DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Prisma
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DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Als ich damals mein Filmtagebuch am 19.07.2013 im alten Dirty-Pictures-Forum eröffnet hatte, erläuterte der einführende Satz, dass ich bei diesem Thema nur schwer widerstehen könne, was sich bis heute nicht geändert hat. Themen neu aufzuwärmen, einen gewissen Umfang wieder herstellen zu wollen und wieder von ganz vorne anzufangen klingt im ersten Impuls nicht nur witzlos, sondern es fühlt sich tatsächlich so an. Dennoch weiß zumindest ich sehr genau, dass mir dieses Nachschlagewerk auf Dauer bestimmt fehlen würde. Welche Filme haben einen temporär bewegt, animiert oder gelangweilt, oder welche Schauspieler_innen waren gerade en vogue, konnten dazu bewegen, alles Mögliche mit ihnen anzuschauen, und was hat man sich nötiger- und unnötigerweise zugelegt, was konnte wie eine Bombe einschlagen, womit hätte man in diesem Leben nicht mehr gerechnet oder was ist gnadenlos gefloppt? All diese Eindrücke waren auf einen klick verfügbar und das sollen sie auch wieder sein, wenn auch in modifizierter Form.

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In diesem Fall soll allerdings nur wieder eine lose Sammlung entstehen und vielleicht fallen mir nach so vielen Jahren der Filmleidenschaft noch einige Geschichten und alte Eindrücke von anno dazumal oder aktuelle Runs ein, die hier dann ebenfalls einen Platz finden können. Natürlich wird es bei einer derartigen Reanimation dieses bereits dagewesenen Tagebuchs vermutlich zu Wiederholungen oder auch dem ein oder anderen Déjà-Vu kommen, aber es gibt schließlich Filme und Serien, die ich mir immer wieder anschaue. Wie der jeweilige toast of today, beziehungsweise eher yesterday aussieht, konnte ich noch nie mit Bestimmtheit sagen, da das Thema Film etwas ziemlich Sprunghaftes und Unberechenbares für mich ist, bei dem im Vorfeld nicht immer ganz klar ist, was morgen oder übermorgen kommen mag. Klar ist nur, dass etwas kommt. So braucht es nur irgend einen Anstoß oder irgend einen Impuls, nur keinen Stapel, der abgearbeitet werden muss. So bin ich mir sicher, dass sich auch dieses Tagebuch irgendwie wieder füllen wird...

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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● DIE BANDE DES SCHRECKENS (D|1960)
mit Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Fritz Rasp, Karin Kernke, Dieter Eppler, Ulrich Beiger, Ernst Fritz Fürbringer, Eddi Arent,
Karl Georg Saebisch, Alf Marholm, Günther Hauer, Otto Collin, Karl-Heinz Peters, Marga Maasberg und Elisabeth Flickenschildt
ein Rialto Film Preben Philipsen | im Constantin Filmverleih
ein Film von Harald Reinl

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»Ich wette dagegen!«


Der seit Jahren gesuchte Betrüger und Fälscher Clay Shelton (Otto Collin) erschießt bei seiner Verhaftung einen Polizisten und wird wegen Mordes zum Tode verurteilt. Vor seiner Hinrichtung schwört er allen, die an seiner Verurteilung beteiligt waren, dass sie einem baldigen Tod entgegensehen werden. Wenig später wird ein Mordanschlag auf Inspektor Long (Joachim Fuchsberger) verübt, welcher maßgeblich an der Verhaftung Sheltons beteiligt war. Anschließend kommen der Staatsanwalt, Henker und Richter unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben, sodass Long tatsächlich davon ausgehen muss, dass sich Sheltons Prophezeiungen bewahrheiten. Als man dessen Grab öffnet, um die endgültige Gewissheit zu haben, dass er auch wirklich tot ist, findet man in seinem Sarg lediglich Backsteine und eine Todesliste, die darüber Aufschluss gibt, wen es als nächsten erwischen soll...

Im noch frühen Stadium der erstaunlich gut angelaufenen Edgar-Wallace-Reihe sollte es Harald Reinl sein, der als erster Regisseur zum zweiten Mal den Zuschlag bekam, ein neues Wallace-Abenteuer inszenieren zu können. Mit "Die Bande des Schreckens" gelang es dem Österreicher, einen ebenso guten, wenn nicht sogar noch spannenderen Film als "Der Frosch mit der Maske" zu kreieren, und es ist deutlich wahrzunehmen, dass sich die Serie von Film zu Film weiter entwickelte. Diese 1960 entstandene Produktion konnte den bisherigen Zuschauerrekord von gut über 3 Millionen Zuschauern übertreffen und bedient sich neuer Fragmente, die bislang noch nicht exponiert in Erscheinung getreten waren. So zeigen sich nicht nur ausgeprägte Grusel-Elemente, sondern auch Spuren von leichtem Horror, der insbesondere in den Szenen auftritt, in denen ein Hingerichteter seinen potenziellen Opfern die Galgenhand entgegenstreckt. Unter Betrachtung der bisherigen Zuschauerzahlen zeigt sich eindeutig, dass die damaligen Kinogänger ein prinzipielles Interesse an der Materie in neuer Fasson hatten, es aber auch ausschlaggebend war, wie und von wem der jeweilige Film inszeniert wurde. In der Geschichte rund um "Die Bande des Schreckens" geht schließlich rapide das Gerücht umher, dass eine Leiche ihr rachsüchtiges Unwesen treiben könnte, mindestens aber einige Helfershelfer, deren Identität oft nur zu erahnen aber nicht vollkommen auszumachen ist. Auch ohne die bestehenden Fakten oder Zahlen stellt sich binnen kürzester Zeit heraus, dass man es auch über die Grenzen der Reihe hinaus mit einem Krimi-Klassiker zu tun hat, der sich in allen wichtigen Bereichen mühelos profilieren kann. So provoziert die Regie immer wieder mit für damalige Verhältnisse drastischen Szenen, die nicht nur für Nervenkitzel sondern auch für breit angelegte Spannung zu sorgen wissen, die sich in den richtigen Momenten mobilisiert und hochschaukelt.

Die Finessen ergeben sich weiterhin aus der Tatsache, dass hier eine originelle Story zugrunde liegt, die jederzeit Verwirrung stiften und für Überraschungen sorgen kann. Insbesondere der übernatürliche Touch der Angelegenheit ist maßgeblich daran beteiligt, dass das Publikum hin und her gerissen ist zwischen der gedanklichen Verurteilung oder Rehabilitation bestimmter Charaktere. Als pragmatisch denkender und aufmerksam folgender Krimi-Fan hält man es natürlich für ausgeschlossen, dass ein Toter den selbsternannten Rache-Engel spielen könnte, obwohl Shelton auch nach seinem Tod immer wieder auftaucht und es einem sanfte Schauer über den Rücken treibt. überhaupt ist die Figur des Clay Shelton überaus interessant und kann trotz der überaus kurzen Auftrittsdauer aus dem Off überzeugen, da sein Fluch wie ein Schatten über dem Szenario liegt. Seine Todesankündigungen wirken verheißungsvoll und es erscheint gleichzeitig sehr plausibel, dass die Köpfe der verurteilten Personen rollen werden. Pikant bei diesem undurchsichtigen Thema ist, dass die ermittelnde Figur in persona eines agilen Joachim Fuchsberger ebenfalls auf dieser Liste steht, somit von Anfang an das Epizentrum der Gefahren gerückt wird. Fuchsberger ist hier in seinem bereits zweiten Wallace-Auftritt zu sehen und er macht daraus vielleicht einen seiner überzeugendsten. Dabei hat der junge Polizist an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen: Gegen die geisterhafte Shelton-Maschinerie, gegen die Wünsche seines Vaters, dessen Stammbaum seiner Ansicht nach viel zu würdevoll ist, um diese Voraussetzungen bei Scotland Yard zu verschwenden, und er muss schließlich noch um die Gunst von Nora Sanders und dafür kämpfen, dass sie der schrecklichen Bande nicht in die Hände fällt. Aus wenigen Fragmenten der Story werden nach und nach gut nachvollziehbare und geschickt ineinander überfließende Handlungsstränge, die exzellent von den Schauspielern, aber vor allem den Damen getragen werden.

