DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Kurze und/oder lange Kommentare oder Reviews zu den von euch gesehenen Filmen.
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



FRENZY


● FRENZY / FRENZY (GB|1972)
mit Jon Finch, Barry Foster, Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Vivien Merchant, Jean Marsh und Alec McCowen
eine Produktion der Alfred J. Hitchcock Productions | im Verleih der CIC
ein Film von Alfred Hitchcock

Frenzy (1).jpg
Frenzy (2).jpg
Frenzy (3).jpg
Frenzy (4).jpg
Frenzy (5).jpg
Frenzy (6).jpg
Frenzy (7).jpg
Frenzy (8).jpg
Frenzy (9).jpg

»Sie haben ja ihre Krawatte nicht an!«

Ein Serienkiller hält London in Atem. Immer wenn eine Frauenleiche auftaucht, die nichts als eine Krawatte um den Hals trägt, ist klar, dass der sogenannte Krawattenmörder wieder zugeschlagen hat. Die Polizei verfügt über wenige Hinweise, sodass es zunächst kaum signifikante Anhaltspunkte gibt, bei wem es sich um den gesuchten Triebtäter handeln könnte, bis der Zufall zur Hilfe kommt. Verdächtigt wird der ehemalige Pilot und Staffelführer der Royal Air Force, Richard Blaney (Jon Finch), der beim Verlassen des Hauses seiner Ex-Frau Brenda (Barbara Leigh-Hunt) gesehen wurde, die vergewaltigt und stranguliert wurde. Chief Inspector Oxford (Alex McCowen) nimmt den sozialen Absteiger ins Visier und zieht die Schlinge um dessen Hals immer enger zu...

Alfred Hitchcocks "Frenzy" - dessen Titel ins Deutsche übersetzt etwa so viel heißt wie Raserei oder Wahnsinn, den Verlauf somit en detail charakterisieren wird - beginnt mit einer herrlichen Panoramafahrt über London, sodass die Titelcredits beinahe zur Nebensächlichkeit werden. Aus der Ferne sieht man die Tower Bridge, die sich gerade über der Themse öffnet, und dabei entsteht eine Spannung oder Neugierde, die zweifellos nur durch einen kontinentalen Blick auf die Geschehnisse entstehen kann. Nach über 20 Jahren der Abstinenz konnte Regisseur Alfred Hitchcock endlich wieder einen Film in seinem Heimatland England drehen, was aus zahlreichen Gründen mehr als nur eine Fußnote darstellt. In dieser Produktion kommt nämlich definitiv ein anderes, quasi individuelles Flair in mehrfacher Potenz zum Vorschein, das von Sicherheit, Insiderwissen, Vertrautheit und sogar Intimität berichtet, da zu spüren ist, dass die Regie zu Hause angekommen war. So begleitet man Hitchcock auf unerschütterlichem Terrain, sodass der Film wie auf Schienen gebettet wirkt und ich nicht den kleinsten Aussetzer erlaubt, auch wenn er eine Schneise der Verwüstung hinterlassen will. Vielmehr erlebt das Publikum die Kunst, Handlungsstränge nicht nur nebeneinander herlaufen, sondern sich quasi bedingen zu lassen, damit erst der Eindruck entstehen kann, dass das eine nicht ohne das andere hätte passieren können, auch wenn es sich noch so sehr um nur Kleinigkeiten oder gar Unwichtigkeiten handelt. "Frenzy" versucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, die Perversion nicht nur bildlich festzuhalten, sondern sie mit realen Ambientes und Personen, die jeder unter Umständen selbst kennen könnte, zu entschärfen. Die Inszenierung oder artifizielle Normalität wirkt daher eigenartig verwegen und plastisch, allerdings überträgt sich der im Titel angekündigte Gefühlszustand nicht auf das Publikum, sondern bleibt isoliert im Geschehen zurück und quält alle Beteiligten.

Hichcock macht den Zuschauer zu seinem Sekundanten, vom Mörder wird dieser zum Komplizen auserkoren, und die Geschichte kann oft mit wenigen Mitteln zupacken. Hierbei handelt es sich um eine hochinteressante Variation, da der blitzschnell vorweg genommene Whodunit durch hochwertige, beziehungsweise clevere Alternativen ersetzt wird. So kann sich "Frenzy" beinahe zum schlimmsten Alptraum der Komödie entfalten. Oder umgekehrt. Für den hier offensiv angebotenen britischen oder vielmehr Schwarzen Humor, müsste nach Hitchcocks verspielter aber ebenso hochkonzentrierter Bearbeitung ein neuer, nämlich noch tieferer Schwarzton erfunden werden. Der Verlauf schockiert in ausgewählten Momenten, um im nächsten Intervall zu amüsieren. Dabei sind diese Zustände oft konträr zur jeweiligen Situation gewählt, was sogar für die Situationskomik gilt. So kann es in heiteren und humorigen Momenten abstoßend und schockgeladen zugehen, ebenso wie es in diesen mit Spannung versehenen Phasen eigentümlich komisch aussehen kann. Gegensätzlichkeiten ziehen sich also auch hier spürbar an, was sich auch über die meist zweifelhaften Protagonisten sagen lässt. Hitchcock bietet kaum klassische Sympathieträger an, die sich in diesem Zusammenhang vollkommen makellos präsentieren würden. Am ehesten lässt sich diese Rolle noch der Polizei, beziehungsweise der ermittelnden Figur zuschreiben, die es aufgrund des Kochkurses der eigenen Ehefrau nicht leichter hat als ein Prägustator im alten Rom. Zu Tisch entstehen somit herrlich skurrile Szenen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern zum herzhaften Lachen animieren. Überhaupt kommt es zu interessanten Assoziationsketten zwischen Essen, Zwischenmenschlichkeit und Mord. Die Regie beschränkt sich dieses Mal nicht auf ein bloßes, wenn auch brillantes Visualisieren, sondern provoziert eine Reihe von Reaktionen beim Publikum. Hierbei handelt es sich vornehmlich um Gefühle wie Ekel, Abscheu und Empörung.

Dieser Korridor der Emotionen ist so lückenlos geplant, dass es kein Entrinnen, Ausweichen und Zurück gibt. Schaut man auf die Besetzung, so drängt sich im ersten Impuls der unverblümte Eindruck auf, dass sie vermeintlich unspektakulär wirkt, wenngleich es sich hierbei nur um eine Halbwahrheit handelt, die wohl dem eigenen Wunschdenken, beziehungsweise der persönlichen Umbesetzungscouch geschuldet ist. Jon Finch zeigt sich auffällig unbeteiligt und nur so weit in den Fokus gerückt, wie unbedingt nötig, sodass seine Funktion als unschuldig Verdächtiger völlig transparent aufgerollt werden kann. Diese fehlende emotionale Beteiligung treibt das suchende Publikum förmlich in die Arme anderer Personen, die jedoch nur Einbahnstraßen anbieten. Dieses Konzept der Abkehr von konventionellen Mustern ist zunächst gewöhnungsbedürftig, erfüllt aber seinen Zweck, denn dieser eigenwillige Nervenkitzel geht jederzeit voll und ganz auf. In Verbindung mit kulinarischen Abgründen und einem lukullischen Fauxpas nach dem anderen, kommt es zu einem Verlauf, der permanent mit dem Thema Nahrung konfrontiert, bevor er zu eigentlichen Themenkomplexen gelangt. Mit Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Jean Marsh und Alec McCowen kommt es zu hervorragenden Momenten, da sie sich dem fordernden Konzept beugen und bedingungslos anpassen. Vor allem Barry Foster sorgt dafür, dass einem das Blut in den Adern gefriert und bei seinen Opfern nicht mehr zum zirkulieren kommt, was man aber definitiv selbst kennenlernen sollte. Schlussendlich ist Hitchcocks Regiestil in "Frenzy" nicht einmal neu erfunden worden, denn seine typischen Kniffe sind allgegenwärtig. Dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass der Regisseur im Herbst seiner Karriere einen Film fabrizieren konnte, der von der Sicherheit des Terrains des Produktionslandes profitiert, somit wie entfesselt, giftig und durch und durch unbändig wirkt. Als Fazit bleibt daher nichts anders zu sagen, dass man es mit einer rabenschwarzen Sternstunde zu tun hat.


