DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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FRENZY


● FRENZY / FRENZY (GB|1972)
mit Jon Finch, Barry Foster, Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Vivien Merchant, Jean Marsh und Alec McCowen
eine Produktion der Alfred J. Hitchcock Productions | im Verleih der CIC
ein Film von Alfred Hitchcock

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»Sie haben ja ihre Krawatte nicht an!«

Ein Serienkiller hält London in Atem. Immer wenn eine Frauenleiche auftaucht, die nichts als eine Krawatte um den Hals trägt, ist klar, dass der sogenannte Krawattenmörder wieder zugeschlagen hat. Die Polizei verfügt über wenige Hinweise, sodass es zunächst kaum signifikante Anhaltspunkte gibt, bei wem es sich um den gesuchten Triebtäter handeln könnte, bis der Zufall zur Hilfe kommt. Verdächtigt wird der ehemalige Pilot und Staffelführer der Royal Air Force, Richard Blaney (Jon Finch), der beim Verlassen des Hauses seiner Ex-Frau Brenda (Barbara Leigh-Hunt) gesehen wurde, die vergewaltigt und stranguliert wurde. Chief Inspector Oxford (Alex McCowen) nimmt den sozialen Absteiger ins Visier und zieht die Schlinge um dessen Hals immer enger zu...

Alfred Hitchcocks "Frenzy" - dessen Titel ins Deutsche übersetzt etwa so viel heißt wie Raserei oder Wahnsinn, den Verlauf somit en detail charakterisieren wird - beginnt mit einer herrlichen Panoramafahrt über London, sodass die Titelcredits beinahe zur Nebensächlichkeit werden. Aus der Ferne sieht man die Tower Bridge, die sich gerade über der Themse öffnet, und dabei entsteht eine Spannung oder Neugierde, die zweifellos nur durch einen kontinentalen Blick auf die Geschehnisse entstehen kann. Nach über 20 Jahren der Abstinenz konnte Regisseur Alfred Hitchcock endlich wieder einen Film in seinem Heimatland England drehen, was aus zahlreichen Gründen mehr als nur eine Fußnote darstellt. In dieser Produktion kommt nämlich definitiv ein anderes, quasi individuelles Flair in mehrfacher Potenz zum Vorschein, das von Sicherheit, Insiderwissen, Vertrautheit und sogar Intimität berichtet, da zu spüren ist, dass die Regie zu Hause angekommen war. So begleitet man Hitchcock auf unerschütterlichem Terrain, sodass der Film wie auf Schienen gebettet wirkt und ich nicht den kleinsten Aussetzer erlaubt, auch wenn er eine Schneise der Verwüstung hinterlassen will. Vielmehr erlebt das Publikum die Kunst, Handlungsstränge nicht nur nebeneinander herlaufen, sondern sich quasi bedingen zu lassen, damit erst der Eindruck entstehen kann, dass das eine nicht ohne das andere hätte passieren können, auch wenn es sich noch so sehr um nur Kleinigkeiten oder gar Unwichtigkeiten handelt. "Frenzy" versucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, die Perversion nicht nur bildlich festzuhalten, sondern sie mit realen Ambientes und Personen, die jeder unter Umständen selbst kennen könnte, zu entschärfen. Die Inszenierung oder artifizielle Normalität wirkt daher eigenartig verwegen und plastisch, allerdings überträgt sich der im Titel angekündigte Gefühlszustand nicht auf das Publikum, sondern bleibt isoliert im Geschehen zurück und quält alle Beteiligten.

Hichcock macht den Zuschauer zu seinem Sekundanten, vom Mörder wird dieser zum Komplizen auserkoren, und die Geschichte kann oft mit wenigen Mitteln zupacken. Hierbei handelt es sich um eine hochinteressante Variation, da der blitzschnell vorweg genommene Whodunit durch hochwertige, beziehungsweise clevere Alternativen ersetzt wird. So kann sich "Frenzy" beinahe zum schlimmsten Alptraum der Komödie entfalten. Oder umgekehrt. Für den hier offensiv angebotenen britischen oder vielmehr Schwarzen Humor, müsste nach Hitchcocks verspielter aber ebenso hochkonzentrierter Bearbeitung ein neuer, nämlich noch tieferer Schwarzton erfunden werden. Der Verlauf schockiert in ausgewählten Momenten, um im nächsten Intervall zu amüsieren. Dabei sind diese Zustände oft konträr zur jeweiligen Situation gewählt, was sogar für die Situationskomik gilt. So kann es in heiteren und humorigen Momenten abstoßend und schockgeladen zugehen, ebenso wie es in diesen mit Spannung versehenen Phasen eigentümlich komisch aussehen kann. Gegensätzlichkeiten ziehen sich also auch hier spürbar an, was sich auch über die meist zweifelhaften Protagonisten sagen lässt. Hitchcock bietet kaum klassische Sympathieträger an, die sich in diesem Zusammenhang vollkommen makellos präsentieren würden. Am ehesten lässt sich diese Rolle noch der Polizei, beziehungsweise der ermittelnden Figur zuschreiben, die es aufgrund des Kochkurses der eigenen Ehefrau nicht leichter hat als ein Prägustator im alten Rom. Zu Tisch entstehen somit herrlich skurrile Szenen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern zum herzhaften Lachen animieren. Überhaupt kommt es zu interessanten Assoziationsketten zwischen Essen, Zwischenmenschlichkeit und Mord. Die Regie beschränkt sich dieses Mal nicht auf ein bloßes, wenn auch brillantes Visualisieren, sondern provoziert eine Reihe von Reaktionen beim Publikum. Hierbei handelt es sich vornehmlich um Gefühle wie Ekel, Abscheu und Empörung.

Dieser Korridor der Emotionen ist so lückenlos geplant, dass es kein Entrinnen, Ausweichen und Zurück gibt. Schaut man auf die Besetzung, so drängt sich im ersten Impuls der unverblümte Eindruck auf, dass sie vermeintlich unspektakulär wirkt, wenngleich es sich hierbei nur um eine Halbwahrheit handelt, die wohl dem eigenen Wunschdenken, beziehungsweise der persönlichen Umbesetzungscouch geschuldet ist. Jon Finch zeigt sich auffällig unbeteiligt und nur so weit in den Fokus gerückt, wie unbedingt nötig, sodass seine Funktion als unschuldig Verdächtiger völlig transparent aufgerollt werden kann. Diese fehlende emotionale Beteiligung treibt das suchende Publikum förmlich in die Arme anderer Personen, die jedoch nur Einbahnstraßen anbieten. Dieses Konzept der Abkehr von konventionellen Mustern ist zunächst gewöhnungsbedürftig, erfüllt aber seinen Zweck, denn dieser eigenwillige Nervenkitzel geht jederzeit voll und ganz auf. In Verbindung mit kulinarischen Abgründen und einem lukullischen Fauxpas nach dem anderen, kommt es zu einem Verlauf, der permanent mit dem Thema Nahrung konfrontiert, bevor er zu eigentlichen Themenkomplexen gelangt. Mit Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Jean Marsh und Alec McCowen kommt es zu hervorragenden Momenten, da sie sich dem fordernden Konzept beugen und bedingungslos anpassen. Vor allem Barry Foster sorgt dafür, dass einem das Blut in den Adern gefriert und bei seinen Opfern nicht mehr zum zirkulieren kommt, was man aber definitiv selbst kennenlernen sollte. Schlussendlich ist Hitchcocks Regiestil in "Frenzy" nicht einmal neu erfunden worden, denn seine typischen Kniffe sind allgegenwärtig. Dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass der Regisseur im Herbst seiner Karriere einen Film fabrizieren konnte, der von der Sicherheit des Terrains des Produktionslandes profitiert, somit wie entfesselt, giftig und durch und durch unbändig wirkt. Als Fazit bleibt daher nichts anders zu sagen, dass man es mit einer rabenschwarzen Sternstunde zu tun hat.


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Prisma
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Klaus Kinski

NUIT D'OR - DIE NACHT AUS GOLD


● NUIT D'OR / NUIT D'OR - DIE NACHT AUS GOLD (F|D|1976)
mit Bernard Blier, Marie Dubois, Elisabeth Flickenschildt, Jean-Luc Bideau, Charles Vanel, Anny Duperey,
Raymond Bussières, Valérie Pascale, Catherine Arditi, Robert Bury, Herta Gaupmann und Maurice Ronet
eine Produktion der Euro-France Films | France 3 | SFP | UGC | Maran Film
ein Film von Serge Moati

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»Er muss für immer verschwinden!«


Michel Fournier (Klaus Kinski) gilt als tot - zumindest glaubt das seine Familie, ebenso wie Bekannte. Die Erleichterung über das Ableben des ungeliebten Verwandten wird eines Tages mit dessen plötzlichem Auftauchen gestört, aber schließlich leben Totgesagte bekanntlich länger. Da Fournier seinerzeit des Mordes bezichtigt wurde, gilt sein Interesse fortan nur noch der Tyrannisierung und Zerstörung derjenigen, die ihn damals beschuldigten und letztlich zur Inszenierung seines Todes brachten. So erhalten seine Opfer Puppen, die an Voodoo-Zauber erinnern, um ihnen gehörige Angst einzujagen. Kommissar Pidoux (Bernard Blier), der schon vor Jahren gegen ihn ermittelte, heftet sich erneut an Michel heran...

»Ich bin zurückgekommen. Ich fang nochmal von vorne an und diesmal werde ich gewinnen!« Diese ersten hysterischen, beziehungsweise aggressiven Anwandlungen des sich selbst als völlig zweifelhaft vorstellenden Michel Fournier kündigen nicht nur die Art und Weise der Performance von Klaus Kinski an, sondern auch einen Verlauf, in dem nicht alles so sein wird, wie es zu sein scheint. Telefonische oder postalische Belästigungen bringen die offensichtlich rachsüchtige Hauptfigur auf Betriebstemperatur, sodass die Vergangenheit parallel wieder aufgerollt werden kann, als Anklage und Quälerei. Da diese Vergangenheit auch ein Stück weit Gegenwart und sogar Zukunft darstellt, ist es umso interessanter, in diese surreale Geschichte einzutauchen, die für Regisseur Serge Moati seinerzeit den Durchbruch darstellte. Eine Klassifikation in beispielsweise Thriller oder Drama ist nicht einfach, weil sinnlos, da es sich in jeder Faser des Dargestellten um ein Hybrid handelt, egal welche Komponenten man bei "Nuit d'or" letztlich bemühen will. Um das Szenario mit Intensität und einem bizarren Drive auszustatten, bietet Klaus Kinski seine leichtesten Fingerübungen an, indem er Besessenheit, unverblümte Aufdringlichkeit, Aggressivität sowie Impulsivität anbietet, die sich immer wieder eruptiv entfaltet, ohne sich dabei in plumpen Schockmomenten zu verlieren. Die Personen seines Umfeldes degradiert er zu innocent bystanders oder Gespenstern seiner Vergangenheit, denen die Hände wegen so viel Unberechenbarkeit in jeder Beziehung gebunden sind. Nur bei seiner Mutter scheint er auf unangenehmes Granit zu beißen, wobei es fraglich ist, ob die alte Dame noch vollkommen zurechnungsfähig, geschweige denn nüchtern ist. Für Elisabeth Flickenschildt war diese Rolle übrigens ihre letzte, und es handelt sich um einen überaus bizarren Abschluss ihrer so erfüllten Karriere. Viele Szenen sind schwer zu begreifen, animieren aber zum Hinstarren, da sie in merkwürdiger Manier faszinieren.

»Na schön, dann schlaf! Eines Tages wirst du nicht mehr aufwachen.« Völlig aggressiv schleudert er eine Flasche gegen die Wand, als seine Mutter ihm keine Antwort, beziehungsweise irgend eine Reaktion auf seine sich anbiedernde Präsenz gibt, denn die alte, exaltiert wirkende Frau starrt lieber auf den Fernseher, in dem längst keine Sendung mehr läuft. Michel hat Personen nötig, die deutlich auf ihn reagieren, die ihn Angst und Furcht wittern lassen. Als Zuschauer fühlt man sich unbestimmterweise durch einen Hauch von Blutgeruch in der Luft angestachelt, kann die Vorgehensweise des höchst zweifelhaften Protagonisten jedoch noch nicht immer ordnen. In der Zwischenzeit plaudern die Heimgesuchten ein wenig aus dem Nähkästchen, charakterisieren den Totgeglaubten zum immer noch völlig roh servierten Verständnis ein wenig, der zu seiner Zeit nur Mörder mit der Goldkette genannt wurde. Die Regie macht es einem nicht gerade leicht, sich von den Personen an die Hand nehmen zu lassen, da sie allesamt nicht als Sympathieträger identifiziert werden können, glitschig und selbst wie schuldige Unschuldige wirken, die auf einer Welle der Verachtung reiten. Regisseur Moati legt Wert darauf, dass dieser nicht vorhandene Unterschied zu Michel nicht (allzu schnell) auszumachen ist, sodass man der Hauptfigur alles zwischen Gut und Böse zutrauen muss, was von Kinskis Aura nur unterstrichen wird. Hin und wieder folgen Szenen, die unappetitlich wirken und auch bleiben, da sie in ihrer Aussage auch manchmal kaum zu begreifen sind. Unterstützt durch teils kryptische aber auch lethargische Dialoge, verfügt dieses phasenweise isoliert wirkende Angebot und Setting zwar stets über Ausstrahlung, gleichzeitig kann es aber strapaziös werden und dem Empfinden nach spröde zugehen. Es ist schließlich besser, wenn man sich als Zuschauer erst gar nicht dazu verleiten lässt, hier irgend jemandem oder irgend etwas zu trauen, da sonst die mystische Spannung verloren gehen würde.

Zwar ist man mit dieser Strategie immer noch auf der völlig unsicheren Seite, allerdings kann so ein trügerisches Gefühl von Sicherheit aufkommen, das einen jedoch immer nur inkonsequent erreichen wird. Im Grunde genommen setzt man sich in einen Waggon, der einen durch ein unübersichtliches Gruselkabinett transportiert. Die Fratzen, die man dort kennenlernt, sind so leicht nicht wieder zu vergessen, animieren jedoch zur Analyse, da man letztlich verstehen will. Diese uneindeutige Reise durch die in vielerlei Hinsicht angeschlagene Psyche der Beteiligten bleibt eine Katze, die sich immer wieder selbst in den Schwanz beißt, da sich Realitätsebenen verschieben. Wenn dann schließlich noch Szenen zwischen Kinski und dem kleinen Mädchen ausgewalzt werden, wird man vor gewisse Schwierigkeiten gestellt, die sich mit konventionellen Sehgewohnheiten beißen. Klaus Kinski wirkt brutal - unterschwellig wie tatsächlich. Sein Handeln als Racheengel will man nicht mittragen, da der Film kein Gerechtigkeitsempfinden besitzt oder transportiert. So erschließt sich hauptsächlich eine Morbidität und Trostlosigkeit, die keinen Zweifel daran lässt, dass man unausweichlich auf eine Katastrophe zusteuert. Es entsteht eine umgekehrte Ästhetik, die besonders in der Bildsprache zum Ausdruck kommt. Der merklich betriebene Aufwand sendet förmlich stumme Schreie ab, kaum zu dechiffrierende Signale und sehr viele beunruhigende Anteile, die in eine permanente Alarmbereitschaft versetzen. Erwähnenswerte Leistungen zeigen Bernard Blier, Marie Dubois und Maurice Ronet, die vor allem durch eine irritierende Untertourigkeit auffallen. "Die Nacht aus Gold" bietet einen verbitterten Blick auf die Bourgeoisie und rechnet im Rahmen von Trugbildern und Irrtümern mit ihr und ihren Helfershelfern ab, die sich naturgemäß für etwas Besseres halten. Am bitteren Ende bleibt so oder so um ein besonderes Filmerlebnis, dessen Perfektion sich aus einem provokanten Anti-Perfektionismus ergibt.

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Prisma
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INVASION


● INVASION (GB|1965)
mit Edward Judd, Yôko Tani, Valerie Gearon, Lyndon Brook, Ric Young, Barry Ingham, Anthony Sharp und Tsai Chin
eine Produktion der Metron Park Studios
ein Film von Alan Bridges

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»He's not human!«


In einem kleinen Krankenhaus in der Nähe von London geschehen seltsame Dinge. Als das Opfer eines Verkehrsunfalls (Ric Young) dort eingeliefert wird, steht man nach der Blutanalyse des jungen Mannes vor einem kompletten Rätsel, da dieses Ergebnis allem was man kennt nicht zugeordnet werden kann. Anscheinend hat man es mit einer unbekannten Spezies zu tun, die eine Übernahme durch das heimliche Austauschen bestimmter Personen planen. Nach kürzester Zeit wirken die Angestellten der Klinik wie ein Krisenstab, der das Haus aufgrund eines Kraftfeldes jedoch nicht mehr verlassen kann. Da in den umliegenden Wäldern eine Raumkapsel gefunden wurde, könnte man es tatsächlich mit der feindlichen Übernahme von Aliens zu tun bekommen, doch ist diese Annahme auch plausibel..?

Im Science-Fiction-Universum irren noch zahlreiche Produktionen in weit entfernten Umlaufbahnen umher, die nur auf eine Landung auf der Erde, beziehungsweise in deren Heimkinos warten. Bei Alan Bridges Low-Budget-Beitrag mit dem verheißungsvoll klingenden Titel "Invasion" ist dies zwar bereits geschehen, doch anscheinend verlief diese Ankunft ohne größeres Aufsehen zu verursachen. Wenn man von diesem wirklich charmanten Film keine allzu großen Wunder erwartet, bekommt man eine sehr unterhaltsame, sorgsam konzipierte, aber vor allem exzellent fotografierte Geschichte geboten, welche unterm Strich mit einer besonderen Aura überzeugen wird. Das ganz große Spektakel bleibt unter Bridges' Regie vergleichsweise aus, da hier mehr auf eine engmaschige Atmosphäre der Mystik geachtet wird, die nicht zuletzt wegen ihrer wirklich unheimlichen Sequenzen auffällt. Die sozialkritische Komponente rückt aufgrund der eher in den Fokus gestellten und beinahe kriegsähnlichen Bedrohlichkeit in die hintere Reihe, bleibt jedoch als statisch wirkender, anklagender Unterton zurück. Der Alltag im Krankenhaus ist gekennzeichnet von worcaholic-ähnlichen Zuständen, die das humane Material abnutzen, vielleicht sogar ausbeuten. Zur ihrer Stärke verhilft den Charakteren allerdings ihr Idealismus und der Wunsch, etwas auch über die Mauern dieser Klinik auszurichten. So arbeitet man anscheinend uneigennützig Hand in Hand, um sich zur richtigen Zeit gegen die drohende Invasion - bestehend aus drei asiatisch aussehenden Aliens - stellen zu können. Dieser Film überzeugt mit einer schönen Schwarzweiß-Fotografie, aufregenden Kamera-Einstellungen und nicht zuletzt hochinteressanten Einfällen, die man vielleicht nicht alle Tage serviert bekommt. Die Eindringlinge sind plötzlich da und platzieren sich in eigenartiger Selbstverständlichkeit. Aus dem Nichts greifen sie dabei nach unschuldigen Opfern und tauschen sich kurzerhand selbst gegen sie aus.

