DER ALTE

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Prisma
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Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »

Sid Vicious hat geschrieben:
Do., 24.11.2022 21:59
Die Episoden aus der Mediatheke sichere ich auch alle auf DVD, die Quali wird nicht schlechter als die auf den Kauf DVDs sein. Ich muss aber sagen, dass Stephan Derrick mein Lieblingsermittler bleibt.

Ich habe mal reingeschaut und die Qualität der DVDs ist schon schlechter, das stimmt. Was das Treppchen der Ermittler angeht, so muss ich Derrick leider nach hinten durchreichen, denn Köster ist gerade wegen seines Zynismus und der stoischen Art mein Favorit. Bei den Krimiserien würde ich Erik Ode als "Der Kommissar" an zweiter Stelle sehen, wobei es zwischen Ode und Lowitz in meiner Gunst kaum einen Unterschied gibt. Dann kommt Derrick hinter den beiden aber auch vor unzähligen anderen, also wars nur Klagen auf hohem Niveau. :mrgreen:

Sid Vicious hat geschrieben:
Do., 24.11.2022 21:59
Heute steht noch Episode 9 an.

Die Folge ist auch nicht schlecht und Sigmar Solbach spielt derartig unsympathisch, dass Köster sich sich gar nicht erst die Mühe macht, seine Antipathie zu verbergen. War für dich nach acht Folgen schon ein Schnarcher dabei?

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Prisma
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Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »



KristaKellerAnnabelle (2).jpg
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● KRISTA KELLER-DI CERAMI als ANNABELLE MOLDAU in
DER ALTE - VERENA UND ANNABELLE (D|1977)



Immer wieder kommt der Name Annabelle zur Sprache, der seit Jahren verschwundenen Zwillingsschwester der Literaturkritikerin Verena Moldau, und nach fortlaufender Zeit macht sich im Publikum die Befürchtung breit, dass sie überhaupt nicht mehr existiert. Verena erhebt schwere Anschuldigungen gegen ihre Zwillingsschwester, die angeblich schon mehrere Mordanschläge auf sie verübt haben soll. Der Zuschauer zweifelt nicht zuletzt wegen Krista Keller-di Ceramis unberechenbaren Performance, sondern auch wegen der Tatsache, dass etliche Zusammenhänge fehlen, oder erst gar nicht zusammenpassen wollen. Dann - nach weit über zwanzig Minuten - taucht Annabelle tatsächlich auf, und es wird nur zwei Fraktionen geben: Diejenigen die behaupten, sie haben es stets gewusst und die anderen die verschweigen, dass sie es nicht gewusst haben. Der erste Weg der lange vermissten Frau führt zu ihrem abgelegten Liebhaber, der offenbar mit beiden Schwestern liiert gewesen ist und sich dafür nicht einmal geniert. Mit ihrem Partner Heinz Drache entwickelt sich eine beinahe unangenehme Gesprächsdynamik, die eindeutig von Annabelle diktiert, aber durch Werner Preuss' Anzüglichkeiten immer wieder gestört wird. Man stellt sich die aufrichtige Frage, was diese Dame eigentlich genau will, die immer wieder davon spricht, ein Problem besprechen zu müssen, es aber noch etwas wegschieben wolle. Preuss scheint dabei taube Ohren zu haben, da er sich zu sehr von der extravaganten Optik seines Gegenübers gerne ablenken lässt. Vergleicht man die Schwestern miteinander, so kommt es zu einem himmelweiten Unterschied und das nicht nur im Rahmen der Erscheinung, sondern auch der charakterlichen Eigenschaften. Annabelle, wirkt auf den ersten Blick elegant, allerdings in einer merkwürdig verspielten Art und Weise, wegen der man denkt, dass sie sich mit allen Mitteln als Hingucker präsentieren muss, was offensiv auf Werner Preuss abgezielt ist.

