SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Schwarze Handschuhe, undurchsichtige Typen, verführerische Damen und stylische Kills.
Antworten
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2168
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »



SCHREIE IN DER NACHT


● SCHREIE IN DER NACHT / CONTRONATURA (D|I|1969)
mit Joachim Fuchsberger, Marianne Koch, Dominique Boschero, Helga Anders, Giuliano Raffaelli, Luciano Pigozzi,
Gudrun Schmidt, Marianne Leibl, Marco Morelli, Lella Cattaneo, Giuseppe Marrocco und Claudio Camaso
eine Produktion der cCc Filmkunst | Edo | Super International Pictures | im Inter Verleih
ein Film von Antonio Margheriti

Schreie1.JPG
Schreie2.JPG
Schreie3.JPG
Schreie4.JPG
Schreie5.JPG
schreie6.JPG
Schreie7.JPG
Schreie8.JPG
Schreie9.JPG

»Warum weigerst du dich, soll ich dich zwingen?«


Wegen eines starken Unwetters bleibt eine Gruppe der Londoner High Society mit ihrem Wagen im Schlamm stecken. Der wohlhabende Archibald Barret (Giuliano Raffaelli) und sein Partner Ben Taylor (Joachim Fuchsberger) führen wichtige Dokumente mit sich, die am nächsten Tag beglaubigt werden und eine große Erbschaft garantieren sollen. Da das Fahrzeug jedoch festsitzt, begeben sie sich auf die Suche nach einem Unterschlupf. Man findet sich in einem alten Jagdschloss wieder, in dem sie anscheinend bereits erwartet werden. Uriat (Luciano Pigozzi) lädt die Gesellschaft zu einer spiritistischen Sitzung ein, deren Medium seine Mutter (Marianne Leibl) darstellt. Die alte Frau beginnt plötzlich über verborgene Details aus der Vergangenheit der Gäste zu sprechen, bis dunkle Geheimnisse ans Tageslicht kommen. In ihrer Mitte soll sich ein Mörder befinden. Eine Nacht beginnt,die einem Alptraum gleicht...

Nach eigenem Ermessen handelt es sich bei Antonio Margheritis "Schreie in der Nacht" um einen sehr faszinierenden cineastischen Exkurs, was vermutlich daran liegt, dass mehrere beliebte Genres wie Krimi, Giallo, Horror oder etwa Grusel eine beeindruckende Allianz miteinander eingehen. Ob vom Ergebnis her oder wegen der transportierten Emotionen, es stellt sich die Frage, warum letztlich ein Film vorliegt, der zu seiner Entstehungszeit vollkommen verhalten ,beziehungsweise gar nicht wahrgenommen wurde. Sicherlich gibt es dafür mehrere Gründe, doch die einfachste Erklärung ist wohl im größten Vorzug des Films zu finden, da die anwesenden Darsteller mitunter mit stilfremden bis zurückweisenden Interpretationen aus ihren üblichen Schablonen ausbrechen. Dies dürfte global gesehen die ultimative, vielleicht vernichtende Blockade gewesen sein, denn selbst 1969 war man wie es scheint noch nicht ohne Abstriche dazu bereit, die diskrete Progressivität des Films wahrzunehmen und anzuerkennen. Dass Margheriti sich gängiger Plot-Fragmente bedient, ist auf die Zeit bezogen mehr als nachvollziehbar, und dass man sich neben aller Vertrautheit nicht genierte Grenzen zu ignorieren, um sie schließlich zu überschreiten, ist hier sehr hoch anzurechnen. Um die Stärken der Produktion wahrzunehmen, sollte man sich vielleicht nicht auf einen Giallo reinster Seele einstellen, denn das möchte der Film im Grunde genommen oder primär auch nicht darstellen. Am Ende gibt er das auch nicht her. Seine übernatürlichen Elemente sorgen daher lediglich für eine Spiegelfunktion, der immer wieder die Realität hervorbringen wird, und das merkliche Krimi-Feeling kann einer wirtschaftlichen Orientierung zugute gehalten werden. "Schreie in der Nacht" ist vielleicht kein Meisterwerk geworden,denn dafür bleibt man trotz aller Provokation in zu sicherem Fahrwasser. Für einen persönlichen Hall-of-Fame-Beitrag reicht es allerdings spielend. Margheritis Arbeit wirkt vor allem wegen des mutigen Einsatzes seiner Darsteller_innen überaus anziehend, und wenn hier jemand zuerst betrachtet werden sollte, muss das unbedingt Marianne Koch sein.

