DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Schwarze Handschuhe, undurchsichtige Typen, verführerische Damen und stylische Kills.
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Prisma
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DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

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● DAS GESICHT IM DUNKELN / A DOPPIA FACCIA (D|I|1969)
mit Klaus Kinski, Christiane Krüger, Sydney Chaplin, Annabella Incontrera, Luciano Spadoni, Günther Stoll, Barbara Nelli und Margaret Lee
eine Produktion der Rialto Film Preben Philipsen | Mega Film | Colt Produzioni Cinematografiche | im Constantin Filmverleih
ein Film von Riccardo Freda

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»Was weißt du denn von der Gräfin?«


Helen Alexander (Margaret Lee), die schwerreiche Erbin der Brown-Werke, verunglückt tödlich mit ihrem Sportwagen. Das Autowrack wird vollkommen ausgebrannt aufgefunden und man geht zunächst von einem bedauerlichen Unfall aus. Bei den Ermittlungen stoßen Inspektor Stevens (Günther Stoll) und sein Kollege Inspektor Gordon (Luciano Spadoni) auf zahlreiche Ungereimtheiten. Erst vor kurzem hat Helen ihren Mann John (Klaus Kinski) als Universalerben eingesetzt und dieser zeigt sich bei den Ermittlungen alles andere als kooperativ. Außerdem soll es mit der Ehe nicht mehr zum Besten gestanden haben, da Helen schon sein geraumer Zeit ein Verhältnis mit der Schauspielerin Liz (Annabella Incontrera) hatte. Als John nach dem Tod seiner Frau von einer Reise zurückkehrt, geschieht etwas Seltsames. In seinem Haus findet er ein ihm unbekanntes Mädchen namens Christine (Christiane Krüger) vor, welches ihn mit auf eine Party nimmt, wo Pornofilme vorgeführt werden. John traut seinen Augen nicht, als er in einem der Filme eine verschleierte Frau sieht, die einige unverkennbare Merkmale seiner verstorbenen Frau aufweist. Interessant dabei ist, dass der Streifen erst nach Helens Tod gedreht worden sein soll. Ist sie tatsächlich noch am leben..?

Bei "Das Gesicht im Dunkeln" handelt es sich bereits um die 29. Edgar-Wallace-Verfilmung der Rialto Film, und Riccardo Fredas Beitrag stellt einen Schnitt in der Kontinuität der Serie dar. Aufgrund der mageren Zuschauer-Resonanz von nur 600.000 Besuchern in der Bundesrepublik, wurde die Reihe bis auf Weiteres eingestellt. Beim Durchleuchten des schwachen Geschäftsergebnisses kann man mehrere Gründe anführen, doch letztlich stehen wohl der vergleichsweise harte Stilbruch und die teils holprige Inszenierung hauptsächlich im Vordergrund. Inszenatorisch blieb unter dem italienischen Regisseur leider zu viel Potential ungenutzt, was sehr schade ist, hat man es doch immerhin mit einem der interessantesten Stoffe des Wallace-Film-Universums zu tun. Aber wie sagt man so schön? Gedreht ist gedreht und man sollte sich lieber auf die positiven Seiten dieser Geschichte konzentrieren, um zu sehen, dass es für den geneigten Zuschauer ein Leichtes sein kann, sich mit diesem Beitrag anzufreunden. Komplette Veränderungen offeriert die verlangsamte, aber dennoch sehr intelligente Erzählstruktur, die bis dato im Dunstkreis der Verfilmungen eher beispiellos war. Klar ist andererseits auch, dass dieser Film nach dem unermüdlich laufenden Wallace-Fließband in vielerlei Hinsicht quasi wie ein Kulturschock gewirkt haben muss, wenngleich man vollkommen dem Zeitgeist entsprechend inszenierte. Das Fehlen von beispielsweise gebräuchlichem Humor schadet der Produktion zwar keineswegs und hebt den harten, beinahe sterilen Charakter ergiebig hervor, aber der Vorwurf, "Das Gesicht im Dunkeln" habe mit Wallace nichts mehr gemein, ist möglicherweise einzuräumen, kann aber nach allen Spielereien auch als Kompliment aufgefasst werden, und zwar insofern, dass hier nach allen vorhergegangenen ergebnislosen Versuchen des Etablierens einer wirklich neuen Richtung ganze Arbeit geleistet wurde. Als End-Sechziger durfte daher eine ordentliche Prise Sex nicht fehlen, der gar nicht so sehr auf spekulativer Basis abgehandelt ist. Freda bietet Schauwerte, die insgesamt als Mosaiksteinchen der Geschichte angesehen werden können und gewiss nicht aus überflüssiger oder selbstzweckhafter Art mit eingebaut wurden.

Klaus Kinski nahm mit diesem Film und einer alles ausfüllenden Hauptrolle seinen Abschied von Edgar Wallace. In beinahe 10 Jahren brachte er es auf eine beachtliche Anzahl von 16 Auftritten und gehört somit zu einer der bekanntesten Größen der langjährigen Reihe. Die Anlegung seiner Rolle ist im Endeffekt nicht der ganz große Überraschungs-Coup geworden, da gewisse Feinheiten in der Dramaturgie, der Ausarbeitung, und notwendige Finessen in der Darstellung fehlen. Dieser Eindruck wird zusätzlich durch sein streckenweise reibungsloses Agieren und die eher platte Dialog-Arbeit vermittelt. Klaus Kinski wirkt insgesamt nicht so, als lege er einen darstellerischen Kraftakt hin, was wohlgemerkt nicht der Rolle geschuldet ist. Dabei ist die Idee, ihn als zweifelhaften Protagonisten zu präsentieren, ein sinnvoller Einfall angesichts des Verwirrung stiftenden Themas gewesen. Dutzendfach gab er den Wahnsinnigen, den Irren, Mörder oder den Helfershelfer; wieso also sollte er nicht auch hier den Plan gehabt haben, seine Frau zu ermorden? Es wird zwar versucht, John Alexander erst gar nicht großartig als Sympathieträger in Erscheinung treten zu lassen, aber die Konzentration auf seine Person, und der Eindruck eines Komplotts, ist einfach zu groß, als dass man begründete Zweifel haben könnte. Hinzu kommt, dass "Das Gesicht im Dunkeln" erstmalig ungewöhnlich übersichtlich besetzt ist, sodass theoretische Möglichkeiten bei der Täterfindung ausbleiben. Dennoch kann man sich recht gut auf Klaus Kinski einlassen. In vielen Situationen arbeitet er die erforderliche Zerrissenheit heraus und auch die impulsiven und teilnahmslosen Tendenzen eines in die Enge getriebenen Mannes sind nachvollziehbar. Offensichtlich war John nie abgeneigt, diverse Liebschaften zu unterhalten, was ein aufrichtiges Gefühl zu seiner Frau in Frage stellt. Besonders in diesen Szenen mit Christiane Krüger und Barbara Nelli wird indirekt angedeutet, dass auch John im Zweifelsfall zu außerordentlichen Mitteln greifen kann. Egal ob Kinski hier schlussendlich Gut oder Böse bedient, es dürfte selbst für Kritiker des Films etwas Nützliches bei dieser Leistung dabei sein.

