SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Schwarze Handschuhe, undurchsichtige Typen, verführerische Damen und stylische Kills.
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Prisma
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SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

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SCHREIE IN DER NACHT


● SCHREIE IN DER NACHT / CONTRONATURA (D|I|1969)
mit Joachim Fuchsberger, Marianne Koch, Dominique Boschero, Helga Anders, Giuliano Raffaelli, Luciano Pigozzi,
Gudrun Schmidt, Marianne Leibl, Marco Morelli, Lella Cattaneo, Giuseppe Marrocco und Claudio Camaso
eine Produktion der cCc Filmkunst | Edo | Super International Pictures | im Inter Verleih
ein Film von Antonio Margheriti

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»Warum weigerst du dich, soll ich dich zwingen?«


Wegen eines starken Unwetters bleibt eine Gruppe der Londoner High Society mit ihrem Wagen im Schlamm stecken. Der wohlhabende Archibald Barret (Giuliano Raffaelli) und sein Partner Ben Taylor (Joachim Fuchsberger) führen wichtige Dokumente mit sich, die am nächsten Tag beglaubigt werden und eine große Erbschaft garantieren sollen. Da das Fahrzeug jedoch festsitzt, begeben sie sich auf die Suche nach einem Unterschlupf. Man findet sich in einem alten Jagdschloss wieder, in dem sie anscheinend bereits erwartet werden. Uriat (Luciano Pigozzi) lädt die Gesellschaft zu einer spiritistischen Sitzung ein, deren Medium seine Mutter (Marianne Leibl) darstellt. Die alte Frau beginnt plötzlich über verborgene Details aus der Vergangenheit der Gäste zu sprechen, bis dunkle Geheimnisse ans Tageslicht kommen. In ihrer Mitte soll sich ein Mörder befinden. Eine Nacht beginnt,die einem Alptraum gleicht...

Nach eigenem Ermessen handelt es sich bei Antonio Margheritis "Schreie in der Nacht" um einen sehr faszinierenden cineastischen Exkurs, was vermutlich daran liegt, dass mehrere beliebte Genres wie Krimi, Giallo, Horror oder etwa Grusel eine beeindruckende Allianz miteinander eingehen. Ob vom Ergebnis her oder wegen der transportierten Emotionen, es stellt sich die Frage, warum letztlich ein Film vorliegt, der zu seiner Entstehungszeit vollkommen verhalten ,beziehungsweise gar nicht wahrgenommen wurde. Sicherlich gibt es dafür mehrere Gründe, doch die einfachste Erklärung ist wohl im größten Vorzug des Films zu finden, da die anwesenden Darsteller mitunter mit stilfremden bis zurückweisenden Interpretationen aus ihren üblichen Schablonen ausbrechen. Dies dürfte global gesehen die ultimative, vielleicht vernichtende Blockade gewesen sein, denn selbst 1969 war man wie es scheint noch nicht ohne Abstriche dazu bereit, die diskrete Progressivität des Films wahrzunehmen und anzuerkennen. Dass Margheriti sich gängiger Plot-Fragmente bedient, ist auf die Zeit bezogen mehr als nachvollziehbar, und dass man sich neben aller Vertrautheit nicht genierte Grenzen zu ignorieren, um sie schließlich zu überschreiten, ist hier sehr hoch anzurechnen. Um die Stärken der Produktion wahrzunehmen, sollte man sich vielleicht nicht auf einen Giallo reinster Seele einstellen, denn das möchte der Film im Grunde genommen oder primär auch nicht darstellen. Am Ende gibt er das auch nicht her. Seine übernatürlichen Elemente sorgen daher lediglich für eine Spiegelfunktion, der immer wieder die Realität hervorbringen wird, und das merkliche Krimi-Feeling kann einer wirtschaftlichen Orientierung zugute gehalten werden. "Schreie in der Nacht" ist vielleicht kein Meisterwerk geworden,denn dafür bleibt man trotz aller Provokation in zu sicherem Fahrwasser. Für einen persönlichen Hall-of-Fame-Beitrag reicht es allerdings spielend. Margheritis Arbeit wirkt vor allem wegen des mutigen Einsatzes seiner Darsteller_innen überaus anziehend, und wenn hier jemand zuerst betrachtet werden sollte, muss das unbedingt Marianne Koch sein.

