DER ALTE

Der Tummelplatz für alle Serienjunkies und Binge-Watcher!
Von DALLAS bis DENVER, vom TATORT in die LINDENSTRASSE über BREAKING BAD bis hin zu GAME OF THRONES.
Antworten
Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1232
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

DER ALTE

Beitrag von Prisma »




Bild


● DER ALTE (D|1977-)
in den Hauptrollen | Siegfried Lowitz | Rolf Schimpf | Walter Kreye | Jan-Gregor Kremp | Michael Ande | Jan Hendriks | Henning Schlüter | Ulf J. Söhmisch | u.a.
Regie | Helmuth Ashley | Hartmut Griesmayr | Zbyněk Brynych | Günter Gräwert | Theodor Grädler | Gero Erhardt | Dietrich Haugk | Vadim Glowna | u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag des ZDF



Im Gegensatz zu der früher gestarteten Kriminalserie "Derrick" bekam es das Publikum bei "Der Alte" mit wechselnden Titelfiguren und Ermittlern zu tun, und nicht wenige Fans machen vor allem Siegfried Lowitz als den wahren "Alten" aus. Der beliebte Schauspieler mimte die Figur des Kriminalhauptkommissars Erwin Köster in unverwechselbarer Manier: teils störrisch, unangepasst, dem Empfinden nach oft kaum emphatisch, wenn auch nur scheinbar, da es sich augenscheinlich um einen unverbesserlichen Einzelgänger handelt, der mit seinem Beruf verheiratet ist. Auf der anderen Seite macht sich aber auch ein unfehlbarer Scharfsinn bemerkbar, was vor allem auf mentaler Basis zu einer unheimlichen Agilität führen kann, obwohl es nicht gerade selten zu dem Eindruck kommt, dass man es nur mit einer Art Wadenbeißer zu tun hat, vorausgesetzt man gehört der Fraktion der Kriminellen an. "Der Alte" lief im Jahr 1977 mit der Episode "Die Dienstreise" in Spielfilmlänge an und wird bis heute produziert.

Dementsprechend wurde die Titelfigur schon mehrmals ausgewechselt, und aus persönlicher Sicht bleibt Lowitz die erste Wahl, auch wenn es in späteren Jahren noch eine Vielzahl interessanter Episoden zu entdecken gibt. So verfügt die beliebte Reihe ebenso wie andere Dauerbrenner über eine Reihe von Episoden, die zu kleinen Klassikern avancieren konnten. Einprägsam und unvergessen bleibt auch die Titelmelodie von Peter Thomas, genau wie die vielen spektakulären Gastauftritte bekannter und verdienter deutscher Schauspieler_innen. Wie jede Serie dieses Strickmusters verfügt auch "Der Alte" über ein recht simples Erfolgskonzept, denn die Kriminalfälle glänzen durch Abwechslungsreichtum und transportieren leichten Thrill, Tragik, traumatische Begegnungen oder brutale Zeitgenossen, die sich an Lowitz und seinen Nachfolgern die Zähne ausbeißen dürfen. Neben "Der Kommissar" handelt es sich bei "Der Alte" um eine meiner liebsten deutschen Kriminalserien, was im Besonderen auf die ersten 100 Folgen zutrifft.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1232
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »



1A.JPG

● FOLGE 01 | DIE DIENSTREISE (D|1977)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande, Henning Schlüter, Xenia Pörtner
Gäste: Hans Brenner, Wolfgang Reichmann, Susanne Uhlen, Iris Berben, Katharina Seyferth, Ralf Wolter, Gert Haucke, Dan van Husen, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: Johannes Schaaf

»Scheiße, wenn man ne Nutte liebt!«


Kriminalhauptkommissar Erwin Köster stellt sich bei einem Banküberfall mit Geiselnahme zum Austausch zur Verfügung. So kommen die erschöpften und teils hysterischen Geiseln frei und Köster begibt sich in die Gewalt des Verbrechers, den er an jeden beliebigen Ort bringen soll. Zu seinem Auftrag gehört außerdem, mehr über den Geiselnehmer zu erfahren und über ihn an den gefährlichen und lange gesuchten Auftragskiller Teretti heranzukommen. Auf der turbulenten Fahrt durch die Umgebung von München, bei der die beiden von Reportern verfolgt werden, die man zunächst abschütteln und außerdem an einen neuen Wagen kommen muss, lernt Köster den Bankräuber besser kennen, doch sein gefährliches Spiel droht außer Kontrolle zu geraten...

