DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Kurze und/oder lange Kommentare oder Reviews zu den von euch gesehenen Filmen.
Antworten
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



Bild


Als ich damals mein Filmtagebuch am 19.07.2013 im alten Dirty-Pictures-Forum eröffnet hatte, erläuterte der einführende Satz, dass ich bei diesem Thema nur schwer widerstehen könne, was sich bis heute nicht geändert hat. Themen neu aufzuwärmen, einen gewissen Umfang wieder herstellen zu wollen und wieder von ganz vorne anzufangen klingt im ersten Impuls nicht nur witzlos, sondern es fühlt sich tatsächlich so an. Dennoch weiß zumindest ich sehr genau, dass mir dieses Nachschlagewerk auf Dauer bestimmt fehlen würde. Welche Filme haben einen temporär bewegt, animiert oder gelangweilt, oder welche Schauspieler_innen waren gerade en vogue, konnten dazu bewegen, alles Mögliche mit ihnen anzuschauen, und was hat man sich nötiger- und unnötigerweise zugelegt, was konnte wie eine Bombe einschlagen, womit hätte man in diesem Leben nicht mehr gerechnet oder was ist gnadenlos gefloppt? All diese Eindrücke waren auf einen klick verfügbar und das sollen sie auch wieder sein, wenn auch in modifizierter Form.

PF.jpg

In diesem Fall soll allerdings nur wieder eine lose Sammlung entstehen und vielleicht fallen mir nach so vielen Jahren der Filmleidenschaft noch einige Geschichten und alte Eindrücke von anno dazumal oder aktuelle Runs ein, die hier dann ebenfalls einen Platz finden können. Natürlich wird es bei einer derartigen Reanimation dieses bereits dagewesenen Tagebuchs vermutlich zu Wiederholungen oder auch dem ein oder anderen Déjà-Vu kommen, aber es gibt schließlich Filme und Serien, die ich mir immer wieder anschaue. Wie der jeweilige toast of today, beziehungsweise eher yesterday aussieht, konnte ich noch nie mit Bestimmtheit sagen, da das Thema Film etwas ziemlich Sprunghaftes und Unberechenbares für mich ist, bei dem im Vorfeld nicht immer ganz klar ist, was morgen oder übermorgen kommen mag. Klar ist nur, dass etwas kommt. So braucht es nur irgend einen Anstoß oder irgend einen Impuls, nur keinen Stapel, der abgearbeitet werden muss. So bin ich mir sicher, dass sich auch dieses Tagebuch irgendwie wieder füllen wird...

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



Bild


● DIE BANDE DES SCHRECKENS (D|1960)
mit Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Fritz Rasp, Karin Kernke, Dieter Eppler, Ulrich Beiger, Ernst Fritz Fürbringer, Eddi Arent,
Karl Georg Saebisch, Alf Marholm, Günther Hauer, Otto Collin, Karl-Heinz Peters, Marga Maasberg und Elisabeth Flickenschildt
ein Rialto Film Preben Philipsen | im Constantin Filmverleih
ein Film von Harald Reinl

Bande1.png
Bande2.png
Bande3.png
Bande4.png
Bande5.png
Bande6.png
Bande7.png
Bande8.png
Bande9.png

»Ich wette dagegen!«


Der seit Jahren gesuchte Betrüger und Fälscher Clay Shelton (Otto Collin) erschießt bei seiner Verhaftung einen Polizisten und wird wegen Mordes zum Tode verurteilt. Vor seiner Hinrichtung schwört er allen, die an seiner Verurteilung beteiligt waren, dass sie einem baldigen Tod entgegensehen werden. Wenig später wird ein Mordanschlag auf Inspektor Long (Joachim Fuchsberger) verübt, welcher maßgeblich an der Verhaftung Sheltons beteiligt war. Anschließend kommen der Staatsanwalt, Henker und Richter unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben, sodass Long tatsächlich davon ausgehen muss, dass sich Sheltons Prophezeiungen bewahrheiten. Als man dessen Grab öffnet, um die endgültige Gewissheit zu haben, dass er auch wirklich tot ist, findet man in seinem Sarg lediglich Backsteine und eine Todesliste, die darüber Aufschluss gibt, wen es als nächsten erwischen soll...

Im noch frühen Stadium der erstaunlich gut angelaufenen Edgar-Wallace-Reihe sollte es Harald Reinl sein, der als erster Regisseur zum zweiten Mal den Zuschlag bekam, ein neues Wallace-Abenteuer inszenieren zu können. Mit "Die Bande des Schreckens" gelang es dem Österreicher, einen ebenso guten, wenn nicht sogar noch spannenderen Film als "Der Frosch mit der Maske" zu kreieren, und es ist deutlich wahrzunehmen, dass sich die Serie von Film zu Film weiter entwickelte. Diese 1960 entstandene Produktion konnte den bisherigen Zuschauerrekord von gut über 3 Millionen Zuschauern übertreffen und bedient sich neuer Fragmente, die bislang noch nicht exponiert in Erscheinung getreten waren. So zeigen sich nicht nur ausgeprägte Grusel-Elemente, sondern auch Spuren von leichtem Horror, der insbesondere in den Szenen auftritt, in denen ein Hingerichteter seinen potenziellen Opfern die Galgenhand entgegenstreckt. Unter Betrachtung der bisherigen Zuschauerzahlen zeigt sich eindeutig, dass die damaligen Kinogänger ein prinzipielles Interesse an der Materie in neuer Fasson hatten, es aber auch ausschlaggebend war, wie und von wem der jeweilige Film inszeniert wurde. In der Geschichte rund um "Die Bande des Schreckens" geht schließlich rapide das Gerücht umher, dass eine Leiche ihr rachsüchtiges Unwesen treiben könnte, mindestens aber einige Helfershelfer, deren Identität oft nur zu erahnen aber nicht vollkommen auszumachen ist. Auch ohne die bestehenden Fakten oder Zahlen stellt sich binnen kürzester Zeit heraus, dass man es auch über die Grenzen der Reihe hinaus mit einem Krimi-Klassiker zu tun hat, der sich in allen wichtigen Bereichen mühelos profilieren kann. So provoziert die Regie immer wieder mit für damalige Verhältnisse drastischen Szenen, die nicht nur für Nervenkitzel sondern auch für breit angelegte Spannung zu sorgen wissen, die sich in den richtigen Momenten mobilisiert und hochschaukelt.

Die Finessen ergeben sich weiterhin aus der Tatsache, dass hier eine originelle Story zugrunde liegt, die jederzeit Verwirrung stiften und für Überraschungen sorgen kann. Insbesondere der übernatürliche Touch der Angelegenheit ist maßgeblich daran beteiligt, dass das Publikum hin und her gerissen ist zwischen der gedanklichen Verurteilung oder Rehabilitation bestimmter Charaktere. Als pragmatisch denkender und aufmerksam folgender Krimi-Fan hält man es natürlich für ausgeschlossen, dass ein Toter den selbsternannten Rache-Engel spielen könnte, obwohl Shelton auch nach seinem Tod immer wieder auftaucht und es einem sanfte Schauer über den Rücken treibt. überhaupt ist die Figur des Clay Shelton überaus interessant und kann trotz der überaus kurzen Auftrittsdauer aus dem Off überzeugen, da sein Fluch wie ein Schatten über dem Szenario liegt. Seine Todesankündigungen wirken verheißungsvoll und es erscheint gleichzeitig sehr plausibel, dass die Köpfe der verurteilten Personen rollen werden. Pikant bei diesem undurchsichtigen Thema ist, dass die ermittelnde Figur in persona eines agilen Joachim Fuchsberger ebenfalls auf dieser Liste steht, somit von Anfang an das Epizentrum der Gefahren gerückt wird. Fuchsberger ist hier in seinem bereits zweiten Wallace-Auftritt zu sehen und er macht daraus vielleicht einen seiner überzeugendsten. Dabei hat der junge Polizist an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen: Gegen die geisterhafte Shelton-Maschinerie, gegen die Wünsche seines Vaters, dessen Stammbaum seiner Ansicht nach viel zu würdevoll ist, um diese Voraussetzungen bei Scotland Yard zu verschwenden, und er muss schließlich noch um die Gunst von Nora Sanders und dafür kämpfen, dass sie der schrecklichen Bande nicht in die Hände fällt. Aus wenigen Fragmenten der Story werden nach und nach gut nachvollziehbare und geschickt ineinander überfließende Handlungsstränge, die exzellent von den Schauspielern, aber vor allem den Damen getragen werden.

Karin Dor, damalige Ehefrau des Regisseurs und in ihrem Wallace-Debüt zu sehen, passt sich der düsteren Anforderung in Perfektion an, indem sie daran arbeitet, deutliche Kontraste herauszuarbeiten. Ihre Anmut ist auffällig, ihre Attraktivität sowieso, und sie steht für unberührte Tugenden und Werte, die der Gefahr ausgesetzt sind, vergiftet zu werden. Karin Dor bewegt sich überaus sicher auf diesem Parkett mit doppeltem Boden und demonstriert bereits hier in aller verfügbaren Leichtfüßigkeit, warum sie zur Stil-Ikone für die Welle deutscher Kriminalfilme wurde. Ihre Nora Sanders stellt dabei eine Art Melange der Frau von damals und morgen dar, da sie einerseits das übliche Rollenbild verkörpert, andererseits aber auch für sich selbst sorgen kann, indem sie arbeitet und sich ein Stück weit von Korsetts der damaligen Gesellschaft frei macht. Kein Wunder also, dass sich Inspektor Longs Interesse bei der modern und vollkommen aufrichtig wirkenden jungen Dame verankern kann. Für völlig andere Eindrücke sorgt die damals als vielversprechend gehandelte Karin Kernke, die als leichtlebiges Pendant zwischen den Stühlen aufgebaut wird. Dabei fällt Kernkes besondere Fähigkeit auf, die jeweilige Szenerie für sich zu vereinnahmen, und das noch nicht einmal vordergründig im optischen Sinn, sondern im Rahmen ihrer darstellerischen Basiskompetenzen, die in Erinnerung bleiben. Elisabeth Flickenschildt als Mrs. Revelstoke spielt dem Empfinden nach oftmals in einer ganz anderen Liga, wenn man Vergleiche heranzieht, was jedoch hauptsächlich an der Auslegung der Rolle und am Gebrauch des Handwerks liegt. Beinahe flüsternd und über den Dingen schwebend, stiftet die Dame von Welt Verwirrung und lässt es nicht zu, dass ihr das eigene Umfeld in die Karten sehen kann, was übrigens auch für das Publikum gilt. Ihr mütterlicher Rat gegenüber Nora beeindruckt mehr als das Gegenteil der Fall wäre, sodass man die Flickenschildt quasi mit unmittelbarem Sicherheitsabstand begleitet, da man nicht anders kann.

Auch bei den Herren kann man sich auf Kompetenz und vor allem Präsenz verlassen. In diesem Zusammenhang ist zunächst Otto Collin als Clay Shelton zu nennen, dessen Auftrittsdauer nicht über den Vorspann hinaus kommt. Oder doch? Mit dieser Frage spielt Harald Reinl recht geschickt und auch wenn man die eine mögliche Maskerade vermutet, geht die Strategie sehr gewinnbringend auf. Collin dominiert das Geschehen quasi aus dem Jenseits heraus und lässt seine Drohungen nach und nach wahr werden, indem unschuldige Sterben, die er vor seiner Hinrichtung schuldig sprach. Otto Collins gespenstische Erscheinung sorgt richtiggehend für eine Aura und kommt dieser Geschichte sehr zugute, auch wenn es sich nur um eine Nebenrolle handelt, die keine Erwähnung in den Titelcredits des Films gefunden hat. Ebenso starke Leistungen, die auf dem jeweiligen Erscheinungsbild oder der bloßen Ausstrahlung fußen, liefern Fritz Rasp, Ulrich Beiger, Dieter Eppler oder Alf Marholm, sowie Ernst Fritz Fürbringer, Günther Hauer oder Eddi Arent auf Seiten der Polizei. Vor allem Arent wurde bereits in diesem frühen Wallace-Stadium das Abonnement zuteil, für den trockenen Humor zu sorgen, der bestenfalls auflockernd wirkt. Dennoch ist und bleibt Joachim Fuchsberger der Mann dieser etwa 90 Minuten, den man bei seiner teils unkonventionellen Ermittlungsarbeit gerne zuschaut, da er sie Sache fest im Griff hat. Überhaupt sind in den Anfangszeiten noch wesentlich dichtere Ermittlungen wahrzunehmen und hier kann man sogar den Begriff Teamwork in die Runde werfen, wenngleich neben Fuchsberger so gut wie jeder zum Stichwortgeber wird. Die Geschichte gewinnt durch die hohe Dichte an Morden an Rasanz, auch wenn manche Mordmethoden auf den Zufall und das Schicksal gleichzeitig angewiesen sind. Spätestens nach dem dritten Toten ist jedem klar, dass es auch jeden erwischen könnte, bis schließlich die Todesliste auftaucht, die Klarheit verschafft und eine hohe Trefferquote aufweist

Harald Reinls Film zeichnet sich vor allem durch sein hohes Tempo und dessen sichere Hand aus, was in so gut wie allen Bereichen erkennbar ist. Dem Publikum werden jedoch auch immer wieder angemessene Atempausen angeboten, sodass die "Bande des Schreckens" vielleicht als einer der Filme in die Geschichte der Reihe eingehen kann, der mitunter am meisten ausgewogen wirkt. Für besondere Gänsehaut- und Gruselmomente wirkt der Teils morbide wirkende Inszenierungsstil, der vor allem in der Rückschau zu den typischen Charakteristika gehören wird. Betrachtet man die sehr publikumswirksam ausgearbeitete Story, ergeben sich natürlich einige Fragen nach der Plausibilität, allerdings möchte man ein derartiges Schreckensstückchen erst gar nicht an derartigen Normen messen, da der Unterhaltungswert weit über dem Durchschnitt liegt. Im Grunde genommen wirkt hier alles dicht bis ins Detail durchgeplant, sodass keine Wünsche offen bleiben und die Serie sogar klammheimlich in eine neue Qualitätsebene gehoben wird. Besondere Erwähnung sollte die klassische Bildkomposition finden, die von wirksamen Schwarzweiß-Kontrasten und besonders gut arrangiertem Licht- und Schattenspiel lebt. Insbesondere wenn Donner ertönt, der Wind pfeift, ein Messer durch die Nacht fliegt oder Sheltons Silhouette im Nebel zu erahnen ist, kommt das typische Wallace-Feeling auf, das die Reihe so groß gemacht hat. Die Musik von Heinz Funk unterstützt die Story klassisch und kraftvoll, bis man auch schon einem Showdown entgegen sieht, der sich sehen lassen kann, da Harald Reinl großen Wert auf Überraschungsmomente legt, die mit einer auffälligen Brutalität und Unbarmherzigkeit eingeleitet und vollstreckt werden. Im Wallace-Universum markiert "Die Bande des Schreckens" einen waschechten Klassiker, der seine Stärken an den richtigen Stellen auszuspielen weiß, ohne sich vor dem spannenden Finale allzu sehr aus der Reserve locken zu lassen. Kann man wirklich nicht oft genug gesehen haben.



🖈 Edgar Wallace und ich ist in all den Jahren zu einer untrennbaren Kiste geworden und überhaupt sind die zahlreichen Verfilmungen, von denen ich die meisten erstmals als Kind gesehen habe, zu Evergreens geworden. Ich sehe mir die Filme nicht nur immer und immer wieder mit Begeisterung an, sondern entdecke auch trotz des hohen Bekanntheitsgrades immer noch Neues. "Die Bande des Schreckens" gehört zu den Vertretern, die ich seinerzeit nicht bei der TV-Ausstrahlung gesehen hatte, aber per Zufall irgendwann eine Aufzeichnung in der VHS-Sammlung meines Vaters gefunden hatte. Ab diesem Zeitpunkt konnte sich Harald Reinls Frühwerk zu den meist gesehenen Wallace-Filmen der Reihe entwickeln, weil ich ihn ganz einfach auch für einen der besten halte und er lässt sich heute wie damals immer noch flüssig anschauen. Zum Glück waren da noch mehrere Wallace- Aufzeichnungen auf Video zu finden. Wenn ich die Zahlen sprechen lassen müsste, könnte ich es gar nicht genau benennen, allerdings gibt es nur wenige der Filme, die ich noch keine 50 Mal gesehen habe, wobei dieser Richtwert in diesem speziellen Fall nicht ausreicht. Zu Kinderzeiten gab es Phasen, in denen die schreckliche Bande und Konsorten dem Empfinden nach in Dauerschleife gelaufen ist, was im Endeffekt nicht immer ein intensives Zuschauen, sondern oft nur ein Nebenherlaufen bedeutete. Vielleicht kann ich deswegen viele Dialoge so gut wie auswendig. Ach, der deutsche Kriminalfilm hat mich schon zu vielen anderen Genres bringen können, deren Schauspieler übrigens noch weiter, und es ist irgendwie beruhigend, dass es sich dabei um eine Neverending Story handelt. Es kommt zwar so gesehen nichts Neues mehr nach, aber dafür Vieles hinzu.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Maria Schell

DANS LA POUSSIÈRE DU SOLEIL


● DANS LA POUSSIÈRE DU SOLEIL / IL SOLE NELLA POLVERE / IN THE DUST OF THE SUN / DUST IN THE SUN (F|E|1970)
mit Bob Cunningham, Karin Meier, Ángel del Pozo, José Calvo, Colin Drake, Perla Cristal, Marisa Porcel und Daniel Beretta
eine Produktion der Univers Galaxie | Kerfrance Production
ein Film von Richard Balducci

Soleil1.jpg
Soleil2.jpg
Soleil3.jpg
Soleil4.jpg
Soleil5.jpg
Soleil6.jpg
Soleil7.jpg
Soleil8.jpg
Soleil9.jpg

»I like black!«


In der Abgeschiedenheit der kleinen Westernstadt San Angelo kommt es zu dramatischen Ereignissen, nachdem der Grundbesitzer Bradford von seinem eigenen Bruder Joe (Bob Cunningham) brutal umgebracht wird. So erreicht Joe sein langjähriges Ziel, sich nicht nur den gesamten Besitz und das Vermögen anzueignen, sondern auch Gertie (Maria Schell), die Witwe seines Bruders, zu heiraten. Ab diesem Zeitpunkt ist Gerties Sohn Hawk (Daniel Beretta), der ohnehin sehr in sich gekehrte Züge hat, nicht mehr wiederzuerkennen und sinnt danach, den Mord an seinem Vater zu rächen, um die moralische Ordnung nach seinen ganz eigenen Begriffen wieder herzustellen...

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Richard Balducci inszenierte in seiner Karriere nur verhältnismäßig wenige Spielfilme, zu denen auch die ungewöhnliche französisch-spanische Co-Produktion "Dans la poussière du soleil" gehört. Dieser im Jahr 1970 hergestellte Western wurde seinerzeit kaum bis gar nicht wahrgenommen, da es etwa drei Jahre dauerte, bis die auf William Shakespeares Drama "Hamlet" basierende Geschichte in den regulären Kinoverleih gelangte. Es folgten kurze Phasen der Aufführung, bis dieser bis heute weitgehend unbekannte Rachewestern-Vertreter wieder spurlos aus den Kinos verschwand. Im gesamten deutschsprachigen Raum, somit auch in der Bundesrepublik Deutschland, wurde Balduccis recht ambitioniert wirkende Erzählung keine Kino-Auswertung zuteil, wofür es mehrere Gründe gegeben haben dürfte. Zunächst ist allerdings einmal festzustellen, dass die Geschichte bereits im Vorfeld ein unbestimmtes Interesse und eine vielleicht nicht alltägliche Neugierde wecken kann, dies sogar vollkommen unabhängig von der Tatsache, dass Weltliteratur mehr oder weniger mit in die laufende Geschichte eingeflossen ist. Ein Film wie dieser steht und fällt mit ganz bestimmten Grundvoraussetzungen, die irgendwo zwischen Unvoreingenommenheit und Erwartungshaltung zu finden sind. Im vorliegenden Fall erhält sogar die nicht unwichtige Komponente massives Gewicht, dass die Hauptrolle des Szenarios keine Geringere als Maria Schell inne hat, sodass man sich als Zuschauer bereits vor der Sichtung darüber im Klaren sein sollte, Phasen der darstellerischen oder von Aura geprägten Dominanz geboten zu bekommen, wenngleich die Rolle der Wahl-Schweizerin hier in keinem Vergleich zu ihren Welterfolgen steht, für einen Italo-Western jedoch den Nimbus des Überqualifizierten mit sich bringt. Zumindest theoretisch. Diese überspitzte Beschreibung soll das so hochverdiente und erfolgreiche Genre keinesfalls abqualifizieren, sondern lediglich auf den Umstand hinweisen, dass derartige Fremdkörper oder vielmehr Experimente wenig erfolgversprechend waren, was die ausgebliebene Beachtung auch hinlänglich dokumentiert.

