MARISA MELL

Leinwandsternchen und verkannte Stars im Blickpunkt
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Prisma
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MARISA MELL

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MARISA MELL

[* 24. Februar 1939 | † 16. Mai 1992]


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Das Lexikon der deutschen Filmstars hat geschrieben:
Ihr blasses Gesicht mit den übergroßen, dunklen Augen, dem schwarzen Haar und dem breiten, sinnlichen Mund prädestinierte sie für Verführerinnen. Und die spielte sie auch. Da sie darunter jedoch auch eine Leidensgeschichte und feine Nuancen ausdrücken konnte - und zunehmend wollte - drängte sie in die Charakterrollen, die man ihr im deutschen Kinoschaffen nicht gab. Sie ging ins Ausland und spielte die großen Signoras, Senioritas, Madams mit Grazie, Grandezza und ihrem berühmten hintergründigen Lächeln.


Bei der am 24. Februar 1939 in Graz geborenen Schauspielerin Marlies Theres Moitzi handelt es sich wohl um einen der bekanntesten österreichischen Kino-Exporte und darüber hinaus präsentesten Gesichter des zeitgenössischen Films. Um die seinerzeit junge Schauspielschülerin und Teilnehmerin des Max-Reinhardt-Seminars international vermarkten zu können, stattete man sie mit dem wesentlich besser im Gedächtnis bleibenden Künstlernamen Marisa Mell aus, der über Jahrzehnte zum Begriff werden sollte. Den österreichischen Film der ausklingenden 50er und beginnenden 60er Jahre stattete sie mit ungewöhnlich deutlich wahrnehmbaren Reizen und bedeutendem Selbstbewusstsein aus, sodass man tatsächlich sprichwörtlich sagen kann, dass neue Besen immer gut kehren. Bei Mell handelte es sich allerdings nicht nur um irgend ein neues und zugegebenermaßen atemberaubend schönes Gesicht, welches Anmut und markante Züge stets vereinen konnte, sondern um eine sehr begabte Nachwuchsdarstellerin, deren Schönheit ihr letztlich zum Verhängnis wurde, da der stets fordernde Film und dessen noch gierigeres Publikum immer auf der suche nach dem Besonderen sind, das in jeder Beziehung ein wenig mehr Bereitschaft signalisiert. Charakterrollen waren seinerzeit nicht ungefragt, allerdings entwickelte sich das deutschsprachige Kino recht einseitig in einen bestimmten Tunnel, dessen Notausgang ausschließlich der Sprung auf internationales Parkett darstellt. So waren die weiteren Stationen nach Österreich und Deutschland Großbritannien sowie Frankreich, bis das große Intermezzo in Italien beginnen konnte, wo sie zum großen Star avancierte. Insbesondere bei Darstellerinnen waren diese Art Karrieren häufig zu beobachten, bei denen der Film alles bereit war zu geben, wenn das Gegenüber es gleich tat. Eine interessante Ähnlichkeit besteht in der Tatsache, dass der bundesdeutsche Film diese anfangs als eigene Entdeckungen und Exklusiv-Stars gefeierten Sternchen aus seinem Gedächtnis verdrängte, und sie fortan und über die Jahre hinweg mit vermeintlichem Desinteresse abzustrafen pflegte.