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Klaus Kinski

NUIT D'OR - DIE NACHT AUS GOLD


● NUIT D'OR / NUIT D'OR - DIE NACHT AUS GOLD (F|D|1976)
mit Bernard Blier, Marie Dubois, Elisabeth Flickenschildt, Jean-Luc Bideau, Charles Vanel, Anny Duperey,
Raymond Bussières, Valérie Pascale, Catherine Arditi, Robert Bury, Herta Gaupmann und Maurice Ronet
eine Produktion der Euro-France Films | France 3 | SFP | UGC | Maran Film
ein Film von Serge Moati

Die-Nacht-aus-Gold01.jpg
Die-Nacht-aus-Gold02.jpg
Die-Nacht-aus-Gold03.jpg
Die-Nacht-aus-Gold04.jpg
Die-Nacht-aus-Gold06.jpg
Die-Nacht-aus-Gold07.jpg
Die-Nacht-aus-Gold11.jpg
Die-Nacht-aus-Gold10.jpg
Die-Nacht-aus-Gold12.jpg

»Er muss für immer verschwinden!«


Michel Fournier (Klaus Kinski) gilt als tot - zumindest glaubt das seine Familie, ebenso wie Bekannte. Die Erleichterung über das Ableben des ungeliebten Verwandten wird eines Tages mit dessen plötzlichem Auftauchen gestört, aber schließlich leben Totgesagte bekanntlich länger. Da Fournier seinerzeit des Mordes bezichtigt wurde, gilt sein Interesse fortan nur noch der Tyrannisierung und Zerstörung derjenigen, die ihn damals beschuldigten und letztlich zur Inszenierung seines Todes brachten. So erhalten seine Opfer Puppen, die an Voodoo-Zauber erinnern, um ihnen gehörige Angst einzujagen. Kommissar Pidoux (Bernard Blier), der schon vor Jahren gegen ihn ermittelte, heftet sich erneut an Michel heran...

»Ich bin zurückgekommen. Ich fang nochmal von vorne an und diesmal werde ich gewinnen!« Diese ersten hysterischen, beziehungsweise aggressiven Anwandlungen des sich selbst als völlig zweifelhaft vorstellenden Michel Fournier kündigen nicht nur die Art und Weise der Performance von Klaus Kinski an, sondern auch einen Verlauf, in dem nicht alles so sein wird, wie es zu sein scheint. Telefonische oder postalische Belästigungen bringen die offensichtlich rachsüchtige Hauptfigur auf Betriebstemperatur, sodass die Vergangenheit parallel wieder aufgerollt werden kann, als Anklage und Quälerei. Da diese Vergangenheit auch ein Stück weit Gegenwart und sogar Zukunft darstellt, ist es umso interessanter, in diese surreale Geschichte einzutauchen, die für Regisseur Serge Moati seinerzeit den Durchbruch darstellte. Eine Klassifikation in beispielsweise Thriller oder Drama ist nicht einfach, weil sinnlos, da es sich in jeder Faser des Dargestellten um ein Hybrid handelt, egal welche Komponenten man bei "Nuit d'or" letztlich bemühen will. Um das Szenario mit Intensität und einem bizarren Drive auszustatten, bietet Klaus Kinski seine leichtesten Fingerübungen an, indem er Besessenheit, unverblümte Aufdringlichkeit, Aggressivität sowie Impulsivität anbietet, die sich immer wieder eruptiv entfaltet, ohne sich dabei in plumpen Schockmomenten zu verlieren. Die Personen seines Umfeldes degradiert er zu innocent bystanders oder Gespenstern seiner Vergangenheit, denen die Hände wegen so viel Unberechenbarkeit in jeder Beziehung gebunden sind. Nur bei seiner Mutter scheint er auf unangenehmes Granit zu beißen, wobei es fraglich ist, ob die alte Dame noch vollkommen zurechnungsfähig, geschweige denn nüchtern ist. Für Elisabeth Flickenschildt war diese Rolle übrigens ihre letzte, und es handelt sich um einen überaus bizarren Abschluss ihrer so erfüllten Karriere. Viele Szenen sind schwer zu begreifen, animieren aber zum Hinstarren, da sie in merkwürdiger Manier faszinieren.

»Na schön, dann schlaf! Eines Tages wirst du nicht mehr aufwachen.« Völlig aggressiv schleudert er eine Flasche gegen die Wand, als seine Mutter ihm keine Antwort, beziehungsweise irgend eine Reaktion auf seine sich anbiedernde Präsenz gibt, denn die alte, exaltiert wirkende Frau starrt lieber auf den Fernseher, in dem längst keine Sendung mehr läuft. Michel hat Personen nötig, die deutlich auf ihn reagieren, die ihn Angst und Furcht wittern lassen. Als Zuschauer fühlt man sich unbestimmterweise durch einen Hauch von Blutgeruch in der Luft angestachelt, kann die Vorgehensweise des höchst zweifelhaften Protagonisten jedoch noch nicht immer ordnen. In der Zwischenzeit plaudern die Heimgesuchten ein wenig aus dem Nähkästchen, charakterisieren den Totgeglaubten zum immer noch völlig roh servierten Verständnis ein wenig, der zu seiner Zeit nur Mörder mit der Goldkette genannt wurde. Die Regie macht es einem nicht gerade leicht, sich von den Personen an die Hand nehmen zu lassen, da sie allesamt nicht als Sympathieträger identifiziert werden können, glitschig und selbst wie schuldige Unschuldige wirken, die auf einer Welle der Verachtung reiten. Regisseur Moati legt Wert darauf, dass dieser nicht vorhandene Unterschied zu Michel nicht (allzu schnell) auszumachen ist, sodass man der Hauptfigur alles zwischen Gut und Böse zutrauen muss, was von Kinskis Aura nur unterstrichen wird. Hin und wieder folgen Szenen, die unappetitlich wirken und auch bleiben, da sie in ihrer Aussage auch manchmal kaum zu begreifen sind. Unterstützt durch teils kryptische aber auch lethargische Dialoge, verfügt dieses phasenweise isoliert wirkende Angebot und Setting zwar stets über Ausstrahlung, gleichzeitig kann es aber strapaziös werden und dem Empfinden nach spröde zugehen. Es ist schließlich besser, wenn man sich als Zuschauer erst gar nicht dazu verleiten lässt, hier irgend jemandem oder irgend etwas zu trauen, da sonst die mystische Spannung verloren gehen würde.

Zwar ist man mit dieser Strategie immer noch auf der völlig unsicheren Seite, allerdings kann so ein trügerisches Gefühl von Sicherheit aufkommen, das einen jedoch immer nur inkonsequent erreichen wird. Im Grunde genommen setzt man sich in einen Waggon, der einen durch ein unübersichtliches Gruselkabinett transportiert. Die Fratzen, die man dort kennenlernt, sind so leicht nicht wieder zu vergessen, animieren jedoch zur Analyse, da man letztlich verstehen will. Diese uneindeutige Reise durch die in vielerlei Hinsicht angeschlagene Psyche der Beteiligten bleibt eine Katze, die sich immer wieder selbst in den Schwanz beißt, da sich Realitätsebenen verschieben. Wenn dann schließlich noch Szenen zwischen Kinski und dem kleinen Mädchen ausgewalzt werden, wird man vor gewisse Schwierigkeiten gestellt, die sich mit konventionellen Sehgewohnheiten beißen. Klaus Kinski wirkt brutal - unterschwellig wie tatsächlich. Sein Handeln als Racheengel will man nicht mittragen, da der Film kein Gerechtigkeitsempfinden besitzt oder transportiert. So erschließt sich hauptsächlich eine Morbidität und Trostlosigkeit, die keinen Zweifel daran lässt, dass man unausweichlich auf eine Katastrophe zusteuert. Es entsteht eine umgekehrte Ästhetik, die besonders in der Bildsprache zum Ausdruck kommt. Der merklich betriebene Aufwand sendet förmlich stumme Schreie ab, kaum zu dechiffrierende Signale und sehr viele beunruhigende Anteile, die in eine permanente Alarmbereitschaft versetzen. Erwähnenswerte Leistungen zeigen Bernard Blier, Marie Dubois und Maurice Ronet, die vor allem durch eine irritierende Untertourigkeit auffallen. "Die Nacht aus Gold" bietet einen verbitterten Blick auf die Bourgeoisie und rechnet im Rahmen von Trugbildern und Irrtümern mit ihr und ihren Helfershelfern ab, die sich naturgemäß für etwas Besseres halten. Am bitteren Ende bleibt so oder so um ein besonderes Filmerlebnis, dessen Perfektion sich aus einem provokanten Anti-Perfektionismus ergibt.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