"Dans la poussière du soleil" als unwirsch, schwach oder gar misslungen abzutun, wäre angesichts der offensichtlichen Bemühungen viel zu einfach und auch mehr als ungerechtfertigt, denn Richard Balducci bietet eine nicht uninteressante Variation unter unzähligen Beiträgen an, die dem Empfinden nach nicht alle Tage zu finden war. Dass die gezeigte Geschichte auf William Shakespeares Vorlage basiert, kann aufgrund grobschlächtiger Parallelen nicht in das Reich der Mythen verwiesen werden, doch der Film funktioniert auch ohne jegliche Kenntnisse der Vorlage. Von einer Adaption reinster Seele kann nicht zuletzt wegen des Ambientes auch keine Rede sein, da die Erzählung mithilfe moderner und reißerischer Mittel auf zeitgenössische Abwege gelenkt wird und somit einen drakonischen Transfer erlebt. Es empfiehlt es sich ohnehin, den Film losgelöst, ohne Korsett und überspitzte Erwartungen zu betrachten, der sich bereits in der Eingangssequenz von seiner ansprechendsten Seite präsentiert. Spezifische Klänge läuten den bevorstehenden Kurs überaus eindrucksvoll ein und bäumen sich anklagend auf, sodass es unmittelbar nach einer schönen Panoramafahrt der an Flexibilität und Extravaganz interessierten Kamera zu Brutalität und Härte kommen kann. Im weiteren Verlauf kristallisieren sich außerdem ungewöhnlich deutliche körperliche Szenen heraus, die den hier gewählten, destruktiven Tenor oft unterstreichen und in einer derartigen Produktion fast schon ein wenig exotisch wirken. Das schnell servierte Motiv löst die nötige Kettenreaktion aus, die jede der beteiligten Charaktere existenziell bedroht. Die Marschrichtung, potentielle Geschehnisse und vorhersehbare Konsequenzen rücken im Szenario somit unmissverständlich in den Vordergrund, das von Isolation, Nötigung, Hass und Demütigung geprägt ist, um erst gar nicht auf die falsche Fährte zu führen, dass hier irgendwelche Gefangenen gemacht werden. Richard Balducci gelingt es innerhalb der sehr charakteristisch wirkenden Schauplätze und Kulissen recht eindrucksvoll, für eine seltene Art der Spannung zu sorgen, die im Endeffekt nicht einer ganz klassischen Definition entspricht, weil sie in ausgewählten Intervallen vor allem zermarternd, aushöhlend und beklemmend wirkt.

In diesem Zusammenhang ist auf Maria Schells erwartungsgemäß zwingend wirkende Darbietung hinzuweisen, die durch die bloße Anwesenheit und wenige Kniffe ihres breit gefächerten Repertoires für die bedeutenden Momente des Verlaufs sorgen kann. Für die gebürtige Österreicherin kam es insbesondere in diesem Zeitfenster zu ungewöhnlichen Einsätzen, was sich vermutlich aus zweierlei Gründen herleitet: Eine sich anbahnende Krise im internationalen Kinotopp und damit verbundene Restriktionen im Rahmen der üblichen Einsatzgebiete; hinzu kam eine längere schöpferische Kino-Pause der Interpretin, die bis auf wenige Unterbrechungen für Fernsehproduktionen bereits 1963 begonnen hatte. Maria Schells kleines Comeback führte sie somit nicht nur in diesen - wenn man so will - Franco- oder Eurowestern, sondern auch in für sie vollkommen untypische Produktionen wie beispielsweise Jess Francos Reißer "Der heiße Tod" und "Der Hexentöter von Blackmoor", in denen man Maria Schell wohl nicht unbedingt erwartet hätte. Als Zugpferd dieses Beitrags ist die Schauspielerin nebenbei bemerkt nur der nominellen Hauptrolle zu sehen, allerdings zeigt sich auch hier ein obligatorischer Präzisionsauftritt, der durch die Affinität der Kamera für ihre gebrochen wirkende Figur unterstrichen wird. Zwar kann Maria Schell im Vergleich zu vielen ihrer Top-Rollen kaum erwartungsgemäß auftrumpfen, doch es lässt sich in diesem Fall pauschal sagen, dass es hier mehr als ausreicht und sie wesentlich mehr Substanz anbietet, als oft im besagten Genre zu finden war, was insbesondere über die Aufgaben der Interpretinnen und deren Zuschnitte gesagt werden kann. Interessant zu beobachten ist, dass sich Balducci insgesamt gegen solche zu wehren versucht, es jedoch nicht schafft, sich vollends von ihnen freizumachen, da die Geschichte aufgrund der verwendeten Vorlage sozusagen vorzementiert und darüber hinaus mit einen ordentlichen Spritzer Zeitgeist versehen wurde. So begibt sich die Produktion auf den besten Weg, ihrer Hauptdarstellerin die größte Bühne zu bieten, die sie meistens ohnehin gewöhnt war, was je nach Lager für zwiespältige Eindrücke sorgen dürfte.

Gertie Bradford ist vielleicht am treffendsten als wandelnder Vorwurf beschrieben. Die unvorhergesehenen Einschnitte des Schicksals oder die Aktionen derer, die versuchten, Schicksal zu spielen, treffen sie mit voller Härte, sodass es kaum verwunderlich erscheint, sie in eine offensiv schwermütige Körpersprache gehüllt zu sehen. Mit eindeutiger Gestik und Mimik, den hasserfüllten Blicken und auffällig missbilligender Konversation, provoziert die in anklagendes Schwarz gehüllte Witwe den Mörder ihres Mannes und gleichzeitig Ehemann in spe, fällt ihrem introvertierten Sohn Hawk gegenüber jedoch mit mütterlicher Leidenschaft auf, die nicht selten der einer Geliebten gleicht. Schwierige Konstellationen stellten unzählige Male die Leitlinie für derartige Stoffe dar, die - je nach ergiebiger Nutzung - für atmosphärische, teils große Momente zu sorgen wissen. Die hier zugrunde liegende Vorlage sorgt schließlich dafür, dass der Verlauf quasi ohne konventionelle Heldenfiguren auskommen muss, was zersetzende und tragische Phasen garantiert, die im Grunde genommen Maria Schells Angelegenheit sind und bleiben. Eine Person wie Joe Bradford alias Bob Cunningham fällt als Abschaum dieser kompletten Veranstaltung auf, denn er präsentiert sich in barbarischer, unerbittlicher und kaltblütiger Fasson, was letztlich einen erforderlichen Domino-Effekt auslöst. So muss er seine zukünftige Frau eigenhändig zur Witwe machen, um sie überhaupt an sich binden zu können, doch diese Qual und Demütigung wird ihren Preis haben. Der markante US-Amerikaner liefert beim bestechenden Ausbuchstabieren dieser von Perversion und Aggressivität getriebenen Person ein richtig derbes Kabinettstückchen, das zweifellos das Potenzial besitzt, in unangenehmer Weise nachzuhallen. In der Zwischenzeit arbeitet Regisseur Balducci nachdrücklich daran, die Szenerie durch interessante Rochaden bei Drive und Intensität zu halten, wenngleich der Spannungsbogen immer wieder neu aufgerollt werden muss.

Dies geschieht augenscheinlich weniger im Sinne von ungünstiger Handhabe, sondern einer immer wiederkehrenden Verschiebung der Klimax nach hinten, um der Geschichte nötiges Feuer zu verleihen. Anhand der gewagten Integrierung von zahlreichen Gewaltspitzen, torpedoartigen Dialogen und ungewöhnlich ausgeprägten Sexszenen, kommt eine Art negativer Strudel in Gang, der die Personen nicht nur entwurzelt, sondern sie überdies dazu zwingt, entgegen des gesunden Menschenverstandes und womöglich ihres Naturells zu agieren. Die ohnehin ungewöhnliche Besetzungsliste wird ansprechend durch die Leistungen von Daniel Beretta oder Karin Meier erweitert. Der Franzose Beretta, von Haus aus eigentlich Sänger und Komponist, stand hier noch am Anfang seiner schauspielerischen Aktivität. Seine nahezu wortlose Rolle lebt in erster Linie von seiner geheimnisvoll wirkenden Ausstrahlung, die im Endeffekt eher als Laune der Dramaturgie zu bezeichnen ist. Die erkennbare Funktion als Schlüsselfigur verliert sich vielleicht ein wenig zu sehr in der staubigen Peripherie, allerdings nimmt man sie irgendwo zwischen dankend und zwangsläufig als solche an. Berettas mehr oder weniger unbekannte Kollegin Karin Meier appelliert hauptsächlich an Beschützerinstinkte, bleibt des Weiteren aufgrund ihrer soliden bis ästhetischen Szenen in Erinnerung. Der Film hat eine Reihe von Argumenten zu bieten, die ihn ergänzend sehenswert machen. Dass die Verfilmung damals kaum registriert wurde und in Vergessenheit geraten ist, spiegelt nicht deren überdurchschnittliche Qualität und die oft aufblitzende Extravaganz wider. Vor allem kameratechnisch darf ein bemerkenswertes Gespür und eine auffällige Konstanz bescheinigt werden, was dem dialogarmen Film eine ganz eigene Sprache verleiht. Musikalisch erlebt man ebenso Hochwertiges wie beispielsweise im darstellerischen Bereich, sodass "Dans la poussière du soleil", der übrigens ein bitterschönes und absolut betörendes Finale bereit hält, Erwartungen erfüllen konnte, die im Vorfeld noch nicht einmal definiert waren.



🖈 Welche Zahl wäre über den Daumen gepeilt zu nennen, wenn man beziffern müsste, wie viele Filme man in all den Jahren bereits gesehen hat? Ich kann es nicht sagen. Bei einem traditionell hohen Filmkonsum und der immer andauernden Jagd nach besonderen Filmerlebnissen, dürften es jedenfalls fast unzählige sein, doch langsam aber sicher wird es aufgrund des großen Luxus immer breiter werdenden Verfügbarkeiten immer weniger, von dem man denkt, man müsse es unbedingt gesehen haben. Daher kommt es naturgemäß nicht mehr in der gleichen Häufigkeit dazu, dass ein Film dieses Gefühl von damals verursachen kann, dass man ihn unbedingt und noch unbedingter haben muss. Richard Balduccis "Dans la poussière du soleil" gehörte vor noch gar nicht allzu Zeit zu dieser Spezies und ich war umso glücklicher, ihn relativ schnell sehen zu können. Warum gerade dieser Film? Das kann ich eigentlich gar nicht so genau sagen, da ihm keinerlei Ruf vorausgeeilt war. Da ich mir nur in wenigen Ausnahmen Zusammenfassungen von Geschichten durchlese, um jeden erdenklichen Spoiler zu vermeiden, wusste ich noch nicht einmal, worum es hier geht. Das Genre ist zwar gerne gesehen, aber in der Regel nicht für meine Initialzündungen verantwortlich. Auch wenn die Besetzung für große Momente und Überraschungen sorgen konnte, wirkte sie zunächst etwas unscheinbar, und so reicht es dann wohl aus, dass ich einen Film einfach unbedingt sehen möchte, sozusagen aus einem Bauchgefühl heraus. Jeder, der "Dans la poussière du soleil" also einmal zwischen die Finger bekommen sollte, darf diesem leider viel zu unbekannten und unterschätzten Beitrag ruhig eine ernsthafte Chance einräumen.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Eva Renzi

DIE ZIELSCHEIBE


● TASTE OF EXCITEMENT / WHY WOULD ANYONE KILL A NICE GIRL LIKE YOU? / DIE ZIELSCHEIBE (GB|US|1969)
mit David Buck, Peter Vaughan, Sophie Hardy, Kay Walsh, Francis Matthews, George Pravda und Paul Hubschmid
eine Produktion der Trio Film | Group W
ein Film von Don Sharp

Z1.jpg
Z2.jpg
Z3.jpg
Z4.jpg
Z5.jpg
Z6.jpg
Z7.jpg
Z8.jpg
Z9.jpg

»Do you know how to catch a tiger?«


Die Engländerin Jane Kerrell (Eva Renzi) wollte eigentlich nur einige unbeschwerte Tage an der französischen Riviera verbringen, doch schon bald wird ein Mordanschlag auf die junge Frau verübt. Sie und die Polizei stehen vor einem Rätsel und die Ermittlungen werden schnell wieder eingestellt, da man ihr aufgrund der vagen Informationslage nicht helfen kann. Plötzlich heftet sich der Psychiater Doktor Forla (George Pravda) an die Touristin und möchte ihr einreden, dass sie seine Hilfe brauche. Schon bald folgen weitere Anschläge. Glücklicherweise findet sie in dem Maler Paul Hedley (David Buck) einen verlässlichen Verbündeten, der ihr bei allen Gefahren fortan zur Seite steht. Doch was steckt dahinter und wer will Jane umbringen lassen? Eine Spur führt schließlich zu einem von Davids Kunden namens Hans Beiber (Paul Hubschmid), der Jane angeblich einen Job anbieten will, und auf dessen Anwesen es nur von Verdächtigen wimmelt...

In der Filmografie von Eva Renzi handelt es sich bei "Taste of Excitement" um ihren ersten Spielfilm, der in der Bundesrepublik bis dato keine Kino-Auswertung erfahren hatte. Erst im Jahr 1981 gab es für Don Sharps Beitrag unter dem Namen "Die Zielscheibe" eine Deutschlandpremiere im Nachtprogramm des ZDF, und zu diesem Zweck wurde auch eine TV-Synchronisation angefertigt. Rückblickend ist es schade, dass der Film seinerzeit nicht die Aufmerksamkeit bekam, die er bestimmt verdient hätte, denn er besitzt ganz spezielle Vorzüge die das Anschauen lohnenswert machen. Natürlich war es zur Zeit der Produktion noch so, dass zahlreiche Filme gleichen Musters auf den Markt gebracht wurden, die viel mehr Spektakel und Action zu bieten hatten. "Taste of Excitement" ist sozusagen über weite Strecken ein seelenruhiger Vertreter seines Genres geworden, dessen Stärken im linearen Aufbau und der atemberaubenden Bildgestaltung zu finden sind. Der Einstieg in den Film vermittelt eine Art trügerisches Urlaubsflair, die Hauptperson Jane Kerrell meistert die scharfkurvigen Straßen an der französischen Riviera mit ihrem roten Mini Cooper, nicht ohne sich die Zeit zu nehmen, den Panoramablick aufs Meer zu genießen und womöglich genau das zu tun, wofür diese Reise ursprünglich gedacht war. Plötzlich taucht jedoch ein weißer Mercedes-Benz im Rückspiegel auf und der aggressive Fahrstil verheißt nichts Gutes, da alleine die Größenverhältnisse der beiden Wagen einen ungleichen Kampf andeuten. Nachdem das Auto der weiblichen Hauptperson beinahe in den Abgrund gedrängt wurde, setzt der hoch atmosphärische Vorspann als eine Melange aus Standbildern und Szenen nach dem Zwischenfall ein, der deutlich darauf hinweist, dass der komplette Verlauf von Hauptakteurin Eva Renzi dominiert werden wird.

Die offenkundige Strategie des Verlaufs ist eindeutig wie simpel in der Anlegung, denn das Prinzip einer verfolgten Sympathieträgerin geht wohl immer effektiv auf, und "Taste of Excitement" zieht seine subtile Spannung vor allem aus einer Quelle - nämlich der Fragestellung, warum es überhaupt zu diesen Zwischenfällen mit der attraktiven Hauptperson kommt; immerhin wird ihre Integrität niemals infrage gestellt und sie bleibt ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Ganz im Sinne der Architektur der Geschichte sieht man Eva Renzi zunächst vollkommen unscheinbar in ihrer Erscheinung und nervlich derartig angegriffen, dass ein bevorstehender Kollaps durchaus in Erwägung gezogen wird. Als Zuschauer sieht man vor allem wegen der schnellen und überaus bedrohlichen Einführung in die Geschehnisse keine Veranlassung für diese Szenen, da es diesbezüglich auch keinerlei Erklärungen oder Hintergründe gegeben hat. Eine unbescholtene Frau, offensichtlich ohne großes Vermögen oder dunkle Geheimnisse, wird von Unbekannten offensiv bedroht. Ohne Zusammenhänge zu kennen kommt man dennoch zu dem Schluss, dass subversive Elemente im Hintergrund agieren, die ihre Zielscheibe auch alles andere als zufällig ausgewählt haben dürften. In Betracht wird unter solchen Voraussetzungen naturgemäß eine breite Palette von Möglichkeiten gezogen, die alles zwischen Kanonenfutter für Ablenkungszwecke, über finanzielle Belange, bis hin zu politischen Hintergründen mit einbezieht. Selbstverständlich wird die sorgsam und aufmerksam agierende Regie dieses Rätsel lösen, doch vorher wird noch eine spannender Verlauf in Form eines Puzzlespiels angeboten, dessen Zusammensetzen sich als sehr lohnenswert herausstellt. Allerdings braucht man auf keinen Selbstläufer zu spekulieren, denn Sharp setzt weniger auf Spektakel als auf inszenatorischen Anspruch.

Die erweiterte Darstellerriege neben einer dominanten Eva Renzi wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbar, kann aber mit eingängigen Leistungen überzeugen. David Buck als Verbündeter des Zufalls wirkt geradlinig und sympathisch, wenngleich er vielleicht nicht als das essentielle Element ausgemacht werden möchte, das der Hauptdarstellerin zu ihrem vollkommenen Glück fehlt. Andererseits kommt unter eben genau dieser Voraussetzung eine Art Schicksalsprinzip zum Vorschein, das die Aufrichtigkeit beider Protagonisten nur unterstreichen will. Als treuer Wegbegleiter und Beschützer begibt sich der Maler Paul also in ungeahnte Gefahren, denen er vielleicht lieber ferngeblieben wäre, wenn da nicht die bezaubernde Belohnung in persona von Eva Renzi warten würde. Gerade beim männlichen Zuschauer fabriziert der Engländer angesichts seiner Herzdame ein uneingeschränktes Verständnis für sein riskantes Tun. Die Chemie zwischen den beiden stimmt zu jeder Sekunde und man sieht optimale Bedingungen der Interaktion, sodass es zu einer groß angelegten Palette der Zwischenmenschlichkeit kommen darf, die viele Bereiche sicher abdeckt. Peter Vaughan, Kay Walsh, Francis Matthews und George Pravda überzeugen innerhalb ihrer beinahe determinierten Charaktere des Films mit stichhaltigen Leistungen, genau wie Eva Renzis damaliger Ehemann Paul Hubschmid, der seine ganze Routine zur Verfügung stellt und erneut weltmännisch oder wahlweise sogar arrogant agiert. Ein Rätsel bleibt unterdessen der kurze Auftritt der Französin Sophie Hardy, deren Karriere so vielversprechend begann. Hier sieht man sie allerdings nur noch als Stichwortgeberin und irrelevante Figur in einer Geschichte, die sich möglicherweise noch mit einen weiteren bekannten Namen schmücken wollte. Nach "Taste of Excitement" war Hardys Karriere leider schon so gut wie beendet.

Mordanschläge und tatsächliche Morde demonstrieren die Brisanz der Geschichte in lang auseinandergezogenen Intervallen sehr klassisch und elegant. Der Eindruck, dass letztlich mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, lässt sich nicht leugnen. Wenn sich die Zusammenhänge allerdings langsam erschließen, kann Don Sharp mit seinem ruhigen, aber immer wieder an Drive aufnehmenden Thriller beweisen, dass er gut durchdacht ist und keine übertrieben reißerischen Manöver nötig hat. Auf Szenen der Bedrohung folgen immer wieder beschauliche Momente, die beinahe das Flair eines herrlichen Urlaubs vermitteln. Diese on-off-Strategie verleiht der Produktion ein prickelndes Profil und erweckt sogar den Eindruck, dass man es bei "Taste of Excitement" mit einem Vertreter zu tun hat, der sich seiner Stärken vollkommen bewusst ist und sich im Endeffekt von der Konkurrenz abheben kann. Die außergewöhnliche Bildsprache in die herrliche Dekors eingewebt sind, stattet den Film trotz mörderischer Machenschaften mit einer Eleganz aus, die absolut greifbar erscheint. Mit passender musikalischer Untermalung versehen, bekommt der Zuschauer immer wieder einen Hauch von Vollkommenheit präsentiert, der eine Geschichte charakterisiert, und der man unter normalen Umständen vielleicht ihre immer wieder auftauchende Seelenruhe vorgeworfen hätte, was jedoch eher vergleichsweise auftaucht. Dass der Film seine Premiere im TV haben musste, ist rückblickend sehr schade. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass der Film trotz seiner vielen Stärken kein großer Erfolg geworden wäre, da er sozusagen überqualifiziert ist. Freunde von Action, Verschwörung und Spektakel kommen hier bestimmt auf ihre Kosten, doch viel wichtiger ist, dass Don Sharp seinen Film mit zeitlosen Bildern zu einer kinematographischen Unsterblichkeit verholfen hat, die auch heute noch anziehend, teils sogar krude, aber faszinierend wirken.



► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



DAS AMULETT DES TODES


● DAS AMULETT DES TODES (D|1974)
mit Vera Tschechowa, Rutger Hauer, Günther Stoll, Walter Richter, Walter Sedlmayr, Andreas Mannkopff und Horst Frank
eine Produktion der Cityfilm | Televox | im Constantin Filmverleih
ein Film von Ralf Gregan und Günter Vaessen

Amulett (1).jpg
Amulett (2).jpg
Amulett (3).jpg
Amulett (4).jpg
Amulett (5).jpg
Amulett (6).jpg
Amulett (7).jpg
Amulett (8).jpg
Amulett (9).jpg

»Ich scheiß auf dein Geld!«


Der Sportflieger Chris (Rutger Hauer) lässt sich auf krumme Geschäfte ein, um seine Schulden abzahlen zu können. Seine Aufgabe besteht jeweils darin, einen Koffer nach Schweden zu fliegen, dort einen anderen in Empfang zu nehmen und vor allem keine Fragen zu stellen. Als es bei ihm finanziell wieder passabel aussieht, möchte Chris aussteigen, doch Himmel (Horst Frank), sein Auftraggeber, zwingt ihn zu weiteren Flügen. Bei der nächsten Aktion sieht der junge Pilot nach, was sich in dem Koffer befindet und er traut seinen Augen nicht. Es sind eine Million in bar, die er nicht mehr abgeben wird. Er versteckt sich in einem Wochenendhaus, um Gras über die Sache wachsen zu lassen. Dieses Haus gehört der jungen Lehrerin Corinna (Vera Tschechowa), die nun ein Wochenende dort verbringt. Als sie plötzlich durch Schüsse aufgeschreckt wird, beobachtet sie, wie der Boss und seine zwei Helfer namens Stazi (Günther Stoll) und Arthur (Walter Richter) Chris verfolgen niederschießen. Von nun an wird für die junge Frau alles anders, denn man nimmt sie als Geisel. Als es Chris gelingt, den Boss zu töten, versucht er mit Corinna zum Versteck des Geldes gelangen. Doch Stazi und Arthur haben bereits ihre Fährte aufgenommen...

Die vielversprechende und darüber hinaus ziemlich selbstbewusste Eigenwerbung, dass es sich um einen perfekt gemachten Thriller handle, versucht die Doppelregie, bestehend aus Ralf Gregan und Günter Vaessen, mit allen verfügbaren Mitteln zu bestätigen. Betrachtet man die fertige Produktion, so haben diese vielleicht nicht unbegrenzt zur Verfügung gestanden, allerdings konnte ein beachtliches Ergebnis abgerufen werden. Die Zutaten für einen guten Thriller sind ohne jeden Zweifel vorhanden und diese Produktion besitzt in vielerlei Hinsicht ein Flair der Eigensinnigkeit, da Geschichte und Umsetzung auf ganz unbestimmte Art und Weise faszinieren. Dem damaligen Kino-Publikum wollte der Film nicht so recht gefallen, sodass das große Geschäft trotz des Großverleihs Constantin im Rücken nachweislich ausblieb. Die hin und wieder unscheinbar und herkömmlich wirkende Handlung überrascht zu den richtigen Zeitpunkten mit kehrtwendenden Überraschungen, auch die eingearbeiteten Rückblenden mit einhergehenden Erklärungen von Chris wurden besonders gut veranschaulicht. Im Ganzen weht eine kalte und oft erdrückend anmutende Atmosphäre durch den Verlauf, die insbesondere von den wenigen Haupt-Charakteren kreiert wird, da sie ihre gefestigten Positionen im Leben offensichtlich noch nicht finden konnten oder diese längst verloren haben. In ausgewählten Momenten bleibt sogar Zeit für erotische Szenen, die von ästhetischen Ansprüchen berichten, welche allerdings immer wieder von primitiven Widersachern wie Helfershelfer Arthur mit schlüpfrigsten Untertönen aufgehoben werden. Anhand solcher Kleinigkeiten, die man besser als eine pragmatische Liebe zum Detail einschätzen sollte, zeigt sich der überaus ambitionierte Charakter dieser Televox/City-Produktion, die jedem interessierten Zuschauer etwas anzubieten hat. So ist durchgehend ein roter Faden und eine beachtliche Struktur wahrzunehmen, auch die wenigen Stars präsentieren hier Konstellationen der fatalen Mischungen und jeder von ihnen wirkt auf seine bestimmte Art und Weise sehr überzeugend.

Vera Tschechowa spielt eine junge Lehrerin, der man im Gesicht ansehen kann, dass sie eine Auszeit bitter nötig hat. Corinna gerät völlig unfreiwillig in diesen Alptraum und scheint nur aufgrund breit angelegter Sentimentalitäten, einer Art Starre und melancholischen Träumereien in diesem gefährlichen Gefüge zu funktionieren. Dabei ist es mehr als erstaunlich, wie Vera Tschechowa dem Empfinden nach an die Grenzen der Ausdruckslosigkeit gerät, um dennoch eine vollkommen faszinierende Persönlichkeit zu formen. Corinna ist es offensichtlich hinlänglich gewöhnt, mit offenen Augen zu träumen und sich auch aus einer noch so ausweglosen Situation einen Vorteil zu versprechen. Sie wirkt gehemmt und scheint prinzipiell unter einer nervösen Grundspannung zu stehen, nur selten lässt sie ein Lächeln in ihrem Gesicht zu. Eine derartig emotionsarme und kühle Interpretation ist nicht nur beachtlich, sondern darüber hinaus vollkommen essentiell für das Funktionieren dieser trostlosen Angelegenheit. In diesem Zusammenhang ist das von Vera Tschechowa präsentierte künstlerische Ensemble nicht nur mutig, da sie kühn mit des designierten Vorschusslorbeeren einer klassischen Sympathieträgerin zu spielen weiß, sondern auch eine eher seltene Erfahrung in einem derartigen Genre-Film, da das Publikum zu späteren Zeitpunkten noch vor die Wahr zwischen Realität und Illusion gestellt wird. Diese Frau scheint bereits vor den außerordentlichen Komplikationen vollkommen ausgebrannt gewesen zu sein und ergreift in der Misere die einzig sich bietende Alternative, für sich persönlich vielleicht sogar die Chance, aus einem möglichen Lebenstief hinauszukommen. Ein so zutiefst trauriges Geschöpf und eine dermaßen verträumte oder auf Parallelebenen ablaufenden Interpretation erlebt man nicht alle Tage. Sie ist hier nicht nur das gefährdete Opfer, sondern in erster Linie eine Frau, die Erwartungen hat, doch diese nur indirekt formulieren kann. Darüber hinaus hat Vera Tschechowa im Verlauf der Geschichte noch mehrere Nacktszenen und eine überaus ästhetische und recht gewagte Sexszene mit Partner Rutger Hauer zu absolvieren. Was sie betrifft, wird der Zuschauer zwischen stoischer oder brillanter Darbietung entscheiden müssen.

Rutger Hauer, hier übrigens meistens »Blondi« genannt, konnte schon einmal etwas für seine spätere Domäne, das Actionfach, üben. Obwohl es hier oft etwas schwierig ist, einen heißen Draht zu ihm als Person und darüber hinaus auch Schauspieler aufzubauen, definiert sich sein Status als Protagonist über die Tatsache, dass es auf Seiten der Widersacher nichts als menschlicher Abschaum zu finden ist. So erscheint Hauer sehr glaubhaft als extern geformter Kleinkrimineller, der vom ganz großen Wurf träumt, sich dabei aber offensichtlich selbst überschätzt hat. Trotz aller Härte und Berechnung strahlt er dennoch einen nicht zu übersehenden Charme aus, welcher selbst Corinna hier und da ein schüchternes Lächeln entlockt. Rutger Hauer und Vera Tschechowa formen ein besonders ungleiche wirkendes Paar, dass aber dem Empfinden nach sehr gut zusammen passt, da beide die gleiche Voraussetzung in Form von gegenseitiger Anpassungsfähigkeit und Neugierde besitzen. Die Gangster-Bande um Horst Frank wirkt wie ein zusammengewürfeltes Trio der fatalen Mischungen, welches sogar manchmal unfreiwillige Komik transportiert. Der Boss zelebriert unerbittliches Vorgehen in aller Härte, sein Zynismus und die beängstigende Dominanz strahlen Gefahr aus. Im Gegensatz dazu sind seine Komplizen aus völlig anderem Holz geschnitzt: Walter Richter als anscheinend dem Alkohol verfallener Arthur verkörpert einen unberechenbaren Aggressionsherd und die pure Geilheit in Person. Stazi, den Günther Stoll ausbuchstabiert, zeichnet ein abgehalftertes Psycho-Wrack, das sich in Labilität und willenlosem Gehorsam verloren hat. Die Frage, wieso sich der Boss eine derartige Truppe ausgewählt hat, bleibt weitgehend unbeantwortet. Wie die Geschichte es allerdings will, soll nicht alles so glatt laufen, wie es anfangs geplant war. In einer Nebenrolle ist noch Walter Sedlmayr zu sehen, dessen finale Szene überaus holprig montiert wurde. Insgesamt kommt das Geschehen mit einer äußerst ungleichen, daher kontrastreichen Fünfer-Konstellation parat, bei der das Zuschauen großes Vergnügen bereitet, auch wenn der Versuch, die Charaktere mit genügend Tiefe auszustatten, manchmal in womöglich gewollte Überzeichnung abdriftet.

Dieser düsteren und gleichzeitig weltlichen Geschichte steht sicherlich nicht die außergewöhnlichste Geschichte zur Verfügung, aber dennoch kann sie im Rahmen der handwerklichen Umsetzung über die Maßen überzeugen, vor allem, weil man selbst dazu neigt, die Produktion bereits im Vorfeld zu unterschätzen. Tempo und Spannung zeigen sich immer wieder wechselhaft, doch manchmal ist es einem so, als glichen bestimmte Intervalle einem unerträglichen Warten auf das bevorstehende Schafott, dem man hier auch sinnbildlich entgegen sieht. Vieles wirkt unter der Doppelregie letztlich unscheinbar, die sich eher im Erotikfach verdient gemacht hatte, allerdings kann sich der fertige Film sehen lassen, was vor allem für dessen abgründige Atmosphäre gilt. Selbstverständlich kommt der Film nicht ohne handelsübliche Effekte aus, die hauptsächlich in eleganter Fasson in Erscheinung treten, und die unterschwellige bis praktische Brutalität wird insbesondere von Walter Richter in willkürlicher Manier demonstriert. Rückblenden, schnelle Schnittfolgen und extravagante Kameraeinstellungen, führen zu einem gelungenen Gesamtergebnis. Hervorragend ist die nervenkitzelnde Musik von Rolf Bauer, die mitunter zwar spleenig wirkt, jedoch in diesem Zeitfenster en vogue war. Während der Szenen, in denen der Unbekannte beispielsweise aus der Entfernung zuschlägt, was durch ein Zielfernrohr mitverfolgt werden kann, greift die musikalische Variation besonders gut. Dabei handelt es sich eher um Aneinanderreihungen von sprunghaft wirkenden Synthesizer-Tönen, die wie das Ticken eines Sekundenzeigers wirken und bei dieser Gelegenheit die Nervosität erzeugen und verschärfen, die anvisiert ist. Die Musikthemen decken im Film insgesamt ein breites Spektrum ab und wirken sehr ausgefeilt, zumal sie in Erinnerung bleiben. Weitere Pluspunkte bringen die kontrastreichen Schauplätze und eine stets auf die Szenen abgestimmte Ausstattung. Insgesamt funktioniert "Das Amulett des Todes" als Thriller vielleicht nur mit einigen Abstrichen, aber alleine der hohe Unterhaltungswert und die eigenartig melancholische Grundstimmung rechtfertigen einen Blick. Überdies wird die Produktion zu einem Fest für Fans von Horst Frank. Sehenswert!


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



HATCHET FOR THE HONEYMOON


● IL ROSSO SEGNO DELLA FOLLIA / UN HACHA PARA LA LUNA DE MIEL / UNE HACHE POUR LA LUNE DE MIEL / RED WEDDING NIGHT (I|E|F|1970)
mit Stephen Forsyth, Dagmar Lassander, Jesús Puente, Femi Benussi, Luciano Pigozzi, Gérard Tichy, Pasquale Fortunato und Laura Betti
eine Produktion der Mercury Films | Películas Ibarra y Cía. | Pan Latina Films
ein Film von Mario Bava

Hatchet-for-the-honeymoon01.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon02.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon03.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon05.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon04.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon06.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon07.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon08.JPG
Hatchet-for-the-honeymoon09.JPG

»I'm a paranoic!«


John Harrington (Stephen Forsyth) und seine Frau Mildred (Laura Betti) sind aufgrund ihres gemeinsamen und erfolgreich laufenden Modehauses für Brautmoden gut situiert, doch das Leben im Luxus birgt auch Schattenseiten. Während Mildred ihren Ehemann mit täglicher Verachtung straft und mit Zynismus zu demütigen versucht, geht John einem nicht zu kontrollierenden Zwang nach. Niemand ahnt, dass er als Serienmörder sein blutiges Unwesen treibt. Er tötet junge Frauen in Brautmontur mit einem Beil, um die Leichen wenig später für immer im Ofen seines Gewächshauses verschwinden zu lassen. Mit jedem weiteren Mord kommt er dem Ursprung seines Wahns näher, der sich verschlüsselt in der Vergangenheit befindet, doch das unbehelligte Metzeln hat bald schon ein Ende. Nicht nur dass sich der hartnäckige Inspektor Russell (Jesús Puente) an seine Fersen heftet, viel schlimmer ist, dass er plötzlich von einem Gespenst der Vergangenheit heimgesucht wird...

Ein unruhig wirkender Vorspann wühlt die schemenhaft gezeigten Bilder mit den Signalfarben Rot und Blau auf. Man ist sich sofort im Klaren darüber, dass sie noch eine besondere Bedeutung bekommen werden, zumal es auch der Titel zu versprechen scheint. Vollkommen gegensätzlich hierzu wirkt die ohrenschmeichlerische und fast beruhigende Musik von Sante Romitelli, sodass es aussieht, als verspreche auch der Film zahlreiche Gegensätze oder schwer zu ordnende Inhalte. Kleine derartige Gedankenspiele lässt ein Vorspann ja meistens zu, die Stabsangaben präsentieren sich in der Zwischenzeit wie ein bevorstehendes Gütesiegel, bis man schließlich in vollster Erwartung einen brutalen Mord illustriert bekommt. Anschließend wird man jedoch vollkommen unerwartet mit einer Off-Stimme konfrontiert, die in irritierender Art und Weise den Weg der Geschichte ebnet. Verschwommene Bilder passieren Revue, die Erinnerung des Mörders spielt sich teilweise mit Kindesaugen ab, sodass sich selbstredend ein für längere Zeit verborgenes Motiv psychologischer Art erahnen lässt. Die Rahmenbedingungen spielen sich im extravaganten Setting ab. Es sind gut situierte Verhältnisse, die eigentlich eine Ordnung haben sollten, allerdings ist das genaue Gegenteil der Fall. Das gerne verwendete Motiv der Spleens, Launen, Unzulänglichkeiten und der daraus resultierenden Zwänge der Hautevolee, wird kompatibel aufgeschlüsselt. Sexuell aufgeladene Spannungen und damit verbundene Defizite liefern oftmals nachvollziehbare, aber meistens doch abenteuerliche Schlüssel zu den dramaturgisch vorgefertigten Schlössern diverser Plots und es kommt auf das Geschick der jeweiligen Regie an, die teilweise komplexen Voraussetzungen in geregelte, wahlweise auch spektakuläre Bahnen mit Überraschungsmomenten zu lenken. Mit Mario Bava denkt man bereits im Vorfeld nicht an die halbe Miete, eher sieht man diesbezüglich einem Mietüberschuss entgegen, was allerdings zu beweisen wäre.

Die Umgebung wirkt vor dem Hintergrund der Modebranche artifiziell, unwirklich, verschleiernd, sogar verlogen, das Honeymoon-Thema makaber, doch die zweifelhaften Protagonisten entsprechen mit einem Mindestmaß an Fantasie der hauseigenen Kreation Wirklichkeit. Früh vernimmt man eine typische Atmosphäre wie man sie von Mario Bava kennt, bei der man vor allem nachhaltig daran arbeitet, dass eben nichts greifbar wird und alles unberechenbar bleibt. Manchmal manifestiert sich der Eindruck, als kämen einem die Wände der Räume entgegen. In anderen Situationen werden sie als unendlich weit empfunden. Man fühlt sich dadurch beinahe delirierenden Eindrücken ausgeliefert. Hier wären die Karussellfahrten der Kamera, sowie die musikalische Untermalung, die manische bis aristokratische Klänge transportieren kann und die verwirrende Dialogarbeit, die die Aufmerksamkeit des Zuschauers effektiv zu unterwandern versucht zu nennen. Damit verbunden ist das direkte Ansprechen des Zuschauers, der den Lockrufen und Rechtfertigungen eines Wahnsinnigen folgt, bei denen er sich möglicherweise die landläufig verbreitete These durch den Kopf gehen lässt, ob der Teufel sich tatsächlich selbst beim Namen nennen würde. Das auf Hochtouren laufende Verwirrspiel wirkt im Endeffekt fordernd, strapaziös und im Anstrich der frühen 70er-Jahre erfrischend zugleich. Im Bereich der Kameraarbeit wird nach kurzer Spieldauer aus einer Tendenz ein tiefroter Faden, denn die überaus aufwändigen Bilder stellen eine wahre Pracht dar. Sie veredeln "Hatchet for the Honeymoon" in bemerkenswerter Weise. Die akribisch konstruierte Schönheit fällt schließlich vollkommen konträr zur eleganten Marschrichtung einem Beil zum Opfer, welches vielleicht treffender als Bumerang bezeichnet werden könnte. Der Verlauf entwickelt sich immer mehr zu einer einzigen Wahnvorstellung. John und der Zuschauer bekommen erhebliche Probleme, zwischen Trugbildern und Realität zu unterscheiden.

Als große Bereicherung für den Film ist niemand anders als der Kanadier Stephen Forsyth zu nennen, der hier in seinem erst zehnten, und leider bereits letztem Film zu sehen ist. Ihm droht, dass er die Funktion übernehmen könnte, gleichzeitig Täter und Opfer eines spannenden Experiments zu werden. Beim Thema Spannung müssen insgesamt zwar keine Superlative erfunden werden, denn der Verlauf nimmt sich den Luxus von langen, ausladenden Strecken. Es ist allerdings in den überwiegend dialogarmen Szenen die beißende Akustik, die an den Nerven zerrt. Der Plot überrascht mit einer indirekten Metamorphose des Hauptakteurs, in der er sich zwar keineswegs verändert, aber die Rahmenbedingungen für diesen merkwürdigen Eindruck sorgen. Schließlich passiert etwas beim Zuschauer, das man verhalten als genial bezeichnen darf, denn ganz unbestimmt, oder sogar kalkuliert, befindet man sich plötzlich auf der Seite des Wahnsinnigen, des Mörders, des Anti-Helden. Forsyth spielt die Fähigkeit klassisch aus, für Sympathien, um nicht zu sagen für Verständnis zu sorgen, was ihn groteskerweise sehr greifbar erscheinen lässt. Aber die Komplizenrolle des interessierten Publikums war schon immer eine der ertragreichsten und interessantesten Varianten in derartig gestrickten Filmen, die ohne jeglichen Whodunit auszukommen hatten. Die Darsteller wirken in "Hatchet for the Honeymoon" überaus funktionell, da die Beschreibung präzise aufgrund des latent vorhandenen, verwirrenden Elements überhaupt nicht recht greifen mag. Stephen Forsyth tut jedenfalls genau wie die meisten seiner Kollegen der Erwartung genüge, Teil des Haupt-Elements zu werden, nämlich des Dekors. Puppen, Gespenster, Getriebene und Verfolgte, im Personen-Roulette wird man alles in genügendem Maße ausfindig machen können. Eine wichtige Funktion übernimmt John's Ehefrau Mildred, die in Anbetracht aller Gewissheiten beunruhigende Züge annehmen wird.

Ihre kalte und biedere Erscheinung wirkt neben all dem Glamour und ihrem um Einiges attraktiveren Ehemann wie ein zu beseitigender Fremdkörper, was natürlich Böses erahnen lässt. In unzähligen Genres hat man bereits die unterschiedlichsten schwarzen Witwen gesehen, das Problem war jedoch oftmals, dass leider noch ein Mann existierte. Unter der Voraussetzung, dass John diese ihn quälende, erniedrigende und neurotische Frau loswerden will, aber nicht die Möglichkeiten findet, zu einem zufriedenstellenden Ausstieg aus der Ehe zu kommen, scheint der Tod die einzige, und deshalb beste Lösung darzustellen. Eigenartigerweise fühlt man sich angesichts dieser Möglichkeit nicht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Verständnis und Mitleid halten sich deutlich in Grenzen, was für die stichhaltige Leistung der Italienerin Laura Betti spricht, die ihrem Charakter Unerbittlichkeit und Angriffslust und ihrer Rolle folglich die nötige Tiefe einhaucht. Dagmar Lassander reiht sich sehr effektiv in dieses groß angelegte Diktat der Regie ein. Ihre über weite Strecken unscheinbare Darbietung steht einerseits vollkommen im Einklang mit der Geschichte, andererseits aber als quasi neutralisierender Ausgleich zu den bereits erwähnten Personen. Eine weitere attraktive Dame sieht man in persona von Femi Benussi, die trotz ihrer kurzen Rolle für deutliche Akzente steht. Die meisten Darsteller übernehmen nicht nur aufgrund ihrer knappen Auftrittsdauer komplett untergeordnete Funktionen, was gleichzeitig die größere Bühne für die Hauptpersonen frei macht. Erwähnenswert ist auch die Figur des Inspektors, der von Jesús Puente mit recht klassischen Zügen bei seiner konventionellen, aber ergiebigen Ermittlungsarbeit ausgestattet wird. Da sich das Feld im weiteren Verlauf etwas lichten wird, steigt die ohnehin große Konzentration nochmals in Richtung der Hauptrollen, die den Verlauf nicht nur prägen, sondern durch dynamische Darbietungen tragen.