Die wichtigsten Gastrollen ent- oder bekleiden hier die Damen. Neben Klaus Kinski, um den die komplette Geschichte ausführlich herum konstruiert wurde, fallen die Auftritte daher ziemlich knapp aus. Margaret Lee spielt Helen, die man bereits in ihrer ersten Einstellung quasi in flagranti erwischt, als sie sich von ihrer Freundin Liz im Badezimmer verwöhnen lässt. Natürlich sind diese Szenen, genau wie die des in kurzen Sequenzen gezeigten Porno-Films, nur brav und gezügelt angedeutet, da schließlich auch die Vermarktung unter Edgar Wallace ins Haus stand. Die kurze Zeit vor Helens Abreise reicht also gerade aus, um die wichtigsten Charakterzüge und Attribute vorzustellen, die für den Verlauf zur Assoziationskette werden. Gezeigt wird daher ihre Narbe, der auffällige Ring und das noble Zigarettenetui, ihr Hund, die Pelze und ihre abweisende Art John gegenüber. Außerdem bekommt man den auffälligen Schlager von Nora Orlandi zu hören, den Helen unentwegt abspielt. Dass sie John im Ernstfall als Alleinerben eingesetzt hat, ist eigentlich schwer nachzuvollziehen und die entsprechende Dialog-Passage unlogisch: »Ich habe selbstverständlich an deine Zukunft gedacht. Ich habe dich als Alleinerben eingesetzt, du wirst sorgenfrei leben können!« Sinnvoller wäre es gewesen, den Dialog in eine vollkommen andere Richtung aufzubauen und zwar insofern, dass Helen, die ja anfangs mit ihrem Mann glücklich gewesen sein soll, was die Sequenz im Ski-Urlaub, die in der deutschen Version leider entfernt wurde, andeutet, ihren Mann davon unterrichtet, dass er in nächster Zeit als Universalerbe gestrichen werde, da sich die privaten Rahmenbedingungen von Grund auf geändert haben. Interessanterweise spricht Ilse Pagé, die ja bis im Vorgängerfilm noch Sir Johns respektive Sir Arthurs Sekretärin Miss Finley spielte, und diese Rolle häufiger gab, die Synchronstimme von Lee. Eine angenehme Tatsache, doch leider sind die Gespräche größtenteils flach und wenig ausgefeilt. Margaret Lee verabschiedet sich schnell aus dem Geschehen, doch der Verdacht wird geschürt, dass sie noch am leben ist. So bleibt sie bis zum Finale in Erinnerung und durch diesen recht gelungenen "Melissa-Effekt", wird eine solide Grundspannung aufgebaut. Es bleibt noch zu erwähnen, dass man die Britin selten so atemberaubend schön gesehen hat.

Der Rest der Crew wird kurz, aber angenehm abgerundet. Christiane Krüger als Christine überzeugt mit ihrer frechen und freizügigen Art, Sydney Chaplin als arrogant und zielstrebig wirkender Geschäftsmann stellt ebenfalls eine Bereicherung dar. Auf der Ermittlerseite fällt die Strategie des vergleichsweise untergeordneten Handelns durch Günther Stoll und Luciano Spadoni auf, die wenig ausführlich abgehandelt wird, wobei Stolls italienischer Kollege deutlichere Akzente als er setzen kann. Annabella Incontrera und Barbara Nelli als sporadische Erscheinungen wirken durchaus angenehm, erfahren allerdings auch keine groß angelegten Entfaltungsmöglichkeiten. Abgesehen von den Crash-Szenen des Rolls-Royce und des Jaguar, sind leider weitere inszenatorische Schlampereien aufzuspüren, auch wenn es sich meistens nur um Kleinigkeiten oder sogar Belanglosigkeiten handelt, die allerdings zu einem Gesamtbild beitragen. Bei den Szenen des Pferderennens handelt es sich beispielsweise um schlecht einkopiertes Archiv-Material, wobei die Montage insgesamt recht holprig wirkt. Hin und wieder werfen Teile des Film-Equipments Schatten, wie etwa Mikrofone, Accessoires fehlen nach dem nächsten Schnitt und vollkommen bezeichnend sind einige Szenen, die urplötzlich von Tageslicht zur Dunkelheit wechseln. So eilt dem Film sein Ruf, etwas trashy zu sein, immer wieder voraus. Dennoch ist die Bildgestaltung in vielen Bereichen sehr gelungen, edle Dekors und prächtige Farben bestimmen die Szenerie immer wieder. Die Prunkstücke steuerte allerdings Nora Orlandi mit ihren überragenden Musik-Themen bei, die "Das Gesicht im Dunkeln" von Anfang bis Ende auf überaus stimmige Art und Weise begleitet und prägt. Für die Edgar-Wallace-Reihe waren derartige Kompositionen bis zu diesem Zeitpunkt einfach nur beispiellos und sollten es trotz alternativer Klänge in den letzten beiden Filmen auch bleiben. Als fester Bestandteil der Serie ist Riccardo Fredas Adaption nicht wegzudenken, wenngleich es sich ohne jeden Zweifel um einen sehr untypischen Beitrag handelt. So wird dieser Film häufig dafür verantwortlich gemacht, dass die Wallace-Reihe durch ihn ihren Todesstoß bekam, allerdings ist dieser Zeitpunkt vermutlich schon eher zu finden. Wie dem auch sei, "Das Gesicht im Dunkeln" kann letztlich von sich behaupten, dass einer der unkonventionellsten Beiträge daraus geworden ist, der auf seine Weise unheimlich viel Courage, Atmosphäre und einen eigenwilligen Charakter vermittelt. Trotz einiger Abstriche bei der Inszenierung bleibt also ein Film mit Giallo-Fragmenten zurück, der nachhaltig überzeugen kann - vorausgesetzt er bekommt die Chance dazu.