Die zu diesem Zeitpunkt fast vierzigjährige Deutsche befand sich so gut wie am Ende einer erfüllten und nahezu unfreiwilligen Karriere, und es ist sehr anerkennungswürdig, dass sie fernab ihres bestehenden Images in völlig alternativ angelegten Rollen zu sehen war. Koch wirkt als Schauspielerin möglicherweise eher unauffällig, weil sich ihre Typisierungen dem Empfinden nach häufig ähnelten: Sie interpretierte die Verlässliche, die moralisch Unantastbare, die Konservative oder Erhabene, und vor allem die ewige Landärztin". Betrachtet man ihre Leistung in "Schreie in der Nacht", ist es in vielerlei Hinsicht überraschend, welche Wandlungsfähigkeit und Variabilität sie unter Beweis stellt. In diesem Zusammenhang wirkt diese Interpretation ein Stück weit beispiellos und so darf darüber philosophiert werden, welche Kapazitäten über all die Jahre nicht abgerufen wurden. Marianne Kochs Vivian wird als eine Frau integriert, die zunächst einen seriösen Eindruck macht. Sie hat Stil, ist kultiviert. Schnell stellt sich jedoch heraus, um welch zerrüttete und zutiefst einsame Frau es sich handelt. Die exemplarischen Veranschaulichungen in Rückblenden zeigen ihren aussichtslosen Kampf gegen ihre verborgene Neigung für attraktive Damen, an der sie in fataler Weise scheitern wird. Aus Zurückhaltung wird ein nicht länger zu unterdrückendes Interesse, aus Gier wird Manie und aus Affekt wird Schuld. Marianne Koch bekommt in dieser Handlung viele Nahaufnahmen, die Zooms konzentrierten sich auf ihre kraftvoll-fixierenden Augen, die wortlos und präzise das Spektrum ihrer Gefühlszustände schildern. Ein Erlebnis! Wenn Vivian an die Zweisamkeit mit ihrer Geliebten Elisabeth zurückdenkt, entstehen atemberaubend schön eingefangene Traumsequenzen. In einer wahren Choreografie der Sinne, unterstützt die wunderbare Musik von Carlo Savina diese Eindrücke im Hintergrund, bis die angedeuteten Berührungen der Lippen eine Hochspannung aufbauen, die durch die sich in Andeutungen verlierenden Kamera entschärft wird. Allerdings schießt immer wieder die Realität ein. Vivian sucht nach Zuneigung, möchte andere aber zur Liebe zwingen. Für ihre Verhältnisse ein wohl einmaliges Spektakel, im Gegensatz zu ihren Partnerinnen Helga Anders und Dominique Boschero, die mit derartigen Aufgaben durchaus vertraut waren.

