DER RÄCHER - Edgar Wallace

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Percy Lister
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DER RÄCHER - Edgar Wallace

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Bild "Der Rächer" von Edgar Wallace (1926)
Einmalige Edition 1997, ungekürzte und neu übersetzte Ausgabe - Scherz-Verlag Bern und München. Übertragung aus dem Englischen von Edith Walter. Titel des Originals: "The Avenger"

Unter dem Schlagwort "Scherz Krimi Spannung mit Niveau" wurden in den Neunziger Jahren fünfzehn Meisterwerke von Edgar Wallace neu übersetzt. Das Taschenbuch "Der Rächer" ist der erste Roman von Edgar Wallace, den ich gelesen habe.

Die Verfilmung aus dem Jahr 1960 unter der Regie von Karl Anton begleitet den Leser durch die gesamte Handlung des Buches, wobei man sich dabei ertappt, die Romanfiguren mit den Schauspielern zu vergleichen, die auf der Leinwand die Charaktere verkörpern. Einige Personen möchte man nach der Lektüre umbesetzen, manche passen leidlich in ihre Rollen und bei ein paar Darstellern bewundert man die Voraussicht des Regisseurs, genau die richtigen Personen für die filmische Umsetzung ausgewählt zu haben. Joachim Kramp schreibt in seinem Buch "Hallo, hier spricht Edgar Wallace" (Erstauflage 1998) auf Seite 240 folgendes: "[...] der Autor Dr. Gustav Kampendonck, der zwar gute Drehbücher für Unterhaltungsfilme schrieb, aber im Gegensatz zum Rialto-Autor Egon Eis nicht das Gespür hatte, Wallace-Romane zu aktualisieren - und der also einen an sich schon langweiligen Roman entsprechend langweilig adaptierte." Hier möchte ich dem Wallace-Experten widersprechen. Trotz - oder gerade wegen - der Kenntnis des Inhalts fühlte ich mich beim Lesen bestens unterhalten und folgte gespannt dem Verlauf der Geschichte. Sobald man sich an die leicht vom Film abweichenden Namen gewöhnt hat (Adele Leamington, Jack Knebworth, Lawley Foss), taucht man in die Handlung ein und nimmt am Schicksal der Personen teil. Erfreulicherweise erhält vor allem die weibliche Hauptfigur durch eingehendere Beschreibung ihres Lebensumfeldes mehr Tiefe. Im letzten Kapitel deutet sich an, dass sie ihre Selbständigkeit gern bewahren möchte, ohne das schmalzige und irgendwie unglaubwürdige Happyend des Films. Ein Mann wie Michael Brixan eignet sich wohl kaum zur Familiengründung, ob er nun vom selbstgefälligen Heinz Drache oder dem nicht weniger von sich eingenommenen Klausjürgen Wussow gespielt wird. Im Fluss der Handlung treten immer wieder Spannungsmomente auf, die leider bei der Verfilmung des Romans fallen gelassen wurden, so z.B. die nächtliche Begegnung Adeles mit dem altmodischen Wagen des Kopfjägers. Andere Aspekte der Vorlage wurden meines Erachtens weitsichtiger gelöst. So wurde aus einer der zentralen Figuren des Buches, dem furchterregenden Orang-Utan, ein Mensch gemacht; ein Wilder zwar, aber doch eine Person, die nicht nur 'klettern und schnattern' kann, sondern auch Tabak und Getränke reicht. Die angedeutete Vergangenheit von Sir Gregory untermauert die Gefährlichkeit dieses Charakters, der nicht nur Adele in eine Falle locken will, sondern auch seine frühere Freundin Stella einsperrt. Die unterirdische Tunnelanlage von "Griff Towers" wird eindrucksvoll beschrieben, wobei das plötzliche Auftauchen der Guillotine wie die Berührung einer eiskalten Hand ist.

FAZIT: Der ideale Wallace-Einstieg. Groteske Elemente werden mit klassischer Ermittlungsarbeit vermengt, wobei die handelnden Personen durch das Film-Setting bereits außerhalb der Norm stehen. Kurzweilig bis zur letzten Seite.


Vorschläge für eine filmische Alternativbesetzung von "Der Rächer" (1960):

Michael Brixan (idem): Klausjürgen Wussow (Heinz Drache)
Adele Leamington (Ruth Sanders): Uta Franz (Ina Duscha)
Sampson Longvale (Henry Longvale): Peter Esser (Ludwig Linkmann)
Stella Mendoza (idem): Ingrid van Bergen (idem)
Sir Gregory Penne (Sir Gregory Penn): Benno Sterzenbach (idem)
Jack Knebworth (Regisseur Jackson): Charles Regnier (Friedrich Schoenfelder)
Reggie Connolly (Reggie Conolly): Erwin Strahl (Rainer Brandt)
Lawley Foss (Lorenz Voss): Klaus Kinski (idem)
Major George Staines (idem): Hermann Lenschau (Siegfried Schürenberg)
Tänzerin (idem): Esther Queil (Maria Litto)
Zeitungshändler: Albert Bessler (idem)
Mrs. Watson, Vermieterin von Adele (nur im Roman): Fita Benkhoff
Mr. Scott, ehemaliger Lehrer von Michael (nur im Roman): Hans Paetsch
Alte Frau, die Briefe abholt (im Film nur erwähnt): Hela Gruel

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