Diese einfache aber ebenso beängstigende Strategie verleiht dem Verlauf atemlose Intervalle, in denen man deutlich spürt, dass die Zeit davon läuft. Über die Hintergründe wird erst gar nicht ausladend diskutiert, da es Erklärungen eigentlich auch nicht zwingend braucht. Leider kommen hier und da ein paar xenophobe Tendenzen auf, was hauptsächlich auf das Aussehen der Invasoren zurückzuführen ist, auch wenn es sich hier wahrscheinlich um keine böse Absicht gehandelt hat. Vielmehr liegt die Wahrscheinlichkeit näher, dass man von einem internationalen Cast profitieren wollte, der beispielsweise mit Yôko Tani über eine Interpretin verfügt, der Science-Fiction-Erfahrung nicht fremd war. Ihre zierliche Silhouette und die auffällig geschmeidigen, beinahe fliehenden Bewegungen und Vorgehensweisen, stehen in herbem Kontrast zu ihrer Person, die vielleicht bereit wäre, zum Äußersten zu gehen. Offensichtlich hat sie die Führungsposition inne, doch sie lässt sich in keiner Sekunde durchschauen. Unterstützt durch die auffälligen bis weniger in Erinnerung bleibenden Leistungen von Edward Judd, Valerie Gearon, Lyndon Brook oder Ric Young, kommt es zu einer rastlosen Dynamik in der kleinen Klinik, die nach gewisser Zeit wie ein Käfig wirkt, aus dem es kein Entrinnen mehr geben soll. Interessanterweise ist hier auch noch Tsai Chin in einer ansprechenden Nebenrolle als Krankenschwester zu sehen, die wenig später als sadistische Tochter des "Dr. Fu Man Chu" in der fünfteiligen Reihe durchstarten sollte. Geschichten, die wie feiner Sand wirken, um durch den engen Hals einer Sanduhr hindurch zu kommen, verfügen naturgemäß über ein merkliches Zeitdiktat, das auch hier zu spüren ist und die Story gut über die Ziellinie bringt. Als Unterhaltungsfilm mit ein paar schockierenden und etlichen beunruhigenden Inhalten ist "Invasion" sehr gut konsumierbar und kann insgesamt als kleiner, wenn auch nicht geheimer Tipp unter den B-Science-Fictionern angesehen werden.

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MITTSOMMERNACHT


● MITTSOMMERNACHT (D|1967)
mit Robert Fuller, Ruth Maria Kubitschek, Sieghardt Rupp, Marianne Hoffmann, Anita Höfer,
Liane Hielscher, Ralf Wolter, Edith Hancke, Walter Kohut, Kurt Nachmann sowie Carl Lange
ein Lisa Film | im Gloria Verleih
ein Film von Paul May

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»Soll ich vielleicht mit ihm ins Bett steigen, damit er bleibt?«


Der Sägewerkbesitzer und Großbauer Arne Arndahl (Carl Lange) lebt mit seinen zwei Töchtern Christine (Marianne Hoffmann) und Astrid (Liane Hielscher) auf dem abgelegenen Svytelma-Hof. Als ein Knecht eines Tages versucht, Astrid zu vergewaltigen, sie diesen aber vom Hof jagen kann, nimmt Arne die Verfolgung auf und kann im letzten Moment vor einer Bluttat bewahrt werden. Abgehalten durch einen Fremden namens Tore (Robert Fuller), der noch einmal die Gelegenheit bekommen wird, den Großbauern aus einer großen Bedrängnis zu befreien, folgt ihm auf seinen Hof, wo er den Arndahl-Frauen den Kopf verdreht. Nur Karen (Ruth Maria Kubitschek) verfällt dem Charme Tores nicht, da sie seit geraumer Zeit einen anderen Plan verfolgt...

Diese deutsche Produktion aus dem Jahr 1967 wurde unter der Regie von Paul May inszeniert und ist quasi seit Erscheinen wieder in Vergessenheit geraten. Das in Norwegen spielende und der Steiermark gedrehte Drama erinnert alleine wegen seiner Machart und gewisser Inhalte sowie Charaktere an den beinahe zehn Jahre zuvor entstandenen Klassiker "Und ewig singen die Wälder", für den sich der Münchner Regisseur May ebenfalls verantwortlich zeigte. Es ist zu bezweifeln, dass man von Seiten der Produktion an einen ähnlichen Erfolg geglaubt hat, denn dafür passt die Präsentation zu wenig in das Herstellungsjahr 1967 und wirkt mit all seinen Eindrücken, Personen und Kapriolen etwas rückwärtsgewandt, wenngleich das Ergebnis in den Kinos noch zufriedenstellend gewesen sein soll. Wie erwartet, kontert der Film gleich zu Beginn mit einer Vielzahl an imposanten und atmosphärischen Naturaufnahmen, die der US-Amerikaner und Hauptdarsteller Robert Fuller als unbekannter Fremdenführer begleitet. Als sich nach dem Vorspann und mehr als fünf Minuten lang allerdings immer noch keine Richtung oder irgend ein Dialog ergeben hat, kommt es zu seiner unnötigen Stagnation oder schlimmstenfalls Langeweile, die sich dieser Film bestimmt nicht zur Aufgabe machen wollte. Endlich tauchen die ersten intriganten Personen auf und es kommt zu Wortgefechten und Übergriffen, die auf dem Hof dem Vernehmen nach an der Tagesordnung sein sollen. Es rauscht gewaltig, was aber nichts mit den Wäldern zu tun hat, sondern den beteiligten Damen, wie etwa Ruth Maria Kubitschek, die als Haushälterin des Patriarchen und Großbauers Arndahl auf alles Mögliche verzichten könnte, nicht aber auf den Titel einer Großbäuerin, was zur Folge hat, dass sie bei sich jeder bietenden Gelegenheit mit den Töchtern des Hauses aneinander gerät. Diese verblüffende Offenheit der Kubitschek konnte zur damaligen Zeit bereits als Markenzeichen wahrgenommen werden, da es sich um eine der wenigen deutschen Interpretinnen handelte, die es nicht nötig hatte, auf Sympathie-Fischzüge gehen zu müssen.

So bleibt es also nur abzuwarten, ob sie ihre offen zur Schau getragenen Ambitionen gegen den Widerstand der Kontrahentinnen durchbringen kann. Liane Hielscher und Marianne Hoffmann zeigen sich in dieser mit Heu ausstaffierten Arena nicht minder kämpferisch, kratzbürstig, oder angriffslustig, beziehungsweise im schauspielerischen Sinn gut aufgelegt, sodass man in dieser Beziehung wirklich gut unterhalten wird. Bekannte Interpreten wie Carl Lange, Ralf Wolter oder Sieghardt Rupp formvollenden viele Intervalle und Szenen, sodass der bereits zu Beginn vielleicht ein wenig als Fremdkörper identifizierte Robert Fuller - der hier von Hans von Borsody synchronisiert wird - nicht weiter auffällt, bis er am Ende sogar zu den Arbeitserfolgen gezählt werden kann. Die Geschichte bietet viel dramatisch aufgerolltes Potenzial, welches sich unter der Regie und vor allem der Schauspielführung Paul Mays gut entfalten kann. Natürlich bleiben Gedanken nicht aus, dass es sich trotz aller Vorzüge um einen relativ alten Hut handelt, aber die Zeiten der mit viel Theatralik und Spektakel ausgestatteten Heimatfilme war offenbar immer noch nicht ganz vorbei. Tatsächlich lässt dieser Beitrag einige Initialzündungen und überkochende Situationen vermissen, außerdem verliert sich das Szenario zu gerne in ausladenden Sightseeing-Strecken, die zwar immer schön anzusehen sind, den Erzählfluss aber hier und da ungünstig unterbrechen, bis es wieder zum obligatorischen Nervenkitzel aus der Bergwelt kommen kann. Insgesamt präsentiert sich "Mittsommernacht" alles andere als uninteressant und wäre eigentlich prädestiniert für die übliche und immer wiederkehrende sonntägliche Nachmittagsunterhaltung im deutschen Fernsehen gewesen, doch leider erinnert man sich nicht mehr an diesen optisch und darstellerisch intensiven Beitrag, dessen stärkstes Manko sich vielleicht aus einer merklichen Unentschlossenheit in den Bereichen der Stringenz und Individualität ergibt. Ansonsten kann man sich dieses mit Intrigen und Drama angereicherte Berg-Märchen ganz bedenkenlos anschauen.

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WIR - ZWEI


● WIR - ZWEI (D|1970)
mit Sabine Sinjen, Christoph Bantzer, Corny Collins, Ulrich Schamoni, Käthe Jaenicke, Herbert Weissbach sowie Rolf Eden und Blandine Ebinger
eine Produktion der Terra Filmkunst | im Constantin Filmverleih
ein Film von Ulrich Schamoni

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»Du bist schöner geworden!«


Nach rund 10 Jahren trifft Andreas (Christoph Bantzer) seine alte Jugendliebe aus Tanzstundenzeiten wieder. Hella (Sabine Sinjen), die mittlerweile mit dem erfolgreichen Berliner Kaufmann Willy Meyer (Ulrich Schamoni) verheiratet ist und Mutter einer kleinen Tochter (Ulrike Schamoni) ist, lässt sich auf das kleine Abenteuer ein, um heraus zu finden, ob sich ein altes Gefühl wiederholen lässt. So lässt sich die in ihrer Ehe unterforderte Frau von dem gut aussehenden Naturwissenschaftler hofieren und gegen ihren Willen erneut beeindrucken, sodass sich eine neue Auflage der alten Liaison ergibt, der jedoch nicht alle Außenstehenden beglückt zusehen. Wo wird diese ungewisse Reise hinführen..?

Der mit dem Prädikat "wertvoll" und einer Drehbuchprämie von 200.000 D-Mark ausgezeichnete Film "Wir - zwei" stellte für den Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Ulrich Schamoni vielleicht eine Art Etappensieg in seiner eigenen Filmografie dar, was sich zunächst auf die Auszeichnungen und allgemeine Beachtung bezieht. Die zeitgenössische Kritik - des deutschen Films aller Couleur offensichtlich vollkommen überdrüssig - kam überwiegend zu dem gleichen Schluss, dass Schamonis Werk eigentlich kein neues Angebot für den Zuschauer gewesen sei, was jedoch alleine schon wegen der Struktur und Inszenierung schnell von der Hand zu weisen ist. "Wir - zwei" kann scheitern, kann langweilen oder irritieren. Andererseits kann diese Geschichte innerhalb ihrer Realitätsverschleppung und mit einem auffällig minimalistischen Prinzip auch unbarmherzig triggern. Lassen sich starke, der Erinnerung nach einzigartige Gefühle wiederholen? Die Antwort auf diese rhetorische Frage wird sich der Zuschauer am Ende des Verlaufs selbst geben können, die von Fall zu Fall aber keineswegs identisch sein muss. Die Geschichte beginnt vollkommen simpel und droht in kürzester Zeit wie ein albernes Berliner Klischee zu wirken, was in dieser Ausarbeitung sogar nicht uninteressant wirkt. Andreas sieht Hella nach 10 Jahren wieder, steigt entschlossen in ein Taxi und fährt ihr schnurstracks nach, auf eine Beerdigung, beziehungsweise in ein Krematorium. Raum, Setting, Zeit und das Leben selbst hindern die beiden nicht daran, die Andeutungen ihrer Liebeserinnerungen wieder hervor zu kramen. Man verabredet sich. Unkonventionell und gleichzeitig so schrecklich bürgerlich. Hella ist verheiratet und lässt ihre Tochter vom Dienst- und Kindermädchen erziehen. Ihr Mann hat eine Rechenmaschine im Kopf, aber auch eine Villa und reagiert nicht auf subtile Hinweise. Andreas wittert leichte Beute, muss seine attraktive Bekanntschaft Marlies nur noch diskret aufs Abstellgleis manövrieren.

Man betrachtet den sich anbahnenden Pas de deux mit Aufmerksamkeit und nach kürzester Zeit sogar mit Vergnügen, obwohl eine einigermaßen intakte Familie auf den Prüfstand gestellt wird. Was bleibt, ist die Verwunderung, aber dem Anschein nach ist diese Achterbahn der Gefühle unberechenbar, wenngleich es Regisseur Ulrich Schamoni flächendeckend mit offensiver Transparenz versucht. Beim Stichwort Verwunderung muss man allerdings auch unweigerlich an Herrn Meyer denken, der den Inbegriff des Spießers darstellt, eingehüllt in weltmännische und völlig liberale Gebärden, außerdem mit progressiven Ansichten jonglierend, obwohl andere Eindrücke dominieren. Ein Kampf gegen jedes Image sozusagen. So versucht er sich als beispiellosen Entwurf zu verkaufen, was eine beinahe provinzielle Großstadt-Attitüde nur entlarvt. Dargestellt von Regisseur Ulrich Schamoni, entstehen bizarre bis authentische Momente, und es ist nicht zu leugnen, dass die Interpretation seiner eigenen Tatsachenberichterstattung sehr überzeugend ausgefallen ist. Überhaupt lebt "Wir - zwei" von überzeugenden darstellerischen Leistungen, die die kleinen großen Momente der Veranstaltung repräsentieren und erst fabrizieren. Das Lebenselixier des Szenarios stellt Sabine Sinjen dar, da sie sehr viel Modellcharakter mitbringt. Hella wird nicht als profanes Objekt der Begierde dargestellt, die beim Hin und Her zweier Männer als Tau endet, an dem empfindlich gezerrt wird, denn für dieses simple Spiel aus der Palette des Liebeskarussells brächte es mindestens die im Titel angekündigten Zwei, aber Ulrich Schamoni bietet letztlich nur das wir über ein Minus an. Hellas ehemaliger und gleichzeitig neuer Verehrer interessiert sich unverblümt für die schöne Frau in den allerbesten Jahren, immerhin sind seinerzeit einige unerfüllte Wünsche zurück geblieben. Gleichzeitig ist sie zu Hause als Frau abgeschrieben, immerhin übernimmt sie nun eine gesellschaftliche Rolle, in der es scheinbar keine Zwischentöne mehr gibt.

Herr Meyer genügt die sich nach außen spiegelnde, aber vermeintliche weil trügerische Idylle, da er eine persönlichen Ziele mit Familie und Wohlstand offenbar erreicht hat. Es wirkt nahezu befremdlich, dass er sich für seine Frau zu freuen scheint, als sie einen neuen Zeitvertreib gefunden hat, oder dass er mit Andreas' Begleitung nackt in die Sauna und den Pool geht. Für den Zuschauer sind diese Indikatoren völlig eindeutig, denn er hat keine amourösen Ziele mehr vor Augen, die es zu erreichen gilt. Andreas nutzt diese emotionale Vakanz im Hause Meyer aus, und das noch nicht einmal schamlos, da es von beiden Seiten quasi zu Einladungen kommt. Fortan zeigt der Verlauf glückliche, intime und prickelnde Momente, die allerdings nicht vital genug wirken, um die Bequemlichkeit aller Beteiligten zu überlagern. In diesem Zusammenhang zeigen sich durch die Bank exzellente bis überraschende Leistungen der Interpreten, vor allem Corny Collins kann sich neben dem erwähnten Trio am meisten profilieren. Die Berlinerin, die dem Empfinden nach mit steigendem Alter immer interessanter wurde, symbolisiert das Schicksal der Zurückgelassenen, die allerdings besser bedient sind, wenn sie den alten Ballast hinter sich lassen. Ungewöhnlich freizügig, aber nicht lasziv, erlebt man eine Corny Collins, die man so nicht alle Tage gesehen hat und zeigt, welches Potenzial in ihr steckt. Erwähnenswert sind des Weiteren die Auftritte von Käthe Jaenicke, Rolf Eden als himself oder Blandine Ebinger in einem ihrer letzten Spielfilme. Am Ende der Geschichte bleibt vielleicht zu wenig zurück, als dass es genug sein könnte, allerdings auch genug, als dass es zu wenig wäre. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine globale Unentschlossenheit der Produktion, sondern um der wenigen authentischen und einfachen Geschichten, die bruchstückhaft an die Realität erinnern. Als Fazit bleibt, was jeder insgeheim wusste: Man kann ein Gefühl nicht wiederholen, auch nicht mit einem Produktionsbudget von 700.000 D-Mark. Sehenswert!

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● DIE BLAUE HAND (D|1967)
mit Harald Leipnitz, Klaus Kinski, Ilse Steppat, Carl Lange, Diana Körner, Hermann Lenschau, Albert Bessler, Gudrun Genest, Ilse Pagé,
Fred Haltiner, Peter Parten, Thomas Danneberg, Harry Riebauer, Otto Czarski, Richard Haller, Heinz Spitzner und Siegfried Schürenberg
ein Rialto Film Preben Philipsen | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Voher

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»Ich unterhalte mich nicht gerne mit Leuten die Unsinn reden!«


Dave Emerson (Klaus Kinski) wird wegen Mordes angeklagt. Das Gericht erkennt jedoch ein psychologisches Gutachten des Arztes Dr. Mangrove (Carl Lange) an, welches den Angeklagten für unzurechnungsfähig erklärt, sodass Emerson seine Haftstrafe in Mangroves Heilanstalt verbüßen muss. Es dauert nicht lange, bis ihm ein mysteriöser Unbekannter zur Flucht verhilft. In dieser Nacht erreicht der Ausbrecher Schloss Gentry, den nahe gelegenen Familiensitz, doch Duck (Otto Czarski), der Wärter, nimmt die Verfolgung auf, bis er im Inneren des Schlosses von einer unheimlichen Gestalt mit Kapuze ermordet wird. Wenig später treffen Inspektor Craig (Harald Leipnitz) und Sir John (Siegfried Schürenberg) von Scotland Yard ein, doch Dave bleibt verschwunden. Sie treffen lediglich Richard, seinen Zwillingsbruder, und dessen Stiefmutter Lady Emerson (Ilse Steppat) an. Hat der Dave erneut einen Mord begangen? Die Untersuchungen geben zunächst Hinweise auf die Mordwaffe: an einer Rüstung fehlt die sogenannte blaue Hand, ein eisernes Mordwerkzeug, das mit mehreren tödlichen Dolchen versehen ist...