INVASION


● INVASION (GB|1965)
mit Edward Judd, Yôko Tani, Valerie Gearon, Lyndon Brook, Ric Young, Barry Ingham, Anthony Sharp und Tsai Chin
eine Produktion der Metron Park Studios
ein Film von Alan Bridges

Invasion (1).jpg
Invasion (2).jpg
Invasion (3).jpg
Invasion (4).jpg
Invasion (5).jpg
Invasion (6).jpg
Invasion (7).jpg
Invasion (8).jpg
Invasion (9).jpg

»He's not human!«


In einem kleinen Krankenhaus in der Nähe von London geschehen seltsame Dinge. Als das Opfer eines Verkehrsunfalls (Ric Young) dort eingeliefert wird, steht man nach der Blutanalyse des jungen Mannes vor einem kompletten Rätsel, da dieses Ergebnis allem was man kennt nicht zugeordnet werden kann. Anscheinend hat man es mit einer unbekannten Spezies zu tun, die eine Übernahme durch das heimliche Austauschen bestimmter Personen planen. Nach kürzester Zeit wirken die Angestellten der Klinik wie ein Krisenstab, der das Haus aufgrund eines Kraftfeldes jedoch nicht mehr verlassen kann. Da in den umliegenden Wäldern eine Raumkapsel gefunden wurde, könnte man es tatsächlich mit der feindlichen Übernahme von Aliens zu tun bekommen, doch ist diese Annahme auch plausibel..?

Im Science-Fiction-Universum irren noch zahlreiche Produktionen in weit entfernten Umlaufbahnen umher, die nur auf eine Landung auf der Erde, beziehungsweise in deren Heimkinos warten. Bei Alan Bridges Low-Budget-Beitrag mit dem verheißungsvoll klingenden Titel "Invasion" ist dies zwar bereits geschehen, doch anscheinend verlief diese Ankunft ohne größeres Aufsehen zu verursachen. Wenn man von diesem wirklich charmanten Film keine allzu großen Wunder erwartet, bekommt man eine sehr unterhaltsame, sorgsam konzipierte, aber vor allem exzellent fotografierte Geschichte geboten, welche unterm Strich mit einer besonderen Aura überzeugen wird. Das ganz große Spektakel bleibt unter Bridges' Regie vergleichsweise aus, da hier mehr auf eine engmaschige Atmosphäre der Mystik geachtet wird, die nicht zuletzt wegen ihrer wirklich unheimlichen Sequenzen auffällt. Die sozialkritische Komponente rückt aufgrund der eher in den Fokus gestellten und beinahe kriegsähnlichen Bedrohlichkeit in die hintere Reihe, bleibt jedoch als statisch wirkender, anklagender Unterton zurück. Der Alltag im Krankenhaus ist gekennzeichnet von worcaholic-ähnlichen Zuständen, die das humane Material abnutzen, vielleicht sogar ausbeuten. Zur ihrer Stärke verhilft den Charakteren allerdings ihr Idealismus und der Wunsch, etwas auch über die Mauern dieser Klinik auszurichten. So arbeitet man anscheinend uneigennützig Hand in Hand, um sich zur richtigen Zeit gegen die drohende Invasion - bestehend aus drei asiatisch aussehenden Aliens - stellen zu können. Dieser Film überzeugt mit einer schönen Schwarzweiß-Fotografie, aufregenden Kamera-Einstellungen und nicht zuletzt hochinteressanten Einfällen, die man vielleicht nicht alle Tage serviert bekommt. Die Eindringlinge sind plötzlich da und platzieren sich in eigenartiger Selbstverständlichkeit. Aus dem Nichts greifen sie dabei nach unschuldigen Opfern und tauschen sich kurzerhand selbst gegen sie aus.

Diese einfache aber ebenso beängstigende Strategie verleiht dem Verlauf atemlose Intervalle, in denen man deutlich spürt, dass die Zeit davon läuft. Über die Hintergründe wird erst gar nicht ausladend diskutiert, da es Erklärungen eigentlich auch nicht zwingend braucht. Leider kommen hier und da ein paar xenophobe Tendenzen auf, was hauptsächlich auf das Aussehen der Invasoren zurückzuführen ist, auch wenn es sich hier wahrscheinlich um keine böse Absicht gehandelt hat. Vielmehr liegt die Wahrscheinlichkeit näher, dass man von einem internationalen Cast profitieren wollte, der beispielsweise mit Yôko Tani über eine Interpretin verfügt, der Science-Fiction-Erfahrung nicht fremd war. Ihre zierliche Silhouette und die auffällig geschmeidigen, beinahe fliehenden Bewegungen und Vorgehensweisen, stehen in herbem Kontrast zu ihrer Person, die vielleicht bereit wäre, zum Äußersten zu gehen. Offensichtlich hat sie die Führungsposition inne, doch sie lässt sich in keiner Sekunde durchschauen. Unterstützt durch die auffälligen bis weniger in Erinnerung bleibenden Leistungen von Edward Judd, Valerie Gearon, Lyndon Brook oder Ric Young, kommt es zu einer rastlosen Dynamik in der kleinen Klinik, die nach gewisser Zeit wie ein Käfig wirkt, aus dem es kein Entrinnen mehr geben soll. Interessanterweise ist hier auch noch Tsai Chin in einer ansprechenden Nebenrolle als Krankenschwester zu sehen, die wenig später als sadistische Tochter des "Dr. Fu Man Chu" in der fünfteiligen Reihe durchstarten sollte. Geschichten, die wie feiner Sand wirken, um durch den engen Hals einer Sanduhr hindurch zu kommen, verfügen naturgemäß über ein merkliches Zeitdiktat, das auch hier zu spüren ist und die Story gut über die Ziellinie bringt. Als Unterhaltungsfilm mit ein paar schockierenden und etlichen beunruhigenden Inhalten ist "Invasion" sehr gut konsumierbar und kann insgesamt als kleiner, wenn auch nicht geheimer Tipp unter den B-Science-Fictionern angesehen werden.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



MITTSOMMERNACHT


● MITTSOMMERNACHT (D|1967)
mit Robert Fuller, Ruth Maria Kubitschek, Sieghardt Rupp, Marianne Hoffmann, Anita Höfer,
Liane Hielscher, Ralf Wolter, Edith Hancke, Walter Kohut, Kurt Nachmann sowie Carl Lange
ein Lisa Film | im Gloria Verleih
ein Film von Paul May

Mittsommernacht (1).jpg
Mittsommernacht (2).jpg
Mittsommernacht (3).jpg
Mittsommernacht (5).jpg
Mittsommernacht (7).jpg
Mittsommernacht (6).jpg
Mittsommernacht (4).jpg
Mittsommernacht (8).jpg
Mittsommernacht (9).jpg

»Soll ich vielleicht mit ihm ins Bett steigen, damit er bleibt?«


Der Sägewerkbesitzer und Großbauer Arne Arndahl (Carl Lange) lebt mit seinen zwei Töchtern Christine (Marianne Hoffmann) und Astrid (Liane Hielscher) auf dem abgelegenen Svytelma-Hof. Als ein Knecht eines Tages versucht, Astrid zu vergewaltigen, sie diesen aber vom Hof jagen kann, nimmt Arne die Verfolgung auf und kann im letzten Moment vor einer Bluttat bewahrt werden. Abgehalten durch einen Fremden namens Tore (Robert Fuller), der noch einmal die Gelegenheit bekommen wird, den Großbauern aus einer großen Bedrängnis zu befreien, folgt ihm auf seinen Hof, wo er den Arndahl-Frauen den Kopf verdreht. Nur Karen (Ruth Maria Kubitschek) verfällt dem Charme Tores nicht, da sie seit geraumer Zeit einen anderen Plan verfolgt...