Die zu diesem Zeitpunkt fast vierzigjährige Deutsche befand sich so gut wie am Ende einer erfüllten und nahezu unfreiwilligen Karriere, und es ist sehr anerkennungswürdig, dass sie fernab ihres bestehenden Images in völlig alternativ angelegten Rollen zu sehen war. Koch wirkt als Schauspielerin möglicherweise eher unauffällig, weil sich ihre Typisierungen dem Empfinden nach häufig ähnelten: Sie interpretierte die Verlässliche, die moralisch Unantastbare, die Konservative oder Erhabene, und vor allem die ewige Landärztin". Betrachtet man ihre Leistung in "Schreie in der Nacht", ist es in vielerlei Hinsicht überraschend, welche Wandlungsfähigkeit und Variabilität sie unter Beweis stellt. In diesem Zusammenhang wirkt diese Interpretation ein Stück weit beispiellos und so darf darüber philosophiert werden, welche Kapazitäten über all die Jahre nicht abgerufen wurden. Marianne Kochs Vivian wird als eine Frau integriert, die zunächst einen seriösen Eindruck macht. Sie hat Stil, ist kultiviert. Schnell stellt sich jedoch heraus, um welch zerrüttete und zutiefst einsame Frau es sich handelt. Die exemplarischen Veranschaulichungen in Rückblenden zeigen ihren aussichtslosen Kampf gegen ihre verborgene Neigung für attraktive Damen, an der sie in fataler Weise scheitern wird. Aus Zurückhaltung wird ein nicht länger zu unterdrückendes Interesse, aus Gier wird Manie und aus Affekt wird Schuld. Marianne Koch bekommt in dieser Handlung viele Nahaufnahmen, die Zooms konzentrierten sich auf ihre kraftvoll-fixierenden Augen, die wortlos und präzise das Spektrum ihrer Gefühlszustände schildern. Ein Erlebnis! Wenn Vivian an die Zweisamkeit mit ihrer Geliebten Elisabeth zurückdenkt, entstehen atemberaubend schön eingefangene Traumsequenzen. In einer wahren Choreografie der Sinne, unterstützt die wunderbare Musik von Carlo Savina diese Eindrücke im Hintergrund, bis die angedeuteten Berührungen der Lippen eine Hochspannung aufbauen, die durch die sich in Andeutungen verlierenden Kamera entschärft wird. Allerdings schießt immer wieder die Realität ein. Vivian sucht nach Zuneigung, möchte andere aber zur Liebe zwingen. Für ihre Verhältnisse ein wohl einmaliges Spektakel, im Gegensatz zu ihren Partnerinnen Helga Anders und Dominique Boschero, die mit derartigen Aufgaben durchaus vertraut waren.

Die Französin Dominique Boschero ist wie üblich umwerfend. Ihre Margarete arbeitet sich - andeutungsweise aus einem bestimmten Metier stammend - zielstrebig bis nach oben, und wird Vivians Objekt der ungestillten Begierde. Im Verlauf kommt es zum erbittertem Widerstand seitens Margarete und zu unerbittlichen Forderungen von Vivian, bis das Ganze in einem visuell und vor allem darstellerisch hoch prägnanten Showdown gipfelt. Helga Anders als Elisabeth wird im Szenario als Auslöser einer Kettenreaktion gezeigt, denn sie ist eine lebenshungrige und eigentlich rücksichtslose, in langweiliger Ehe stehende junge Frau, die hauptsächlich verführerisch, mit halboffenem Mund und aufforderndem Blick zu begutachten ist. Die knisternde Erotik wird demnach nicht neu erfunden, aber sie bekommt pikante Gesichter. Dominique Boschero ist in dieser Beziehung mit von der Partie und die Erotik-Einlagen wirken unter der Beteiligung von Marianne Koch zunächst eigenartig. Die Besetzungsliste wird von Joachim Fuchsberger angeführt, der sich diesmal nicht als Ermittler oder sympathischer Held präsentiert. Er darf sich hier einer seltenen Ambivalenz bedienen und macht seine Aufgabe in dieser für ihn ungewohnten Rolle sehr gut. Ben Taylor erlebte einen beruflichen Abstieg und ist nur noch Lakai seines ehemaligen Geschäftspartners. Sein Zuständigkeitsbereich ist die Drecksarbeit. Die Beziehung zu seiner Frau Vivian ist oberflächlich und zeichnet sich durch unterschiedlichste Erwartungshaltungen aus. Vivian soll in jeder Beziehung nur verfügbar sein und auf Abruf bereit stehen; Nebeneinander Herleben und kleine Affären sind an der Tagesordnung. Am Ende des Films bekommt man schließlich von Joachim Fuchsberger eine überaus denkwürdige Vorstellung geboten. Giuliano Raffaelli als Archibald Barrett ist die vollkommen verlebte und abstoßende Figur. Der ehemalige Partner von Ben hat diesen in der Hand, seine Geliebte ist Margarete, die sich längst mit Barretts neuem Verwalter vergnügt, der perfekt von Claudio Camaso dargeboten wird. Barrett trinkt, spielt, lebt in Saus und Braus und verfolgt nur ein Ziel, nämlich seine Macht auszubauen oder legitimieren zu lassen. So handelt es sich um ein Zusammentreffen der Präzisionsauftritte.