Dieser 23. Beitrag nach Edgar Wallace aus dem Hause Rialto präsentiert sich vollkommen in der Silhouette der üblichen Arbeiten der Domäne von Alfred Vohrer, welche ab 1967 gebräuchlich waren und beinahe einem Fließband glichen. So kann vielleicht gesagt werden, dass mit "Die blaue Hand" der Grundstein für Freibriefe dieser Art gelegt wurde. Markenzeichen dabei ist nicht nur die teils hemmungslose Verspieltheit der Geschichten, sondern auch ein oft auffälliges Abwenden von empfundener Ernsthaftigkeit bei den Inszenierungen. Natürlich ist es relativ zu betrachten, inwieweit die meisten Vorgängerfilme eine Realitätsnähe repräsentieren konnten, doch das modifizierte Konzept erscheint in diesem Zusammenhang schon auffälliger konturiert. Aus heutiger Sicht drohen diese Beiträge im Gesamtkonzept der Reihe mehr oder weniger abzufallen, aber man darf auch nicht vergessen, dass sie hauptsächlich akkurat auf den Zeitgeist abgestimmt wurden. Eine immer wieder erfolgreiche Herangehensweise, denn die immer noch guten Zuschauerzahlen belegen die Beliebtheit der Serie durch diesen immer noch beachtlichen Zuspruch. Die Produktionen von 1967 haben bestimmt alle ihre Stärken, aber es zeigen sich auch verworrene Tendenzen, und das in bedeutendem Ausmaß. "Die blaue Hand" behandelt eine Geschichte, die auf den ersten und sogar auf den zweiten Blick recht interessant wirkt; der Unterhaltungswert ist dabei unbestritten. Das Drehbuch wirkt beim genauen Betrachten allerdings überfrachtet, dass unglaubwürdige Phasen im Endeffekt nicht ausbleiben werden. Die zahlreichen Kehrtwendungen, Effekte und Verstrickungen in Nebenhandlungen können insgesamt nicht über die Herkömmlichkeit dieses Falls hinwegtäuschen und im Farbfilm-Bereich gibt es schließlich Beiträge, die die Nase deutlich vorn haben. Wallace-Filme im Ganzen, das bedeutet der eigenen Impulsivität und den persönlichen Präferenzen auch einmal ungeniert freien Lauf zu lassen, denn es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Auch die Regie scheint diesen Luxus in Anspruch zu nehmen, denn der Bearbeitungsstil wirkt zwar insgesamt recht klassisch, doch in Phasen ebenso stürmisch, sodass es zu zahlreichen Gedankensprüngen kommt, die den Verlauf nicht immer in ein nachvollziehbares Licht rücken, insbesondere im sehnlichst erwarteten Finale dieser Veranstaltung.

Viele der hier ins Rennen geschickten Personen provozieren den Zuschauer richtiggehend durch ihr unmotiviertes Handeln und auch die Bindungen untereinander bleiben gewollt diffus, um ein möglichst beeindruckendes Finale präsentieren zu können, das wie erwähnt nicht immer schlüssig bleiben wird. Harald Leipnitz sieht man in seinem dritten und gleichzeitig letzten Auftritt. Seine Interpretationen haben die Reihe bereichern können, da seine Darbietungen sich immer eine Spur von der Konkurrenz abheben wollten, bestenfalls auch konnte. Sein sachlicher und beinahe leidenschaftsloser Stil kann als sein Markenzeichen angesehen werden und seine Ermittler waren nicht primär auf Sympathie-Fischzug oder Happy-End-Veranstaltungen angelegt. Da die Suche nach einer Partnerin in diesem Zusammenhang längst nicht mehr en vogue war, sieht man ihn als klassischen Einzelgänger, der es oftmals sogar nicht für nötig hält, seinen eigenen Chef von diversen Eigenmächtigkeiten zu unterrichten. Inspektor Craig hält sich nicht mit zeitraubenden Höflichkeiten oder Plänkeleien auf, und diese direkte Art lässt die Kontrahenten spüren, dass ihnen seine Hand bereits im Nacken sitzt. Klaus Kinski staffiert das Szenario gleich mit einer Doppelrolle aus, die allerdings wenig doppelbödig angelegt ist. Sehr schade hierbei ist, dass das Potential seiner langjährigen Serien-Erfahrung nicht im Entferntesten genutzt werden konnte. Wie oft gab er in seinen meist zwielichtigen Parts den Verrückten, den Irren oder den Aggressor, dem man schließlich alles hätte zutrauen wollen, doch hier wirkt er für seine Verhältnisse etwas zu zahm, zu greifbar und berechenbar. Nichtsdestotrotz scheint der hier verfügbare Klaus Kinski im Schutzgriff eines Allround-Drehbuches aber alles andere als uninteressant zu sein. Auch die Metamorphose vom vermeintlich Wahnsinnigen zum Co-Ermittler nimmt man ihm schließlich gerne und sogar mit leichtem Erstaunen ab. Die Interaktion mit Inspektor Craig und Sir John wirkt sehr ausgefeilt und es wird sogar etwas Raum für gelungene humoristische Untertöne geschaffen, die über die Projektionsfläche Sir John wie ein Uhrwerk laufen wird, denn Siegfried Schürenberg arbeitete sich schließlich zu einer der verlässlichsten Größen der kompletten Reihe hervor.

Eine der wichtigsten Gastrollen übernimmt abwechslungsweise und einmalig Diana Körner, die hier in ihrer ersten Kinorolle überzeugen kann. In den Titel-Credits wurde ihr Name zwar zugunsten der arrivierten Stars ziemlich nach hinten gereicht, aber faktisch und im klassischen Wallace-Sinn interpretiert sie die weibliche Hauptrolle. Die Anlegung des Charakters Myrna läuft erneut über das Bedrohte-Schönheit-Prinzip ab, allerdings steuert Diana Körner sehr angenehme Facetten bei, die sich entscheidend von vielen ihrer Kolleginnen unterscheiden. Überhaupt schildert der Verlauf eine wahrhaft strapaziös wirkende Angelegenheit für die junge Interpretin, die sich nicht nur mit dem unheimlichen Kapuzenmann herumschlagen muss, sondern auch mit Ratten, Würgeschlangen, Geisteskranken und einem dazu passenden Psychiater, der von Carl Lange eine bemerkenswert manipulative und abstoßende Gestalt bekommt. Dr. Mangrove steht offensichtlich hinter all den Verbrechen, doch auch er handelt lediglich im Auftrag eines Drahtziehers im Hintergrund, den er nur den »Boss« nennt. Womöglich sieht man den Flensburger in seinem besten Wallace-Auftritt, was sich auch von Ilse Steppat sagen lässt, die hier noch einmal etwas mehr Raum für ihre unverwechselbare Art und Interpretationsgabe geschaffen bekommt. Wie üblich ist auch ihre Lady Emerson nicht gerade die sympathischste Erscheinung. So ist zu erahnen, dass sie eine zu vertuschende Vergangenheit hat, sodass man gleich spekulativ auf diverse Abgründe blickt, die hier und dort auftauchen könnten. Wieder einmal erteilt Ilse Steppat eine Gratis-Lehrstunde in Sachen Gestik, Mimik und diffuser Angriffslust; besonders auffällig wirkt erneut ihre hypertone Körperhaltung, die immer dann auffällt, wenn sie sich plötzlich in die Enge getrieben fühlt, was in dieser Geschichte ziemlich oft vorkommen wird. Immer dann, wenn sie ihre Augen zusammenpitscht und ihre giftige Stimme erhebt, transportiert sie nervöse und sogar leicht hysterische Züge. Ein großartiger Präzisionsauftritt der feuerroten Interpretin. In weiteren Rollen fallen Gudrun Genest als resolute Krankenschwester, Albert Bessler als dubioser Butler und Ilse Pagé als verführerische Miss Finley auf, ohnehin ist die Geschichte bis in die kleinsten Rollen hervorragend besetzt.

"Die blaue Hand" ist eines der letzten wirklichen Verbindungsglieder zu urtypischen Edgar-Wallace-Verfilmungen, denn in den Bereichen Wiedererkennungswert und Grundstimmung arbeitet die Regie recht klassische Elemente heraus. Insbesondere die düstere, teils beklemmende Atmosphäre vermag hier noch einmal deutliche Akzente zu setzen, die selbst unkonventionelle Komponenten des Films in ihre Schranken verweisen. Auch diese Geschichte hatte angesichts des Produktionsjahres nicht vor, den Märchen-Charakter vollkommen abzulegen, sodass es zwar zu einer eingängigen Erzählung kommt, sich das Ganze aber nicht permanent aus dem Bereich des Möglichen anbieten wird. Leider lässt das straffe Erzähltempo im letzten Drittel des Films etwas nach und es kommen viel zu viele Auswüchse des Drehbuches zum Vorschein, die in aller Schnelle nicht geordnet werden können. Man kann es Verspieltheit nennen oder angesichts der so gut wie ausgeschöpften Möglichkeiten sogar Verzweiflung, doch Alfred Vohrer hat das Rad mit dieser Strategie nicht mehr neu erfinden können. Etliche Stilmittel wirken für heutige Begriffe nahezu überdreht und sogar weitgehend unangebracht. Die besagte atmosphärische Dichte setzt sich aus bewährten Stilmitteln zusammen: überdurchschnittlich viele Sequenzen spielen sich in dunkler oder nächtlicher Atmosphäre ab, Licht- und Schattenspiele bündeln ihre furchteinflößende Kraft. Ein altes Schloss, das Katakomben mit kostenpflichtigen Geheimgängen, Rüstungen und Skeletten in rätselhaften Räumen besitzt, in denen die Schlossbewohner durch Phantome beobachtet werden, sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert und Geheimnisse. Hinzu kommt eine Irrenanstalt, die wie eine Ausgeburt der schlimmsten Alpträume wirkt, da ihre Räumlichkeiten so schäbig sind, dass sie insgesamt einen schönen Kontrast zur relativ guten Ausstattung darstellen. Passend dazu wirken die alternativen Klänge von Martin Böttcher, die noch nicht einmal konträr zum guten Ton der vielen Filme stehen, sondern dies im Bezug auf die geläufigen Töne des Komponisten selbst tun. Das große, ohne viele übrig gebliebene Verdächtige Finale wirkt wie ein Rundumschlag der eigensinnigsten Sorte und drückt dem Geschehen leider den finalen Stempel auf, dass alles ein wenig zu sehr konstruiert war. Insgesamt wird man jedoch von einem hohen Unterhaltungswert gepackt und letztlich kassiert, sodass sich dieser gute bis durchschnittliche Wallace im gehobenen Mittelfeld platzieren kann.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Florinda Bolkan

SPUREN AUF DEM MOND


● LE ORME / SPUREN AUF DEM MOND (I|1975)
mit Peter McEnery, Ida Galli, Nicoletta Elmi, Caterina Boratto, John Karlsen, Rosita Torosh, Miriam Acevedo
Luigi Antonio Guerra, Feridun Çölgeçen, Franco Mango, Esmeralda Ruspoli sowie Klaus Kinski und Lila Kedrova
eine Produktion der Cinemarte
ein Film von Luigi Bazzoni

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»Ich bin noch niemals hier gewesen. Niemals!«


Die Übersetzerin Alice (Florinda Bolkan) wacht eines Morgens auf und beginnt ihren Tag ganz normal mit der Arbeit. Wenig später stellt sich jedoch heraus, dass sie einen Abgabetermin versäumt und sich vor Tagen unentschuldigt vom Arbeitsplatz entfernt hat. Alice ist vollkommen verwirrt, aber es scheinen tatsächlich 72 Stunden aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein. Das einzige, woran sie sich erinnern kann, ist ein bizarrer Traum über einen zurückgelassenen Mann in einer Raumstation auf dem Mond. Merkwürdige Anhaltspunkte zeigen sich im Tagesverlauf, so auch eine Postkarte eines Hotels auf Garma, wo sie schließlich kurzentschlossen hinreist. Zu ihrer Verwirrung wird sie dort von mehreren ihr unbekannten Personen als eine Frau namens Nicole identifiziert, die angeblich vor mehreren Tagen dort gewesen sei...

»Das Experiment hat begonnen!« Als dieser frühe Satz fällt, hört es sich zunächst so an, als sei er lediglich auf die Handlung und die damit verbundenen Personen in "Spuren auf dem Mond" bezogen. Interessanterweise stellt sich im weiteren Verlauf jedoch heraus, dass es sich um eine ultimative Ankündigung, vielleicht sogar eine regelrechte Kampfansage für den Zuschauer handelt. Luigi Bazzoni macht alles, was zu seinem Film gehört, zum Gegenstand eines Experiments, was sich zweifellos auch auf diejenigen übertragen lässt, die damit beschäftigt sind, diesen komplexen, verwirrenden, aber gleichermaßen hoch interessanten Beitrag zu ordnen. Die Frage nach Ursache und Wirkung dominiert das Geschehen, auch der ständige Impuls, entschlüsseln, verstehen und deuten zu wollen, erweist sich als Basis für dieses so unerhört elegant wirkende Mosaik, dessen Zusammensetzung dem Empfinden nach manchmal fast über die Grenzen des Machbaren hinausgeht. Die zentrale Figur des Geschehens ist die Simultandolmetscherin Alice Cespi, die den Verlauf unausweichlich dominieren wird. Als sie eines Morgens aufwacht, stellt sich nach und nach heraus, dass ihr unerklärlicherweise drei komplette Tage in der Erinnerung fehlen, die plötzlich aus ihrem Gedächtnis gelöscht sind. Vom Eindruck her hat man es mit einer gefasst wirkenden, pragmatisch veranlagten Frau zu tun, doch es werden Personen ihres Umfeldes sein, die andere Facetten reflektieren. Ob Arbeitskollegin, Vorgesetzte oder eine Freundin - das Bild fängt an zu bröckeln. So soll Alice während einer Übersetzung ohne Angabe von Gründen fluchtartig den Arbeitsplatz verlassen haben. Auch ihre eigenen Aussagen zeichnen eine Person mit massiven Versagensängsten, die sich in erster Linie mit ihrer Tätigkeit als Kabinendolmetscherin in Verbindung bringen lässt, die eine hohe physische und psychische Belastung darstellt.

Der Fachterminus Décalage, der aus dem Bereich des Simultandolmetschens stammt, lässt sich spielend auf ihren Alltag und die jetzige Situation übertragen. Gemeint sind die Verschiebungen in ihrer eigenen Realität, die Diskrepanz zwischen Illusion und Wirklichkeit, die Unterschiede in der Eigen- und Fremdwahrnehmung, sowie die Differenzen im Rahmen ihrer mentalen Verfassung. Es fällt schließlich der Begriff »Perfektionsbesessenheit«, der bei dem Blick auf diese Frau möglicherweise einen bevorstehenden Kollaps impliziert. Oder ist es längst schon so weit gewesen? Kippt Alice schlicht und einfach unter den hohen Anforderungen einer unerbittlichen Gesellschaft um? Ist sie möglicherweise ein Opfer ihrer selbst? Die Geschichte verweigert hierzu sämtliche Erklärungen und ein ausladender Verlauf schildert den mühsamen Aufschluss dieser rätselhaften Angelegenheit, der dem Zusammentragen eines Scherbenhaufens gleichkommt. Beim Ordnen der Lage bleibt die Erinnerung an die im Vorspann gezeigten Bilder vom Mond, die so vollkommen konträr zur sich aufbauenden Handlung stehen. Als die Protagonistin im Gespräch mit einer Kollegin selbst die gedankliche Brücke zu diesen Eindrücken und dem Titel von Luigi Bazzonis Film schlägt, wird man hellhörig und ist an jeder kleinsten Information interessiert. Irritiert nimmt man die Erklärungen über einen Film zur Kenntnis, den Alice vor vielen Jahren gesehen hatte und der den Titel "Spuren auf dem Mond" trug. Dieser soll nach eigenen Angaben so strapaziös und beängstigend gewesen sein, dass sie ihn seinerzeit nicht durchstehen konnte, doch mittlerweile sind diese Bruchstücke der Erinnerung wieder Gegenstand ihrer Träume. Für den Moment sind die außerirdischen Szenen damit zwar noch nicht erklärt, aber zumindest gerechtfertigt und es baut sich eine massive Getriebenheit von Alice auf, die die aufklärende Funktion selbst in die Hand nehmen wird.

Das Szenario geht ein interessantes Wechselspiel mit Florinda Bolkan ein. Einerseits dominiert die Brasilianerin das Geschehen sehr intensiv, um im Wechsel jedoch von den Rahmenbedingungen dominiert zu werden. Diese Maßnahme erweist sich immer mehr als treibende Kraft, denn Zweifel werden geschürt, um sie unmittelbar im Anschluss wieder zu verwerfen, bis sie in mehrfacher Potenz wieder auftauchen können. Dem Zuschauer ist unklar, ob man den Augen von Alice trauen kann, ob man ihre Gedanken und Recherchen für bare Münze nehmen sollte, ob sie Opfer eines doppelten Spiels wurde, oder ob sie einfach nur Schimären nachjagt. Je konsequenter die verwirrenden Elemente aufgebäumt werden, desto fraglicher wird die Plausibilität des Ganzen. Betrachtet man die Mitte 30jährige Frau, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Folgen ihres unzumutbaren Lebenswandels handelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich um einen klassischen Fall eines ausschweifenden Lebens handelt; eher das Gegenteil ist der Fall. Die Aufopferung für den Beruf brennt die ohnehin angeschlagene Frau aus. Kontakte, Gespräche und Alltag scheinen ausschließlich nur noch mit der Arbeit zu tun zu haben. Schlafstörungen und Erschöpfungszustände lassen Tablettenkonsum folgen, der allerdings nur darauf angelegt ist, die temporären Symptome zu kaschieren. Alice ist einsam und wirkt dementsprechend isoliert. In jeder Szene, in der sie vor einem Spiegel steht, kommt es zu deutlichen Gewissheiten. Sie schaut sich nicht an, sondern sieht durch sich durch und nicht das, was mit ihr passiert. Immer wieder schießen die Fragmente ihres Alptraums ein, die eine Art Kontrollzentrum und die mysteriösen Szenen vom Mond zeigen. Nach dieser auffällig intensiven Vorstellung der Hauptperson werden weitere Schritte von der Regie eingeleitet, die die Geschichte beinahe behutsam vorantreiben.

Eher beiläufig tauchen mehrere Indizien für die Eigenartigkeit der Situation auf, die allerdings nur aufgrund der Verwunderung von Alice ins Gewicht fallen. Ein verschwundener Ohrring, die zerrissene Postkarte eines Hotels, ein nicht zu identifizierendes gelbes Kleid mit Blutflecken darauf oder anonyme Anrufe, bis hin zu der unerklärlichen Tatsache, dass sie das Datum nicht weiß und ihr ganz offensichtlich 72 Stunden im Gedächtnis fehlen. Ein oberflächlicher Blick durch Alices Wohnung zeigt, dass sie offenbar recht gut situiert ist, dass es ihr materiell an nichts zu fehlen scheint. Dennoch wirkt die mittlerweile beunruhigte Frau unglücklich und mental ausgebrannt. Florinda Bolkan hat in Luigi Bazzonis Film sozusagen die darstellerischen Hoheitsrechte, denn keine Rolle kann ihr vom Umfang, aber auch von der präzisen Zeichnung her das Wasser reichen. Sie verbindet eine eigenartige Ruhe mit verborgener Hysterie, die ihre greifbaren Spitzen immer nur in Momenten der absoluten Verwirrung oder Verzweiflung erfährt. Ihr subtiles, abwartendes, beinahe hinhaltendes Schauspiel tut höchsten Ansprüchen Genüge, eben genau denjenigen, die der Film sich offenbar selbst gesetzt hat. Bolkan gewährt wenige Momente der Transparenz. Obwohl man als Zuschauer ihre zeitlich sehr begrenzte Amnesie teilen muss, fällt es aufgrund des hohen Distanzaufbaus ihrerseits entsprechend schwer, sich mit dieser Dame zu solidarisieren, auch wenn man in vielerlei Hinsicht dazu gezwungen wird. Florinda Bolkans hochklassige Leistung veredelt den Film in einer Weise, die absolut notwendig für das Funktionieren dieser Geschichte ist. Man folgt ihr zwar, aber nur unter Vorbehalten, man möchte ihr glauben, doch es ist kaum zu ignorieren, dass diffuse Zweifel an ihrer dramaturgischen Integrität bestehen. Eine hoch komplexe Anlegung der Rolle und die hervorragende Lösung dieser schwierigen Anforderung lassen einen jedoch buchstäblich den Hut vor ihr ziehen.

