DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Harte Kerle, grobe Keilereien, heiße Feger und unbarmherzige Gangster.
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Richie Pistilli
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DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von Richie Pistilli »

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Die Banditen von Mailand (D)
Banditi a Milano (IT)
Bandits à Milan (F)
Bandidos en Milán (ES)
Banditerna i Milano (SW)
Bandité v Miláně
Bandits in Milan
The Violent Four


It 1968

R: Carlo Lizzani
D: Gian Maria Volonté, Tomas Milian, Ray Lovelock, Margaret Lee, Don Backy, Peter Martell, Carla Gravina, Agostina Belli, Ugo Bologna, Carlo Lizzani, Carla Mancini ...



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Deutscher Kinostart: 13.09.1968

Italo-Cinema.de

Synchronkartei

Score: Riz Ortolani

OFDb



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Commissario Basevi (Tomas Milian) schildert gegenüber einem Journalisten die steigende Verbrechensrate in Mailand und die zunehmende Gewaltbereitschaft der Gangster. Egal ob Schutzgelderpressung, Glücksspiel oder Prostitution - in allen Bereichen muss die Polizei ihre Bemühungen verstärken, um weiter Herr der Lage zu bleiben.

Aktuell beschäftigt ihn besonders eine Bande von Bankräubern, die bei ihrer Flucht nicht nur auf die Polizei, sondern wahllos auf Passanten schoss und dabei mehrere Unschuldige tötete. Mit Hundertschaften und dem Einsatz von Hubschraubern versucht die Polizei den Anführer Piero Cavallero (Gian Maria Volonté) zu fassen, während die Wut der Bevölkerung die Situation zusätzlich erhitzt... (Quelle: bretzelburger.blogspot.com)








"Eine aufgebrachte Menschenmenge versucht einen Verbrecher zu lynchen, einen Mörder. Was hat diese Menschen dazu getrieben, dass sie blindwütig zur Selbstjustiz greifen? Schließlich war es nicht das erste blutige Ereignis, dass diese Stadt miterlebte."



Mit diesen fragenden Worten eines Reporters wird dieses Glanzstück des italienischen Gangsterfilms ohne große Umschweifen eröffnet, womit sich der Zuschauer bereits im maßgeblichen Ausgangspunkt des vorliegenden Handlungsverlaufs befindet. Was folgt, ist eine Art Pseudo-Reportage, die mit einem Interview zwischen Inspektor Basevi und der Presse zur besorgniserregenden Entwicklung krimineller Banden in Mailand. Die besagte Entwicklung wird daraufhin an einigen exemplarischen Kurzreportagen aufgezeigt, die sich mit Aspekten wie beispielsweise der immer weiter fortschreitende Skrupellosigkeit sowie ungehemmte Gewaltbereitschaft der kriminellen Akteure, den organisierten Zusammenschlüsse nach dem aus den USA importierten Racket System, den steigenden Schutzgelderpressungen in Bars und Spielclubs oder die immer häufiger werdenden Fälle von Zwangsprostitution befasst. Dass das Mailänder Gangsterleben auch mal anders aussah, belegt 'Gino das Hinkebein' (ein altgedienter Gangster a.D.) in einem Kurzinterview gemäß dem Motto: "früher war alles besser... wir hatten noch eine Berufsehre."


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"Aber kommen wir wieder zum Ausgangspunkt unserer Geschichte zurück..., was versetzte die Menschen an diesem Tage so in Erregung, dass sie zur Selbstjustiz greifen wollten? Was brachte sie soweit, dass sie schrien 'lyncht ihn!'. Es war eine Blutspur, die durch die ganze Stadt führte."



Mit diesen Worten wird dann der reportagelastige Teil des Films beendet und katapultiert den Zuschauer wiederum direkt inmitten der aufgebrachten Menschenmenge, also dem Ausgangspunkt dieser Geschichte. Nach einem gescheiterten Banküberfall eines Banditenquartetts, wobei Ray Lovelock aufgrund seines zwangspraktikantenähnlichen Status von seinen Mitsteitern noch nich als vollberechtigtes Bandenmitglied angesehen wird, kommt es auf der Flucht vor der Polizei zunächst zu zwei Toten und zweiundzwanzig verletzten Zivilisten, bevor ein Mitglied der Verbrecherbande von der Polizei dingfest gemacht wird. Eigentlich kann sich der besagte Bandit über seine Verhaftung glücklich schätzen, denn die Polizei rettete ihn vor einem bürgerlichen Lynchmob, der dem mordenden Bankräuber den Garaus machen wollten. Im Rahmen eines zermürbenden Verhörs knickt der in Polizeigewahrsam genommene Kollege irgendwann ein und legt daraufhin ein umfassendes Geständnis ab, was dem Zuschauer wiederum in Form von Rückblenden präsentiert wird.