Betrachtet man die psychologische Konturierung der Geschichte, findet man sich immer wieder in verzerrten Rückblenden und gedanklichen Windungen wieder. Sie werden wie ein Mosaik zusammengetragen, um Ahnungen der Zuschauer zu bestätigen oder sie zu verwerfen. Das Motiv scheint ziemlich schnell auf der Hand zu liegen, handelt es sich doch um einen Serienmörder, der das Fetischisieren seiner Taten betont. Wieder einmal ist es die dunkle Vergangenheit, die nur schwer zu rekonstruieren ist, aber des Rätsels Lösung verbirgt. Im Grunde genommen liefert die Geschichte ein relativ bekanntes Thema in unterschiedlichem Gewand, bei dem es ganz entscheidend auf die hier eingearbeiteten Finessen ankommt. Hass, der Liebe gleicht, Dysfunktion, Wahn oder Trauma fangen als Elixier der Story immer wieder an, spektakulär zu brodeln. Erneut zeigt sich eine recht bekannte Filmkrankheit, denn der ganz große Hammer bleibt aus, sollte in Form eines ambitionierten Twist dennoch Anerkennung finden. Diese Anmerkung soll den stringenten Verlauf und das selbstbewusste Auftreten von "Hatchet for the Honeymoon" aber keineswegs schmälern, denn schließlich bekommt man nach einer vermeintlich konventionellen Auflösung in einem überaus beunruhigenden Finale eine Art diffuse Prognose um die Sinne geworfen, die dem Empfinden nach wesentlich schlimmer als das bestialische Ende der Opfer wirkt. Da das Leben eben weiter geht, wird das altbekannte Heiratsversprechen »bis dass der Tod uns scheidet« herangezogen, und in zynischer Art und Weise umgekehrt. Mit Mario Bavas in schwarzen Humor getauchten Verwirrspiel auf Raten bekommt man schließlich insgesamt ein über weite Strecken beeindruckendes Filmerlebnis geboten. Es benötigt keine Einteilung in Schwarz und Weiß, birgt allerdings auch die leichte Gefahr, zu wenig Berührungspunkte preiszugeben, da sie sich nicht betont leichtfertig offenbaren.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



RHEINGOLD


● RHEINGOLD (D|1977)
mit Elke Haltaufderheide, Rüdiger Kirschstein, Gunther Malzacher, Alice Treff, Reinfried Keilich, Claudia Butenuth, u.a.
eine Visual Filmproduktion von Elke Haltaufderheide
ein Film von Niklaus Schilling

Rheingold1.jpg
Rheingold2.jpg
Rheingold3.jpg
Rheingold4.jpg
Rheingold5.jpg
Rheingold6.jpg
Rheingold7.jpg
Rheingold8.jpg
Rheingold9.jpg

»In und um Koblenz gehört sie mir...«


Nach einem ihrer zahlreichen Besuche bei ihrer Mutter (Alice Treff), trifft die Diplomatengattin Elisabeth Drossbach (Elke Haltaufderheide) ihren alten Jugendfreund Wolfgang Friedrichs (Rüdiger Kirschstein) im Zug wieder, dem Trans-Europ-Express "Rheingold", in dem er als Kellner für die Abteile und die Annehmlichkeiten der Gäste zuständig ist. Zwischen den beiden entwickelt sich eine leidenschaftliche Liebesaffäre, die fahrplanmäßig zwischen Genf und Düsseldorf stets unbeschwerte bis hemmungslose Formen annimmt. Bei einer der Fahrten fliegt die heimliche Liaison allerdings plötzlich auf, da Elisabeths Mann, der Diplomat Karl-Heinz Drossbach (Gunther Malzacher), ebenfalls mit dem "Rheingold" reist. Während der Fahrt kommt es zu einer fatalen Kettenreaktion und das Schicksal nimmt genau wie der TEE-"Rheingold" seinen unabänderlichen Lauf...

RHEINGOLD hat geschrieben:»Am 15. Mai 1928 fuhr der berühmteste Expresszug der Deutschen Reichsbahn erstmals zwischen Hoek van Holland und Basel. Da er auf seiner Fahrt größtenteils dem Rheinlauf folgte, wurde ihm in Anlehnung an die bekannte Sage der Name "Rheingold" gegeben. Mit seinen violett/elfenbeinfarbenen Pullman-Wagen war er bei jedem Halt eine Sensation, und nicht selten erwarteten ihn die Menschen unterwegs an den Gleisen und winkten ihm zu. Seit 1965 ist die legendäre Strecke nun Teil des europäischen TEE-Netzes. Heute ist die Fahrzeit um drei Stunden kürzer. Aus dem Violett der Wagen ist Rot geworden, aber der Name ist geblieben. Noch immer bedeutet dieser Zug den Reisenden mehr, als mit ihm nur von einer Stadt in die andere zu gelangen.«


Das interessante Making-Of zu "Rheingold" weist gleich zu Beginn auf die Schwierigkeiten der Entstehung bei Niklaus Schillings Beitrag hin, weil die Finanzierung sich offenbar über mehrere Jahre hingezogen hatte. Mit einem Produktionsbudget von rund einer Millionen Mark über Selbstfinanzierung, Vorabkauf des Fernsehens und einer Prämie konnte das über lange Hand geplante Projekt schließlich auf die Beine gestellt werden. Von Basel ausgehend, fanden die Dreharbeiten vier Wochen lang an jedem zweiten Tag in einem als Filmstudio umfunktionierten Waggon statt. Der Kommentar weist auf eine Aussage des Schweizer Regisseurs Schilling hin, der von sich behauptet haben soll, zu Zügen ein erotisches Verhältnis zu haben, was man zunächst vielleicht nur mit leichtem Erstaunen quittiert, beim Anschauen des fertigen Films aber absolut begreifen wird, denn die Inszenierung des TEE-"Rheingold" geht weit über eine herkömmliche Hommage hinaus. Schnell und quasi zu jedem Zeitpunkt zeigt sich hier das Können und die Präzision von Schilling, der aus dieser zunächst übersichtlich klingenden Handlung ein nahezu brillantes Konglomerat aus Mythologie, Emotion, Realität, Traum und Vergangenheit erstellt. Die Faszination entfaltet sich dabei umgehend, selbst wenn man im Vorfeld daran dachte, diesen Zug eigentlich nur an sich vorbei fahren zu lassen. Schilling selbst spricht von einem Zugfilm »in absoluter Form«, der schon mit der komplizierten Planung und den widrigen Produktionsbedingungen scheitern kann. Betrachtet man das beeindruckende Gesamtergebnis, so kann man wohl davon ausgehen, dass er seinen Vorstellungen sehr nahe gekommen sein wird, außerdem war "Rheingold" Wettbewerbsbeitrag der Berlinale 1978, wurde darüber hinaus mit dem Filmpreis in Gold (Kamera) und in Silber in der Kategorie "Weitere programmfüllende Spielfilme" ausgezeichnet.

Die Geschichte beginnt mit einem Abschied am Düsseldorfer Bahnsteig und die Hauptpersonen werden in Windeseile vorgestellt, sodass der Verlauf vor allem von dieser Dreieckskonstellation, bestehend aus dem Ehepaar Drossbach und dem Liebhaber von Elisabeth vordergründig dominiert wird. Behandelt wird eine, dem Empfinden nach vertraute Geschichte, die sich vom Prinzip her genau in dieser Form permanent so abspielen könnte. Zwei der Personen haben eine gemeinsame, bürgerliche Vergangenheit, die eine Form niemals eingeschlafener Intimität mit sich bringt, die Zweierkonstellation der Eheleute stellt einen festen Bestandteil der besseren Gesellschaft, mit all ihren Verpflichtungen und Zwängen dar und die beiden Männer würden am liebsten nichts miteinander gemein haben, allerdings treffen sie sich dennoch auf gleichen Ebenen. Bei den Darstellern muss vor allem Elke Haltaufderheides atemberaubende Leistung gewürdigt werden, die es erneut schafft eine nahezu gespenstische Präsenz aufzubauen, deren Ruhe und das damit verbundene konträre Handeln den Zuschauer ganz empfindlich verwirrt. Das örtliche und zeitliche Vakuum des "Rheingold" bietet nach allen Heimlichkeiten keinen Schutz mehr vor Enthüllungen, sodass eine vorprogrammierte Katastrophe als lose Skizze im Raum stehen bleibt, die durch die präzise geplante Inszenierung Gestalt annehmen darf. Mutig stellt man sich gegen das Großthema Spektakel und setzt auf plötzlich einsetzende Irritationen und Schocks. Der Zug, der permanent in Bewegung ist, setzt seine Marschrichtung mit Spannung und Tempo gleich, Schilling spielt dabei die gesamte Palette seiner Möglichkeiten aus und alles wirkt wie aus einem Guss. Versehen mit Metaphorik und Anleihen aus der deutschen Sage, entstehen hochinteressante Variationen, die den intelligenten Aufbau unterstreichen und bilden, außerdem düstere Vorahnungen schüren.

► Text zeigen

Die weitere Fahrt ist geprägt von unterschiedlichsten Rückblenden, in denen die Protagonistin Eindrücke und Situationen der Zweisamkeit Revue passieren lässt, die bis ins Kindheitsalter zurückgehen. Bei dieser Gelegenheit lernt man auch die zwei Gesichter dieser Frau kennen, die zusätzlich hinter einer Maske und Fassade versteckt sind. Ihre Unempfindlichkeit wirkt nahezu schockierend, das Hinnehmen der Situation unbegreiflich, sodass empfindlich mit der Hilflosigkeit des Zusehers gepokert wird. Aber es scheint tatsächlich so zu sein als warte sie, und im Spektrum zahlreicher Möglichkeiten weiß der Zuschauer nicht, was schließlich passieren wird. Bei jedem Halt des "Rheingold" kommen und gehen neu integrierte Personen, wie beispielsweise der alte Herr, der seiner Enkelin anhand des Panoramablicks aus dem Fenster die Mythologie längs des Rheins erklärt, was gleichzeitig in eine intelligente Assoziation zu Elisabeth gesetzt wird. Des Weiteren sieht man eine Mutter und ihr ungehorsames Kind, einen Astrologen, der die Zukunft und Gegenwart deutet, oder einen Schwarzfahrer und Erfinder, die der Dame in Weiß alle das einseitige Gespräch halten. In der Phase der Angeschlagenheit reduziert sich außerdem die Affäre Wolfgang auf ihre bloße Mechanik. Niklaus Schilling verlangt dem Zuschauer recht viel ab, indem er buchstäblich Schicksal spielt und günstige Zeitpunkte wie im realen Leben einfach verstreichen lässt. Insgesamt präsentiert sich dieser Beitrag in einer bestechenden Form und es wird eine unbestimmte Faszination verbreitet, die nicht alle Tage zu finden ist. "Rheingold" kann sich schließlich einen sicheren Platz unter den bemerkenswerten deutschen Beiträgen dieser Zeit sichern und die Regie feiert nicht nur einen Arbeitssieg, sondern insgeheim einen Triumph, wenn sich alle Eindrücke gesetzt haben. Großartiges Kognitionskino, für das man bei Interesse unbedingt eine Fahrkarte lösen sollte!


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »





Bild


● HOTEL DER TOTEN GÄSTE / EL ENIGMA DE LOS CORNELL (D|E|1965)
mit Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Renate Ewert, Gisela Uhlen, Hans Nielsen, Frank Latimore, Monika Peitsch, Claus Biederstaedt,
Enrique Guitard, Ady Berber, Manuel Collado, Rafael Cortes, Hans Epskamp, Panos Papadopulos und Gus Backus sowie Wolfgang Kieling
als Gäste singen Hannelore Auer und Elke Sommer
eine Music House Produktion | Cooperativas Cinematograficas | Carthago Films | im Ceres Filmverleih
ein Film von Eberhard Itzenplitz

H1.jpg
H2.JPG
H3.JPG
H4.JPG
H5.JPG
H6.JPG
H7.JPG
H8.jpg
H9.jpg

»Wo sollen wir die nächsten zehn Jahre wohnen?«


Der Reporter Barney Blair (Joachim Fuchsberger) erwartet seinen Kontaktmann Janos Kovacs (Panos Papadopulos), der ihm brisante Informationen verkaufen möchte. Doch bevor das Treffen stattfinden kann, wird Kovacs ermordet. Da er sich zuvor in Sanremo aufgehalten hatte, wo im Hotel Atlanta in den nächsten Tagen ein Schlagerfestival stattfinden wird, reist Blair dort hin, um Recherchen anzustellen, zumal er selbst unter Mordverdacht geraten ist. Vor Ort trifft er seine Kollegin Gilly Powel (Karin Dor), die ihn mit den neusten Informationen versorgt. Schnell stellt sich heraus, dass die Luft bereits am brennen ist, da Ruth Cornell (Gisela Uhlen), die Chefin der Plattenfirma Phonomac, eine empfindliche Vertragskündigung mit ihrem Star Lucy Balmore (Renate Ewert) ankündigt hat, und mit ihrer Art ohnehin die Missgunst mehrerer Personen auf sich zieht. Schließlich findet man sie tot in ihrem Zimmer auf. Auch sie wurde ermordet, außerdem ist ihr wertvolles Collier verschwunden. Inspektor Forbesa (Hans Nielsen) stellt die Ermittlungen an und es stellt sich in Windeseile heraus, dass sich die Trauer bei zahlreichen Personen in Ruth Cornells Umfeld stark in Grenzen hält...

Nachdem das Projekt "Hotel der toten Gäste" bereits 1964 vom Großverleih Constantin abgelehnt worden war, mussten zahlreiche Umbesetzungen im Stab vorgenommen werden, bevor der Film realisiert werden konnte. Ursprünglich war Krimi-Experte Alfred Vohrer für den Regiestuhl vorgesehen, bis man schließlich den Fernseh-Regisseur Dr. Eberhard Itzenplitz mit der Umsetzung betraute. Diese Tatsache stellt rückblickend häufig einen der größten Kritikpunkte bei dieser Produktion dar, immerhin hatte Itzenplitz keinerlei Erfahrung bei der Inszenierung von Kinofilmen, doch gerade aus dieser Tatsache lässt sich ein beachtliches Ergebnis herleiten. In diesem Zusammenhang wird diesem Kriminalfilm dennoch eine Art TV-Silhouette vorgeworfen, auch die Geschichte um das Schlagerfestival häufig als wenig originell erachtet, wobei sich dieses Plot-Fragment relativ leicht herleiten lässt, denn der Verantwortliche, Karl Heinz Busse, war mit seiner Produktionsfirma Music House ausschließlich bei Schlagerfilmen und Lustspielen in Erscheinung getreten. "Hotel der toten Gäste" bleibt im Endeffekt einer der am effektivst besetzten Kriminalfilme dieser Zeit und hat deutliche Vorteile zu bieten, die sich aus der Variation ergeben. Der Plan der Inszenierung geht mit einer alternativ angehauchten Geschichte innerhalb bestehender Gesetze der Krimi-Unterhaltung sehr gut auf, und im Besonderen fallen die beteiligten Charaktere ins Auge, auf deren dichte Zeichnungen glücklicherweise sehr großer Wert gelegt wurde - befinden sie sich angesichts der räumlichen Limitierung doch schließlich alle in einem Boot. Zu dieser Zeit war Edgar Wallace das Maß aller Dinge im Kriminalfilm-Bereich und daher ist es erfreulich, eine Vielzahl an Epigonen zu haben, die sich als Konkurrenzprodukte naturgemäß von dieser hohen Messlatte abheben mussten. Ob unter dem Banner Bryan Edgar Wallace, Louis Weinert-Wilton oder wie in diesem Fall Heather Gardiner; es wurden Profile kreiert, die manch echtem Wallace-Streifen mitunter deutlich vorgezogen werden können.

Genau das Gleiche gilt für diese Adaption, die bei den richtigen Antennen für Aufsehen sorgen kann. Die Besetzungsriege setzt sich bis auf wenige Ausnahmen aus bekannten Gesichtern der jeweiligen Produktionsländer zusammen, allen voran agieren Joachim Fuchsberger und Karin Dor, die schon seit langem eine der beliebtesten Konstellationen im Kriminalfach darstellten. Beide liefern hier mehr als nur Routine, man sieht ein bereits seit langem eingespieltes Team, welches Vertrautheit und Flexibilität anbietet. Fuchsbergers Funktion wurde über Jahre immer wieder variiert. So war er in zahlreichen Filmen als Hüter des Gesetzes zu sehen, hier abwechslungsweise einmal als unter Mordverdacht stehender Journalist, wenngleich diese Beschuldigung lediglich die Funktion hat, ihn so schnell wie möglich an den Ort des Geschehens und zu Co-Ermittlungen zu bekommen. Praktischerweise trifft er dort nicht nur das Who’s Who der Musikszene, in deren Reihen sich vermutlich weitere Leichen und der Mörder finden werden, sondern auch Karin Dor, seine reizende Kollegin. Beide gestalten das Zusammenspiel sehr angenehm und glaubwürdig, die Luft darf knistern und Joachim Fuchsberger ist bereit für eine Mehrfachanforderung aus Mördersuche, Lösung eines dunklen Geheimnisses und natürlich einer logische Romanze. Karin Dor, die insbesondere zu dieser Zeit schön wie nie ausgesehen hat, wirkt frisch und agil. Wie immer stellt sie eine der großen Bereicherungen in einer Produktion dar, weil sie den Zuschauer unmittelbar, oder eher unmissverständlich, auf einer Art Gefühlsebene ansprechen kann. Schnell lassen sich Widersacher ausfindig machen, die das private Glück der beiden hintertreiben wollen. Lediglich die Beweggründe sehen unterschiedlich aus. Man hat es allerdings nur mit einer angenehmen Randerscheinung zu tun und der Kriminalfall und die involvierten Personen stehen im Mittelpunkt dieses undurchsichtigen Falls.

Besonders ins Auge fallen die vornehmlich bissigen Gäste in Wort und Tat, und in diesem Zusammenhang entfalten sich die Stärken in der Schauspieler-Führung und bei den zum größten Teil gelungenen Dialogen. Bleibt man bei diesen Faktoren, die ja schließlich jedem Film zugute kommen, kann niemand anders als Renate Ewert und Gisela Uhlen genannt werden. Ewert sieht man hier bereits in einem ihrer letzten Filme vor ihrem frühen Tod und die zierliche Schauspielerin überzeugt auf ganzer Linie. Man darf sogar so weit gehen, und behaupten, dass sie im Dunstkreis der Kriminal-Geschichten eine der anerkennungswürdigsten Leistungen abliefern konnte, da der eingeschlagene Mittelweg zwischen Sympathie und Skepsis stimmt. Ihr Mordmotiv wird, wie bei vielen anderen auch, auf einem Silbertablett serviert. Auch die Tatsache, dass sie in außerordentlichen Situationen recht rücksichtslos agieren kann, macht sie zu einer der interessantesten Damen im Hotel, deren Türe den eigenen Angaben nach nie verschlossen sei. Ihre Kontrahentin ist auch gleichzeitig ihre finanzielle Grundlage, die sie für das Leben auf der Überholspur braucht. Gisela Uhlen beeindruckt in der Rolle der berechnenden Geschäftsfrau, leider ist ihre Rolle ziemlich kurz ausgefallen. Dennoch reicht es für ein paar Wortgefechte und giftige Spitzen, sodass sie den Unmut aller Beteiligten schnell auf sich ziehen kann, aber für den anstehenden Mord kein eindeutiges Motiv liefert, da man eigentlich den ganzen Verlauf über keine Verbindung zu dem ersten Opfer herstellen kann. Die geheimnisvolle und nahezu fragil wirkende Monika Peitsch rundet das stutenbissige Gespann ausgezeichnet ab, auch sie wird sich hier für einen echten Edgar-Wallace-Auftritt empfehlen, der ein Jahr später stattfinden sollte. Zu erwähnen sind noch Hannelore Auer und Elke Sommer als singende Gäste, die man aufgrund der Thematik rund um das Festival als weniger exotisch einordnet.

Für Abwechslung sorgt dieses Mal der ermittelnde Kommissar, nicht nur, weil er durch seine teilweise unorthodoxen Kapriolen auffällt, sondern vor allem weil er entgegen üblicher Strickmuster mit Hans Nielsen besetzt wurde. Nun klingt diese Anmerkung vielleicht zunächst etwas kritisch oder verhalten, doch dieser Eindruck soll erst gar nicht entstehen, bekommt man es doch mit einem hervorragenden Besetzungscoup zu tun. Nielsen, der insbesondere in seiner Krimi-Karriere so gut wie jede Rolle vom Mörder bis zum Ermittler abgedeckt hatte, überrascht mit neuen Tendenzen und erfrischender Arbeitsauffassung. Inspektor Forbesa wird dem Zuschauer als Denker und Analytiker präsentiert, der seine eigenen Erkenntnisse gerne kurz bis zum Überlaufen des Fasses zurückhält. In gewissen Situationen ist es allerdings auch so, dass er den Tropfen dafür selbst liefern wird. Seine Verhör-Methoden können vehemente und für die Verdächtigen sehr unangenehme Formen annehmen. Insbesondere Renate Ewert wird in seinen Würgegriff geraten und man sieht ihm leicht erstaunt, aber genauso interessiert dabei zu, wie er die Daumenschrauben anlegen kann. Personen hingegen, die mit offenen Karten spielen und Zusammenarbeit, oder zumindest Kompromissbereitschaft anbieten, haben weniger von ihm zu befürchten. Eine interessante Darbietung des Hamburgers, der noch im gleichen Jahr an Leukämie verstarb. Des Weiteren liefern der Amerikaner Frank Latimore, Gisela Uhlens Ex-Ehemann Wolfgang Kieling und Claus Biederstaedt sehr ansprechende Leistungen ab, auch die spanische Besetzung überzeugt mir gut angepassten Performances und über die Auftritte von Gus Backus und Ady Berber lässt sich vielleicht ein wenig streiten, wobei sie nach persönlicher Ansicht auch nicht wegzudenken sind. Insgesamt kann "Hotel der toten Gäste" den Anspruch erheben, eine der besten Besetzungen im Bereich der damaligen Kriminalfilme zur Verfügung gehabt zu haben.