Karin Dor, damalige Ehefrau des Regisseurs und in ihrem Wallace-Debüt zu sehen, passt sich der düsteren Anforderung in Perfektion an, indem sie daran arbeitet, deutliche Kontraste herauszuarbeiten. Ihre Anmut ist auffällig, ihre Attraktivität sowieso, und sie steht für unberührte Tugenden und Werte, die der Gefahr ausgesetzt sind, vergiftet zu werden. Karin Dor bewegt sich überaus sicher auf diesem Parkett mit doppeltem Boden und demonstriert bereits hier in aller verfügbaren Leichtfüßigkeit, warum sie zur Stil-Ikone für die Welle deutscher Kriminalfilme wurde. Ihre Nora Sanders stellt dabei eine Art Melange der Frau von damals und morgen dar, da sie einerseits das übliche Rollenbild verkörpert, andererseits aber auch für sich selbst sorgen kann, indem sie arbeitet und sich ein Stück weit von Korsetts der damaligen Gesellschaft frei macht. Kein Wunder also, dass sich Inspektor Longs Interesse bei der modern und vollkommen aufrichtig wirkenden jungen Dame verankern kann. Für völlig andere Eindrücke sorgt die damals als vielversprechend gehandelte Karin Kernke, die als leichtlebiges Pendant zwischen den Stühlen aufgebaut wird. Dabei fällt Kernkes besondere Fähigkeit auf, die jeweilige Szenerie für sich zu vereinnahmen, und das noch nicht einmal vordergründig im optischen Sinn, sondern im Rahmen ihrer darstellerischen Basiskompetenzen, die in Erinnerung bleiben. Elisabeth Flickenschildt als Mrs. Revelstoke spielt dem Empfinden nach oftmals in einer ganz anderen Liga, wenn man Vergleiche heranzieht, was jedoch hauptsächlich an der Auslegung der Rolle und am Gebrauch des Handwerks liegt. Beinahe flüsternd und über den Dingen schwebend, stiftet die Dame von Welt Verwirrung und lässt es nicht zu, dass ihr das eigene Umfeld in die Karten sehen kann, was übrigens auch für das Publikum gilt. Ihr mütterlicher Rat gegenüber Nora beeindruckt mehr als das Gegenteil der Fall wäre, sodass man die Flickenschildt quasi mit unmittelbarem Sicherheitsabstand begleitet, da man nicht anders kann.

Auch bei den Herren kann man sich auf Kompetenz und vor allem Präsenz verlassen. In diesem Zusammenhang ist zunächst Otto Collin als Clay Shelton zu nennen, dessen Auftrittsdauer nicht über den Vorspann hinaus kommt. Oder doch? Mit dieser Frage spielt Harald Reinl recht geschickt und auch wenn man die eine mögliche Maskerade vermutet, geht die Strategie sehr gewinnbringend auf. Collin dominiert das Geschehen quasi aus dem Jenseits heraus und lässt seine Drohungen nach und nach wahr werden, indem unschuldige Sterben, die er vor seiner Hinrichtung schuldig sprach. Otto Collins gespenstische Erscheinung sorgt richtiggehend für eine Aura und kommt dieser Geschichte sehr zugute, auch wenn es sich nur um eine Nebenrolle handelt, die keine Erwähnung in den Titelcredits des Films gefunden hat. Ebenso starke Leistungen, die auf dem jeweiligen Erscheinungsbild oder der bloßen Ausstrahlung fußen, liefern Fritz Rasp, Ulrich Beiger, Dieter Eppler oder Alf Marholm, sowie Ernst Fritz Fürbringer, Günther Hauer oder Eddi Arent auf Seiten der Polizei. Vor allem Arent wurde bereits in diesem frühen Wallace-Stadium das Abonnement zuteil, für den trockenen Humor zu sorgen, der bestenfalls auflockernd wirkt. Dennoch ist und bleibt Joachim Fuchsberger der Mann dieser etwa 90 Minuten, den man bei seiner teils unkonventionellen Ermittlungsarbeit gerne zuschaut, da er sie Sache fest im Griff hat. Überhaupt sind in den Anfangszeiten noch wesentlich dichtere Ermittlungen wahrzunehmen und hier kann man sogar den Begriff Teamwork in die Runde werfen, wenngleich neben Fuchsberger so gut wie jeder zum Stichwortgeber wird. Die Geschichte gewinnt durch die hohe Dichte an Morden an Rasanz, auch wenn manche Mordmethoden auf den Zufall und das Schicksal gleichzeitig angewiesen sind. Spätestens nach dem dritten Toten ist jedem klar, dass es auch jeden erwischen könnte, bis schließlich die Todesliste auftaucht, die Klarheit verschafft und eine hohe Trefferquote aufweist

Harald Reinls Film zeichnet sich vor allem durch sein hohes Tempo und dessen sichere Hand aus, was in so gut wie allen Bereichen erkennbar ist. Dem Publikum werden jedoch auch immer wieder angemessene Atempausen angeboten, sodass die "Bande des Schreckens" vielleicht als einer der Filme in die Geschichte der Reihe eingehen kann, der mitunter am meisten ausgewogen wirkt. Für besondere Gänsehaut- und Gruselmomente wirkt der Teils morbide wirkende Inszenierungsstil, der vor allem in der Rückschau zu den typischen Charakteristika gehören wird. Betrachtet man die sehr publikumswirksam ausgearbeitete Story, ergeben sich natürlich einige Fragen nach der Plausibilität, allerdings möchte man ein derartiges Schreckensstückchen erst gar nicht an derartigen Normen messen, da der Unterhaltungswert weit über dem Durchschnitt liegt. Im Grunde genommen wirkt hier alles dicht bis ins Detail durchgeplant, sodass keine Wünsche offen bleiben und die Serie sogar klammheimlich in eine neue Qualitätsebene gehoben wird. Besondere Erwähnung sollte die klassische Bildkomposition finden, die von wirksamen Schwarzweiß-Kontrasten und besonders gut arrangiertem Licht- und Schattenspiel lebt. Insbesondere wenn Donner ertönt, der Wind pfeift, ein Messer durch die Nacht fliegt oder Sheltons Silhouette im Nebel zu erahnen ist, kommt das typische Wallace-Feeling auf, das die Reihe so groß gemacht hat. Die Musik von Heinz Funk unterstützt die Story klassisch und kraftvoll, bis man auch schon einem Showdown entgegen sieht, der sich sehen lassen kann, da Harald Reinl großen Wert auf Überraschungsmomente legt, die mit einer auffälligen Brutalität und Unbarmherzigkeit eingeleitet und vollstreckt werden. Im Wallace-Universum markiert "Die Bande des Schreckens" einen waschechten Klassiker, der seine Stärken an den richtigen Stellen auszuspielen weiß, ohne sich vor dem spannenden Finale allzu sehr aus der Reserve locken zu lassen. Kann man wirklich nicht oft genug gesehen haben.



🖈 Edgar Wallace und ich ist in all den Jahren zu einer untrennbaren Kiste geworden und überhaupt sind die zahlreichen Verfilmungen, von denen ich die meisten erstmals als Kind gesehen habe, zu Evergreens geworden. Ich sehe mir die Filme nicht nur immer und immer wieder mit Begeisterung an, sondern entdecke auch trotz des hohen Bekanntheitsgrades immer noch Neues. "Die Bande des Schreckens" gehört zu den Vertretern, die ich seinerzeit nicht bei der TV-Ausstrahlung gesehen hatte, aber per Zufall irgendwann eine Aufzeichnung in der VHS-Sammlung meines Vaters gefunden hatte. Ab diesem Zeitpunkt konnte sich Harald Reinls Frühwerk zu den meist gesehenen Wallace-Filmen der Reihe entwickeln, weil ich ihn ganz einfach auch für einen der besten halte und er lässt sich heute wie damals immer noch flüssig anschauen. Zum Glück waren da noch mehrere Wallace- Aufzeichnungen auf Video zu finden. Wenn ich die Zahlen sprechen lassen müsste, könnte ich es gar nicht genau benennen, allerdings gibt es nur wenige der Filme, die ich noch keine 50 Mal gesehen habe, wobei dieser Richtwert in diesem speziellen Fall nicht ausreicht. Zu Kinderzeiten gab es Phasen, in denen die schreckliche Bande und Konsorten dem Empfinden nach in Dauerschleife gelaufen ist, was im Endeffekt nicht immer ein intensives Zuschauen, sondern oft nur ein Nebenherlaufen bedeutete. Vielleicht kann ich deswegen viele Dialoge so gut wie auswendig. Ach, der deutsche Kriminalfilm hat mich schon zu vielen anderen Genres bringen können, deren Schauspieler übrigens noch weiter, und es ist irgendwie beruhigend, dass es sich dabei um eine Neverending Story handelt. Es kommt zwar so gesehen nichts Neues mehr nach, aber dafür Vieles hinzu.