Diese Rückblenden zeigen die komplette Vorgeschichte des Banditenquartetts, das unter der Führung von Piero Cavallero (Gian Maria Volonté) entstanden war. Der Großteil dieser Vorgeschichte wird in einer regulären Erzählform inszeniert, die nur noch an wenigen Stellen mit dem pseudodokumentarischen Inszenierungsstil durchbrochen wird. Aufgrund des mitreißenden Handlungsverlaufs und der grandiosen Schauspielleistungen konnte ich mich der daraus resultierenden Intensität nur noch schwerlich entziehen - zumal der Spannungsbogen von da an auch bis zum bitteren Filmende konstant hochgehalten wird. Dieser Teil des Films endet dann wiederum am bereits altbekannten Ausgangspunkt der Geschichte, woraufhin der finale Teil des Films folgt. Dieser einhaltet die polizeiliche Jagd nach den drei verbliebenen Banditen, die sich weiterhin auf der Flucht vor den eifrigen Gesetzeshütern befinden.



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"Das darf doch alles nicht wahr sein. Ein Büro, ne Sekretärin. Eine supermoderne Einrichtung, die einen Haufen Geld kostet.
Warum versuchen wir nicht gleich, ob wir nicht mit ehrlicher Arbeit zu was kommen
?"



Einer der vielen Höhepunkte stellt auch die schauspielerische Wahnsinnsleistung von Gian Maria Volonté dar, der einen mit seiner intensiven Performance sprichwörtlich umbläst. Alleine in Szenen, bei denen nur der regungslose Gesichtsausdruck von Volonté zu sehen ist, strahlt dieser immer noch eine viel höhere Intensität aus, als es die meisten seiner Schauspielkollegen unter Einsatz ihres gesamten Repertoires an erlernter Schauspielkunst schaffen. Alleine das grandiose Finale, in dem Volonté die gegebenen Verhältnisse auf den Kopf stellt und durch seine unnachahmliche Art anstatt als Verlierer, in seiner gestörten Wahrnehmung als der Gewinner hervorgeht, ist ganz großes Kino. Die gezeigte Überheblichkeit seines Rollencharakters erinnert dabei bereits an seine Rolle in Elio Petris ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER, wobei er sich im vorliegenden Film der Gesellschaft gegenüber als Opfer der gesellschaftlichen als auch politischen Begenheiten darstellt. Seine hämische Lache, die er am Ende des Films loslässt, wird wohl noch so einige Zeit in meinem Kopf nachhallen. Aber auch Tomas Milian legt in seiner Rolle als ermittelnder Hauptkommissar eine überzeugende Darbietung an den Tag , bleibt aber aufgrund der Drehbuchvorgaben seines Rollencharakters weit hinter seinen schauspielerischen Möglichkeiten. Beim ersten Erscheinen von Ray Lovelock kam mir unweigerlich in den Sinn, dass er sich aufgrund seines damaligen Aussehens (Babyface Deluxe) und dem unschuldigen Gesamt-Look bestens für 'das Gesicht' auf den Kinder-Schokoladentafeln oder Brandt-Zwieback-Verpackungen geeignet hätte. Aber leider gab es auch einen persönlichen Tiefpunkt, nämlich das sprichwörtliche Verheizen der von Margarete Lee gespielten Rolle. Eigentlich hätte ich mir von Ms. Lee eine etwas ausgiebigere Performance erwartet, aber auch ihre überschaubare Auftrittsdauer kann durchweg als überzeugend beschrieben werden.


Die Filmmusik stammt von keinem Geringeren als Riz Ortolani, die für diesen Streifen passgenau komponiert wurde. Leider lassen sich nicht viele Infos über den Score in Erfahrung bringen, zumal auch nur eine 7" des Titeltracks mit Katyna Ranieri zu existieren scheint. Die Instrumental-Tracks des Scores hatten mir übrigens noch ein wenig besser gefallen.



Fazit: Einer der bahnbrechendsten Polizeifilme aus Bella Italia, der mit als maßgebliche Blaupause für das kurz darauf erfolgreich werdende Polizeifilmgenre angesehen werden kann. Carlo Lizzani ist mit diesem Werk ein zeithistorisches Glanzstück gelungen, das aber leider wie so viele andere Werke von den mächtigen Lizensinhabern des Paramount Konzerns auch weiterhin der Öffentlichkeit vorenthalten wird. Eine adäquate Veröffentlichung ist zumindest schon seit vielen Jahren überfällig.