Da immer mehr Bruchstücke der Erinnerung auftauchen, begibt sich Alice auf eine Reise nach Garma und dies geschieht mit einer Zielstrebigkeit, die etwa vergleichbar mit der Anziehungskraft des Erdtrabanten auf Mondsüchtige ist. Dem Zuschauer und der Protagonistin ist klar, dass es sich um keinen Erholungsurlaub handeln wird. Zur allgemeinen Verwunderung scheint man die Frau dort tatsächlich zu kennen, doch eigenartigerweise wird sie von allen als Nicole identifiziert. Der Startschuss ist gegeben; immer mehr Bruchstücke der Erinnerung kehren zurück und die Aufarbeitung des unbekannten Elements, das auch gleichzeitig für Unbehagen, Gefahr und Angst steht, nimmt unberechenbare Züge an. Alices Albtraum reist in Form des Prototypen für beängstigende Eindrücke in persona von Klaus Kinski als Professor Blackmann mit, der die Intensität seines Auftritts im Rahmen kurzer Szenen bis ins Unerträgliche bündeln kann. Diese einschießenden Bilder in Schwarzweiß zeigen das Phantom mit Gesicht in demonstrativer Bedrohlichkeit. Er gibt stakkatoartige Anweisungen und Kinski delegiert ein im Dunkeln liegendes Element äußerst eindringlich, sodass ein großartiger Gesamteindruck zurückbleibt und er folglich permanent wie ein stahlblauer Schatten über der Protagonistin schwebt. Ohnehin tauchen fast ausschließlich Charaktere auf, deren Verhalten und Beweggründe nicht zu ordnen sind. Die Hauptattraktion in diesem Zusammenhang ist Kinderstar Nicoletta Elmi, deren Aura in gewissen Szenen kaum zu ertragen ist. Auch sie spricht Alice mit dem Namen Nicole an und behauptet, dass sie bereits vor Tagen vor Ort gewesen sei, wie es etliche andere Personen übrigens auch tun. Dem Mädchen wird allerdings nachgesagt, dass sie eine Neigung für Fantasiegeschichten habe, was die Verwirrung wie eine Platte wirken lässt, die einen Sprung hat, da sie immer und immer wiederkehrt.

Auf Alice bezogen, baut sich dem Empfinden nach eine Doppelrolle auf, die allerdings jeweils keine wirkliche Identität herzugeben weiß. Zusätzlich wird eine Art Plausibilitätsprinzip permanent hergestellt, um es im selben Moment wieder zu unterwandern. Dieses Hin und her wirkt überaus zermürbend und stellt den Optimismus auf eine harte Probe, denn ein Zweifel wird ausgeräumt, damit der nächste wie ein giftiger Pilz aus dem Boden schießen kann. Die Geschichte beschäftigt den Zuschauer mit einer strapaziösen Mehrfachanforderung, die ihn im übertragenen Sinne mit Alice auf eine Stufe stellt. Auch sie ist momentan, aber vor allem angesichts der hohen Erwartungen ihres Berufs, permanent mit einer Vielzahl an unterschiedlichen und schnell hintereinander einschießenden Reizen konfrontiert, die ab einem gewissen Zeitpunkt in keine Struktur mehr zu bringen sind. Vollkommen konträr dazu steht jedoch die Inszenierung, die trotz allem linear, geordnet und strukturiert wirkt. Zudem irritiert sie mit einer unerklärlichen Ruhe, die dem Gesamtbild kaum entsprechen möchte. Versehen mit vielen, im Verborgenen liegenden Botschaften, bietet Luigi Bazzoni insgesamt Kognitionskino auf allerhöchstem Niveau an. Ein gutes, aber auch eines der vielen Beispiele ist das Bild eines Pfaus, den man in mehreren Einstellungen auf einem großen Bleiglasfenster zu sehen bekommt. Aufgrund der Symbolik Unsterblichkeit und Stolz, wartet man in diesem Setting förmlich auf des Rätsels Lösung oder sogar auf einen Showdown, der jedoch in weiser Voraussicht in erschreckender Fa­çon bis zum beeindruckenden Finale aufgespart wurde. "Spuren auf dem Mond" präsentiert sich insgesamt als formvollendetes Gesamtpaket, bei dem höchstens seine zu ausladende Strategie zu bemängeln wäre. Einen solch minutiös geplanten und durchgeführten Aufbau bekommt man sicherlich nicht alle Tage zu sehen.

Im Szenario kann es effektiv oder eher naturgemäß niemand anderen geben als Florinda Bolkan. Dennoch runden sehr gelungene Auftritte von Peter McEnery, mit dem man gleichermaßen Rätsel und Lösungen erleben wird; Ida Galli, die entsprechend ihres reservierten Profils agiert und Lila Kedrova in einer darstellerischen und hoch wirkungsvollen Präzisionsleistung, das Geschehen bemerkenswert professionell ab. Zwischen all dem sich aufbäumenden, leisen Chaos, schmeichelt die Kamera mit unheimlich schönen Bildkompositionen, stilechten Schauplätzen, begleitenden Details und hochwertigen Sets, die im Ganzen eine beeindruckende Eleganz verleihen. In diesem Zusammenhang fällt die besondere Struktur des Gezeigten auf, die sich auch durch hartnäckige Antagonisten wie beispielsweise psychologische Unruhe, den Rand der Verzweiflung oder getriebene Hektik nicht aufheben lässt. Bei Luigi Bazzonis "Spuren auf dem Mond" bleiben erlesene Eindrücke zurück, die den Zuschauer beschäftigen, in ihm nachwirken und ihn fordern, aber auch die Frage nach der eigentlichen Botschaft. Der Verlauf offeriert eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten, die das breite Spektrum der menschlichen Psyche hergibt. Traum und Trauma, Wahn und Realität, Sehnsucht und Abwehrmechanismen, Ursache und Wirkung, Beklemmung und Befreiung; die Liste ist lang. Da der Film sich auf alternativ angelegten und eher ungewöhnlichen Ebenen anbietet und so gut wie ganz auf zeitgemäßes Spektakel oder plakative Inhalte verzichtet, ist es wahrscheinlich, dass die über weite Strecken ruhige Gangart nicht jeden begeistern dürfte. Das Geheimnis des Erfolges liegt jedoch genau in dieser himmelschreienden Ruhe, unruhig machenden Diskretion und herauszögernden Strategie. Alles in Allem konnte "Le orme" einen exzellenten Eindruck hinterlassen; nicht zuletzt, weil ein Mysterium aufrecht erhalten wird.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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DEEP END


● DEEP END / DEEP END (GB|D|1970)
mit Jane Asher, John Moulder-Brown, Karl Michael Vogler, Erica Beer, Christopher Sandford, Louise Martini, Dieter Eppler, Anita Lochner,
Anne-Marie Kuster, Burt Kwouk, Uli Steigberg, Helga Marlo, Flavia Keyt, Ursula Wackernagel, Eduard Linkers, Uschi Mellin und Diana Dors
eine Produktion der Kettledrum | Maran Film | im Jugendfilm Verleih
ein Film von Jerzy Skolimowski

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»Es gibt keine frigiden Frauen!«


Mike (John Moulder-Brown) ist gerade frühzeitig von der Schule abgegangen und beginnt in einem Schwimmbad zu arbeiten. Dort wird er von der attraktiven Susan (Jane Asher) mit den Arbeitsabläufen vertraut gemacht und beide verbindet zunächst nur Freundschaft. Mike entdeckt schnell die Liebe zu ihr, doch sie ist mit einem jungen Mann aus besseren Kreisen verlobt, hat außerdem ein Verhältnis mit dem ehemaligen Sportlehrer (Karl Michael Vogler). Eifersucht, Besessenheit und ein gewisser Kontrollzwang nehmen für den jungen Mann unerträgliche Züge an, sodass er sich allerlei Tricks ausdenkt, um die Liebschaften von Susan zu unterwandern. Mit seiner jugendlichen Fantasie schafft er es, Susan für eine erste erotische Liaison zu gewinnen, die sich einerseits abweisend verhält, sich andererseits aber auch imponiert zeigt, bis die umständlich entstandene Zweisamkeit ein unberechenbares Ende nimmt...

"Deep End" wurde vom polnischen Regisseur und Schauspieler Jerzy Skolimowski inszeniert. Damals leider nicht mit dem erhofften wirtschaftlichen Erfolg gesegnet, gilt dieser Beitrag heute als Kultfilm. Die Einschätzung des Anthology Film Archives, dass es sich um einen der besten Filme der Siebzigerjahre handle, hat bestimmt etwas für sich, denn diese Produktion vermittelt so viel Exotik, Leichtfüßigkeit, Leidenschaft und einen ungeheuren Charme, dass man gar nicht genug bekommen kann. Die Geschichte um das pubertäre Gefühlschaos eines Fünfzehnjährigen ist sehr geistreich, überzeugend und dem Empfinden nach relativ authentisch dargestellt, sodass es wirklich Freude bereitet, diesem Hin und Her zu folgen. Der Film ist voll Fantasie und Gespür, aber auch Verrücktheit. Die teils verzerrten Charaktere bringen viel Amüsement in die bunte Angelegenheit, außerdem bahnt sie unter Umständen eine direkte Vergleichsmöglichkeit, sozusagen einen Transfer, zur eigenen Erfahrung. Auffällig ist die hochwertige Umsetzung, die in den Bereichen Kamera, Bildgestaltung, Schauplätzen und progressiven Einfällen der Regie große Akzente setzen kann. Hinzu kommen die atemberaubenden Musikstücke von Cat Stevens und der Kölner Band The Can, die das hervorragende Gesamtbild unterstreichen. Die Besetzung ist ein Gütesiegel und besonders von deutscher Seite sind ungewöhnliche Ausbrüche aus Schubladen zu beobachten, die rein gar nichts mit den üblichen Darbietungen zu tun haben, die man über die Jahre serviert bekam.

In der großen weiten Welt des Films gab und gibt es unzählige schöne Frauen, immer und immer wieder. Doch spätestens wenn man hier zum ersten Mal mit der Hauptdarstellerin Jane Asher konfrontiert wird, ist eine besondere Art der Faszination und Vereinnahmung vorprogrammiert, genau wie es bei dem jungen Protagonisten der Fall ist. Susan besitzt eine Aura, wie man sie selten findet, und dabei muss sie gar nicht erst viel tun, geschweige denn einen Kraftakt hinlegen, damit ihr der uneingeschränkte Fokus sicher ist. Sie gibt der Wendung "Liebe auf den ersten Blick" einen phänomenalen, greifbaren, aber vor allem glaubhaften Sinn und ihr Erscheinungsbild hat etwas unausgesprochen Aufforderndes. Es steht außer Frage, dass es wohl kaum einen (jungen) Mann geben dürfte, der wegen ihr nicht den Kopf verlieren oder sich Hals über Kopf in sie verknallen würde. John Moulder-Brown gehört zu den wenigen Schauspielern, die innerhalb ihres Rollen-Abonnements uneingeschränkt beeindrucken können. Bei dieser Darbietung geht der damals 18jährige über die Grenzen konventioneller Interpretationen hinaus und man bekommt eine Mischung aus Talent, Intuition und bemerkenswerter Dynamik und Spontanität geboten. Es ist herrlich, Mike dabei zu verfolgen, wie er Pläne schmiedet und Tricks ausheckt, um die amourösen Tätigkeiten seiner Herzdame zu unterbinden. Heute würde man vielleicht sagen, dass er stalkt, allerdings nicht im klassisch-negativen Sinn.

Er zeigt Facetten einer schier unendlichen Fantasie, wie sie nur junge Leute haben können, und er präsentiert etliche Flausen aus einem völlig getriggerten Kopf, die eine Melange aus Unbeholfenheit, Gefühl und Impulsivität darstellen. Von deutscher Seite gibt es wie erwähnt eigenartige aber vollkommen überraschende Leistungen. Karl Michael Vogler, ehemaliger Lehrer von Mike, und nun Liebhaber von Sue, begegnet man zuerst in der Badeanstalt. Er zieht seine blutjungen Schülerinnen mit seinen lüsternen Blicken förmlich aus. Dabei fühlt er sich dabei wie ein Gott, gafft sie an und betatscht sie bei jeder Gelegenheit, außerdem wird er noch einige tolle Szenen mit Jane Asher haben, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Die Brisanz der Darstellungen wird durch die hochwertigen, teils saftigen Dialoge forciert. Wer hat bislang Dieter Eppler beispielsweise schon einmal Derartiges sagen hören? »Irgendwann ist es soweit. Dann kriegt die von mir einen rein geschoben!«. Des Weiteren ist Louise Martini als laszive Prostituierte innerhalb einer bizarren Routine zu sehen, die nur mit halber Kraft anschaffen kann, ihre Dienste also dementsprechend auch zu Schleuderpreisen anbietet, da sie ein Gipsbein hat. Erica Beer als Jünglinge verschlingende, alternde und mit konstitutionellen Problemen kämpfende, völlig frustrierte Frau, mit der die Zeit offensichtlich nicht gerade freundlich umgegangen ist und die immer wieder zickige Kämpfe mit der schönen Hauptdarstellerin veranstaltet.

Für einen spektakulären Gast-Auftritt sorgt Diana Dors als Kundin des Schwimmbades. Sie liefert mit John Moulder-Brown eine Vorstellung ab, die man garantiert nie wieder vergessen wird. Es ist immer schön, wenn man tatsächlich ohne jegliche Abstriche sagen kann, dass ein Film durch und durch überzeuge, beziehungsweise verzaubern konnte. Das einzig verwirrende Element an diesem traumwandlerischen Spektakel ist, dass man dem Zuschauer eine seltsame Tragik und einen harten Schock nicht erspart hat, sich somit noch deutlicher zeigt, dass man an deutlich mehr als nur unverbindlicher Unterhaltung interessiert war. Ansonsten inszeniert Jerzy Skolimowski vollkommen unkonventionell und mutig, sodass es zu einem überaus nachhaltigen Gesamteindruck kommt. Alle Komponenten dieses Films wirken symbiotisch und völlig frei von irgendwelchen Zwängen, die man vielerorts und leider viel zu häufig irrtümlich in Filme hinein zwängte. "Deep End" transportiert nicht nur Temperament und knisternde Erotik als Kunstform, sondern besticht in vielerlei Hinsicht als Kind seiner Zeit. Selten durfte man beispielsweise eine so anspruchsvolle und aufregende Erotik-Szene miterleben wie im Finale, das zeitgenössische London-Flair wirkt berauschend und die schauspielerischen Leistungen sind einprägsam und berauschend, sodass es unterm Strich einfach nur riesigen Spaß macht, in diesem Film mitzulachen, mitzuträumen, mitzurätseln, den Kopf zu schütteln und Déjà-vu-Gefühle zu ordnen. Nicht zu Unrecht gilt dieser Beitrag als »Meilenstein des erotischen Arthouse-Films«, den man nicht auslassen sollte, wenn sich die Gelegenheit bietet.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Delphine Seyrig   Rocío Dúrcal   John Moulder-Brown   Fernando Rey   in

DITES-LE AVEC DES FLEURS


● DITES-LE AVEC DES FLEURS / DÍSELO CON FLORES / SAY IT WITH FLOWERS (F|E|1974)
mit Francis Blanche, Julien Guiomar, Frédéric Mitterrand, Jean Becker, Elena Arocena, Carlos Ibáñez und Maria Perschy
eine Produktion der Hamster Productions | Office de Radiodiffusion Télévision Française | Société du Film | Avenir Films
ein Film von Pierre Grimblat

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»Sie haben nicht gelitten. Die Gestapo hätte sie gefoltert!«


Deutschland, 1944. Ein Attentat auf Hitler ist gescheitert und Klaus von Ehrental (Frédéric Mitterrand), der daran beteiligt war, wird von der Gestapo verfolgt. Um seiner Familie Qual und Folter zu ersparen, erschießt er zunächst seine Kinder und anschließend seine hochschwangere Frau (Maria Perschy), findet aber nicht den Mut sich selbst umzubringen. Das Szenario geht viele Jahre später in Frankreich weiter. Das deutsche Au-pair-Mädchen Ursula (Rocío Dúrcal) kommt in das Haus der Familie Berger und übernimmt dort die Betreuung der fünf Kinder, die alle recht auffällig sind. Ein Sohn ist beispielsweise taubstumm oder Jean-Claude (John Moulder-Brown), ein eigentlich gut aussehender junger Mann, hat schwer mit einer auffälligen Fehlbildung im Gesicht zu kämpfen. Der Vater Jaques (Fernando Rey) ist besessen von der ägyptischen Kunst und fällt durch Zustände der geistigen Abwesenheit auf, seine Frau Françoise (Delphine Seyrig) beschäftigt sich ausschließlich mit den prachtvollen Blumen in ihrem Garten. Doch seit der Ankunft von Ursula ist alles anders. So wird das Haus permanent von acht uralten Leuten beobachtet und es kommt auch zu Zwischenfällen, bei denen einige der Kinder rätselhaften Unfällen zum Opfer fallen...

»Ici-bas je suis insaississable, car j'habite aussi bien chez les morts que chez ceux qui ne sont pas encore nés.« Mit diesem programmatischen Text Paul Klees beginnt dieser Beitrag des französischen Regisseurs Pierre Grimblat, den man in jeder Hinsicht mit Spannung erwarten darf. Der im wahrsten Sinne des Wortes blumige Filmtitel suggeriert im Vorfeld sicherlich etwas anderes, als man vielleicht erwarten würde, doch der unmittelbare Einstieg bringt den Zuschauer in das Jahr 1944, den man mittels Bildern in schwarzweiß erleben wird. »Achtung, Achtung. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt. Der Führer lebt! Hitler ist nicht tot! Hitler ist nicht tot! Hitler ist nicht tot!« Nach diesen hallenden Worten einer Radiodurchsage lässt der erste Schock nicht lange auf sich warten und die Basis für den Film und dessen späteren Verlauf ist mit sehr eindringlichen Szenen gelegt, in denen man das Gefühl eines Tunnelblicks vermittelt bekommt. Interessanterweise wird in diesem französischsprachigen Film an diesen Stellen Deutsch gesprochen und auch die Musik-Text des Vorspanns erinnert zynisch an »Die Blumen« und mahnt »Der Tod ist unser ewiger Gärtner«, da Bilder von fleischfressenden Pflanzen gezeigt werden, die Insekten in ihre tödlichen Fallen locken. Die kurze Phase der Rückblenden endet mit dem überaus kurzen, aber wiederkehrenden Auftritt Maria Perschys und einem schmerzhaften Knall, bis es in Farbe, vor allem aber mit Claude Bollings fabelhafter Musik in der damaligen Gegenwart weitergehen darf. Eine Genre-Klassifikation fällt bei "Dites-le avec des fleurs" ziemlich schwer, denn man bekommt eine komplette Breitseite im Bereich Drama bis unorthodoxem Psycho-Thriller mit weniger Thrill als Psycho geboten, sollte sich aber insgesamt nicht allzu sehr auf die vollkommen visualisaierte Strategie des Verlaufs verlassen, was gleichzeitig bedeutet, dass gewisse Überraschungen vorprogrammiert sind.