Die Französin Dominique Boschero ist wie üblich umwerfend. Ihre Margarete arbeitet sich - andeutungsweise aus einem bestimmten Metier stammend - zielstrebig bis nach oben, und wird Vivians Objekt der ungestillten Begierde. Im Verlauf kommt es zum erbittertem Widerstand seitens Margarete und zu unerbittlichen Forderungen von Vivian, bis das Ganze in einem visuell und vor allem darstellerisch hoch prägnanten Showdown gipfelt. Helga Anders als Elisabeth wird im Szenario als Auslöser einer Kettenreaktion gezeigt, denn sie ist eine lebenshungrige und eigentlich rücksichtslose, in langweiliger Ehe stehende junge Frau, die hauptsächlich verführerisch, mit halboffenem Mund und aufforderndem Blick zu begutachten ist. Die knisternde Erotik wird demnach nicht neu erfunden, aber sie bekommt pikante Gesichter. Dominique Boschero ist in dieser Beziehung mit von der Partie und die Erotik-Einlagen wirken unter der Beteiligung von Marianne Koch zunächst eigenartig. Die Besetzungsliste wird von Joachim Fuchsberger angeführt, der sich diesmal nicht als Ermittler oder sympathischer Held präsentiert. Er darf sich hier einer seltenen Ambivalenz bedienen und macht seine Aufgabe in dieser für ihn ungewohnten Rolle sehr gut. Ben Taylor erlebte einen beruflichen Abstieg und ist nur noch Lakai seines ehemaligen Geschäftspartners. Sein Zuständigkeitsbereich ist die Drecksarbeit. Die Beziehung zu seiner Frau Vivian ist oberflächlich und zeichnet sich durch unterschiedlichste Erwartungshaltungen aus. Vivian soll in jeder Beziehung nur verfügbar sein und auf Abruf bereit stehen; Nebeneinander Herleben und kleine Affären sind an der Tagesordnung. Am Ende des Films bekommt man schließlich von Joachim Fuchsberger eine überaus denkwürdige Vorstellung geboten. Giuliano Raffaelli als Archibald Barrett ist die vollkommen verlebte und abstoßende Figur. Der ehemalige Partner von Ben hat diesen in der Hand, seine Geliebte ist Margarete, die sich längst mit Barretts neuem Verwalter vergnügt, der perfekt von Claudio Camaso dargeboten wird. Barrett trinkt, spielt, lebt in Saus und Braus und verfolgt nur ein Ziel, nämlich seine Macht auszubauen oder legitimieren zu lassen. So handelt es sich um ein Zusammentreffen der Präzisionsauftritte.

Antonio Margheritis Genre übergreifendes Hybrid ist vielleicht schnell auf die darstellerischen Leistungen reduziert und es besteht sogar die Gefahr, dass er gerade deswegen durchfällt, aber vor allem hier lässt sich der eigenwillige Mut des Films lokalisieren. "Schreie in der Nacht" stellt sich im Verlauf als eine überragende Assoziationskette heraus. Wer Rückblenden und Verschachtelungen schätzt, kommt bestimmt auf seine Kosten, außerdem leistet die Regie Außergewöhnliches im Bereich der zahlreichen gedanklichen Übergänge. Das Stilmittel der Wahl ist in diesem Zusammenhang die Konzentration auf die aussagekräftigen Augen der Darsteller, die auch ohne weitere Kniffe bereits Bände zu sprechen scheinen. Ein ausgiebiger Zoom auf beispielsweise Marianne Kochs eisblaue Augen, ein leerer, kalter Blick, der sich plötzlich in Ausdrucksstärke, Ekstase oder Hochmut verwandelt, bis sich der Zuschauer um Jahre zurück versetzt sieht, und den vermeintlich besseren Zeiten beiwohnen darf. Dieses Spiel mit Nähe und Distanz ist hervorragend, es entsteht insgesamt das Gefühl, dass man sich in einem Strudel befindet, aus dem man sich ebenso wenig befreien kann wie die Protagonisten. Genau genommen ist die Geschichte oft weit weg, da sie im ersten Impuls keinen Realitätstransfer bilden möchte, doch aufgrund der blendenden Charakterstudien fühlt man sich unter Umständen sogar einigen Personen im allgemeinsten Sinne vertraut, was sich vielleicht eher auf geschilderte Stimmungen und Gefühle wie Rache, Eifersucht, Resignation, Verzweiflung oder Glück bezieht. Des Weiteren wird ausgiebig mit Umkehrreaktionen gespielt, was das teils zu behäbig wirkende Erzähl-Tempo immer wieder aufhebt. Mit Carlo Savinas träumerischen Kompositionen werden Stimmungen geschaffen, die in Verbindung mit diesem isolierten Personenkreis in jeder Hinsicht bestimmend wirken. Wenn sich mit fortlaufender Zeit das Unausweichliche oder Unwahrscheinliche bündelt und sich unaufhaltsam zuspitzt, hätten manche Szenen zugegebenermaßen eine deftigere Bildsprache nötig gehabt. Nichtsdestotrotz bietet "Schreie in der Nacht" einen unkonventionellen Gegenentwurf an, der sich in aller Morbidität und Kälte optimal erschließt.