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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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Maria Schell

DANS LA POUSSIÈRE DU SOLEIL


● DANS LA POUSSIÈRE DU SOLEIL / IL SOLE NELLA POLVERE / IN THE DUST OF THE SUN / DUST IN THE SUN (F|E|1970)
mit Bob Cunningham, Karin Meier, Ángel del Pozo, José Calvo, Colin Drake, Perla Cristal, Marisa Porcel und Daniel Beretta
eine Produktion der Univers Galaxie | Kerfrance Production
ein Film von Richard Balducci

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»I like black!«


In der Abgeschiedenheit der kleinen Westernstadt San Angelo kommt es zu dramatischen Ereignissen, nachdem der Grundbesitzer Bradford von seinem eigenen Bruder Joe (Bob Cunningham) brutal umgebracht wird. So erreicht Joe sein langjähriges Ziel, sich nicht nur den gesamten Besitz und das Vermögen anzueignen, sondern auch Gertie (Maria Schell), die Witwe seines Bruders, zu heiraten. Ab diesem Zeitpunkt ist Gerties Sohn Hawk (Daniel Beretta), der ohnehin sehr in sich gekehrte Züge hat, nicht mehr wiederzuerkennen und sinnt danach, den Mord an seinem Vater zu rächen, um die moralische Ordnung nach seinen ganz eigenen Begriffen wieder herzustellen...

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Richard Balducci inszenierte in seiner Karriere nur verhältnismäßig wenige Spielfilme, zu denen auch die ungewöhnliche französisch-spanische Co-Produktion "Dans la poussière du soleil" gehört. Dieser im Jahr 1970 hergestellte Western wurde seinerzeit kaum bis gar nicht wahrgenommen, da es etwa drei Jahre dauerte, bis die auf William Shakespeares Drama "Hamlet" basierende Geschichte in den regulären Kinoverleih gelangte. Es folgten kurze Phasen der Aufführung, bis dieser bis heute weitgehend unbekannte Rachewestern-Vertreter wieder spurlos aus den Kinos verschwand. Im gesamten deutschsprachigen Raum, somit auch in der Bundesrepublik Deutschland, wurde Balduccis recht ambitioniert wirkende Erzählung keine Kino-Auswertung zuteil, wofür es mehrere Gründe gegeben haben dürfte. Zunächst ist allerdings einmal festzustellen, dass die Geschichte bereits im Vorfeld ein unbestimmtes Interesse und eine vielleicht nicht alltägliche Neugierde wecken kann, dies sogar vollkommen unabhängig von der Tatsache, dass Weltliteratur mehr oder weniger mit in die laufende Geschichte eingeflossen ist. Ein Film wie dieser steht und fällt mit ganz bestimmten Grundvoraussetzungen, die irgendwo zwischen Unvoreingenommenheit und Erwartungshaltung zu finden sind. Im vorliegenden Fall erhält sogar die nicht unwichtige Komponente massives Gewicht, dass die Hauptrolle des Szenarios keine Geringere als Maria Schell inne hat, sodass man sich als Zuschauer bereits vor der Sichtung darüber im Klaren sein sollte, Phasen der darstellerischen oder von Aura geprägten Dominanz geboten zu bekommen, wenngleich die Rolle der Wahl-Schweizerin hier in keinem Vergleich zu ihren Welterfolgen steht, für einen Italo-Western jedoch den Nimbus des Überqualifizierten mit sich bringt. Zumindest theoretisch. Diese überspitzte Beschreibung soll das so hochverdiente und erfolgreiche Genre keinesfalls abqualifizieren, sondern lediglich auf den Umstand hinweisen, dass derartige Fremdkörper oder vielmehr Experimente wenig erfolgversprechend waren, was die ausgebliebene Beachtung auch hinlänglich dokumentiert.

"Dans la poussière du soleil" als unwirsch, schwach oder gar misslungen abzutun, wäre angesichts der offensichtlichen Bemühungen viel zu einfach und auch mehr als ungerechtfertigt, denn Richard Balducci bietet eine nicht uninteressante Variation unter unzähligen Beiträgen an, die dem Empfinden nach nicht alle Tage zu finden war. Dass die gezeigte Geschichte auf William Shakespeares Vorlage basiert, kann aufgrund grobschlächtiger Parallelen nicht in das Reich der Mythen verwiesen werden, doch der Film funktioniert auch ohne jegliche Kenntnisse der Vorlage. Von einer Adaption reinster Seele kann nicht zuletzt wegen des Ambientes auch keine Rede sein, da die Erzählung mithilfe moderner und reißerischer Mittel auf zeitgenössische Abwege gelenkt wird und somit einen drakonischen Transfer erlebt. Es empfiehlt es sich ohnehin, den Film losgelöst, ohne Korsett und überspitzte Erwartungen zu betrachten, der sich bereits in der Eingangssequenz von seiner ansprechendsten Seite präsentiert. Spezifische Klänge läuten den bevorstehenden Kurs überaus eindrucksvoll ein und bäumen sich anklagend auf, sodass es unmittelbar nach einer schönen Panoramafahrt der an Flexibilität und Extravaganz interessierten Kamera zu Brutalität und Härte kommen kann. Im weiteren Verlauf kristallisieren sich außerdem ungewöhnlich deutliche körperliche Szenen heraus, die den hier gewählten, destruktiven Tenor oft unterstreichen und in einer derartigen Produktion fast schon ein wenig exotisch wirken. Das schnell servierte Motiv löst die nötige Kettenreaktion aus, die jede der beteiligten Charaktere existenziell bedroht. Die Marschrichtung, potentielle Geschehnisse und vorhersehbare Konsequenzen rücken im Szenario somit unmissverständlich in den Vordergrund, das von Isolation, Nötigung, Hass und Demütigung geprägt ist, um erst gar nicht auf die falsche Fährte zu führen, dass hier irgendwelche Gefangenen gemacht werden. Richard Balducci gelingt es innerhalb der sehr charakteristisch wirkenden Schauplätze und Kulissen recht eindrucksvoll, für eine seltene Art der Spannung zu sorgen, die im Endeffekt nicht einer ganz klassischen Definition entspricht, weil sie in ausgewählten Intervallen vor allem zermarternd, aushöhlend und beklemmend wirkt.

In diesem Zusammenhang ist auf Maria Schells erwartungsgemäß zwingend wirkende Darbietung hinzuweisen, die durch die bloße Anwesenheit und wenige Kniffe ihres breit gefächerten Repertoires für die bedeutenden Momente des Verlaufs sorgen kann. Für die gebürtige Österreicherin kam es insbesondere in diesem Zeitfenster zu ungewöhnlichen Einsätzen, was sich vermutlich aus zweierlei Gründen herleitet: Eine sich anbahnende Krise im internationalen Kinotopp und damit verbundene Restriktionen im Rahmen der üblichen Einsatzgebiete; hinzu kam eine längere schöpferische Kino-Pause der Interpretin, die bis auf wenige Unterbrechungen für Fernsehproduktionen bereits 1963 begonnen hatte. Maria Schells kleines Comeback führte sie somit nicht nur in diesen - wenn man so will - Franco- oder Eurowestern, sondern auch in für sie vollkommen untypische Produktionen wie beispielsweise Jess Francos Reißer "Der heiße Tod" und "Der Hexentöter von Blackmoor", in denen man Maria Schell wohl nicht unbedingt erwartet hätte. Als Zugpferd dieses Beitrags ist die Schauspielerin nebenbei bemerkt nur der nominellen Hauptrolle zu sehen, allerdings zeigt sich auch hier ein obligatorischer Präzisionsauftritt, der durch die Affinität der Kamera für ihre gebrochen wirkende Figur unterstrichen wird. Zwar kann Maria Schell im Vergleich zu vielen ihrer Top-Rollen kaum erwartungsgemäß auftrumpfen, doch es lässt sich in diesem Fall pauschal sagen, dass es hier mehr als ausreicht und sie wesentlich mehr Substanz anbietet, als oft im besagten Genre zu finden war, was insbesondere über die Aufgaben der Interpretinnen und deren Zuschnitte gesagt werden kann. Interessant zu beobachten ist, dass sich Balducci insgesamt gegen solche zu wehren versucht, es jedoch nicht schafft, sich vollends von ihnen freizumachen, da die Geschichte aufgrund der verwendeten Vorlage sozusagen vorzementiert und darüber hinaus mit einen ordentlichen Spritzer Zeitgeist versehen wurde. So begibt sich die Produktion auf den besten Weg, ihrer Hauptdarstellerin die größte Bühne zu bieten, die sie meistens ohnehin gewöhnt war, was je nach Lager für zwiespältige Eindrücke sorgen dürfte.