Betrachtet man die Dramaturgie, so lassen sich sicherlich ein paar Schwächen ausfindig machen, die allerdings weniger Anlass zu ausgiebiger Kritik, sondern eher ein Aufzeigen der Möglichkeit darstellen, wie man das Effizienteste aus dieser Geschichte herauskitzeln konnte. Das Tatmotiv ist dem Anschein nach vielleicht auch nicht stark genug für Verbrechen und Mord, allerdings verstärken die Nebenhandlungen einen sattelfesten Eindruck, vor allem weil am Ende alles ineinander münden wird. Außerdem ist es unterm Strich wohl so, dass es für einen Mord schon viel weniger erfordert hat. Bemerkenswert ist die musikalische Doppelspitze, bestehend aus Federico Moreno Torroba, der sich für die spanische Version verantwortlich zeigt und dessen Musikstücke auch in der deutschen zu hören sind, und Gert Wilden. So unterscheidet sich der jeweilige Vorspann der Produktionsländer voneinander, wobei der Titelmusik von Wilden eindeutig der Vorzug zu geben ist, zumindest aus persönlicher Sicht. Seine schweren und dunklen, richtiggehend verheißungsvollen Klänge, sind mitunter das Beste, was man im zeitgenössischen Kriminalfilm finden kann. Das Setting Hotel wurde häufiger wegen seiner mangelnden Variabilität kritisiert, wobei man andererseits auch von einer willkommenen Abwechslung sprechen muss, da dieses Haus schon bald einem erdrückenden Vakuum gleicht, woraus der Verlauf seine Hauptspannung zieht. Unterm Strich bleibt ein Kriminalfilm, der zwar nach üblichen Mustern funktioniert, aber einige neue Impulse mit auf den Weg geben wird, außerdem steht eine Besetzung in allerbester Spiellaune zur Verfügung, die nur schwer zu überbieten ist. Dieses Experiment von Eberhard Itzenplitz ist insgesamt absolut geglückt und stellt eine sehr kurzweilige und runde Angelegenheit dar, die beim mehrmaligen Anschauen etliche Schritte über die ohnehin volle Entfaltung hinausgehen kann und Konkurrenten aussticht. Einer meiner langjährigen Favoriten.


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Helmut Berger

DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY


● DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY / IL DIO CHIAMATO DORIAN / DORIAN GRAY (D|I|GB|1970)
mit Herbert Lom, Maria Rohm, Richard Todd, Margaret Lee, Isa Miranda, Eleonora Rossi Drago,
Renato Romano, Beryl Cunningham, Stewart Black, Francesco Tensi und Marie Liljedahl
eine Produktion der Terra Filmkunst | Sargon Film | Towers of London | im Constantin Filmverleih
nach dem gleichnamigen Roman von Oscar Wilde
ein Film von Massimo Dallamano

DG1.jpg
DG2.jpg
DG3.jpg
DG4.jpg
DG5.jpg
DG6.jpg
DG7.jpg
DG8.jpg
DG9.jpg

»Jugend ist das einzige was Wert hat im Leben!«


Wie es der Zufall will, lernt der Dorian Gray (Helmut Berger) den Kunsthändler und Lebemann Lord Henry Wotton (Herbert Lom) im Atelier des gemeinsamen Bekannten und Malers Basil Hallward (Richard Todd) kennen, der den jungen Mann porträtiert. Wotton ist fasziniert von der Unschuld und vor allem der Schönheit Dorians, und führt ihn in den Londoner Jet Set ein. Durch dessen Einfluss lernt der junge Mann die Vergnügungen und Verlockungen des Lebens kennen, auch seine zynischen und verunsichernden Bemerkungen lassen Dorian Gray nur zu einem Schluss kommen: Er will ewig jung bleiben, selbst wenn er dafür seine Seele hergeben müsste. Die Jahre verstreichen, die Bekannten um ihn herum verändern sich, doch er scheint tatsächlich ein dunkles Geheimnis zu hüten, denn man sieht ihn unverändert jung und schön...

"Das Bildnis des Dorian Gray" brachte es seit Erscheinen des gleichnamigen Romans zu zahlreichen Verfilmungen und Massimo Dallamanos Adaption aus dem Jahr 1970 hält sich nur noch vage an die Vorlage, was allerdings keinen Grund zur Kritik darstellen soll. Handlung und Personen wurden in die tatsächliche Entstehungszeit verlegt, das Grundgerüst der Vorlage ist jedoch weiterhin erkennbar. Auch einige Textpassagen stimmen hier überein, die insbesondere Verwendung als Schlagworte finden. Vielleicht kann man dem Film bescheinigen, dass er sich von der Romanvorlage inspiriert zeigt, sich sogar im weitesten Sinne versucht zu emanzipieren und insgesamt ist es beim Anschauen empfehlenswert, dies losgelöst von Wildes Roman zu tun. Die Geschichte des narzisstisch veranlagten jungen Mannes, der sich quasi in sein eigenes Spiegelbild verliebt, ereignet sich im vom Zeitkolorit geprägtem London und transportiert daher eine, auch heute noch faszinierende Stärke der Bilder und Schauplätze, wobei von den Haupt-Charakteren natürlich nicht der ursprüngliche Schliff ausgeht. Was dem Film allerdings zugute kommt ist die Verpflichtung von Helmut Berger für die Titelrolle. Unabhängig von seiner Art zu interpretieren wirkt er nämlich tatsächlich wie der Prototyp des, oder eines Dorian Gray, den es überall und immer wieder geben könnte. Massimo Dallamano versucht hier viele Querverbindungen zu etlichen Genres zu knüpfen, so dass es von Drama bis Erotik auch zahlreiche andere Elemente zu finden gibt. Eines ist aber ohne jeden Zweifel entstanden, nämlich ein typisches Kind seiner Zeit, welches in vielerlei Hinsicht seine anziehende Wirkung auf den Zuschauer entfalten kann. Der Verlauf kann in Etappen eingeteilt werden, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. So nimmt man zwischen Poesie bis Aggression viele Facetten wahr, die der Geschichte ein wechselhaftes, ja, beinahe unberechenbares Profil geben.

Hierzu trägt Helmut Berger in besonderem Maße bei, da man seine grundlegende Verwandlung hautnah miterleben kann. Zunächst muss einfach erwähnt werden, dass die Glaubwürdigkeit der Titelfigur hauptsächlich auf der äußeren Erscheinung des Österreichers basiert, möglicherweise könnte ein Dorian Gray ja genauso aussehen. Sicherlich verlangt das Drehbuch keine darstellerische Ausnahmeleistung, ein phasenweise oberflächlicher Tenor ist auch nicht zu leugnen, allerdings ist es die Präsenz Bergers hier überaus beachtlich. Innerhalb der bestehenden Möglichkeiten werden Aspekte wie Zerrissenheit, Angstzustände, Manipulation oder Ausschweifungen recht gut dargestellt, es bleibt unterm Strich eine spürbare Faszination zurück, die von der Titelrolle ausgeht. Die Produktion birgt ohnehin eine hervorragende europäische Besetzung, die bis in die kleinsten Nebenrollen namhaft besetzt ist. Als Lord Henry Wotton überzeugt Herbert Lom als zynisches Sprachrohr, Mentor und mahnende Instanz, alles auszukosten, bevor es zu spät ist. Konträr zu moralischem Verfall und fehlenden Tugenden steht Richard Todd als Basil Hallward, der das Bildnis geschaffen hat, und damit eigentlich Teil der Katastrophe ist. Schöne Frauen schwirren um das anziehende Licht Dorian Gray, von denen man ebenfalls sehr ansprechende Darbietungen präsentiert bekommt. Die Schwedin Marie Liljedahl, für die "Das Bildnis des Dorian Gray" bereits ihr vorletzter Film war, überrascht mit einer dynamischen Interpretation der Sybil, ihre bemerkenswerte Schönheit verhilft ihr zusätzlich in höhere Sphären der Glaubhaftigkeit. Sie steht vollkommen konträr zur Londoner Hautevolee, die zumindest bei den Damen verblüffende Gesichter von beispielsweise Margaret Lee, Eleonora Rossi Drago oder einer hier kaum zu fassenden Isa Miranda bekommen. Schließlich nimmt man vollkommen zufrieden wahr, dass die Produktion schon alleine aufgrund der Darsteller punkten kann.

Erneut stellt Massimo Dallamano seine besondere Fähigkeit unter Beweis, einen Film sehr gut strukturieren zu können, was hier wohlgemerkt nicht hauptsächlich am Leitfaden der Romanvorlage liegt. Trotz der quasi determinierten Geschichte kommt es zu sehr interessanten Erweiterungen und ansehnlichen Einfällen, die den geneigten Zuschauer blendend unterhalten können. Zwar wird thematisch sehr Vieles aufgegriffen, beziehungsweise angebahnt, allerdings liegt es letztlich an der Fülle begonnener Fragmente, dass man nicht überall zu zufriedenstellenden Abschlüssen gelangt, hin und wieder entsteht der Eindruck, dass der Dramaturgie ein bisschen mehr Tiefgang ganz gut gestanden hätte. Wie dem auch sei, "Das Bildnis des Dorian Gray" ist als Einheit gesehen ein nicht zu verachtender Film seiner Zeit geworden, der typische, oder vielmehr obligatorische Szenen diktiert. Hier ist natürlich der erotische Einschlag zu nennen, der sich schließlich als eine vollkommen erforderliche Zutat herausstellt, nicht zuletzt weil das Interesse auf sehr ästhetischen Einstellungen liegt, und man die richtigen Leute vor und hinter der Kamera versammeln konnte. Man nimmt Allianzen zwischen vielen Beteiligten wahr, die vor allem Kamera oder Musik mit einschließen, der Verlauf schimmert immer wieder in einem sehr eleganten Licht, was sich jedoch nicht als Fazit durchschlagen kann, vielleicht zugunsten einer gewissen Unterordnung durch die zeitgenössische Unterhaltungsmaschinerie. Nichtsdestotrotz präsentierte Massimo Dallamano einen durchweg unterhaltsamen Film, der interessante Persönlichkeiten offeriert, malerische Bilder präsentiert und für Atmosphäre steht, außerdem mit seiner auf Vielseitigkeit angelegten Geschichte überzeugen kann. So bleibt ein überaus gerne gesehenes Erotik-Drama auf weltliterarischem Nährboden, welches in der persönlichen Rangfolge einen ganz hohen Stellenwert genießt.


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



LOVEMAKER


Bild


● LOVEMAKER / LOVE MAKER - L'UOMO PER FARE L'AMORE (D|I|1969)
mit Doris Kunstmann, Antonio Sabato, Roger Fritz, Peter Kraus, Yvonne ten Hoff, Paola Natale und Christiane Krüger
eine Produktion der cCc Filmkunst | Documento Film
ein Film von Ugo Liberatore

»Ihr deutschen Frauen seid zu romantisch!«


Auf einer Baustelle am Münchner Maximiliansplatz provoziert die Studentin Christiane (Doris Kunstmann) einen Zwischenfall mit einem italienischen Gastarbeiter, dessen Ursprung offensichtlich Überheblichkeit oder Langeweile war. Da die attraktive junge Frau den Arbeiter dazu animiert hat, sie unangemessen zu berühren, wird dieser von ihren Begleitern Hans (Peter Kraus) und Klaus (Roger Fritz) verfolgt und brutal zusammengeschlagen. Ihre hübsche Freundin Helga (Christiane Krüger) schaut dieser Aktion zu. Als die Männer von dem jungen Ingenieur Giorgio (Antonio Sabato) gestört werden, schlägt die Situation komplett um, denn die beiden Frauen fühlen sich von dem gut aussehenden Italiener angezogen, doch zeigen dies auf vollkommen unterschiedliche Weise. Während Christiane ihn aufgrund seiner Herkunft weiterhin von oben herab betrachtet und ihm die kalte Schulter zeigt, geht Helga ganz unverblümt in die Offensive. Doch beide Frauen haben die Rechnung ohne den italienischen Wirt gemacht, der ganz andere Auffassungen von Beziehungen mit Frauen dieses Schlages hat...

Alleine der Titel zu Ugo Liberatores Film wirft im Vorfeld die Frage über die Marschrichtung auf und selbst der Vorspann erlaubt sich zunächst eine kleinere falsche Fährte, indem der in großen Lettern auftauchende Begriff "Latin Lover" kurzerhand in "Lovemaker" ummontiert wird. Ende der 60er Jahre wurde das Publikum mit einer Reihe freizügiger Filme mit erotischen und komödiantischen Inhalten versorgt, sodass vielleicht die Vermutung nahe liegen will, diese Geschichte könnte in die selbe Kerbe hauen wollen. Doch schnell wird man eines Besseren belehrt, denn Produktion inklusive Titel weisen eine auffällige, oder vielmehr anspruchsvolle Doppelbödigkeit auf, die hier regelrecht zum Elixier wird. Trotz deutscher Beteiligung durch Artur Brauners cCc Filmkunst brachte es "Lovemaker" zu keiner deutschen Kino-Auswertung, obwohl an Originalschauplätzen in München und mit überwiegend deutschen Interpreten gedreht wurde. Bei einem Blick auf das behandelte und immer noch brandaktuell wirkende Thema rund um Ressentiments Fremden gegenüber kann man durchaus nachvollziehen, warum der Film in der Bundesrepublik keinen Verleih finden konnte, denn er war den üblichen Sehgewohnheiten zu wenig angepasst. Aus heutiger Sicht kann nur betont werden, dass es umso erleichternder ist, dass der Film so ist wie er ist, denn es handelt sich wirklich um einen vielschichtigen Beitrag, der sowohl seinen Unterhaltungsambitionen als auch seinem Anspruch Genüge tut. "Lovemaker" - was möchte dieser Titel eigentlich ausdrücken, beziehungsweise ankündigen? Zwar deutet der italienische Zusatz "L'uomo per fare Lamore" selbstbewusst an, das die männliche Hauptfigur namens Giorgio der Mann sein wird, mit dem man Liebe macht, aber vielmehr kann der Titel als Wortspiel angesehen werden, und zwar insofern, dass es sich um einen Zeitgenossen handelt, der die schönste Sache der Welt nicht nur praktiziert, sondern die Liebe bei den passenden Frauen aktiv fabriziert. Sie verlieben sich nicht nur profan in ihn, sondern er bringt sie regelrecht dazu.

Gebahnt wird die Story mit dem Aufzeigen einer Art zweifelhaften Gesellschaftsspiels. Die junge Schickeria fährt in der Stadt herum und langweilt sich offenbar vom Nichtstun. Durch die Integration der teils spröde wirkenden Charaktere gewinnt die Geschichte schnell an Brisanz, denn im Raum steht im übertragenen Sinn plötzlich eine Art stumpfsinniges Prinzip; etwa so, als ob alle Türken Ali hießen. Daher wird die weibliche Protagonistin in diesem frühen Stadium nicht müde zu betonen, dass sie italienische oder türkische Gastarbeiter quasi unfehlbar per Augenmaß identifizieren könne, was sich als entscheidender Kniff erweist, denn schließlich soll Christiane ein Klischee-Äquivalent der deutschen Frau charakterisieren. Zielstrebig sucht sie sich also ein beliebiges Opfer auf der Baustelle aus und provoziert den Mann mit ihren leichtfertigen Reizen, bis dieser schließlich die Quittung in Form von Faustschlägen bekommt. Das Ergebnis: Drei gebrochene Rippen und das Auslösen einer unliebsamen Kettenreaktion, die die Gefahr birgt, nur Verlierer hervorzubringen. Der teils heitere Tenor der Geschichte täuscht keineswegs über den bevorstehenden Ernst der Lage hinweg, kaschiert lediglich die Brisanz ein wenig, denn durch die Blume gesprochen tut es einem Adressaten dann nur halb so weh. Der Film schmeichelt unterm Strich keiner der prominent in den Fokus gerückten Nationalitäten, was eine sinnvolle Ausgewogenheit und Fairness herzustellen weiß. Obwohl insbesondere die Frauen ins Rampenlicht gerückt werden, werden auch die verschiedenen Herren der Schöpfung gegenüber gestellt. Zwar sind bei jeder Fraktion deutliche Attribute herausgearbeitet, aber es kommt zu eklatanten Unterschieden. Während die deutsche Seite vornehmlich überheblich, eitel, versnobt und alles andere als bodenständig wirkt, erscheint die italienische Masche wie eine Kulturrevolution, vor allem was Christiane und Helga betrifft. Auch in diesem Zusammenhang legt die Dramaturgie wert auf eine deutliche Differenzierung der beiden Frauen, obwohl sie von Grund auf oberflächlich und charakterlich teils uniform wirken.

Nachdem die einseitige Prügelei beendet ist, Helga sich noch eilig die Rückversicherung für eine vielversprechende Liaison mit Giorgio geholt hat, und sich die Partner der beiden Frauen ordentlich haben volllaufen lassen, geht das private jeu d'ennui zu Hause weiter. Hans schmiert ab und Klaus will Zuneigung erzwingen. Angewidert sieht man Doris Kunstmann ihren abschätzigsten Blick aufsetzen und vermittelt ihren Freund der willigen Helga, jedoch nicht ohne ihr den Rat mit auf den Weg zu geben, dass sie ihm ein Bier mitbringen und sich ihr Kleid ausziehen solle, da er sie wie ein Tier bespringen und es ihr sonst zerreißen würde. Dem Zuschauer ist klar, dass Christianes Gedanken längst bei der attraktiven italienischen Bekanntschaft angedockt haben, was sie vor maßlos ärgert - schließlich betrachtet man solche Subjekte von oben herab und sie gehören zu anderen Kreisen. Und sei es nur wegen der Nationalität. Ihr Pendant, Christiane Krüger, die hier so schön wie selten zu sehen ist, funktioniert hier schon simpler, da ihr der Stolz, die Eitelkeit und Raffinesse ihrer Freundin fehlt. Wenn man so will ist sie es, die von allen auf primitivster Triebebene agiert. Eigenartigerweise stört es ihre Busenfreundin kaum und die Truppe der sogenannten Hautevolee kommt in den Genuss der Gunst Christianes, deren Eltern schon einmal die Wochenendvilla am Starnberger See, oder einen schnittigen Sportwagen als Cliquen-Allgemeingut springen lassen. Aber man hinterfragt sich nicht und schon gar nicht die Ansichten und Vorgehensweisen des anderen. Bleibt man ganz simpel bei der Verteilung der Kräfte, sprich Giorgio und Christiane, so werden die Waffen der Frau gegen die Kanone des Mannes gerichtet. Ein dem Empfinden nach ungleiches Kräftemessen, denn die hochmütige Studentin scheint so viel Erfahrung und argumentativem Charme nicht gewachsen zu sein. Was reizt Christiane letztlich an dem Bauingenieur, den sie verachten, verfluchen, ja hassen will? Die Antwort scheint leicht zu sein, denn sie wird von ihrem eigenen Freund geliefert. Giorgio ist schrecklich undeutsch - ergo verführerisch.

Natürlich ist die Konfrontation nicht komplett darauf angelegt, dass erst der Eindruck entstehen soll, es handle sich um einen vollkommen ungleiches Tauziehen, schließlich reizt Giorgio die abwehrende Haltung ebenso, wenngleich seine tiefere Motivation einen völlig anderen Ursprung hat: Die Erniedrigung des verachteten Objekts. Es scheint so, als reiche es ihm erstmals nicht aus, die Beute nur zu jagen und zu benutzen. Er will sie brechen, zur Strecke bringen. Ein schwieriges Unterfangen, schließlich leistet die Beute heftigsten Widerstand. Die Figur der Christiane wird von Doris Kunstmann präzise ausbuchstabiert. Ihr sind alle erdenklichen Mittel von Hause aus gegeben und sie weiß um ihre Wirkung; umso irritierender, wenn ein Mann nicht in herkömmlicher Weise auf sie reagiert. Ihr eigener Freund stellt das Konventionelle dar, obwohl er und seine Gefolgschaft sich gerne in den Dunst des Unkonventionellen hüllt, jedoch stellen sie nichts anderes dar als Spießbürgertum für Fortgeschrittene. Die Kamera hofiert ihre Stars nach Herzenslust, dementsprechend kommt es zu sehr breit angelegten Strecken von Großaufnahmen, vor allem der Darstellerinnen. Im Rahmen der Bemühung um Contenance, Fassade, Unnahbarkeit und dem strikten Einhalten der Gesetze der Bourgeoisie, zeigen sich diesbezüglich immer wieder entgegengesetzte, beinahe labile Züge einer Frau, die noch nicht angekommen ist. Alles was sie weiß, hat sie von anderen übernommen. Alles was sie darstellt ebenfalls. Christiane steht trotz ihrer Dominanz und der Fähigkeit zur Manipulation der Clique quasi ohne wirkliche Identität da - zu allem Überfluss wird sie von einem Mann des Proletariats entlarvt und systematisch in die Tasche gesteckt. Daher sieht man von Doris Kunstmann trotz ihrer Maske eine breite Palette von Emotionen, die alles zwischen Krallen ausfahren und Tränen abdecken, die wie Feuer brennen. Ebenfalls kommt es zu nachdenklichen, beinahe melancholischen Zügen, die Selbstzweifel und gedankliche Irrwege thematisieren. So handelt es sich bestimmt um eine von Kunstmanns ausgefeiltesten Leistungen!

