I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

Peitschenhiebe, laute Explosionen, wilde Abenteuer und anderer Filmstoff aus Italien.
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Richie Pistilli
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I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

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I ragazzi della Roma violenta (IT)
La nuit des excitées (F)
Jóvenes de la Roma violenta (ES)
The Children of Violent Rome
The Boys of Violent Rome
Violent Youth of Rome
Kids of Violent Rome
Sons of the Reich


IT 1976

R: Renato Savino
D: Gino Milli, Christina Businari, Emilio Locurcio, Sarah Crespi, Mario Cutini, Paola Corazzi, Marco Zuanelli, Sara Crespi, Vittorio Sgorlon, Francesco Pau, Adolfo Schauer, Enrico Tricarico u.a.



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Italienische Erstaufführung: 25.03.1976

Italo-Cinema.de

bretzelburger.blogspot

Score: Enrico Simonetti

IMCDb

OFDb



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"Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt."


So in etwa dürfte das Motto der Mitglieder einer neofaschistischen Jugendbande lauten, die in Rom ungehindert ihr Unwesen treibt. Als Kopf der Fascho-Bande hat der aus einem wohlhabenden Haus stammende Marco Garroni (Gino Milli) das alleinige Sagen, was im weiteren Verlauf auch einige der eigenen Mitglieder zu spüren bekommen. Da wäre beispielsweise sein guter Freund Enrico (Mario Cutini), der es wagte, sich mit einer jungen Dame (Sarah Crespi) einzulassen, die einer kommunistischen Familie enstammt. Die daraufhin von Marco verhängte Strafe fällt dermaßen hart aus, dass sich die junge Dame wenige Tage später suizidiert. Zwischendrin wurden zudem die beiden Jungfaschisten Gianna (Cristina Businari) und Dido (Vittorio Sgorlon) beim Ausspionieren des unerwünschten Liebespaares von einem Kleinkriminellen namens Gorilla (Gino Barzacchi) zusammengedrescht, was wiederum zur Folge hat, dass dieser ebenfalls von dem faschistoiden Schwarzhemdenführer einer schmerzvollen Strafe unterzogen wird. Der Dreh- und Angelpunkt ihres menschenverachtendes Treiben ist eine Art Clubhaus, das mit Hakenkreuzfahnen und Hitler-Bildern ausstaffiert ist. Was folgt, sind weitere grausame Gewalttaten gegen unbescholtene Bürger und Bürgerinnen, an deren Ende mehrere Menschen ihr Leben lassen.


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Ausgehend von einem der brutalsten Verbrechen der italienischen Kriminalgeschichte, dem grausamen Circeo-Massaker, bei dem 1975 drei militante Neofaschisten zwei Mädchen erbarmungslos folterten (bis eins der beiden Opfer letztendlich verstarb), dauerte es nicht lange, bis die ersten Genrefilme auf den Markt gebracht wurden, die sich mehr oder minder bei diesem Vorfall bedienten. Während beispielsweise Carlo Lizzanis SAN BABILA, 20 UHR: EIN SINNLOSES VERBRECHEN, Virrorio Salernos DIE GRAUSAMEN DREI oder Marino Girolamis DIE BLUTIGEN SPIELE DER REICHEN adäquatere Umsetzungen ihrer Inspiration inszenierten, entpuppten sich Mario Imperolis WIE TOLLWÜTIGE HUNDE, Sergio Griecos & Massimo Felisattis I VIOLENTI DI ROMA BENE , Luigi Petrinis KIDNAPPING... EIN TAG DER GEWALT oder eben Renato Savinis I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA als weitaus exploitativere Filmproduktionen. Renato Savinis Beitrag beginnt zunächst mit einer pseudoreportagenhaften Szene, in der ein Reporter Passanten hinsichtlich der steigenden Jugendkriminalität interviewt. Die ihm entgegenbrachten Reaktionen reichen dabei von Hilflosigkeit über das Verhängen härtere Strafen bis hin zur Wiedereinführung der Todesstrafe. Was dann folgt, verschlug mir zunächst die Sprache, denn es wird der Jungfaschist Dido gezeigt, wie sich dieser im Clubhaus an einem handelsüblichen Flipper-Spielautomaten vergeht, bis er schließlich vor versammelter Mannschaft zum Höhepunkt kommt. Was folgt, sind Vergewaltigungen, eine Selbstgeißelung, die Genitalfolter eines anarchistischen Uni-Professors mit einer Zange und der Ausraubversuch eines jüdischen Barbesitzers - also alles menschenverachtende Taten, für die Faschisten nun mal bestens bekannt sind. Hinzu kommt, dass der Anführer seine Gewaltfantasien mit dem Lesen von Giallo-Heften stärkt, bevor er diese ungehemmt in der realen Welt walten lässt.


Leider hat es Salvini versäumt, seinem äußerst brutalen Film eine kontinuierliche Ernsthaftigkeit zu verpassen, denn letzten Endes steht bei ihm die pure Ausbeutung von Sensationen im Vordergrund, anstatt einem solchen Thema einen adäquaten Rahmen zu verpassen. Angesichts des Gezeigten, möchte ich erst gar nicht wissen, wie die italienischen Genrefilmproduzenten die noch grausamere Geschichte der 'Gruppe Ludwig' ausgechlachtet hätten, wenn deren Taten zum damaligen Zeitpunkt bereits der Öffentlichkeit bekannt gewesen wären. Die Taten der 'Gruppe Ludwig' (Info), die ebenfalls aus dem Sumpf neofaschistischer Bewegungen entstand, ermordete in Italien und Deutschland zwischen 1977 bis 1984 insgesamt 15 Menschen auf brutalste Art und Weise, wobei ihre Taten -analog zum NSU- erst nach ihrer Festnahme der Öffentlichkeit mehr oder minder bekannt wurden. Eine weitere Parallele zum deutschen Mörder-Trio besteht darin, dass auch im Fall der 'Gruppe Ludwig' bis heute nicht zweifelsfrei in Erfahrung gebracht werden konnte, ob sich für die Taten ausschließlich die beiden Jungfaschisten Wolfgang Abel und Marco Furlan verantwortlich zeigten, oder auch in diesem Fall ein breitgefächertes Netzwerk von Neofaschisten mitinvolviert war. Zumindest lassen die bis dato recherchierten Belege dies vermuten.


Fazit: 'I'm in love with my Flipper-Spielautomat'


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Richie Pistilli
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Habe mal ein wenig herumgegoogelt, um zu schauen, was im Internet über das Circeo-Massaker sowie über die drei Täter und deren Verbindung in den neofaschistischen Sumpf vorzufinden ist. Offensichtlich gibt es so gut wie keine deutschsprachigen Beiträge im Netz, die sich mit der Tat und den Tätern befass(t)en. Mit Hilfe der Übersetzungsfunktion habe ich nun mal auf die Schnelle versucht (teils per copy & paste), ein paar Einzelheiten über diese äußerst komplexe Geschichte zusammenzutragen.



DAS CIRCEO-MASSAKER:


Die drei neofaschistischen Täter stammten allesamt aus wohlhabenden römischen Familien: Andrea Ghira, 22, war der Sohn des Bauunternehmers und Wasserball- Olympiasiegers Aldo Ghira; Angelo Izzo, 20 Jahre alt, war Medizinstudent und Giovanni Guido, genannt „Gianni“, war 19 Jahre alt und studierte Architektur. Am 29. September 1975 trafen sich Izzo und Guido um 16 Uhr mit Donatella Colasanti und Rosaria Lopez, zwei Mädchen (17 bzw. 19 Jahre alt), die sie einige Tage zuvor durch einen gemeinsamen Freund kennengerlent hatten. Was folgte, war eine Einladung in die am Nationalpark Circeo gelegene Villa von Ghiras Eltern, wo sie zunächst ein paar Stunden lang plauderten und Musik hörten, bevor Izzo und Guido plötzlich den Mädchen gegenüber explizite sexuelle Annäherungsversuche zu machen begannen, denen diese jedoch nicht nachkamen, was wiederum bei den jungen Männern eine wütende Reaktion hervorrief: „[...] plötzlich zog einer von ihnen seine Waffe. Sie begannen uns zu erzählen, dass sie zur Bande der Marsigliesi gehörten und dass Jacques Berenguer, ihr Anführer, den Befehl gegeben hatte, uns mitzunehmen, da er zwei Mädchen wollte [...]" (Zeugenaussage von Donatella Colasanti). Kurz darauf stieß Andrea Ghira hinzu, der sich den Mädchen gegenüber als Jacques Berenguer vorstellte.