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alan_cunningham
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von alan_cunningham »

Den habe ich neulich erst auf Blu-ray (Arrow Video) gesehen. Erstaunlich ist unter anderem, dass er wirklich komplett harmlos ist (und das zu dieser Zeit!). Sehr interessant ist (neben den verschiedenen Extras wie Interviews) das Booklet, das vor allem davon berichtet, unter welchen (w)irren Entwicklungen der Film letztendlich zustande kam. Es muss ein ähnliches Chaos wie bei Fredas "Die Bestie mit dem feurigen Atem" gewesen sein ... Er bezeichnete Klaus Kinski übrigens als grösstes Arschloch aller Zeiten! :D

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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »

alan_cunningham hat geschrieben:
Di., 24.11.2020 01:53
Erstaunlich ist unter anderem, dass er wirklich komplett harmlos ist (und das zu dieser Zeit!)

Ich denke, dass es hier auf die Betrachtungsweise ankommt. Für einen Film, den man dem Giallo-Gernre zurechnen kann, wirkt alles sicherlich sehr gezügelt, vielleicht sogar wenig spektakulär, da auch auf Gewalt verzichtet wird. Betrachtet man ihn aber unter dem Banner Edgar Wallace, so sieht die Sache schon wieder anders aus. Ich denke, viele damalige Fans der Serie dürften die für Wallace-Verhältnisse sehr offensive Anreicherung mit Sex/Erotik nicht gerade wohlwollend aufgenommen haben, vor allem wenn man bedenkt, was für Filme sie unmittelbar zuvor von Alfred Vohrer gewöhnt waren. Auch handwerklich und thematisch weicht das Konstrukt hier sehr stark ab. Mir persönlich gefällt dieses Hybrid sehr gut, und "Das Gesicht im Dunkeln" ist einer meiner Lieblingsbeiträge geworden, weil ich da keine Barrieren empfinde und den Mut anerkenne. Aber der Film kommt auch heute meistens nicht sehr gut weg in Fan-Kreisen, was unterm Strich auch ein bisschen zu verstehen ist, wenn er nur als Wallace betrachtet wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es diesen Film ohne den Vorlauf beziehungsweise Rialto Film bestimmt nicht gegeben hätte, wie "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" oder "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" übrigens auch.

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alan_cunningham
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von alan_cunningham »

Ja, ich denke auch, dass er auf viele Wallace-Fans sehr, sehr seltsam gewirkt haben muss - noch seltsamer als Handschuhe, Stecknadel und Halbmond. Mir gefallen sie umso besser! :D Halbmond habe ich letzte Nacht endlich mal auf Blu-ray gesehen. Typischer, sehr unterhaltsamer Giallo im Gegensatz zum Gesicht im Dunkeln. Aber irgendwie mag ich "Das Gesicht im Dunkeln" auch. Er hat auf jeden Fall Atmosphäre, und Klaus Kinski mal in einer für ihn eher ungewöhnlichen Rolle zu sehen, ist ja auch schon mal was. Und Hauptdarsteller in Wallace-Streifen war er sonst nur in "Die blaue Hand", denke ich :shock:

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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »

alan_cunningham hat geschrieben:
Di., 24.11.2020 18:05
und Klaus Kinski mal in einer für ihn eher ungewöhnlichen Rolle zu sehen, ist ja auch schon mal was. Und Hauptdarsteller in Wallace-Streifen war er sonst nur in "Die blaue Hand", denke ich

Sogar in einer Doppelrolle. Ansonsten hatte er immer größere bis kleinere Rollen, die in Vorspännen aber sehr häufig exponierter angekündigt waren, als die der anderen Schauspieler. Ich finde die Rolle des John Alexander auch ungewöhnlich, aber weil er hier eher gezügelt wirkt, nicht so impulsiv oder zwielichtig. Es mag sein, dass das Konzept damals besser aufgegangen ist, als man heute meinen will, da er bei Wallace & Co. und anderswo sehr oft in Rollen des Durchgeknallten zu sehen war, aber schwach finde ich Kinski hier nicht und es macht mir nichts aus, mal eine alternative männliche Hauptrolle zu sehen.

alan_cunningham hat geschrieben:
Di., 24.11.2020 01:53
Er bezeichnete Klaus Kinski übrigens als grösstes Arschloch aller Zeiten!

Das befeuert den gängigen Kinski-Mythos natürlich, wobei ich mir aber gut vorstellen kann, dass es bei Dreharbeiten zu gewissen Ungereimtheiten kommen konnte. :D

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Sid Vicious
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Sid Vicious »

Das Leitmotiv ist ganz große Klasse!

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alan_cunningham
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von alan_cunningham »

Nora Orlandi hat wirklich tolle Musik gemacht - und ihre Stimme war auch wundervoll!

Zu Kinski: Bei den Dreharbeiten hat er sich bei manchen Szenen geweigert, sie zu spielen. In mindestens einer Sequenz im Film erkennt man deshalb auch deutlich, dass sein Part von einem Double
übernommen wurde :shock:

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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »

Sid Vicious hat geschrieben:
Di., 24.11.2020 23:19
Das Leitmotiv ist ganz große Klasse!

Finde ich auch, und Nora Orlandi ist insgesamt zur Auslese im breiten Bereich der Filmkompositionen zu zählen!
Die Musik aus dem Vorspann hat es mir auch seit jeher angetan.




alan_cunningham hat geschrieben:
Di., 24.11.2020 23:41
Bei den Dreharbeiten hat er sich bei manchen Szenen geweigert, sie zu spielen. In mindestens einer Sequenz im Film erkennt man deshalb auch deutlich, dass sein Part von einem Double übernommen wurde

Da muss ich mal genauer drauf achten. Aber nach allem, was man so gehört hat, würde es durchaus zu Klaus Kinski passen.
Diesbezüglich gibt es alleine bei den Wallace-Verfilmungen schon zahlreiche Anekdoten. Da kann man sich ausmalen, wie es wohl insgesamt war.