Zusätzlich erscheint sie überaus mondän, und als sie berichtet, dass sie sich die letzten Jahre hauptsächlich in Fernost gelebt hat, ist auch ohne Erklärungen sicher, dass es sich um ein Lotterleben gehandelt haben dürfte. Dem Anschein nach lässt sie sich gerne von wohlhabenden Männern aushalten, auch ihren Ex-Liebhaber spricht sie ganz unverblümt auf dessen Vermögensverhältnisse an. Es scheint, dass derartige Sondierungsgespräche für sie üblich sind, bevor man sich schließlich näher kommt und einigt, was Annabelle stets selbst in der Hand zu haben scheint. Ihre Art wirkt bemerkenswert oberflächlich und kaltschnäuzig, aber ebenso bestimmend, resolut und gleichzeitig ausweichend. Ihr ehemaliger Freund bildet sich ein, alte Amouren wieder aufleben lassen zu können, doch merkt zu keinem Zeitpunkt, auf welchem falschen Dampfer er sitzt. Annabelle Moldau fragt ihn über ihre Schwester aus, was sie ein Stück weit rehabilitiert, denn wenn sie die Anschläge selbst verübt hätte, wüsste sie über die privaten Verhältnisse Bescheid - so meint man zumindest. Andererseits hat die auffällig zurecht gemachte Dame auch Kreide gefressen und verwirrt nicht nur den Zuschauer auf ganzer Linie. Man muss unweigerlich an Verena Moldau denken, die einem bedauernswert und völlig labil in Erinnerung geblieben ist. Hätte man ihre Warnungen vor dem Phantom Annabelle ernster nehmen sollen, mehr über die Hintergründe erfahren müssen? Die Schlüssel liegt in der Beziehung der beiden Zwillingsschwestern und ist von erfahrenen Krimi-Fans vielleicht sogar schnell dechiffriert. Im weiteren Gespräch findet sich somit eine ganz eindeutige Tendenz, denn die Besucherin lässt die Katze schließlich aus dem Sack: »Es geht dir gut, aber du bist nicht reich. Möchtest du reich sein?« Die Antwort und das weitere Gespräch finden schließlich in Off statt und zunächst ist es das mit der Kennenlern-Show der Annabelle Moldau gewesen, die sich in beinahe unverschämter Manier selbst vorgestellt hat.

Bis es in einer zweifelhaften Bar und mit noch dubioseren Gestalten weitergehen kann, ist ihr unzuverlässiger Ex-Liebhaber längst zur Polizei gerannt, vermutlich wegen gekränkter Eitelkeit. Krista Keller-di Cerami macht ein regelrechtes Happening aus diesem Präzisions-, beziehungsweise Camouflage-Auftritt indem sie mit Hochtouren drauf los spielt, dies auch im vollen Umfang mit jedem Beteiligten und vor allem den Publikum tut. Es macht ihr sichtlichen Spaß, auch wenn sie gerade die gequälten Emotionen der Verena Moldau zu präsentieren hat, aber auch das Selbstverständnis und die Überheblichkeit der Annabelle. Dabei entsteht ein klassisches Wechselbad der Gefühle, weil es im Sinne der Dramaturgie entstehen muss. Die Interpretin bietet zahlreiche Pendants an, die wechselseitig darauf abzielen, die andere Figur zu diskreditieren. Dabei belastet nicht nur Verena ihre Schwester, sondern diese lenkt den Verdacht in kryptischen Bemerkungen kurzerhand auf sich selbst. Wie es scheint, sucht die Heimkehrerin einen potenziellen Mörder, der ihr Leben nach dem Tod der Nebenbuhlerin finanziell absichert und all die Vergeltung erhält, die ihr nach deren Ansicht auch zusteht. Keller-di Cerami zieht bei dieser eigens erfundenen und von ihr beherrschten Show alle erdenklichen Register ihres individuell gefärbten Expressionismus, der in seiner gnadenlosen Intensität verblüfft, begeistert, abstößt, aber nie langweilt. Wohin diese Reise geht, scheint Regisseur Alfred Vohrer nur noch lose vorzugeben, wenn sich die Keller selbstständig macht, dabei alle Kontrahenten aber auch Verbündete abschüttelt, um unangreifbar zu bleiben. Glücklicherweise hat man mit Köster einen bissigen Ermittler am Werk, der sich auch nicht durch Täuschungsmanöver der extremsten Sorte abschütteln lässt. Krista Keller-di Cerami prägt diese neunte Episode der Reihe wie keine Zweite, und es muss lange überlegt werden, ob Hauptkommissar Köster überhaupt jemals einer derartigen Konfrontation ausgesetzt war.


VERENA UND ANNABELLE KRISTA KELLER

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Sid Vicious
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Re: DER ALTE

Beitrag von Sid Vicious »

Mir hat die Episode, VERENA UND ANNABELLE, auf jeden Fall zugesagt. Die Lösung wurde allerdings früh - mittels eines entsprechenden Dialogs – vorexerziert. VERENA UND ANNABELLE mag ich - auch wenn dem Hobby-Sherlock schnell die Lösung offeriert wird - als ein Highlight der Reihe bezeichnen, da ich von der Inszenierung fortwährend gefesselt wurde.