Regisseur Johannes Schaaf legte mit seinem Pilotfilm einen beeindruckenden Grundstein für die erfolgreiche Serie "Der Alte" und genau so großen Wert auf eine nachhaltige Integration der beteiligten Hauptpersonen, beziehungsweise der Titelfigur. Erwin Köster bekommt von Siegfried Lowitz buchstäblich Leben eingehaucht. Darunter zu verstehen ist allerdings nicht unbedingt, dass man es mit einer Art Action-Held zu tun bekommt, sondern Kriminalhauptkommissar Köster ist geradezu ein eigenbrödlerischer Denker, dessen wache Kombinationsgabe erfolgversprechend ist. Bereits bei den ersten Eindrücken wird dem Publikum verdeutlicht, mit wem man es bei Bedarf in 100 Folgen zu tun bekommen wird, und Siegfried Lowitz gewinnt die Zuschauergunst hier spielend. Dabei definiert sich die entstehende Sympathie über sehr menschliche Züge. Für die Serie bietet die Pilotfolge den also den perfekten Einstieg und nicht nur die Charakterzeichnungen sind äußerst gelungen, sondern auch die Zeichnung eines augenscheinlich normalen Kriminalfalls, der mit Bankraub und Geiselnahme zumindest immer an der Tagesordnung sein könnte. Die Konzentration liegt nicht nur auf Verbrechen und Mord, sondern auch die Arbeit und die Tricks der Polizei werden ausgiebig durchleuchtet. Was ist zu tun, wenn Komplikationen auftreten? "Der Alte" wird es schon wissen. Es ist erstaunlich, dass mit diesem Konzept nach kürzester Zeit bereits eine empfundene Verlässlichkeit oder beinahe Routine aufgebaut werden kann. Köster wird den Bankräuber also anstelle der Geiseln begleiten, um die heikle Situation zu entschärfen und natürlich in angespannter Atmosphäre zu ermitteln. Der Zuschauer darf sich schließlich für einen spannenden Trip bereit machen, der mit halsbrecherischen Sequenzen und Verfolgungsjagden angereichert ist.

Die Premieren-Besetzung leistet sowohl in der Haupt-, als auch in der Nebenhandlung hervorragende Schützenhilfe. Als Bankräuber und Geiselnehmer ist Hans Brenner zu sehen, der aufgrund seiner Überzeugungskraft und des markanten Aussehens für derartige Rollen quasi ein Abonnement hatte. Zunächst wirkt er rücksichtslos und aggressiv, doch Köster kann ihn mit seiner authentischen Art indirekt beruhigen. Er begleitet ihn nicht mit erhobenem Zeigefinger, bemüht sich um Ehrlichkeit, und solidarisiert sich in bestimmten Situationen sogar mit seinem Gegenpart. Merkwürdigerweise entstehen trotz aller Brisanz immer wieder subtile Momente, die innerhalb dieses Vakuums beinahe freundschaftlich wirken, allerdings nur bis zum nächsten Knall innerhalb dieses nervenaufreibenden Tauziehens. Haupt- und Nebenhandlung werden zum Ende hin eine intelligente Verknüpfung erfahren, was sehr gut ankommt, da gewisse Zusammenhänge zunächst nicht vollkommen geklärt waren. Insbesondere Wolfgang Reichmann als lange gesuchter Berufskiller, dem man nie etwas nachweisen konnte, überzeugt mit einer eiskalten und zynischen Darbietung, sorgt zusätzlich für das spürbare Vernehmen eines imaginären Sekundenzeigers. In der Erscheinung eines Gentleman wirkt seine Brutalität umso härter, was er insbesondere an den schwächeren Gliedern dieser Kette auszulassen pflegt. Susanne Uhlen und Iris Berben, als offenbar leichte Mädchen für schwere Kundschaft, bereichern das Geschehen wie jeder andere Name in der Darstellerriege ausgezeichnet. Nach dieser außerordentlichen Dienstreise wird man innerhalb dieses Nervenkrieges mit einem fulminanten Showdown belohnt, sodass man anerkennend sagen darf, dass der Einstieg in die Serie absolut gelungen ist. Action und Spannung runden diesen Eindruck ab, viele Ortswechsel sorgen für Variabilität und man darf den weiteren Verlauf der jungen Serie mit Ungeduld und Spannung erwarten.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1232
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »



Alte2.jpg
Alte2.jpg (87.7 KiB) 171 mal betrachtet

● FOLGE 02 | JACK BRAUN (D|1977)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Henning Schlüter, Xenia Pörtner
Gäste: Peter Pasetti, Peter Bollag, Karl Renar, Günther Maria Halmer, Hans Beerhenke, Ursula Grabley, u.a.
hergestellt durch die Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: Wolfgang Becker

»Worum es sich handelt? Um meine Ermordung...«


Zwei junge Männer verfolgen einen perfiden Plan. Mit einem gestohlenen Wagen überfahren sie einen alten Mann auf offener Straße. Das Auto wurde dabei allerdings nicht wahllos verwendet, sondern man eignete sich gezielt das Fahrzeug des prominenten Arztes Dr. Mangolis an und stellte es nach der Tat wieder zurück an seinen Platz. Ein dritter Mann im Bunde, der den Mann auf die Straße gestoßen hatte, fungiert als Augenzeuge und macht genaue Angaben über den Tathergang und den Wagen bei der Polizei. Bei der Vernehmung des Arztes ist Kriminalhauptkommissar Köster alles andere als überzeugt von der Schuld des Dr. Margolis und hinterfragt den zweifelhaften Tathergang, bis sich eine äußerst seltsame, aber ergiebige Spur offenbart...

Unter der Bearbeitung von Krimi-Spezialist Wolfgang Becker entstand mit "Jack Braun" gleich zu Beginn der Serie eine der besonders starken und völlig unkonventionellen Folgen, die in vielerlei Hinsicht überdurchschnittlich ausgefallen ist. Zunächst ist der vollkommen destruktive Charakter dieser zweiten Episode zu erwähnen, und auch das vollkommene Fehlen eines Sympathieträgers lässt wenig Hoffnung für eine günstige Prognose zum Ende hin aufkommen, da man es nur mit Selbstdarstellern oder Egomanen zu tun hat. In einer sich zuspitzenden Atmosphäre, die durchzogen ist von Zynismus, Hass und Rache, begibt sich Köster in die unberechenbare Manege und wird mit einem Fall konfrontiert, der zumindest zunächst überaus eindeutig aussieht. Ein Mann wurde überfahren und dabei tödlich verletzt, es besteht Fahrerflucht. Dass man den Wagen so schnell und präzise ausmachen konnte, weckt ein natürliches Misstrauen des Polizeimanns und es scheint ohnehin in Kösters Natur zu liegen, immer einmal mehr als die andere Kollegen zu hinterfragen, was sich offenbar immer bewährt hat. Da das Publikum quasi sofort eingeweiht ist und das Mordkomplott in allen Details veranschaulicht bekommt, steht man zunächst auf der Seite des beschuldigten Dr. Margolis, bei dem sich allerdings innerhalb kürzester Zeit herausstellt, dass es sich um einen arroganten und emotionslosen Snob handelt, von dem anzunehmen ist, dass er für den blanken Hass, den er auf sich zieht, bestimmt selbst verantwortlich ist. Doch wo liegt das Motiv? Es liegt jedenfalls nicht so prominent wie der Tote auf der Straße, denn man wird in der frühen Phase der Episode nur mit den nötigsten Informationen versehen, sodass es dank Regisseur Wolfgang Becker nebulös und spannend bleibt.