Antonio Margheritis Genre übergreifendes Hybrid ist vielleicht schnell auf die darstellerischen Leistungen reduziert und es besteht sogar die Gefahr, dass er gerade deswegen durchfällt, aber vor allem hier lässt sich der eigenwillige Mut des Films lokalisieren. "Schreie in der Nacht" stellt sich im Verlauf als eine überragende Assoziationskette heraus. Wer Rückblenden und Verschachtelungen schätzt, kommt bestimmt auf seine Kosten, außerdem leistet die Regie Außergewöhnliches im Bereich der zahlreichen gedanklichen Übergänge. Das Stilmittel der Wahl ist in diesem Zusammenhang die Konzentration auf die aussagekräftigen Augen der Darsteller, die auch ohne weitere Kniffe bereits Bände zu sprechen scheinen. Ein ausgiebiger Zoom auf beispielsweise Marianne Kochs eisblaue Augen, ein leerer, kalter Blick, der sich plötzlich in Ausdrucksstärke, Ekstase oder Hochmut verwandelt, bis sich der Zuschauer um Jahre zurück versetzt sieht, und den vermeintlich besseren Zeiten beiwohnen darf. Dieses Spiel mit Nähe und Distanz ist hervorragend, es entsteht insgesamt das Gefühl, dass man sich in einem Strudel befindet, aus dem man sich ebenso wenig befreien kann wie die Protagonisten. Genau genommen ist die Geschichte oft weit weg, da sie im ersten Impuls keinen Realitätstransfer bilden möchte, doch aufgrund der blendenden Charakterstudien fühlt man sich unter Umständen sogar einigen Personen im allgemeinsten Sinne vertraut, was sich vielleicht eher auf geschilderte Stimmungen und Gefühle wie Rache, Eifersucht, Resignation, Verzweiflung oder Glück bezieht. Des Weiteren wird ausgiebig mit Umkehrreaktionen gespielt, was das teils zu behäbig wirkende Erzähl-Tempo immer wieder aufhebt. Mit Carlo Savinas träumerischen Kompositionen werden Stimmungen geschaffen, die in Verbindung mit diesem isolierten Personenkreis in jeder Hinsicht bestimmend wirken. Wenn sich mit fortlaufender Zeit das Unausweichliche oder Unwahrscheinliche bündelt und sich unaufhaltsam zuspitzt, hätten manche Szenen zugegebenermaßen eine deftigere Bildsprache nötig gehabt. Nichtsdestotrotz bietet "Schreie in der Nacht" einen unkonventionellen Gegenentwurf an, der sich in aller Morbidität und Kälte optimal erschließt.

Percy Lister
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Percy Lister »

Prisma hat geschrieben:
Koch wirkt als Schauspielerin möglicherweise eher unauffällig, weil sich ihre Typisierungen dem Empfinden nach häufig ähnelten: Sie interpretierte die Verlässliche, die moralisch Unantastbare, die Konservative oder Erhabene, und vor allem die ewige Landärztin". Betrachtet man ihre Leistung in "Schreie in der Nacht", ist es in vielerlei Hinsicht überraschend, welche Wandlungsfähigkeit und Variabilität sie unter Beweis stellt. In diesem Zusammenhang wirkt diese Interpretation ein Stück weit beispiellos und so darf darüber philosophiert werden, welche Kapazitäten über all die Jahre nicht abgerufen wurden.
In der Tat ist der Auftritt von Marianne Koch vieldiskutiert, deren Rollenfigur Vivian eine Frau zeigt, deren Bedürfnis nach Zärtlichkeit auf das eigene Geschlecht gerichtet ist. Allerdings konnte Marianne Koch wenigstens zum Teil auch vor "Schreie in der Nacht" zeigen, dass sie durchaus auch egozentrisch, listig und intrigant spielen kann, man denke z.B. an ihren Auftritt als Helen Baker in "Tim Frazer" (1963), wo sie Max Eckard durch ihre schamlosen Lügen zur Weißglut bringt und das Publikum sie mit Wonne hasst. In Antonio Margheritis düsterem Film erhält sie die meisten Nahaufnahmen; vor allem ihre Augenpartie rückt immer wieder in den Fokus, wobei das Eisblau je nach Stimmung variiert. Ihre kühle Distanz gibt sie rasch auf, wenn sie eine Chance sieht, auf ihr Ziel zuzusteuern. Sie gehorcht dabei ihrem Grundsatz, Nähe zu suchen, wann sie es will und nicht darauf zu warten, dass ihr Mann den Wunsch nach Zweisamkeit äußert. Ihre Unruhe und die wachsende Verzweiflung, die sich mit dem Rückzug ihrer Geliebten ergibt, lassen sie zunehmend überspannt wirken. Wie ein überhitzter elektrischer Faden verliert sie die Kontrolle und überschreitet eine Grenze, die auf beiden Seiten Tod und Zerstörung bringt. Die Intensität, mit der Marianne Koch ihre Figur porträtiert, zeigt die Gefährlichkeit einer hoffnungslosen Obsession, die zunehmend aus dem Ruder läuft. Helga Anders, zart und dennoch willensstark, entzieht sich der Vereinnahmung durch die ältere Frau, die ihr zunächst als willkommene Bewunderin entgegentritt, sie aber schließlich exklusiv besitzen möchte.