Diese deutsche Produktion aus dem Jahr 1967 wurde unter der Regie von Paul May inszeniert und ist quasi seit Erscheinen wieder in Vergessenheit geraten. Das in Norwegen spielende und der Steiermark gedrehte Drama erinnert alleine wegen seiner Machart und gewisser Inhalte sowie Charaktere an den beinahe zehn Jahre zuvor entstandenen Klassiker "Und ewig singen die Wälder", für den sich der Münchner Regisseur May ebenfalls verantwortlich zeigte. Es ist zu bezweifeln, dass man von Seiten der Produktion an einen ähnlichen Erfolg geglaubt hat, denn dafür passt die Präsentation zu wenig in das Herstellungsjahr 1967 und wirkt mit all seinen Eindrücken, Personen und Kapriolen etwas rückwärtsgewandt, wenngleich das Ergebnis in den Kinos noch zufriedenstellend gewesen sein soll. Wie erwartet, kontert der Film gleich zu Beginn mit einer Vielzahl an imposanten und atmosphärischen Naturaufnahmen, die der US-Amerikaner und Hauptdarsteller Robert Fuller als unbekannter Fremdenführer begleitet. Als sich nach dem Vorspann und mehr als fünf Minuten lang allerdings immer noch keine Richtung oder irgend ein Dialog ergeben hat, kommt es zu seiner unnötigen Stagnation oder schlimmstenfalls Langeweile, die sich dieser Film bestimmt nicht zur Aufgabe machen wollte. Endlich tauchen die ersten intriganten Personen auf und es kommt zu Wortgefechten und Übergriffen, die auf dem Hof dem Vernehmen nach an der Tagesordnung sein sollen. Es rauscht gewaltig, was aber nichts mit den Wäldern zu tun hat, sondern den beteiligten Damen, wie etwa Ruth Maria Kubitschek, die als Haushälterin des Patriarchen und Großbauers Arndahl auf alles Mögliche verzichten könnte, nicht aber auf den Titel einer Großbäuerin, was zur Folge hat, dass sie bei sich jeder bietenden Gelegenheit mit den Töchtern des Hauses aneinander gerät. Diese verblüffende Offenheit der Kubitschek konnte zur damaligen Zeit bereits als Markenzeichen wahrgenommen werden, da es sich um eine der wenigen deutschen Interpretinnen handelte, die es nicht nötig hatte, auf Sympathie-Fischzüge gehen zu müssen.

So bleibt es also nur abzuwarten, ob sie ihre offen zur Schau getragenen Ambitionen gegen den Widerstand der Kontrahentinnen durchbringen kann. Liane Hielscher und Marianne Hoffmann zeigen sich in dieser mit Heu ausstaffierten Arena nicht minder kämpferisch, kratzbürstig, oder angriffslustig, beziehungsweise im schauspielerischen Sinn gut aufgelegt, sodass man in dieser Beziehung wirklich gut unterhalten wird. Bekannte Interpreten wie Carl Lange, Ralf Wolter oder Sieghardt Rupp formvollenden viele Intervalle und Szenen, sodass der bereits zu Beginn vielleicht ein wenig als Fremdkörper identifizierte Robert Fuller - der hier von Hans von Borsody synchronisiert wird - nicht weiter auffällt, bis er am Ende sogar zu den Arbeitserfolgen gezählt werden kann. Die Geschichte bietet viel dramatisch aufgerolltes Potenzial, welches sich unter der Regie und vor allem der Schauspielführung Paul Mays gut entfalten kann. Natürlich bleiben Gedanken nicht aus, dass es sich trotz aller Vorzüge um einen relativ alten Hut handelt, aber die Zeiten der mit viel Theatralik und Spektakel ausgestatteten Heimatfilme war offenbar immer noch nicht ganz vorbei. Tatsächlich lässt dieser Beitrag einige Initialzündungen und überkochende Situationen vermissen, außerdem verliert sich das Szenario zu gerne in ausladenden Sightseeing-Strecken, die zwar immer schön anzusehen sind, den Erzählfluss aber hier und da ungünstig unterbrechen, bis es wieder zum obligatorischen Nervenkitzel aus der Bergwelt kommen kann. Insgesamt präsentiert sich "Mittsommernacht" alles andere als uninteressant und wäre eigentlich prädestiniert für die übliche und immer wiederkehrende sonntägliche Nachmittagsunterhaltung im deutschen Fernsehen gewesen, doch leider erinnert man sich nicht mehr an diesen optisch und darstellerisch intensiven Beitrag, dessen stärkstes Manko sich vielleicht aus einer merklichen Unentschlossenheit in den Bereichen der Stringenz und Individualität ergibt. Ansonsten kann man sich dieses mit Intrigen und Drama angereicherte Berg-Märchen ganz bedenkenlos anschauen.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



WIR - ZWEI


● WIR - ZWEI (D|1970)
mit Sabine Sinjen, Christoph Bantzer, Corny Collins, Ulrich Schamoni, Käthe Jaenicke, Herbert Weissbach sowie Rolf Eden und Blandine Ebinger
eine Produktion der Terra Filmkunst | im Constantin Filmverleih
ein Film von Ulrich Schamoni

Wir-Zwei (1).png
Wir-Zwei (2).png
Wir-Zwei (3).png
Wir-Zwei (4).png
Wir-Zwei (5).png
Wir-Zwei (6).png
Wir-Zwei (7).png
Wir-Zwei (8).png
Wir-Zwei (9).png

»Du bist schöner geworden!«


Nach rund 10 Jahren trifft Andreas (Christoph Bantzer) seine alte Jugendliebe aus Tanzstundenzeiten wieder. Hella (Sabine Sinjen), die mittlerweile mit dem erfolgreichen Berliner Kaufmann Willy Meyer (Ulrich Schamoni) verheiratet ist und Mutter einer kleinen Tochter (Ulrike Schamoni) ist, lässt sich auf das kleine Abenteuer ein, um heraus zu finden, ob sich ein altes Gefühl wiederholen lässt. So lässt sich die in ihrer Ehe unterforderte Frau von dem gut aussehenden Naturwissenschaftler hofieren und gegen ihren Willen erneut beeindrucken, sodass sich eine neue Auflage der alten Liaison ergibt, der jedoch nicht alle Außenstehenden beglückt zusehen. Wo wird diese ungewisse Reise hinführen..?

Der mit dem Prädikat "wertvoll" und einer Drehbuchprämie von 200.000 D-Mark ausgezeichnete Film "Wir - zwei" stellte für den Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Ulrich Schamoni vielleicht eine Art Etappensieg in seiner eigenen Filmografie dar, was sich zunächst auf die Auszeichnungen und allgemeine Beachtung bezieht. Die zeitgenössische Kritik - des deutschen Films aller Couleur offensichtlich vollkommen überdrüssig - kam überwiegend zu dem gleichen Schluss, dass Schamonis Werk eigentlich kein neues Angebot für den Zuschauer gewesen sei, was jedoch alleine schon wegen der Struktur und Inszenierung schnell von der Hand zu weisen ist. "Wir - zwei" kann scheitern, kann langweilen oder irritieren. Andererseits kann diese Geschichte innerhalb ihrer Realitätsverschleppung und mit einem auffällig minimalistischen Prinzip auch unbarmherzig triggern. Lassen sich starke, der Erinnerung nach einzigartige Gefühle wiederholen? Die Antwort auf diese rhetorische Frage wird sich der Zuschauer am Ende des Verlaufs selbst geben können, die von Fall zu Fall aber keineswegs identisch sein muss. Die Geschichte beginnt vollkommen simpel und droht in kürzester Zeit wie ein albernes Berliner Klischee zu wirken, was in dieser Ausarbeitung sogar nicht uninteressant wirkt. Andreas sieht Hella nach 10 Jahren wieder, steigt entschlossen in ein Taxi und fährt ihr schnurstracks nach, auf eine Beerdigung, beziehungsweise in ein Krematorium. Raum, Setting, Zeit und das Leben selbst hindern die beiden nicht daran, die Andeutungen ihrer Liebeserinnerungen wieder hervor zu kramen. Man verabredet sich. Unkonventionell und gleichzeitig so schrecklich bürgerlich. Hella ist verheiratet und lässt ihre Tochter vom Dienst- und Kindermädchen erziehen. Ihr Mann hat eine Rechenmaschine im Kopf, aber auch eine Villa und reagiert nicht auf subtile Hinweise. Andreas wittert leichte Beute, muss seine attraktive Bekanntschaft Marlies nur noch diskret aufs Abstellgleis manövrieren.