Die Titelfigur gibt zahlreiche Rätsel auf, die vom Schweizer Interpreten Peter Bollag hoch interessant interpretiert, beinahe deformiert wird. Jack Braun wirkt auf eine schwer zu beschreibende Art und Weise überaus beunruhigend. Man sieht ihm in den Augen an, dass er von Gefühlen der Rache zerfressen und von Hass angetrieben ist. Sein Plan ist alles andere als ein Schnellschuss, sondern er weiß, was er langfristig erreichen will: die Vernichtung einer Reputation und kompletten Existenz. Bollag wirkt bei der Konturierung dieses Charakters vollkommen unbegreiflich und man könnte sogar sagen, dass er eine seltene Art der Verwirrung stiftet. Seine komplette Erscheinung wirkt bizarr. Mit einem stechenden Blick bei unerbittlicher Vorgehensweise delegiert er mit beinahe sanfter Stimme. Ständig in schwarz gekleidet, schleicht Jack Braun zielstrebig umher wie der personifizierte Tod, seine mit Absätzen versehenen Schuhe wirken derartig grotesk, dass dieses Gesamtbild Schlüsse auf mögliche Neurosen und Komplexe zulässt, von denen er über die Maßen gequält ist. Dessen Opfer und Gegenpart spielt der großartige Peter Pasett in der Rolle eines Arztes der besseren Gesellschaft. Als er von der Polizei erfahren muss, dass mit seinem Wagen offensichtlich ein Mord verübt wurde, lässt es ihn nahezu kalt und er fühlt sich durch die unbequeme Befragung allenfalls belästigt. Insgesamt besticht die zweite Folge durch ihren schwindenden Zeitaspekt und viele brenzlige Szenen, die einem Zeitdiktat gleich kommen, zumal es Köster hier tatsächlich jederzeit hätte erwischen können. Bei der Inszenierung gibt es überraschend frische und klassische Kniffe zugleich, wie beispielsweise Blitzmontagen, Überblendungen oder eine insgesamt großartige Bildgestaltung, die diese Folge von Wolfgang Becker zu einer immer wieder überzeugenden Angelegenheit machen.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1232
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »



A3.jpg
A3.jpg (84.42 KiB) 136 mal betrachtet

● FOLGE 03 | DER ALTE SCHLÄGT ZWEIMAL ZU (D|1977)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks
Gäste: Brigitte Horney, Loumi Iacobesco, Michel Robin, Eleonore Noelle, Harald von Koeppelle, Uli Steigberg, u.a.
eine Produktion der Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: José Giovanni

»Und du hast noch die Frechheit von dieser Schlampe zu sprechen!«


Der Spediteur Erich Finberg will sich so schnell wie möglich von seiner Frau scheiden lassen, um seine wesentlich jüngere Geliebte heiraten zu können. Von einer Tour brachte er einst die schöne Vanessa aus Polen mit und hält sie seitdem in einer feudalen Wohnung aus. Frau Finberg wehrt sich jedoch entschieden gegen eine Scheidung und packt nach einem Streit die Koffer. Sie möchte ein paar Tage bei ihrer Mutter verbringen, bei welcher ihr Mann sie mit seinem LKW absetzen soll. Zwei Tage später sucht die besorgte alte Dame Kriminalhauptkommissar Köster auf und erhebt schwere Anschuldigungen gegen ihren Schwiegersohn: Da ihre Tochter spurlos verschwunden ist, beschuldigt sie ihn des Mordes. Für Köster und seine Kollegen beginnen minutiös angelegte Ermittlungen...