Marisa Mell hat auf den Wert ihres Namens bezogene Klassiker gedreht, ist daher in und über Fankreise hinaus auch heute noch in bestenfalls spektakulärer Erinnerung geblieben, allerdings blieb ihr der ganz große internationale Wurf verwehrt, da sie dem Empfinden nach zu leichtfertig mit der Auswahl ihrer Rollen war. Im deutschsprachigen Film hätte sie ohne jeden Zweifel wichtige Vakanzen ausfüllen können, was zu ein wenig mehr Glanz und Extravaganz verholfen hätte, doch hierzulande machte sie eher fernab des Films von sich reden und so wurde ihr Name in speziellen Dekaden eher in der Klatschpresse warm gehalten. Marisa Mells erste Gehversuche im Film erweisen sich als gekonnt und überaus gelungen, denn sie bietet innerhalb geforderter Schablonen stets eigene Nuancen und den unbändigen Willen an, nichts dem Zufall zu überlassen und nicht als irgend eine von vielen zu den Akten gelegt zu werden. So war sie in angesagten und temporär geschätzten Formaten zu sehen, die letztlich von unterschiedlicher Qualität waren. Hierbei ist zu beobachten, dass sich das von vorne herein schauspielerich hohe Niveau sukzessive steigern ließ, bis es zu Premium-Produktionen kam. Insbesondere der italienische Film verliebte sich in dieses schöne und wandlungsfähige Geschöpf und gab ihr die Rollen, die ihr zustanden. Ab sofort war Marisa Mell in Hochglanzproduktionen zu bewundern, die ihren Namen gerne als (Co-)Aufhänger verwendeten, doch wie bereits erwähnt, blieb der ganz große Coup leider aus. Der Markenname Marisa Mell nutzte sich Mitte/Ende der 70er Jahre ab, und es begann ein künstlerischer Abstieg, der auch durch die verfügbaren Rollen bedingt war. Gerade in diesen Jahren zeigte sich ganz offensichtlich, dass sich ihre Stärken zu eklatanten Schwächen entwickelten, da die Schauspielerin sich nicht mehr neu erfinden konnte, oder man sie erst gar nicht auf experimenteller Ebene sehen wollte. Gefangen in einem Rollen-Abonnement, gelang es Mell nicht mehr, das letzte Drittel ihrer Karriere auszustaffieren, sodass sich überwiegend Auftritte ausfindig machen lassen, die keine große Relevanz besitzen.

Denkt man über die typischen Mell-Movies nach, fallen einem schnell ein paar Beiträge aber vor allem Lucio Fulcis "Nackt über Leichen" und Mario Bavas "Gefahr: Diabolik!" ein; Produktionen, die das Material Schauspielerin optimal inszenieren. Marisa Mell scheute sich nicht vor imaginärem Körperkontakt mit dem Publikum und zeigt dementsprechend gerne, was sie zu bieten hat. Als die Filmauswahl sprärlicher, die Konstitution schwächer und die Zeiten einfach anders wurden, ist überliefert, dass Marisa Mell sehr frustriert über ihre Situation gewesen sein muss, aber auch nicht mehr aus ihrer gerne für den Fan präsentierten Haut hinaus konnte. So ist und bleibt die Auseinandersetzung mit ihrer besonders vielfältigen Filmografie mehr als interessant, in welcher sich nicht selten hochinteressante Beiträge verbergen. Im Großen und Ganzen rückte das reichlich vorhandene schauspielerische Talent in die zweite Reihe, um bestenfalls auf die besondere Ausstrahlung und Schönheit der Österreicherin aufmerksam zu machen. Besonders in ihren frühen Filmen agiert Marisa Mell mit einer unverbrauchten Leidenschaft, Selbstverständlichkeit und Intensität; Faktoren, die selbst schwächere Geschichten aufzuwerten wissen. Leider sind die meisten ihrer frühen Filmproduktionen weitgehend unbekannt und in Vergessenheit geraten, wie viele später entstandene Flicks übrigens auch, die oft große Überraschungen bereithalten. Charakteristisch ist und bleibt ihr oft unbändiges Temperament und ihre Kunst des Verführens, allerdings zeigt sich auch eine melancholische Note in ihrem erhaben wirkenden Wesen, sozusagen in Form einer eigenartigen Grund-Traurigkeit die sie allerdings nur als Ahnung präsentiert und sich dabei selten in die Karten blicken lässt. Marisa Mell konnte nachweislich alles spielen, wenngleich sie sich dem Empfinden nach nicht in jedem Genre zu Hause oder besonders wohl fühlte. Am Ende ihrer Karriere lief leider nicht mehr viel zusammen, sodass man sich hauptsächlich an ihre schönsten Rollen in voller Blüte erinnert, die etliche Filme durch ihre Präsenz erst mit einem besonderen Aushängeschild ausstatten konnten.

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● MARISA MELL als GRETA in
PARAPSYCHO - SPEKTRUM DER ANGST (D|1974)