Unser kleiner Zyniker und Chefermittler bekommt mit Krista Keller-di Cerami eine interessante Gegenspielerin.
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Prisma
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Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »

Sid Vicious hat geschrieben:
So., 04.12.2022 14:49
Mir hat die Episode, VERENA UND ANNABELLE, auf jeden Fall zugesagt.

Das höre ich sehr gerne, zumal es meistens eher durchwachsene bis schlechte Einschätzungen für die Episode gibt. Derartige Einschätzungen hängen nicht selten mit der Leistung von Krista Keller-di Cerami zusammen, die vielleicht zu häufig als Strapaze wahrgenommen wird. Ich mag die Folge auch sehr, zumal Alfred Vohrers verspielte Handschrift hier auch immer wieder deutlich zu sehen ist, und er dank Keller-di Ceramis Präsenz und Einsatz eine tolle Schauspielerfolge auf die Beine stellen konnte. In der Serie hat es derartig exaltierte Veranstaltungen nicht allzu häufig gegeben, in dieser Form vielleicht gar nicht, aber wenn ich exaltiert sage - was vor allem auf die Regie und die Titelrollen zutrifft - meine ich das natürlich im Sinn von mutig und durchaus positiv.


Sid Vicious hat geschrieben:
So., 04.12.2022 14:49
Unser kleiner Zyniker und Chefermittler bekommt mit Krista Keller-di Cerami eine interessante Gegenspielerin.

Der Eindruck, dass Köster sich an irgend jemandem die Zähne ausbeißt, entstand in der Serie nicht allzu häufig, aber bei Verena oder Annabelle scheint es manchmal fast soweit zu sein. Ihm kommen natürlich sein Weitblick, seine Menschenkenntnis und die Routine zugute, aber auch die Denkfehler gewisser Personen. Ich mag das Zusammenspiel, das aufgeregte und unaufgeregte Tendenzen gegeneinander ausspielt, bei dem ich oft zu sehen glaube, dass Siegfried Lowitz es hier und da ein bisschen zu viel des Guten wird. :mrgreen:

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Prisma
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Re: DER ALTE

Beitrag von Prisma »



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A13.1.jpg (68.22 KiB) 586 mal betrachtet


● FOLGE 13: EIN UNKOMPLIZIERTER FALL (D|1978)
mit Siegfried Lowitz, Michael Ande, Henning Schlüter
Gäste: Sylvia Lukan, Klausjürgen Wussow, Lisa Kreuzer, Diana Körner, Hans Zander, Christian Spatzek, Klaus Krüger, u.a.
Eine Produktion der Neue Münchner Fernsehproduktion | im Auftrag von ZDF | ORF | SRG
Regie: Dietrich Haugk

»Ihre Überlegungen in dieser Hinsicht sind etwas primitiv!«


Nach dem tödlichen Unfall seiner achtjährigen Tochter ist Karl Markolm verzweifelt, doch seine Frau Hanna verweigert jedes Gespräch über diesen schrecklichen Schicksalsschlag, bis der Tag nach der Beerdigung wie üblich in einem erbitterten Streit und gegenseitigen Schuldzuweisungen gipfelt. Markolm betrinkt sich und lässt sich von einer Prostituierten aufreißen, die wenig später erwürgt aufgefunden wird. Alle Indizien scheinen gegen den Verdächtigen zu sprechen, doch ist dieser Fall wirklich so unkompliziert, wie es zunächst aussieht? Wenig später macht Köster die Bekanntschaft mit Hanna Markolm, die auch kein Licht ins Dunkel bringen will...