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Prisma
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

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● HELGA ANDERS als ELISABETH in
SCHREIE IN DER NACHT (D|I|1969)



Nach einem halben Dutzend Jahren im Filmgeschäft bewegte sich Helga Anders mit dem von Antonio Margheriti inszenierten Thriller "Schreie in der Nacht" bereits auf die Marke von 30 Auftritten in Kino und Fernsehen zu, sodass man vor allem von einer etablierten Größe in deutschen Produktionen sprechen kann. Hier handelt es sich um einen der wenigen Auftritte in deutsch-italienischer Co-Produktion, bei welchen festzuhalten bleibt, dass sie hier jeweils besonders wirksam inszeniert wurde. "Schreie in der Nacht" lebt sowohl von einer schaurigen Atmosphäre, als auch von besonders intensiven Darbietungen von weiblicher Seite, die durch völlig überraschende und hervorragende Interpretationen von Marianne Koch, Dominique Boschero und eben Helga Anders teils traumhaft untermalt werden. Dabei ist hier eine Helga Anders zu sehen, wie man sie eigentlich bereits hinlänglich präsentiert bekam, allerdings kommt es zu entscheidenden Modifikationen aufgrund der wenig subtilen Anlegung der Rolle. Elisabeth gehört zur besseren Gesellschaft. Was die Männer bei der tatsächlichen Jagd absolvieren, zelebriert sie im persönlichen Umfeld, indem sie potenzielle Liebschaften sondiert und ohne irgendwelche Zeit zu verlieren akquiriert. Das Geschlecht scheint ihr dabei egal zu sein, Hauptsache es kommt zu völliger Hingabe und einem auf sie bezogenen Verfall der Gegenseite. Elisabeth braucht das herausfordernde Gefühl, begehrt zu werden und in Liebesdingen als eine Art Elixier angesehen zu werden, da sie auf der anderen Seite bereit ist, mehr zu geben, als es andere tun. So wirkt die junge Frau überaus freizügig und leichtfertig, doch ihr Preis ist hoch, wie auch Vivian Taylor alias Marianne Koch am eigenen Leib erfahren muss. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine klassische liaison dangereuse, wie sie gefährlicher aber gleichzeitig erfüllender nicht sein könnte, da Elisabeth nie bereit ist, alles zu geben, obwohl es immer mehr erscheint, als bei vergleichbaren Beziehungen, die allerdings konventionell bleiben und unerfüllt zurücklassen.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass die Zeit, in der die Geschichte spielt, noch nicht einmal in einschlägigen Kreisen bereit für gleichgeschlechtliche Liebe, beziehungsweise Libido gewesen ist, und von daher ist es umso prekärer, dass Vivian und Elisabeth sich auf eine leidenschaftliche Affäre einlassen. Ihre Männer, die sie immer nur dann brauchen, wenn ihnen danach ist, besitzen keinen anderen Reiz als eine finanzielle Absicherung. Es ist nichts anderes mehr, als eine Rolle in der sogenannten besseren Gesellschaft zu spielen, in der man noch nicht einmal gewillt ist, an weniger als der Oberfläche zu kratzen. Helga Anders' Performance in dieser weit unterschätzten Produktion ist sozusagen anders, immerhin begibt sie sich auf ein Terrain, dass sie nicht wie üblich im Kreis der Sympathieträgerinnen platziert, sondern sie steht offensiv für Geheimnis, Leidenschaft, Ambivalenz und Sex. Anders' Rolle nimmt im Gesamtgeschehen keine besonders lange Zeit in Anspruch, ist überdies noch komplett als Rückblende angelegt, fasziniert aber von der ersten bis zur letzten Einstellung. Hinter ihrer unscheinbaren Fassade verbirgt sich eine zielstrebige Jägerin, die ihre Beute intuitiv über deren heruntergewirtschaftete Gefühle ausfindig macht. Es scheint dabei egal zu sein, bei wem und wann sie zuschlägt, nur ihr Wille, ihren eigenen Kopf durchzusetzen, ist entscheidend. Helga Anders ist als personifizierte Verführung sehr anziehend zurecht gemacht worden und man kann sie als Zuschauer ebenso fixierend verfolgen, wie sie es zu tun pflegt. Hartes Make-Up um die Augenpartien erinnert im weitesten Sinn an eine Kriegsbemalung, da sie auf ihrem Terrain eine Kämpferin zu sein scheint, wobei das jeweilige Gegenüber, wie beispielsweise Vivian, freiwillig und ohne Kampf kapituliert, aber gleichzeitig wirkt sie auch beinahe wie eine Puppe, zart und zerbrechlich, an deren Mimik ihre eigene stark erinnert. Es handelt sich schlussendlich um eine der vielleicht verführerischsten Darbietungen der beliebten Schauspielerin, die es sich näher anzuschauen lohnt.

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Prisma
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »



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● JOACHIM FUCHSBERGER als BEN TAYLOR in
SCHREIE IN DER NACHT (D|I|1969)