In Peter Patzaks Episodenfilm "Parapsycho - Spektrum der Angst" ist Marisa Mell in der ersten Episode "Reinkarnation" in der weiblichen Hauptrolle zu sehen, taucht aber erst nach fortgeschrittener Zeit im Geschehen auf. Zunächst sieht man einen Mann, der von einer Geschäftsreise auf dem Weg nach Hause ist, sich auf der Fahrt über Fußballergebnisse und das Wiedersehen mit seiner Familie freut, aber aus unerfindlichen Gründen einen Abstecher zu einem alten Jagdschloss macht, wo er offensichtlich erwartet wird. Nach der relativ langen Zeit der Ungewissheit fährt eine rätselhafte Frau vor, die im Stil der 30er-Jahre gekleidet ist und ihn leidenschaftlich begrüßt. Marisa Mells Partizipationen in deutschen Produktionen hatten seit Jahren Seltenheitswert bekommen, daher ist es umso schöner, dass Regisseur Patzak sich an seine Landsfrau erinnerte. Zwar ist die Auftrittsdauer zeitlich stark begrenzt, allerdings geht das Kalkül ganz gezielt auf, dem Anspruch der Episode entsprechend eine besondere Aura aufzubauen und diese auch mit einfachen Mitteln zu transportieren. Greta erscheint aus dem Nichts, sodass sich schnell ein geheimnisvolles Element entfalten kann. Sowohl Protagonist als auch Zuschauer können dieses Auftauchen nicht ordnen, will die Person der Greta doch gar nicht in die Gesetze der Wahrscheinlichkeit passen. Ihr Wagen, ihre Kleidung und ihr Verhalten mögen so gar nicht der Gegenwart entsprechen und lassen auf mehrere Jahrzehnte Vergangenheit schließen. Im Gespräch stellt sie sich selbst ein Stück weit vor, ohne jedoch tief blicken zu lassen. Ihre Erklärungen bleiben dabei ein Rätsel, doch sie berichtet mit einer Selbstverständlichkeit, dass nicht mehr zwischen Realität und Virtualität unterschieden werden kann. Das Erscheinungsbild wirkt durch Verhalten, Fertigkeiten und Ensemble kultiviert, doch handelt es sich dem Anschein nach um eine kaltblütige Mörderin, schließlich fährt sie eine Leiche in ihrem respektive seinem Wagen spazieren.

In dieser ersten Episode macht die Surrealität alle Beteiligten zu Komplizen. Greta besitzt in diesem Zusammenhang alle erdenklichen Fähigkeiten, jeden für sich einspannen zu können, was größtenteils auf ihrer Ausstrahlung und vielmehr ihrer Attraktivität fußt. Die zugegebenermaßen unflexible Kamera zeigt immer wieder merkliche Impulse, sich etwas eingehender mit dieser von Geheimnissen umwitterten Dame zu beschäftigen, und lässt sich auf einige an Attributen orientierten Großaufnahmen ein. So werden beispielsweise Marisa Mells Hände in einer Einstellung indirekt in den Fokus gerückt, die von ihrer Freundin und Schauspielkollegin Erika Pluhar stets als so makellos und pedantisch gepflegt beschrieben wurden. Überhaupt lässt sich sagen, dass Anforderung und Performance eine sehr überzeugende Allianz eingehen. Jeder Blick, jede Bewegung und jeder Augenaufschlag oder jeder Zug an der Zigarette will hier perfekt sitzen, ihre vereinnahmende Ausstrahlung nimmt die erforderlichen mysteriösen Züge an, auch bekommt man eine kleinere Demonstration im Rahmen des Einsatzes der Waffen einer Frau geboten. Leider muss man betonen, dass Marisa Mell nicht mit ihrer eigenen Stimme zu hören ist, was erneut sehr schade ist, weiß man doch um ihre besonderen Kompetenzen in diesem Bereich. Zum Ende hin kokettiert Greta mit ihren Reizen. Sie mustert sich, der Lippenstift wird nachgebessert, lässt Haar und Hüllen mithilfe eines Body-Doubles fallen, um ihren vermeintlichen Komplizen zu verführen und ein Verschwinden zu ebnen, das dem ihres plötzlichen Auftauchens ähnelt. Marisa Mells Greta reiht sich in die lange Riege ihrer sicherlich interessanteren Frauenfiguren ein, zumal es bei einem Blick auf ihre Filmografie einfach Fakt ist, dass nach "Parapsycho - Spektrum der Angst" nicht mehr viele, derartiger effektiv wirkenden Rollen kommen sollten. Schön, geheimnisvoll und gefährlich; Marisa Mell hat ihren Auftritt mit doch sehr übersichtlicher Dauer sehr gut ausbalancieren können.