Die beiden hilflosen Mädchen wurden daraufhin von den drei faschistischen Bestien insgesamt fünfunddreißig Stunden lang vergewaltigt, unter Drogen gesetzt, gefoltert und massakriert. Während der Foltertortur war Guido vorübergehend abwesend, um mit seiner Familie in Rom zu speisen, kehrte dann aber kurze Zeit später wieder zum Circeo zurück. Die Mädchen wurden daraufhin weiter unter Drogen gesetzt und Rosaria in das Badezimmer im Obergeschoss der Villa gezerrt, wo sie weiter geschlagen und schließlich in der Badewanne ertränkt wurde. Nachdem dies geschehen war, versuchten die Drei Donatella mit einem Gürtel zu erwürgen und schlugen weiterhin heftig auf sie ein. Als die Peiniger kurzzeitig abgelenkt waren, gelang es Donatella zwar kurzzeitig ein Telefon zu erreichen, wurde jedoch vor Absetzung eines Hilferufs entdeckt und weiter mit einer Eisenstange verdroschen. An diesem Punkt fiel sie zu Boden und tat so, als wäre sie tot. In dem Glauben, auch sie getötet zu haben, sperrten sie die drei Folterknechte zusammen mit Rosarias Leiche in den Kofferraum des weißen FIAT 127 von Guidos Vater ein. Anschließend reisten die Drei nach Rom, um die Leichen zu beseitigen. Donatella berichtete später, dass die Jungen während der Rückfahrt fröhlich lachten, Musik hörten und sich über ihre grausame Tat lustig machten. Als sie in der Nähe von Guidos Haus ankamen, beschlossen Izzo, Ghira und Guido zum Abendessen in ein Restaurant zu gehen, wo sie dann in eine Schlägerei mit ein paar jungen kommunistischen Militanten verwickelt wurden, die sie zufällig antrafen. Also ließen sie das Auto mit den beiden totgeglaubten Mädchen in der Viale Pola im römischen Stadtteil Triest zurück. Dies war dann auch der Zeitpunkt, als Donatella Colasanti durch Schreien und Schläge gegen die Wände des Kofferraums auf sich aufmerksam machen konnte. Um 22:50 Uhr bemerkte ein Nachtwächter die Geräusche aus dem Auto und alarmierte eine nahegelegene Carabinieri-Station, die daraufhin Alarm schlug, indem sie die folgende Nachricht über Funk absetzte: „Schwan, Schwan ... da miaut eine Katze in einer 127 in der Viale Pola“. Ein Fotojournalist namens Antonio Monteforte, hörte rein zufällig den Funkspruch und begab sich postwendend zur Via Pola, wo er schließlich die Öffnung des Kofferraums sowie die Entdeckung der Leiche von Donatella und Rosaria fotografieren konnte. Das überlebende Mädchen wurde ins Krankenhaus gebracht, wo bei ihr mehrere schwere Verletzungen und eine gebrochene Nase diagnostiziert wurden. Darüber hinaus hatte ihr die Folter sehr schwere psychische Schäden zugefügt, von denen sie sich nie vollständig erholte.


Izzo und Guido wurden innerhalb weniger Stunden verhaftet, während Ghira, alarmiert durch einen Hinweis, untertauchte. Am nächsten Morgen entdeckten die Carabinieri dessen Mutter sowie dessen Bruder in der Nähe des Circeo- Hauses. Es wurde vermutet, dass Ghira diese gebeten hatte, die Spuren am Tatort zu beseitigen. Während des Gerichtsverfahrens äußerte sich die Verteidigung gegenüber Donatella Colasanti folgendermaßen reaktionär: „Wenn die Mädchen am Herd geblieben wären, wo ihr Platz war, wenn sie nachts nicht ausgegangen wären, wenn sie nicht zugestimmt hätten, zu den Häusern dieser Jungen zu gehen, wäre nichts passiert.“. Am 29. Juli 1976 erging schließlich das erstinstanzliche Urteil gegen Izzo und Guido sowie gegen den weiterhin untergetauchten Ghira in Abwesenheit: lebenslange Haft ohne mildernde Umstände für alle drei Täter. Das Urteil wurde auch in den folgenden Instanzen für Izzo und Ghira bestätigt, während Guido im Berufungsverfahren mildernde Umstände gewährt wurden, wodurch sich seine Strafe auf dreißig Jahre verkürzte.


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Angelo Izzo (*23. August 1955), der bereits im zarten Alter von dreizehn Jahren einer neofaschistischen Studentenvereinigung des damaligen 'Movimento Sociale Italiano' (MSI) beitrat, erzählte 1995 einem Richter namens Salvini, dass er zwischen 1972 und 1975 zusammen mit seiner faschistischen Gruppe und anderen Gruppierungen der römischen extremen Rechten an einigen Angriffen beteiligt war, die sich beispielsweise gegen die PSI-Sektion im Bezirk Triest richteten. Weiterhin gab er zu, an Raubüberfällen auf Banken, Juwelierläden und Postämter beteiligt, sowie in Drogengeschäfte involviert gewesen zu sein. Des Weiteren erzählte er dem Richter, ebenfalls an einigen Gruppenverwaltigungen beteiligt gewesen zu sein, die bereits nach dem gleichen Muster wie dem späteren Circeo-Massaker verliefen. Anstatt sich seinem Literaturwissenschaftsstudium zu widmen, nahm er lieber an von anderen jungen Rechtsextremisten organisierten Partys teil, bei denen sich die faschistische Ideologie, Drogen und Gewalt gegen Frauen vermischten. Schon vor dem Massaker von Circeo war er vorbestraft: 1972 wurde Izzo angezeigt, weil er einen jungen Studenten mit einer Waffe bedroht hatte. 1973 wurde er zusammen mit Ghira wegen eines Raubüberfalls zwar verhaftet, aber letztlich aufgrund mangels Beweisen freigesprochen. Außerdem hatte er zusammen mit Giampietro Parboni Arquati und Gianluca Sonnino zwei minderjährige Mädchen vergewaltigt, wofür er im Mai 1975 eine Bewährungsstrafe von zweieinhalb Jahren erhielt.

Nachdem Izzo 1976 infolge des Circeo-Massakers zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, unternahm er im Januar 1977 gemeinsam mit Guido einen erfolglosen Fluchtversuch, bei dem ein Gefängniswärter als Geisel genommen wurde. Während seiner Haft bekundete Izzo wiederholt Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Justiz, denen er angeblich dank vertraulicher Informationen anderer rechtsextremer Gefangenen seine eigenen Versionen der Massaker auf der Piazza Fontana, Bologna und der Piazza della Loggia sowie zahlreicher ungeklärter Mordfälle verkaufen konnte. Die Einzelheiten zu seinen Äußerungen erspare ich mir an dieser Stelle, denn ansonsten müsste ich jetzt damit beginnen, mein erstes Buch zu schreiben. Wer dennoch mehr über die Einzelheiten seiner Schilderungen und die daraus resultierten Erkenntnisse wissen möchte, der kann gerne selbst die weiter unten verlinkten Quellenangaben mit Hilfe der Übersetzungfunktion zusammen mit diesem deutschsprachigen taz-Artikel durchforsten.