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Richie Pistilli
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Richie Pistilli »

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"Also Du bist mir vielleicht 'ne Type, gibst an nur weil Dir das Haus hier gehört...."

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Ein weiterer Giallo aus dem E.W.-Repertoire, der mir persönlich sehr gut gefällt. Zwar fällt DAS GESICHT IM DUNKELN im Vergleich mit den beiden anderen EW-Gialli aufgrund seines sehr besonderen Inszenierungsstils ein klein wenig aus dem Rahmen, was aber dem Film letztendlich keinen Abbruch tut, denn er lebt über weite Strecken gerade von seinen Ungewöhnlichkeiten. Die Handlung wurde nicht nur recht spannend erzählt, sondern wird auch in ansprechenden Bildern präsentiert. Über die Special FX-Szenen mag man sich dann streiten, mir zumindest zaubert der charmante Einsatz von Modellfahrzeugen und -zügen ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht. Leider fällt die Spielzeit der bezaubernden Margaret Lee
mal wieder zu dünn aus. Und Klaus Kiski fährt bei seinen gezeigten Autofahrten durchs nächtliche London meistens ohne Licht...




"Du bist zwar 'ne Type, aber Du kannst sicherlich auch furchtbar nett sein..."



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Und nicht vergessen: Geben Sie gerade bei Fahrten mit ihrem Rolls-Royce auf sich acht, denn Nachtfahrten in der Nähe von unbeschrankten Bahnübergängen bergen gerade in der momentanen Jahreszeit ein erhebliches Risiko.


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Zuletzt geändert von Richie Pistilli am Mo., 05.04.2021 11:12, insgesamt 1-mal geändert.

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Mater_Videorum
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Mater_Videorum »

Ganz doller Krimi vom Riccardo, der sogar in beiden Schnittfassungen richtig dufte mundet!

Kursierte nicht sogar mal das Gerücht von einer BD-Auswertung aus dem Hause Koch? Diese klaffende Wallace-Lücke muss hierzulande unbedingt noch in blau geschlossen werden – möglichst schnell!

Percy Lister
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Percy Lister »

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"Das Gesicht im Dunkeln" (A doppia faccia) (Deutschland / Italien 1969)
mit: Klaus Kinski, Christiane Krüger, Sidney Chaplin, Günther Stoll, Margaret Lee, Annabella Incontrera, Luciano Spadoni, Barbara Nelli, Gastone Pescucci, Claudio Trifoni, Carlo Marcolino, Alice Arno, Fulvio Pellegrino, Bedy Moratti u.a. | Drehbuch: Paul Hengge und Richard Freda frei nach dem Roman "The Face in the Night" von Edgar Wallace | Regie: Riccardo Freda

Helen und John Alexander haben sich nach zwei Jahren Ehe auseinandergelebt. Die vermögende Frau pflegt eine Beziehung zu ihrer Freundin Liz, John hingegen hat ein Verhältnis mit seiner Sekretärin. Um den Kopf frei zu bekommen, fährt Helen mit ihrem Jaguar nach Liverpool, stirbt jedoch unterwegs bei der Explosion des Benzintanks, die absichtlich herbeigeführt wurde. Die Beamten von Scotland Yard ermitteln trotz der Unfallthese auch wegen Mordes, da es um ein beachtliches Erbe geht, das nun dem Ehemann zufällt. John findet nach dem Tod seiner Frau keine Ruhe, da es Anzeichen dafür gibt, dass sie nach ihrem Unfall noch gesehen wurde. Sie soll das Gedächtnis verloren haben und unter dem Decknamen "Die Gräfin" in einem Erotikfilm mitwirken. Doch als John die Filmrolle seinem Schwiegervater vorführt, sind alle Hinweise auf Helen verschwunden....

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Innerhalb der deutschen Edgar-Wallace-Reihe sticht diese Koproduktion der Rialto Film Preben Philipsen mit der italienischen Colt Produzioni Cinematografiche als ambitionierter Seitenpfad in eine neue mögliche Zukunft der erfolgreichen Kriminalfilmreihe, die ebenso wie andere Werke ihrer Zeit auf die gesellschaftlichen Veränderungen reagieren musste und wollte und sich deshalb für moderne Einflüsse öffnete. Im Vordergrund steht nach wie vor ein mysteriöser Mordfall, der Erbschafts-Fragen aufwirft und durch das Zusammentreffen mehrerer Faktoren aus dem Raster eines natürlichen Todes fällt. In seiner Machart erinnert "Das Gesicht im Dunkeln" allerdings mehr an die Arbeiten von Francis Durbridge als an einen Roman von Edgar Wallace, der hier wohl nur entfernt konsultiert worden ist. Nicht ungewöhnlich für eine Zeit, in der sich viele Zuschauer lieber vor dem heimischen Bildschirm unterhalten ließen als ins Kino zu gehen. Zudem galt es, beide Seiten zufriedenzustellen und eine Geschichte zu inszenieren, die unkonventionelle Spannung garantierte und gleichzeitig das Interesse für psychologisch anspruchsvolle Stoffe weckte, wie sie mit dem Aufkommen des italienischen Giallo mehr und mehr populär wurden. Es genügte nicht mehr, Goldschätze aus Abteien zu holen, Testamente zu fälschen oder Gauner zu verzinken. Der Zuschauer verlangte nach hintergründigen Verbrechen, die tiefer schürften als nur in pekuniäre Gefilde. Die Motive verschwammen und waren nicht mehr auf den ersten Blick ersichtlich, was die Ermittlungen schwieriger machte und dem Publikum das Gefühl gab, herausgefordert zu werden. Die Isolation des Individuums durch den Tod einer ihm nahestehenden Person, die Schädigung der gesellschaftlichen Achtung und die Notwendigkeit, sich aus dem Zwang der unglückseligen Situation zu befreien, stellten wichtige Facetten dieser Produktionen dar, die zwar eine Absage an konservative Sehgewohnheiten machten, den Zuschauer dafür jedoch mit einer Handlung belohnten, die weit mehr als die üblichen Kombinationen erfordert. Die Auflösung klassischer Beziehungsmuster spielte hier ebenso mit hinein wie die Konzentration auf eigene Belange, die aufgrund des veränderten gesellschaftlichen Rahmens das Gemeinschaftsdenken zugunsten eines verstärkten Individualismus ablösten. Mit der Wahl des Hauptdarstellers wurde diese Intention unterstrichen, steht er doch für Einzelgänger, Psychopathen und Narzissten wie kaum ein anderer Schauspieler.