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Re: MARISA MELL

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● MARISA MELL als SOPHIE in
AGENTEN LASSEN BITTEN (GB|1965)



In Basil Deardens Spionage-Komödie "Agenten lassen bitten" ist Marisa Mell in ihrer kurzen britischen Phase und nach dem zuvor entstandenen Film "Versuch's mal auf Französisch" erneut in der Rolle einer Französin zu sehen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich die attraktive Österreicherin auf internationalem Parkett vermarktet und spielend in jedem Genre untergebracht werden konnte. Bei der Betrachtung ihrer so vielschichtig wirkenden Sophie ist zunächst einmal die verpasste Chance wahrzunehmen, ihr keine bedeutende Frauenrolle bei James Bond zugetragen zu haben, denn genau das gibt die auf optischen und charakterlichen Similaritäten basierende Geschichte absolut her, von den ganzen Rahmenbedingungen ganz zu schweigen. So findet sich in diesem vollkommen logisch wirkenden Gedankenspiel unweigerlich eine Empfehlung als Bond-Girl wieder, was jedoch leider nie zustande kommen sollte. Der britische Regisseur setzt Marisa Mell hier betont, außerdem sehr bewusst ein, und erneut zeigt sich die interessante Tatsache, dass seine Hauptdarstellerin offensichtlich über eine breit angelegte komödisntische Ader verfügte, die wiederum nur selten abgerufen werden musste. Ihre mit Humor versehenen Auftritte sind innerhalb ihrer Karriere somit echte Raritäten, aber es kam immer wieder einmal zu dieser vielleicht erschwerten Anforderung, was sich letztlich vordergründig auf das ungewohnte Terrain bezieht. Hier wird die Anforderung mit einer erstaunlichen Leichtigkeit präsentiert und gelöst, sodass dieses originelle Treffen mit Sophie zu einem der großen Vorteile dieses leider viel zu unbekannten Films wird. Sophie taucht aus dem Nichts auf und es scheint, als erwarte sie David Frazer wie eine Spinne, die ihr Netz sorgsam und im Endeffekt undurchlässig gespannt hat, bis sich die sorgsam anvisierte Beute darin verheddert und von ihr selbst befreit werden muss.

Da innerhalb der Dialoge und Konversationen ein großer Teil der Situationskomik aufgebaut und in der Regel durch überspitzte Bilder verstärkt wird, sind die Kernkompetenzen der Protagonisten umso genauer zu beobachten. Marisa Mell funktioniert in dieser Beziehung wie ein österreichisches Uhrwerk und verleitet immer wieder zum Schmunzeln und kann für echte Erheiterung sorgen. Sophie wirkt nicht nur verführerisch und charmant, sondern im Rahmen des trockenen Humors auch verspielt, hin und wieder sogar naiv bis einfältig, was allerdings zur breit angelegten Maskerade gehören dürfte. So bleibt es nicht aus, dass man innerhalb des Publikums dazu neigt, sie maßlos zu unterschätzen, doch sie stellt ihre ungeahnten Fähigkeiten immer wieder fulminant unter Beweis, sei es als patente Gehilfin oder eben als Frau, die einem in Windeseile den Kopf verdrehen kann. Insgesamt gesehen bekommt man schließlich eine mitreißende - wenn nicht sogar begeisternde - Mixtur aus Temperament und Kalkül geboten, die zweifellos und vielerlei Hinsicht in Erinnerung bleiben wird. In einer Szene setzt es sogar eine saftige Ohrfeige, die Sophie später allerdings mit einem Kinnhaken quittiert bekommt und somit kurzfristig ins Reich der Träume geschickt wird. Alles in allem sieht man in "Agenten lassen bitten" eine von Marisa Mells möglicherweise besten Darbietungen auf internationaler Ebene und darüber hinaus einen wirklich sehr sehenswerten Film, der vielleicht an seiner Entschlossenheit scheitert, etwas anders sein zu wollen als eine publikumswirksamen Vorbilder. Wenn die turbulente Geschichte schließlich beendet ist und sich die bunten bis turbulenten Eindrücke gesetzt haben, sieht man die schöne Französin aus Österreich noch einmal in Gedanken vor sich und denkt, dass es bestimmt niemand zuvor und danach geschafft hat, so unheimlich verführerisch beim Trinken einer Coca-Cola ausgesehen hat.