So viel sei aber noch gesagt: Nach zwei erfolglosen Fluchtversuch in den Jahren 1977 und 1986 gelang ihm 1993 infolge einer rechtlichen Hafterleichterung die Flucht nach Frankreich, wo er aber kurz darauf wieder gefangen genommen wurde. Im Dezember 2004 erhielt Angelo erneut eine Hafterleicheterung zugesprochen (Halbentlassung), infolgedessen er im April 2005 in Ferrazzano Maria Carmela und ihre Tochter Valentina Maiorano tötete. Für die beiden Morde wurde Angelo erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. 2009 gab die italienische Journalistin Donatella Papi bekannt, dass sie Angelo heiraten möchte, was sie dann im März 2010 im auch tat. Papi glaubte offensichtlich fest daran, dass Angelo unschuldig sei und wollte daher für die Wiederaufnahme der beiden Mordfälle kämpfen, die ihn ins Gefängnis brachten. Die Beziehung von Angelo und Papi durchlief daraufhin eine schwierige Phase, bis die Journalistin im April 2011 bekannt gab, dass sie ihre Ehe mit dem Gefangenen auflösen wird. Im September 2011 gab Papi jedoch bekannt, dass sie die Ehekrise überwunden habe, insbesondere nach seinem Freispruch im Verleumdungsprozess gegen die beiden Mordopfer von Ferrazzano. Im Jahr 2021 erschütterte Angelo Izzo die Nation erneut, indem er vor der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission erschien, um Informationen über den Tod von Rossella Corazzin zu enthüllen, einer Siebzehnjährigen, die im August 1975 aus der Region Belluno verschwand.


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Gianni Guido (*23. August 1955) gelang am 21. Januar 1981 die Flucht aus dem Gefängnis von San Gimignano. Er setzte sich postwendend nach Buenos Aires ab, wo er aber bereits zwei Jahre später aufgrund schlecht gefälschter Ausweispapiere, die auf den Namen Andrea Mariani ausgestellt waren, identifiziert und von Interpol festgenommen wurde. 1985 floh er aus dem Manuel-Rocco-Krankenhaus in Buenos Aires, wo er wegen Hepatitis behandelt wurde. Nachdem er sich daraufhin in Panama ein weiteres Mal ein neues Leben als Autohändler aufgebaut hatte, wurde er 1994 erneut festgenommen und kurz darauf nach Italien ausgeliefert. Gianni Guido verbüßte von da an 14 Jahre lang im Rebibbia-Gefängnis seine auferlegte Strafe, bevor er im August 2009 im Alter von 53 Jahren endgültig als freier Mann entlassen wurde. Insgesamt verbüßte er 20 von den ursprünglich 30 abzusitzenden Jahren. Letizia Lopez, Rosarias Schwester, beschrieb Giannis Freilassung als „eine Wunde, die sich wieder geöffnet hat“. Sie fügte hinzu, dass das Land es versäumt habe, ihrer toten Schwester Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.


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Andrea Ghira (*21. September 1953) hatte bereits im Jahr 1970 seine ersten Berührungen mit der italienischen Justiz, nachdem er durch eine Teilnahme an rechtsextremen Demonstrationen wegen 'politischen Rowdytums' auffiel. Begeistert vom Mythos der Marseillais-Bande betitelte er sich bereits in diesen Tagen mit dem Namen seines großen Vorbilds, Jacques Berenguer. Nachdem Ghira 1972 wegen bewaffneter Bedrohungen in Verbindung mit Körperverletzung lediglich eine Anzeige erhielt, wurde er 1973 wegen schweren Raubes und Hausfriedensbruchs zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als er am 30. September 1975 zusammen mit seinen Freunden Angelo Izzo und Gianni Guido das Circeo-Massaker verübte, war Ghira infolge einer Haftverkürzung gerade mal drei Monate lang auf freiem Fuß gewesen. Die vermeintliche Geburtstagsfeier, zu der die beiden jungen Mädchen Lopez und Colasanti eingeladen waren, war nichts anderes als die Feierlichkeiten zu Ghiras vorzeitiger Freilassung. Nach der grausamen Gemeinschaftstat in der Villa seiner Eltern gelang Ghira die Flucht nach Spanien, wo er sich kurz darauf unter der falschen Identität eines gewissen Massimo Testa de Andrés der Fremdenlegion anschloss. Diversen Angaben zufolge, soll er 1993 wegen mangelnder psychophysischer Voraussetzungen aus der Legion ausgeschlossen worden sein. Ghira starb am 2. September 1994 im Alter von 40 Jahren an einer Überdosis Drogen. Er wurde unter seinem falschen Namen auf dem monumentalen Friedhof von Melilla begraben. 2005 bewies ein DNA-Test, dass Massimo Testa de Andrés tatsächlich Andrea Ghira war, was zuvor von der Opferseite angezweifelt wurde. Der Vergleich der Fingerabdrücke von Ghira und denen des aufgefundenen Leichnams spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Bestätigung seiner Identität. Im Oktober 2005 veröffentlichte Ghiras Familie eine Erklärung, dass seine Mutter Maria Cecilia Ghira mehrere Dokumente an die Carabinieri übergeben habe, die den Tod ihres Sohnes zweifelsfrei belegen.


Laut dem (schlecht übersetzten) Wikipedia-Eintrag soll Angelo Izzo in einem seiner wahnhaften Geständnisse vor der Justizbehörde ausgesagt haben, dass sein Komplize Andrea Ghira angeblich einen nicht im Abspann aufgeführten Cameo-Auftritt in Nando Ciceros Film DIE LETZTEN HEULER DER KOMPANIE gehabt haben soll. Weiter heißt es bei Wikipedia: "Die Ermittler seien sich der bekannten Leidenschaft der militanten römischen extremen Rechten für die italienische Sexykomödie bewusst gewesen, allen voran Valerio Fioravanti , der jahrelang den Beruf des Schauspielers ausübte, bevor er Terrorist wurde. Es fiel ihnen aber schwer Izzos Aussagen Glauben zu schenken, insbesondere als dieser ihnen etwas von einer intensiven sexuellen Beziehung zwischen seinem Freund Alvaro Vitali und Edwige Fenech vorstammelte" (????).


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Zum Abschluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass zwei weitere italienische Verfilmungen über das zuvor Geschriebene existieren: Zum einen der 2021 veröffentlichte Film DIE KATHOLISCHE SCHULE von Stefano Mordini, der auf dem gleichnamigen Roman von Edoardo Albinati beruht, sowie die im Jahr 2022 veröffentlichte sechsteilige Mini-Serie Circeo von Andrea Molaioli. Und wie es für unsere heutige 'schlechte Welt' typisch ist, werden sowohl der FILM als auch die MINI-SERIE exklusiv von Streaminganbietern angeboten. CIRCERO ist ausschließlich bei Paramount+ und DIE KATHOLISCHE SCHULE alleinig bei Netflix zu sehen. Wtf!?


Nachtrag: Habe gerade im Moment noch entdeckt, dass in Italien am letzten Donnerstag, den 1. Juni 2023, eine brandneue Doku namens ANGELO IZZO - CUORE NERO (Angelo Izzo – Schwarzes Herz) als Stream auf Discovery+ ausgestrahlt wurde, die zudem auf YT zur Verfügung steht: https://www.youtube.com/watch?v=kb2AEamm8ss


Angesichts dieser zahlreichen aktuellen Verfilmungen scheint es momentan alles andere als abwegig, dass bald auch schon die erste über die barbarische Mordserie der deutsch-italienischen GRUPPE LUDWIG folgen könnte. In diesem Sinne, GOTT MIT UNS!