Percy Lister
Beiträge: 339
Registriert: Sa., 14.11.2020 16:15

Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Percy Lister »

Prisma hat geschrieben:
Koch wirkt als Schauspielerin möglicherweise eher unauffällig, weil sich ihre Typisierungen dem Empfinden nach häufig ähnelten: Sie interpretierte die Verlässliche, die moralisch Unantastbare, die Konservative oder Erhabene, und vor allem die ewige Landärztin". Betrachtet man ihre Leistung in "Schreie in der Nacht", ist es in vielerlei Hinsicht überraschend, welche Wandlungsfähigkeit und Variabilität sie unter Beweis stellt. In diesem Zusammenhang wirkt diese Interpretation ein Stück weit beispiellos und so darf darüber philosophiert werden, welche Kapazitäten über all die Jahre nicht abgerufen wurden.
In der Tat ist der Auftritt von Marianne Koch vieldiskutiert, deren Rollenfigur Vivian eine Frau zeigt, deren Bedürfnis nach Zärtlichkeit auf das eigene Geschlecht gerichtet ist. Allerdings konnte Marianne Koch wenigstens zum Teil auch vor "Schreie in der Nacht" zeigen, dass sie durchaus auch egozentrisch, listig und intrigant spielen kann, man denke z.B. an ihren Auftritt als Helen Baker in "Tim Frazer" (1963), wo sie Max Eckard durch ihre schamlosen Lügen zur Weißglut bringt und das Publikum sie mit Wonne hasst. In Antonio Margheritis düsterem Film erhält sie die meisten Nahaufnahmen; vor allem ihre Augenpartie rückt immer wieder in den Fokus, wobei das Eisblau je nach Stimmung variiert. Ihre kühle Distanz gibt sie rasch auf, wenn sie eine Chance sieht, auf ihr Ziel zuzusteuern. Sie gehorcht dabei ihrem Grundsatz, Nähe zu suchen, wann sie es will und nicht darauf zu warten, dass ihr Mann den Wunsch nach Zweisamkeit äußert. Ihre Unruhe und die wachsende Verzweiflung, die sich mit dem Rückzug ihrer Geliebten ergibt, lassen sie zunehmend überspannt wirken. Wie ein überhitzter elektrischer Faden verliert sie die Kontrolle und überschreitet eine Grenze, die auf beiden Seiten Tod und Zerstörung bringt. Die Intensität, mit der Marianne Koch ihre Figur porträtiert, zeigt die Gefährlichkeit einer hoffnungslosen Obsession, die zunehmend aus dem Ruder läuft. Helga Anders, zart und dennoch willensstark, entzieht sich der Vereinnahmung durch die ältere Frau, die ihr zunächst als willkommene Bewunderin entgegentritt, sie aber schließlich exklusiv besitzen möchte.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2168
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »



Helga AndersSchreie (1).jpg
Helga AndersSchreie (2).jpg
Helga AndersSchreie (3).jpg

● HELGA ANDERS als ELISABETH in
SCHREIE IN DER NACHT (D|I|1969)



Nach einem halben Dutzend Jahren im Filmgeschäft bewegte sich Helga Anders mit dem von Antonio Margheriti inszenierten Thriller "Schreie in der Nacht" bereits auf die Marke von 30 Auftritten in Kino und Fernsehen zu, sodass man vor allem von einer etablierten Größe in deutschen Produktionen sprechen kann. Hier handelt es sich um einen der wenigen Auftritte in deutsch-italienischer Co-Produktion, bei welchen festzuhalten bleibt, dass sie hier jeweils besonders wirksam inszeniert wurde. "Schreie in der Nacht" lebt sowohl von einer schaurigen Atmosphäre, als auch von besonders intensiven Darbietungen von weiblicher Seite, die durch völlig überraschende und hervorragende Interpretationen von Marianne Koch, Dominique Boschero und eben Helga Anders teils traumhaft untermalt werden. Dabei ist hier eine Helga Anders zu sehen, wie man sie eigentlich bereits hinlänglich präsentiert bekam, allerdings kommt es zu entscheidenden Modifikationen aufgrund der wenig subtilen Anlegung der Rolle. Elisabeth gehört zur besseren Gesellschaft. Was die Männer bei der tatsächlichen Jagd absolvieren, zelebriert sie im persönlichen Umfeld, indem sie potenzielle Liebschaften sondiert und ohne irgendwelche Zeit zu verlieren akquiriert. Das Geschlecht scheint ihr dabei egal zu sein, Hauptsache es kommt zu völliger Hingabe und einem auf sie bezogenen Verfall der Gegenseite. Elisabeth braucht das herausfordernde Gefühl, begehrt zu werden und in Liebesdingen als eine Art Elixier angesehen zu werden, da sie auf der anderen Seite bereit ist, mehr zu geben, als es andere tun. So wirkt die junge Frau überaus freizügig und leichtfertig, doch ihr Preis ist hoch, wie auch Vivian Taylor alias Marianne Koch am eigenen Leib erfahren muss. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine klassische liaison dangereuse, wie sie gefährlicher aber gleichzeitig erfüllender nicht sein könnte, da Elisabeth nie bereit ist, alles zu geben, obwohl es immer mehr erscheint, als bei vergleichbaren Beziehungen, die allerdings konventionell bleiben und unerfüllt zurücklassen.

Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass die Zeit, in der die Geschichte spielt, noch nicht einmal in einschlägigen Kreisen bereit für gleichgeschlechtliche Liebe, beziehungsweise Libido gewesen ist, und von daher ist es umso prekärer, dass Vivian und Elisabeth sich auf eine leidenschaftliche Affäre einlassen. Ihre Männer, die sie immer nur dann brauchen, wenn ihnen danach ist, besitzen keinen anderen Reiz als eine finanzielle Absicherung. Es ist nichts anderes mehr, als eine Rolle in der sogenannten besseren Gesellschaft zu spielen, in der man noch nicht einmal gewillt ist, an weniger als der Oberfläche zu kratzen. Helga Anders' Performance in dieser weit unterschätzten Produktion ist sozusagen anders, immerhin begibt sie sich auf ein Terrain, dass sie nicht wie üblich im Kreis der Sympathieträgerinnen platziert, sondern sie steht offensiv für Geheimnis, Leidenschaft, Ambivalenz und Sex. Anders' Rolle nimmt im Gesamtgeschehen keine besonders lange Zeit in Anspruch, ist überdies noch komplett als Rückblende angelegt, fasziniert aber von der ersten bis zur letzten Einstellung. Hinter ihrer unscheinbaren Fassade verbirgt sich eine zielstrebige Jägerin, die ihre Beute intuitiv über deren heruntergewirtschaftete Gefühle ausfindig macht. Es scheint dabei egal zu sein, bei wem und wann sie zuschlägt, nur ihr Wille, ihren eigenen Kopf durchzusetzen, ist entscheidend. Helga Anders ist als personifizierte Verführung sehr anziehend zurecht gemacht worden und man kann sie als Zuschauer ebenso fixierend verfolgen, wie sie es zu tun pflegt. Hartes Make-Up um die Augenpartien erinnert im weitesten Sinn an eine Kriegsbemalung, da sie auf ihrem Terrain eine Kämpferin zu sein scheint, wobei das jeweilige Gegenüber, wie beispielsweise Vivian, freiwillig und ohne Kampf kapituliert, aber gleichzeitig wirkt sie auch beinahe wie eine Puppe, zart und zerbrechlich, an deren Mimik ihre eigene stark erinnert. Es handelt sich schlussendlich um eine der vielleicht verführerischsten Darbietungen der beliebten Schauspielerin, die es sich näher anzuschauen lohnt.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2168
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: SCHREIE IN DER NACHT - Antonio Margheriti

Beitrag von Prisma »



JoschimFuchsbergerSchreie (1).jpg
JoschimFuchsbergerSchreie (2).jpg
JoschimFuchsbergerSchreie (3).jpg


● JOACHIM FUCHSBERGER als BEN TAYLOR in
SCHREIE IN DER NACHT (D|I|1969)