Die Titel-Ankündigung eines vermeintlich unkomplizierten Falles lässt bei Krimi-Experten sicherlich bereits im Vorfeld alle möglichen Alarmglocken klingeln, denn die Wahrscheinlichkeit ist naturgemäß sehr hoch, dass Komplikationen aller Couleur auf einen erfahrenen Fuchs wie Hauptkommissar Köster zukommen werden. Zunächst wird man allerdings mit einem modifizierten Intro konfrontiert, das die obligatorische Titelmusik von Peter Thomas vermissen lässt, um direkt im Anschluss klagende, beinahe verheißungsvolle und schmerzerfüllte klassische Musik zu vernehmen, bei der es zu einem kurzen Schwenk über einen Friedhof kommt, auf dem soeben offenbar ein Kind beerdigt wurde. Die Eltern fahren zurück in ihre luxuriöse Alltagshölle, also nach Hause, um sofort wieder in den schmutzigen Ring zu steigen. Langsam aber sicher werden Pietät, Stolz, Geschmack und Rücksicht abgelegt, um sich gegenseitig mit dem ältesten Tafelsilber des Hauses zu überschütten: Schuldzuweisungen. Ein verzweifelter Vater möchte über den Tod seines Mädchens sprechen, seine Frau pocht darauf, Haltung zu bewahren. Doch das ist längst nicht alles. Unter Dietrich Haugks konfrontativer Regie kommt es zu erschreckenden Szenarien, da man eine Mutter wortwörtlich sagen hört, dass ihr Kind ein boshaftes Ungeheuer gewesen sei, welches keine Gelegenheit ausgelassen haben soll, sie zu quälen. Der Atem stockt und man verachtet die von Sylvia Lukan gespielte Person der Hanna Markolm, bewundert aber gleichzeitig ihr außergewöhnliches schauspielerisches Talent. Egoismus im Quadrat treibt den Hausherrn in eine Bar und zu einer Prostituierten, die man wenig später ermordet auffindet. Alles scheint - wie es der Titel vollmundig ankündigt - auf der Hand zu liegen, doch Köster ist misstrauisch und bohrt in der Tiefe, was die hier bloßgestellte bessere Gesellschaft in Aufruhr und wahlweise Empörung versetzt. Schnell stellt sich heraus, dass diese dreizehnte Folge der noch jungen Serie zu einem morbiden Klassiker der Reihe werden könnte, auch wenn der Kriminalfall eigentlich herkömmlicher Natur zu sein scheint.

Regisseur Haugk konzentriert sich auf die psychologischen Klippen dieser überaus traurigen Angelegenheit und lässt seine Hauptdarsteller Siegfried Lowitz, Sylvia Lukan und Klausjürgen Wussow zu denkwürdigen Höchstleistungen auflaufen, was auch für die hier angebotene Dialogarbeit gilt, die in Intervallen immer wieder zum Hochgenuss wird. Es lässt sich mit Bestimmtheit sagen, dass man bis dato noch keine derartig hasserfüllte Atmosphäre gesehen hatte. Ein Ehepaar verachtet sich, trennt sich aber nicht, weil es die Familie der Frau nicht vorsieht. Überhaupt lebt man in einem unerträglichen Korsett nebenher, das man niemandem an den Hals wünschen würde. Die Ermittlungen im Hause Markolm werden zum unangenehmen Spießrutenlauf für Köster, wobei er wesentlich weniger Probleme mit ihm als mit ihr hat. Bei Hana Markolm, die die Trauergefühle ihres Mannes peinlich nennt, gefriert einem das Blut in den Adern. Wenn ihr alles zu viel wird, blockt sie ab, pocht auf Unpässlichkeit, oder trinkt ausgiebig, überhaupt handelt es ich um eine überaus arrogante Person, für die man überhaupt kein Mitgefühl empfinden kann, zumal sich immer mehr schwarze Abgründe auftun. Ermittlungstechnisch läuft in Folge 13 alles ziemlich anschaulich und rund, sodass man nie ins Zweifeln kommt, dass dieser Fall ungelöst bleiben könnte, doch es wird wohl verschiedene Arten von Opfern geben, die das Mitgefühl hervorrufen, mit welchem der Nachhall gefüllt sein wird. Am Ende kann dieser Fall als Einheit mehr als überzeugend, animiert sogar zum Nachdenken, und wird so oder so im Gedächtnis bleiben. Insbesondere Sylvia Lukan, die mit Regisseur Haugk verheiratet war, bietet ein unheilvolles Kabinettstückchen an. Im Grunde genommen ist es unglaublich, was hier zu sehen und vor allem zu hören ist, und es könnte alles zwischen Trigger-Mord und Totschlag passiert sein. Als Zuschauer wird man sogar ein klein wenig an der Nase herumgeführt, da es so viele ablenkende Nebenschauplätze gibt, die einen richtiggehend verwirren. Köster leistet hier allerdings eine exzellente Dechiffrierarbeit und lässt sich vom Pöbel der oberen Zehntausend nicht an der Nase herumführen.

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