Denkt man an Joachim Fuchsbergers Filmschaffen, bringt man primär seine Rollen in Kriminalfilmen und vor allem dessen Inspektoren-Figuren mit ihm in Verbindung. Eine Tatsache die überaus logisch erscheint, war er doch in seinem Stil und in seiner Ausstrahlung konkurrenzlos und dementsprechend am meisten beschäftigt. In seiner Filmografie gibt es allerdings auch einige alternativ angelegte Charaktere, die überaus konträr zu seinem bestehendem Image und möglicherweise auch zum geforderten Rollenbild stehen. Ben Taylor - in dem 1969 entstandenen Spielfilm "Schreie in der Nacht" - ist ein solches Parade-Beispiel. Zunächst erscheint das Schauspiel von Joachim Fuchsberger identisch mit seiner üblichen Art zu Interpretieren zu sein. Er wirkt trotz allen dunklen Vorahnungen die das Szenario hergibt sympathisch und souverän, es wirkt außerdem so, als erfinde er selbst innerhalb begrenzter Möglichkeiten und hinsichtlich der unterschiedlichen Anlegungen seiner Rollen immer wieder neue Kniffe, neue Finessen um den Zuschauer nicht nur zu überzeugen, sondern ihn vor allem auch zu überraschen. Egal wie man zu Antonio Margheritis Beitrag schlussendlich auch stehen mag, aber gerade im Rahmen der darstellerischen Leistungen sind außergewöhnlich gute und überzeugende Momente zu finden. Joachim Fuchsbergers Ben Taylor ist Teil dessen geworden und die angewandte vorsichtige Progressivität bleibt in nachhaltiger Erinnerung. Vorsichtig vor allem deswegen, weil das Konzept des Films trotz diffuser Giallo- und Horror-Elemente immer noch offenkundig den Krimi-Sektor bedient und Joachim Fuchsberger dem Empfinden nach auf gewohntem Terrain präsentiert. Die Überzeugung entsteht dieses Mal durch die Personen-Konstellationen, also im bestechenden Zusammenspiel der Akteure, das wie ein Puzzlespiel aufgebaut ist. Bei Ben Taylor kommen mehrere Komponenten zusammen, die einen gebrochenen und nachdenklichen, aber nicht minder geheimnisvollen Charakter andeuten.

Mittlerweile ist er nur noch als eine Art besserer Lakai seines großspurigen Partners Archibald Barrett zu sehen, also ein Schatten seiner selbst, sodass er auf die verlorenen Jahre des Arbeitens ohne Erfolg zurückschauen muss. Verschwendete Kapazitäten und nicht anerkannte Fähigkeiten übertragen sich in seine Ehe, in der er den Blick für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens verloren hat. Seine Frau Vivian liebt er daher auf seine oder irgendeine Weise, die sich allerdings längst mit anderen geheimen Begierden herumquält. Dunkle Geheimnisse und konspirative Machenschaften verbinden diese Menschen, die irgendwann einmal auf Kosten anderer gelebt haben und mittlerweile nur noch vor sich hin vegetieren. Joachim Fuchsberger nutzt seine Fähigkeiten optimal aus, diesem Charakter einen Hauch Tiefe einzuverleiben, wenngleich es mehr Möglichkeiten von Seiten der Geschichte hätte geben dürfen. Ein Blick in sein gezeichnetes Gesicht genügt, um die Gewissheit für das zu bekommen, was man längst vermutet hat. Er wirkt desillusioniert, befindet sich im ausweglosen Würgegriff eines ehemaligen Freundes, und von Vivian ist er Lichtjahre entfernt. So pflegt er dem Vernehmen nach diverse Liebschaften mit namenlosen Frauen, sucht aber auch noch die Nähe zu seiner eigenen, die allerdings nur noch mechanisch wirkt. Im Verlauf des Films stattet Joachim Fuchsberger die Rolle mit etlichen Facetten aus. Zunächst glaubt man man eine eigenartige Ruhe und Lethargie herausfiltern zu können, in seinen Rückblenden spürt man Leben, Vitalität, Dynamik und Ambitionen. Zum Ende hin sieht man eindringliche Vehemenz und forderndes Befragen, was vielleicht etwas mehr an seine Inspektoren-Figuren angelehnt erscheint. Insgesamt sieht man eine von Joachim Fuchsbergers ungewöhnlichsten Arbeiten und der Reiz entsteht nicht zuletzt aus einem offensiv zur Schau gestellten Konglomerat aus Oberflächlichkeit, Ambivalenz und moralischer Schwäche. Ein interessanter Charakter zwischen Geständnis und Anklage.

Wentworth2020
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Wentworth2020 »

Prisma hat geschrieben:
Mi., 02.12.2020 22:22
Für ihre Verhältnisse [Marianne Koch] ein wohl einmaliges Spektakel, im Gegensatz zu ihren Partnerinnen Helga Anders und Dominique Boschero, die mit derartigen Aufgaben durchaus vertraut waren.

In der Tat. Als ich den Film eher zufällig - war als Bonus auf der DVD - das erste Mal gesehen habe, konnte ich nicht glauben, was sie da spielt. MK war für mich immer das Paradebeispiel der unberührbaren, prüden Frauenfigur. Das Erste, was mir bei ihr immer einfiel, war ihre spießige Gardinenwerbung aus den 70ern, vermutlich, weil ich die als Kind jeden Vorabend gesehen habe. ;)

Dieses Bild hat zwar Risse bekommen, nachdem ich sie in Für eine Handvoll Dollar gesehen habe, aber das war es auch schon. Danach hat sie sich ja anders orientiert, als sie Ärztin wurde, was einem nur Hochachtung abverlangen konnte, aber es hat auch irgendwie gepaßt.

Hier war sie dann so radikal anders, ohne dass die Bild-Zeitung sie dafür gekreuzigt hat. (Oder es gab dementsprechende Schlagzeilen und Skandälchen, und ich habe es damals nur nicht mitbekommen. Kann gut sein.) Wenn ich da an Romy Schneider denke und ihre "Skandalfilme". Was für ein Affentheater in der Boulevardpresse.