Das trügerische Leitmotiv Blumen dominiert einen Großteil der Einstellungen, doch zwischen all dieser Opulenz und Schönheit lauert Vergänglichkeit. Langsam aber sicher bahnt sich ein immer wiederkehrender Alptraum von einer der Hauptpersonen an, dem Empfinden nach gipfeln viele Eindrücke in bloßen paranoiden Wahnvorstellungen. Die Geschichte macht es sich zur Aufgabe, ihren recht komplizierten Charakter nicht nur zur Schau zu stellen, sondern ihn auch regelrecht zu pflegen, sodass insgesamt der Eindruck einer sehr ausgefeilten und gelungenen Arbeit vermittelt wird, die fesseln und mitreißen kann, was jedoch eine gewisse, vielleicht sogar bedingungslose Bereitschaft dazu voraussetzt. Es ist irritierend, dass immer wieder alte Kriegslasten in Rückblenden einschießen, hin und wieder macht die dabei verwendete Blitz-Montage beinahe irre, was durchaus dem Zustand derjenigen Person entspricht, die von Erinnerungen und der Vergangenheit gefoltert werden. Man sieht ein Meer von Blumen, anschließend Bilder aus der ägyptischen Mythologie, die plötzlich eins werden mit Szenen aus dem Zweiten Weltkrieg und dessen bekanntesten Monstern. Hin und wieder ist es schwierig, Struktur und Ordnung ins Szenario zu bringen, denn die Regie verfolgt ganz offensichtlich andere Strategien. Bestückt mit einer A-Besetzung aus dem Bilderbuch, darf sich der interessierte Zuschauer also auf eine Achterbahnfahrt einstellen, deren Zwischenstationen Idylle, Temperament, Wahn oder beispielsweise Mord darstellen. Die spanische Schauspielerin und Sängerin Rocío Dúrcal macht einen exzellenten Eindruck und vermag es sogar, hier alles weitere in den Schatten zu stellen. Als deutsches Au-pair-Mädchen Ursula Fischer stellt sie insbesondere wegen ihrer Herkunft das Bindeglied zu einer dunklen Vergangenheit dar und reißt alte Wunden unbewusst auf. Oder doch nicht?

Ihre Szenen transportieren etwas Geheimnisvolles und machen mit einem blendend aufspielenden, von innerer Zerrissenheit und Realitätsflucht gepeinigten Fernando Rey einiges her, allerdings entstehen die bestechenden Sequenzen mit ihrem Partner und Experten für schwierige Rollen, John Moulder-Brown, einem jungen Mann der aufgrund einer Fehlbildung im Gesicht mit Komplexen beladen ist, und der wie immer blendend aufspielt. Maria Perschy wurde bereits erwähnt und überrascht als personifizierte Schuld und wandelnder Vorwurf, die restlichen Darsteller runden das Geschehen adäquat ab. Eine besondere Darbietung sieht man schließlich noch von der französischen Star-Interpretin Delphine Seyrig, ein Aushängeschild in Sachen Aura und Interpretationskunst, sodass der Film alleine schon im darstellerischen Bereich zu einem überwältigenden Selbstläufer wird. Die sensible Thematik bekommt im Grunde genommen, oder vielleicht sogar üblicherweise etwas reißerische Würze und schließlich ist man Zeuge einer interessanten Variation innerhalb der langen Distanz zwischen Schuld der Vergangenheit und aktueller, nicht vorhandener Bewältigung. Einige Zusammenhänge bleiben im Verlauf weitgehend unklar, geht man allerdings von der Voraussetzung aus, dass jeder gerade in einer kompletten Wahnvorstellung gefangen ist, fährt der Zuschauer sehr gut mit dieser eigenwilligen Veranstaltung. Die Spannung befindet sich stets auf einem konstanten Level und forciert sich in den richtigen Momenten zu schrecklichen Gewissheiten und Bildern, im ausgiebig vorbereiteten Finale darf sogar noch ein wenig gestaunt werden. Bei Pierre Grimblats "Dites-le avec des fleurs" handelt es sich in seiner eigenen übersichtlichen Filmografie sicherlich um einen Top-Beitrag, aber auch mit Blick auf die unorthodoxe Konkurrenz strahlt dieser Film unter dem Nimbus einer gelungenen Ausnahmeerscheinung. Hervorragend!

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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George Lazenby

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● ON HER MAJESTY'S SECRET SERVICE / JAMES BOND 007 - IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT (GB|1969)
mit Diana Rigg, Telly Savalas, Gabriele Ferzetti, Lois Maxwell, George Baker, Bernard Lee, Bernard Horsfall, Desmond Llewelyn,
Yuri Borienko, Catherine von Schell, Virginia North, Angela Scoular, Julie Ege, Ingrit Back, Sylvana Henriques und Ilse Steppat
eine Produktion der Eon Productions | Danjaq | im Verleih der United Artists
Ein Film von Peter R. Hunt

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»Gemeint ist die Ausrottung einer ganzen Rasse...«


Nachdem Ernst Stavro Blofeld, der Erzfeind von James Bond (George Lazenby) und Chef der Verbrecherorganisation SPECTRE, entkommen konnte, seitdem auch spurlos verschwunden ist, wird der Agent von seiner Aufgabe entbunden. Daraufhin möchte er den Secret Service verlassen, doch durch eine List von Miss Moneypenny (Lois Maxwell), der Sekretärin seines Chefs, bleibt James Bond schließlich doch im Dienst und widmet sich zunächst dem wohlverdienten Urlaub. Doch es kommt zu Komplikationen. Die Nachforschungen über Blofeld gehen weiter und eine heiße Spur führt in die Schweizer Alpen. Auf dem Gipfel des Piz Gloria befindet sich eine Forschungseinrichtung zur Bekämpfung allergischer Erkrankungen und viele Hinweise sprechen dafür, dass es sich bei deren Leitung um Blofeld handeln könnte. Unter falscher Identität beginnt James Bond das Institut zu ergründen und die Mission nimmt immer gefährlichere Konturen an...

Ursprünglich als vierter Film der laufenden Serie geplant, wurde "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" in der Bond-Chronologie hinten angestellt. Die Produktion fällt insgesamt sehr deutlich aus der Reihe, da es zu zahlreichen Abwandlungen und Neuerungen kam, die naturgemäß dazu verleiten, negativ aufgenommen zu werden, oder für Furore zu sorgen. Bereits der Titelvorspann, der hier nur über instrumentale Begleitung verfügt und auf einen klassischen Bond-Song mit Star-Musiker verzichtet, läutet eine andere Zeit ein, denn in der animierten Sanduhr laufen Bilder aus Vorgängerfilmen ab, als wollten sie erzählen, dass man sich als Zuschauer ab sofort auf etwas vollkommen Neues einstellen müsse. Obwohl ein etwa Zwölffaches des Produktionsbudgets eingespielt werden konnte, blieb der Erfolg hinter den Erwartungen zurück, da der Vorgängerfilm wesentlich erfolgreicher beim Kinopublikum ankam. In diesem sechsten James-Bond-Beitrag wird die Ära Sean Connery unterbrochen, da die Titelfigur erstmals von einem anderen Darsteller übernommen wurde und zwar vom australischen Dressman und Fotomodell George Lazenby, der ohne Schauspielerfahrung engagiert wurde. Rein optisch gesehen entspricht er alleine wegen seiner Statur und dem maskulinen Erscheinungsbild durchaus der Agentenfigur Bond, doch ein Markenzeichen wie Sean Connery war nicht im Handumdrehen zu übertrumpfen. Die Geschichte um den Superverbrecher Blofeld, der sich dem Anschein nach immer neu erfinden kann, ist interessant genug, um ihr ohne Unterlass zu folgen, wenngleich sich dramaturgische Unterschiede zur internen Konkurrenz geradezu aufdrängen.

Ein übergroßes Plus des Films bleiben die atemberaubenden Schauplätze in der Schweiz, die teils futuristisch wirkenden Sets und das internationale Star-Aufgebot, das exzellente Eindrücke hinterlassen wird. Die Story mutet hin und wieder etwas unorthodox an, immerhin führt der Weg zu Blofeld dieses Mal über dessen anvisierte Anerkennung des Adelstitels Comte de Bleuchamp, sodass die Eitelkeit plötzlich Schicksal spielen darf. Dennoch übt auch dieser Bond-Vertreter eine ganz natürliche und enorm hohe Faszination aus und ist zudem nicht für wenige Fans ein echter Geheimtipp. "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" funktioniert nicht zuletzt wegen der gelungenen Zeichnung der Charaktere und George Lazenby übernimmt das schwere Erbe sogar mit empfundener Leichtfüßigkeit. Klassische Attribute und feiner Humor werden angemessen herausgearbeitet, aber auch die erforderliche Cleverness und Unerschrockenheit, wenn er sich mit gefährlichen Situationen konfrontiert sieht. Da auf dem Piz Gloria ein ganzes Rudel sexuell ausgehungerter und ebenso attraktiver Damen zu finden ist, kann ein Tête-à-Tête dem nächsten folgen. James Bonds Gegenspieler Blofeld bekommt dieses Mal von Telly Savalas ein präsenteres Gesicht als im Vorgänger, zumal man nicht auf die Auflösung der Identität warten muss. Savalas wirkt vergleichsweise kultivierter, aber es fehlt eine Nuance an Rücksichtslosigkeit, sodass einige seiner Helfershelfer besser zum Zuge kommen, daher mehr in den Fokus rücken. Hier zu nennen ist unbedingt Ilse Steppat als Irma Bunt, von der abgrundtiefe Verworfenheit, Aggressivität und Gnadenlosigkeit gegenüber Widersachern ausgeht, aber auch bedingungslose Loyalität ihrem Chef gegenüber.

Vielleicht handelt es sich um eine der einprägsamsten Bösewichtsrollen der gesamten Reihe, was sicherlich durch Ilse Steppats angebotene Härte in ihrem Wesen unterstrichen wird. Leider verstarb die deutsche Theater- und Filmschauspielerin bereits zwei Tage nach der Deutschlandpremiere dieses Films an einem Herzinfarkt. Unter Betrachtung der Darstellerriege zeigt sich, dass es generell zu exzellenten Interpretationen gekommen ist. In diesem Zusammenhang ist natürlich niemand anders als die aparte Diana Rigg zu nennen, die sich nach dieser Leistung einen ewigen Platz im Bondgirl-Olymp erspielen konnte. Als Tracy übt sie im Wechselspiel zwischen Unergründlichkeit und Feuer eine enorme Anziehungskraft aus, außerdem ist die von ihr ausgehende Tragik für Bond-Verhältnisse nicht nur völlig ungewöhnlich, sondern in der angebotenen Form schwer verträglich. Weitere Stars wie Gabriele Ferzetti, Catherine von Schell oder solche aus der Stammbesetzung runden die Jagt nach der Ehre gelungen ab. Die Schauplätze in der Schweiz geben der Produktion ein herausragendes Profil, vor allem wenn Action und Tempo mit Schnee und Eis verschmelzen dürfen. Im Endeffekt wirkt die Tendenz, dass Blofeld der Welt seinen Willen aufzwingen will, vielleicht zu vage ausgearbeitet, immerhin blickt man als treuer Fan auf ganz andere Maßnahmen, aber dieser Inhalt wurde dem neuen Bond und dessen lückenloser Vorstellung und Integration in die Agentenwelt untergeordnet, um auf der Leinwand anzukommen. "Im Geheimdienst Ihrer Majestät" ist insgesamt ein qualitativ hochwertiger und sehr unterhaltsamer Exot innerhalb der Reihe geworden, der nicht zu Unrecht einen kleinen Sonderstatus inne hat. Immer wieder ein Vergnügen!

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George Nader

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● TODESSCHÜSSE AM BROADWAY (D|1968/69)
mit Heidy Bohlen, Miha Baloh, Horst Naumann, Michaela May, Konrad Georg, Rudolf Fernau, Ulli Kinalzik, Herbert Fux,
Art Brauss, Manfred Reddemann, Hans Heyde, Karl-Heinz Thomas, Gerhard Frickhöffer, Martin Hirthe und Heinz Weiss
eine Produktion der Allianz Film | Terra Filmkunst | im Constantin Filmverleih
ein Film von Harald Reinl

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»Ihr Gesicht ist die beste Fälschung die es je gegeben hat!«


Die Bande von Joe Costello (Miha Baloh) landet einen großen Coup, da sie 3 Millionen Dollar in Form von Goldbarren bei einer Großbank erbeuten konnten. Doch die Freude darüber ist nicht von langer Dauer, denn Johnny Peters (Hans Heyde), einer seiner Leute, ist ein getarnter FBI-Mann. Dieser bringt das Diebesgut an sich, doch Costellos Leute spüren ihn im Hafen auf, und schalten ihn aus. Als die Bande den Transporter überprüft, fehlt von den Goldbarren jede Spur. Peters hat das Gold irgendwo im Hafen verstecken können, doch bevor man sich auf die Suche machen kann, werden Costello und seine Gefolgschaft festgenommen. Eine konkurrierende Bande rund um den Geschäftsmann Woody Davis (Horst Naumann) befreit Joe Costello, um das Versteck des Goldes aus ihm herauszubringen. Costello kann allerdings entkommen und taucht unter, um sich einer plastischen Operation zu unterziehen. Mit einem neuem Gesicht operiert er ab sofort aus der Hinterhand und versucht genau wie die gegnerische Bande, das Gold zu finden. Um an Informationen zu gelangen, stürzt man sich kurzerhand auf Johnnys Freundin, die Sängerin Cindy Holden (Heidy Bohlen)...

Mit Jerry Cottons spektakulärem Fall Nummer 8 neigt sich die beliebte Serie dem Ende zu und die geplante Fortsetzung wurde leider verworfen. Es ist zu betonen, dass unter der Regie von Harald Reinl ein wirklich krönender Abschluss entstanden ist. Reinl inszenierte dem Empfinden nach ohnehin die aufwändigsten Beiträge der Reihe, und "Todesschüsse am Broadway" zeigt sich nochmals angereichert mit neuen Impulsen und wirkt genau wie "Der Tod im roten Jaguar" überdurchschnittlich gut gelungen. Gerade die letzten beiden Filme heben sich innerhalb der Serie deutlich von den üblichen Filmen ab, und dieser Fall ist vergleichsweise sogar ungewöhnlich brutal ausgefallen. Die Variationen im Aufbau der Geschichten wirken abschließend noch einmal sehr belebend und man merkt, dass sich bei aller Routine keine Eintönigkeit eingeschlichen hatte. Dass nach diesem Teil endgültig Schluss war, braucht nicht auf mangelnde Vorzüge dieses Films zurückgeführt werden, aber jedes Erfolgskonzept überholt sich einmal und wird oftmals von stärkerer Konkurrenz unterwandert. Man kann daher sagen, dass es einfach an der Zeit war, ein versöhnliches Ende zu konstruieren, auch wenn dieses Finale vergleichsweise nicht mehr so ganz euphorisch vom Kino-Publikum aufgenommen wurde. Das Thema Banden-Kriminalität bekommt hier einen sehr interessanten Anstrich verpasst, auch die Tatsache, dass der Wettlauf gegen einen Einzelkämpfer und die Zeit so viele Komplikationen aufwirft, sorgt für einen willkommenen Unterhaltungswert. Harald Reinls Spielfilm hat dieses Mal ohne Whodunit auszukommen, die Verhältnisse sind durch das schlüssige Aufrollen der Geschichte von vorne herein klar und dennoch kommt es immer wieder zu überaus rasanten Sequenzen, die Stringenz und Hochspannung transportieren. Die Besetzung ist zwar nicht mehr ganz so brillant wie im Vorgängerfilm, überrascht aber dennoch mit vollkommen alternativen und dynamischen Darstellern, die es mühelos schaffen, echte Akzente zu setzen, ob im Polizei-Apparat, in Gangster-Kreisen, oder im Bereich der schuldigen und unschuldigen Opfer. Überhaupt sind die Jerry Cotton-Beiträge vor allem wegen dieser Strategie oft zu Selbstläufern geworden.

Manchmal sah es so aus, als habe man in der erweiterten Besetzung gespart, daher eher unbekanntere Gesichter gebucht und auf B-Hauptrollen gebaut, aber genau das macht auch einen seltsamen Reiz aus, insbesondere im Dunstkreis der weiblichen Besetzungen, denn hier wird der Begriff des krönenden Abschlusses mit der Verpflichtung von Heidy Bohlen definiert. Auch im finalen Beitrag hat sich bei Jerry Cotton alles andere als Müdigkeit eingeschlichen und man glaubt zu sehen, dass er hier nochmal ein paar Register mehr ziehen kann. Agil wie immer, bissig im Vokabular und selbstsicher in allen erdenklichen Situationen, nimmt er im Rahmen seiner Routine immer wieder Etappen der Verfeinerung und wirkt alles andere als festgefahren. Dem Empfinden nach muss der FBI-Mann hier wesentlich mehr einstecken als üblich, aber genauso steht es auch mit dem Austeilen. Dass im Szenario immer wieder Kostproben von Foltermethoden angedeutet werden, untermalt die Strategie der härteren Gangart in allen Belangen, was im Zweifelsfall ein leichtes Entsetzen beim Publikum auslösen kann. Heinz Weiss sieht man leider in seiner schwächsten Darbietung als Phil Decker und es scheint, dass er sich nun eher der Komparserie zugewandt hatte, was nicht an seinen Kompetenzen als Schauspieler liegt, sondern schlicht und einfach daran, dass er nahezu jeder Person untergeordnet ist und keinerlei Möglichkeiten bezüglich guter Szenen hat. Besonders Aufsehen erregend ist die Rolle des Bösewichtes Joe Costello, der vom Slowenen Miha Baloh mit einem beunruhigenden zweiten Gesicht ausgestattet wird. Ihm nimmt man den Aggressor in jeder Sekunde ab, seine Brutalität wird durch den Geruch des Goldes nur verschärft und es kommt zu sehr eindringlichen Szenen, als er beispielsweise ein Kind entführt, es in die Luft sprengen will, oder bei seinen Mitwissern einfach nur die Maschinenpistole sprechen lässt. Es handelt sich um sie logischste, daher auch eindeutigste Sprache für ein Kaliber wie ihn, sodass er im Endeffekt sehr überzeugend wirkt. Horst Naumann als Gangster-Boss im Gewandt eines Gentleman weiß ebenso zu überzeugen, genau wie seine bunt zusammen gewürfelte Clique von Helfershelfern, die ebenso rücksichtslos vorgeht wie ihr Erzfeind Costello, und dabei noch eine Spaß-Synchro verpasst bekam.