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Quellen


Circeo-Massaker:
https://www.frammentirivista.it/massacro-circeo-storia/
https://it.wikipedia.org/wiki/Massacro_del_Circeo

Angelo Izzo:
https://it.wikipedia.org/wiki/Angelo_Izzo
https://www.ilmessaggero.it/persone/ang ... 81910.html
https://de.cm-ob.pt/wo-ist-der-morder-u ... izzo-jetzt
https://taz.de/Vergewaltigung-im-Fernsehen/!1856474/
https://www.spiegel.de/politik/das-schw ... 0040382941

Andrea Ghira:
https://it.wikipedia.org/wiki/Andrea_Ghira
https://de.cm-ob.pt/wie-starb-der-verge ... drea-ghira

Gianni Guido:
https://it.wikipedia.org/wiki/Gianni_Guido
https://de.cm-ob.pt/wo-ist-der-vergewal ... uido-jetzt
https://it.wikipedia.org/wiki/Clan_dei_marsigliesi

Die katholische Schule (2021):
https://www.ofdb.de/film/355534,Die-Katholische-Schule/
https://www.film-rezensionen.de/2022/09 ... he-schule/
https://www.fernsehserien.de/filme/die- ... che-schule
https://www.vodafone.de/featured/tv-ent ... -circeo/#/
https://it.wikipedia.org/wiki/La_scuola ... ica_(film)
https://www.youtube.com/watch?v=Gx0dRYpnTyg Trailer

Eduardo Albinti: Die katholische Schule (Roman):
https://www.spiegel.de/kultur/literatur ... 40027.html
https://www.deutschlandfunk.de/suende-s ... t-100.html

Circeo (2022):
https://www.ofdb.de/film/369553,Circeo/
https://www.fernsehserien.de/circeo
https://it.wikipedia.org/wiki/Circeo_(m ... elevisiva)
https://www.youtube.com/watch?v=2T6Uc7f2mFc Trailer

Angelo Izzo – Schwarzes Herz:
https://www.affaritaliani.it/entertainm ... 58319.html
https://www.teleboy.ch/en/tv-guide/nove ... cuore-nero


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'Gruppe Ludwig:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_Ludwig


Podcast: 'Eisen und Feuer' – Vortrag über die rechtsterroristische 'Gruppe Ludwig' [Eike Sanders und Thomas Porena] !!!
http://www.radio-z.net/en/programmkalen ... udwig.html

Podcast: Die Geschichte des rechten Terrors: Die 'Gruppe Ludwig' [Eike Sanders]
https://www.nsu-watch.info/podcast/nsu- ... pe-ludwig/

Podcast: 'Sehr viele der Taten sind vergessen' – Gespräch mit Robert Andreasch zur Mord- und Anschlagsserie der 'Gruppe Ludwig'
https://asam.noblogs.org/perspektiven/t ... pe-ludwig/

TV-Beitrag: NSU, OEZ, 'Gruppe Ludwig': Der rechte Terror ist nie verschwunden [Barbara Manthe]
https://www.ardmediathek.de/video/kontr ... YWNkOTkzZA

'Gruppe Ludwig': Deutsche Zeitungsartikel zum Anschlag auf den Münchner Nachtclub Liverpool (1984) [Recherchematerial]
https://martinmaurer.eu/die-krieger-recherchematerial/

Aus dem Bild gefallen – Der rechte Terror der 'Gruppe Ludwig' [Eike Sanders und Thomas Porena]
https://www.nsu-watch.info/2020/12/long ... pe-ludwig/

Anschlag auf Nachtklub 'Liverpool': Das schwierige Gedenken an einen verdrängten Terroranschlag - Die 'Gruppe Ludwig'
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/mu ... -1.5727853

'Gruppe Ludwig': Wie ein vergessenes Neonazi-Attentat wieder in den Fokus rückt
https://www.berliner-zeitung.de/politik ... -li.311056

Die 'Gruppe Ludwig': Viel mehr als True Crime
https://www.nd-aktuell.de/artikel/11731 ... crime.html

'Gruppe Ludwig': Der vergessene Nazi-Anschlag im Bahnhofsviertel - Gedenken an Corinna Tartarotti
https://www.abendzeitung-muenchen.de/mu ... art-870530

'Gruppe Ludwig': 'Einige schlug er mitten entzwei' (1984)
https://www.spiegel.de/politik/einige-s ... text=issue

'Gruppe Ludwig' in Verona vor Gericht (1986)
https://taz.de/!1874005/

Die Gnadenlosen (1986)
https://linksunten.archive.indymedia.or ... index.html

Prozeßbeginn gegen Gruppe Ludwig (1986)
https://taz.de/Archiv-Suche/!1874074/

Wer ist eigentlich 'Ludwig'? (1987)
https://taz.de/Wer-ist-eigentlich-Ludwig/!1870846/

27 Jahre für die 'Gruppe Ludwig' (1990)
https://taz.de/Archiv-Suche/!1772386/

Deutscher Neofaschist Abel wird aus Haft entlassen (2009)
https://www.derstandard.at/consent/tcf/ ... -entlassen

Haftentlassung von Wolfgang Abel [Gruppe Ludwig] (2016)
https://linksunten.archive.indymedia.or ... index.html

Die 'Gruppe Ludwig' - ein NSU-Vorbild? (2020)
https://www.endstation-rechts.de/news/d ... su-vorbild

'Sehr viele der Taten sind vergessen' – Gespräch mit Robert Andreasch zur Mord- und Anschlagsserie der 'Gruppe Ludwig'
https://asam.noblogs.org/post/2020/12/2 ... pe-ludwig/

Gedenken heißt Handeln – Erinnern an Corinna Tartarotti und alle Opfer der 'Gruppe Ludwig'
https://www.nsu-watch.info/2022/01/gede ... pe-ludwig/

40 Jahre rechter Terror – 40 Jahre Verdrängung, Verleugnung und Wegsehen
https://asam.noblogs.org/post/2020/09/2 ... er-terror/

Die Entwicklung des deutschen Rechtsterrorismus vor und nach dem NSU
https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0 ... 1-1-87.pdf

Englischsprachiger Podcast + italienischsprachige TV-Beiträge zur 'Gruppe Ludwig':
viewtopic.php?p=17904#p17904


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Re: I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

Beitrag von Richie Pistilli »

Bezüglich der völlig verhauenen Zusammenfassung zum Circeo-Massaker, die ich mittlerweile ein wenig überarbeitet habe, muss ich mich zunächst einmal entschuldigen. Habe gerade erst festgestellt, dass ich am letzten Samstag stellenweise einen völligen Stuss zusammengeschrieben bzw. zusammenkopiert habe. Hatte leider die drei Tage zuvor sehr wenig geschlafen und fühlte mich am Samstag beim Zusammenfassen des Textes wie paralysiert. Das Ergebnis waren völlig verhauene Sätze, die mir gerade eben erst beim erneuten Durchlesen auffielen.
Sorry. :oops:





Als kleine Wiedergutmachung habe ich dafür (ebenfalls auf die Schnelle, aber dieses Mal in einem etwas ausgeschlafeneren Zustand) den chronologischen Verlauf der menschenverachtenden Mordtaten der italienisch-deutschen GRUPPE LUDWIG zusammengepuzzelt, der hierzulande so gut wie keine Beachtung geschenkt wurden. Die beiden Täter, der deutschstammige Dr. Wolfgang Abel, 27, Mathematiker, und Marco Furlan, 26, Chemiestudent, stammten genauso wie die drei Täter des Circeo-Massakers aus faschistischen Studentenkreisen. Könnte mir sehr gut vorstellen, dass das Circeo-Massaker als Initialzündung für die beiden Jungfaschisten aus Verona gedient haben könnte. Obendrein bestehen Überlegungen, ob die Mordserie der GRUPPE LUDWIG, bei der zwischen 1977 - 1985 insgesamt 15 Menschen auf grausame Weise ums Leben kamen, eventuell auch als Blaupause für die NSU-Morde assitierte, zumal auch in diesem Fall nie das vermeintlich im Hintergrund mitagierende Netzwerk auch nur ansatzweise ausermittelt wurde - weder in Italien, noch ihre Verbindungen in Deutschland. Zumindest wird in Bayern seit wenigen Jahren versucht, das Gedenken an Corinna Tatarotti, die beim Brandanschlag auf den Münchner Club Liverpool ihr Leben ließ, nach all den vergangenen Jahrzehnten erstmals aufleben zu lassen.


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Seit ich vor einigen Jahren über den Fall der GRUPPE LUDWIG gestolpert bin, lässt mich die Geschichte einfach nicht mehr los. Außerdem kann ich mich aus Kindheitstagen noch sehr gut an die Bilder des Anschlags auf den Münchner Club Liverpool erinnern, die damals in der Tagesschau über die Mattscheibe flimmerten. Zu guter Letzt finde ich es äußerst spannend, die Terrortaten im Kontext so mancher italienischer Polizeifilme zu sehen, die nach 1975 entstanden und sich mit den einschlägigen Produktionen aus den 'bleiernen Jahren' (1969 - 1982) verzahnen.