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Re: MARISA MELL

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MARISA MELL als JUANITA in
DER LETZTE RITT NACH SANTA CRUZ (D|A|1964)



Bei "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" handelt es sich um einen von Marisa Mells wenigen Zwischenstopps im deutschen Film, bevor ihre Karriere international an Fahrt aufnehmen sollte. Auch wenn man Rolf Olsens teutonischen Western vielleicht nicht als den ganz großen Wurf einstufen möchte, bekommt man doch eine von Marisa Mells interessanteren Aufgaben dieses Zeitfensters geboten, denn Juanita hinterlässt aufgrund ihrer intensiven Darbietung einen bleibenden Eindruck. Sie erscheint als ganz in Rot gekleidete Bardame und es scheint, als habe sie ihren Laden und die Betrunkenen recht gut im Griff. Eben diese erste Szene im Saloon zeigt sie von ihrer gebieterischen aber vor allem attraktivsten Seite. Zu später Stunde kehrt sie die Reste ihrer Stammkundschaft aus der Bar und man kann ihr offensichtlich so schnell nichts vormachen - geschäftlich wie privat. Loderndes Feuer in ihren Augen sieht man, als ihr Liebhaber Pedro auftaucht, der für sie die personifizierte Garantie darstellt, sich bald in ein besseres Leben zu verabschieden, um die quälenden bürgerlichen Konventionen hinter sich zu lassen. Marisa Mell gibt ihrer Figur einen Aufsehen erregenden und verführerischen Schliff, der zusammen mit ihrer Optik eine bestechende Allianz eingeht. Da sie sich an einen gesuchten und dem Vernehmen nach rücksichtslosen Verbrecher hängt, lässt dies ein Schicksal erahnen, dass man ihr vielleicht nicht wünscht, da sich immer wieder ein sympathischer und vielmehr guter Kern herauskristallisiert, den man der schönen Frau auch jederzeit abnimmt. Aber sie hat genug gesehen vom kargen Dasein, für das man auch noch zu allem Überfluss arbeiten muss. Gefangen in dem Traum, alles und mehr zu haben, etabliert sich eine vollkommen unkritische Haltung zu Verbrechen und Mord, die allerdings im Verlauf nicht unerschütterlich aussieht. Es handelt sich innerhalb dieser Äquivalenz schließlich um einen sehr interessanten Charakter für die seinerzeit noch junge Marisa Mell, die gerne wesentlich häufiger unter Regisseur Rolf Olsen hätte spielen dürfen, da sie wie ein klassischer Verwendungszweck wirkt.

Die Regie inszeniert sie schließlich immer wieder als Blickfang, jedoch bleibt die Rolle der Juanita zugunsten der Hauptrollen deutlich untergeordnet, da man sich auf ein Tauziehen mit Marianne Koch und eine sich anbahnende Transformation konzentriert. So sieht man nicht die üblichen Strecken der berüchtigten Mell-Großaufnahmen dieses schönen und manchmal so makellos wirkenden Gesichts, und auch nicht die Exposition, die man zu diesem frühen Karrierezeitpunkt beinahe schon als üblich bezeichnen konnte. Als Kontrast zu Marianne Koch, deren Elizabeth alles Gute von Rolf Olsens Erde zu vereinen scheint, funktioniert Juanita recht gut, sie wirkt hin- und hergerissen zwischen Gut und Böse, Zuneigung und Verachtung, Erkenntnis und Verblendung, aber sie besitzt ihren eigenen Kopf, mit dem sie in bestimmten Situationen am liebsten durch die Wand rennen möchte. Stolz und Temperament sind nicht zu bändigen, was ihr einen Anteil einer wilden Unberechenbarkeit verleiht. In "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" ist Juanita im Endeffekt eine der wenigen Personen der Schicksals-Seite, bei der man etwas Aufrichtigkeit erkennen kann, jedoch wird der Gerechtigkeitssinn durch die blühenden Träume einer jungen Frau überlagert, die den Alltag einfach nur satt zu haben scheint und nie wieder zurück möchte, auch wenn es andere etwas oder gleich das Leben kostet. Unterm Strich bleibt eine sehr schöne ihrer 60er-Jahre Rollen, deren Augenmerk naturgemäß in Richtung Blickfang verlagert wird, aber auch tragische Komponenten bedient, die der Geschichte gut stehen. Der Charakter Juanita wirkt am Ende leider nicht übermäßig gut reflektiert, allerdings nimmt man dem letztlich sympathischen Ganoven-Liebchen mit offensichtlich gutem Inneren den Hauch von Nachhaltigkeit und Tragik ganz gerne ab, immerhin handelte es sich seinerzeit um ein neues Genre-Gesicht, außerdem ist es immer wieder sehr schön einen Auftritt mit Marisa Mell zu sehen, in dem man sie mit ihrer einprägsamen Originalstimme zu hören ist. Es bleibt eine immer wieder gerne gesehene Rolle, deren Stärken sich intervallweise anbieten.