Klaus Kinski, der sich seit Mitte der Sechziger Jahre zunehmend auf internationalem Parkett etablieren konnte, war ein zugkräftiger Name im italienischen Kino. Sein markantes Gesicht und das Timbre seiner charakteristischen Stimme, die von einem zischenden Flüstern bis zum messerscharfen Einspruch alle Nuancen beherrschte, zogen die Aufmerksamkeit des Publikums nach sich, das dem Mimen stets mit vorsichtigem Respekt begegnete. John Alexander bildete den Abschluss einer Phalanx an exzentrischen Rollentypen innerhalb der Wallace-Krimireihe und stellt wohl jene Figur dar, für welche der Zuschauer am meisten Verständnis aufbringt. Die Identifikation läuft mithilfe mehrerer dramaturgischer Kniffe sehr subtil ab und engt das Blickfeld des Publikums auf die Wahrnehmung von John Alexander ein. Durch seine Augen und mit seinen Überlegungen gestaltet sich die Suche nach der Wahrheit zu einer psychologischen Herausforderung, während klassische Ermittlungen von Seiten der Polizei eher dezent im Hintergrund ablaufen. Das Unbehagen über den grausamen Flammentod seiner schönen Frau egalisiert die negativen Empfindungen, welche sich John anfangs durch die klaren Worte und Handlungen Helens zu Eigen machte. Der Tod komplettiert das Mysterium, das seine Frau umgab, die sich durch Margaret Lee nachhaltig im Gedächtnis des Publikums festsetzen kann. Wiederum bietet der Film hier einen Kunstgriff, der sich schon mehrfach bewährt hat: die schöne Heldin verlässt die Bühne (des Lebens) nach kurzer Zeit, ihr Schatten legt sich jedoch über die Handlung wie ein unsichtbarer Begleiter, der raunend durch die Träume des Hauptdarstellers geistert. Christiane Krüger wirkt durch ihre Natürlichkeit und Spontanität wie die harte Realität, die den Mann aus seiner Gedankenwelt auf den Boden der Fakten zurückholt und ihm signalisiert, dass er dem Druck nur standhalten kann, wenn er sich an Tatsachen hält und das Wesentliche nicht aus den Augen verliert. Ihre Figur bildet das ungeschliffene Gegenstück zu den Damen Helen und Liz; ihre Direktheit zieht unausgereifte Handlungen nach sich und bringt sie in Schwierigkeiten, aus denen sie sich dann mit Mühe wieder herausmanövrieren kann. Entgegen des Eindrucks, den ihre Anwesenheit in der Villa anfangs gibt, ist sie weit weniger unabhängig als es den Anschein hat, was ihre Rolle später ins Nichts laufen lässt. Christiane Krüger fungiert als Türöffnerin in die grelle Welt des Zeitgeistes, den Klaus Kinski weitläufig zu umgehen sucht, indem er die Insignien seiner traditionsbewussten Sphäre betont. Sein Ringen um Fassung steht für den Wunsch nach Antworten.

"Das Gesicht im Dunkeln" hat auch fünfzig Jahre nach seiner Uraufführung im Mathäser Filmpalast München nichts von seiner morbiden Faszination verloren. Die atmosphärische Dichte seiner Schauplätze; die unheilvolle Stimmung, welche wie Blei über den Personen liegt und der perfide Plan einer Verschwörung sorgen dafür, dass sich der Film in der Wahrnehmung des Zuschauers tief verankert. Das Gefühl der Einsamkeit des Individuums, der Vorsatz der Täuschung und ein Hang zum Sadismus bringen den Verlauf der Geschichte mit kontinuierlicher Spannung voran. Die Allianz von Akustik und Optik arrangiert Momente der tiefen Verzweiflung und der tröstenden Melancholie, wobei sich der Hauptdarsteller durch punktgenau gesetzte Akzente bewährt und seiner Figur Würde verleiht. Die Geister der Vergangenheit jagen ihn durch die Räume seines Lebens, vermögen aber nicht, ihn zu brechen oder seinen klaren Verstand zu trüben. Das Tempo zieht immer wieder an und äußert sich in neuen Wendungen, die einen Kriminalfall konstruieren, der in seinen Prinzipien klassische Elemente in Anspruch nimmt, sie jedoch um einige exaltierte Facetten anreichert. Dazu zählen zweifellos die Motorrad-Party unter Hippies, das "Schattenboxen" im Fotostudio und der Film im Film, der seinen Finger in eine Wunde steckt, die der männliche Hauptdarsteller erst nach dem Tod seiner Frau richtig wahrnimmt. Der Gleichmut, mit dem sich das Ehepaar begegnet war, wandelt sich gezwungenermaßen in ein neues Interesse, als das Gefüge auseinanderbricht und die andere Hälfte mit in die Tiefe zu reißen droht. Es gelingt dem Mann zwar, gerade noch zur Seite zu springen und seinen Kopf aus der für ihn bereiteten Schlinge zu ziehen, die Konsequenzen aus dem Tod seiner Frau werden jedoch lange nachhallen. Dieser bittere Kern ist in vielen Giallo-Geschichten enthalten, was sie von den Anfängen der Edgar-Wallace-Reihe deutlich unterscheidet, wo sich am Ende stets ein glückliches Paar fand, das in seiner von der Kriminalität gesäuberten Welt ein neues Leben beginnen konnte. Die Abkehr vom Märchenfaktor ist ein Zugeständnis an eine veränderte Gesellschaftsordnung, in der Gut und Böse nicht strikt getrennt marschieren, sondern sich immer wieder begegnen und kurzfristige Allianzen eingehen. Der Film bietet deshalb weder ein Patentrezept, noch ein Musterbeispiel für einen cosy little whodunit, sondern eine Momentaufnahme aus der sorgenvollen Welt der finanziell Sorglosen, weshalb man "Das Gesicht im Dunkeln" immer wieder neu entdecken kann.