Auf jeden Fall spielt sie hier vor allem Fuchsberger so an die Wand, dass es eine Freude ist. Wäre interessant zu wissen, was sie später eine Meinung von dieser speziellen Rolle hatte. Ihre deutschen Kollegen haben sich ja gern von ihren italienischen Filmabenteuern oft vehement distanziert. Wenn ich da an Karin Baal und ihre Tirade auf den Extras von Das Geheimnis der grünen Stecknadel denke :o

Der Film hat auch mein Interesse an Margheriti geweckt.

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Prisma
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »

Wentworth2020 hat geschrieben:
Fr., 14.10.2022 10:09
MK war für mich immer das Paradebeispiel der unberührbaren, prüden Frauenfigur.

Mir ging es da sehr lange ähnlich, zumal der Großteil ihrer Rollen genau diesen Eindruck bestätigt: Die Verlässliche, die Unantastbare, die moralische Instanz; eben genau das, was der deutsche Film zu ihrer Zeit von ihr verlangte, und das Publikum wohl auch. Dabei geht immer ein wenig unter, dass sie eine wirklich gute Schauspielerin war, die in unterschiedlichsten Rollen überzeugt hat. Wenn ich bei mir bleibe, muss ich zugeben, dass ich sie eigentlich immer gerne unterschätzt aber auch große Achtung vor ihrer beruflichen Verwirklichung empfunden habe.

Wentworth2020 hat geschrieben:
Fr., 14.10.2022 10:09
Hier war sie dann so radikal anders, ohne dass die Bild-Zeitung sie dafür gekreuzigt hat. (Oder es gab dementsprechende Schlagzeilen und Skandälchen, und ich habe es damals nur nicht mitbekommen. Kann gut sein.) Wenn ich da an Romy Schneider denke und ihre "Skandalfilme". Was für ein Affentheater in der Boulevardpresse.

Ich denke für anprangernde Schlagzeilen war "Schreie in der Nacht" wohl zu wenig beachtet, wobei Kochs Rolle sicherlich den perfekten Nährboden für Meldungen in einschlägigen Blättern gegeben hätte. Bei Romy Schneider war die Berichterstattung brutal, was aber sicherlich auch mit ihrem medial ausgewalzten Privatleben zu tun hat. Da hatte Marianne Koch "lediglich" eine Scheidung als gehörnte Ehefrau zu bieten. Weiß nicht, ob das seinerzeit Skandal genug war?

Wentworth2020 hat geschrieben:
Fr., 14.10.2022 10:09
Wäre interessant zu wissen, was sie später eine Meinung von dieser speziellen Rolle hatte. Ihre deutschen Kollegen haben sich ja gern von ihren italienischen Filmabenteuern oft vehement distanziert.

Zu diesem Film habe ich noch nie etwas von ihr selbst gehört, leider. Ich fände es auch sehr interessant zu wissen, was sie heute davon denkt. Ich finde die bemühten Distanzierungen zu Filmen - egal welcher Art - meistens ziemlich albern, immerhin waren viele Schauspieler und Schauspielerinnen gut beschäftigt und haben dabei sicherlich gut verdient. In Interviews ist zumindest zu bemerken, dass Marianne Koch ihre Filmkarriere in der Rückschau hauptsächlich pragmatisch betrachtet. Im Vergleich zur Medizin wertet sich eine Filmkarriere aber vielleicht automatisch ab. Kochs ersten Ausreißer im Film habe ich übrigens in der sechsten "Kommissar"-Folge erlebt. Da war sie auch komplett anders, unberechenbar, eiskalt, und dann kam wenig später "Schreie in der Nacht". Ich mag den Film nicht zuletzt wegen ihrer Performance so sehr.

Wentworth2020 hat geschrieben:
Fr., 14.10.2022 10:09
Der Film hat auch mein Interesse an Margheriti geweckt.

Das wird bestimmt ein Spaß! Eine Magheriti-Werkschau lohnt sich immer. ;)

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Richie Pistilli
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Richie Pistilli »

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Schreie in der Nacht (D)
The Unnaturals - Contronatura (IT)
Contranatura (F, ES)
Venganza sobrenatural (ES)
Screams in the Night
The Unnaturals


IT / D 1969

R: Antonio Margheriti
D: Joachim Fuchsberger, Marianne Koch, Helga Anders, Dominique Boschero, Luciano Pigozzi, Claudio Camaso, Giuliano Raffaelli, Marianne Leibl, Marco Morelli, Gudrun Schmidt u.a.



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Deutsche Erstaufführung: 30.05.1969

Synchronkartei

Filmportal

Schnittbericht

Score: Carlo Savina

OFDb



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"Das Schicksal mischt die Karten und Du weißt nicht wie es ausgeht."


SCHREIE IN DER NACHT zählt für mich zu den Filmen, die mir mit jeder Sichtung besser gefallen. Während ich die Erstsichtung zwar als interessant, aber zugleich auch als etwas verwirrend in Erinnerung habe, gefiel mir der Film bei der Zweitsichtung schon viel besser. Bei der letzten Sichtung vor wenigen Tagen beeindruckte mich der Film total. Neben der einzigartigen Mischung, die sich bei SCHREIE IN DER NACHT aus Grusel, Giallo, Horror, Okultismus und ein wenig Edgar Wallace-Flair zusammensetzt, sind es sowohl die beteilgten Schauspieler:innen als auch die eindrucksvolle Regiekunst Margheritis, die diesen außergewöhnlichen Film zu etwas ganz Besonderen machen.