Antonio Sabato stellt nicht nur die Titelrolle im Film dar, sondern auch all das, wofür Hans und Klaus stellvertretend stehen: Den deutschen Mann. Giorgio ist im Leben angekommen, beruflich erfolgreich und nach seinen Angaben bereits verheiratet. Aufgrund des guten Aussehens und seiner provokanten Art den Frauen gegenüber, wird er ohnehin schon als Gefahr und Konkurrent eingestuft; fährt er ein besseres Auto, ist finanziell unabhängig und obendrein noch Ausländer. Antonio Sabato verleiht seiner Figur einen nicht immer aufrichtig wirkenden, aber der Anforderung entsprechend heißblütigen Charme. Darstellerisch gesehen erweist sich Sabato als guter Routinier, der die Szenerie nicht nur bereichert, sondern um die Leinwanddominanz kämpfen wird. Ihm gegenüber stehen Roger Fritz und Peter Kraus, die die nicht immer ganz erwachsen wirkenden Maultiere im Pferdegeschirr mit treffenden Gesichtern ausstatten und ihnen Impulsivität und Temperament mitgeben. Von deutscher Seite sieht man außerdem Yvonne ten Hoff als Liselotte, eine Freundin Christianes, die vom "Lovemaker" als Mittel zum Zweck missbraucht wird, und schließlich eine ihrer üblichen Lolita-Rollen mit einem Nimbus der Unschuld spielt, auch wenn dies natürlich kaum den filmischen Tatsachen entspricht und sie eine Packung Revolan als letzte Quittung wählt. Abschließend bereichert der bildschöne Branchen-Neuling Christiane Krüger das Geschehen in sehr effektiver Manier und verbindet ihre offenkundige Leichtfertigkeit mit ihrem bürgerlichen Korsett. Neben Doris Kunstmann sorgt sie für die pikanten und erotischen Momente des Szenarios und stellt dementsprechend ihre Reize zur Schau. Giorgio ergibt sie sich freiwillig und kapituliert, bevor der Kampf überhaupt begonnen hat, schenkt ihm beispielsweise sogar ihre eigene Hochzeitsnacht, in der Giorgio wohlgemerkt nicht der Bräutigam ist. In darstellerischer Hinsicht bleiben unter Ugo Liberatore keinerlei Wünsche offen und er spannt seine Instrumente gewinnbringend in diesem amourösen Roulette ein, das in Wirklichkeit die Weltanschauung bestimmter Personen kritisch infrage stellt.

Insgesamt gesehen wird die Geschichte mit einer ordentlichen Portion Zynismus angetrieben, der sich unter anderem auch gut in den Dialogen widerspiegelt. Neben den Sprachrohren in Form der Schauspieler gibt es zahlreiche Verstärker, die diese Strategie verfestigen. Eigenartigerweise müssen hier die Schlagern ähnlichen Musikstücke von Katja Holländer erwähnt werden, die vollkommen konträr zu den klassischen Easy-Listening-Tracks von Armando Trovajoli eingesetzt werden. Es scheint, als wollten die jeweiligen musikalischen Stilrichtungen den guten, beziehungsweise schlechten Geschmack der beiden im Fokus stehenden Nationen repräsentieren. Holländers Stücke sind für die Gestaltung des Films jedoch alles andere als unwichtig, immerhin unterstreichen die Textpassagen wortwörtlich, dass es sich beispielsweise nur um ein Spiel handle, oder dass es nicht gehe, dass man sich versteht. Erwähnenswert ist außerdem die einfallsreiche Kamera-Arbeit von Dario Di Palma, der sich entgegen der Seheindrücke um eine beachtliche Symmetrie, Dynsmik und Bildgewalt bemüht. Im Raum bleiben unterm Strich schließlich gehaltlose Vorurteile stehen, die vielleicht in den seltensten Fällen rationaler Natur sind. Dem Film gelingt eine kognitive Vereinigung jedoch recht gut, obwohl die Axt auch empfindlich angesetzt wird. Auch das Thema Doppelmoral wird geistreich ausgearbeitet, was Giorgio im Dialog mit Christiane durch den folgendem Satz vielleicht am treffendsten auf den Punkt bringt: »Du schämst dich nicht für den Ehebruch, sondern für den Italiener!« Ugo Liberatore ist mit "Lovemaker" ein Kabinettstückchen reinster Seele gelungen, das es keineswegs verdient, vollkommen in der Versenkung verschwunden zu sein. Selbst ohne den durchaus bestehenden Anspruch der Geschichte wäre der Film schon ein sehr kurzweiliger Unterhaltungsfilm geworden, der auf vielen Ebenen überzeugt, um nicht zu sagen entzückt. Schlussendlich handelt es sich um eine bedeutende italienisch-deutsche Kollaboration, die innerhalb eines isolierten Falls aufweisen möchte, dass der schlimmste Feind der Erkenntnis wieder einmal die Unkenntnis war. Durch und durch begeisternd!


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Bild

● LANGE BEINE - LANGE FINGER (D|1966)
mit Senta Berger, Joachim Fuchsberger, Martin Held, Irene von Meyendorff, James Robertson Justice, Helga Sommerfeld, Walter Wilz,
Cora Roberts, Hilde Sessak, Tilo von Berlepsch, Alexander Engel, Lia Eibenschütz, Rudolf Schündler, Heinz Spitzner und Hanns Lothar
eine Produktion der cCc Filmkunst | im Nora Verleih
ein Film von Alfred Vohrer

LangeBeine (1) .jpg
LangeBeine (2) .jpg
LangeBeine (3) .jpg
LangeBeine (5) .jpg
LangeBeine (4) .jpg
LangeBeine (6) .jpg
LangeBeine (7) .jpg
LangeBeine (8) .jpg
LangeBeine (9) .jpg

»Nicht echt!«


Baron Holberg (Martin Held) und seine Tochter Doris (Senta Berger) können als angesehenes Adelsgeschlecht auf eine lange Familientradition zurückblicken, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich ein dunkles Geheimnis: Vater und Tochter sind begnadete Diebe von wertvollem Schmuck. Jeder Coup geht dank Doris' einzigartiger Technik, entsprechende Colliers unbemerkt vom Hals reicher Damen zu entwenden, ohne Aufsehen und Verdacht über die Bühne, und finanziert nebenbei das luxuriöse Leben der blaublütigen Gauner. An einem Ferienort lernt Doris den Londoner Anwalt Robert Hammond (Joachim Fuchsberger) kennen, verliebt sich in ihn und möchte ab sofort ein ehrliches Leben beginnen. Baron Holberg will mit dieser Schande allerdings nicht leben und versucht fortan alles, um diese Liaison zu verhindern...

Produzent Artur Brauner wollte das Projekt "Lange Beine - lange Finger" bereits Anfang der 60er Jahre realisieren, unter Anderem mit alternativem Stab und unterschiedlicher Besetzung, doch es sollte noch einige Zeit dauern, bis Alfred Vohrer mit dieser Aufgabe betraut wurde. Man mag sich vielleicht im ersten Moment wundern, dass sich der Stuttgarter Regisseur einer Gaunerkomödie angenommen hatte, schließlich war das letzte Dutzend Filme geprägt von Edgar-Wallace-Krimis und Karl-May-Abenteuern, außerdem vom Haupt-Arbeitgeber Rialto-Film. In einem Zeitraum von fünf Jahren, kam es lediglich zu zwei Verpflichtungen bei der Konkurrenz, einmal bei der österreischischen Sascha-Film und in diesem Fall bei der cCc Filmkunst. Nach so vielen eher ernst und teils brutal gefärbten Geschichten stellt sich die Frage, ob Vohrer sich überhaupt im Komödienfach profilieren kann, wenngleich viele seiner Filme eindeutige Hinweise auf einen teils schrägen Humor offenbaren, die der Regisseur immer wieder genüsslich unterbrachte. "Lange Beine - lange Finger" verfügt über einen exzellenten Stab und eine noch interessantere Besetzung, immerhin geben sich Teile des Who’s Who des deutschen Kinos die Klinke in die Hand. Der Film startet mit einer Leichtfüßigkeit, die offenlegt, dass der deutsche Film viel zu selten gute Gaunerkomödien zustande brachte, und man sich hier in einer Art Offenbarung wiederfindet, die in den Bereichen Situationskomik, Amüsement und Kurzweiligkeit ganz eigene, wenn nicht sogar neue Akzente setzt, wenngleich sich Anleihen aus Artgenossen ausfindig machen lassen. Dies ist allerdings nicht weiter tragisch, denn Vohrer zieht etwas ganz eigenes mit einem sehr klar definierten Aufbau auf, ohne sich beirren zu lassen. Die Szenerie glänzt förmlich durch eine optimale Schauspielführung und Darbietungen und Stars, die wohl nicht besser aufgelegt sein könnten.

Die Frau dieser anderthalb Stunden ist Senta Berger, die wie nur wenige Kolleginnen die Fähigkeiten besitzt, jedes Genre glaubhaft zu bedienen. Die erste Begegnung mit Baroness Holberg geschieht vor der einladenden Kulisse an beeindruckenden Originalschauplätzen in Israel, und nicht nur der Zuschauer bescheinigt ihr eine außergewöhnliche Schönheit, sondern auch Joachim Fuchsberger alias Robert Hammond, der die junge Dame mit kleinen Tricks der originelleren Sorte für sich zu interessieren versucht, wenn da nicht ihr Vater wäre, der jegliche Kontaktaufnahme umgehend unterbindet. Alfred Vohrers Geschichte lebt von den Säulen Senta Berger, Martin Held und Joachim Fuchsberger, die in erstklassiger Art und Weise in die Manege geschickt werden, da es sich um einen Juristen und Kriminelle handelt, die allerdings ihre sympathische Art gemeinsam haben. Baron Holberg will den für seine Begriffe aufdringlichen Anwalt so schnell wie möglich wieder abschütteln, da er nicht nur seiner Tochter, die es unbedingt an seiner Seite zu halten gilt, sondern auch seinen Fischzügen gefährlich werden könnte. Dennoch bahnt sich die Liaison ganz natürlich, besonders leichtfüßig ,aber vor allem schnell an, bis Doris beschließt, ein normales Leben führen zu wollen. Senta Berger, Joachim Fuchsberger und Martin Held liefern über die gesamte Spielzeit Spitzenleistungen ab und die besondere Finesse entsteht dieses Mal im wechselseitigen Zusammenspiel, das überaus erfrischend wirkt, vor allem aber mit geschliffenen Dialogen und Situationskomik auftrumpfen kann, was in Erinnerung bleibt. Regisseur Vohrer zeigt, wie hochwertige Gaunerkomödien geboren werden, indem gekonnt mit genretypischen Klischees und Eigenheiten jongliert wird, und hierbei leistet die erweiterte Entourage ganz besondere Schützenhilfe. In diesem Zusammenhang ist die bestechend-skurrile und bemerkenswert choreografierte Leistung von Hanns Lothar zu erwähnen.

Des Weiteren werden die beliebten Schauspieler in bemerkenswert episodenhafter Art vorgestellt, teils skizziert in klassischen Einsatzgebieten, aber auch eingesetzt in für sie vollkommen ungewöhnlichen Rollen gezeigt. Bemerkenswert sind die Verpflichtungen von Irene von Meyendorff und James Robertson Justice als Ehepaar Hammond und noch interessanter ist die Randnotiz, dass beide im Jahr 1975 tatsächlich heirateten. Irene von Meyendorff, die über Jahre in keinem Kinofilm mehr zu sehen gewesen war, überzeugt wie Robertson Justice mit präzisen und passgenauen Darbietungen, genau wie die aufregende Helga Sommerfeld und ein immer gerne gesehener Walter Wilz. Dann wird die Liste der kleinen Rollen lang, und man sieht gute, alte Bekannte wie Hilde Sessak, Tilo von Berlepsch, Friedrich Schoenfelder, Rudolf Schündler, Heinz Spitzner, Zeev Berlinsky, Cora Roberts oder Albert Bessler, also hauptsächlich Interpreten, die häufiger bei Alfred Vohrer zu sehen waren. Es spricht für sich selbst, dass der Film mit dem Prädikat "wertvoll", dem Ernst-Lubitsch-Preis für Martin Held und einer Drehbuchprämie des Bundesministeriums des Inneren in Höhe von 200.000 D-Mark ausgezeichnet wurde. Bei "Lange Beine - lange Finger" handelt es sich zweifellos um Alfred Vohrers beste Komödie, vielleicht sogar um eine der besten der 60er Jahre, da diese turbulente Angelegenheit keine Qualitätseinbrüche offenbart. Vor allem im Bereich des Humors und der Situationskomik ist es fast eher erstaunlich als zu erwarten gewesen, dass Alfred Vohrer hier nie über das anvisierte Ziel hinaus schießt. Unterlegt mit einer immer passenden Musik von Martin Böttcher und einem tollen Titeltrack von Tanja Berg, vergeht die Zeit wie im Flug und hält noch ein paar nette Überraschungen bereit. Unterm Strich bleibt ein durch und durch gelungener Film und der Verdacht, dass Vohrer den deutschen Film dieser Zeit breiter hätte aufstellen können, wenn dieser ihm ein breiteres Angebot gemacht hätte.



🖈 "Lange Beine - lange Finger" ist ein Film, den ich vollkommen vergessen hatte, obwohl er früher sehr oft geschaut wurde - per Video-Aufzeichnung aus dem Fernsehen. Es war bei der erneuten Sichtung der Geschichte sehr interessant, zu sehen, dass er nach fast 20 Jahren noch vollkommen präsent war. Tanja Bergs Titeltrack hätte ich noch textsicher mitsingen können, wenn ich denn gewollt hätte, die Personen, die Eindrücke und der Aufbau waren noch genauso da, als sei die letzte Sichtung erst ein paar Wochen her gewesen. Das habe ich sehr oft bei Filmen, die ich früher, vor allem als Kind, geschaut habe. Das war ein Phänomen der x-fachen Sichtungen bei ein und demselben Film, vorausgesetzt er hat mir seinerzeit gut gefallen. Natürlich liegt es auch ein gutes Stück weit an der Übersättigung, denn damals war das Angebot nicht so breit wie heute, der Horizont ebenso. Mir fällt immer wieder auf, dass Erinnerungen aus Filmen, die ich lange nicht gesehen habe, nicht mehr ganz konform mit den tatsächlichen Seheindrücken sind, außerdem muss man sich drauf gefasst machen, dass alte Eindrücke durch neue weggewischt werden. Wie dem auch sei, der Film hat wieder großen Spaß gemacht und ist im Bereich der deutschen Gaunerkomödien wirklich mit das Beste, was ich bislang gesehen habe.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



DAS GEHEIMNIS DES DOKTOR Z


● MISS MUERTE / LE DIABOLIQUE DOCTEUR Z / DAS GEHEIMNIS DES DOKTOR Z (E|F|1966)
mit Estella Blain, Mabel Karr, Howard Vernon, Fernando Montes, Cris Huerta, Marcelo Arroita-Jáuregui und Guy Mairesse
eine Produktion der Hisperia Films S.A. | Speva Films | Ciné-Alliance | im Inter Verleih
ein Film von Jess Franco

Z1.JPG
Z2.JPG
Z3.JPG
Z4.JPG
Z5.JPG
Z6.JPG
Z7.JPG
Z8.JPG
Z9.JPG

»Du wirst meine Aufträge ausführen!«


Der geniale Wissenschaftler Doktor Zarowski (Antonio Jiménez Escribano) hat in jahrelanger Arbeit eine gefährliche Technik entwickelt. In Umkehrreaktionen kann er operativ Einfluss auf den menschlichen Charakter vornehmen, um diese nach seinem Willen funktionieren und handeln zu lassen. Als er versucht, diese Entdeckung auf dem Kongress der Neurologen vorzustellen, stempelt man ihn mit Empörung als Scharlatan ab. Daraufhin erleidet der bereits in die Jahre gekommene Wissenschaftler vor Aufregung einen tödlichen Herzinfarkt. Seine Tochter Irma (Mabel Karr) schwört beim Tode ihres Vaters Rache an den Verantwortlichen zu nehmen und seine Arbeit mit allen erdenklichen Mitteln fortzuführen. In der schönen Nachtclub-Tänzerin Nadia (Estella Blain) findet sie das geeignete Instrument zur Durchführung des teuflischen Vermächtnisses des Doktor Z. So lässt der erste Mord nicht lange auf sich warten...

Dieser von Regisseur Jess Franco inszenierte Schwarzweißfilm aus dem Produktionsjahr 1966 stellt sich bereits nach wenigen Minuten als erstaunliche Überraschung heraus, was sich auch insbesondere im Vergleich zu den eigenen Werken des spanischen Regisseurs sagen lässt. Eine alte Festung, Unwetter, Blitze und Donner, dunkle Katakomben, Gittertüren und der Ausbruch eines zum Tode verurteilten Psychopathen und Sadisten aus diesem Gefängnis; diese Sequenz fördert die Aufmerksamkeit und Spannung und man darf doch sehr gespannt auf den weiteren Verlauf sein, der ein richtiges Spektakel verspricht. Es wird hier sehr deutlich, dass Jess Franco durchaus ein gutes Gespür für Atmosphäre und solide Inszenierungen hat, was im Lauf der Jahre allerdings zugunsten seiner eigenen Dutzendware weniger exponiert zum Vorschein kommen sollte. Die Geschichte des Mad Scientist dient in "Das Geheimnis des Dr. Z" eher als Einführung in eine Geschichte, die dann streckenweise wieder sehr typisch für den Spanier wirkt und vom Prinzip her an das Konzept des 1970 entstandenen "Sie tötete in Ekstase" erinnert, allerdings nur weitläufig. Die eingeschlagene Marschrichtung deutet schließlich mit allen Finessen auf eine Art atmosphärischen Gruselkrimi hin, der einen guten Unterhaltungswert verspricht. Die attraktiven Hauptdarstellerinnen demonstrieren in dieser teils morbide wirkenden Geschichte bereits diskret Jess Francos später zu inflationär eingesetzte Vorlieben, wenn auch nicht im entscheidenden Sinn, da alles noch ein bisschen gezügelter vonstatten geht, was dieser Produktion definitiv zugute kommt. Gezügelt und in schwarzweiß, das könnte einigen Interessierten vielleicht neu sein.

Ein weiteres Novum fällt bei den Darstellern auf, da man es hier (abgesehen von Howard Vernon) noch nicht mit der üblichen Jess Franco Stammbesetzung zu tun bekommt, was sonst für eine gewisse Verlässlichkeit sorgt, in diesem Flick aber auch eine gelungene Abwechslung darstellt. Die attraktive Mabel Karr erscheint zunächst unscheinbar in ihrer Rolle der Tochter des Doktors. Irma steht in vollkommener Verpflichtung und Abhängigkeit zu ihrem Vater, und selbst der Tod kann diese Situation kaum ändern. Die argentinische Schauspielerin und damalige Ehefrau von Fernando Rey, bietet dem Zuschauer sehr glaubhaft eine teuflische Metamorphose an, sodass sie in der Wahl ihrer Mittel nicht kleinlich sein wird. Mithilfe der Erfindung ihres Vaters zwingt sie ihre Opfer dazu, sich ihrem Willen zu beugen. Eiskalt und unerbittlich agiert diese Frau, die ebenso nur ein Werkzeug des "Doktor Z" darstellt. Estella Blain, die sich 1982 das Leben nahm, ist in der Titelrolle der "Miss Muerte" zu sehen. Die französische Schauspielerin glänzt in der Rolle des willenlosen Werkzeugs. Um zu Gehorchen und um die tödlichen Befehle der Erbin des "Dr. Z" auszuführen, wurde sie mit einer Art Akupunkturgerät bearbeitet, welches eine Gehirnwäsche vornehmen kann. Sie soll nun die Schuldigen, die angeblich für den Tod des Wissenschaftlers verantwortlich sind, verführen und anschließend mit Hilfe ihrer langen vergifteten Fingernägel töten. Wie gut, dass die vor kurzem noch erotische Tänzerin die passenden Voraussetzungen in Form guten Aussehens für diese Taten mitbringt. Die schöne Estella Blain versprüht hier unheimlich viel Verve und es ist ein Genuss, ihr bei dem Versuch zuzusehen, ihre Männer in die tödlichen Krallen zu bekommen. Estella Blain und Mabel Karr stellen sich als wirklich hochinteressantes und vielversprechendes Duo heraus, welches wie ein Uhrwerk funktioniert und die anderen Darsteller in die zweite oder dritte Reihe verweist.

