DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN - Lucio Fulci

Schwarze Handschuhe, undurchsichtige Typen, verführerische Damen und stylische Kills.
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Percy Lister
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DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN - Lucio Fulci

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"The Psychic - Die sieben schwarzen Noten" (Sette note in nero) (Italien 1977)
mit: Jennifer O'Neill, Marc Porel, Gianni Garko, Ida Galli, Gabriele Ferzetti, Jenny Tamburi, Fabrizio Jovine, Riccardo Parisio Perrotti, Vito Passeri, Loredana Savelli, Salvatore Puntillo, Bruno Corazzari, Luigi Diberti, Veronica Michielini, Fausta Avelli, Francesco Angrisano u.a. | Drehbuch: Lucio Fulci, Roberto Gianviti und Dardano Sacchetti | Regie: Lucio Fulci

Oktober 1959: Eine Klosterschule in Florenz. Die Schülerin Virginia nimmt den Selbstmord ihrer Mutter an einer Küste Südenglands wahr. Die Frau fährt in ihrem Wagen bis zu den Klippen und stürzt sich hinunter. Achtzehn Jahre später ist Virginia, mittlerweile Innenarchitektin, verheiratet und auf dem Weg in ihr neues Zuhause. Ihr Ehemann Francesco Ducci will nach Jahren der Abwesenheit in sein Haus zurückkehren und es von seiner Frau neu dekorieren lassen. Unterwegs muss Virginia mehrere Tunnel durchfahren und hat in einem davon eine Vision: Sie sieht ein Mordopfer und eine Frau, die in einem elegant eingerichteten Zimmer eingemauert wird. Umso erschrockener ist sie, als sie feststellt, dass sich der Raum, den sie in ihrer Vision gesehen hat, in ihrem neuen Heim befindet. Unverzüglich macht sie sich mit der Spitzhacke daran, die vermutete Leiche freizulegen. Tatsächlich findet Virginia das Skelett einer circa fünfundzwanzig Jahre alten Frau, einer früheren Geliebten ihres Ehemannes ...

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Der Giallo-Thriller wartet mit einem genretypischen sprechenden Titel auf, der gerade so viel preisgibt, um das Publikum neugierig zu machen und auf eine vielversprechende Fährte zu führen. "The Psychic" bedeutet 'medial, hellseherisch veranlagte Person' und weist auf die Visionen der Hauptdarstellerin, welche die Filmhandlung dominiert, hin. "Die sieben schwarzen Noten" geben den Schlüssel zu einer entscheidenden Szene des Films und zudem im Finale ein wenig Hoffnung. Jennifer O'Neill prägt als weiblicher Bezugspunkt das Geschehen, indem sie durch den vehementen Wunsch nach Wahrheitsfindung die Sympathien des Zuschauers weckt, der ebenso in den Sog ihrer Vision hineingezogen wird. Sie ist eine Heldin, wie man sie sich im Giallo wünscht: stark, tapfer, mutig und auf faszinierende Weise schön. Die Kamera versäumt es in kaum einer Einstellung mit der Amerikanerin, sie in Großaufnahme in Szene zu rücken, wobei die Kommunikation rein über ihre Mimik sehr gut funktioniert. Dialogarme Sequenzen erfordern ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, was Jennifer O'Neill zahlreiche empathisch gestaltete Momente beschert, in denen ihre Gedanken und Vermutungen visuell sichtbar werden. Trotz einer dezenten Dreieckskonstellation ist die Frau im Grunde allein, da sie auf Unverständnis und Zweifel stößt, die eine unsichtbare Barriere zu ihren Vertrauten errichten. Der Seelenverwandte, dessen platonische Zuneigung für Halt sorgt, sowie der offizielle Partner als Instanz, deren Lauterkeit von der Obrigkeit in Frage gestellt wird, stellen zwei unterschiedliche Faktoren im Leben der Frau dar, die ansonsten weitgehend isoliert ist, weil sie weder in ein aktives berufliches Umfeld, noch in einen Freundeskreis eingespannt ist. Das Ehepaar ist erst seit sechs Monaten verheiratet, doch die Vergangenheit wirft bereits ihre Schatten auf die Beziehung. Mit ihrem Psychotherapeuten hat Virginia ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das ihr bei ihren Nachforschungen eine Stütze ist, auch, als der angetraute Gatte bald hinter Gittern verschwindet und die junge Frau ihre Tage mit dem Kontaktieren von Zeugen, die das Mordopfer Agnese vor ihrem Tode sahen, verbringt. Immer mehr Elemente aus Virginias Vision erlangen Realität und ebnen den Weg zur Erkenntnis, dass die furchtbaren Bilder zum größten Teil Ereignisse zeigen, die in der Zukunft liegen und sie selbst betreffen.

Die bruchstückhaften Szenen suggerieren Rückblenden und kaschieren dabei, dass es Ausblicke sind, die zunehmend für Beklemmung sorgen. Die Besinnung auf sich selbst, die zunächst von den Sorgen um das Schicksal einer anderen Frau überlagert wird, zeigt die Gefahr auf, die sich durch bedingungsloses Vertrauen und Loyalität ergibt. Lucio Fulci kontrastiert den düsteren Unterton seiner Geschichte mit gedeckten Farben, erdigen Tönen und einer milchigen Ausleuchtung emotionaler Szenen, um der opulenten Einrichtung der alten Familiensitze und den Auftritten seiner Schauspieler Authentizität und Nachhaltigkeit zu verleihen. Die blutrote Lampe im Mordzimmer verheißt eine Warnung vor Gewalt inmitten dieser wohlgeordneten Welt, in der jeder Gegenstand an seinem Platz ist. Schwere Hölzer, dunkle Treppenhäuser und finstere Parks kontrastieren mit offenen Plätzen und sanften Wiesen, wo Virginia jeweils kurze Szenen des Glücks und der Freiheit erlebt. Ida Galli ist der Gegenentwurf zur wohlerzogenen Hauptdarstellerin. Ihre selbstbewusste Kühnheit nährt sich aus Erfahrungen, die sie mit zynischen Verbalspitzen ausgestattet haben und ihre Sicht der Dinge weitaus nüchterner werden ließ. Anhänglichkeit ist in ihren Augen ein Zeichen der Schwäche, welches die persönliche Freiheit, sich zu nehmen, was man will und braucht, einschränkt. Die Schauspielerin wirkt optisch sehr anziehend, suggeriert aber auch eine Abwehrhaltung, bei der jederzeit die Krallen ausgefahren werden können. Trotz ihrer tadellos inszenierten Damenhaftigkeit strahlt sie jene Aspekte der Dekadenz aus, die Virginia fremd sind. Musikalisch wartet der Film mit beunruhigenden Disharmonien auf, die einen Nachhall zum romantischen "With you" von Linda Lee bilden, das trotz der Verheißung eines glücklichen Paares traurig stimmt. Der kluge Aufbau von "The Psychic" unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der die Geschichte erzählt wird und die keinerlei Ablenkung durch erotische oder komödienhafte Seitenpfade erfährt, wie es sonst oft und gern in Produktionen des Genres der Fall ist. Das Verbrechen hat sich in der besten Gesellschaft eingenistet wie ein ungebetener Gast und wird dementsprechend unsanft vertuscht. Lucio Fulci ist ein zeitloser Klassiker gelungen, der auf hohem Niveau zu unterhalten weiß und eine vielschichtige Handlung zum Genuss der Sinne auf die Leinwand projiziert.

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