Gertie Bradford ist vielleicht am treffendsten als wandelnder Vorwurf beschrieben. Die unvorhergesehenen Einschnitte des Schicksals oder die Aktionen derer, die versuchten, Schicksal zu spielen, treffen sie mit voller Härte, sodass es kaum verwunderlich erscheint, sie in eine offensiv schwermütige Körpersprache gehüllt zu sehen. Mit eindeutiger Gestik und Mimik, den hasserfüllten Blicken und auffällig missbilligender Konversation, provoziert die in anklagendes Schwarz gehüllte Witwe den Mörder ihres Mannes und gleichzeitig Ehemann in spe, fällt ihrem introvertierten Sohn Hawk gegenüber jedoch mit mütterlicher Leidenschaft auf, die nicht selten der einer Geliebten gleicht. Schwierige Konstellationen stellten unzählige Male die Leitlinie für derartige Stoffe dar, die - je nach ergiebiger Nutzung - für atmosphärische, teils große Momente zu sorgen wissen. Die hier zugrunde liegende Vorlage sorgt schließlich dafür, dass der Verlauf quasi ohne konventionelle Heldenfiguren auskommen muss, was zersetzende und tragische Phasen garantiert, die im Grunde genommen Maria Schells Angelegenheit sind und bleiben. Eine Person wie Joe Bradford alias Bob Cunningham fällt als Abschaum dieser kompletten Veranstaltung auf, denn er präsentiert sich in barbarischer, unerbittlicher und kaltblütiger Fasson, was letztlich einen erforderlichen Domino-Effekt auslöst. So muss er seine zukünftige Frau eigenhändig zur Witwe machen, um sie überhaupt an sich binden zu können, doch diese Qual und Demütigung wird ihren Preis haben. Der markante US-Amerikaner liefert beim bestechenden Ausbuchstabieren dieser von Perversion und Aggressivität getriebenen Person ein richtig derbes Kabinettstückchen, das zweifellos das Potenzial besitzt, in unangenehmer Weise nachzuhallen. In der Zwischenzeit arbeitet Regisseur Balducci nachdrücklich daran, die Szenerie durch interessante Rochaden bei Drive und Intensität zu halten, wenngleich der Spannungsbogen immer wieder neu aufgerollt werden muss.

Dies geschieht augenscheinlich weniger im Sinne von ungünstiger Handhabe, sondern einer immer wiederkehrenden Verschiebung der Klimax nach hinten, um der Geschichte nötiges Feuer zu verleihen. Anhand der gewagten Integrierung von zahlreichen Gewaltspitzen, torpedoartigen Dialogen und ungewöhnlich ausgeprägten Sexszenen, kommt eine Art negativer Strudel in Gang, der die Personen nicht nur entwurzelt, sondern sie überdies dazu zwingt, entgegen des gesunden Menschenverstandes und womöglich ihres Naturells zu agieren. Die ohnehin ungewöhnliche Besetzungsliste wird ansprechend durch die Leistungen von Daniel Beretta oder Karin Meier erweitert. Der Franzose Beretta, von Haus aus eigentlich Sänger und Komponist, stand hier noch am Anfang seiner schauspielerischen Aktivität. Seine nahezu wortlose Rolle lebt in erster Linie von seiner geheimnisvoll wirkenden Ausstrahlung, die im Endeffekt eher als Laune der Dramaturgie zu bezeichnen ist. Die erkennbare Funktion als Schlüsselfigur verliert sich vielleicht ein wenig zu sehr in der staubigen Peripherie, allerdings nimmt man sie irgendwo zwischen dankend und zwangsläufig als solche an. Berettas mehr oder weniger unbekannte Kollegin Karin Meier appelliert hauptsächlich an Beschützerinstinkte, bleibt des Weiteren aufgrund ihrer soliden bis ästhetischen Szenen in Erinnerung. Der Film hat eine Reihe von Argumenten zu bieten, die ihn ergänzend sehenswert machen. Dass die Verfilmung damals kaum registriert wurde und in Vergessenheit geraten ist, spiegelt nicht deren überdurchschnittliche Qualität und die oft aufblitzende Extravaganz wider. Vor allem kameratechnisch darf ein bemerkenswertes Gespür und eine auffällige Konstanz bescheinigt werden, was dem dialogarmen Film eine ganz eigene Sprache verleiht. Musikalisch erlebt man ebenso Hochwertiges wie beispielsweise im darstellerischen Bereich, sodass "Dans la poussière du soleil", der übrigens ein bitterschönes und absolut betörendes Finale bereit hält, Erwartungen erfüllen konnte, die im Vorfeld noch nicht einmal definiert waren.



🖈 Welche Zahl wäre über den Daumen gepeilt zu nennen, wenn man beziffern müsste, wie viele Filme man in all den Jahren bereits gesehen hat? Ich kann es nicht sagen. Bei einem traditionell hohen Filmkonsum und der immer andauernden Jagd nach besonderen Filmerlebnissen, dürften es jedenfalls fast unzählige sein, doch langsam aber sicher wird es aufgrund des großen Luxus immer breiter werdenden Verfügbarkeiten immer weniger, von dem man denkt, man müsse es unbedingt gesehen haben. Daher kommt es naturgemäß nicht mehr in der gleichen Häufigkeit dazu, dass ein Film dieses Gefühl von damals verursachen kann, dass man ihn unbedingt und noch unbedingter haben muss. Richard Balduccis "Dans la poussière du soleil" gehörte vor noch gar nicht allzu Zeit zu dieser Spezies und ich war umso glücklicher, ihn relativ schnell sehen zu können. Warum gerade dieser Film? Das kann ich eigentlich gar nicht so genau sagen, da ihm keinerlei Ruf vorausgeeilt war. Da ich mir nur in wenigen Ausnahmen Zusammenfassungen von Geschichten durchlese, um jeden erdenklichen Spoiler zu vermeiden, wusste ich noch nicht einmal, worum es hier geht. Das Genre ist zwar gerne gesehen, aber in der Regel nicht für meine Initialzündungen verantwortlich. Auch wenn die Besetzung für große Momente und Überraschungen sorgen konnte, wirkte sie zunächst etwas unscheinbar, und so reicht es dann wohl aus, dass ich einen Film einfach unbedingt sehen möchte, sozusagen aus einem Bauchgefühl heraus. Jeder, der "Dans la poussière du soleil" also einmal zwischen die Finger bekommen sollte, darf diesem leider viel zu unbekannten und unterschätzten Beitrag ruhig eine ernsthafte Chance einräumen.

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Eva Renzi

DIE ZIELSCHEIBE


● TASTE OF EXCITEMENT / WHY WOULD ANYONE KILL A NICE GIRL LIKE YOU? / DIE ZIELSCHEIBE (GB|US|1969)
mit David Buck, Peter Vaughan, Sophie Hardy, Kay Walsh, Francis Matthews, George Pravda und Paul Hubschmid
eine Produktion der Trio Film | Group W
ein Film von Don Sharp

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»Do you know how to catch a tiger?«


Die Engländerin Jane Kerrell (Eva Renzi) wollte eigentlich nur einige unbeschwerte Tage an der französischen Riviera verbringen, doch schon bald wird ein Mordanschlag auf die junge Frau verübt. Sie und die Polizei stehen vor einem Rätsel und die Ermittlungen werden schnell wieder eingestellt, da man ihr aufgrund der vagen Informationslage nicht helfen kann. Plötzlich heftet sich der Psychiater Doktor Forla (George Pravda) an die Touristin und möchte ihr einreden, dass sie seine Hilfe brauche. Schon bald folgen weitere Anschläge. Glücklicherweise findet sie in dem Maler Paul Hedley (David Buck) einen verlässlichen Verbündeten, der ihr bei allen Gefahren fortan zur Seite steht. Doch was steckt dahinter und wer will Jane umbringen lassen? Eine Spur führt schließlich zu einem von Davids Kunden namens Hans Beiber (Paul Hubschmid), der Jane angeblich einen Job anbieten will, und auf dessen Anwesen es nur von Verdächtigen wimmelt...