Falls Affinitäten für Kriminalfilme vorhanden sind, kann man eigentlich schnell auf den Gedanken kommen, dass dieser Film etwa ganz gut in die "Doktor Mabuse"-Reihe gepasst hätte. Das Werkzeug zum Erlangen der Weltherrschaft ist mit dieser Maschine ja vorhanden, die Thematik muss im Gesamtverlauf allerdings dem Großthema Rache weichen. Jess Francos Beitrag stellt sich insgesamt als sehr gelungen heraus, vor allem fällt die extravagante Bildgestaltung auf, die mit teils unheimlicher und nahezu beunruhigender Musik angereichert wurde. Eine dichte Atmosphäre zieht sich hier tatsächlich wie ein roter Faden durch diese Angelegenheit. Viele typische Inhalte, die man aus späteren Filmen des Regisseurs zu Genüge kennt, finden schon hier Verwendung, so beispielsweise die Tänzerin mit erotischer Darbietung, starke Frauen im Vordergrund, typische Kamerafahrten oder Kameraperspektiven und ausgiebige Aufnahmen der Landschaft, sowie einige Affronts in Richtung der allgemeinen Wahrscheinlichkeit. Beachtenswert bei diesem Beitrag ist die exzellente Synchronarbeit für die deutsche Version und unterm Strich wirken die Dialoge recht ausgefeilt und angriffslustig. "Miss Muerte" offeriert viele gelungene Passagen und spannende Szenen, sodass ein paar sich windende Sequenzen gar nicht so unangenehm auffallen. So bleibt letztlich zu sagen, dass man einen wirklich ordentlichen Film geboten bekommt, der unterhaltsam und zielstrebig seinen Lauf bis zu einem vorhersehbaren aber nicht uninteressanten Ende nimmt. Selbst für Franco-Skeptiker besteht hier kaum die Gefahr, eine breit angelegte Enttäuschung zu erleben. Die vielversprechende Eigenwerbung: »Ein Gruselschocker für starke Nerven« darf hingegen schon wieder etwas relativ angesehen werden, denn Nerven aus Drahtseilen braucht es bei "Das Geheimnis des Dr. Z" sicherlich nicht. Mich hat dieser solide und weitgehend ausgefeilt wirkende Franco jedenfalls richtig begeistern können.



🖈 Jess Francos Filme stellen eine Welt für sich dar. Manchmal erscheinen sie beinahe vollkommen isoliert und in sich gefangen, oft auch völlig kompatibel für die Ansprüche der Masse, oder schnell herunter gespult, aber sie präsentieren sich nie ohne das gewisse Franco-Etwas, das man lieben lernt, oder eben nicht. Bei seinem "Das Geheimnis des Dr. Z" handelt es sich vielleicht um einen guten Einstiegsfilm für all diejenigen, die den Spanier kennen lernen, oder ihm eine zweite Chance einräumen wollen. Neben den Produktionen für beispielsweise Artur Brauner, handelt es sich um Filme, die sich leicht konsumieren lassen und einen nicht so sehr zurückweisen, wie viele seiner anderen Geschichten. Mein Einstieg zu Jess Franco dürfte vor vielen Jahren "Der Todesrächer von Soho" oder "Der Teufel kam aus Akasava" gewesen sein, was quasi dokumentiert, wo ich seinerzeit hergekommen bin: aus dem klassischen deutschen Kriminalfilm, der durch den Spanier bedeutende Erweiterungen erfahren hat und internationaler, wenn nicht sogar progressiver wurde. Von daher kann ich nur sagen, dass es sich um eine glückliche Fügung gehandelt hat, wenngleich ich einfach sagen muss, dass man an ihm nicht vorbei kommt, wenn man sich für den zeitgenössischen Film interessiert. Lange Rede, kurzer Sinn: "Dr. Z" ist insgesamt wirklich zu empfehlen!

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



Bild

● PSYCHO II / PSYCHO 2 (US|1983)
mit Anthony Perkins, Vera Miles, Robert Loggia, Dennis Franz, Hugh Gillin, Claudia Bryar, Robert Alan Browne, Ben Hartigan und Meg Tilly
eine Produktion der Universal Pictures | Oak Industries | im Verleih der UIP
ein Film von Richard Franklin

Psy1.jpg
Psy2.jpg
Psy3.jpg
Psy4.jpg
Psy5.jpg
Psy6.jpg
Psy7.jpg
Psy8.jpg
Psy9.jpg

»Lass die kleine Hure nicht wieder in mein Haus!«


Nach 22 Jahren wird der siebenfache Mörder Norman Bates (Anthony Perkins) aus der Psychiatrie entlassen. Trotz heftiger Proteste und einer Kampagne von Lila Loomis (Vera Miles), der Schwester eines der Mordopfer, kann Norman ins normale Leben zurückkehren, da er aus klinischer Sicht als geheilt gilt. Obwohl er ein Motel besitzt, das allerdings in der Zwischenzeit von Geschäftsführer Toomey (Dennis Franz) zu einem gewöhnlichen Stundenhotel umfunktioniert wurde, beginnt er zunächst eine Arbeit in einem Schnellrestaurant, wo er die junge Kellnerin Mary (Meg Tilly) kennenlernt. Da sie von ihrem Freund den Laufpass bekam und momentan ohne Bleibe ist, lädt Norman sie ein, übergangsweise bei sich zu wohnen, doch das große, alte Haus samt Besitzer erscheinen ihr schnell ziemlich unheimlich. In den nächsten Tagen geschehen merkwürdige Dinge, denn Norman bekommt mysteriöse Telefonanrufe und Kurznotizen auf Zetteln. Das ungewöhnliche daran ist, dass sie von seiner, damals von ihm ermordeten Mutter zu sein scheinen...

Die einführenden Bilder zu "Psycho II" versprechen mehr, als nur ein Déjà-Vu für den Zuschauer zu werden, denn gleich zu Beginn wird man mit ungemütlichen Szenen konfrontiert, die aus Alfred Hitchcocks berühmten Klassiker von 1960 stammen, und den Mythos von "Psycho" aufgreifen. In Schwarz-Weiß-Bildern, die Filmgeschichte geschrieben haben, beobachtet man plötzlich Janet Leigh unter der Dusche im legendären Bates-Motel, bis sie von einer beängstigenden Gestalt mit mehreren Messerstichen nieder gestreckt wird. Diese kleine Gedächtnisstütze wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, kündigt aber selbstbewusst an, dass "Psycho II" nicht nur ein Abziehbild werden möchte. Szenen am Gericht führen sogleich zwei gute alte Bekannte ins Szenario ein, die bereits in der Urversion zu sehen waren, nämlich den wieder einmal irritierend ruhig wirkenden Norman Bates und Lila Loomis, die Schwester der damals ermordeten Marion Crane, die gleich als zu allem entschlossene Gegenspielerin aufgebaut wird und lautstark auf die tödlichen Gefahren einer Entlassung hinweist. Richard Franklins Film ist durchzogen mit Verknüpfungen zu Hitchcocks Klassiker, die nicht nur thematischer Art, sondern auch stilistischer und inszenatorischer Natur sind. Dennoch wird schnell deutlich, dass diese Fortsetzung versucht, vollkommen auf eigenen Beinen zu stehen und das auch eindrucksvoll unter Beweis stellen wird. So kommt man in den Genuss einer Geschichte, die angebrochene Gedanken weiterführt und dabei fährt die Regie eine beeindruckende Doppelstrategie, die Verlauf und Ausgang der Geschichte unberechenbar bleiben lassen, was sich letztlich komplett innerhalb bestehender Gesetze von Horror-Filmen gehobeneren Niveaus bewegt. Der neue Weg innerhalb vorhandener Rahmenbedingungen wird von einer sehr ansprechenden Besetzung geebnet, Bezüge zur 1960er-Version werden tatkräftig von Anthony Perkins und Vera Miles hergestellt, aber vor allem verfeinernd weitergeführt.

Perkins gestaltet seine Rolle wieder einmal sehr facettenreich, sein Wesen wirkt nervös, gehemmt, zerbrechlich und eigentlich undurchschaubar. Nach seiner Entlassung aus der Haft läuft er dem Empfinden nach ins Leere, oder vielmehr gegen eine Wand, die Alltag heißt und den er schon vor mehr als über 20 Jahren nicht bewältigen konnte. Im Haus seiner Mutter kommt es ohne Umschweife zu Situationen, die mehrere Möglichkeiten offen halten und zunächst ist es nicht genau zu deuten, ob es sich um rezidivierende Wahnvorstellungen handelt, oder um die hässlichen Gesichter eines Komplotts. Perkins, der den Verlauf so gut wie zu jedem Zeitpunkt trägt, macht einen hervorragenden Eindruck und provoziert geschickt Eindrücke beim Zuschauer, die zwischen Zutrauen und Skepsis hin und her pendeln. Vera Miles fällt bereits bei ihrem ersten Erscheinen durch ihre aggressive, und Zweifel schürende Rhetorik auf, als sie die Gerichtsverhandlung und deren Urteil zu unterwandern versucht. Auch diese gerne gesehene Interpretin schafft es sehr nachhaltig, dem Zuschauer zwiespältige Empfindungen aufzuzwingen. Eigentlich müsste Lila Loomis in die Kategorie der Personen fallen, mit denen man weitgehend sympathisieren kann, aber das ist irritierenderweise nicht der Fall. Vielmehr nimmt man eine hartherzige und selbstgefällige Frau wahr, die zu allem entschlossen sein könnte. Auch sie ist es, die der ambivalenten Figur Norman Bates auf unbestimmte Art beim Thema Mitfiebern zuträglich ist. Die frisch aufspielende Meg Tilly wirkt einerseits wie das klassische Äquivalent zu ihrer Film-Tante Janet Leigh, doch andererseits liegt es auch in ihrer Macht, vollkommen konträre Züge anzunehmen. Abrundende Leistungen servieren Robert Loggia, Dennis Franz oder Claudia Bryar und insgesamt bleibt der Eindruck über weite Strecken bestehen, dass die Skizzierungen aller Beteiligten das verwirrende Element vorantreiben können, wenngleich manche Personen in voller Absicht Schablonen bedienen.

Naturgemäß steht eine derartige Geschichte unter keinem guten Stern für die meisten Beteiligten und man wittert von der ersten Minute an Blut, Spektakel und Wahnsinn in der Luft. Der Spannungsbogen funktioniert auch ohne frühe Kniffe dieser Sorte sehr gut, sodass ein vollkommen unbehagliches Element die Szenerie nach Belieben dominieren kann. Der erste Mord wirkt daher wie vorprogrammiert und überhaupt sind die Inszenierungen dieser Inhalte sehr atmosphärisch mithilfe extravaganter Kamera-Einstellungen und beißender Akustik festgehalten worden. Die Frage, ob Norman Bates nur Opfer eines perfiden, doppelten Spiels ist, oder er die Geschehnisse aus dem Hinterhalt selbst antreibt, wird nahezu in Whodunit-Manier zurückgehalten und später vorangetrieben. "Psycho II" funktioniert sehr eigenständig und überzeugend, ohne sich selbst mit halsbrecherischen Methoden zu überholen. Mysteriöse Anrufe und handgeschriebene Zettel mit der Unterschrift von Normans verstorbener Mutter heizen die ohnehin schon aufgeladene Stimmung mit psychologischem Gehalt an, Trugbilder und Stimmen werfen die Frage auf, ob es mit Bates wieder so weit ist, oder immer schon so weit war, nämlich dass es mit seinem Geisteszustand nicht zum Besten gestellt ist. Franklin nimmt sich schließlich den Luxus vieler Spielräume und lässt dabei so manches Hintertürchen offen, um ein überraschendes, sowie spektakuläres Finale anzubahnen, beziehungsweise zu präsentieren. Wenn der Spuk dann endlich leider vorbei ist, kann die Regie sogar noch buchstäblich eine ungemütliche Schippe draufsetzen und am bitteren Ende fühlt man sich verwirrt und leer, aber insgesamt auch aufgeklärt. "Psycho II" ist eine rundum gelungene Fortführung eines legendären Alptraums geworden, der mit neuem Schwung und eigenständigem Charakter mehr als überzeugend ausgefallen ist. Unterm Strich bleibt nach persönlicher Ansicht eine der formvollendetsten Brücken im Horrorfilm-Bereich. Immer wieder gerne gesehen, immer wieder begeisternd!



🖈 Im Lauf der Jahre hat sich herausgestellt, dass ich eine regelrechte Affinität für Fortsetzungen entwickelt habe, was primär bestimmt mit daran lag, dass es überhaupt in irgend einer Form weitergeht. Fortsetzungen haben in der Filmwelt nicht unbedingt den besten Ruf, da sie unter dem Druck stehen, an Erfolge anknüpfen zu müssen, beziehungsweise diese noch zu übertrumpfen. In den meisten Fällen handelt es sich dabei natürlich um ausweglose Versuche, insbesondere wenn die ersten Teile mit großem Erfolg gesegnet waren. Zweite Teile bieten aber aber oft den großen Vorteil, dass sich die entsprechenden Geschichten unter Zugzwang neu definieren müssen, allerdings unter Berücksichtigung des vorigen Stoffes. Zum Teil kommen hoch interessante Auswüchse und Storys dabei heraus, die durchaus ihren Reiz haben. Die "Psycho"-Reihe startete mit einem Klassiker, bei dem schnell klar wurde, dass es sich um einen Nimbus für die Ewigkeit handeln würde. Die Fortsetzung ließ eine Film-Ewigkeit auf sich warten, vielleicht weil sich niemand an die große Herausforderung heran getraut hatte, oder eine solche nicht als erfolgversprechend eingestuft wurde. Nach persönlichem Gusto ist es als großes Glück zu bezeichnen, dass die Reihe so spektakulär weitergeführt wurde und alte Inhalte aufgreift, um sie clever mit neuen zu vereinen. Dieser zweite Teil wurde bereits während der ersten Sichtung zu einem meiner Lieblingsfilme, da er sich selbstbewusst und eigenständig präsentiert. Von daher kann ich nur sagen, dass er immer wieder gerne gesehen sein wird!

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



FERMI TUTTI! È UNA RAPINA!


● FERMI TUTTI! È UNA RAPINA! / FERMI TUTTI...! È UNA RAPINA...! / NOBODY MOVE... THIS IS A ROBBERY (I|D|1975)
mit Robert Wood, Karin Field, Fred Williams, Francesca Muzio, Rosario Borelli, Nando Marineo, Attilio Severini, Elio Caruso
Pietro Plinio Quinzi, Sergio Sinceri, Giampiero Macario, Gota Gobert, Maurizio Streccioni und Kai Fischer sowie Andrés Resino
eine Produktion der International Art Film | Neue Emelka
ein Film von Enzo Battaglia

Fermi-Tutti-E-Una-Rapina01.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina03.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina05.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina07.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina08.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina09.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina10.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina11.jpg
Fermi-Tutti-E-Una-Rapina12.jpg

»Wasting your time playing chess!«


In einem Hotel in Rom findet unter Aufsicht der Polizei eine Schmuck-Modenschau statt, bei der die attraktiven Mannequins Juwelen von nicht weniger als 8 Millionen Dollar vorstellen. Die Atmosphäre der Bewunderung und Ausgelassenheit wird allerdings abrupt durch eine Gruppe getarnter Musiker beendet, die sich als bewaffnete Gangster entlarven. Um ungehindert agieren zu können, werden die Gäste betäubt, die Juwelen geraubt, und sie begeben sich mit knappem Vorsprung auf die Flucht. Allerdings haben die Männer die Rechnung ohne ihren Drahtzieher gemacht, der die Beute an sich nimmt, um sie angeblich in Sicherheit zu bringen. Nach und nach fliegen Sprengsätze in die Luft, sodass es bald kaum mehr Zeugen gibt, mit denen man den Gewinn teilen müsste. Die Polizei rund um Commissario Scarfoglio (Fred Williams) stellt die Erhebungen an und findet eine heiße Spur in Form einer Schachfigur, die zu dem Kriminellen Joe Benetti (Robert Woods) führt, der den Plan des Raubes vor vielen Jahren einmal ausgearbeitet hatte. Dieser muss fortan versuchen, seine Unschuld zu beweisen...

Der italienische Regisseur und Drehbuchautor Enzo Battaglia inszenierte in seiner Karriere lediglich acht Spielfilme, die heute überwiegend in Vergessenheit geraten sind. "Fermi tutti! È una rapina! markiert bereits das Ende seiner Regie-Arbeit und ist dem Genre des damals sehr populären Polizeifilms zuzuordnen, allerdings weitgehend unbemerkt geblieben. Trotz deutscher Beteiligung durch die Neue Münchener Lichtspielkunst GmbH fand die Produktion in der Bundesrepublik keinen Kino-Verleih, was sich auch weitgehend international beobachten lässt. Häufig sagt diese Tatsache nicht gerade viel über das fertige Produkt und dessen Qualität aus, so auch in diesem Fall, denn die Geschichte kann im vollen Bewusstsein ihrer eher spartanischen Seele dennoch in vielerlei Hinsicht und wichtigen Basis-Bereichen punkten. Es kann noch nicht einmal behauptet werden, dass Barboni dem Publikum mit seinem Beitrag einmal etwas außer der Reihe anbietet, denn dafür lassen sich zu viele Parallelen und unverblümte Anleihen ausfindig machen, allerdings weiß die Geschichte von Anfang bis Ende zu unterhalten, da selten Leerlauf aufkommt, beziehungsweise das große anvisierte Ziel sehr lange unerreicht bleibt. Insgesamt ist die Messlatte angesichts erstrebenswerter Prädikate für diesen Film von vorne herein geringer angelegt worden, da es offensichtlich auch an Mitteln bei der Produktion gefehlt hat. Nichtsdestotrotz können vor allem die Personen des Konstrukts für atemlose Momente sorgen, außerdem einen subtilen Sarkasmus, wenngleich es auf der anderen Seite kaum Schauwerte gibt, die das Genre so berüchtigt und beliebt gemacht haben. Für Fans einer der Hauptdarstellerinnen könnte ein Alternativtitel einfach nur »Die Jagd nach Karin F.« lauten und mehrere Hebel brauchen auch gar nicht in Bewegung gesetzt werden, da alleine diese Tatsache eine ungewöhnliche Spannung aufbauen kann. Für alle anderen muss die Produktion wahrscheinlich hart daran arbeiten, dass sie den Durchschnitt halten kann. Einem vor Jahren ausgearbeiteten Plan für einen Millionen-Fischzug kann plötzlich dabei zugesehen werden, wie er sich verselbstständigt.

Zwar ist keine Vollkommenheit in Form von Präzision zu erkennen, aber es reicht für Ambition, großes Aufsehen und eine Kettenreaktion, welcher noch viele der ungelenk wirkende Schachfiguren zum Opfer fallen werden. Der unfreiwillige Haupt-Akteur ist von nun an ausschließlich damit beschäftigt, sich zu rehabilitieren oder von der Vergangenheit unabhängig zu machen. Interessant hierbei ist, dass man keinen Heiligen serviert bekommt, sondern einen nachweislich Kriminellen, der widerwillig Buße tun musste, und das auf Staatskosten. Dass sein alter Plan von einer anderen kriminellen Gruppierung aufgegriffen wurde, sorgt natürlich kaum für Freudensprünge, da er um seine Unschuld in dieser perfide gestellten Falle bangen muss. Im Grunde genommen ärgert sich Joe Benetti allerdings vordergründig darüber, dass jemand anders diesen Coup erfolgreich landen konnte. In derartigen Geschichten ist es immer sehr interessant, beinahe ausschließlich Personen in der Waagschale zu sehen, denen man alles oder nichts zutrauen würde - die Polizei ausgenommen, wenn hier auch nur ausnahmsweise, da Fred Williams in einer seiner bevorzugten Profile aufgehen darf. Wenn Joe die Juwelen nicht wieder findet, bekommt er also noch einmal 20 Jahre aufgebrummt und die Sterne stehen nicht gut für ihn, da seine Kontrahenten danach gegriffen haben. Der Protagonist der Veranstaltung wird sehr griffig von Robert Wood dargestellt, der sich weder für das Transportieren zweifelhafter Züge an seiner Figur, noch für zahlreiche Stunts und Choreografien zu schade ist. So wird Joe sowohl zum Jäger, als auch zum Gejagten, was die Rastlosigkeit der Story nur zusätzlich unterstreicht. Fred Williams vertritt den langen Arm des Gesetzes, der in vielen Situationen allerdings viel zu ungelenk wirkt, sodass die Rolle der Polizei scheinbar ins Hintertreffen gerät. Interpreten wie Andrés Resino oder Rosario Borelli runden das mit Komplikationen gespickte Geschehen gekonnt ab. Joe Benetti hat auf seinem Weg zu den verschwundenen Juwelen mit sehr vielen Fallstricken zu kämpfen, die wesentlich gefährlicher wirken, sobald sie feminin oder eben hochprozentiger Natur sind.

In dramaturgischen Belangen scheint mit der italienischen Schauspielerin Francesca Muzio eine ertragreiche Allianz zu entstehen, wenngleich die junge Fotografin sehr häufig viel zu eigenwillig wirkt, als dass sie eine verlässliche Hilfe darstellen könnte. Durch ihre Fotos, die sie exklusiv auf der Schmuck-Modenschau schießen konnte, ergeben sich erste Zusammenhänge und es zeigen sich längst vergessene Gespenster aus der Vergangenheit. So jagt das ungleiche Duo - welches jedoch zur Einheit im Bett wird - Joes Ex-Gattin hinterher, die beim Raub der Juwelen unter den Gästen zu sehen war. Bis die hoch verehrte Karin Field wieder gefunden ist, vergehen eine halbe Ewigkeit und ⅔ des Films, was allerdings für eine besondere Art der Spannung und eine selten exponierte Rolle für die Schauspielerin bedeutet, wenn auch indirekter Natur. Die illustre Damen-Riege wird durch die immer noch aparte und feuerrote Kai Fischer als Lady Gwendolyn abgerundet, die mit ihrer Lieblingsbeschäftigung der Verführung und Verwirrung beschäftigt sein wird. Die Deutsche wird in einigen Datenbanken übrigens irrtümlich als Karl Fisher ausgewiesen, sodass ihr Auftauchen eine besondere Überraschung darstellen konnte. Die Konstellationen untereinander werden in einigen Fällen etwas grobschlächtig geordnet, was zur Folge hat, dass einem die gesamte Konstruktion oft nicht wie ein klassischer Selbstläufer vorkommt, denn immerhin sind einige komplizierte rote Fäden mit eingewebt worden, die dem Empfinden nach zu wahllos wieder fallen gelassen werden. Dennoch weiß "Fermi tutti! È una rapina! über die komplette Dauer von etwas über 90 Minuten zu überzeugen, immerhin ist ein ambitionierter Aufwand zu erkennen, der in vielen Bereichen in Erinnerung bleibt. Ob es sich bei diesen Komponenten um die gut platzierten darstellerischen Leistungen, die eingängige Musik von Alberto Baldan oder das überraschend sarkastische Finale handelt, Enzo Battaglia hat seinen Film mit einer Prise Wiedererkennungswert und Spaß ausstatten können, was im Vorfeld nicht unbedingt zu erwarten war, denn immerhin war dieses Vehikel bei Release schon so gut wie in der Versenkung verschwunden. Ein A-Format der B-Kategorie.


