DAS NARRENSCHIFF - Stanley Kramer

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Prisma
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DAS NARRENSCHIFF - Stanley Kramer

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DAS NARRENSCHIFF

● SHIP OF FOOLS / DAS NARRENSCHIFF (US|1965)
in den Hauptrollen Vivien Leigh, Simone Signoret, José Ferrer, Lee Marvin, Oskar Werner, George Segal, José Greco, Michael Dunn und Heinz Rühmann
mit Elizabeth Ashley, Charles Korvin, Lilia Skala, Barbara Luna, Alf Kjellin, Christiane Schmidtmer, Werner Klemperer, John Wengraf, Olga Fabian, u.a.
eine Produktion der Stanley Kramer Productions | im Verleih der Columbia-Bavaria
nach dem gleichnamigen Roman von Katherine Anne Porter
ein Film von Stanley Kramer

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»Glauben Sie wirklich, dass dieses Schiff ganz Deutschland repräsentiert?«


Das deutsche Passagierschiff "Vera" nimmt Kurs von Vera Cruz nach Bremerhaven, kurz vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland. Diese Tatsache dominiert die Stimmung an Bord und es kommt zu diversen Spannungen innerhalb der internationalen Passagierliste, die sowohl aus hohen Tieren mit Rang und Namen, als auch aus ganz kleinen Fischen besteht. Aufgrund der örtlichen Begrenzung entsteht nicht nur genügend Raum für Reibungsflächen und Zündstoff zwischen den Personen, man bemerkt in gewissen Situationen auch ein solidarisches Zusammenrücken in jenen schwierigen Zeiten. Die "Vera" führt allerdings auch eine Zweiklassengesellschaft mit sich, da im Zwischendeck einige hundert verarmte Plantagenarbeiter aus Kuba einpfercht sind, die einen herben Kontrast zur wohlbehüteten Luxusklasse darstellt. Bevor das Schiff in seinem Zielhafen einläuft, werden sich noch einige schicksalhafte Episoden auf hoher See abspielen...

»Und wer weiß? Wenn Sie nahe genug hinsehen, vielleicht finden Sie sich sogar selber an Bord!« Mit diesem Schlusssatz der einführenden Worte von Michael Dunn, der einen direkt, durch einen frontalen Blick in die Kamera anspricht, werden die vielen verschiedenen Charaktere mit ihren Spleens, Selbstinszenierungen, Ressentiments, Gefühlsausbrüchen, Aggressionen, Sehnsüchten und Ängsten gleich zu Beginn angekündigt, die dem Zuschauer hier nahezu auflauern werden. Eine bunte Mischung der zusammengewürfelten Nationalitäten, Ansichten und Überzeugungen kristallisiert auf schnellstem Wege Allianzen und Sicherheitsabstände heraus, Konstellationen bilden sich, trennen sich und entstehen dem Empfinden nach unter überaus grotesken Voraussetzungen. Regisseur Stanley Kramer inszenierte mit seinem mehrfach preisgekrönten Spielfilm einen bemerkenswert dichten, und mit günstigen Voraussetzungen ausgestatteten gesellschaftlichen Diskurs, der sich in Episoden, aber vor allem auf verschiedenen Ebenen abspielt. Die Basis stellen hierbei die Romanvorlage, die besondere Ausstattung und das überwältigende Star-Aufgebot dar, wohin das Auge in aller Begrenzung reicht, man nimmt nur überdurchschnittliche Anteile wahr. Mit seinen 143 Minuten Laufzeit liegt die Überlegung nahe, dass dieser Beitrag aufgrund seiner örtlichen Gebundenheit Längen aufweisen könnte, allerdings besteht die Abwechslung darin, dass sich das Personenkarussell unaufhörlich dreht, man permanent neue Eindrücke ordnen muss, die meistens recht banale, oder besser gesagt menschliche Gründe haben. Ob politischer, amouröser, wirtschaftlicher, kalkulierter oder emotionaler Natur, der Verlauf deckt so gut wie alles breitgefächert und vor allem verständlich ab. Besondere Maßstäbe wurden außerdem bei den Dialogen und den subtilen Botschaften gesetzt, die manchmal sogar recht laute Formen annehmen werden, auch für Humor bis Dramatik ist ausreichend gesorgt und es entsteht ein beeindruckendes Gesamtbild.