In der Filmografie von Eva Renzi handelt es sich bei "Taste of Excitement" um ihren ersten Spielfilm, der in der Bundesrepublik bis dato keine Kino-Auswertung erfahren hatte. Erst im Jahr 1981 gab es für Don Sharps Beitrag unter dem Namen "Die Zielscheibe" eine Deutschlandpremiere im Nachtprogramm des ZDF, und zu diesem Zweck wurde auch eine TV-Synchronisation angefertigt. Rückblickend ist es schade, dass der Film seinerzeit nicht die Aufmerksamkeit bekam, die er bestimmt verdient hätte, denn er besitzt ganz spezielle Vorzüge die das Anschauen lohnenswert machen. Natürlich war es zur Zeit der Produktion noch so, dass zahlreiche Filme gleichen Musters auf den Markt gebracht wurden, die viel mehr Spektakel und Action zu bieten hatten. "Taste of Excitement" ist sozusagen über weite Strecken ein seelenruhiger Vertreter seines Genres geworden, dessen Stärken im linearen Aufbau und der atemberaubenden Bildgestaltung zu finden sind. Der Einstieg in den Film vermittelt eine Art trügerisches Urlaubsflair, die Hauptperson Jane Kerrell meistert die scharfkurvigen Straßen an der französischen Riviera mit ihrem roten Mini Cooper, nicht ohne sich die Zeit zu nehmen, den Panoramablick aufs Meer zu genießen und womöglich genau das zu tun, wofür diese Reise ursprünglich gedacht war. Plötzlich taucht jedoch ein weißer Mercedes-Benz im Rückspiegel auf und der aggressive Fahrstil verheißt nichts Gutes, da alleine die Größenverhältnisse der beiden Wagen einen ungleichen Kampf andeuten. Nachdem das Auto der weiblichen Hauptperson beinahe in den Abgrund gedrängt wurde, setzt der hoch atmosphärische Vorspann als eine Melange aus Standbildern und Szenen nach dem Zwischenfall ein, der deutlich darauf hinweist, dass der komplette Verlauf von Hauptakteurin Eva Renzi dominiert werden wird.

Die offenkundige Strategie des Verlaufs ist eindeutig wie simpel in der Anlegung, denn das Prinzip einer verfolgten Sympathieträgerin geht wohl immer effektiv auf, und "Taste of Excitement" zieht seine subtile Spannung vor allem aus einer Quelle - nämlich der Fragestellung, warum es überhaupt zu diesen Zwischenfällen mit der attraktiven Hauptperson kommt; immerhin wird ihre Integrität niemals infrage gestellt und sie bleibt ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Ganz im Sinne der Architektur der Geschichte sieht man Eva Renzi zunächst vollkommen unscheinbar in ihrer Erscheinung und nervlich derartig angegriffen, dass ein bevorstehender Kollaps durchaus in Erwägung gezogen wird. Als Zuschauer sieht man vor allem wegen der schnellen und überaus bedrohlichen Einführung in die Geschehnisse keine Veranlassung für diese Szenen, da es diesbezüglich auch keinerlei Erklärungen oder Hintergründe gegeben hat. Eine unbescholtene Frau, offensichtlich ohne großes Vermögen oder dunkle Geheimnisse, wird von Unbekannten offensiv bedroht. Ohne Zusammenhänge zu kennen kommt man dennoch zu dem Schluss, dass subversive Elemente im Hintergrund agieren, die ihre Zielscheibe auch alles andere als zufällig ausgewählt haben dürften. In Betracht wird unter solchen Voraussetzungen naturgemäß eine breite Palette von Möglichkeiten gezogen, die alles zwischen Kanonenfutter für Ablenkungszwecke, über finanzielle Belange, bis hin zu politischen Hintergründen mit einbezieht. Selbstverständlich wird die sorgsam und aufmerksam agierende Regie dieses Rätsel lösen, doch vorher wird noch eine spannender Verlauf in Form eines Puzzlespiels angeboten, dessen Zusammensetzen sich als sehr lohnenswert herausstellt. Allerdings braucht man auf keinen Selbstläufer zu spekulieren, denn Sharp setzt weniger auf Spektakel als auf inszenatorischen Anspruch.

Die erweiterte Darstellerriege neben einer dominanten Eva Renzi wirkt auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbar, kann aber mit eingängigen Leistungen überzeugen. David Buck als Verbündeter des Zufalls wirkt geradlinig und sympathisch, wenngleich er vielleicht nicht als das essentielle Element ausgemacht werden möchte, das der Hauptdarstellerin zu ihrem vollkommenen Glück fehlt. Andererseits kommt unter eben genau dieser Voraussetzung eine Art Schicksalsprinzip zum Vorschein, das die Aufrichtigkeit beider Protagonisten nur unterstreichen will. Als treuer Wegbegleiter und Beschützer begibt sich der Maler Paul also in ungeahnte Gefahren, denen er vielleicht lieber ferngeblieben wäre, wenn da nicht die bezaubernde Belohnung in persona von Eva Renzi warten würde. Gerade beim männlichen Zuschauer fabriziert der Engländer angesichts seiner Herzdame ein uneingeschränktes Verständnis für sein riskantes Tun. Die Chemie zwischen den beiden stimmt zu jeder Sekunde und man sieht optimale Bedingungen der Interaktion, sodass es zu einer groß angelegten Palette der Zwischenmenschlichkeit kommen darf, die viele Bereiche sicher abdeckt. Peter Vaughan, Kay Walsh, Francis Matthews und George Pravda überzeugen innerhalb ihrer beinahe determinierten Charaktere des Films mit stichhaltigen Leistungen, genau wie Eva Renzis damaliger Ehemann Paul Hubschmid, der seine ganze Routine zur Verfügung stellt und erneut weltmännisch oder wahlweise sogar arrogant agiert. Ein Rätsel bleibt unterdessen der kurze Auftritt der Französin Sophie Hardy, deren Karriere so vielversprechend begann. Hier sieht man sie allerdings nur noch als Stichwortgeberin und irrelevante Figur in einer Geschichte, die sich möglicherweise noch mit einen weiteren bekannten Namen schmücken wollte. Nach "Taste of Excitement" war Hardys Karriere leider schon so gut wie beendet.

Mordanschläge und tatsächliche Morde demonstrieren die Brisanz der Geschichte in lang auseinandergezogenen Intervallen sehr klassisch und elegant. Der Eindruck, dass letztlich mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird, lässt sich nicht leugnen. Wenn sich die Zusammenhänge allerdings langsam erschließen, kann Don Sharp mit seinem ruhigen, aber immer wieder an Drive aufnehmenden Thriller beweisen, dass er gut durchdacht ist und keine übertrieben reißerischen Manöver nötig hat. Auf Szenen der Bedrohung folgen immer wieder beschauliche Momente, die beinahe das Flair eines herrlichen Urlaubs vermitteln. Diese on-off-Strategie verleiht der Produktion ein prickelndes Profil und erweckt sogar den Eindruck, dass man es bei "Taste of Excitement" mit einem Vertreter zu tun hat, der sich seiner Stärken vollkommen bewusst ist und sich im Endeffekt von der Konkurrenz abheben kann. Die außergewöhnliche Bildsprache in die herrliche Dekors eingewebt sind, stattet den Film trotz mörderischer Machenschaften mit einer Eleganz aus, die absolut greifbar erscheint. Mit passender musikalischer Untermalung versehen, bekommt der Zuschauer immer wieder einen Hauch von Vollkommenheit präsentiert, der eine Geschichte charakterisiert, und der man unter normalen Umständen vielleicht ihre immer wieder auftauchende Seelenruhe vorgeworfen hätte, was jedoch eher vergleichsweise auftaucht. Dass der Film seine Premiere im TV haben musste, ist rückblickend sehr schade. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht verwehren, dass der Film trotz seiner vielen Stärken kein großer Erfolg geworden wäre, da er sozusagen überqualifiziert ist. Freunde von Action, Verschwörung und Spektakel kommen hier bestimmt auf ihre Kosten, doch viel wichtiger ist, dass Don Sharp seinen Film mit zeitlosen Bildern zu einer kinematographischen Unsterblichkeit verholfen hat, die auch heute noch anziehend, teils sogar krude, aber faszinierend wirken.



