herauszubekommen, dass sie über längere Strecken hinweg nichts zu bedeuten haben. Das ganze wirkt auf mich wie Kunst um der Kunst willen: Schaut her, ich kann auch Splitscreen, ist das nicht toll? Viele Jahre später wird der gleiche Regisseur in PASSION eine Splitscreen-Sequenz einbauen, in der tatsächlich eine Beziehung zwischen den Szenen besteht, und die gehörig an der Spannungsschraube dreht. Gerade dadurch? Mag sein, in DRESSED TO KILL empfand ich die Szene jedenfalls einfach nur als nervig.
In Summe wirkt der Film auf mich wie der Versuch, die Eleganz und Effizienz der italienischen Gialli auf US-amerikanische Sehverhältnisse umzubauen, ohne den europäischen Anteil komplett über Bord zu werfen. Ein sehr hoher Anspruch, der nach meinem Dafürhalten nicht erfüllt werden kann. Die Vorbilder Luciano Ercoli und Dario Argento werden deutlich nicht erreicht, der Film bleibt im unteren Mittelmaß stecken. Symptomatisch dafür ist der Schluss: Die Identität des Mörders kann schon einige Zeit vor der Auflösung erraten werden, die Enttarnung erfolgt, tatsächlich wie in so manch einem Italo-Vehikel, durch einen Deus Ex Machina, und danach wird eigentlich nur noch palavert und alles erklärt erklärt erklärt. Ein vorsichtiger Blick auf die Laufzeit lässt schlimmes ahnen, und richtig: Es folgt eine Abschlusssequenz, die weder Sinn oder Verstand hat, und auch keine Spannung mehr erzeugt. Kein Aus-dem-Sessel-Heber wie das Ende in PASSION es sein wird, sondern ein eher sinnbefreites Wiederkäuen des Beginns. Deutlich als Traum zu erkennen, was zwar eine hübsche Referenz auf die ersten Filmminuten ist und einen Kreis schließt, aber eben sinnbefreit. Oder anders ausgedrückt: Ärgerlich! Auch wenn man nun wohlwollend sein könnte und an das merkwürdige Ende von, sagen wir zum Beispiel, DAS GEHEIMNIS DES MAGISCHEN KREISES denkt, so kann ich mir nicht vorstellen, dass Herr De Palma den Anspruch hatte, einen Film wie den von Mario Siciliano zu drehen oder zu kopieren…
Gesehen wurde die R-Rated Fassung der DVD
6/10