Man betrachtet den sich anbahnenden Pas de deux mit Aufmerksamkeit und nach kürzester Zeit sogar mit Vergnügen, obwohl eine einigermaßen intakte Familie auf den Prüfstand gestellt wird. Was bleibt, ist die Verwunderung, aber dem Anschein nach ist diese Achterbahn der Gefühle unberechenbar, wenngleich es Regisseur Ulrich Schamoni flächendeckend mit offensiver Transparenz versucht. Beim Stichwort Verwunderung muss man allerdings auch unweigerlich an Herrn Meyer denken, der den Inbegriff des Spießers darstellt, eingehüllt in weltmännische und völlig liberale Gebärden, außerdem mit progressiven Ansichten jonglierend, obwohl andere Eindrücke dominieren. Ein Kampf gegen jedes Image sozusagen. So versucht er sich als beispiellosen Entwurf zu verkaufen, was eine beinahe provinzielle Großstadt-Attitüde nur entlarvt. Dargestellt von Regisseur Ulrich Schamoni, entstehen bizarre bis authentische Momente, und es ist nicht zu leugnen, dass die Interpretation seiner eigenen Tatsachenberichterstattung sehr überzeugend ausgefallen ist. Überhaupt lebt "Wir - zwei" von überzeugenden darstellerischen Leistungen, die die kleinen großen Momente der Veranstaltung repräsentieren und erst fabrizieren. Das Lebenselixier des Szenarios stellt Sabine Sinjen dar, da sie sehr viel Modellcharakter mitbringt. Hella wird nicht als profanes Objekt der Begierde dargestellt, die beim Hin und Her zweier Männer als Tau endet, an dem empfindlich gezerrt wird, denn für dieses simple Spiel aus der Palette des Liebeskarussells brächte es mindestens die im Titel angekündigten Zwei, aber Ulrich Schamoni bietet letztlich nur das wir über ein Minus an. Hellas ehemaliger und gleichzeitig neuer Verehrer interessiert sich unverblümt für die schöne Frau in den allerbesten Jahren, immerhin sind seinerzeit einige unerfüllte Wünsche zurück geblieben. Gleichzeitig ist sie zu Hause als Frau abgeschrieben, immerhin übernimmt sie nun eine gesellschaftliche Rolle, in der es scheinbar keine Zwischentöne mehr gibt.

Herr Meyer genügt die sich nach außen spiegelnde, aber vermeintliche weil trügerische Idylle, da er eine persönlichen Ziele mit Familie und Wohlstand offenbar erreicht hat. Es wirkt nahezu befremdlich, dass er sich für seine Frau zu freuen scheint, als sie einen neuen Zeitvertreib gefunden hat, oder dass er mit Andreas' Begleitung nackt in die Sauna und den Pool geht. Für den Zuschauer sind diese Indikatoren völlig eindeutig, denn er hat keine amourösen Ziele mehr vor Augen, die es zu erreichen gilt. Andreas nutzt diese emotionale Vakanz im Hause Meyer aus, und das noch nicht einmal schamlos, da es von beiden Seiten quasi zu Einladungen kommt. Fortan zeigt der Verlauf glückliche, intime und prickelnde Momente, die allerdings nicht vital genug wirken, um die Bequemlichkeit aller Beteiligten zu überlagern. In diesem Zusammenhang zeigen sich durch die Bank exzellente bis überraschende Leistungen der Interpreten, vor allem Corny Collins kann sich neben dem erwähnten Trio am meisten profilieren. Die Berlinerin, die dem Empfinden nach mit steigendem Alter immer interessanter wurde, symbolisiert das Schicksal der Zurückgelassenen, die allerdings besser bedient sind, wenn sie den alten Ballast hinter sich lassen. Ungewöhnlich freizügig, aber nicht lasziv, erlebt man eine Corny Collins, die man so nicht alle Tage gesehen hat und zeigt, welches Potenzial in ihr steckt. Erwähnenswert sind des Weiteren die Auftritte von Käthe Jaenicke, Rolf Eden als himself oder Blandine Ebinger in einem ihrer letzten Spielfilme. Am Ende der Geschichte bleibt vielleicht zu wenig zurück, als dass es genug sein könnte, allerdings auch genug, als dass es zu wenig wäre. Hierbei handelt es sich keineswegs um eine globale Unentschlossenheit der Produktion, sondern um der wenigen authentischen und einfachen Geschichten, die bruchstückhaft an die Realität erinnern. Als Fazit bleibt, was jeder insgeheim wusste: Man kann ein Gefühl nicht wiederholen, auch nicht mit einem Produktionsbudget von 700.000 D-Mark. Sehenswert!

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Bild


● DIE BLAUE HAND (D|1967)
mit Harald Leipnitz, Klaus Kinski, Ilse Steppat, Carl Lange, Diana Körner, Hermann Lenschau, Albert Bessler, Gudrun Genest, Ilse Pagé,
Fred Haltiner, Peter Parten, Thomas Danneberg, Harry Riebauer, Otto Czarski, Richard Haller, Heinz Spitzner und Siegfried Schürenberg
ein Rialto Film Preben Philipsen | im Constantin Filmverleih
ein Film von Alfred Voher

Hand1.jpg
Hand2.jpg
Hand3.jpg
Hand4.jpg
Hand5.jpg
Hand6.jpg
Hand7.jpg
Hand8.jpg
Hand9.jpg

»Ich unterhalte mich nicht gerne mit Leuten die Unsinn reden!«


Dave Emerson (Klaus Kinski) wird wegen Mordes angeklagt. Das Gericht erkennt jedoch ein psychologisches Gutachten des Arztes Dr. Mangrove (Carl Lange) an, welches den Angeklagten für unzurechnungsfähig erklärt, sodass Emerson seine Haftstrafe in Mangroves Heilanstalt verbüßen muss. Es dauert nicht lange, bis ihm ein mysteriöser Unbekannter zur Flucht verhilft. In dieser Nacht erreicht der Ausbrecher Schloss Gentry, den nahe gelegenen Familiensitz, doch Duck (Otto Czarski), der Wärter, nimmt die Verfolgung auf, bis er im Inneren des Schlosses von einer unheimlichen Gestalt mit Kapuze ermordet wird. Wenig später treffen Inspektor Craig (Harald Leipnitz) und Sir John (Siegfried Schürenberg) von Scotland Yard ein, doch Dave bleibt verschwunden. Sie treffen lediglich Richard, seinen Zwillingsbruder, und dessen Stiefmutter Lady Emerson (Ilse Steppat) an. Hat der Dave erneut einen Mord begangen? Die Untersuchungen geben zunächst Hinweise auf die Mordwaffe: an einer Rüstung fehlt die sogenannte blaue Hand, ein eisernes Mordwerkzeug, das mit mehreren tödlichen Dolchen versehen ist...

Dieser 23. Beitrag nach Edgar Wallace aus dem Hause Rialto präsentiert sich vollkommen in der Silhouette der üblichen Arbeiten der Domäne von Alfred Vohrer, welche ab 1967 gebräuchlich waren und beinahe einem Fließband glichen. So kann vielleicht gesagt werden, dass mit "Die blaue Hand" der Grundstein für Freibriefe dieser Art gelegt wurde. Markenzeichen dabei ist nicht nur die teils hemmungslose Verspieltheit der Geschichten, sondern auch ein oft auffälliges Abwenden von empfundener Ernsthaftigkeit bei den Inszenierungen. Natürlich ist es relativ zu betrachten, inwieweit die meisten Vorgängerfilme eine Realitätsnähe repräsentieren konnten, doch das modifizierte Konzept erscheint in diesem Zusammenhang schon auffälliger konturiert. Aus heutiger Sicht drohen diese Beiträge im Gesamtkonzept der Reihe mehr oder weniger abzufallen, aber man darf auch nicht vergessen, dass sie hauptsächlich akkurat auf den Zeitgeist abgestimmt wurden. Eine immer wieder erfolgreiche Herangehensweise, denn die immer noch guten Zuschauerzahlen belegen die Beliebtheit der Serie durch diesen immer noch beachtlichen Zuspruch. Die Produktionen von 1967 haben bestimmt alle ihre Stärken, aber es zeigen sich auch verworrene Tendenzen, und das in bedeutendem Ausmaß. "Die blaue Hand" behandelt eine Geschichte, die auf den ersten und sogar auf den zweiten Blick recht interessant wirkt; der Unterhaltungswert ist dabei unbestritten. Das Drehbuch wirkt beim genauen Betrachten allerdings überfrachtet, dass unglaubwürdige Phasen im Endeffekt nicht ausbleiben werden. Die zahlreichen Kehrtwendungen, Effekte und Verstrickungen in Nebenhandlungen können insgesamt nicht über die Herkömmlichkeit dieses Falls hinwegtäuschen und im Farbfilm-Bereich gibt es schließlich Beiträge, die die Nase deutlich vorn haben. Wallace-Filme im Ganzen, das bedeutet der eigenen Impulsivität und den persönlichen Präferenzen auch einmal ungeniert freien Lauf zu lassen, denn es ist für jeden Geschmack etwas dabei. Auch die Regie scheint diesen Luxus in Anspruch zu nehmen, denn der Bearbeitungsstil wirkt zwar insgesamt recht klassisch, doch in Phasen ebenso stürmisch, sodass es zu zahlreichen Gedankensprüngen kommt, die den Verlauf nicht immer in ein nachvollziehbares Licht rücken, insbesondere im sehnlichst erwarteten Finale dieser Veranstaltung.