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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

Beitrag von Prisma »



DAS AMULETT DES TODES


● DAS AMULETT DES TODES (D|1974)
mit Vera Tschechowa, Rutger Hauer, Günther Stoll, Walter Richter, Walter Sedlmayr, Andreas Mannkopff und Horst Frank
eine Produktion der Cityfilm | Televox | im Constantin Filmverleih
ein Film von Ralf Gregan und Günter Vaessen

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»Ich scheiß auf dein Geld!«


Der Sportflieger Chris (Rutger Hauer) lässt sich auf krumme Geschäfte ein, um seine Schulden abzahlen zu können. Seine Aufgabe besteht jeweils darin, einen Koffer nach Schweden zu fliegen, dort einen anderen in Empfang zu nehmen und vor allem keine Fragen zu stellen. Als es bei ihm finanziell wieder passabel aussieht, möchte Chris aussteigen, doch Himmel (Horst Frank), sein Auftraggeber, zwingt ihn zu weiteren Flügen. Bei der nächsten Aktion sieht der junge Pilot nach, was sich in dem Koffer befindet und er traut seinen Augen nicht. Es sind eine Million in bar, die er nicht mehr abgeben wird. Er versteckt sich in einem Wochenendhaus, um Gras über die Sache wachsen zu lassen. Dieses Haus gehört der jungen Lehrerin Corinna (Vera Tschechowa), die nun ein Wochenende dort verbringt. Als sie plötzlich durch Schüsse aufgeschreckt wird, beobachtet sie, wie der Boss und seine zwei Helfer namens Stazi (Günther Stoll) und Arthur (Walter Richter) Chris verfolgen niederschießen. Von nun an wird für die junge Frau alles anders, denn man nimmt sie als Geisel. Als es Chris gelingt, den Boss zu töten, versucht er mit Corinna zum Versteck des Geldes gelangen. Doch Stazi und Arthur haben bereits ihre Fährte aufgenommen...

Die vielversprechende und darüber hinaus ziemlich selbstbewusste Eigenwerbung, dass es sich um einen perfekt gemachten Thriller handle, versucht die Doppelregie, bestehend aus Ralf Gregan und Günter Vaessen, mit allen verfügbaren Mitteln zu bestätigen. Betrachtet man die fertige Produktion, so haben diese vielleicht nicht unbegrenzt zur Verfügung gestanden, allerdings konnte ein beachtliches Ergebnis abgerufen werden. Die Zutaten für einen guten Thriller sind ohne jeden Zweifel vorhanden und diese Produktion besitzt in vielerlei Hinsicht ein Flair der Eigensinnigkeit, da Geschichte und Umsetzung auf ganz unbestimmte Art und Weise faszinieren. Dem damaligen Kino-Publikum wollte der Film nicht so recht gefallen, sodass das große Geschäft trotz des Großverleihs Constantin im Rücken nachweislich ausblieb. Die hin und wieder unscheinbar und herkömmlich wirkende Handlung überrascht zu den richtigen Zeitpunkten mit kehrtwendenden Überraschungen, auch die eingearbeiteten Rückblenden mit einhergehenden Erklärungen von Chris wurden besonders gut veranschaulicht. Im Ganzen weht eine kalte und oft erdrückend anmutende Atmosphäre durch den Verlauf, die insbesondere von den wenigen Haupt-Charakteren kreiert wird, da sie ihre gefestigten Positionen im Leben offensichtlich noch nicht finden konnten oder diese längst verloren haben. In ausgewählten Momenten bleibt sogar Zeit für erotische Szenen, die von ästhetischen Ansprüchen berichten, welche allerdings immer wieder von primitiven Widersachern wie Helfershelfer Arthur mit schlüpfrigsten Untertönen aufgehoben werden. Anhand solcher Kleinigkeiten, die man besser als eine pragmatische Liebe zum Detail einschätzen sollte, zeigt sich der überaus ambitionierte Charakter dieser Televox/City-Produktion, die jedem interessierten Zuschauer etwas anzubieten hat. So ist durchgehend ein roter Faden und eine beachtliche Struktur wahrzunehmen, auch die wenigen Stars präsentieren hier Konstellationen der fatalen Mischungen und jeder von ihnen wirkt auf seine bestimmte Art und Weise sehr überzeugend.

Vera Tschechowa spielt eine junge Lehrerin, der man im Gesicht ansehen kann, dass sie eine Auszeit bitter nötig hat. Corinna gerät völlig unfreiwillig in diesen Alptraum und scheint nur aufgrund breit angelegter Sentimentalitäten, einer Art Starre und melancholischen Träumereien in diesem gefährlichen Gefüge zu funktionieren. Dabei ist es mehr als erstaunlich, wie Vera Tschechowa dem Empfinden nach an die Grenzen der Ausdruckslosigkeit gerät, um dennoch eine vollkommen faszinierende Persönlichkeit zu formen. Corinna ist es offensichtlich hinlänglich gewöhnt, mit offenen Augen zu träumen und sich auch aus einer noch so ausweglosen Situation einen Vorteil zu versprechen. Sie wirkt gehemmt und scheint prinzipiell unter einer nervösen Grundspannung zu stehen, nur selten lässt sie ein Lächeln in ihrem Gesicht zu. Eine derartig emotionsarme und kühle Interpretation ist nicht nur beachtlich, sondern darüber hinaus vollkommen essentiell für das Funktionieren dieser trostlosen Angelegenheit. In diesem Zusammenhang ist das von Vera Tschechowa präsentierte künstlerische Ensemble nicht nur mutig, da sie kühn mit des designierten Vorschusslorbeeren einer klassischen Sympathieträgerin zu spielen weiß, sondern auch eine eher seltene Erfahrung in einem derartigen Genre-Film, da das Publikum zu späteren Zeitpunkten noch vor die Wahr zwischen Realität und Illusion gestellt wird. Diese Frau scheint bereits vor den außerordentlichen Komplikationen vollkommen ausgebrannt gewesen zu sein und ergreift in der Misere die einzig sich bietende Alternative, für sich persönlich vielleicht sogar die Chance, aus einem möglichen Lebenstief hinauszukommen. Ein so zutiefst trauriges Geschöpf und eine dermaßen verträumte oder auf Parallelebenen ablaufenden Interpretation erlebt man nicht alle Tage. Sie ist hier nicht nur das gefährdete Opfer, sondern in erster Linie eine Frau, die Erwartungen hat, doch diese nur indirekt formulieren kann. Darüber hinaus hat Vera Tschechowa im Verlauf der Geschichte noch mehrere Nacktszenen und eine überaus ästhetische und recht gewagte Sexszene mit Partner Rutger Hauer zu absolvieren. Was sie betrifft, wird der Zuschauer zwischen stoischer oder brillanter Darbietung entscheiden müssen.