Als Quelle dienten der Beitrag aus der 'Zeit' Die Gnadenlosen von 1986, der glücklicherweise im Indymedia-Archiv verewigt wurde, der hervorragende Essay von Eike Sanders und Thomas Porena Aus dem Bild gefallen – Der rechte Terror der „Gruppe Ludwig“, der neben den barbarischen Taten auch das ideologische Selbstbild der beiden Evola-Jünger als auch ihres faschistischen Umfelds (­„Guerriglieri di Cristo Re“, „Ronde pirogene antidemocratiche“, „Ordine Nuovo“ und „Ananda Marga") beleuchtet, sowie deren hörenswerter Vortrag 'Eisen und Feuer'.





Chronologie der Taten der GRUPPE LUDWIG:




Mord an Guerrino Spinelli

Am 25. August 1977 wurde das in der Siedlung „Dall'Oca Bianca“ am Stadtrand von Verona parkende Auto des drogenabhängigen Sinto und mutmaßlichen Drogenhändlers Spinelli, das dieser als Schlafstätte benutzte, mit einem oder mehr Brandsätze angezündet. Seine Frau, die neben ihm schlief, konnte sich in letzter Sekunde befreien. Der 33-Jährige starb eine Woche darauf an den erlittenen Verbrennungen. Polizeiliche Ermittlungen blieben erfolglos. Auf dem Sterbebett hatte er seiner Tochter erzählt, dass er 'drei' Täter vom Tatort fliehen sah. Guerrino Spinelli war Sinto, Tagelöhner und wohnungslos.


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Mord an Luciano Stefanato

Der als homosexuell bekannte Kellner wurde am 19. Dezember 1978 in Padua durch zwanzig Messerstiche erstochen in seinem Auto aufgefunden. Die Tatwaffen, 25 cm lang, steckten noch in seinem Genick. Die Polizei nahm einen unschuldigen Verdächtigen aus der Schwulenszene fest, der erst zwei Jahre später aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen wurde. Luciano Stefanato war zum Zeitpunkt seines grausamen Todes 44 Jahre alt. Ein Zeuge hatte zwei junge Männer beobachtet, die zu Stefanato ins Auto gestiegen waren.



Mord an Claudio Costa

Der 22-jährige Costa wurde am 12. Dezember 1979 in Venedig von zwei Jugendlichen verfolgt, die ihn daraufhin in den dunklen Gassen mit 34 Messerstichen grausam ermordeten. In diesem Fall landeten zwei Verdächtige in Untersuchungshaft; endgültig freigesprochen wurden die beiden Justizopfer nach mehrmaliger Berufung erst im März 1984. Zudem blieb am Tatort eine Brille zurück, die später mit hoher Wahrscheinlichkeit Abel zugeordnet werden konnte.


Erstmals ihrer Sache nicht mehr sicher ist sich die Polizei, nachdem am 4. November 1980 die Venezianer Zeitung II Gazzettino einen eigenartigen Bekennerbrief erhalten hat. „Die Organisation Ludwig“, steht da unter Hakenkreuz und stilisiertem Adler in Runenschrift zu lesen, „übernimmt die Verantwortung für die folgenden Tötungen.“ Nach der Aufzählung ihrer drei Opfer brüstet sich die „Organisation“ noch mit der Präsentation von „Beweisen“. So seien etwa bei dem ersten Attentat vier Molotowcocktails benutzt worden, „nicht zwei, wie die Zeitungen schrieben

Da sei eine „neonazistische Bande“ am Werk, urteilt die römische Repubblica. Einleuchtend ist die Interpretation allemal; in diesen Jahren vergeht kaum eine Woche ohne einen Anschlag linker oder rechter Terroristen. Erst wenige Monate vor dem ersten „Ludwig“-Bekennerbrief hätten rechtsradikale Attentäter am Bahnhof von Bologna im August 1980 ein schreckliches Blutbad angerichtet: 85 Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt.

Fortan wähnt die italienische Polizei eine neue terroristische Zelle im rechtsradikalen Untergrund: die „Gruppe Ludwig“.


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Mord an Alice Maria Beretta

Am 20. Dezember 1980 wurde in Vicenza die 51-jährige Sexarbeiterin erschlagen. Sie erlag am 04. Januar 1981 ihren schweren Verletzungen, die ihr mit einem Hammer und einer Axt zugefügt worden waren. Alice Maria Beretta war zudem gehbehindert. Obwohl „Ludwig“ wenige Wochen darauf mit einem Schreiben an den Gazzettino für die „Exekution“ verantwortlich zeichnet, werden zwei Tatverdächtige verhaftet. Ende 1983 muß sie ein Gericht aus Mangel an Beweisen freisprechen.



Mord an Luca Martinotti

Am 24. Mai 1981 wurde der 17-Jährige Student Luca Martinotti in Verona ermordet. Er verbrannte, nachdem er und ein Freund sich während eines Ausflugs im Freien schlafen gelegt hatten. Der Übernachtungsplatz, die österreichischen Kasematten des Festungsvierecks, galt als Ort für Drogennutzer und Obdachlose. Neben den beiden war auch ein dritter Freund aus Verona dazugekommen. Die Männer wurden mit Benzin übergossen und angezündet. Die zwei Freunde von Luca konnten sich retten und Hilfe holen. Der eine überlebte aber nur knapp. Für diesen „Scheiterhaufen“ (Bekennerbrief) übernimmt „Ludwig“ erst die Verantwortung, als es – ein Jahr später – eine noch schlimmere Bluttat zu melden gibt: gleich zwei neue Opfer.


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Mord an Mario Lovato und Giovanni Pigato

Am 20. Juli 1982 wurden die beiden Mönche Mario Lovato (70 Jahre alt) und Giovanni Pigato (69 Jahre alt) in Vicenza mit zwei Hämmern erschlagen. Mehrere Zeugen sahen vor oder nach der Tat zwei Jugendliche. Eine weitere Zeugin sah in der Nähe drei junge Männer mit Plastiktüten. Besagte Plastiktüten wurden neben den Tatwerkzeugen entsprechend am Tatort vorgefunden. Die beiden Mönche gehörten einer progressiven, katholischen Glaubensgemeinschaft an, der „Comunità del Santuario di Monte Berico“.


„Ludwig“, die phantomatische Mordbande, schwelgt nun ganz in ihrem Wahn – nazistisch, unerbittlich, unverwechselbar: genau so, wie sie in den Medien dargestellt wird. Diesmal geht der Bekennerbrief nicht mehr an eine kleine Provinzzeitung, sondern – drei Tage nach dem Doppelmord – an das Büro der staatlichen Nachrichtenagentur Ansa in Mailand. „Wir sind die letzten Erben des Nazismus“, dräut der Text; schon im nächsten Absatz folgt aber die Phrase eines religiösen Fanatikers: „Zweck unseres Lebens ist der Tod jener, die den wahren Gott verraten.“ Zweckdienlich an dem Brief ist für die Polizei einzig der Satz, daß die beigelegten Aufkleber „exakt mit jenen zusammenpassen, die sich auf den Stielen der Tatwerkzeuge befinden“. Und tatsächlich: Der zynisch mitgelieferte Beweis stellt sich als richtig heraus. Unerkannt, spurenlos, gesichtslos bleibt indes auch weiterhin „Ludwig“. Die Ermittler haben kaum Zeit, an den letzten Tatorten die Aussagen von Anwohnern (sie wollen in den meisten Fällen zwei junge Männer gesehen haben) auf die Reihe zu bringen, da trifft es schon das nächste Opfer.