Auch nach kürzester Zeit darf innerhalb einer noch jungen Serie keine Eintönigkeit aufkommen. Es scheint, als habe man sich bei den Verantwortlichen genau dieses Prinzip vorgenommen und die dritte Folge in Teilen mit einem Stab ausgestattet, der zumindest über die Grenzen der deutschen TV-Landschaft hinaus ragt. Auch die Besetzung steht für ein beinahe europäisches Flair, was wohl dem schweizerisch-französischen Regisseur José Giovanni zu verdanken ist. Der Kriminalfall wirkt auf den ersten Blick recht herkömmlich. Eine unbequeme Ehefrau verschwindet spurlos, ihr Mann hat eine jüngere Geliebte und ein Familienmitglied bezichtigt ihn des Mordes. Interessant bei dieser Veranstaltung ist die bunt zusammengewürfelte Besetzung, die vor allem funktioniert, weil sie nicht konventionell zusammenpassen möchte. Der Fall wird akribisch aufgerollt und ausgiebig, vor allem aber verständlich für den Zuschauer rekonstruiert, was zu einigen leichteren Längen führen wird, die allerdings durch ein hervorragendes Finale kompensiert werden. Interessant bei dieser dritten Folge sind die Randnotizen: es heißt, dass "Der Alte schlägt zweimal zu" damals einen Skandal ausgelöst haben soll und Polizeigewerkschaften insofern protestierten, da deren Arbeit an sich sehr verzerrt dargestellt und der Täter mit unlauteren Mitteln überführt wurde. Die Folge ist seinerzeit bei einigen Sendern aus dem Programm gestrichen worden und das ZDF musste sich diesbezüglich rechtfertigen. Natürlich sind derartige Aufschreie immer relativ zu betrachten, aber insbesondere die Charakterisierung von Kösters Mitarbeiter Heymann schießt in der Tat ein wenig über das Ziel hinaus, weil er die Grenzen zwischen Beruf und Privatem verschmelzen lässt. Ob er dabei an Informationen kommen wollte oder sich hat einwickeln lassen, bleibt ein Geheimnis der Regie und man darf selbst entscheiden. Dennoch bleibt unterm Strich ein annehmbarer Fall bestehen, der trotz der klassischen Inszenierung hin und wieder richtig exotisch wirkt.

Bei der Besetzung fällt zunächst der Franzose Michel Robin auf. Er, der alles andere als einen Casanova-Typen aus dem Bilderbuch darstellt, hat ein Verhältnis mit der attraktiven Vanessa, die von der Rumänin Luomi Iacobesco mit Feuer versehen wird. Da der Spediteur Finberg offenbar recht wohlhabend ist, entscheidet sie sich für die bequemste Variante: sie lässt sich aushalten, obwohl sie nebenher für Mode-Fotos posiert. Das Wichtigste ist allerdings, dass sie so schnell wie möglich einen Ring am Finger haben muss, da sie sonst ausgewiesen wird. Finbergs Frau findet für diese Dame daher sehr deutliche Vokabeln und hält ihrem Mann vor, dass sie nur auf ein besseres Leben sein Geld aus sei. Unmittelbar darauf fleht der Mann, der in seinem Verhalten eher einem verliebten Jungen gleicht, seine Frau auf Knien um die Scheidung an, doch sie bleibt hart. Bei diesen kurzen Szenen macht Eleonore Noelle eine sehr gute Figur. Nach ihrem ziemlich schnellen Verschwinden hätte man sich mindestens einen weiteren Wutausbruch von ihr gewünscht. Ihre Mutter wird von der großartigen Brigitte Horney gespielt, die das Thema Mord als erste zur Sprache bringt. Wie üblich bestechend in Erscheinung und Aura, freut man sich über ein Wiedersehen mit dieser großen Dame, die trotz ihres bürgerlichen Anstrichs etwas Erhabenes zu transportieren weiß. Als bereits nach relativ kurzer Zeit der eigentliche Fall gelöst zu sein scheint, steht man als Zuschauer für einen kurzen Moment etwas ratlos da, aber gewisse Wendungen und das perfekt geplante Katz-und-Maus-Spiel sorgen nicht nur für Aufmerksamkeit, sondern auch für Zufriedenheit. Stilistisch gesehen hat diese Folge ungewöhnlich viele Außenaufnahmen zu bieten, vermutlich als Ausgleich für die grauen und kalten Büroräume bei der Kripo, in denen man sich noch zwangsläufig aufhalten wird. Letztlich ist unter José Giovannis Regie ein gut durchdachter Fall über die Ziellinie gebracht worden, der möglicherweise vor allem aufgrund seiner kontroversen Inhalte für Nachhaltigkeit sorgt.