Michaela May demonstriert, dass zu dieser Zeit darstellerisch noch etwas Luft nach oben vorhanden war, und im Grunde genommen strapaziert sie vielleicht sogar ein wenig, wobei es Entschädigung in persona der zauberhaften Heidy Bohlen gibt. Zunächst ist es schon einmal bemerkenswert und schön, sie überhaupt in einer tragenden Rolle zu sehen, um gleichzeitig den Beweis geliefert zu bekommen, dass sie derartige Anforderungen mühelos bewältigen konnte, denn ihre spröde Filmografie gibt diesen Eindruck leider nicht immer her. Cindy Holden, die selbst auf und nach der Folter noch überaus attraktiv wirkt, ist und bleibt vielleicht das aufregendste Cotton-Girl überhaupt. Natürlich mit obligatorischer Nacktszene versehen, wirkt ihre Rolle alleine deswegen so ansprechend, da sie ausnahmsweise einmal Charaktertiefe demonstrieren darf, wenn auch zugegebenermaßen eher am seidenen Faden. Das Gesamtkonzept dieser Produktion weiß auch nach dutzenden Sichtungen immer wieder zu überzeugen. Zwar begeistert die Musik von Peter Thomas nach acht Fällen zwar nicht mehr wie anfangs, doch im Gegenzug bekommt man entschädigenderweise einen schönen Schlager geboten, der von Heidy Bohlen im Playback dargeboten wird. Leider sind Akustik und Lippenbewegungen alles andere als synchron, aber das verführerische »Ask me later, alligator« bleibt nachhaltig und nahezu auffordernd im Hinterkopf. Thematisch gesehen besteht bei einer derartigen Geschichte die Gefahr, dass sich Eintönigkeit aufgrund vorhersehbarer Elemente einschleicht. Dies ist hier glücklicherweise nicht der Fall, da es zu einer angemessenen Vielfalt, brutalen Aktivitäten der Verbrecher und rasanten Ortswechseln kommt, sodass das Geschehen immer turbulent und spannend bleibt. Über die wenigen Ungereimtheiten und kaum relevanten Gedankensprünge sei daher hinweg gesehen. Der letzte Teil der Cotton-Reihe zeigt sich als Gesamt-Einheit atmosphärisch dicht und transportiert einen gut durchdachten Aufbau, der schließlich in ein spektakulär inszeniertes Finale münden darf. Sogar die obligatorischen Archiv-Aufnahmen vor authentischer Kulisse wirken als wichtige Bausteine dieses Mal nicht ganz so künstlich wie üblich und "Todesschüsse am Broadway" braucht sich nicht vor seinem starken Vorgänger "Der Tod im roten Jaguar" zu verstecken. Ein fesselndes letztes Abenteuer.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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DAS LÜSTERNE QUARTETT


● THE LICKERISH QUARTET / ESOTIKA EROTIKA PSICOTIKA / DAS LÜSTERNE QUARTETT (US|I|D|1970)
mit Silvana Venturelli, Erika Remberg, Paolo Turco, Karl-Otto Alberty, Angelo Boscariol, Annie Carol Edel und Frank Wolff
eine Produktion der Carstein | Cinemar | Peter Carsten
ein Film von Radley Metzger

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»Geschmacklosigkeit liegt im Auge des Betrachters!«


Ein Ehepaar und ihr mittlerweile volljähriger Sohn leben zurückgezogen in einem Schloss. Zur Abendunterhaltung läuft ein Amateur-Sexfilm. Die Vorführung ruft bei den Bewohnern des Schlosses unterschiedliche Reaktionen hervor, doch eines haben sie gemeinsam: sie können die blonde Hauptdarstellerin des Erotik-Streifens nicht wieder vergessen. Als sie die junge Dame bei einem Ausflug auf einen Jahrmarkt treffen, laden sie sie kurzerhand zu sich nach Hause ein, um ihr den Film vorzufühen. Zur allseitigen Verwunderung hat sich die Handlung der Produktion jedoch maßgeblich verändert, bis jeder der attraktiven Blondine verfällt...

Der US-amerikanische Regisseur Radley Metzger, der neben dieser Haupttätigkeit auch als Drehbuchautor, Cutter, Verleiher oder Produzent aktiv war, gilt - wie man so schön sagt - als Vertreter des Autorenfilms und des Porno Chic; Referenzen, die auf den ersten Blick gar nicht so recht zusammenpassen wollen. Doch sie tun es. Vor seiner Zeit als richtiger Mann für Erwachsenenfilme, stellte der New Yorker sein Gespür für die unverwechselbare Melange aus Ästhetik und Visualisierung zur Schau, was mitunter Beiträge hervor brachte, die schöner und aufregender nicht sein könnten. Wieso nennt man den Regisseur aber nicht in einem Atemzug mit etablierten Größen des anspruchsvollen Films, der nicht nur einen thematischen oder narrativen Anspruch beweist, sondern auch einen inszenatorischen? Diese Frage ist schwierig leicht zu beantworten, doch am nächsten kommt man vielleicht mit der These, dass seine hochinteressanten und formvollendeten Werke keine nachhaltige Kompatibilität mit dem Mainstream bilden konnten. Dabei erschuf Metzger doch Mainstream par excellence, der am Ende oft zu überqualifiziert für gierigen Konsum war. In vielen seiner Beiträge wird das Auge der Kamera von Hans Jura delegiert und bietet Einblicke in verwirrende Kaleidoskope, die aufgrund der Bearbeitung bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, dabei Traumwelten aber auch widerliche Kloaken andeuten. Diese hochpräzisen und künstlerischen Blicke machen etliche seiner Werke zu wahren Erlebnissen, die den Zuschauer in jeder Beziehung bereichern, vielleicht sogar weiter bringen können. "Das lüsterne Quartett" gehört ohne jeden Zweifel zu dieser Gattung und vielmehr zu jener der formvollendeten Beiträge, die das Schicksal eines Schattendaseins teilen, wenn auch im goldenen Käfig. Metzger bietet einen Film an, den man so schnell nicht wieder vergisst, egal auf welcher Seite man sich als Zuschauer befindet. Komplizierte Bildtexte- und sprachen, kognitive Verschachtelungen, visuelle Labyrinthe und Verhaltensweisen von Personen der unantastbaren Sorte, so unantastbar, dass man sie selbst nackt nicht zu greifen bekommt.

Die Handlung beginnt mit den Selbstinszenierungen der vier Hauptpersonen. Der erste vage Blick suggeriert, dass man zwischen Heiligen und Huren alles ausfindig machen könnte, wenn auch nur im übertragenen Sinn. So setzt sich Vulgarität und Gewöhnliches durch, versehen mit zynischen Betrachtungsweisen von Leuten, die den Punkt, sich gegenseitig satt zu haben, schon Dutzende Male überschritten haben. Eigenartigerweise wirken diese Äquivalente der sieben Todsünden anziehend, interessant, nachvollziehbar und real, obwohl man sich hier noch mehrmals fragen wird, ob sie denn überhaupt existieren, oder nur Hirngespinste sind. Diese doch sehr negativ konnotierten Impressionen rufen wie aus dem Nichts und in aller Selbstverständlichkeit Umkehrreaktionen hervor, sodass man wie gebannt auf die dargebotene Ästhetik schaut und seinen Blick nicht mehr abwenden kann, Handlungen begreift und Personen versteht. Die einzigen Kratzer bekommen diese ästhetischen Eindrücke vielleicht nur durch die Laufstreifen und Verunreinigungen des vorgeführten Sexfilms, der nebenher läuft, als sei es vollkommen selbstverständlich, bis die gezeigte Mechanik egalisiert wird. Bereits nach kürzester Zeit offenbart sich eine atemberaubende Struktur, sodass das Dargebotene sowohl formell als auch stilistisch zum Hochgenuss werden kann. Radley Metzger zeigt mit dem Finger klaffende Abgründe und eitrige Wunden, charakterisiert seine Protagonisten über deren eklatante Schwächen, die in ihrer Unbändigkeit nicht zu durchbrechen sind. Obwohl sich hässliche Facetten andeuten, ist man immer noch dabei, die Ästhetik und Schönheit der Bildeindrücke zu bewundern, um buchstäblich geblendet zu werden. Die Realität scheint in Metzgers Komplexmaßnahme scheinbar keine Rolle zu spielen, da sie dem Empfinden nach ausgehebelt oder sogar umgekehrt wird. So glaubt man Fremde zu sehen; Menschen, die nur in der Fantasie oder einer Film-in-Film-Struktur existieren können. Dabei handelt es sich um eine sehr clevere Art, das Publikum in seinen Bann zu ziehen, obwohl man selbst oft heimlich vor den Kopf gestoßen wird.

»Nimm das nicht so ernst, es ist nur ein Film. Manche dieser Filme sind unangenehm und wertlos. Es ist kein guter Film. Ich frage mich, ob sie wirklich Spaß haben oder nur so tun. Es muss sie doch stören, dass Leute zusehen. Ich frage mich, wie oft sie es machen mussten, bis alles stimmte. Der ganze Film ist lächerlich. Die sieht aus, als hätte sie viel Erfahrung. Ich frage mich, wo sie diese Mädchen finden. Man weiß nie. Der Film sieht aus, als sei er im Zweiten Weltkrieg entstanden. Wahrscheinlich Prostituierte. Ein bisschen Abwechslung. Solchen Mädchen ist es sicher egal, was sie alles tun müssen. Sie lassen wirklich nichts aus. Alle auf einmal. Gruppentherapie. Ich habe auch genug. Du fühlst dich toll, wenn du Dinge mit einem Schalter kontrollieren kannst. Du kannst ja schnell zurückspulen, wie bei deinem Film. Es war wirklich sehr realistisch. Das Beste kommt noch. Wo finden sie nur diese Mädchen? Der Film ist sehr interessant. Ich kriege das hin, und wenn es mich umbringt. Ich fasse es nicht. Was für ein merkwürdiger Film! Ja, er ist sehr speziell. Lass es sein, das bringt doch nichts. Der Film ist doch nicht so gut, wie wir dachten. In einem Augenblick kann sich alles ändern. Nur darauf ist Verlass. Das Leben hat uns allen hin und wieder übel mitgespielt. Auch wenn wir keine Vitamine haben, bleibt uns immer noch die Fantasie. Im Dunkeln. Da hat alles angefangen, da wird es auch enden. Ich verstehe nicht, wie man sich so filmen lassen kann. Dieser ist anders, du wirst sehen. Ich finde diesen Film ziemlich geschmacklos. Geschmacklosigkeit liegt im Auge des Betrachters. Würdest du das nicht machen? Vielleicht, aber nicht vor der Kamera. Sei dir da nicht so sicher. Nimm das nicht so ernst, es ist nur ein Film. Sogar eine Doppelvorstellung. Gefällt er dir? Nicht besonders. Sie sind alle gleich. Wahrscheinlich Prostituierte. Die Schauspielerinnen sind sicher Prostituierte. Gefällt dir der Film nicht? Ich kann auf Schnelldurchlauf schalten. Später könnten wir ihn rückwärts anschauen. Hast du solche Filme rückwärts gesehen? Schon tausendmal.«

Film-in-Film-Strukturen sind immer potenziell interessant. Falls es wie hier auch noch zu einer solch besonders hochwertigen Bearbeitung kommt, umso mehr. Man schaut sich einen Sexfilm an, der sich auffällig stark in die Köpfe und die Auseinandersetzung seiner Konsumenten flackern kann. Mechanik. Reiz. Querverbindungen. Erinnerungen. Begierden. Wünsche. Realität. Plötzlich erlebt man innerhalb der blasierten Konversation eine Art Stagediving in den Abgrund sexueller Triebe und Ausschweifungen, aber auch die Gedanken des Zuschauers, doch es ist fraglich, ob die Protagonisten auch aufgefangen werden. Als Lockvogel für die Schlossbewohner und das Publikum ist die bezaubernde Silvana Venturelli genau als richtige Wahl zu beschreiben, von deren Gunst man an sofort abhängig sein wird. Als Prototyp der hier notwendigen Frau - die mit einer entwaffnenden Leichtfertigkeit und unausweichlichen Verführung agiert - verkörpert sie alles, was man sich vorstellt, vor allem aber, was man sich vielleicht nicht vorzustellen wagt. Ab sofort erlebt man einen Drahtseilakt auf potenzierten Erzählebenen, mit ein und der gleichen Hauptdarstellerin, die vor die Wahl zwischen Realität und Fiktion, Poesie und Prosa stellt. Ihre sphinxartige Erscheinung wird durch Metzgers aufmerksame aber gleichzeitig auch strapaziöse Inszenierung forciert, sodass es kaum möglich ist, sich gegen die angestrengte Fiktion zu stellen. Der Realität bleiben nur ein paar kleinere Bühnen, die allerdings nur Zuschauer findet, wenn sie als solche identifiziert werden kann. Fortan wird eine Geschichte erzählt, die sich genau wie die sprichwörtliche Katze in den Schwanz beißt, nicht zuletzt, um den Zuschauer dazu zu bringen, alles Dargebotene in voller Intensität mitzuerleben und jede Kleinigkeit zu spüren. Innerhalb einer solch geballten Ladung Ästhetik wird es der Schmerz sein, der sich immer wieder unbequem an die Oberfläche manövriert, um zu drohen, die Fantasiegestalten zu entlarven und bloßzustellen, falls es denn welche geben sollte. So setzt der Verlauf ab sofort auf gewagte Szenen, die ihre Provokation gnadenlos im Off, beziehungsweise zwischen den Zeilen ausspielen. Nur für wie lange?

Unter Betrachtung der Hauptpersonen dieses auffällig eigenwilligen Kammerspiels kommt man trotz der Übersichtlichkeit des Angebots zu dem schnellen Schluss, dass sich eine besondere Entourage zusammengefunden hat, die von Metzgers Ideenreichtum orchestriert wird, bis sie sich dem Anschein nach selbstständig macht, beziehungsweise das Regiment übernimmt. Viele Szenen simulieren den laufenden Sexfilm, der gerade gegen Ende seine spiegelnden Fähigkeiten preisgibt, und es wirkt beinahe so, als platzierten sich die Hauptdarsteller intervallweise auf dem Regiestuhl, um das zu tun, worauf sie gerade Lust haben oder wozu sie sich genötigt fühlen. Frank Wolff, der dem Vernehmen nach großes Gefallen an derartig experimentellen Filmen hatte, belebt sein Element mit einer Exklusiv-Aura, die den Verlauf unerbittlich prägen wird, weil sie diesen prägen muss. Gesichtswahrende Kapriolen werden irgendwann durch pure Triebhaftigkeit, Sarkasmus durch Zynismus und greifbare durch völlig abweisende Verhaltensweisen ersetzt, um sie je nach Belieben wieder ins Gegenteil umzutauschen. Wer er eigentlich ist, bleibt originellerweise im Verborgenen. Mit wem hat man es überhaupt zu tun? Eine Truppe von Einsiedlern, die der Erzählung nach Verwandte ersten Grades sein sollen, man es aufgrund der Gespräche und des bizarren Umgangs miteinander jedoch kaum glauben kann. Die scheinbar vollkommen sexualisierte Atmosphäre erlangt ihre Eruptionen durch einen schmuddeligen Sexfilm, der als Selbstverständlichkeit des Abends läuft. Man sieht blasierte, interessierte und beschämte Mienen und Gebärden. Man sieht ein Zusammenspiel der Familienmitglieder, das auf Distanz und Täuschung angelegt ist. Man nimmt eine Isolation wahr, in der jeder andere vermutlich längst verrückt geworden wäre. Doch über allem steht eine undefinierbare Faszination, die buchstäbliche an Stock und Faden vor den Augen des Esels befestigte Karotte, um ihn erst in Bewegung zu bringen, aber nie zum Ziel gelangen zu lassen. Das Publikum bleibt in Bewegung. Gedanklich und vergleichsweise. Die Schauspieler tun ihr Bestes, um die beinahe banale Komplexität des Themas weiterhin anzufachen.

308 Worte zu Erika Remberg, die mit diesem Film ihre Kinokarriere besiegelte. Die Österreicherin beendet ihren Weg mit einer kaum zu glaubenden Metamorphose, die durch ihr bisheriges Schaffen nicht ansatzweise angedeutet wurde. Also ist das Business wieder einmal für eine derartige Verschwendung zuständig, oder ist es der Zuschauer selbst, der ihr mit Vorliebe die in Heimatfilm-Elixier getränkten Auftritte abnahm, deren Klischees manchmal höher herausragten, als die dazu passenden Berge? Dabei war Erika Remberg immer für Rollen zu haben, die nichts mit einheitlichen Angeboten zu tun hatten, sie allerdings in die Riege der Bedeutungslosigkeit drängten, was sie aber glücklicherweise nicht mit sich veranstalten ließ. So hat man die sich immer wieder selbst erzählende Geschichte einer Schauspielerin, die sich aus den Klauen und dem Diktat der Verantwortlichen zu befreien versuchte, deswegen aber abgestraft wurde. Remberg rechnet hier über ihren gelangweilten und kaum sympathischen Charakter der Mutter (ohne derartige Attribute) ab, und man hat auf ein Geschöpf dieser so erfüllenden Geschichte zu blicken, das mit einem hüllenlosen Paukenschlag Adieu sagt. Vielleicht ist es unter der Voraussetzung, nur noch wenige und dann eher zweitklassige Rollen erhalten zu haben, etwas zu viel gesagt, dass Rembergs Potenzial dem Zuschauer ab sofort trotzig vorenthalten wurde, und sie sich nur noch als Lockvogel für einige Serien-Auftritte präsentierte, aber in jeder Möglichkeit steckt auch ein Fünkchen Wahrheit. Erika Remberg spielt ihren Part der Anforderung entsprechend einfach großartig und hämmert sich mit herablassender Zügellosigkeit in die Gehirne des Zuschauers, der sicherlich nicht gefasst war auf eine derartige Performance und die Bereitschaft, Inneres und Kleidung simultan abzulegen. Ihr Mann langweilt sie. Ihr Sohn umso mehr. Ihr sich in unendlichen Weiten verlierendes Setting erdrückt sie, die offenkundige Unterforderung überfordert sie, lässt sie destruktiv und zynisch werden. Plötzlich wird blonde Abhilfe geschaffen und das »Maultier im Pferdegeschirr« beginnt aufzublühen, sich zu interessieren, fallen zu lassen. Hochklassig und inspirierend!