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Mord an Armando Bison

Die Tat wurde am 26. Februar 1983 wurde Armando Bison, 71 Jahre alt, in Trient mit einem Hammer und einem Mauermeißel erschlagen sowie in seinen Kopf ein Kruzifix gerammt. Er erlag am 8. März seinen schweren Verletzungen. Auch hier erinnerten sich Zeugen, in der zeitlichen und räumlichen Nähe, zwei junge Männer mit Plastiktüten gesehen zu haben. Auch er war ein Priester, der in einem Konvent arbeitete und lebte, das gefallene und zweifelnde Kirchendiener aufnahm. In seiner Vergangenheit wurde Bison dem sexuellen Mißbrauch an Kindern beschuldigt. Zwei Tage darauf trifft bei der Ansa Post aus Padua ein, dem Studienort von Wolf gang Abel und Marco Furlan: „Die Macht von Ludwig ist grenzenlos.“. Im lombardischen Pavia verhaftet sdie Polizei daraufhin den 35jährigen Universitätsdozenten Silvano Romano, einen Spezialisten für Flüssigkeitstechnik. Romano hatte – unter Nennung von Namen und Telefonnummer – dem Oberrabbiner von Padua eine alarmierende Ankündigung gemacht: „Ihr Juden könntet, nach meinen Studien, als Nächste dran sein.“


Bei der Hausdurchsuchung in Pavia staunen die Kriminalisten nicht schlecht. Zeitungsausschnitte, Aufzeichnungen, Berechnungen, Bücher – Romano hat eine regelrechte Akte zum Thema „Gruppe Ludwig“ angelegt. Auf dem Schreibtisch des kauzigen Wissenschaftlers finden sich haufenweise Notizen über literarische, historische, mythologische Bezüge der „Ludwig“-Greueltaten: Über eine Tragödie, die von glaubensfanatischen Juden handelt: „Die Makkabäer“ von Otto Ludwig, einem deutschen Dramatiker des vorigen Jahrhunderts. Über das althochdeutsche „Ludwigslied“ (Textstelle: „Einige schlug er mitten entzwei, einige durchstach er“). Über die doch eigenartige Koinzidenz, daß die Serie der Morde ausgerechnet an einem 25. August begann – dem offiziellen Namenstag des heiligen Ludwig, eines französischen Königs, der im 13. Jahrhundert Kreuzzüge anführte und Ketzer ausrottete. Doch so interessant die exegetischen Darbietungen von Romano auch sein mögen, so eilig ihn Zeitungen als vermeintlichen „Ludwig“ auf die Titelseiten zerren – daß der „ebenso geniale wie spinnerte Dozent“ (so ein Untersuchungsrichter) mit all diesen Morden eigentlich nichts zu tun hat, wird bald klar. Nach einer Woche Untersuchungshaft läßt man ihn Anfang April 1983 wieder frei. Der Mordserie folgten von nun an Brandanschläge.


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Brandanschlag auf das Mailändische Erotik-Kino „Eros“, sechs Tote

Am 14. Mai 1983, diesmal in Mailand. Im Porno-Kino „Eros Sexy Center“ läuft die Nachmittagsvorstellung des Erotik-Streifens „Lyla, profumo di femmina“. Etwa dreißig Zuschauer. In einem Brand, der plötzlich explosionsaitig in der letzten Sitzreihe ausbricht und den Ausgang versperrt, kommen sechs Männer zu Tode. Zwei Täter, findet später die Polizei heraus, hatten rund 20 Liter Benzin ausgeschüttet und angezündet.

Nach einer Woche meldet sich „Ludwig“, jetzt aus Bologna, bei der Ansa: „Wir übernehmen die Verantwortung für den Scheiterhaufen der Schwänze.“ Ähnlich wie schon nach dem Attentat auf die Patres von Vicenza klingt die Begründung: „Eine Todesschwadron hat ehrlose Männer hingerichtet, die das Gesetz von Ludwig nicht respektieren.“ Am Schluß des Schreibens prangt, wie in allen anderen Bekennerbotschaften auch, auf deutsch die Parole: „Gott mit uns“ (sie zierte in den Weltkriegen die Koppelschlösser deutscher Soldaten).



Brandanschlag auf die Münchner Diskothek „Liverpool“, Tod der Corinna Tartarotti

Am 7. Januar 1984 Uhr betraten zwei gutgekleidete junge Männer um 23.26 die mutmaßlich zum Rotlichtmilieu gehörende Discothek Liverpool in der Münchner Schillerstraße 11. Kurz vor Mitternacht werfen zwei junge, gutgekleidete Männer je einen Kanister Benzin über die Eingangstreppe der Sex-Disco „Liverpool“ und setzen das Lokal in Brand. Acht der rund dreißig Gäste werden verletzt; das 20jährige Barmädchen Corinna Tatarotti, die Tochter eines aus Südtirol stammenden ZDF-Reporters, stirbt Ende April an den erlittenen schweren Verbrennungen. Die Münchner Kripo und die Boulevardgazetten (AZ: „Ein heißer Krieg um kalte Sex-Mark“) sind gerade nach Kräften dabei, auf der Suche nach den Brandstiftern das heimische Zuhältermilieu in die Mangel zu nehmen, da bekennt sich – am 18. Januar – bei der Ansa in Mailand „Ludwig“ in altgewohnt unflätigem Jargon zu dem Anschlag. „Im Liverpool wird nicht mehr gefickt“, heißt es in dem Brief: „Eisen und Feuer sind die Strafe des Nazismus.“ Die Täter vergessen auch nicht anzugeben, sie hätten als Erkennungszeichen einen Wecker der Marke „Peter“ mit der Seriennummer 520–708 am Tatort zurückgelassen. Die Angabe erweist sich als richtig. Als krimineller Größenwahn stellt sich aber die ebenfalls in diesem Schreiben verkündete Behauptung heraus, auf „Ludwigs“ Konto gehe auch jenes Feuer, das drei Wochen vor dem „Liverpool“-Inferno den Amsterdamer Sexclub „Casarossa“ in Schutt und Asche legte. Bei dem Anschlag kamen dreizehn Menschen ums Leben; als Täter ermittelte die holländische Polizei einen Angestellten des Etablissements.

In München gelingt es „Ludwig“ das letzemal, unerkannt zu entkommen. Zwei Monate später hat das jahrelange Rätselraten, wer unter diesem ominösen Siegel Mord um Mord beging, ein Ende: Im März 1984 werden in Italien Wolf gang Abel und Marco Furlan verhaftet.


Deutsche Pressemeldungen zum damaligen Brandanschlag


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Vereitelter Brandanschlag auf die Diskothek "Melamara" in Castiglione delle Stiviere und anschließende Festnahme


Bei einem dritten Brandanschlag wurden schließlich zwei junge Männer aus Verona, Wolfgang Abel und Marco Furlan, auf frischer Tat ertappt: Am 4. März 1984 tränkten sie mit aufgeschlitzten Benzinkanistern in Sporttaschen den Boden der von gut 300 Menschen besuchten Diskothek „Melamara“ in Castiglione delle Stiviere und versuchten ihn anzuzünden. Gäste bemerkten den Benzingeruch, verständigten Mitarbeiter, Furlan und Abel wurden überwältigt, ein brennender Kanister wurde heraus geschafft, bevor es zu einem weiteren Unglück wie in Mailand oder München kommen konnte.



Racheschwüren wie jenem, den Anonyme noch im Mai 1984 an die Mailänder Tageszeitung II Giornale adressierten („Auch euch Verleumder wird bald die Strafe Ludwigs ereilen“), maß die Polizei zu Recht keine Bedeutung bei. Für die Annahme, daß der „Gruppe Ludwig“ außer den beiden jungen Veronesern noch andere Personen angehörten, gab es zu diesem Zeitpunkt schon keinerlei Begründung mehr.


Für die Ermittler war der Fall nun schnell klar, die Lesart so einfach wie erschreckend. Die Täter: zwei junge Männer, unbescholten, aus gutem Haus – Jahrgang 1959, Sohn deutscher Eltern, der eine; Jahrgang 1960, ein Italiener, der andere. An einer Oberschule in Verona, dem Wohnort ihrer Familien, lernten sie einander als Fünfzehnjährige kennen. Im Sommer 1977 warfen sie in Verona Molotowcocktails in das Auto eines Zigeuners: kein Dummejungenstreich mehr, sondern verbrecherische Initiation. Abel war da knapp über 18, Furlan noch minderjährig. Wenige Jahre später studierten beide an der Universität Padua: Abel Mathematik, Furlan erst Medizin, dann Chemie. Und meist einmal pro Jahr mordeten sie. Tatorte: durchweg Städte in Oberitalien, im nahen Umkreis ihrer Wohnorte Verona und Padua. Tatzeiten: fast ausschließlich Samstage und Sonntage. Manche Verbrechen lassen darauf schließen, daß die Täter die Gewohnheiten ihrer Opfer sorgfältig ausgekundschaftet haben.