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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »

Percy Lister hat geschrieben:
Do., 26.11.2020 16:05
Mit der Wahl des Hauptdarstellers wurde diese Intention unterstrichen, steht er doch für Einzelgänger, Psychopathen und Narzissten wie kaum ein anderer Schauspieler.

Im Bezug auf Kinskis Hauptrolle ist ja nicht selten zu vernehmen, dass die Anlegung der Rolle als Verdächtiger nicht aufgehen will, was ich aber gar nicht finden kann. Als ich den Film erstmalig sah, kannte ich Kinski aus vielen anderen Wallace-Filmen und daher zählte er auch zum unmittelbaren Kreis der Verdächtigen. Das dürfte zur Entstehungszeit nicht grundlegend anders gewesen sein, immerhin hatte Kinski sich oft als Verdächtiger empfohlen. Hinzu kommt John Alexanders Wirkung als teils arroganter Snob und mental angeschlagener Lebemann. Mir gefällt Klaus Kinski hier und ich halte ihn auch für die geeignete Wahl, wenngleich sie gemessen am ausgebliebenen Erfolg auch nicht aufging. Interessant ist auch, dass Horst Wendlandt nicht in den deutschen Titelcredits genannt wird und dass die Bauten und Kostüme von Luciano Spadoni stammen, der hier den Inspektor Gordon spielt. Zeugt ein wenig von Sparkurs, obwohl er weit über eine Million D-Mark gekostet hat.

Richie Pistilli hat geschrieben:
Mi., 25.11.2020 19:31
Leider fällt die Spielzeit der bezaubernden Margaret Lee mal wieder zu dünn aus.

Auch wenn man ihre entfernten Szenen mit rein nimmt, ist die Auftrittsdauer schon recht kurz ausgefallen, das stimmt. Einerseits bin auch oft enttäuscht, wenn es schnell mit jemandem vorbei ist, aber andererseits mag diese exponierten Rollen irgendwie auch sehr gerne. Etwas zwischen Haupt- und Nebenrolle sozusagen. Für die Geschichte ist das schnelle Verschwinden von Margaret Lee jedoch sehr wichtig, da das anvisierte, geheimnisvoll wirkende Element somit erst erzeugt werden kann. Helen schwebt ja quasi bis zum Ende wie ein Schatten über dem Szenario, was ich für einen sehr gelungen Effekt halte. Natürlich hätte die ein oder andere Einstellung nicht geschadet, eventuell Momente der Zweisamkeit mit Annabella Incontrera oder einige Szenen mit Sydney Chaplin, in denen Helen ihre Abneigung demonstrieren hätte können. Meine Lieblingsidee bleiben allerdings ein paar prägnante Rückblenden mit ihr und John, oder anderen wichtigen Beteiligten. Das hätte den Film noch runder gemacht.

Mater_Videorum hat geschrieben:
Mi., 25.11.2020 19:46
Kursierte nicht sogar mal das Gerücht von einer BD-Auswertung aus dem Hause Koch?

Leider keinen Schimmer, aber ich wäre natürlich sofort dabei! :D

Percy Lister
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Percy Lister »

Prisma hat geschrieben:
Fr., 27.11.2020 20:50
Interessant ist auch, dass (...) die Bauten und Kostüme von Luciano Spadoni stammen, der hier den Inspektor Gordon spielt. Zeugt ein wenig von Sparkurs, obwohl er weit über eine Million D-Mark gekostet hat.
Entgegen vieler Einwände bezüglich der Ausstattung und der Kostüme, welche in traditionellen Edgar-Wallace-Fan-Kreisen geäußert werden, haben mir die Bauten schon bei der ersten Sichtung sofort zugesagt. In fast schon ikonischen Szenen (Kinski, der mit dem Kerzenleuchter über die breite Treppe nach oben geht) werden der Luxus und die Exzentrizität von Helen Alexander sehr einprägsam inszeniert. Die Villa des Ehepaars, die Kostüme, der Schmuck, die Hüte und die Schuhe der Damen sprechen nicht für die oft verlautbarte Meinung, "Das Gesicht im Dunkeln" wäre ein schaler, billiger Abgesang der Reihe.

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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »

Ich hatte das weniger auf Kostüme und Ausstattung bezogen, als auf Luciano Soadoni selbst, mit dem man sich einen weiteren Schauspieler sparen konnte, da er eine nicht gerade unwichtige Rolle übernommen hatte. Spadonis Inspektoren-Figur gefällt mir hier sehr gut, ich mag die Ruhe bei seinen Erhebungen und das permanente Umdenken in einem nebulösen Fall. Günther Stoll als sein Kollege bleibt im direkten Vergleich unauffällig, was vielleicht auch an seinen stärkeren Rollen innerhalb der Reihe an sich liegen mag. Dennoch hat Günther Stoll hier so gut wie gar keine Möglichkeiten, viel aus dieser Rolle herauszuholen. Dass "Das Gesicht im Dunkeln" häufig als billiger Abgesang der Reihe angesehen wird, stimmt leider, und des dürfte vor allem daran liegen, dass die Reihe nach Fredas Beitrag erst einmal unterbrochen wurde, was es seit 1959 ja noch nie gegeben hatte. Hinzu kommt der neue Stil, der vielen bitter aufgestoßen sein dürfte. Und das nicht nur damals.

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Richie Pistilli
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Richie Pistilli »

Prisma hat geschrieben:
Mi., 02.12.2020 20:50
Dass "Das Gesicht im Dunkeln" häufig als billiger Abgesang der Reihe angesehen wird, stimmt leider, und des dürfte vor allem daran liegen, dass die Reihe nach Fredas Beitrag erst einmal unterbrochen wurde, was es seit 1959 ja noch nie gegeben hatte. Hinzu kommt der neue Stil, der vielen bitter aufgestoßen sein dürfte. Und das nicht nur damals.