Viele der hier ins Rennen geschickten Personen provozieren den Zuschauer richtiggehend durch ihr unmotiviertes Handeln und auch die Bindungen untereinander bleiben gewollt diffus, um ein möglichst beeindruckendes Finale präsentieren zu können, das wie erwähnt nicht immer schlüssig bleiben wird. Harald Leipnitz sieht man in seinem dritten und gleichzeitig letzten Auftritt. Seine Interpretationen haben die Reihe bereichern können, da seine Darbietungen sich immer eine Spur von der Konkurrenz abheben wollten, bestenfalls auch konnte. Sein sachlicher und beinahe leidenschaftsloser Stil kann als sein Markenzeichen angesehen werden und seine Ermittler waren nicht primär auf Sympathie-Fischzug oder Happy-End-Veranstaltungen angelegt. Da die Suche nach einer Partnerin in diesem Zusammenhang längst nicht mehr en vogue war, sieht man ihn als klassischen Einzelgänger, der es oftmals sogar nicht für nötig hält, seinen eigenen Chef von diversen Eigenmächtigkeiten zu unterrichten. Inspektor Craig hält sich nicht mit zeitraubenden Höflichkeiten oder Plänkeleien auf, und diese direkte Art lässt die Kontrahenten spüren, dass ihnen seine Hand bereits im Nacken sitzt. Klaus Kinski staffiert das Szenario gleich mit einer Doppelrolle aus, die allerdings wenig doppelbödig angelegt ist. Sehr schade hierbei ist, dass das Potential seiner langjährigen Serien-Erfahrung nicht im Entferntesten genutzt werden konnte. Wie oft gab er in seinen meist zwielichtigen Parts den Verrückten, den Irren oder den Aggressor, dem man schließlich alles hätte zutrauen wollen, doch hier wirkt er für seine Verhältnisse etwas zu zahm, zu greifbar und berechenbar. Nichtsdestotrotz scheint der hier verfügbare Klaus Kinski im Schutzgriff eines Allround-Drehbuches aber alles andere als uninteressant zu sein. Auch die Metamorphose vom vermeintlich Wahnsinnigen zum Co-Ermittler nimmt man ihm schließlich gerne und sogar mit leichtem Erstaunen ab. Die Interaktion mit Inspektor Craig und Sir John wirkt sehr ausgefeilt und es wird sogar etwas Raum für gelungene humoristische Untertöne geschaffen, die über die Projektionsfläche Sir John wie ein Uhrwerk laufen wird, denn Siegfried Schürenberg arbeitete sich schließlich zu einer der verlässlichsten Größen der kompletten Reihe hervor.

Eine der wichtigsten Gastrollen übernimmt abwechslungsweise und einmalig Diana Körner, die hier in ihrer ersten Kinorolle überzeugen kann. In den Titel-Credits wurde ihr Name zwar zugunsten der arrivierten Stars ziemlich nach hinten gereicht, aber faktisch und im klassischen Wallace-Sinn interpretiert sie die weibliche Hauptrolle. Die Anlegung des Charakters Myrna läuft erneut über das Bedrohte-Schönheit-Prinzip ab, allerdings steuert Diana Körner sehr angenehme Facetten bei, die sich entscheidend von vielen ihrer Kolleginnen unterscheiden. Überhaupt schildert der Verlauf eine wahrhaft strapaziös wirkende Angelegenheit für die junge Interpretin, die sich nicht nur mit dem unheimlichen Kapuzenmann herumschlagen muss, sondern auch mit Ratten, Würgeschlangen, Geisteskranken und einem dazu passenden Psychiater, der von Carl Lange eine bemerkenswert manipulative und abstoßende Gestalt bekommt. Dr. Mangrove steht offensichtlich hinter all den Verbrechen, doch auch er handelt lediglich im Auftrag eines Drahtziehers im Hintergrund, den er nur den »Boss« nennt. Womöglich sieht man den Flensburger in seinem besten Wallace-Auftritt, was sich auch von Ilse Steppat sagen lässt, die hier noch einmal etwas mehr Raum für ihre unverwechselbare Art und Interpretationsgabe geschaffen bekommt. Wie üblich ist auch ihre Lady Emerson nicht gerade die sympathischste Erscheinung. So ist zu erahnen, dass sie eine zu vertuschende Vergangenheit hat, sodass man gleich spekulativ auf diverse Abgründe blickt, die hier und dort auftauchen könnten. Wieder einmal erteilt Ilse Steppat eine Gratis-Lehrstunde in Sachen Gestik, Mimik und diffuser Angriffslust; besonders auffällig wirkt erneut ihre hypertone Körperhaltung, die immer dann auffällt, wenn sie sich plötzlich in die Enge getrieben fühlt, was in dieser Geschichte ziemlich oft vorkommen wird. Immer dann, wenn sie ihre Augen zusammenpitscht und ihre giftige Stimme erhebt, transportiert sie nervöse und sogar leicht hysterische Züge. Ein großartiger Präzisionsauftritt der feuerroten Interpretin. In weiteren Rollen fallen Gudrun Genest als resolute Krankenschwester, Albert Bessler als dubioser Butler und Ilse Pagé als verführerische Miss Finley auf, ohnehin ist die Geschichte bis in die kleinsten Rollen hervorragend besetzt.

"Die blaue Hand" ist eines der letzten wirklichen Verbindungsglieder zu urtypischen Edgar-Wallace-Verfilmungen, denn in den Bereichen Wiedererkennungswert und Grundstimmung arbeitet die Regie recht klassische Elemente heraus. Insbesondere die düstere, teils beklemmende Atmosphäre vermag hier noch einmal deutliche Akzente zu setzen, die selbst unkonventionelle Komponenten des Films in ihre Schranken verweisen. Auch diese Geschichte hatte angesichts des Produktionsjahres nicht vor, den Märchen-Charakter vollkommen abzulegen, sodass es zwar zu einer eingängigen Erzählung kommt, sich das Ganze aber nicht permanent aus dem Bereich des Möglichen anbieten wird. Leider lässt das straffe Erzähltempo im letzten Drittel des Films etwas nach und es kommen viel zu viele Auswüchse des Drehbuches zum Vorschein, die in aller Schnelle nicht geordnet werden können. Man kann es Verspieltheit nennen oder angesichts der so gut wie ausgeschöpften Möglichkeiten sogar Verzweiflung, doch Alfred Vohrer hat das Rad mit dieser Strategie nicht mehr neu erfinden können. Etliche Stilmittel wirken für heutige Begriffe nahezu überdreht und sogar weitgehend unangebracht. Die besagte atmosphärische Dichte setzt sich aus bewährten Stilmitteln zusammen: überdurchschnittlich viele Sequenzen spielen sich in dunkler oder nächtlicher Atmosphäre ab, Licht- und Schattenspiele bündeln ihre furchteinflößende Kraft. Ein altes Schloss, das Katakomben mit kostenpflichtigen Geheimgängen, Rüstungen und Skeletten in rätselhaften Räumen besitzt, in denen die Schlossbewohner durch Phantome beobachtet werden, sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert und Geheimnisse. Hinzu kommt eine Irrenanstalt, die wie eine Ausgeburt der schlimmsten Alpträume wirkt, da ihre Räumlichkeiten so schäbig sind, dass sie insgesamt einen schönen Kontrast zur relativ guten Ausstattung darstellen. Passend dazu wirken die alternativen Klänge von Martin Böttcher, die noch nicht einmal konträr zum guten Ton der vielen Filme stehen, sondern dies im Bezug auf die geläufigen Töne des Komponisten selbst tun. Das große, ohne viele übrig gebliebene Verdächtige Finale wirkt wie ein Rundumschlag der eigensinnigsten Sorte und drückt dem Geschehen leider den finalen Stempel auf, dass alles ein wenig zu sehr konstruiert war. Insgesamt wird man jedoch von einem hohen Unterhaltungswert gepackt und letztlich kassiert, sodass sich dieser gute bis durchschnittliche Wallace im gehobenen Mittelfeld platzieren kann.

► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 2002
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Florinda Bolkan

SPUREN AUF DEM MOND


● LE ORME / SPUREN AUF DEM MOND (I|1975)
mit Peter McEnery, Ida Galli, Nicoletta Elmi, Caterina Boratto, John Karlsen, Rosita Torosh, Miriam Acevedo
Luigi Antonio Guerra, Feridun Çölgeçen, Franco Mango, Esmeralda Ruspoli sowie Klaus Kinski und Lila Kedrova
eine Produktion der Cinemarte
ein Film von Luigi Bazzoni

Spuren1.JPG
Spuren2.JPG
Spuren4.JPG
Spuren3.JPG
Spuren.jpg
Spuren6.JPG
Spuren7.JPG
Spuren5.JPG
Spuren9.JPG

»Ich bin noch niemals hier gewesen. Niemals!«


Die Übersetzerin Alice (Florinda Bolkan) wacht eines Morgens auf und beginnt ihren Tag ganz normal mit der Arbeit. Wenig später stellt sich jedoch heraus, dass sie einen Abgabetermin versäumt und sich vor Tagen unentschuldigt vom Arbeitsplatz entfernt hat. Alice ist vollkommen verwirrt, aber es scheinen tatsächlich 72 Stunden aus ihrem Gedächtnis gelöscht zu sein. Das einzige, woran sie sich erinnern kann, ist ein bizarrer Traum über einen zurückgelassenen Mann in einer Raumstation auf dem Mond. Merkwürdige Anhaltspunkte zeigen sich im Tagesverlauf, so auch eine Postkarte eines Hotels auf Garma, wo sie schließlich kurzentschlossen hinreist. Zu ihrer Verwirrung wird sie dort von mehreren ihr unbekannten Personen als eine Frau namens Nicole identifiziert, die angeblich vor mehreren Tagen dort gewesen sei...

»Das Experiment hat begonnen!« Als dieser frühe Satz fällt, hört es sich zunächst so an, als sei er lediglich auf die Handlung und die damit verbundenen Personen in "Spuren auf dem Mond" bezogen. Interessanterweise stellt sich im weiteren Verlauf jedoch heraus, dass es sich um eine ultimative Ankündigung, vielleicht sogar eine regelrechte Kampfansage für den Zuschauer handelt. Luigi Bazzoni macht alles, was zu seinem Film gehört, zum Gegenstand eines Experiments, was sich zweifellos auch auf diejenigen übertragen lässt, die damit beschäftigt sind, diesen komplexen, verwirrenden, aber gleichermaßen hoch interessanten Beitrag zu ordnen. Die Frage nach Ursache und Wirkung dominiert das Geschehen, auch der ständige Impuls, entschlüsseln, verstehen und deuten zu wollen, erweist sich als Basis für dieses so unerhört elegant wirkende Mosaik, dessen Zusammensetzung dem Empfinden nach manchmal fast über die Grenzen des Machbaren hinausgeht. Die zentrale Figur des Geschehens ist die Simultandolmetscherin Alice Cespi, die den Verlauf unausweichlich dominieren wird. Als sie eines Morgens aufwacht, stellt sich nach und nach heraus, dass ihr unerklärlicherweise drei komplette Tage in der Erinnerung fehlen, die plötzlich aus ihrem Gedächtnis gelöscht sind. Vom Eindruck her hat man es mit einer gefasst wirkenden, pragmatisch veranlagten Frau zu tun, doch es werden Personen ihres Umfeldes sein, die andere Facetten reflektieren. Ob Arbeitskollegin, Vorgesetzte oder eine Freundin - das Bild fängt an zu bröckeln. So soll Alice während einer Übersetzung ohne Angabe von Gründen fluchtartig den Arbeitsplatz verlassen haben. Auch ihre eigenen Aussagen zeichnen eine Person mit massiven Versagensängsten, die sich in erster Linie mit ihrer Tätigkeit als Kabinendolmetscherin in Verbindung bringen lässt, die eine hohe physische und psychische Belastung darstellt.

Der Fachterminus Décalage, der aus dem Bereich des Simultandolmetschens stammt, lässt sich spielend auf ihren Alltag und die jetzige Situation übertragen. Gemeint sind die Verschiebungen in ihrer eigenen Realität, die Diskrepanz zwischen Illusion und Wirklichkeit, die Unterschiede in der Eigen- und Fremdwahrnehmung, sowie die Differenzen im Rahmen ihrer mentalen Verfassung. Es fällt schließlich der Begriff »Perfektionsbesessenheit«, der bei dem Blick auf diese Frau möglicherweise einen bevorstehenden Kollaps impliziert. Oder ist es längst schon so weit gewesen? Kippt Alice schlicht und einfach unter den hohen Anforderungen einer unerbittlichen Gesellschaft um? Ist sie möglicherweise ein Opfer ihrer selbst? Die Geschichte verweigert hierzu sämtliche Erklärungen und ein ausladender Verlauf schildert den mühsamen Aufschluss dieser rätselhaften Angelegenheit, der dem Zusammentragen eines Scherbenhaufens gleichkommt. Beim Ordnen der Lage bleibt die Erinnerung an die im Vorspann gezeigten Bilder vom Mond, die so vollkommen konträr zur sich aufbauenden Handlung stehen. Als die Protagonistin im Gespräch mit einer Kollegin selbst die gedankliche Brücke zu diesen Eindrücken und dem Titel von Luigi Bazzonis Film schlägt, wird man hellhörig und ist an jeder kleinsten Information interessiert. Irritiert nimmt man die Erklärungen über einen Film zur Kenntnis, den Alice vor vielen Jahren gesehen hatte und der den Titel "Spuren auf dem Mond" trug. Dieser soll nach eigenen Angaben so strapaziös und beängstigend gewesen sein, dass sie ihn seinerzeit nicht durchstehen konnte, doch mittlerweile sind diese Bruchstücke der Erinnerung wieder Gegenstand ihrer Träume. Für den Moment sind die außerirdischen Szenen damit zwar noch nicht erklärt, aber zumindest gerechtfertigt und es baut sich eine massive Getriebenheit von Alice auf, die die aufklärende Funktion selbst in die Hand nehmen wird.

Das Szenario geht ein interessantes Wechselspiel mit Florinda Bolkan ein. Einerseits dominiert die Brasilianerin das Geschehen sehr intensiv, um im Wechsel jedoch von den Rahmenbedingungen dominiert zu werden. Diese Maßnahme erweist sich immer mehr als treibende Kraft, denn Zweifel werden geschürt, um sie unmittelbar im Anschluss wieder zu verwerfen, bis sie in mehrfacher Potenz wieder auftauchen können. Dem Zuschauer ist unklar, ob man den Augen von Alice trauen kann, ob man ihre Gedanken und Recherchen für bare Münze nehmen sollte, ob sie Opfer eines doppelten Spiels wurde, oder ob sie einfach nur Schimären nachjagt. Je konsequenter die verwirrenden Elemente aufgebäumt werden, desto fraglicher wird die Plausibilität des Ganzen. Betrachtet man die Mitte 30jährige Frau, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Folgen ihres unzumutbaren Lebenswandels handelt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es sich um einen klassischen Fall eines ausschweifenden Lebens handelt; eher das Gegenteil ist der Fall. Die Aufopferung für den Beruf brennt die ohnehin angeschlagene Frau aus. Kontakte, Gespräche und Alltag scheinen ausschließlich nur noch mit der Arbeit zu tun zu haben. Schlafstörungen und Erschöpfungszustände lassen Tablettenkonsum folgen, der allerdings nur darauf angelegt ist, die temporären Symptome zu kaschieren. Alice ist einsam und wirkt dementsprechend isoliert. In jeder Szene, in der sie vor einem Spiegel steht, kommt es zu deutlichen Gewissheiten. Sie schaut sich nicht an, sondern sieht durch sich durch und nicht das, was mit ihr passiert. Immer wieder schießen die Fragmente ihres Alptraums ein, die eine Art Kontrollzentrum und die mysteriösen Szenen vom Mond zeigen. Nach dieser auffällig intensiven Vorstellung der Hauptperson werden weitere Schritte von der Regie eingeleitet, die die Geschichte beinahe behutsam vorantreiben.