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »




Romy Schneider

INZEST


● MY LOVER, MY SON / INZEST (GB|1970)
mit Dennis Waterman, Patricia Brake, Peter Sallis, William Dexter, Alexandra Bastedo und Donald Houston
eine Produktion der Metro-Goldwyn-Mayer | Sagittarius Productions | im Verleih der MGM
ein Film von John Newland

Inz1.jpg
Inz2.jpg
Inz3.jpg
Inz4.jpg
Inz5.jpg
Inz6.jpg
Inz7.jpg
Inz8.jpg
Inz9.jpg

»Ich glaube du würdest sogar Gott beleidigen!«


Francesca Anderson (Romy Schneider) widmet ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit ihrem Sohn James (Dennis Waterman), da sie von ihrem Mann Robert (Donald Houston), der sich ständig auf Geschäftsreisen befindet und Affären hat, nicht mehr viel zu erwarten hat. Im Umgang mit ihrem Sohn fühlt sie sich frei, unbeschwert und ausgeglichen, bis dieser eines Tages die hübsche Julie (Patricia Brake) kennen lernt. Da die beiden von nun an viel Zeit miteinander verbringen und sich immer näher kommen, fühlt sich Francesca vernachlässigt und reagiert mit ungewöhnlicher Impulsivität auf die neue Situation, bis es schließlich zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihr und ihrem Mann kommt, in der Francesca den Bogen vollkommen überspannt und Robert bis aufs Blut reizt. Im blinder Wut versucht er seine Frau zu töten, doch James kommt ihr im letzten Moment zur Hilfe und erschlägt seinen Vater im Affekt. Bei der Gerichtsverhandlung wird er jedoch mit einer komplett anderen Anschuldigung konfrontiert, nämlich vorsätzlichem Mord...

Dieser Film von John Newland gehört leider zu den wesentlich unbekannteren Filmen mit Romy Schneider, möglicherweise auch, weil ihm ein eher einvernehmlicher Ruf im negativen Sinn voraus eilt. Es bleibt zu sagen, dass man sich hierbei unbedingt die Mühe machen sollte, die Inhalte selektiv zu betrachten, denn "Inzest" ist keineswegs ein Film, der seinen Titel mechanisch zu charakterisieren versucht. Falls man es also schafft, ein bisschen zwischen den Zeilen zu lesen, offenbart sich ein Film mit geheimnisvoller Spannung und intelligentem Aufbau, da sich die Regie einer eigenartigen Verschleierungstaktik bedient. Die Geschichte und deren Charaktere werden von der aufdringlichen Stärke einer Frau dominiert, die ihre Energie jedoch fatalerweise aus ihrer eigenen seelischen Zerrüttung schöpft und somit eine beeindruckende Umkehrreaktion hervorruft. Das Publikum ist dabei vollkommen sich selbst überlassen, obwohl die gezeigten Bilder augenscheinlich in eine bestimmte Richtung tendieren, aber schließlich nicht genug zu einer eindeutigen Wertung zwingen werden. Genau diese Taktik führt letztlich dazu, dass der Film steht oder fällt, und zwar je nachdem, welcher Nerv der Auffassungsgabe getroffen wurde. Für zusätzliche Verwirrung sorgt hierbei die Einsilbigkeit der abgelieferten Erklärungen, deren Sparsamkeit das eigene Gedanken-Roulette anheizen wird. Selbst für den Fall, dass Newlands Beitrag einen völlig unbeeindruckt zurück lässt, bleibt wie so oft eine atemberaubende Romy Schneider zurück. In diesem Zusammenhang war 1971 in der "Saison Cinématografique" diese Einschätzung zu vernehmen: »Kein Wort, keine Geste, kein Blick erwachen hier zu einfachstem Leben. Damit ist alles gesagt! Von nichts kommt nichts. Es ist deshalb unnütz, sich Fragen zu stellen. Trotzdem muss man folgendes feststellen: nur Romy Schneider mit ihrem wunderbaren Gesicht ragt aus diesem unglaublichen Abschaum heraus«. Harte Worte, die allerdings im gleichen Atemzug - wie so oft - durch das Hervorheben der Aura von Romy Schneider entschärft wurden. In der Tat sind es hier manche Bilder und Dialoge, die peinlich berühren, aber dem Produkt keinen Schaden zufügen.

Knackpunkt dabei ist der luftleere Raum zwischen dem quasi praktischem und mutmaßlichem Nichts, oder dem hier sogenanntem Inzest, der jedoch durch die immer wieder in grellen Bildern einschießende psychologische Komponente weichgespült wird, und schließlich einen diffusen Charakter behält. Glücklicherweise muss man sagen, denn ansonsten hätte John Newlands Beitrag weniger Anteile von einem edel anmutenden und intelligent auftrumpfenden Thriller, als von der oben erwähnten Einschätzung im Sinne von reißerisch-unglaubwürdiger Fließbandarbeit. Auch die Partizipation von Romy Schneider spielt hier eine entscheidende Rolle, die ohne jeden Zweifel alles hätte spielen können, aber nicht alles gespielt hat. Dem Vernehmen nach interessierte sie sich sehr für derartige Einsätze, Rollen nämlich, die sich deutlich von einheitlichen und nichtssagenden Angeboten abheben konnten. Vollkommen explizite Szenen spart sich der Verlauf glücklicherweise zugunsten der Nachhaltigkeit und einer gefühlt höheren Glaubwürdigkeit innerhalb dieser eher halluzinatorisch-verzerrten Atmosphäre auf. Aufgrund der sich wenig vom Alter her unterscheidenden Protagonisten - Romy Schneider und Dennis Waterman trennten zur Entstehungszeit nur etwa genau zehn Jahre - und des überwiegend psychologisch angehauchten und emotional motivierten Verlaufs, entsteht nicht das, was die verschiedenen Titel der Produktion zu suggerieren versuchen. Es kommt nicht zur vermuteten Perversion und es entsteht keine besonders große Abwehrhaltung des Zuschauers in Richtung der geschilderten Tatsachen, die ohnehin wie Seifenblasen zerplatzen werden. Daher ist zu betonen, dass »unglaublicher Abschaum« gewiss andere Strategien verfolgen und anders aussehen würde. Mit einer anderen Besetzung für die Rolle des James hätte dies alles bestimmt schon wieder ganz anders ausgesehen, ein Gedankenspiel hierbei wäre beispielsweise John Moulder-Brown wert gewesen, der alleine aufgrund seiner gehemmten Art zu spielen, seiner oft eigentümlichen Charaktere, und des damit verbundenen Eindruckes auf den Zuschauer für heftige Brisanz beim Inzest-Motiv hätte sorgen können. Dieses Gedankenspiel sei nur aufgeführt, um aufzuführen, dass bei diesem Film offensichtlich alles gut durchdacht war.

Auch die geäußerte Kritik bei der Alters-Frage der Hauptdarsteller ist auf ersten Blick zwar berechtigt aber bei dem sich beinahe hinterhältig aufbäumendem Verlauf insgesamt ohne Belang. Die lohnendere Aufgabe bleibt hier, sich diesem bemerkenswerten Film mit seiner herrlichen Bildgestaltung zu widmen, der leider völlig zu Unrecht unter Verschluss gehalten wird. Handelt es sich also um einen Geschichte, der hierzulande nicht zum isolierten - oder darf man ketzerisch sagen - gut präparierten Profil einer Romy Schneider passt? Vermutlich ist das so, wobei gerade diese provokanten Experimente die wahre Exzessivität und Leidenschaft der Schauspielerin offen legen. Die Filme ihrer englischen Phase werden im Allgemeinen nicht als besonders gut eingestuft, ergo auch nicht als sehenswert, wobei es die Frage bleibt, welches Schaffen man als Referenz nimmt. "Inzest" präsentiert sich im Rahmen seiner handwerklichen Umsetzung typisch britisch und transportiert eine überaus klassische Atmosphäre. Erwähnenswert sind die schönen Aufnahmen des Landsitzes der Andersons und die aus London, insbesondere zu späterer Stunde. Satte Ausstattungen, pompöse Inneneinrichtungen, schmeichelnde Ensembles und typische Settings tragen zu dem besonderen Flair bei, auch die Dialog-Arbeit setzt mitunter erfreulich scharfzüngige Akzente. Im Grunde genommen kommt die Geschichte recht vage in Fahrt, bis aber Romy Schneider die vorgefertigte Möglichkeit optimal nutzt, in Wort und Tat für einen Vulkanausbruch zu sorgen. Überragend ist die musikalische Untermalung die sich tagelang im Kopf festsetzen kann. Die Musik von Norrie Paramor und Mike Vickers ist wunderbar, insbesondere die des Titelvorspanns. Auch das immer wieder auftretende und mit tieferem Sinn getränkte Stück 'What's on your mind' bleibt angenehm im Ohr. "Inzest" funktioniert letztlich sowohl als Psycho-Thriller, als auch als Komplex-Drama recht gut, vor allem die Übergänge und der permanente Wechsel von unterschiedlichen Genre-Zutaten sorgen für die willkommene Abwechslung, selbst in Phasen, in denen sich der Verlauf trügerisch ruhig und diskret gibt. Das psychologische Motiv erfährt keine lückenlose Erklärung, da Romy Schneiders Selbstinszenierung genügend Fragen beantworten kann. Ein besonderer Film, der das Potential hat, auf ganz besonders eigenwillige Art und Weise zu beschäftigen.


► Text zeigen

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1650
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



DAS GROE PROJEKT


● DAS GROẞE PROJEKT (D|1971) [TV]
mit Siegfried Wischnewski, Inge Birkmann, Helmut Gentsch, Walter Buschhoff, Benno Hoffmann, Joachim Wichmann und Heidy Bohlen
eine Produktion der Deutschen Buchgemeinschaft | im Auftrag des ZDF
ein Film von Günter Gräwert

Das große Projekt (1).jpg
Das große Projekt (2).jpg
Das große Projekt (3).jpg
Das große Projekt (4).jpg
Das große Projekt (5).jpg
Das große Projekt (6).jpg
Das große Projekt (7).jpg
Das große Projekt (8).jpg
Das große Projekt (9).jpg

»Ich habe ihm gesagt wo er sich seinen Job hinstecken kann!«


Joe Manx (Siegfried Wischnewski) ist seit Jahrzehnten in der Baubranche tätig, doch von einer Pechsträhne verfolgt, die mittlerweile schon 15 Jahre andauert. In seinem Kopf setzen sich permanent große Pläne und abenteuerliche Projekte fest, von denen er überzeugt ist, sich und seine Familie aus der finanziellen Misere ziehen zu können. Herkömmliche und nicht sehr gut bezahlte Jobs lehnt er daher immer kategorisch ab. Wenn es wieder klamm in der Brieftasche wird, pumpt er seine Tochter Marilyn (Heidy Bohlen) immer wieder um Geld an, doch dieses Mal reichen ihm die Kleckerbeträge nicht aus, da er ein Projekt von immenser Größe anvisiert hat. Um es umsetzen zu können, klappert er alte Freunde und Bekannte ab, die ihm mehrere Tausend Dollar leihen sollen, damit Joe Land kaufen kann, auf dem er Hunderte von Häusern errichten will. Seine Frau Doris (Inge Birkmann) kann die Fantastereien nicht mehr mit anhören und beschließt, ihm die Realität vor Augen zu führen...

Der Fernsehfilm "Das große Projekt" wurde am 21.03.1971 vom Zweiten Deutschen Fernsehen gesendet, und im Endeffekt handelt es sich bei diesem Schwarzweiß-Film von Günter Gräwert um eine gepflegte, wenn auch keineswegs uninteressante Vorabendunterhaltung, falls sie denn in diesem Zeitfenster gesendet wurde. Diese Einschätzung bezieht sich auf die behandelte Problematik dieser Geschichte, die trotz ihres großen Konfliktpotenzials eher reibungslos vonstatten zu gehen, beziehungsweise überhaupt nicht von der Stelle zu kommen scheint, allerdings auch nicht ohne ihre Ausrufezeichen zu setzen. Die Story beginnt inmitten von Leben, rastlosen Arbeitern und zufällig aufeinander treffenden Personen, bevor man sich in einem gut besuchten Café wiederfindet, in welches Siegfried Wischnewki das Publikum höchstpersönlich, mit einem offensiven Blick in die Kamera und ausgestreckter Hand hineinführt. Die Freude, dass man sogleich Heidy Bohlen an einem Tisch antrifft, ist für Joe Manx ebenso groß wie für das sich noch orientierende Publikum, da zumindest ihre atemberaubende Attraktivität bislang verpflichten konnte. Ein Vater trifft sich mit seiner Tochter, der man deutlich ansieht, das es völlig normal zu sein scheint, dass sie ihrem alten Herrn Geld zusteckt, weil er seit Jahren in einer beruflichen Klemme und mentalen Abwärtsspirale gefangen ist. Von dieser Situation ist man als Beobachter tatsächlich etwas peinlich berührt, da es normalerweise vielleicht anders herum sein sollte, Joe Manx aber auch in einer so unangenehmen Lautstärke spricht, als ob er es darauf anlege, das ihn jeder hören soll. So geschieht das erste Aufeinandertreffen mit der Hauptfigur etwas holprig und würdelos, sodass das anschließende Gespräch zwischen Marilyn und ihrem Verlobten schon alleine informell angenehmer verläuft, da es bald etwas zu feiern gibt. Etwas pragmatisch wird ein Hochzeitstermin geschmiedet und hinter vorgehaltener Hand denkt man sich relativ unverblümt, dass der junge Herr doch am besten schnell ja sagen sollte, da die schöne Frau sicherlich auch zahlreiche andere Chancen hätte.

Um die Vorstellungsrunde komplett zu machen, lernt man im Hause Manx noch Doris, die - wie sich herausstellt - geduldige und besonnene Hausherrin kennen, die von Inge Birkmann mit eigenartiger Ruhe und Zurückhaltung ausgestattet wird, was für die Interpretin vollkommen unüblich erscheint, falls man ihre exaltierten und hoheitsvollen Allüren bereits kennen gelernt hat. In dieser Dreier-Konstellation geht es wie man erfährt wie immer um altbekannte Schimären, denen Joe hinterher jagt, sie aber nicht zu fassen kriegen kann, da sein Blick nach all den bitteren Rückschlägen getrübt ist. Ein großes Projekt soll der Familie einen Millionen-Dollar-Segen bescheren, und das Publikum freut sich mit dem voller Euphorie und Elan durchdrungenen Mann aus der Baubranche, der drauf und dran ist, Bäume auszureißen. Oder sind es nur Luftschlösser? Die Miene seiner Frau verrät, dass das Haustier der Manx offenbar eine Katze ist, die sich immer wieder selbst in den Schwanz beißt, sodass sie die großspurigen Ankündigungen schon gar nicht mehr ernst nimmt. Ganz anders sieht die Reaktion bei Marilyn aus, die sich für ihren Vater freut, allerdings nicht preisgibt, ob der Ursprung Mitleid ist. Diese TV-Produktion, die sich in ihrer Ausarbeitung doch sehr konservativer Mittel bedient, greift ein Thema auf, das eigentlich zu jeder Zeit aktuell ist. So sieht man einen Kampf gegen Existenzängste, die einfach durch das Spiegeln der Realität umgekehrt werden, außerdem von den engsten Mitgliedern der Familie und von Freunden und Bekannten mitgetragen werden. Unterm Strich dominiert das Großthema Geld schließlich den Alltag, und es ist überraschend, dass man trotz dieser Grundvoraussetzungen etwas Harmonie und einen intakten Umgang miteinander wahrnehmen kann. Ein familiäres Trio steuert dreierlei Ansätze bei, die sich gegenseitig schützen und das Fass somit nicht zum Überlaufen bringen. Realitätsferne, Resignation und Optimismus dividieren sich in den heiklen Momenten immer wieder gegenseitig weg, sodass sich diese Scharade bereits unendlich lang wirkende 15 Jahre hat abspielen können.

Im Rahmen des angeblichen Millionenprojekts wird Joe nicht verlegen, immer wieder zu erwähnen, dass er einmal eine Größe in der Branche gewesen und dass es unter seinem Niveau sei, einen unterbezahlten Job als Bau-Kommissar anzunehmen. Dieses Angebot kam übrigens von einem der wenigen Freunde, die noch übrig geblieben sind. Regisseur Gräwert zeigt auf, dass ein sozialer Abstieg und der immer währende Gedanke, dass alle anderen im Unrecht seien, einsam macht. Hinzu kommt die Tatsache, dass ihn die seiner Ansicht nach völlig unterbewerteten Fähigkeiten immer wieder dazu zwingen, hausieren, betteln und werben zu gehen. Wer seiner Freunde, mit denen er sich zum Kartenspiel trifft, könnte ihm 4000 Dollar borgen? Ohne die Antwort zu wissen, weiß jeder einzelne Zuschauer, dass es niemanden geben wird, der sich auf dieses aussichtslose Abenteuer einlässt. Interessant ist, dass die Geschichte eigentlich kaum Zweifel aufkommen lässt, das es sich bei dem großen Projekt um einen Flop aus dem Bilderbuch handelt, sodass selbst für das Publikum keine Hoffnungsträger zu finden sind. Mit jeder weiteren abgeklapperten Adresse wird es zunehmend ermüdender, Joes Hätte-Wäre-Wenn-Geschichten anzuhören, bis man schließlich eine Katastrophe wittert, die sich in Gedanken bildet und konkretisiert. Reibungspunkte werden ganz klassisch als Szenen einer Ehe gezeichnet, in der sich mittlerweile viel gegenseitiges Unverständnis eingeschlichen hat. Je mehr er zu sagen hat, desto weniger kommt bei ihr an, was zum perfekten Nährboden für globale Versagensängste wird. Lediglich die Tochter des Hauses scheint geerdet zu sein, da sie einen guten Job und eine Zukunft vor Augen hat, ihrem Vater allerdings nicht reinen Wein einzuschenken vermag, womit Marilyn ihrer Mutter indirekt in den Rücken fällt. Die Wahl der Schauspieler ist in dieser Fernsehproduktion als sehr gelungen zu bezeichnen und wartet dementsprechend mit bekannten Namen auf.

Siegfried Wischnewski in der Rolle des eigentlich verzweifelten Joe, stattet diesen Charakter mit Ambivalenz und der nötigen Vehemenz aus. Er spielt so gut, dass man zudem wahrnimmt, wie er sogar der zu interpretierenden Figur ein Theater vorspielen kann, zumal es zu wenigen ehrlichen und reflektierten Momenten kommt. Inge Birkmann stellt erneut unter Beweis, dass sie sich dynamisch auf jede noch so bizarre Rolle einstellen konnte, die sie allerdings andernorts zu spielen hatte. Hier sieht man sie ungewöhnlicherweise als Ruhepol, was ihr schlussendlich gar nicht so schlecht steht. Ihre Filmtochter wird von einer seinerzeit aufstrebenden Heidy Bohlen dargestellt, die sich der verfahrenen Situation stellt, indem sie die eigentliche Tragweite zu ignorieren versucht, aber nie den Glauben an ein gutes Ende verliert. Bekannte Darsteller wie Benno Hoffmann, Joachim Wichmann oder Walter Buschhoff runden das Szenario gekonnt und prägnant ab. So kann man von einem Fernsehfilm sprechen, der weit überdurchschnittliche Eindrücke in diesem Bereich zu liefern weiß. Während die nahezu manisch-depressive Atmosphäre immer neue Etappen nimmt, stellt sich die imaginäre Frage nach dem eigentlich großen Projekt der Geschichte, die sich auch gegen Ende per Twist lösen wird. Es ist ungewöhnlich aber angenehm zugleich, wie darauf verwiesen wird, dass man in Situationen bestimmten Musters auch einmal über den eigenen Tellerrand blicken sollte, um möglicherweise mit anderen Verhaltensweisen aufzuwarten, die eine festgefahrene Situation positiv beeinflussen könnte. Diese Möglichkeit wird hier von einigen Charakteren in Angriff genommen, doch das Ganze kommt zu keiner determinierten Wertung, sondern teilt klammheimlich eine Eigenwertung mit. "Das große Projekt" regt sporadisch zum Nachdenken an, da die subtile Anlegung es zulässt, spart sich jedoch große Ratschläge oder gar Augen öffnende Paukenschläge auf. So bleibt ein ruhiges und vielmehr nostalgisches TV-Vergnügen von gestern.


► Text zeigen

Antworten