Im Herbst 1983 übersiedelte Wolfgang Abel – nunmehr Doktor der Mathematik cum laude – nach München und trat die Stelle bei einer Lebensversicherung an, die ihm sein Vater verschafft hatte. Zu Neujahr 1984 war Marco Furlan in Abels Münchner Apartment in der Leonhard-Frank-Straße auf Besuch. Wenige Tage später legten sie im „Liverpool“ Feuer. Nach dem gleichen Muster wollten sie zwei Monate darauf wieder in Italien zuschlagen. Diesmal wurden sie – offenbar alles eher denn wirklich professionell agierende Verbrecher – auf frischer Tat ertappt, wurde „Ludwig“ gefaßt.

Nach ihrer Festnahme wurden die beiden jungen Männer in einem Indizienprozess 1987 zu je 30 Jahren Haft verurteilt. Der Schuldspruch beruhte wesentlich auf dem Fund von Durchdruckspuren der Bekennerschreiben auf Schreibblöcken, die bei beiden gefunden wurden, auf der Identifizierung eines Weckers am Tatort in München durch Abels Mutter sowie auf Zeug*innenaussagen, die an verschiedenen Tatorten zwei, teilweise allerdings auch drei oder mehrere junge Männer entsprechenden Aussehens beobachteten. Für die ersten fünf Morde zwischen 1977 und 1981 wurden Furlan und Abel aus Mangel an Beweisen jedoch freigesprochen. Beide bestritten alle Taten, bezeichneten die versuchte Brandstiftung im „Melamara“ als „Scherz“. Beiden wurden ein starkes Abhängigkeitsverhältnis voneinander sowie psychopathologische Störungen attestiert, was die Strafen milderte und teilweise therapeutische Behandlungen im Gefängnis bedeutete.

1990 wurde in einem Revisionsprozess das Urteil auf 27 Jahre Haft reduziert. Jedoch beurteilte kurz vor Ende dieses zweiten Prozesses ein Kassationsgericht überraschend die Gesamtdauer der Untersuchungshaft als zu lange: Furlan und Abel kamen in dörflichen Hausarrest, aus dem Marco Furlan floh. Über Umwege landete er auf Kreta, wo er erst 1995 von Veronesischen Tourist*innen erkannt und schließlich festgenommen wurde. In seiner Wohnung in Heraklion wurden 179.000 Dollar, 14 Millionen Lire, eine Million Drachmen und 1.500 D-Mark gefunden. Furlan kam 2008 nach Verbüßung von 18 Jahren Strafe aus der Haft, allerdings bis 2010 auf Bewährung, Abel 2009 nach 23 Jahren und zwei Jahren Hausarrest.

Die Mord- und Brandserie der „Gruppe Ludwig“ endete laut den offiziellen Erkenntnissen 1984 mit der Verhaftung von Abel und Furlan. Allerdings endeten nicht die Unterstützungsschreiben nationalsozialistischer Gesinnung, teilweise auch als schlechte Kopien der Bekennerschreiben formuliert, die weiter an die Redaktionen der Zeitungen geschickt wurden oder die Graffiti, die an den Wänden norditalienischer Städte die Sympathie mit Furlan, Abel und der „Gruppe Ludwig“ verkündeten.


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Gruppe oder Duo Ludwig?


Verfolgt man die These, dass die „Gruppe Ludwig“ nicht ein Mörder-Duo war, so gibt es drei verschiedene Spuren, die auf mehrere Personen und Vernetzungen der „Gruppe Ludwig“ deuten: Zunächst sagten diverse Tatortzeug*innen einiger Delikte aus, dass sie drei oder noch mehr verdächtige junge Männer gesehen hatten. Hier sind die Beschreibungen zum Teil so konkret, dass sie sich sowohl mit dem Aussehen von Furlan und Abel decken, als auch dass auf ihrer Grundlage mindestens ein Phantombild einer dritten Person angefertigt werden konnte. Die zweite Spur ist die Aussage einer Freundin der beiden: Anita A. erzählte 1984 den Carabinieri, dass Abel und Furlan eine Gruppe namens „Guerriglieri di Cristo Re“ („Krieger des Christkönigs“) besuchten und konnte auch die Adresse nennen, wo sie sich getroffen hatten.


Eine dritte konkrete Spur ergab sich 1996 in den späten Aufklärungsversuchen des Massakers von Brescia 1974 (#2 -- #3), bei dem eine Bombe auf einer antifaschistischen Demonstration acht Menschen tötete und über hundert verletzte: Während eines Verhörs nannte ein verstrickter Neofaschist drei Namen, die er als Mitglieder der „Gruppe Ludwig“ bezeichnete. Dies waren nicht Abel und Furlan, sondern Personen, die durch andere rechte Überzeugungen und Verbindungen bekannt waren oder wurden. Einer der genannten, Marco Toffaloni, war ein Schulkamerad Abels und Furlans vom Elite-Gymnasium Liceo Fracastoro in Verona. Er gilt als einer der Gründer der „Ronde pirogene antidemocratiche“ (in etwa: „antidemokratische pyrogene Patrouille“), einer Gruppe, die vor allem Brandstiftungen an kleineren Autos ausübte und die zwischen 1987 und 1990 aktiv war. Ziel der Gruppe war die „Zerstörung der materiellen Symbole des Kleinbürgertums und der Arbeiter durch das Feuer“. Sie setzten dutzend- bis hundertfach alte, dreckige, kaputte Autos in vermeintlich „roten“, also kommunistischen, Vierteln vor allem in Bologna, aber auch in Verona in Brand, damit eine „perfekte soziale Ordnung ästhetisch“ hergestellt würde, wie es in den programmatischen Leitlinien „Piro Acastasi“ heißt. Toffaloni wird inzwischen auch verdächtigt, an dem Anschlag in Brescia beteiligt gewesen zu sein. Als weiteres Mitglied der „Gruppe Ludwig“ wurde Curzio Vivarelli genannt. Er wurde 1990 als Chef der „Ronde“ verurteilt und hatte Verbindungen zur „Ordine Nuovo“. Toffaloni und Vivarelli sollen darüber hinaus Mitglieder der „Ananda Marga“-Sekte gewesen sein. Diese Sekte, die in den 70er und 80er Jahren mit Attentaten und Selbstverbrennungen ihrer Mitglieder internationale Aufmerksamkeit erzielte, bot den Ordinovisti mit ihrer Mischung aus Hierarchie und Spiritualität ein geschütztes Umfeld, um nationalsozialistische Ideologie zu verbreiten und Aktivisten zu rekrutieren. Dies könnte die zahlreichen Verbindungen zwischen ihr und okkulten und rechten Gruppierungen in jener Zeit in Norditalien erklären.



"Die Botschaftstaten von 'Ludwig' sollten eine extrem rechte Vorstellung von Sexmoral, 'Reinheit' und elitärer, avantgardistischer Allmachtsansprüche kommunizieren und exekutieren.
Diese Vorstellungen spiegeln sich in den untersuchten Umfeldstrukturen in Norditalien wider, sind aber auch im westdeutschen Neonazismus der 1970er und 1980er Jahre zu finden.
"


Zitat: Eike Sanders und Thomas Porena: Aus dem Kapitel "'Feuer und Eisen': Moral und Rechtsterrorismus in den 1970er und 1980er Jahren in Italien und Deutschland" des Buches Rechtsterrorismus in der deutschen Bundesrepublik (Hrsg. Hendrik Puls und Fabian Virchow)





Die 'Gruppe Ludwig' – deutsch-italienischer Rechtsterrorismus auf dem Kreuzzug gegen 'Sittenverfall'




[Vortrag von Eike Sanders]

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Dschallogucker
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Re: I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

Beitrag von Dschallogucker »

Da hast du ja sehr viel recherchiert!
Hab mir gestern den Film angeschaut, werde das aber kein 2. Mal tun. Ein eigentlich interessantes Thema, aber eine leider schwache Regieleistung, wo die Gewalt zu sehr im Vordergrund stand