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In Marisa Mells weitgehend unbeachteter Biografie "Coverlove" kommt es zu zahlreichen Anekdoten der indiskreteren Sorte, so auch zu den Dreharbeiten zu "Der letzte Ritt nach Santa Cruz". Für Fans ist diese Aneinanderreihung von Männer-Erlebnissen und Geschichten von einst im Mai vielleicht lesenswerter als für diejenigen, die an Berichterstattungen vom Set, Einschätzungen zu Kollegen oder Regisseuren interessiert sind, denn in diese Richtung wird man weitgehend enttäuscht. Am Ende ist herauszulesen, dass es sich lediglich um eine oberflächliche und wenig detailorientierte Arbeit von Mell und deren Ghostwriter handelt, und vorhandenes Potenzial eigenartig zielstrebig verschenkt wurde. Außerdem handelt es sich um sehr persönlich gefärbte Eindrücke der Wahrnehmung, die hin und wieder bezweifelt werden dürfen, was auch gerade für die unten angeführte Erzählung gilt, da Gegenteiliges zu lesen war.

Marisa Mell hat geschrieben:
»Mein Pferd sank plötzlich bis zu den Knien in den Sand der Wüstendüne und kippte zur Seite. Walter Giller konnte sein Pferd nicht mehr zügeln. Es stürzte über mich und streifte mit einem Huf meine Nase. Ich sah nur noch Blut. Es schoss mir aus der Nase, strömte über mein Reitkostüm und selbst von meinen schwarzen Handschuhen troff Blut. Ich befreite mich aus dem Sattel, rannte im ersten Schock ein paar Schritte die Düne hinunter und fiel Walter Giller in die Arme. Ganz vorsichtig nahm er meine Nase zwischen Zeigefinger und Daumen, drückte leicht zusammen. Es knirschte. Erleichtert atmete er auf. "Das Nasenbein ist nicht gebrochen. Aber innen muss was verletzt sein. Komm, sofort ins Krankenhaus" So dramatisch und schmerzvoll begann meine kurze, heftige Romanze mit Walter Giller, dem charmanten Komiker, dem Ehemann von Nadja Tiller. Wir drehten damals in einem Wüstengebiet von Gran Canaria den Western "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" mit Mario Adorf, Marianne Koch, Thomas Fritsch und Klaus Kinski. Ich war Juanita, die Frau des Bösewichtes Mario Adorf, Walter Giller spielte mit Vollbart einen versoffenen Typ, der die Flasche öfter in der Hand hatte als den Colt. Es mag viele Leute wundern, die in Walter Giller nur einen Spaßvogel sehen können, dass er privat jedoch eine ausgesprochene sinnliche Ausstrahlung besaß. Ich fand diesen großen, schlaksigen Mann mit den ausdrucksvollen Augen wirklich sehr sexy in seinen engen Pullovern und den fabelhaft sitzenden Hosen. Auch bewunderte ich seine Intelligenz und seine Kultiviertheit. Ich konnte mich mit ihm über Schriftsteller oder Musik genauso gut unterhalten wie über Politik und Kunst. Er ist ein hellwacher Kopf. Bis zu dem Reitunfall war zwischen uns trotz allem noch nichts passiert, denn schließlich war er verheiratet und schon Vater einer Tochter, Natascha. Walter alarmierte den Rettungswagen.