Benutzeravatar
Prisma
Beiträge: 1232
Registriert: Sa., 31.10.2020 18:11

Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »



A4 (350x267).jpg
A4 (350x267).jpg (73.88 KiB) 22 mal betrachtet

● FOLGE 04 | TOCCATA UND FUGE (D|1977)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande, Jan Hendriks, Xenia Pörtner
Gäste: Harry Meyen, Heidelinde Weis, Peter Fricke, Wolfgang Gasser, Gracia-Maria Kaus, Eva Christian, Hanne Wieder, Michael Maien, u.a.
Eine Produktion der Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: Wolfgang Becker

»Langsam geht mir die ganze Clique hier auf die Nerven!«


Der Mord an einer jungen Frau im Schnellzug von Triest nach München ist nach wie vor ungeklärt, sodass Kriminalhauptkommissar Köster an die Öffentlichkeit tritt. In einer Fernsehsendung schildert er die wenigen bekannten Umstände und bittet um mögliche Hinweise. Der Mann der Ermordeten hatte seinerzeit ein wasserdichtes Alibi, da man ihn auf einer gut frequentierten Party gesehen hat, was zahlreiche Personen natürlich bezeugen. Kurz nach Kösters Aufruf an die Öffentlichkeit meldet sich eine Dame bei ihm, die ihre Aussage korrigiert. Sie scheint sich auf einmal gar nicht mehr so sicher zu sein, dass der Tatverdächtige die ganze Zeit auf der besagten Party gewesen sei und torpediert damit das Alibi. Doch dieser plötzliche Sinneswandel weckt Kösters Misstrauen. Er durchleuchtet den Freundeskreis des Verdächtigen und stößt in dieser sogenannten besseren Gesellschaft auf hohe Widerstände und diverse Ungereimtheiten...