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Open Credits:






Score:

Riz Ortolani feat. Katyna Ranieri - Strange world (Banditi a Milano)




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Filmausschnitt
(grandios inszenierte Verfolgungsjagd durch die Mailänder Innenstadt)







(Überarbeiteter Beitrag aus dem alten Forum: 11.05.2014)

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Zuletzt geändert von Richie Pistilli am Mo., 05.04.2021 11:35, insgesamt 2-mal geändert.

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alex_wintermute
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Re: DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von alex_wintermute »

Wirklich eine Schande, dass der Vorreiter aller Poliziotteschi in Deutschland noch nicht auf BD/DVD erschienen ist. Woran liegt das eigentlich? Filmrollen verschollen?

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Richie Pistilli
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Re: DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von Richie Pistilli »

Verschollene Filmrollen sollten nicht das Problem sein, denn ich durfte die deutsche 35mm Fassung vor einigen Jahren auf der großen Leinwand bestaunen. Wenn ich mich recht entsinne, dann müsste Paramount als Rechteinhaber das Problem sein.

TeoTosone
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Re: DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von TeoTosone »

Richie Pistilli hat geschrieben:
Mo., 14.12.2020 22:40
Verschollene Filmrollen sollten nicht das Problem sein, denn ich durfte die deutsche 35mm Fassung vor einigen Jahren auf der großen Leinwand bestaunen. Wenn ich mich recht entsinne, dann müsste Paramount als Rechteinhaber das Problem sein.
35mm?!!!Im Kino?!!!? :o :o In welcher filmparadisischen bundesrepublikansuchen Kulturstadt,in welchem "Cinema Paradiso" gibts denn sowas?
Wohin muss ich (demnächst,liegt nämlich an!) umziehen,um sowas als Italo-Filmliebhaber erleben zu dürfen,wenn ich mal fragen darf?

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Richie Pistilli
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Re: DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von Richie Pistilli »

TeoTosone hat geschrieben:
Sa., 01.01.2022 20:28
35mm?!!!Im Kino?!!!? :o :o In welcher filmparadisischen bundesrepublikansuchen Kulturstadt,in welchem "Cinema Paradiso" gibts denn sowas?
Wohin muss ich (demnächst,liegt nämlich an!) umziehen,um sowas als Italo-Filmliebhaber erleben zu dürfen,wenn ich mal fragen darf?

Hallo TeoTosone,

zunächst einmal, willkommen an Bord :hut:


Ein festes 'Cinema Paradiso' gibt es meines Wissens jetzt hierzulande nicht, dafür aber zahlreiche Filmclubs bzw. Events, die ihr 35mm-Programm in einigen Kinos dieser Republik durchführen. Die Folgenden kommen mir auf Anhieb in den Sinn:


https://www.italo-cinema.de/filmclub (Verschiedene 35mm-Festivals in Nürnberg und Frankfurt)
http://buio-omega.de/ (jeden 3. Samstag im Monat werden zwei 35mm-Überaschungsfilme präsentiert -- viewtopic.php?f=36&t=420)
https://kommkino.de/ (https://kommkino.de/festival/terza-visione -- https://kommkino.de/festival/10-jahre-italo-cinema -- https://kommkino.de/festival/karacho -- https://kommkino.de/festival/hofbauer-kongress -- viewtopic.php?f=6&t=400)
http://filmclub-bali.bplaced.net/bali.php
https://filmclub-813.de/
https://www.mondobizarr.com/
https://schauburg.de/ (hier werden gelegentlich sogar 70mm-Filme aufgeführt)

Es gibt aber noch weitere Angebote in anderen Städten sowie zahlreiche 35mm-Festivals, die aber momentan weiterhin unter den pandemischen Zeiten leiden



Die 35mm-Kopie der BANDITEN VON MAILAND wurde beispielsweise auf dem 1. TERZA-VISIONE-Festival 2014 in Nürnberg sowie am 25.06.2015 im Filmclub 813 in Köln gezeigt.

TeoTosone
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Re: DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von TeoTosone »

Vielen Dank,auch für die Hinweise und die weiterführenden Links!

Ja,unserereins (Italo-Filmliebhaber) muß sich hierzulande lange auf die Suche machen,
will er seinen Risi und Rosi,seinen Don Damiano (Damiani),seinen Signore Scola oder sein "Wunder-Weib" Wertmüller,und wie sie alle heißen,
will er diese interessanten Filme dieser ehrenhaften Gesellschaft von Filmemachern,zu sehen bekommen (nicht selten endlich erstmalig!).

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Richie Pistilli
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Re: DIE BANDITEN VON MAILAND - Carlo Lizzani

Beitrag von Richie Pistilli »

TeoTosone hat geschrieben:
Mo., 03.01.2022 16:52
Ja,unserereins (Italo-Filmliebhaber) muß sich hierzulande lange auf die Suche machen

Diesbezüglich werden hoffentlich auch irgendwann wieder bessere Zeiten kommen.

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