Mit Sirene und wehender weißer Fahne brachte man mich ins "Queen Victoria Hospital for Seamen". Walter begleitete mich in dieses Krankenhaus, in dem hunderte von verletzten, kranken Seeleuten aus aller Herrenländer gepflegt wurden. - Ich war die einzige Frau. Gott sei Dank war meine Nase wirklich nicht gebrochen, sondern nur die Nasenscheidewand leicht verletzt. So stopfte man mir die Nase mit Metern voll Mull aus. In der Nacht schnarchte ich so laut, dass sich selbst die in dieser Beziehung sicherlich abgebrühten Seemänner erkundigten, welches Kaliber von Mann das denn sei, das sie um ihre wohlverdiente Nachtruhe bringe. Walter Giller beruhigte meine Mutter, die ich zu den Dreharbeiten mitgenommen hatte. Er schickte mir einen riesigen Strauß roter Rosen, zwischen die goldgelbe Kornähren gesteckt waren. Es war ein wundervolles, ausgefallenes Arrangement. Am nächsten Tag besuchte mich Walters Frau, Nadja Tiller. Sie setzte mich an mein Bett und begann, in der perfekten Haltung einer Lady - zu stricken. Dabei erzählte sie von diesem und jenem und fragte mich plötzlich nebenbei: "Sind diese Blumen von Walter?" Nadja war und ist eben eine hochintelligente Frau, nicht nur der elegante, schöne, kühle Star. Eine Frau von Klasse wie sie es war konnte man nichts vormachen. Ich weiß zwar nicht, warum ich damals log, denn zwischen Walter und mir war ja überhaupt nichts "passiert". Ich wollte "Nein" sagen, aber heraus kam nur ein leises "Deid", denn die verstopfte Nase bereitete mir Schwierigkeiten beim Sprechen. Sie sagte kein Wort mehr, verabschiedete sich freundlich, aber kühl und ging. Die Dreharbeiten mussten wegen meiner Verletzung unterbrochen werden. Alle Schauspieler verließen Gran Canaria, aber vier Wochen später trafen wir uns alle wieder vor Ort. Meine Mutter war diesmal zu Hause geblieben und Walter ohne Nadja gekommen. Die Bahn war frei. [...]«

Dschallogucker
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Re: MARISA MELL

Beitrag von Dschallogucker »

Das Buch wird auch unbeachtet bleiben, da man es nicht mehr bekommt. Vor 4 Jahren wurde das bei ebay für 204 € verkauft. Hab mal 15 min recherchiert und kein Angebot gefunden.
Von Erika Pluhar nur gibt es aktuell ein Buch über Marisa. Aber das ist wahrscheinlich weitaus weniger brisant

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Re: MARISA MELL

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Dschallogucker hat geschrieben:
Di., 22.11.2022 21:45
Das Buch wird auch unbeachtet bleiben, da man es nicht mehr bekommt. Vor 4 Jahren wurde das bei ebay für 204 € verkauft.

Schon klar, immerhin wurde es bei einem kleinen Verlag vor bereits über 30 Jahren herausgebracht und nachweislich kein Erfolg. "Coverlove" ist im Nachhinein immer schon nur zu Mondpreisen zu haben gewesen, wenn denn mal ein Exemplar aufgetaucht ist. Ich habe mein sehr gut erhaltenes Exemplar vor schätzungsweise über 15 Jahren erstanden, und wenn ich den Preis 204 Euro sehe, war ich mit etwas über 80 noch wirklich gut bedient, obwohl selbst das völlig verhältnislos war. Marisa Mells Biografie würde ich im Nachgang auch nicht als brisant bezeichnen, sondern vielmehr indiskret. Trotz der Aneinanderreihungen von ihren erotischen Erlebnissen mit Prominenten und Kollegen fand das Werk kein Echo, zumal es auch nicht besonders gut geschrieben ist. Missen möchte ich es aber nicht, dazu war ich seinerzeit viel zu heiß darauf. Erika Pluhars "Rückblenden auf eine Freundschaft" ist der Versuch einer eher ehrlichen Auseinandersetzung und in der vielseitigen, emotionalen Beleuchtung hochinteressant, daher vielleicht auf eine andere Art und Weise unterschwellig brisant. Ist nach so vielen Jahren des Erscheinens glaube ich sogar heute noch in Auflage.

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Re: MARISA MELL

Beitrag von Dschallogucker »

Ja, gibt es für 10 €.
Das Buch mit den erwähnten 204 € war mit einer Widmung

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Re: MARISA MELL

Beitrag von Prisma »

Dschallogucker hat geschrieben:
Do., 24.11.2022 12:44
Das Buch mit den erwähnten 204 € war mit einer Widmung

Ah, dann erklärt sich der hohe Preis irgendwie. Das ist immer die gleiche Sache, wenn man sich einbildet, etwas unbedingt haben zu müssen. Bei mir war es das Buch, ihre Single "Slave of Love/Lady O" oder ein Original-Autogramm; gabs alles nicht gerade geschenkt, aber ich wollte die Sachen vor Jahren unbedingt haben.

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