Wolfgang Beckers "Toccata und Fuge" kann nicht nur in aller Bescheidenheit, sondern auch in aller Deutlichkeit als eine der wohl extravagantesten Köster-Folgen bezeichnet werden und es ist überaus anerkennenswert, dass sich gleich zu Beginn solche Unikate innerhalb der Reihe hervorheben können. Was zeichnet diesen erst vierten Beitrag also insgesamt so aus? Es ist geradezu seltsam, dass betont werden sollte, wie augenscheinlich sekundär der eigentliche Kriminalfall im Gegensatz zu diesem verspielten Treiben und dem beachtlichen Gesamtpaket wirkt. Bereits der anfängliche Mord im Zug vermittelt eine erstaunlich dichte Atmosphäre und unmittelbar im Anschluss sieht man einen vollkommen sachlichen Kriminalhauptkommissar Köster schon in einer Fernsehsendung, um den Zuschauern den überaus prosaischen Charakter des Falles zu schildern. Doch dieser Eindruck wird in Folge vier nur eine Momentaufnahme bleiben, denn das Umfeld der Ermordeten arbeitet mit Hochdruck an irritierenden Kontrasten. Diese Herrschaften fallen in Sequenzen vielleicht hin und wieder ein wenig zu derb ins Klischee, doch es sind definitiv die einzelnen Färbungen der Charaktere, bei denen man leicht ins Staunen kommt. Die versnobte Schickeria ruft bei Köster offensichtliche Ablehnung hervor und er trägt sie dieses Mal mehr, mal weniger zur Schau. Die Spleens und Launen dieser Leute vermitteln eine empfundene Lethargie, vielleicht sogar schon eine Art Destruktivität, denn wenn man bereits alles besitzt oder kennt, gibt es keine Überraschungen mehr. Daher käme ein abwechslungsreicher Mord doch eigentlich wie gerufen, vorausgesetzt es hätte nicht die eigene eingeschworene Gemeinschaft getroffen. Aus Verachtung, Desinteresse und Hass entwickelt sich also zunächst eine Art Solidarität und man ist an Verschleierungstaktiken interessiert, doch auch dieses Vorgehen besitzt nur eine äußerst kurze Halbwertszeit. Die sich durch den Alltag windende Langeweile schlägt daher um, und alles wirkt plötzlich wie ein Spiel, dessen Einsatz ein Bauernopfer sein muss. Genau diesen Eindruck wissen Heidelinde Weis und ihre Gefolgschaft zu vermitteln, weil der Verlauf nach kurzer Zeit einem Roulette ähnelt.

Zeugenaussagen wirk(t)en choreografiert und ebenso einstimmig kommt es zum Widerruf. Das Räuber-und-Gendarm-Spiel für Fortgeschrittene wird von den Beteiligten eindrucksvoll gezeichnet. Heidelinde Weis bietet ein Konglomerat aus Traumtänzerei und weiblicher Berechnung an, das man bereitwillig annimmt. Insbesondere sie wird es bleiben, die der Geschichte ihre versteckten surrealistischen Tendenzen genüsslich herauskitzelt. Dem Empfinden nach haben sich diese Leute gegenseitig verdient und es sieht außerdem so aus, als sei jeder mit jedem schon einmal intim gewesen. Intim genug zumindest, dass man dunkle Geheimnisse haben und sich gegenseitig verachten kann. Ironie und Zynismus durchziehen den Verlauf sehr begrüßenswert und so hört man beispielsweise Harry Meyen in einer Szene scherzhaft verkünden:, dass er Regisseur hätte werden sollen. In gewisser Weise führt der von ihm dargestellte Frank Brack allerdings tatsächlich Regie über die Ereignisse, denn er verfügt über das nötige Kleingeld, auf das andere angewiesen sind, um ihr Leben auf der Überholspur genießen zu können. Harry Meyens teils undurchsichtige und emotionslose Leistung steht der Szenerie ausgesprochen gut und er wird quasi zum Spiegel der Launen seiner Freunde. In diesem Zusammenhang ist Peter Fricke wie immer eine Bereicherung und reiht sich perfekt in die mondäne Clique ein. Wolfgang Gasser, Gracia-Maria Kaus und Michael Maien passen ebenso überzeugend in diese Riege und Hanne Wieder sowie Eva Christian bieten abrundende Interpretationen an. Diese schöne und spektakuläre Schauspieler-Folge bleibt also aus vielerlei Hinsicht in intensiver Erinnerung, weil sie mit der Exaltiertheit und dem wachsenden Realitätsverlust in einer Scheinwelt jongliert. Das alles mutet nahezu exotisch für eine Folge aus einer Kriminalserie an, in der der untergeordnete Fall dennoch, oder gerade deswegen, als Klassiker in Erinnerung bleibt. Unter Wolfgang Beckers Regie ist schließlich ein hochinteressantes und trotz vorhersehbarer Inhalte unberechenbares Katz-und-Maus-Spiel entstanden, in dem sich die Maus im Endeffekt häufiger als nur ein Mal mit der Katze verwechselt hat. "Toccata und Fuge" sollte man wirklich gesehen haben.

Antworten