Letztendlich handelt der Film von einer verdorbenen Brut, bei der jede/r einzelne eine beachtliche Menge Dreck am Stecken hat. Nachdem sich die niederträchtige Sippschaft infolge eines heftigen Unwetters mit ihrem Wagen im Schlamm festgefahren hat, suchen diese notgedrungen Zuflucht in einem abgelegenen Landhaus, welches wiederum von dem unheimlichen Uriat (Luciano Pigozzi) sowie dessen spiritistisch veranlagten Mutter (Marianne Leibl) bewohnt wird. Was folgt, sind spiritistischen Seancén in Dauerschleife, bei denen nicht nur ständig die gesetzlich geschützte Totenruhe gestört wird, sondern auch die niederträchtigen Sündenfälle der einzelnen Missetäter ungeschönt ans Tageslicht befördert. Inszenatorisch wurden die aufgezeigten Verfehlungen, die allesamt in der Vergangenheit stattfanden, in Form von Rückblenden in Szene gesetzt, was zwar einerseits an manchen Stellen zunächst etwas verwirrt, aber zugleich auch den Filmfluß enorm auflockert. Hinzu gesellt sich das unbändige Lustgefühl einzelner Akteur:innen, an deren vorderster Front aber zweifelsfrei die von Marianne Koch verkörperte 'Vivian Taylor' steht. Egal ob Dominique Boschero oder Helga Anders, wer bei Frau Koch nicht bei zehn auf den Bäumen ist, der wird ungefragt vernascht. Offensichtlich ist sie es gewöhnt, bei spontanen Liebeleien das Zepter der Macht fest in der Hand zu behalten, aber bei Helga Anders beißt sie damit letztlich nicht nur auf Granit, sondern wird auch noch während ihres gemeinsamen Liebesspiels ständig von laut kläffenden Hunden unterbrochen, die wiederum aus den dazwischen geschnittenen Jagdszenen entstammen. Je weiter der Handlungsverlauf fortschreitet, desto unheimlicher wird die Geschichte, bis das Ganze schließlich in einem außergewöhnlichen Inferno endet. Eingebettet in eine düstere Atmosphäre, die den gesamten Film über allgegenwärtig zu sein scheint, entpuppt sich Antonio Margheritis SCHREIE IN DER NACHT als ein teils noch ungeschliffenes Filmjuwel, das aber gerade deswegen auch einen einzigartigen Glanz ausstrahlt.

Leider kenne ich von dem Film nur die kürzere Kinofassung, was wiederum die Frage aufwirft, inwieweit sich diese zur Italienischen Langfassung unterscheidet? Die aufgezeigten Unterschiede im dazugehörigen Schnittbericht scheinen zumindest nicht ganz ohne zu sein. Zwar wirkt die deutsche Kinofassung auf mich durchweg stimmig, aber dennoch würde mich interessieren, ob der Film durch die erweiterten Szenen ein noch gesteigerteres Filmvergnügen bietet?
Angesichts der etwas blassen Bildqualität der DVD wäre im es Falle von SCHREIE IN DER NACHT mehr als wünschenswert, wenn dieser Film in einer viel besseren Bildqualität sowie mit beiden Schnitfassungen auf BD veröffentlicht würde.


"Ich fühle es, dass der Geist bereit ist, mit Euch in Verbindung zu treten. Ruft Euch die Erinnerung an jene furchtbare Nacht ins Gedächtnis, die euer Leben bisher vergiftet und belastet hat, und ihr vergebens zu vergessen versucht."


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Filmplakate:
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Score & Schauspieler:innen:
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Italienischer Trailer:


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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »

Richie Pistilli hat geschrieben:
Mo., 07.11.2022 21:38
SCHREIE IN DER NACHT zählt für mich zu den Filmen, die mir mit jeder Sichtung besser gefallen. Während ich die Erstsichtung zwar als interessant, aber zugleich auch als etwas verwirrend in Erinnerung habe, gefiel mir der Film bei der Zweitsichtung schon viel besser.

Bei mir war es sozusagen schon Liebe vor dem ersten Blick. Auf den Film wurde ich wie so oft aufmerksam durch "Das neue Lexikon des Horrorfilms" - wobei ich mich heute frage, warum es gewisse Filme da überhaupt rein geschafft haben - und da hatte mich diese so bemerkenswert nicht zusammen passen wollende Besetzung getriggert und mich am Ende eines Besseren belehrt. Ich finde den Film nach wie vor mutig und extravagant, habe ihn auch primär immer von dieser Warte aus betrachtet und nicht vergleichsweise.

Richie Pistilli hat geschrieben:
Mo., 07.11.2022 21:38
Neben der einzigartigen Mischung, die sich bei SCHREIE IN DER NACHT aus Grusel, Giallo, Horror, Okultismus und ein wenig Edgar Wallace-Flair zusammensetzt [...]