Ich sehe STECKNADEL, HALBMOMD, GESICHT, HANDSCHUHE und GRAB weiterhin als reine Gialli an, bei denen CONSTANTIN/RIALTO lediglich ein paar Schauspieler, Cutter (für die deutsche Schnittfassung), Geld und ggf. noch ein paar Techniker beisteuerte. Die Filme an sich sind meines Erachtens glasklare Gialli all'italiana, und zwar durch und durch. Angefangen bei den Drehbüchern, die in den meisten Fällen nicht nur von Italienern verfasst wurden, sondern auch auf Büchern oder Geschichten beruhten, die keinesfalls dem E.W.-Universum entstammten. Die SCHWARZEN HANDSCHUHE beruhen beispielsweise auf dem Roman 'The Screaming Mimmi' (Die schwarze Statue) von Frederic Brown und DER SILBERNE HALBMOND auf der Novelle 'Rendevouz in black' von Cornell Woolrich. Sowohl Dario Argento als auch Umberto Lenzi ließen in Interviews verlauten, dass sie erst viele Jahre später davon erfuhren, dass ihre Gialli in Deutschland unter dem E.W. bzw. B.E.W.-Gütesiegel vermarktet wurden. Dass diese Filme dem damaligen Publikum suspekt vorkamen, kann ich gut nachvollziehen, denn viel haben diese deutsch-italienische Koproduktionen mit der ursprünglichen Reihe nicht mehr gemein.

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alan_cunningham
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von alan_cunningham »

Das Buch "The screaming Mimi" habe ich neulich erst wieder gelesen. Es ist sehr spannend, teilweise ziemlich humorvoll und wirklich enorm unterhaltsam! :) An der Story von "Das Gesicht im Dunkeln" hatte ja auch Lucio Fulci mitgearbeitet. Er war mit dem Ergebnis unzufrieden und drehte anschliessend "Nackt über Leichen" ...

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franchise
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von franchise »

Mater_Videorum hat geschrieben:
Mi., 25.11.2020 19:46
Kursierte nicht sogar mal das Gerücht von einer BD-Auswertung aus dem Hause Koch?
Italo wünscht sich das immer bzw. postet immer, dass die Köche hier doch bitte etwas anrühren sollen.
Die Arrow VÖ war 06/2019. Wie lang ist deren exklusiv Rechte Sperre - ein oder zwei Jahre?
4K-Beamer: Sony VPL-VW760 mit HDR Tuning / OLED-TV: LG 65EG9609 / UHD-Player: Oppo UDP-203 (UDP20XEU-65-0131)
21:9 Leinwand: 2,80m Screen Excellence / 5.1 Sound: Pioneer SC-LX87, Nubert NuVero 14 Set

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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »

Richie Pistilli hat geschrieben:
Do., 03.12.2020 18:29
Ich sehe STECKNADEL, HALBMOMD, GESICHT, HANDSCHUHE und GRAB weiterhin als reine Gialli an, bei denen CONSTANTIN/RIALTO lediglich ein paar Schauspieler, Cutter (für die deutsche Schnittfassung), Geld und ggf. noch ein paar Techniker beisteuerte. Die Filme an sich sind meines Erachtens glasklare Gialli all'italiana, und zwar durch und durch.

Das habe ich immer schon völlig anders gesehen und ich bleibe dabei, dass ohne Constantin und Rialto Film oder auch die cCc Filmkunst beinahe keiner dieser Filme existieren würde. Das Wort oder die Marke Giallo transferieren wir per Klassifikation heute vielleicht etwas vorschnell zurück nach vorn. Es hört ich daher ein bisschen abwertend an, dass die deutschen Co-Produzenten lediglich etwas beisteuerten. Ich glaube nicht, dass Constantin/Rialto sich an italienische Projekte heran gehangen haben, es war wohl eher umgekehrt, oder wenn überhaupt eine Art Mittelweg auf Kooperationsbasis. Krimis oder Thriller made in Germany sollte vermutlich Territorium gutmachen, die italienischen Produktionspartner spekulierten auf einen Teil vom Kuchen, da sich der immense Erfolg natürlich auch über deutsche Grenzen hinweg herumgesprochen hatte, was nicht heißt, dass man Wallace daraus machen wollte. Vielleicht kommt es immer auch ein bisschen darauf an, was man in diesem Zusammenhang zuerst kennen gelernt hat. Bei mir war das alles unter dem Wallace-Banner, folglich finde ich es für mich persönlich nahezu grotesk, einen isolierten Giallo daraus machen zu müssen. Es waren echte Edgar-Wallace-Filme, da sie unter diesem Siegel vermarktet wurden; warum sollten sie das heute nicht mehr sein? Nur weil Regisseure und Stabsmitglieder rückblickend despektierlich über die erfolgreichste deutsche Reihe reden, schockiert tun, weil es unter Wallace lief? Ich kann es nach wie vor kaum glauben, wenn ein Regisseur wie Lenzi behauptet, er habe nichts davon geahnt. Im Fall "Das Gesicht im Dunkeln" ist die Lage nun mal so, dass Rialto nur zu 30 % an de Produktionskosten beteiligt war, was aber nicht pauschal heißt, dass man lediglich ein paar Sachen beisteuern durfte. Paul Hengges Drehbuch soll dem Vernehmen nach als Basis für den Film brillant gewesen sein, wurde dann aber von Freda grobschlächtig überarbeitet. Solange wie ich in Foren unterwegs bin, höre ich immer wieder, dass die oben genannten Filme mit der Definition Wallace/Giallo/BEW stehen oder fallen. Das habe ich noch nie nachvollziehen können, wenn beispielsweise gesagt wird, es handle sich um schlechte Wallaces aber gute Gialli. Ich halte es lieber so, dass ich beides mit- oder annehme, und doppelt profitiere. "Das Gesicht im Dunkeln" mag ich trotz liegen gelassenen Potenzials so wie er ist, vor allem weil er innerhalb der Reihe der Film ist, der in mancherlei Hinsicht beispiellos war und geblieben ist.

Richie Pistilli hat geschrieben:
Do., 03.12.2020 18:29
Angefangen bei den Drehbüchern, die in den meisten Fällen nicht nur von Italienern verfasst wurden, sondern auch auf Büchern oder Geschichten beruhten, die keinesfalls dem E.W.-Universum entstammten.