Denkt man an Joachim Fuchsbergers Filmschaffen, bringt man primär seine Rollen in Kriminalfilmen und vor allem dessen Inspektoren-Figuren mit ihm in Verbindung. Eine Tatsache die überaus logisch erscheint, war er doch in seinem Stil und in seiner Ausstrahlung konkurrenzlos und dementsprechend am meisten beschäftigt. In seiner Filmografie gibt es allerdings auch einige alternativ angelegte Charaktere, die überaus konträr zu seinem bestehendem Image und möglicherweise auch zum geforderten Rollenbild stehen. Ben Taylor - in dem 1969 entstandenen Spielfilm "Schreie in der Nacht" - ist ein solches Parade-Beispiel. Zunächst erscheint das Schauspiel von Joachim Fuchsberger identisch mit seiner üblichen Art zu Interpretieren zu sein. Er wirkt trotz allen dunklen Vorahnungen die das Szenario hergibt sympathisch und souverän, es wirkt außerdem so, als erfinde er selbst innerhalb begrenzter Möglichkeiten und hinsichtlich der unterschiedlichen Anlegungen seiner Rollen immer wieder neue Kniffe, neue Finessen um den Zuschauer nicht nur zu überzeugen, sondern ihn vor allem auch zu überraschen. Egal wie man zu Antonio Margheritis Beitrag schlussendlich auch stehen mag, aber gerade im Rahmen der darstellerischen Leistungen sind außergewöhnlich gute und überzeugende Momente zu finden. Joachim Fuchsbergers Ben Taylor ist Teil dessen geworden und die angewandte vorsichtige Progressivität bleibt in nachhaltiger Erinnerung. Vorsichtig vor allem deswegen, weil das Konzept des Films trotz diffuser Giallo- und Horror-Elemente immer noch offenkundig den Krimi-Sektor bedient und Joachim Fuchsberger dem Empfinden nach auf gewohntem Terrain präsentiert. Die Überzeugung entsteht dieses Mal durch die Personen-Konstellationen, also im bestechenden Zusammenspiel der Akteure, das wie ein Puzzlespiel aufgebaut ist. Bei Ben Taylor kommen mehrere Komponenten zusammen, die einen gebrochenen und nachdenklichen, aber nicht minder geheimnisvollen Charakter andeuten.

Mittlerweile ist er nur noch als eine Art besserer Lakai seines großspurigen Partners Archibald Barrett zu sehen, also ein Schatten seiner selbst, sodass er auf die verlorenen Jahre des Arbeitens ohne Erfolg zurückschauen muss. Verschwendete Kapazitäten und nicht anerkannte Fähigkeiten übertragen sich in seine Ehe, in der er den Blick für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens verloren hat. Seine Frau Vivian liebt er daher auf seine oder irgendeine Weise, die sich allerdings längst mit anderen geheimen Begierden herumquält. Dunkle Geheimnisse und konspirative Machenschaften verbinden diese Menschen, die irgendwann einmal auf Kosten anderer gelebt haben und mittlerweile nur noch vor sich hin vegetieren. Joachim Fuchsberger nutzt seine Fähigkeiten optimal aus, diesem Charakter einen Hauch Tiefe einzuverleiben, wenngleich es mehr Möglichkeiten von Seiten der Geschichte hätte geben dürfen. Ein Blick in sein gezeichnetes Gesicht genügt, um die Gewissheit für das zu bekommen, was man längst vermutet hat. Er wirkt desillusioniert, befindet sich im ausweglosen Würgegriff eines ehemaligen Freundes, und von Vivian ist er Lichtjahre entfernt. So pflegt er dem Vernehmen nach diverse Liebschaften mit namenlosen Frauen, sucht aber auch noch die Nähe zu seiner eigenen, die allerdings nur noch mechanisch wirkt. Im Verlauf des Films stattet Joachim Fuchsberger die Rolle mit etlichen Facetten aus. Zunächst glaubt man man eine eigenartige Ruhe und Lethargie herausfiltern zu können, in seinen Rückblenden spürt man Leben, Vitalität, Dynamik und Ambitionen. Zum Ende hin sieht man eindringliche Vehemenz und forderndes Befragen, was vielleicht etwas mehr an seine Inspektoren-Figuren angelehnt erscheint. Insgesamt sieht man eine von Joachim Fuchsbergers ungewöhnlichsten Arbeiten und der Reiz entsteht nicht zuletzt aus einem offensiv zur Schau gestellten Konglomerat aus Oberflächlichkeit, Ambivalenz und moralischer Schwäche. Ein interessanter Charakter zwischen Geständnis und Anklage.

Antworten