Rutger Hauer, hier übrigens meistens »Blondi« genannt, konnte schon einmal etwas für seine spätere Domäne, das Actionfach, üben. Obwohl es hier oft etwas schwierig ist, einen heißen Draht zu ihm als Person und darüber hinaus auch Schauspieler aufzubauen, definiert sich sein Status als Protagonist über die Tatsache, dass es auf Seiten der Widersacher nichts als menschlicher Abschaum zu finden ist. So erscheint Hauer sehr glaubhaft als extern geformter Kleinkrimineller, der vom ganz großen Wurf träumt, sich dabei aber offensichtlich selbst überschätzt hat. Trotz aller Härte und Berechnung strahlt er dennoch einen nicht zu übersehenden Charme aus, welcher selbst Corinna hier und da ein schüchternes Lächeln entlockt. Rutger Hauer und Vera Tschechowa formen ein besonders ungleiche wirkendes Paar, dass aber dem Empfinden nach sehr gut zusammen passt, da beide die gleiche Voraussetzung in Form von gegenseitiger Anpassungsfähigkeit und Neugierde besitzen. Die Gangster-Bande um Horst Frank wirkt wie ein zusammengewürfeltes Trio der fatalen Mischungen, welches sogar manchmal unfreiwillige Komik transportiert. Der Boss zelebriert unerbittliches Vorgehen in aller Härte, sein Zynismus und die beängstigende Dominanz strahlen Gefahr aus. Im Gegensatz dazu sind seine Komplizen aus völlig anderem Holz geschnitzt: Walter Richter als anscheinend dem Alkohol verfallener Arthur verkörpert einen unberechenbaren Aggressionsherd und die pure Geilheit in Person. Stazi, den Günther Stoll ausbuchstabiert, zeichnet ein abgehalftertes Psycho-Wrack, das sich in Labilität und willenlosem Gehorsam verloren hat. Die Frage, wieso sich der Boss eine derartige Truppe ausgewählt hat, bleibt weitgehend unbeantwortet. Wie die Geschichte es allerdings will, soll nicht alles so glatt laufen, wie es anfangs geplant war. In einer Nebenrolle ist noch Walter Sedlmayr zu sehen, dessen finale Szene überaus holprig montiert wurde. Insgesamt kommt das Geschehen mit einer äußerst ungleichen, daher kontrastreichen Fünfer-Konstellation parat, bei der das Zuschauen großes Vergnügen bereitet, auch wenn der Versuch, die Charaktere mit genügend Tiefe auszustatten, manchmal in womöglich gewollte Überzeichnung abdriftet.

Dieser düsteren und gleichzeitig weltlichen Geschichte steht sicherlich nicht die außergewöhnlichste Geschichte zur Verfügung, aber dennoch kann sie im Rahmen der handwerklichen Umsetzung über die Maßen überzeugen, vor allem, weil man selbst dazu neigt, die Produktion bereits im Vorfeld zu unterschätzen. Tempo und Spannung zeigen sich immer wieder wechselhaft, doch manchmal ist es einem so, als glichen bestimmte Intervalle einem unerträglichen Warten auf das bevorstehende Schafott, dem man hier auch sinnbildlich entgegen sieht. Vieles wirkt unter der Doppelregie letztlich unscheinbar, die sich eher im Erotikfach verdient gemacht hatte, allerdings kann sich der fertige Film sehen lassen, was vor allem für dessen abgründige Atmosphäre gilt. Selbstverständlich kommt der Film nicht ohne handelsübliche Effekte aus, die hauptsächlich in eleganter Fasson in Erscheinung treten, und die unterschwellige bis praktische Brutalität wird insbesondere von Walter Richter in willkürlicher Manier demonstriert. Rückblenden, schnelle Schnittfolgen und extravagante Kameraeinstellungen, führen zu einem gelungenen Gesamtergebnis. Hervorragend ist die nervenkitzelnde Musik von Rolf Bauer, die mitunter zwar spleenig wirkt, jedoch in diesem Zeitfenster en vogue war. Während der Szenen, in denen der Unbekannte beispielsweise aus der Entfernung zuschlägt, was durch ein Zielfernrohr mitverfolgt werden kann, greift die musikalische Variation besonders gut. Dabei handelt es sich eher um Aneinanderreihungen von sprunghaft wirkenden Synthesizer-Tönen, die wie das Ticken eines Sekundenzeigers wirken und bei dieser Gelegenheit die Nervosität erzeugen und verschärfen, die anvisiert ist. Die Musikthemen decken im Film insgesamt ein breites Spektrum ab und wirken sehr ausgefeilt, zumal sie in Erinnerung bleiben. Weitere Pluspunkte bringen die kontrastreichen Schauplätze und eine stets auf die Szenen abgestimmte Ausstattung. Insgesamt funktioniert "Das Amulett des Todes" als Thriller vielleicht nur mit einigen Abstrichen, aber alleine der hohe Unterhaltungswert und die eigenartig melancholische Grundstimmung rechtfertigen einen Blick. Überdies wird die Produktion zu einem Fest für Fans von Horst Frank. Sehenswert!


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Prisma
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Re: DAS WERDEN WIR JA SEHEN!? 2.0

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HATCHET FOR THE HONEYMOON


● IL ROSSO SEGNO DELLA FOLLIA / UN HACHA PARA LA LUNA DE MIEL / UNE HACHE POUR LA LUNE DE MIEL / RED WEDDING NIGHT (I|E|F|1970)
mit Stephen Forsyth, Dagmar Lassander, Jesús Puente, Femi Benussi, Luciano Pigozzi, Gérard Tichy, Pasquale Fortunato und Laura Betti
eine Produktion der Mercury Films | Películas Ibarra y Cía. | Pan Latina Films
ein Film von Mario Bava

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»I'm a paranoic!«


John Harrington (Stephen Forsyth) und seine Frau Mildred (Laura Betti) sind aufgrund ihres gemeinsamen und erfolgreich laufenden Modehauses für Brautmoden gut situiert, doch das Leben im Luxus birgt auch Schattenseiten. Während Mildred ihren Ehemann mit täglicher Verachtung straft und mit Zynismus zu demütigen versucht, geht John einem nicht zu kontrollierenden Zwang nach. Niemand ahnt, dass er als Serienmörder sein blutiges Unwesen treibt. Er tötet junge Frauen in Brautmontur mit einem Beil, um die Leichen wenig später für immer im Ofen seines Gewächshauses verschwinden zu lassen. Mit jedem weiteren Mord kommt er dem Ursprung seines Wahns näher, der sich verschlüsselt in der Vergangenheit befindet, doch das unbehelligte Metzeln hat bald schon ein Ende. Nicht nur dass sich der hartnäckige Inspektor Russell (Jesús Puente) an seine Fersen heftet, viel schlimmer ist, dass er plötzlich von einem Gespenst der Vergangenheit heimgesucht wird...

Ein unruhig wirkender Vorspann wühlt die schemenhaft gezeigten Bilder mit den Signalfarben Rot und Blau auf. Man ist sich sofort im Klaren darüber, dass sie noch eine besondere Bedeutung bekommen werden, zumal es auch der Titel zu versprechen scheint. Vollkommen gegensätzlich hierzu wirkt die ohrenschmeichlerische und fast beruhigende Musik von Sante Romitelli, sodass es aussieht, als verspreche auch der Film zahlreiche Gegensätze oder schwer zu ordnende Inhalte. Kleine derartige Gedankenspiele lässt ein Vorspann ja meistens zu, die Stabsangaben präsentieren sich in der Zwischenzeit wie ein bevorstehendes Gütesiegel, bis man schließlich in vollster Erwartung einen brutalen Mord illustriert bekommt. Anschließend wird man jedoch vollkommen unerwartet mit einer Off-Stimme konfrontiert, die in irritierender Art und Weise den Weg der Geschichte ebnet. Verschwommene Bilder passieren Revue, die Erinnerung des Mörders spielt sich teilweise mit Kindesaugen ab, sodass sich selbstredend ein für längere Zeit verborgenes Motiv psychologischer Art erahnen lässt. Die Rahmenbedingungen spielen sich im extravaganten Setting ab. Es sind gut situierte Verhältnisse, die eigentlich eine Ordnung haben sollten, allerdings ist das genaue Gegenteil der Fall. Das gerne verwendete Motiv der Spleens, Launen, Unzulänglichkeiten und der daraus resultierenden Zwänge der Hautevolee, wird kompatibel aufgeschlüsselt. Sexuell aufgeladene Spannungen und damit verbundene Defizite liefern oftmals nachvollziehbare, aber meistens doch abenteuerliche Schlüssel zu den dramaturgisch vorgefertigten Schlössern diverser Plots und es kommt auf das Geschick der jeweiligen Regie an, die teilweise komplexen Voraussetzungen in geregelte, wahlweise auch spektakuläre Bahnen mit Überraschungsmomenten zu lenken. Mit Mario Bava denkt man bereits im Vorfeld nicht an die halbe Miete, eher sieht man diesbezüglich einem Mietüberschuss entgegen, was allerdings zu beweisen wäre.