Gut, das ist ein Einwurf, den sich etliche der Filme gefallen lassen müssen, egal ob Edgar, oder Bryan Edgar Wallace, aber auch Gialli. Viele Stoffe wurden nur frei erzählt, bei etlichen wurden auch nur Titel der Romanvorlagen verwendet, und wenn man es genau nimmt, dürfte so eigentlich fast kein einziger Film unter diesen Bannern laufen. Das ist für mich aber auch nicht der springende Punkt, denn die Fan-Basis wollte einfach ähnlich gelagerte Filme sehen, die der Reihe zugeordnet werden konnten. So wäre es wirtschaftlich gesehen auch völlig unlogisch gewesen, die Filme für den deutschen Markt einfach so laufen zu lassen, genau wie es für Italien keine sinnvolle Option gewesen wäre, Wallace-Beiträge daraus zu machen. Nach dem Misserfolg von "Das Gesicht im Dunkeln" wurden die weiteren geplanten Filme für die Saison 1969/1970 fallen gelassen, leider nie realisiert. Dass es 1971 weiter ging, ist streng genommen dem Überraschungserfolg von "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" zu verdanken, der von Artur Brauners cCc Filmkunst co-finanziert wurde. Brauner hat dieses Modell immer ganz gerne für sich genutzt, oft mit großem Mut und hohem Einsatz, und es ist rückblickend ein Segen, da viele beachtliche Produktionen dabei heraus kamen, die über den Tellerrand gedacht haben. Bei Rialto hat man zu diesem Zeitpunkt wahrgenommen, dass diese Formate eben noch nicht auf dem absteigenden Ast waren und dann hat man noch ein bisschen weiter gemacht.

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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »



Hier noch der Original-Kino-Trailer, der nicht zuletzt wegen des grandiosen Off-Kommentars glänzt. :D



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Prisma
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Re: DAS GESICHT IM DUNKELN - Riccardo Freda

Beitrag von Prisma »



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● MARGARET LEE als HELEN ALEXANDER in
DAS GESICHT IM DUNKELN (D|I|1969)



Riccardo Fredas Edgar-Wallace-Beitrag "Das Gesicht im Dunkeln" wartet mit einer Reihe von unterschiedlich angelegten Frauenrollen auf, von denen auf ihre bestimmte Art und Weise jeweils eine Bedrohung für den Protagonisten der Geschichte ausgeht. Wie jede ihrer Kolleginnen, hat auch Margaret Lee eine sehr kurze Erscheinungsdauer, jedoch wird gerade ihr das Privileg der Dramaturgie zuteil, die Geschichte aus dem Off dominieren zu können. Helen Alexander kam ganz offensichtlich bei einem fingierten Autounfall ums Leben, doch gewisse Anzeichen deuten darauf hin, dass sie möglicherweise noch am Leben ist. So sieht ihr Ehemann John sie beispielsweise in einem Pornofilm, der nach ihrem tödlichen Crash gedreht worden sein muss. Von handwerklicher Seite wurden somit etliche von Helens Markenzeichen mit in das Szenario integriert, die beim Zuschauer ebenfalls Zweifel aufkommen lassen. Die Strategie, eine totgeglaubte Person quasi wie einen dunklen, aber stets präsenten Schatten über dem Szenario schweben zu lassen, hat sich so gut wie immer als effektives Stilmittel herausstellen können und die Suche nach dem Phantom kann beginnen, somit das Elixier eines Films bilden, so wie hier auch. Helen Alexander wird trotz ihrer wenigen Szenen schnell und nachhaltig integriert und charakterisiert. Zu diesem Zweck kommt es der Produktion zugute, eine überzeugende Expertin wie Margaret Lee mit an Bord zu haben. Nach dem 1966 entstandenen "Das Rätsel des silbernen Dreieck", in dem sie ebenfalls eine kürzere Rolle zu spielen hatte, sieht man interessiert bei ihrem Wallace-Ausstand zu, den sie perfekt löst, da die Rolle optimal skizziert wurde. Ihre erste Szene ist wegweisend und bezeichnend für das momentane Verhältnis zu ihrem Mann, denn die attraktive Millionärin lässt sich in der Badewanne von ihrer Freundin Liz verwöhnen und man spricht ganz offen darüber, dass die Trennung unmittelbar bevorsteht.

Schnell wird der Zuschauer mit weiteren Informationen durch Helens Stiefvater versorgt, der ihren Egoismus, ihre Wesenskälte und Eigenwilligkeit hervorhebt und im Endeffekt nicht gerade schmeichelhaft von ihr spricht. Dass man auch über die Vermögensverhältnisse aufgeklärt wird, liefert gleichzeitig ein Blanko-Motiv für den später folgenden, tödlichen Unfall, der ganz nach Wallace-Manier mörderische Hintergründe hat. Trotz weniger Szenen Margaret Lees kann man von einer gut strukturierten Rolle sprechen, die ihre Schlüsselmomente gebündelt und flüssig hervorbringt. Ein Gespräch zwischen Helen und John beim Pferderennen charakterisiert die momentane Ehe-Situation sehr gut, man spricht offen über ihre Freundin und das Verhältnis zu seiner Sekretärin, aber auch darüber, dass es zu einem Schlussstrich kommen wird. Vor allem hier zeigen sich die Kompetenzen der Margaret Lee sehr gut. In ihrem Verhalten zeigt sich ein Ausdruck von Rücksichtslosigkeit und Kälte, beinahe sachlich und emotionslos erklärt sie ihrem Mann die neuen Voraussetzungen und nennt bei dieser Gelegenheit Liebe und Finanzen gleichzeitig in einem Atemzug. Im Grunde genommen wird eine ganz klassische Schablone des Krimis, beziehungsweise eine Form der Opferrolle bedient, denn Verbrecher und Verbrechen werden förmlich vom Opfer selbst herausgefordert. Der Kreis der Verdächtigen hält die Erinnerung an die jeweilige Person schließlich am Leben und hier ist es sogar Helen selbst, da sie trotz ihres Verschwindens omnipräsent bleibt. So ist letztlich zu sagen, dass Margaret Lee ihre feine Schlüsselrolle sehr nachhaltig und beeindruckend prägt, weil sich das anvisierte, verwirrende Element über sie entfalten kann. Übrigens sollte hier auch nicht unerwähnt bleiben, dass Margaret Lee in "Das Gesicht im Dunkeln" in einer geheimnisvollen Schönheit zu sehen ist, wie sie vielleicht kein zweites Mal in dieser Auffälligkeit wahrzunehmen war. Zweifellos einer ihrer interessantesten Auftritte!



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