Die Kritik war seinerzeit zwiegespalten und dem Film wurde eine zu schablonenhafte Ausarbeitung vorgeworfen, was vielleicht im Sinne von zu vereinfacht zu verstehen ist. Verfolgt man den Verlauf, so stellt sich gerade diese Tatsache, die sicherlich manchmal zutrifft, allerdings als große Stärke heraus, denn menschliche Niedertracht, Missgunst und Vorurteile müssen keine komplizierte Verpackung erhalten, da diese Komponenten in Reinkultur wesentlich greifbarer und verständlicher erscheinen und somit in viel intensiverem Ausmaß einen Spiegel vorhalten können. So bleibt "Das Narrenschiff" eine immer aktuelle Parabel, die man in jede Zeit versetzen, sie außerdem mit allen möglichen anderen Charakteren ausstatten könnte, und sie trotzdem ihre Brisanz und Aktualität beibehalten würde. Kontraste und eindeutige Denkanstöße entstehen unter stark verzerrten Voraussetzungen im Rahmen überspitzter Stilmittel. Der Hund des Schweizer Ehepaares, der mit am Tisch beim Diner sitzt, wo hingegen der deutsche Geschäftsmann jüdischer Abstammung und sein kleinwüchsige Landsmann die einzigen Deutschen sind, die nicht mit am Kapitänstisch speisen dürfen, außerdem wird genau dieser Hund unter den unempfindlichen Augen der Besitzer noch ein Menschenleben fordern, die kultiviert spielende und ebenso hochmütige Amerikanerin, der wegen Platzmangels ein ungehobelter Sexprotz beiseite gesetzt wird, auf diesem Schiff scheinen zumindest in der oberen Etage trotz himmelschreiender Unterschiede viele aus gleichem Holz geschnitzt zu sein. Auf der anderen Seite nimmt sich der Verlauf auch die Zeit, zwischenmenschliche Belange abzuhandeln, die von wahrer Zuneigung über Hörigkeit, bis hin zu käuflicher Liebe und Verweigerung viele Varianten präsentieren. Dass der Wert eines Menschen hier mit Vorliebe nach der Nationalität bestimmt, oder wahlweise in Währungen aufgewogen wird, ist nur eine Komponente dieses Jahrmarkts der Unzulänglichkeiten, den man in herrlicher Schwarzweiß-Bildkomposition zu sehen bekommt.

Für die glaubhafte Veranschaulichung dieser und weiterer Inhalte steht eine Weltstarbesetzung der Extraklasse zur Verfügung, die ein außergewöhnliches Sehvergnügen diktieren wird. Der größte Star in der Manege stellt die zur damaligen Zeit immer noch zauberhafte Vivien Leigh dar, die man in Kramers Adaption leider bereits in ihrem letzten Film sieht. Um diese außergewöhnliche schauspielerische Leistung präzise zusammenzufassen, sollte vielleicht nur gesagt werden, dass Leigh nichts von ihrer faszinierenden Ausstrahlung und der damit verbundenen, überragenden darstellerischen Kompetenz verloren hatte. Überhaupt sprengt es den Rahmen, auf jeden der Darsteller gesondert einzugehen, da die Stars auf dem Schiff von Bug bis Heck in höchster Konzentration herum flanieren. Besondere Eindrücke hinterlassen vor allem Simone Signoret, Oskar Werner, Lee Marvin, José Ferrer und Michael Dunn, es ist eine wahre Pracht diese ungleiche Passagierliste beobachten zu dürfen. "Das Narrenschiff" behält sich Kritik selbstverständlich nicht vor, besonders im Rahmen gesellschaftspolitischer Belange, und daher ist es umso angenehmer, dass keine voreiligen Urteile gesprochen werden. Je mehr die einzelnen Personen versuchen, sich voneinander abzuheben, oder sich in ein besseres Licht zu rücken, umso gleicher werden sie bei den elementarsten Grundvoraussetzungen. Im Grunde genommen ist hier für alles zwischen Gut und Böse gesorgt, auch Alltägliches und recht alberne Kapriolen finden ihre Veranschaulichung, jedoch ist es unterm Strich der augenzwinkernde Tenor, der einen selbst, aber vor allem die Passagiere wieder zurück auf den Boden der Tatsachen bringt. Falls der Eindruck entsteht, dass der Humor mit all seinen geistreichen Ausführungen für ein Verwässern der in jedem Fall ernsten und letztlich ernüchternden Thematik führt, wird vom Regisseur und seiner Entourage eines Besseren belehrt. Was bleibt sind schließlich die einführenden Worte von Michael Dunn und die rhetorische Frage, ob man sich anteilsmäßig tatsächlich irgendwo selbst ausfindig machen konnte. Brillant!