Die Umgebung wirkt vor dem Hintergrund der Modebranche artifiziell, unwirklich, verschleiernd, sogar verlogen, das Honeymoon-Thema makaber, doch die zweifelhaften Protagonisten entsprechen mit einem Mindestmaß an Fantasie der hauseigenen Kreation Wirklichkeit. Früh vernimmt man eine typische Atmosphäre wie man sie von Mario Bava kennt, bei der man vor allem nachhaltig daran arbeitet, dass eben nichts greifbar wird und alles unberechenbar bleibt. Manchmal manifestiert sich der Eindruck, als kämen einem die Wände der Räume entgegen. In anderen Situationen werden sie als unendlich weit empfunden. Man fühlt sich dadurch beinahe delirierenden Eindrücken ausgeliefert. Hier wären die Karussellfahrten der Kamera, sowie die musikalische Untermalung, die manische bis aristokratische Klänge transportieren kann und die verwirrende Dialogarbeit, die die Aufmerksamkeit des Zuschauers effektiv zu unterwandern versucht zu nennen. Damit verbunden ist das direkte Ansprechen des Zuschauers, der den Lockrufen und Rechtfertigungen eines Wahnsinnigen folgt, bei denen er sich möglicherweise die landläufig verbreitete These durch den Kopf gehen lässt, ob der Teufel sich tatsächlich selbst beim Namen nennen würde. Das auf Hochtouren laufende Verwirrspiel wirkt im Endeffekt fordernd, strapaziös und im Anstrich der frühen 70er-Jahre erfrischend zugleich. Im Bereich der Kameraarbeit wird nach kurzer Spieldauer aus einer Tendenz ein tiefroter Faden, denn die überaus aufwändigen Bilder stellen eine wahre Pracht dar. Sie veredeln "Hatchet for the Honeymoon" in bemerkenswerter Weise. Die akribisch konstruierte Schönheit fällt schließlich vollkommen konträr zur eleganten Marschrichtung einem Beil zum Opfer, welches vielleicht treffender als Bumerang bezeichnet werden könnte. Der Verlauf entwickelt sich immer mehr zu einer einzigen Wahnvorstellung. John und der Zuschauer bekommen erhebliche Probleme, zwischen Trugbildern und Realität zu unterscheiden.

Als große Bereicherung für den Film ist niemand anders als der Kanadier Stephen Forsyth zu nennen, der hier in seinem erst zehnten, und leider bereits letztem Film zu sehen ist. Ihm droht, dass er die Funktion übernehmen könnte, gleichzeitig Täter und Opfer eines spannenden Experiments zu werden. Beim Thema Spannung müssen insgesamt zwar keine Superlative erfunden werden, denn der Verlauf nimmt sich den Luxus von langen, ausladenden Strecken. Es ist allerdings in den überwiegend dialogarmen Szenen die beißende Akustik, die an den Nerven zerrt. Der Plot überrascht mit einer indirekten Metamorphose des Hauptakteurs, in der er sich zwar keineswegs verändert, aber die Rahmenbedingungen für diesen merkwürdigen Eindruck sorgen. Schließlich passiert etwas beim Zuschauer, das man verhalten als genial bezeichnen darf, denn ganz unbestimmt, oder sogar kalkuliert, befindet man sich plötzlich auf der Seite des Wahnsinnigen, des Mörders, des Anti-Helden. Forsyth spielt die Fähigkeit klassisch aus, für Sympathien, um nicht zu sagen für Verständnis zu sorgen, was ihn groteskerweise sehr greifbar erscheinen lässt. Aber die Komplizenrolle des interessierten Publikums war schon immer eine der ertragreichsten und interessantesten Varianten in derartig gestrickten Filmen, die ohne jeglichen Whodunit auszukommen hatten. Die Darsteller wirken in "Hatchet for the Honeymoon" überaus funktionell, da die Beschreibung präzise aufgrund des latent vorhandenen, verwirrenden Elements überhaupt nicht recht greifen mag. Stephen Forsyth tut jedenfalls genau wie die meisten seiner Kollegen der Erwartung genüge, Teil des Haupt-Elements zu werden, nämlich des Dekors. Puppen, Gespenster, Getriebene und Verfolgte, im Personen-Roulette wird man alles in genügendem Maße ausfindig machen können. Eine wichtige Funktion übernimmt John's Ehefrau Mildred, die in Anbetracht aller Gewissheiten beunruhigende Züge annehmen wird.

Ihre kalte und biedere Erscheinung wirkt neben all dem Glamour und ihrem um Einiges attraktiveren Ehemann wie ein zu beseitigender Fremdkörper, was natürlich Böses erahnen lässt. In unzähligen Genres hat man bereits die unterschiedlichsten schwarzen Witwen gesehen, das Problem war jedoch oftmals, dass leider noch ein Mann existierte. Unter der Voraussetzung, dass John diese ihn quälende, erniedrigende und neurotische Frau loswerden will, aber nicht die Möglichkeiten findet, zu einem zufriedenstellenden Ausstieg aus der Ehe zu kommen, scheint der Tod die einzige, und deshalb beste Lösung darzustellen. Eigenartigerweise fühlt man sich angesichts dieser Möglichkeit nicht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Verständnis und Mitleid halten sich deutlich in Grenzen, was für die stichhaltige Leistung der Italienerin Laura Betti spricht, die ihrem Charakter Unerbittlichkeit und Angriffslust und ihrer Rolle folglich die nötige Tiefe einhaucht. Dagmar Lassander reiht sich sehr effektiv in dieses groß angelegte Diktat der Regie ein. Ihre über weite Strecken unscheinbare Darbietung steht einerseits vollkommen im Einklang mit der Geschichte, andererseits aber als quasi neutralisierender Ausgleich zu den bereits erwähnten Personen. Eine weitere attraktive Dame sieht man in persona von Femi Benussi, die trotz ihrer kurzen Rolle für deutliche Akzente steht. Die meisten Darsteller übernehmen nicht nur aufgrund ihrer knappen Auftrittsdauer komplett untergeordnete Funktionen, was gleichzeitig die größere Bühne für die Hauptpersonen frei macht. Erwähnenswert ist auch die Figur des Inspektors, der von Jesús Puente mit recht klassischen Zügen bei seiner konventionellen, aber ergiebigen Ermittlungsarbeit ausgestattet wird. Da sich das Feld im weiteren Verlauf etwas lichten wird, steigt die ohnehin große Konzentration nochmals in Richtung der Hauptrollen, die den Verlauf nicht nur prägen, sondern durch dynamische Darbietungen tragen.

Betrachtet man die psychologische Konturierung der Geschichte, findet man sich immer wieder in verzerrten Rückblenden und gedanklichen Windungen wieder. Sie werden wie ein Mosaik zusammengetragen, um Ahnungen der Zuschauer zu bestätigen oder sie zu verwerfen. Das Motiv scheint ziemlich schnell auf der Hand zu liegen, handelt es sich doch um einen Serienmörder, der das Fetischisieren seiner Taten betont. Wieder einmal ist es die dunkle Vergangenheit, die nur schwer zu rekonstruieren ist, aber des Rätsels Lösung verbirgt. Im Grunde genommen liefert die Geschichte ein relativ bekanntes Thema in unterschiedlichem Gewand, bei dem es ganz entscheidend auf die hier eingearbeiteten Finessen ankommt. Hass, der Liebe gleicht, Dysfunktion, Wahn oder Trauma fangen als Elixier der Story immer wieder an, spektakulär zu brodeln. Erneut zeigt sich eine recht bekannte Filmkrankheit, denn der ganz große Hammer bleibt aus, sollte in Form eines ambitionierten Twist dennoch Anerkennung finden. Diese Anmerkung soll den stringenten Verlauf und das selbstbewusste Auftreten von "Hatchet for the Honeymoon" aber keineswegs schmälern, denn schließlich bekommt man nach einer vermeintlich konventionellen Auflösung in einem überaus beunruhigenden Finale eine Art diffuse Prognose um die Sinne geworfen, die dem Empfinden nach wesentlich schlimmer als das bestialische Ende der Opfer wirkt. Da das Leben eben weiter geht, wird das altbekannte Heiratsversprechen »bis dass der Tod uns scheidet« herangezogen, und in zynischer Art und Weise umgekehrt. Mit Mario Bavas in schwarzen Humor getauchten Verwirrspiel auf Raten bekommt man schließlich insgesamt ein über weite Strecken beeindruckendes Filmerlebnis geboten. Es benötigt keine Einteilung in Schwarz und Weiß, birgt allerdings auch die leichte Gefahr, zu wenig Berührungspunkte preiszugeben, da sie sich nicht betont leichtfertig offenbaren.

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