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Richie Pistilli
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Re: I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

Beitrag von Richie Pistilli »

Dschallogucker hat geschrieben:
Mo., 02.10.2023 21:15
Hab mir gestern den Film angeschaut, werde das aber kein 2. Mal tun. Ein eigentlich interessantes Thema, aber eine leider schwache Regieleistung, wo die Gewalt zu sehr im Vordergrund stand


Renato Savinos ausbeuterische Adaption reißt zwar wahrlich keine Bäume aus, thematisiert aber im Vergleich zum vermeintlich gehaltvolleren DIE KATHOLISCHE SCHULE (2021) sowie zur brillanten TV-Serie CIRCEO (2022) zumindest die neofaschistische Ideologie, von der Angelo Izzo und Co. zweifelsfrei beeinflusst waren. Während mich Stefano Mordinis Film, in dem die neofaschistische Weltanschauung mit keiner Silbe gewürdigt wird, ein wenig ratlos zurückließ, konnte mich die TV-Serie CIRCEO voll und ganz begeistern, obwohl auch in dieser die Thematik nur am äußersten Rand gestreift wird. Obwohl Renato Savinos I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA fraglos die schlechteste Inszenierung darstellt, thematisiert diese immerhin den Kern der Sache, der bei den anderen beiden Verfilmungen sträflich vernachlässigt wurde.



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Richie Pistilli
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Re: I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

Beitrag von Richie Pistilli »

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Neuigkeiten im Fall der "Gruppe Ludwig": Generalstaatsanwaltschaft München prüft neue Ermittlungen
https://muenchen.t-online.de/region/mue ... -abel.html


Ein ausgezeichneter Artikel, der auch auf den aktuellen Ermittlungsstand in Italien und Deutschland eingeht.

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Re: I RAGAZZI DELLA ROMA VIOLENTA - Renato Savino

Beitrag von Richie Pistilli »

Zurück zum Circeo-Massaker und Angelo Izzo: Die italienische Rechtsanwältin Ludovica Mancini hatte im Jahr 2020 einen Beitrag verfasst, in dem versucht wurde, die kriminellen Persönlichkeit von Angelo Izzo zu untersuchen.



ANGELO IZZO. EIN ITALIENISCHER SERIENMÖRDER

Femizide stellten schon immer eine ernsthafte Schwachstelle für jede Bürgerversammlung dar. Seit Jahren entwickelt unser System immer wirksamere Instrumente, um das Massaker an Frauen zu verhindern, das unsere Gesellschaft jedes Jahr heimsucht. In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht die vier schrecklichen Morde vergessen, die seit jeher die Kriminalnachrichten unseres Landes prägen und deren Hauptdarsteller Angelo Izzo war, ein Mann, „der Frauen hasst“.

Angelo Izzo wird mit zwei Massakern in Verbindung gebracht, die großes Medienecho hatten: dem Circeo-Massaker und dem Campobasso-Massaker.
Zwischen diesen beiden mörderischen Phasen gab es eine Zeit der Inhaftierung, die, wie wir sehen werden, für die Zwecke unserer Analyse von grundlegender Bedeutung sein wird.

Bevor wir uns mit der Untersuchung der kriminellen Persönlichkeit von Angelo Izzo befassen, erscheint es angebracht, kurz auf seine Geschichte zurückzublicken.

Angelo Izzo wurde 1955 geboren. Sein Wohnsitz liegt im Stadtteil Parioli, der damals als „gutes Rom“ galt; Der Vater ist Bauingenieur und die Mutter, eine studierte Literaturwissenschaftlerin, arbeitet nicht, um für die Familie zu sorgen. Es kann sicherlich nicht gesagt werden, dass Izzo weder aus familiärer noch aus schulischer Sicht in einer benachteiligten Umgebung lebte; Er besuchte die besten und teuersten Schulen und hatte einen Freundeskreis, den er immer wieder als Brüder bezeichnete.

Der einzige Fehler bestand darin, dass er an einer Genitalfehlbildung litt, die ihn sexuell impotent machte.

Schon in jungen Jahren näherte er sich den nationalsozialistischen Idealen und glaubte, dass nur seine brüderlichen Freunde auf seinem Niveau sein könnten, schon gar nicht die Frauen, die er als Unterhaltungsinstrumente betrachtete und die er für minderwertig hielt; In einer Passage aus einer seiner Memoiren lesen wir: „Ich glaube, dass Vergewaltigung mit den Urinstinkten des Menschen zu tun hat. Die Jagd, die Verfolgung, die Gefangennahme, die heiße, verängstigte, zitternde Beute, meine Erregung basiert auf diesem hinterhältigen und demütigenden Mechanismus: Besessenheit. Die Frau, die dominiert wird, Sklaverei, das Streben nach dem einzigen Vergnügen (...)“ und noch einmal „(...) das einzig Positive, was ich aus dieser Zeit in Erinnerung habe, ist, dass wir sehr an eine Freundschaft geglaubt haben (.. . ) eine Form der Brüderlichkeit, die geschaffen wurde, (…) die Gruppe… hier haben wir das sehr stark gelebt (…)“.

Aus kriminalwissenschaftlicher Sicht könnte man die Hypothese aufstellen, dass die Freundschaft, von der Izzo spricht, eher mit einer latenten Homosexualität zusammenhängt, die zu einer Form von Gruppengewalt und Gräueltaten führt; Die begangenen Vergewaltigungen seien, wie er selbst angibt, tatsächlich eine alltägliche Gewohnheit, die er mit den beiden Freunden teilte, auch wenn tatsächlich nur zwei angezeigt wurden und sie nach dem gleichen Modus Operandi begangen wurden: Die beiden Opfer werden abgeholt, zu einem Haus begleitet, Sie werden zum Geschlechtsverkehr mit den dreien gezwungen und dann nach Hause gebracht, wo ihnen auch gedroht wird, über den Vorfall Stillschweigen zu bewahren.

Izzo begeht nie etwas alleine, was ihm das Gefühl gibt, wichtig und gleichzeitig sicher zu sein, ist genau das „Rudel“, mit dem es auch häufig zu Mobbing-Episoden kommt, die beispielsweise immer häufiger zum Selbstmord eines Vierzehnjährigen führten Zielen Sie oft von der Drei aus.

Izzo tötete zum ersten Mal, als er noch sehr jung war, mit gerade einmal 19 Jahren, und stärkte sich dabei durch die politischen Ideen, die er vertrat, indem er sich selbst davon überzeugte, dass er zur Klasse der „Dominanten“ gehörte, also derjenigen, die vernichten können diejenigen, die zu den anderen beiden sozialen Klassen gehören, nämlich die „armen Bastarde“ und die „Läuse“.

Nun, Angelo Izzo, der zu den Rechtsextremisten gehört, beschreibt sich in einem Interview mit Franca Leosini als „einer von denen, die für die Konzentrationslager waren“ und für ihn und seine Freunde waren Frauen „Fleischstücke, keine Menschen“.

Es kann davon ausgegangen werden, dass es in Izzos so beschriebener Vorstellung von sozialen Klassen für ihn und seine Gefährten völlig legitim war, Frauen zu vergewaltigen, zu schlagen und zu foltern, dass sie jedoch diejenigen im Visier hatten, die zu den zu vernichtenden Klassen gehörten; das bedeutet, dass ihre Opfer wahrscheinlich nicht dem Rom der „Pariolini“ angehörten, sondern möglicherweise Mädchen aus der Provinz, einer sozialen Schicht angehörten, die sie als niedrig und dominant betrachteten. Genau das passierte Donatella Colasanti (der einzigen Überlebenden) und Rosaria Lopez, erstere Studentin und letztere Barista, beide aus dem Arbeiterviertel Montagnola, die ein paar Mal mit Izzo und Guido einen Kaffee getrunken hatten . Letzterer lud sie am 29. September 1975 zu einer Party im Haus eines Freundes außerhalb Roms ein; Es ist Villa Maresca, die das Vorgebirge des Circeo-Parks überblickt.


Vollständiger Artikel: https://www.hdemos.it/angelo-izzo-il-mo ... menticare/

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