Eher beiläufig tauchen mehrere Indizien für die Eigenartigkeit der Situation auf, die allerdings nur aufgrund der Verwunderung von Alice ins Gewicht fallen. Ein verschwundener Ohrring, die zerrissene Postkarte eines Hotels, ein nicht zu identifizierendes gelbes Kleid mit Blutflecken darauf oder anonyme Anrufe, bis hin zu der unerklärlichen Tatsache, dass sie das Datum nicht weiß und ihr ganz offensichtlich 72 Stunden im Gedächtnis fehlen. Ein oberflächlicher Blick durch Alices Wohnung zeigt, dass sie offenbar recht gut situiert ist, dass es ihr materiell an nichts zu fehlen scheint. Dennoch wirkt die mittlerweile beunruhigte Frau unglücklich und mental ausgebrannt. Florinda Bolkan hat in Luigi Bazzonis Film sozusagen die darstellerischen Hoheitsrechte, denn keine Rolle kann ihr vom Umfang, aber auch von der präzisen Zeichnung her das Wasser reichen. Sie verbindet eine eigenartige Ruhe mit verborgener Hysterie, die ihre greifbaren Spitzen immer nur in Momenten der absoluten Verwirrung oder Verzweiflung erfährt. Ihr subtiles, abwartendes, beinahe hinhaltendes Schauspiel tut höchsten Ansprüchen Genüge, eben genau denjenigen, die der Film sich offenbar selbst gesetzt hat. Bolkan gewährt wenige Momente der Transparenz. Obwohl man als Zuschauer ihre zeitlich sehr begrenzte Amnesie teilen muss, fällt es aufgrund des hohen Distanzaufbaus ihrerseits entsprechend schwer, sich mit dieser Dame zu solidarisieren, auch wenn man in vielerlei Hinsicht dazu gezwungen wird. Florinda Bolkans hochklassige Leistung veredelt den Film in einer Weise, die absolut notwendig für das Funktionieren dieser Geschichte ist. Man folgt ihr zwar, aber nur unter Vorbehalten, man möchte ihr glauben, doch es ist kaum zu ignorieren, dass diffuse Zweifel an ihrer dramaturgischen Integrität bestehen. Eine hoch komplexe Anlegung der Rolle und die hervorragende Lösung dieser schwierigen Anforderung lassen einen jedoch buchstäblich den Hut vor ihr ziehen.

Da immer mehr Bruchstücke der Erinnerung auftauchen, begibt sich Alice auf eine Reise nach Garma und dies geschieht mit einer Zielstrebigkeit, die etwa vergleichbar mit der Anziehungskraft des Erdtrabanten auf Mondsüchtige ist. Dem Zuschauer und der Protagonistin ist klar, dass es sich um keinen Erholungsurlaub handeln wird. Zur allgemeinen Verwunderung scheint man die Frau dort tatsächlich zu kennen, doch eigenartigerweise wird sie von allen als Nicole identifiziert. Der Startschuss ist gegeben; immer mehr Bruchstücke der Erinnerung kehren zurück und die Aufarbeitung des unbekannten Elements, das auch gleichzeitig für Unbehagen, Gefahr und Angst steht, nimmt unberechenbare Züge an. Alices Albtraum reist in Form des Prototypen für beängstigende Eindrücke in persona von Klaus Kinski als Professor Blackmann mit, der die Intensität seines Auftritts im Rahmen kurzer Szenen bis ins Unerträgliche bündeln kann. Diese einschießenden Bilder in Schwarzweiß zeigen das Phantom mit Gesicht in demonstrativer Bedrohlichkeit. Er gibt stakkatoartige Anweisungen und Kinski delegiert ein im Dunkeln liegendes Element äußerst eindringlich, sodass ein großartiger Gesamteindruck zurückbleibt und er folglich permanent wie ein stahlblauer Schatten über der Protagonistin schwebt. Ohnehin tauchen fast ausschließlich Charaktere auf, deren Verhalten und Beweggründe nicht zu ordnen sind. Die Hauptattraktion in diesem Zusammenhang ist Kinderstar Nicoletta Elmi, deren Aura in gewissen Szenen kaum zu ertragen ist. Auch sie spricht Alice mit dem Namen Nicole an und behauptet, dass sie bereits vor Tagen vor Ort gewesen sei, wie es etliche andere Personen übrigens auch tun. Dem Mädchen wird allerdings nachgesagt, dass sie eine Neigung für Fantasiegeschichten habe, was die Verwirrung wie eine Platte wirken lässt, die einen Sprung hat, da sie immer und immer wiederkehrt.

Auf Alice bezogen, baut sich dem Empfinden nach eine Doppelrolle auf, die allerdings jeweils keine wirkliche Identität herzugeben weiß. Zusätzlich wird eine Art Plausibilitätsprinzip permanent hergestellt, um es im selben Moment wieder zu unterwandern. Dieses Hin und her wirkt überaus zermürbend und stellt den Optimismus auf eine harte Probe, denn ein Zweifel wird ausgeräumt, damit der nächste wie ein giftiger Pilz aus dem Boden schießen kann. Die Geschichte beschäftigt den Zuschauer mit einer strapaziösen Mehrfachanforderung, die ihn im übertragenen Sinne mit Alice auf eine Stufe stellt. Auch sie ist momentan, aber vor allem angesichts der hohen Erwartungen ihres Berufs, permanent mit einer Vielzahl an unterschiedlichen und schnell hintereinander einschießenden Reizen konfrontiert, die ab einem gewissen Zeitpunkt in keine Struktur mehr zu bringen sind. Vollkommen konträr dazu steht jedoch die Inszenierung, die trotz allem linear, geordnet und strukturiert wirkt. Zudem irritiert sie mit einer unerklärlichen Ruhe, die dem Gesamtbild kaum entsprechen möchte. Versehen mit vielen, im Verborgenen liegenden Botschaften, bietet Luigi Bazzoni insgesamt Kognitionskino auf allerhöchstem Niveau an. Ein gutes, aber auch eines der vielen Beispiele ist das Bild eines Pfaus, den man in mehreren Einstellungen auf einem großen Bleiglasfenster zu sehen bekommt. Aufgrund der Symbolik Unsterblichkeit und Stolz, wartet man in diesem Setting förmlich auf des Rätsels Lösung oder sogar auf einen Showdown, der jedoch in weiser Voraussicht in erschreckender Fa­çon bis zum beeindruckenden Finale aufgespart wurde. "Spuren auf dem Mond" präsentiert sich insgesamt als formvollendetes Gesamtpaket, bei dem höchstens seine zu ausladende Strategie zu bemängeln wäre. Einen solch minutiös geplanten und durchgeführten Aufbau bekommt man sicherlich nicht alle Tage zu sehen.

Im Szenario kann es effektiv oder eher naturgemäß niemand anderen geben als Florinda Bolkan. Dennoch runden sehr gelungene Auftritte von Peter McEnery, mit dem man gleichermaßen Rätsel und Lösungen erleben wird; Ida Galli, die entsprechend ihres reservierten Profils agiert und Lila Kedrova in einer darstellerischen und hoch wirkungsvollen Präzisionsleistung, das Geschehen bemerkenswert professionell ab. Zwischen all dem sich aufbäumenden, leisen Chaos, schmeichelt die Kamera mit unheimlich schönen Bildkompositionen, stilechten Schauplätzen, begleitenden Details und hochwertigen Sets, die im Ganzen eine beeindruckende Eleganz verleihen. In diesem Zusammenhang fällt die besondere Struktur des Gezeigten auf, die sich auch durch hartnäckige Antagonisten wie beispielsweise psychologische Unruhe, den Rand der Verzweiflung oder getriebene Hektik nicht aufheben lässt. Bei Luigi Bazzonis "Spuren auf dem Mond" bleiben erlesene Eindrücke zurück, die den Zuschauer beschäftigen, in ihm nachwirken und ihn fordern, aber auch die Frage nach der eigentlichen Botschaft. Der Verlauf offeriert eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten, die das breite Spektrum der menschlichen Psyche hergibt. Traum und Trauma, Wahn und Realität, Sehnsucht und Abwehrmechanismen, Ursache und Wirkung, Beklemmung und Befreiung; die Liste ist lang. Da der Film sich auf alternativ angelegten und eher ungewöhnlichen Ebenen anbietet und so gut wie ganz auf zeitgemäßes Spektakel oder plakative Inhalte verzichtet, ist es wahrscheinlich, dass die über weite Strecken ruhige Gangart nicht jeden begeistern dürfte. Das Geheimnis des Erfolges liegt jedoch genau in dieser himmelschreienden Ruhe, unruhig machenden Diskretion und herauszögernden Strategie. Alles in Allem konnte "Le orme" einen exzellenten Eindruck hinterlassen; nicht zuletzt, weil ein Mysterium aufrecht erhalten wird.

► Text zeigen

Antworten