DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Schwarze Handschuhe, undurchsichtige Typen, verführerische Damen und stylische Kills.
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Sid Vicious
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DAS GRAUEN KOMMT NACHTS - Renato Polselli

Beitrag von Sid Vicious »

Regisseur: Renato Polselli
Kamera: Ugo Brunelli
Musik: Gianfranco Reverberi
Drehbuch: Renato Polselli
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Doktor Herbert Lyutak ist ein geschätzter sowie gefragter Psychiater, welcher der Polizei (bei Mordfällen) mit Rat und Tat zur Seite steht. Was niemand weiß: Herbert leidet unter Potenzproblemen. Er arbeitet allerdings emsig an seiner Genesung und prüft seine Manneskraft mittels eines Vergewaltigungsversuchs. Doch der Schuss geht nicht nur nach hinten, sondern gar nicht los, sodass der frustrierte Seelenklempner das Opfer, ein junges Mädchen, postwendend ermordet. Da Herbert fortan von Halluzinationen und Depressionen geplagt wird, gesteht er seiner Frau, Marcia („Marcia! Warum?“), den Mord. In der Folgezeit kommt es jedoch zu weiteren Gräueltaten im Umfeld des Ehepaars. Doch diesmal kann Herbert nicht der Mörder sein. Was ist hier eigentlich los?

"Ich will versuchen, ob die Chance einer Heilung für dieses Individuum besteht. Mit einer Untersuchung biochemischer-chromosomatischer Art und Weise. Ich weiß selbst noch nicht genau." (Doktor Herbert Lyutak)

Zitate dieser Art manövrieren den Zuhörer in einen individuellen Kosmos des Schwachsinns. Doch sollte man, ohne die Begeisterung für dieses außerordentlich bizarre Sprachkonstrukt zu schmälern, „Das Grauen kommt nachts“ nicht zu sehr an der bundesrepublikanischen Tonbearbeitung festmachen. Denn wer vor oder während der der Sichtung die italienische Tonspur aktiviert, dem wird die Möglichkeit offeriert, diesen Film vollkommen neu zu entdecken. Während dieser Expedition zeigt sich der von der Imaginationen gesteuerte Wahn im Vergleich zur „realen“ Manie als ein gleichberechtigter Indikator. Auf diese Weise wird der ohnehin stark groteske Eindruck, den der Film hinterlässt, additional befruchtet. Dabei schwingt der Rezipient zwischen Trance, Drogenrausch und Wahnsinn. Anhand dieser Marschroute gelingt es dem Streifen natürlich zahlreiche Fragen zu reflektieren, deren Antworten sich allerdings nur in Polsellis privater Datenbank des kreativen Irrsinns entdecken lassen.

Einhergehend legen die Protagonisten ein extrem befremdliches Verhalten an den Tag. Eine Szene in der sich die die Darsteller/innen ohne ersichtlichen Grund auf dem Boden wälzen, rückt diesbezüglich besonders eindringlich in den Fokus. Das bizarre, von psychedelischer Rockmusik untermalte, Treiben könnte durchaus einem „Haunted House-Film“ entnommen sein und reflektiert weniger die Atmosphäre eines Giallo-Thrillers wieder. Jene umrissene Szene ist freilich kein Unikat, denn die Filmcharaktere hinterlassen in unzähligen Momenten einen Eindruck, als hätten sie zuviel weißes Pulver durch ihre Nasenflügel gejagt. Man beachte Mickey Hargitays sonderbare „Spiegel-Szene“ und …. und … und …

Polsellis Film ist halt eine Belastungsprobe, die dem Rezipienten eine Eignung oder Nichteignung für dessen (Polsellis) Kabinett des Absurden attestiert. Das Skurrile, das Närrische, das fast Undefinierbare, welches „Das Grauen kommt nachts“ versprüht, kommt einem Magnet gleich, der den Zuschauer immer tiefer ins Delirium hineinzieht. Wer allerdings nach der Sichtung voreilig behauptet, dass die Abgedrehtheit, die der Film zueigen hat, nicht zu übertreffen ist, der hatte mit Sicherheit noch nicht die Möglichkeit, sich mit Polsellis „Lusthaus teuflischer Begierde“, „Mania“ oder „The Reincarnation of Isabel“ auseinander zu setzten, denn die genannten Filme maximieren den bereits eindringlich definierten und stark überschüssigen Irrsinn ins nahezu Unermessliche.

Die (bereits angesprochene) deutsche Synchronisation ist das „Speziellste“, was mir je zu Ohren kam. Wir lernen den Kartoffel und die Hyäne kennen und instinktive Verdachtsmomente verraten uns wo wild getanzt wird. Es ist teilweise unfassbar, was man den Protagonisten an Leckerlis in den Mund gelegt hat. Dieses exzentrische Dialogbuch wird (in den Internetquellen) Heinz G. Schier zugeschrieben. Hinter dem Namen versteckt sich Heinz Gerhard Schier respektive Harry Reisch. Dieser hatte Mitte der 1960er quasi im Alleingang und per Eigenverleih Filme wie „Liebe per Inserat“ und „Des Teufels nackte Tochter“ in die Lichtspielhäuser gebracht. Die angesprochenen Dialoge mit denen „Heinz Gerhard Harry Schier Reisch“ seine Zuhörer „bereichert“, animieren gleichermaßen zum Lachflash wie zum Kopfschütteln (damit meine ich kein Headbangen!). Jenes auditive Vergnügen raubt dem Film allerdings große Teile seiner eigentlichen Message, sodass dieser zu einem „Stadl der Kuriositäten“ mutiert, dessen Aussage man nicht für voll nehmen kann und darf. So wird beispielsweise während der zahlreichen Telefongespräche (hier telefoniert ständig jemand) immer die Frage „Bitte?“ in den Hörer gebrüllt. Ferner spricht der Kartoffel von und mit einer Fliege, die noch lebt.

Da jedoch nicht allein die seltsame deutsche Synchronisation für Verwunderung sorgt, sollten Logikfans und Koryphäen-Entlarver den Film (auch bei Auswahl des italienischen Originaltons) lieber nicht sichten, denn „Das Grauen kommt nachts“ wird auf euch Klugscheißer nun wirklich keine Rücksicht nehmen, sodass der erbarmungslose Fährmann des Todes seine Sense in der Tunke des gegenüberliegenden Hauses liebkost und anschließend freudestrahlend die Hyäne im Spiegel vereist, sodass der Beweis, den der Kartoffel in letzter Konsequenz in die Wiese legte, entschlüsselt werden kann, um einhergehend der Fliege zu bestätigen, dass sie tatsächlich noch lebt.

BITTE?
BITTE??
BITTE??
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