Ich denke, dass bei "Schreie in der Nacht" die eigene Position entscheidend ist. Aus welcher Ecke und mit welchem Blickwinkel betrachte ich den Film? Klingt zwar wie eine gängige Formel für die meisten Filme, doch hier gilt sie im Besonderen. Durch meine Anfänge zähle ich mich zur Wallace-Fraktion, sodass "Schreie in der Nacht" nur ein überraschendes Spektakel werden konnte, da der Verlauf die Erwartungshaltung unter diesen Umständen nur toppen kann. Dann die entsprechenden Schauspieler in Rollen, die nicht nur völlig unorthodox sondern beinahe bizarr wirken - und voilà, der Film ist großartig, nicht zuletzt wegen des Cast, sondern auch wegen meiner Affinität für Rückblenden und Verschachtelungen. Kennt man im Vorfeld viele Gialli oder beispielsweise okkulte Vertreter, ist es wahrscheinlicher, dass Margheritis Film eher verlieren wird. Eigentlich, da es nicht so sein muss. Für mich war es jedenfalls ein perfekter Schwellenfilm, der dazu animiert hat, wesentlich mehr aus dieser Genre-Melange sehen zu wollen.

Richie Pistilli hat geschrieben:
Mo., 07.11.2022 21:38
Angesichts der etwas blassen Bildqualität der DVD wäre im es Falle von SCHREIE IN DER NACHT mehr als wünschenswert, wenn dieser Film in einer viel besseren Bildqualität sowie mit beiden Schnitfassungen auf BD veröffentlicht würde.

Das wäre super, denn ich bin der Meinung, dass keine Veröffentlichung die anvisierte Atmosphäre bislang richtig transportieren konnte.

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Richie Pistilli
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Richie Pistilli »

Prisma hat geschrieben:
Di., 08.11.2022 21:13
Bei mir war es sozusagen schon Liebe vor dem ersten Blick. Auf den Film wurde ich wie so oft aufmerksam durch "Das neue Lexikon des Horrorfilms" - wobei ich mich heute frage, warum es gewisse Filme da überhaupt rein geschafft haben - und da hatte mich diese so bemerkenswert nicht zusammen passen wollende Besetzung getriggert und mich am Ende eines Besseren belehrt. Ich finde den Film nach wie vor mutig und extravagant, habe ihn auch primär immer von dieser Warte aus betrachtet und nicht vergleichsweise.


Aufgrund meines verspäteten Einstiegs in die glorreiche Welt des Genrefilms bin ich ganz simple aufgrund der Einreihung in die X-Rated-Giallo-Serie auf SCHREIE IN DER NACHT aufmerksam geworden. Wenn ich mich recht entsinne, fehlte mir zum Zeitpunkt der Erstsichtung noch ein wenig der Weitblick für das Giallo-Genre, welches ich in den ersten Jahren auch immer an dem vermummten Killer, den obligatorischen schwarzen Handschuhen und dem polierten Schlitzwerkzeug festgemacht habe. Wie gesagt, empfand ich den Film bei der Erstsichtung alles andere als uninteressant, aber so richtig abgeholt hatte er mich auch nicht. Dankenswerterweise kam mit der Zeit der Weitblick immer mehr in Fahrt, was wiederum dazu führte, dass Filme, mit denen ich zuvor noch nicht so viel anfangen konnte, plötzlich beeindruckten. Zu dieser Art von Filmen würde ich dann auch SCHREIE IN DER NACHT zählen. :)




Prisma hat geschrieben:
Di., 08.11.2022 21:13
Das wäre super, denn ich bin der Meinung, dass keine Veröffentlichung die anvisierte Atmosphäre bislang richtig transportieren konnte.


Wenn ich mir im Rahmen des Schnittberichts die Screenshots der italienischen Langfassung anschaue, sehe ich im Vergleich zur deutschen Kinofassung so gut wie keinen Unterschied. Daher wäre es tatsächlich vortrefflich, wenn SCHREIE IN DER NACHT in einer adäquaten HD-Fassung veröffentlicht würde. Mit einer tollen Bildqualität fesselt einen nicht nur der Film noch um einiges mehr, als er jetzt schon tut, sondern auch die hervorragende Fotografie von Riccardo Pallottini wird vermutlich noch überwältigender wirken.

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Prisma
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Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »

Richie Pistilli hat geschrieben:
Do., 10.11.2022 18:30
Wie gesagt, empfand ich den Film bei der Erstsichtung alles andere als uninteressant, aber so richtig abgeholt hatte er mich auch nicht.

Genau hier sehe ich die große Stärke, denn der Film hat ein besonders ungewöhnliches Potenzial, kommt aber häufig nicht zündend an, weil es Klassifizierungsprobleme, beziehungsweise Identifikationsprobleme gibt. Ist es ein anteiliger Giallo, erwartet man einen lupenreinen Giallo, etc.? Das zu klären ist tatsächlich nicht besonders einfach, aber bringt auch nicht im Wesentlichen weiter, denn es kommt auf die Aura der Geschichte und Inszenierung an, die eigentlich jedem Interessenten etwas zu bieten hat. Ich finde, an merkt es oft spätestens bei einer Thread-Eröffnung, wenn man nicht genau weiß, wo man ihn eigentlich hin verfrachten soll. "Schreie in der Nacht" ist so ein Fall für gleich mehrere Rubriken.

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