Sucht man nach einer bestimmten Moral von der Geschicht', so wird man vielleicht in Dutzenden Facetten fündig - je nachdem, welchen eigenen Interpretationsweg man gerade eingeschlagen hat. Allerdings funktioniert der Film auch ohne Skalpell und eine Obduktion der Ereignisse erstaunlich gut, da man sich auf die visuelle, beziehungsweise lüsterne Ebene verlassen kann. Ein Kunstfilm wie dieser, mit lasziver, wenn nicht sogar schwarzer Seele, wirkt aufregend und enervierend zugleich, hält einen nötigen Sicherheitsabstand zum Publikum aber dringlichst ein. Dabei ist es mehr als erstaunlich, wie Metzger diese Voraussetzungen herumdreht und aus halbseidenen Inhalten und Seheindrücken eine Hoch-Ästhetik fabriziert, die als Messlatte zurückbleibt. Die Ambivalenz des Gezeigten ergibt sich aus einer vermeintlichen Wirklichkeit, wenn sich der Zuschauer selbst im Szenario wiederfindet, und sei es im kleinsten Detail, im marginalsten Nebensatz, oder einer noch so sporadischen Erinnerung. Hierbei helfen die vier Hauptpersonen, die in ihrer Art so grundlegend unterschiedlich sind, um Identifikationspotenzial anzubieten, das sich bei so viel Glanz vermutlich am ehesten im laufenden Porno finden lässt. So hält Metzger sich nicht mit falscher Bescheidenheit auf und bietet sofort etliche Filetstücke an, die von jedem selbst gewürzt werden müssen. Behilflich dabei sind Frank Wolff, Erika Remberg, Paolo Turco und Silvana Venturelli, die ein buchstäbliches perfect match für diese Produktion ergeben. Am Ende sieht man keine Bestrebungen, das Publikum zu eines Besseren oder Schlechteren zu belehren, außerdem schert sich keiner um Erklärungen und Rechtfertigungen. "Das lüsterne Quartett" brachte es seinerzeit zu keiner Kinoaufführung, da sich offensichtlich kein Verleih die Finger verbrennen wollte, sodass dem Film erst 40 Jahre nach Entstehung seine Uraufführung in der Bundesrepublik zuteil wurde, was viel aussagt über den schmalen Grad der Einschätzung zwischen Meisterwerk und möglichem Kassengift. So bleibt eines der vielleicht am meisten unterschätzten aber auch schönsten zeitgenössischen Experimente, dessen Nimbus immer noch zu wenig wahrgenommen wird.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Stefania Sandrelli

ICH HABE SIE GUT GEKANNT


● IO LA CONOSCEVO BENE / ICH HABE SIE GUT GEKANNT / JE LA CONNAISSAIS BIEN (I|D|F|1965)
mit Jean-Claude Brialy, Ugo Tognazzi, Joachim Fuchsberger, Enrico Maria Salerno, Mario Adorf, Nino Manfredi, Franco Nero, Robert Hoffmann,
Vittorio Gassman, Turi Ferro, Franca Polesello, Véronique Vendell, Barbara Nelli, Solvi Stubing, Rod Dana sowie Karin Dor und Claudio Camaso
eine Produktion der Ultra Film | Roxy Film | Les Films du Siècle | im Nora Filmverleih
ein Film von Antonio Pietrangeli

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»Danke, dass Sie mir die Zeit vertrieben haben!«


Adriana (Stefania Sandrelli) zieht es aus der Provinz nach Rom, wo sie versucht, sich mit unterschiedlichen Jobs über Wasser zu halten. Ob als Friseurin in einem kleinen Laden, Kosmetikerin, Platzanweiserin im Kino oder Mannequin, sie hat nur ein großes Ziel vor Augen, nämlich Filmschauspielerin zu werden. Doch reichen ihre Schönheit und der bloße Wille dafür letztlich aus? Adriana lernt in kurzer Zeit viele unterschiedliche Männer kennen, sei es bei Diskotheken-Besuchen, am Strand, bei Veranstaltungen oder wenn es der Zufall einfach gewollt hat, und jeder ist fasziniert von ihrer Attraktivität, die sie jedoch eher defensiv einsetzt. Schließlich erscheint die Verwirklichung ihrer Träume in genau so weiter Ferne zu sein, wie die Suche nach der Liebe, denn so unterschiedlich die sich schnell abwechselnden Männer auch sind, Adriana findet immer nur dasselbe Ergebnis...

Diese bedeutende Arbeit von Antonio Pietrangeli kann sicherlich als eines der Prunkstücke des italienischen Neorealismus betrachtet werden, auch wenn "Ich habe sie gut gekannt" seinerzeit eher nur wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde, beziehungsweise keinen allzu großen Durchbruch feiern konnte. Die Beschreibung »Meisterwerk« eilt diesem wunderschön fotografierten Beitrag immer wieder voraus, doch spätestens wenn dieser Eindruck dann nach der Erst-Ansicht nicht eingetroffen ist, fühlt man sich vielleicht ein wenig in seiner Skepsis angesichts dieses Superlativs bestätigt. Obwohl der Verlauf mit vielen beachtlichen Feinheiten angereichert wurde und der glasklare Aufbau bemerkenswert ist, außerdem der Eindruck einer sehr subtil und geradlinig angelegten Geschichte entsteht, kann es bei der italienischen Langfassung zu einer schraubzwingenartigen Langatmigkeit kommen, die sich im Schutzgriff einer überaus hochwertigen Inszenierung entfaltet. Die deutsche und wesentlich kürzere Fassung beweist hingegen eine bessere vielleicht sogar zuschauerfreundlichere Dosierung, sodass sich deren Qualitäten und die tatsächlich vereinnahmende Sinnhaftigkeit deutlicher erschließen. Es ist interessant darüber zu spekulieren, wie "Ich habe sie gut gekannt" wirken könnte, falls man sich den Luxus erlaubt, dieses Werk ein halbes Dutzend Mal anzusehen, was bei diesem bemerkenswerten Film definitiv nicht ausgeschlossen ist. Im Grunde genommen ist das gesamte Konzept sehr verständlich aufgebaut, in Form einer Geschichte, die das Leben schreiben könnte, definiert sich daher hauptsächlich über die Darstellung ihrer Personen und unzählige Details, die sich im Endeffekt als nicht uninteressante Variante des dramatischen oder theatralischen Kinos entfalten, sowie eine schwere Anklage, in Form deutlicher Angriffe, die glücklicherweise einmal nicht auf dem handelsüblichen Silbertablett serviert werden. Daher wird eine eher minimalistische Strategie verfolgt, die den Zuschauer aber genauso en detail ansprechen, treffen und bewegen kann, weil sie sehr nah und greifbar wirkt. Genau betrachtet, hat man es hier letztlich mit einem Beitrag zu tun, der wesentlich leichter hätte misslingen können, wenn nicht alle Zahnräder so optimal miteinander funktionieren würden.

Die 1946 geborene Interpretin Stefania Sandrelli verleitet dazu, einen halben Roman schreiben zu wollen. Zunächst sollte die Faszination um die damals erst Anfang 20-jährige Italienerin beschreiben werden; eine Faszination, nach welcher der Zuschauer stets auf der Suche ist, und die - wenn sie sich plötzlich entfaltet - für die ganz großen Momente im Filmleben sorgt. Stefania Sandrelli nur als schön oder attraktiv zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung, denn sie vermittelt wesentlich mehr, als man pauschal in irgend einem Film erwarten dürfte. Es fängt mit ihrer Leichtfüßigkeit an, die so natürlich, spontan und unbekümmert wirkt, gipfelt in Sinnlichkeit, die man in jeder simplen Bewegung, in jedem Augenaufschlag und in jedem einzelnen Blick verfolgen kann, nimmt in den Bereichen Lebensfreude, Interaktion, Ernüchterung und Resignation deutliche oder verständlichere Formen an, die mitunter tatsächlich jedem geläufig sein dürften. Adriana wirkt verträumt und in Verbindung mit einer tief melancholischen Note sehr greifbar. Dabei wirft sie aber auch etliche rhetorische Fragen auf. Da dieser Beitrag aber glücklicherweise die Schicksalsfrage ignoriert, fragt man sich bei fortlaufender Zeit womöglich, warum alle sie so gut gekannt haben sollen. Warum stellt diese junge Frau - unbewusst oder nicht - fließbandartige Freibriefe aus? Warum verfolgt sie ihre Ziele so unzureichend und warum zeigen sich keine entscheidenden Lerneffekte? Adriana ist im übertragenen Sinne wie das Gras, das keine Ahnung davon hat, wie grün es eigentlich ist, wie die Blüte, die keinen Schimmer davon hat, wie süß sie wirklich duftet; diesen Dreh haben nur ihre Beobachter, die Interessenten, ihre Männer heraus, die sie aus Eigennützigkeit und Eitelkeit allerdings auch nicht darüber aufklären werden. Stefania Sandrelli zeichnet eine der sichersten Interpretationen, die in derartigen Beiträgen zu finden sind, und deren Aura durchdringend, somit für alle Beteiligten indirekt auffordernd ist. Hochklassig und mitreißend zugleich.Die Darsteller der deutschen Seite wurden so auffällig konträr besetzt, dass es trotz kleinerer Auftritte sehr beachtlich oder wahlweise sehr erfrischend wirkt.

Somit blickt man auf völlig entgegengesetzte Einsatzgebiete von Karin Dor und Joachim Fuchsberger, die angesichts des bestehenden Images vollkommen innovativ und dem Empfinden nach sogar stichhaltiger wirken. Bei Karin Dor handelt es sich beispielsweise um eine Pionierin des deutschen Films, doch ihre Auftritte im Rahmen der europäischen, beziehungsweise internationalen Bühne, sind nicht annähernd bezüglich der Präzision und Aura zu vergleichen. Ob vergleichsweise, global gesehen, oder fernab des Üblichen, sind diese Interpretationen wesentlich interessanter, was man hier von Joachim Fuchsberger vielleicht gar nicht einmal sagen möchte. In diesem Film wirkt seine ebenfalls kurze Darbietung etwas zu derb konstruiert, aber nicht minder interessant. Selbst Robert Hoffmann gibt seiner Figur einen Hauch Ambivalenz, und Véronique Vendell spielt tatsächlich das, was sie eigentlich immer zu spielen hatte, auch wenn sie im Rahmen ihrer eigenen Filmografie hier doch deutlich heraus sticht. Was bei "Ich habe sie gut gekannt" so erstaunlich bleibt, ist im Endeffekt nicht, dass das Szenario von Anfang bis Ende mit großen Namen angereichert wurde, die lediglich nur Gäste bleiben; Es ist die Perfektion, keinen einzigen von ihnen verheizt oder geopfert zu haben, da selbst Darbietungen die nur wenige Minuten umfassen, einen deutlichen, wenn nicht sogar tiefen Schliff offerieren. Auf den ersten Blick scheint die Konstruktion ausschließlich wegen ihrer betörenden Hauptdarstellerin zu funktionieren, doch ein Mosaik braucht definitiv mehrere Steinchen. Es ist also egal, wie man den Film schließlich auffasst. Fakt ist, dass man es mit einem grandiosen Schauspieler-Film zu tun bekommt, der in dieser Hinsicht vielleicht nicht beispiellos geblieben ist, aber im Sinne eines runden Ergebnisses nachweislich meistens nur schwer zu bewerkstelligen war. Ob Jean-Claude Brialy, Mario Adorf, Claudio Camaso, Vittorio Gassman oder Ugo Tognazzi - das Stargast-Karussell dreht sich in schwindelerregender Art und Weise, aber von diesen bemerkenswerten Leistungen sollte man sich ruhig selbst und ohne Fremdeinschätzung überzeugen lassen.

Auf die handwerkliche Inszenierung einzugehen sprengt nahezu den Rahmen, also sei nur kurz erwähnt, welch herrliche, teils sinnliche Bildkomposition hier zum Tragen kommt, oder wie die Musik beinahe Tag und Nacht im Kopf herumschwirrt, und dass man einfach sehr viel in diesem, auf den ersten Blick, unscheinbaren Film geboten bekommt. Es kann passieren, dass das alles selbst für ein herkömmliches Drama zu wenig erscheinen mag, vor allem weil Elemente wie feiner Humor, flapsige Dialoge und schnelle Ortswechsel und Gedankensprünge etwas verwirrend erscheinen. Die Stärken gibt der Verlauf früher oder später preis. Wenig verschachtelt, ohne sprachliche Klippen und ohne unnötige Steigerungen in der Komplexität der Geschichte. Das Fazit des Zuschauers ist wohl letztlich ein sehr einfaches. Jeder glaubt, sie wohl schon einmal, zweimal oder gar mehrmals gut gekannt zu haben, aber im Endeffekt ist das eigentlich überhaupt nicht der Fall, da der Titel des Films ausschließlich eine Umkehrreaktion anbahnt, die etwa folgendermaßen lauten könnte: Ich habe mich gut gekannt. Daher muss SIE nicht unbedingt Adriana, oder Stefania Sandrelli heißen. Der Film wirkt unterm Strich ereignisreich und gut komprimiert, und das melancholische Thema gewinnt durch die packenden Interpretationen an Facetten und Konturen. Ansonsten ist "Ich habe sie gut gekannt" – wenn man es überspitzt ausdrücken möchte – beinahe überqualifiziert, dennoch sollte der Film alleine schon wegen dieser so umwerfenden Stefania Sandrelli angeschaut werden, deren Blick einem trifft wie ein Torpedo. Augenscheinlich erteilt Regisseur Antonio Pietrangeli der Komplexität eine zynische Absage, indem er aus der empfundenen Einfachheit eine erstaunliche Umkehr kreiert und zum tragenden Element avancieren lässt. Letztlich ist Begrifflichkeit »Meisterwerk« nach persönlichen Maßstäben vielleicht nicht ganz erreicht worden, aber das Verständnis dafür, dass viele Fans und Zuschauer Pietrangelis "Ich habe sie gut gekannt" diese Auszeichnung bestimmt mitgeben möchten. Ein stiller Hochkaräter ist jedoch ohne jeden Zweifel entstanden, der die temporäre Seite des Glücks gnadenlos seziert, um im Endeffekt das Wesentliche herauszuarbeiten.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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HERRENPARTIE


● HERRENPARTIE / MUSKI IZLET (D|JUG|1964)
mit Götz George, Hans Nielsen, Rudolf Platte, Gerhard Hartig, Herbert Tiede, Gerlach Fiedler, Friedrich Maurer, Reinhold Bernt,
Olivera Markovic, Milena Dravic, Ljubica Janicijevic, Ivo Martinovic, Pavle Vuisic, Petar Matic, Dragomir Felba sowie Mira Stupica
eine Produktion der Neue Emelka | Avala Film | im Schorcht Filmverleih
ein Film von Wolfgang Staudte

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»Der Führer bin ich!«


Ein deutscher Männergesangverein macht Urlaub in Jugoslawien. Die acht Männer sind mit einem Kleinbus unterwegs, dem in einem abgelegenen Dorf plötzlich das Benzin ausgeht. Dort leben zu ihrer Verwunderung nur in Schwarz gekleidete Frauen, die ihnen weder mit Treibstoff noch Verpflegung weiterhelfen wollen. Die Urlauber quartieren sich in einer verlassenen Pension ein, doch die Bewohnerinnen fühlen sich durch ihre bloße Anwesenheit und den Klang deutscher Volkslieder bis aufs Blut provoziert. Die Gruppe rund um den Major a.d. Friedrich Hackländer (Hans Nielsen) wartet auf Hilfe aus der nahe gelegenen Stadt, doch einige Fehlentscheidungen der Herren lösen eine Kettenreaktion aus reaktionärem Verhalten und Hass aus, bis die Situation endgültig eskaliert...

Der unscheinbar und sich beinahe nach einem Lustspiel dieser Zeit anhörende Titel "Herrenpartie" konfrontiert das interessierte Publikum mit einem dynamischen Verlauf, der zwar letztlich in die Sparte der schwarzen Satire mit allerlei diskreten Brauntönen fällt, allerdings auch empfindliche Anleihen der klassischen Tragödie bereit hält. Inszeniert von Regisseur Wolfgang Staudte, bekommt man gestochen scharfe Sektion von Ressentiments, Emotionen und eklatanten Fehlentscheidungen geboten, die in landläufige Klischees getränkt werden, um einen überzeugenden Transfer in die Realität anzubieten. Ein deutscher Männerchor bricht in die Ferne des populären Auslands auf, möchte einige schöne und unbeschwerte Tage verbringen, allerdings nicht, ohne sich ein kollektives Schulterklopfen abzuholen. Dem Vernehmen nach wäre der Tourismus wesentlich besser bedient, wenn alle so ehrenvoll und aufmerksam wären, wie diese ungleiche Truppe, die zwar viel Zeit miteinander zu verbringen scheint, aber zum größten Teil noch per Sie untereinander ist. Als der geplante Weg nicht wie gewünscht weiter führt, wird kurzerhand pausiert und die kultivierten Herren pissen erst einmal in die Prärie, vermutlich um zu markieren und ohne sich dabei zu genieren, schließlich ist man im sogenannten Hinterland. Es ist erstaunlich und völlig peinlich berührend zugleich, dass sich Wolfgang Staudte nicht scheut, den deutschen Touristen so darzustellen, wie er wirklich ist. Man erkennt ihn in der Regel auf einen Kilometer Entfernung, alleine schon wegen des bürokratisierten Auftretens und des uniformen Aussehens. Der Vorspann teilt die deutschen Schauspieler und jugoslawischen Schauspielerinnen in Fraktionen der beiden Produktionsländer ein, was bereits zu Beginn einen bedeutenden Clash andeuten will. Die Leistungen der Interpreten sind außergewöhnlich, überzeugend und mitreißend. Während sich die unfreiwillig gestrandeten Herren immer mehr in die Bredouille bringen, kann man dabei zusehen, wie die Frauen langsam aber sicher die Nerven in aller Stille verlieren, weil der Hass alleine aufgrund der deutschen Sprache wieder hoch kocht und niemals verheilte Wunden wieder aufreißt.

Das Problem bei der Konfrontation ist letztlich nicht einmal vordergründig die Sprachbarriere, sondern die Borniertheit, eine unerträgliche Überheblichkeit und der blinde Hass. Es scheint keine Kompromissmöglichkeiten zu geben. Die Deutschen sind der Meinung, dass sie alles bekommen können, solange sie ausgiebig dafür bezahlen, was auch bei jeder Gelegenheit betont wird, doch sie begreifen nicht, dass sie schlicht und einfach unerwünscht sind. Dies führt zu einer eigenartigen kollektiven Übereinstimmung, dass man die militant wirkenden Frauen vom Gegenteil und der persönlichen Ansicht überzeugen müsste. Der Gipfel bei dieser Wiedergutmachungstournee ist allerdings die Tatsache, dass man mit durch und durch deutschen Methoden vorzugehen pflegt, die die Gegenseite selbst bei Wohlgesonnenheit nicht verstehen könnte. "Herrenpartie" wurde seinerzeit mit sehr guten Kritiken bedacht und der Film wurde im Jahr 1964 zu den offiziellen Filmfestspielen in Cannes eingeladen, Was die Regierung der Bundesrepublik jedoch nachdrücklich ablehnte. Dennoch erhielt die Produktion etliche Auszeichnungen, nicht zuletzt, weil es sich um eine bemerkenswerte Aufarbeitung deutscher, beziehungsweise allgemeiner Kriegsschuld handelt, die allerdings fast geistreich und versöhnlich dechiffriert und zu einem überraschenden Ergebnis gebracht wird. Die Frauen des Dorfes debattieren permanent über das weitere Vorgehen und mögliche drastische Methoden, orientieren sich dabei allerdings an der Gegenwart. Die Herren der Schöpfung werden aufgrund des aktuellen Zwangs zum Nichtstun und dazu genötigt, ihre Vergangenheit widerwillig aufzuarbeiten und es kommt kaum einer von ihnen als strahlender Held davon. Wolfgang Staudte legt in Salz getränkte Finger in klaffende Wunden, die durch Stillschweigen und Ignoranz geheilt werden sollten. Als die Einigkeit unter den Männern zu bröckeln beginnt, könnte man meinen, dass es zu einer Kehrtwendung kommt, aber das Gegenteil ist der Fall und alles schlägt in eine reaktionäre Jetzt-erst-recht-Attitüde um.

Die Schauspieler der deutschen Seite spielen beherzt und ungeniert auf, sodass man zu hervorragenden Ergebnissen kommt. Hans Nielsen als Wortführer und ehemaliger Major verhält sich wohl wie er es immer gewöhnt war, verlangt sich dabei einen verkappten Respekt von seinen Sangeskollegen ab. Lediglich sein Sohn Herbert alias Götz George stellt sich mit feiner Ironie aber auch deutlicher Provokation gegen jegliches Tun und konservative Ansichten, kommt einem dabei wie ein Fremdkörper oder im Mindesten wie ein Außenseiter vor; eine Rolle die man George gerne abnimmt und die überzeugend vorgetragen wird. Nicht zuletzt seine Kompromissbereitschaft und authentische Art wird der Truppe noch entscheidend weiterhelfen. Des Weiteren agieren Gerhard Hartig, Herbert Tiede und Gerlach Fiedler hervorragend und nehmen die überspitzende Herausforderung ebenso wie Rudolf Platte, Friedrich Maurer und Reinhold Bernt an. Es ist sagenhaft, wie die Männer sich gegenseitig hochschaukeln und sich von Grund auf nicht respektieren. Das weibliche Pendant kommt in Form einer geballten Ladung einheimischer Interpretinnen und als kollektiver Vorwurf in das herrlich fotografierte Szenario. Mira Stupica und Nevenka Benković wurden für ihre Interpretationen mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet und insbesondere Stupica hinterlässt einen bleibenden Eindruck als personifizierte Schwerst-Anklage. Die Frauen sprechen in ihrer Landessprache, was in Deutsch untertitelt wird. Wenn sich die Situation genügend hochgekocht hat und Wolfgang Staudte droht, das Geschehen genüsslich in eine Katastrophe münden zus lassen, ist man als Zuschauer auf alles und vor allem das Schlimmste gefasst. "Herrenpartie" ist ein leider in Vergessenheit geratener Film von ungewöhnlichem Karat, der sowohl inszenatorisch als ach darstellerisch absolut hervorragend gelöst ist und zum Nachdenken animiert, ohne den Zuschauer mit einer quälenden und nicht zu lösenden Absolution zu konfrontieren. Die schwere der Thematik, gekoppelt mit der Leichtigkeit der Inszenierung, ist am Ende nur als Meisterleitung zu bezeichnen.

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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Raimund Harmstorf

BLUTIGER FREITAG


● BLUTIGER FREITAG / VIOLENZA CONTRO LA VIOLENZA (D|I|1972)
mit Gianni Macchia, Amadeus August, Christine Böhm, Daniela Giordano, Horst Naumann, Ernst H. Hilbich, Renate Roland und Gila von Weitershausen
eine Produktion der Lisa Film | Divina Film | Cineproduzioni Daunia 70 | im Gloria Verleih
ein Film von Rolf Olsen

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»Ihr tut, als wäre das eine Neckermann-Reise!«


Am Tage seiner Verurteilung gelingt dem Straftäter Heinz Klett (Raimund Harmstorf) eine spektakuläre Flucht aus dem Gerichtsgebäude, da er hatte Hilfe von seinen Komplizen hatte. Um an das nötige Kleingeld für die Flucht zu gelangen, hat sein Kumpel Luigi (Gianni Macchia) alles für einen Banküberfall vorbereitet. Seine Freundin Heidi (Christine Böhm) und ihr Bruder Christian (Amadeus August) schließen sich dem Coup an, da sie ihr altes, karges Leben hinter sich lassen wollen. Doch der vermeintlich todsichere Plan nimmt sich etwas zu wortwörtlich und eskaliert in einer katastrophalen Art und Weise. Plötzlich befinden sich die Bankräuber in einem Krieg mit der Polizei und insbesondere Klett scheint zu allem bereit...

Napoleon Bonaparte hat geschrieben:
Verbrechen ist so ansteckend wie die Pest. Niemand kann ein solches begehen ohne dafür bezahlen zu müssen.

Regisseur Rolf Olsen ist vielleicht einer der wenigen auffällig physischen und pragmatischen "Realos" des deutschen Films, der sich immer dann mehr traute, wenn die Umstände, die jeweilige Welle, die Klimperkasse und das Ausgangsmaterial es zuließen. Seine Handschrift ist somit immer sehr eindeutig und gerne auch einmal sehr blutig wie in diesem Film, dessen Titel die Richtung bereits unmissverständlich ankündigt. "Blutiger Freitag" ist einer der selteneren Spezies deutscher Filme, der sich seiner blutverschmierten Seele und politischen Unkorrektheit bewusst ist und nicht schämt, sie darüber hinaus als essentiell betrachtet, um an das anvisierte Ziel und ein bisschen weiter zu kommen. Olsen überlässt dabei nichts dem Zufall, denn er versammelt die richtigen Leute vor und hinter der Kamera, außerdem verfügt die Geschichte über einen sehr hohen Anteil an Action, zügelloser Brutalität und Tempo, außerdem halsbrecherischer Passagen, die den Zuschauer außer Atem halten und schockieren sollen. Ausgestattet mit einem italienischen Produktionspartner, kommt es zu einer schärferen Weichenstellung, zumal die Regie auch zu wesentlich mehr bereit ist, als es bei Kollegen und normalerweise der Fall war. Im Vordergrund steht das Visualisieren einer Idee, die sich beim gegenseitigen Einreden in die Köpfe der Gruppe wie Gold anhört, am Ende aber in Stroh oder Scheiße verwandeln muss, da alleine die maßlose Gewaltbereitschaft nicht über das völlige Manko einer greifenden Strategie hinweg täuschen kann und nach und nach chaotische bis hysterische Züge annehmen wird. Da Rolf Olsen einen ungefilterten Raimund Harmstorf ohne Kette, Maulkorb und Moral in die Arena lässt, ist von vorne herein klar, wo diese wie auf Schienen gebettete Story hinlaufen wird. Dass man wissentlich auf eine Katastrophe zusteuert, nimmt die Spannung keineswegs vorweg, denn es werden die 100+ Möglichkeiten der Ausarbeitung sein, die für Überraschungen sorgen.

In der Tat ist es erstaunlich, welche Gewaltorgie hier in Intervallen angeboten wird, die sich aufgrund ihrer Anlegung immer weiter hochschaukeln muss. Heraus aus der Groschen-Existenz, so lautet das Credo der einzigen weiblichen Stellschraube dieses Himmelfahrtkommandos, allerdings sind sich alle Beteiligten einig, dass ihr Vorhaben - das beim genauen Betrachten so mancher Einzelheit nahezu absurd wirkt - schon irgendwie klappen wird, weil es klappen muss. Der Leidensdruck einer unter immensem Stress und Druck stehenden, außerdem zu wenig zurückgebenden Gesellschaft erscheint ab einem bestimmten Zeitpunk einfach zu groß geworden zu sein, wenngleich jemand wie Heinz Klett wohl immer schon kriminell at heart gewesen sein muss. Rolf Olsens Leidenschaft für gesellschaftskritische Analysen halten sich schließlich - und hinter vorgehaltener Hand glücklicherweise - in Grenzen und alles muss nur nach seinem persönlichen Gusto gewürzt sein. Das Schicksal spielt in dieser turbulenten Geschichte den Helden, denn viele der Vorhaben werden einfach durch Unvorhersehbarkeiten, schlechte Logistik, ungenügende Abstimmung, blank liegende Nerven und einfach zu unterschiedliche Charaktere gestört bis unterwandert. Es bleibt also nicht aus, dass die Liste der Leichen, die diesen blutigen Weg pflastert, immer mehr wird. Zunächst entsteht eine in sich immer enger verlaufende Gewaltspirale, die ab einem gewissen Zeitpunkt kein Zurück mehr zulässt, da auch nichts mehr zu verlieren ist. Das völlig konträre Trio kann sich nur bedingt aufeinander verlassen, da bei Klett der Hass auf Obrigkeiten und die ihn krank machende Gesellschaft im Vordergrund steht. Die anderen Gauner wollen eher heraus aus einem einheitsklatschigen Sumpf, der nur Durchschnitt für sie bereit hält, weil sie durchschnittlich sind. Dabei lässt die Regie sogar offen, ob sie sich nicht irgendwann selbst die Köpfe einschlagen könnten, da der Zuschauer ein paar waschechte Hahnenkämpfe geboten bekommt.

Bemisst man Olsens Filme alleine an der Tatsache, dass er sich gerne selbst einen Cameo-Auftritt innerhalb seiner eigenen Storylines verschaffte, ist er spaßeshalber schnell mit Hitchcock verglichen, was natürlich keinen ernst gemeinten Vergleich darstellen soll, aber einen Hinweis darauf, dass seine Arbeitsauffassung und entsprechende Färbung im deutschen Kino doch seinesgleichen suchen darf. Hier geschehen Dinge, die für das teils mit einheitlichem Material eingeschläferte deutsche Kinopublikum wie eine Kulturrevolution ausgesehen haben muss - zumal Olsen an diesem Zustand hin und wieder aktiv mitarbeitete. Das Blut sprudelt in Fontänen, ein aggressiver Heinz Klett schlägt alles und bevorzugt Knochen kurz und klein, und seine Hose droht bald zu platzen, sodass er zu gegebener Zeit seinen Anti-Charme spielen lassen wird. Um die Dame seiner Wahllosigkeit gefügig zu machen, bedarf es lediglich einiger Schläge und übler Beschimpfungen, und manchmal wirkt das Angebot schon sehr unappetitlich, aber ebenso wie bei einem Unfall, bei dem man einfach nicht wegschauen kann. Ein Film wie dieser ist in jeder Hinsicht ein Freibrief und lässt auch sämtliche Ansätze der Interpretation und Beschreibung zu, was schließlich zu einem kaum zu beschreibenden Spaßfaktor führt - und ja, "Blutiger Freitag" darf trotz einiger grenzwertiger Einfälle und Veranschaulichungen Spaß machen, auch wenn man etwa herausquillende Organe auf einem Silbertablett serviert bekommt, oder Töne hört, die einem beinahe die Ohren schlackern lassen. Rolf Olsen spielt die Karte eines Allround-Programms clever und fast schon rücksichtslos aus, da er sich an den möglichen Sentiments, Wünschen und Ängsten eines jeden Zuschauers festbeißt, um dabei herkömmliche Sehgewohnheiten ein Stück weit zu überschreiten oder je nachdem zu bestätigen. Um schließlich bei der Wahrheit zu bleiben, warum der Film so glänzend funktioniert, muss man auf Hauptdarsteller Harmstorf verweisen, der bereits für so manches Kabinettstückchen gut war.

Trotz einer Vierer-Kombi bekommt man im Endeffekt eine denkwürdige One-Man-Show präsentiert, zumal die übrigen Gruppenmitglieder fast zu human Züge besitzen. Somit stellt Klett ein Musterbeispiel der Brutalität, Impulsivität, Gewaltbereitschaft, Triebhaftigkeit und Kompromisslosigkeit dar, dessen Kamikaze-Allüren in einigen Fressen der Unbeteiligten landen, bis es kein Zurück mehr gib. Harmstorfs Leistung ist und bleibt das Maß aller Dinge, doch alleine kann diese Show nicht geschmissen werden, sodass es tatkräftige Unterstützung von einem zu seinen sonstigen Einsatzgebieten völlig konträr wirkenden Amadeus August als Christian gibt, außerdem von Gianni Macchia als Luigi. Für beide fühlt es sich so an, als seien sie in ausweglosen (gesellschaftlichen) Strukturen und Isolation gefangen, und nur so lässt sich die Kollaboration mit Heinz Klett vielleicht restlos erklären. Abgerundet von weiblicher Finesse, die hier eher von Naivität und Zuneigung bestimmt ist, liefert die bis dato eher unbekannte Österreicherin Christine Böhm treffsicher. Weitere Rollen im Radius der Überzeugung übernehmen beispielsweise Gila von Weitershausen, Ernst H. Hilbich oder Daniela Giordano. Angefangen im Gerichtsgebäude über die Bankfiliale und etliche Verfolgungsjagden, hinterlässt das Quartett nichts als verbrannte Erde, zertrümmerte Köpfe, und durchschossene Körper, was auf einen fulminanten Showdown hindeutet. Rolf Olsen lässt das unter großer Erwartung stehende Publikum in keiner Beziehung im Stich, sodass man auf einen Beitrag blicken kann, der den Titel Reißer mehr als verdient hat. Am Ende fährt man mit dieser Interpretation von Klett, Sex & Crime außergewöhnlich gut, denn das Ganze wirkt noch nicht einmal besonders stumpfsinnig, da die Regie die Geschichte zu keiner Zeit mit fremden Federn schmückt oder vorgibt, etwas anderes sein zu wollen, was man ungetarnt und gewaltverliebt vor die Linse bekommt. "Blutiger Freitag" ist und bleibt ein besonderes Juwel drastischer deutsch-italienischer Zusammenarbeit.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Omar Sharif   Karen Black   Joseph Bottoms   Bernhard Wicki   in

FRANKENSTEINS SPUKSCHLOSS


● FRANKENSTEINS SPUKSCHLOSS / ACE UP MY SLEEVE / CRIME AND PASSION (D|US|1975)
mit Heinz Ehrenfreund, Elma Karlowa, Volker Prechtel, Erich Padalewski, Robert L. Abrams, Franz Muxeneder, u.a.
eine Film Cine Produktion | im Gloria Verleih
ein Film von Ivan Passer

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»Es sieht ja wirklich beinahe so aus, als ob da Frankenstein wohnt«


Der risikofreudige Investmentbanker André Ferrer (Omar Sharif) war bislang bekannt dafür, das Kapital seiner Kunden deutlich zu vermehren. Als er eines Tages jedoch ins Straucheln kommt, ist André auf das Vermögen seines solventen Kunden Hermann Rolf (Bernhard Wicki) angewiesen. Der windige Geschäftsmann schmiedet also schnell den Plan, seine Kollegin und Geliebte Susan Winters (Karen Black) an den Mann zu bringen um sich selbstredend um die laufenden Geschäfte des Multimillionärs zu kümmern. Der Plan scheint aufzugehen, denn die beiden heiraten und nach einigen Monaten soll die Ehe wieder geschieden werden. Allerdings geht das Gerücht um, dass Rolf jede seiner Frauen nach der Scheidung liquidieren ließ. Nach einer unerwarteten Revision gerät André ins Visier, ihm wird vorgeworfen mehrere Millionen Dollar veruntreut zu haben. Da er das Geld binnen kürzester Zeit wieder aufbringen soll, eilt er zu Susan, die sich gerade im Schloss ihres Mannes befindet, doch bevor André dort eintrifft, kommt es zu mehreren Mordanschlägen...

Alleine der Titel "Frankensteins Spukschloss" lässt ein groß angelegtes Horror-Spektakel vermuten, doch um die Katze gleich aus dem Sack zu lassen, in Ivan Passers eigenwilligem Beitrag wird man so gut wie nichts finden, was der reißerische Titel zu suggerieren versucht. Beinahe irritiert nimmt man die zeitgemäße Ausstattung wahr, die aufgrund des Produktionsjahres sicherlich nicht außergewöhnlich gewesen wäre, falls man hier nicht andere Ankündigungen vernommen hätte. Schnell befindet man sich in modernen Büroräumen, in denen wahlweise subversive Pläne geschmiedet werden. Interessant ist, dass dem Zuschauer innerhalb kürzester Zeit die Hauptpersonen vorgestellt werden, die man allesamt als wenig sympathisch klassifiziert und gleichzeitig eine deftige Portion unterschwellige Komik herausfiltern kann, was sich allerdings wie ein roter Faden durch den Verlauf ziehen wird. Mit einem Horror-Film wird man also keineswegs konfrontiert, für eine Komödie reicht es meistens auch nicht, sodass diese Produktion bereits im frühen Stadium in einem etwas profillosen Licht schimmert, beziehungsweise im luftleeren Raum umher irrt. Aber man sollte sich nicht so voreilig abschrecken lassen, denn vielleicht kommt es innerhalb dieser unkonventionellen Machart noch zu einigen Überraschungen. Die deutsche Film-Industrie brachte es mitunter immer wieder zu kruden Experimenten im benannten Genre, hier sogar unter US-amerikanischer Schützenhilfe, und vielleicht ist es am effektivsten, dieses Vehikel genau unter dieser Voraussetzung zu betrachten, obwohl man ganz gezielt getäuscht und durch den vielversprechenden Titel aufs Glatteis geführt wird.

Das Thema Glatteis stellt sich übrigens als sehr gutes Stichwort beim Profil des Films heraus, denn gedreht wurde unter Anderem vor winterlicher Kulisse in Tirol, was in Kombination mit der vorgefertigten Erwartungshaltung seltsame Eindrücke hinterlässt. Ski-Kapriolen im Schnee, teure Autos mit halsbrecherischer Geschwindigkeit bei der Schlittenfahrt ins Ungewisse, so versucht der Film auf der langen Suche nach beunruhigenden Elementen zu unterhalten. Und tatsächlich, es wird eine gefühlte Ewigkeit vergehen, bis man im sogenannten Spukschloss auf die nicht zu identifizierende Gefahr trifft. Das Schloss wartet mit der Ausstattung eines Luxus-Hotels auf, sodass der bevorstehende, überaus verhalten eingesetzte Spuk umso grotesker wirkt. Die Star-Besetzung kann sich durchaus sehen lassen, zumindest auf dem Papier. Omar Sharif trägt den Film so gut wie in jeder Szene, doch er transportiert immer wieder eine wenig willkommene komische Note, die die wenigen beachtlichen Momente des Verlaufs nur zu stören scheint. Mit Partnerin Karen Black sieht man eine ebenso bekannte Interpretin, die es wahlweise mit Sex-Appeal versuchen wird, für den allerdings gewisse Antennen vorhanden sein müssen, da er ansonsten genau wie Frankenstein unsichtbar bleibt. Alle Augen bleiben schließlich auf den großartigen Bernhard Wicki gerichtet, von dem man pauschal erwartet, dass er seine Rollen mit großer Finesse ausstattet. Schade ist allerdings, dass man außer wenigen Einstellungen, die von seiner bloßen Präsenz leben, nicht viel dieses Ausnahmetalents zu Gesicht bekommt. Erschreckenderweise etabliert sich der Eindruck, dass er verschenkt wurde wie nie zuvor und Joseph Bottoms als Susans junger Liebhaber ist kaum eine Erwähnung wert.

Besonders in Erinnerung wird definitiv der Kurzauftritt der insbesondere aus den 50er Jahren in Deutschland sehr bekannten Schauspielerin Elma Karlowa bleiben, der unglaublich grotesk und irgendwie peinlich berührend zugleich wirkt. Bekanntermaßen mangelte es an Rollen, daher wird ihr wohl jedes Angebot wie gerufen gekommen sein. Hier bekommt man sie als "Masseuse", naja, eher zugemutet und auf unfreiwilliger Basis verbreitet diese Figur Angst und Schrecken. Nach Andrés Schwefelbad erwartet er die hübsche Dame, die er am Empfang des Hotels mit seinen Blicken ausgezogen hatte, doch plötzlich steht eine unmöglich zurecht gemachte Elma Karlowa vor ihm, die ihn gründlich durchwalkt, bevor sie zum Hauptgang übergeht. Zwischenzeitlich trägt sie Omar Sharif wie eine Amme das Kind an ihrem herausgefallenen Busen, bis sie ihn schließlich würgt. Damit die vehemente Dame ablässt, packt André sie empfindlich bei ihrer Weiblichkeit, was Elma Karlowa letztlich nur mit einem irren Lachen quittiert. Unglaublich diese Szenen, ja, einfach nur unglaublich! Der Verlauf hat ohne jeden Zweifel seine paar Momente und trotz immer wiederkehrendem Leerlauf wird es eigentlich selten langweilig, dennoch kann Passers Beitrag insgesamt nicht überzeugen, da er keine Entscheidung über seine Identität treffen will. Von allem bekommt man etwas aufgetischt, doch die geltende Faustregel heißt unterm Strich, dass es von allem einfach zu wenig ist. "Frankensteins Spukschloss" ist heiter bis wolkige, unkonventionelle bis belanglose Unterhaltung (übrigens mit musikalischer Untermalung von Vangelis), die ihre Unentschlossenheit quasi 1:1 auf den Zuschauer überträgt. Ein durch und durch eigenartiger Film.

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