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Re: DAS NARRENSCHIFF - Stanley Kramer

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● VIVIEN LEIGH als MARY TREADWELL in
DAS NARRENSCHIFF (US|1965)



"Das Narrenschiff" stellt in Vivien Leighs Filmografie die letzte Etappe einer Ausnahmekarriere dar, die von Licht- und Schattenseiten geprägt war. In rund dreißig Jahren brachte es die Britin auf lediglich 20 Filme, was angesichts ihres bestehenden Weltstar-Images doch sehr verwunderlich erscheint. Aber die Karriere war von labilen Phasen durchzogen, und der Überlieferung nach soll es bei Stanley Kramers Adaption nicht anders gewesen sein. Vivien Leigh startete den Film bereits sehr angeschlagen und die Dreharbeiten verzögerten sich, mussten wegen ihrer angeschlagenen Konstitution sogar mehrmals unterbrochen werden. Im Endergebnis sind all diese widrigen Umstände nicht zu erkennen und man sieht mit Leighs bemerkenswerter Leistung auf den krönenden Abschluss einer nahezu beispiellosen Filmkarriere. Als die reiche Dame von Welt, Mary Treadwell, zieht die damals Anfang 50jährige noch einmal sämtliche Register und wird für die Produktion als großer Star präsentiert. Man schaut auf eine hochmütige, eitle und im Endeffekt schrecklich einsame Frau, die wie eine Katze um die Personen an Bord schleicht, um in irgend einer Form an Bestätigung zu gelangen. Mrs Treadwell fällt auf, sie wird wahrgenommen, sie wird beobachtet und sie ist es gewöhnt. Waren die Gründe einst bewundernder Natur, haben sich diese Voraussetzungen vollkommen geändert, denn mittlerweile wird sie eher belächelt und dient als Zielscheibe für gehässige Kommentare. In ihrer Situation ist es ihr allerdings egal, unter welchen Voraussetzungen es zu Aufmerksamkeit kommt, sie braucht dieses Elixier um sich nicht in Bedeutungslosigkeit zu verlieren. Ihr erster Auftritt gleicht dem einer Diva, die über den Laufsteg schwebt.

Feinste Roben, der Blick ist nach vorne gerichtet, der Kopf gehoben, sie beachtet ihr Umfeld nicht und weiß dennoch genau, was dort vor sich geht, ob sie beobachtet wird, oder ob man über sie spricht. Und genau unter diesem Zwang fristet sie ihr Dasein als eine Art Schauspielerin, die unter den gegebenen Voraussetzungen eine gut hergerichtete Hülle zu präsentieren versucht, und lebt demnach nur noch für die Blicke der Anderen. Doch diese kühlen Blicke sind in all den Jahren kritischer und und vielleicht sogar zynischer geworden. Mary Treadwell stolziert diese Tatsachen aber einfach mir Esprit und Contenance weg. Vivien Leighs erster Auftritt ist ein genau solcher, beim Diner wird sie vom Stuart zu ihrem Tisch geführt und sogleich bemängelt sie, dass sie einen Einzeltisch verlangt habe. Ihr Gegenüber Lee Marvin weist sie in Windeseile auf Etikette hin und ist sichtlich gereizt, zumal sie es mit einem äußerst distanzlosen Gesprächspartner zu tun hat. »Wissen Sie dass ich 3 Wochen die Scheißerei hatte?« bekommt sie beim Thema Speisen um die Ohren geschlagen, aber sie pariert mit aufgesetzter Höflichkeit und verwendet einen Sarkasmus, den er erst gar nicht versteht. Treadwell ist die unfreiwillige Konstellation aber insgeheim nicht so unangenehm, wie es zunächst erscheint, denn immerhin handelt es sich bei ihrem Gegenüber um einen Mann, von dem eindeutige Signale in Richtung der Frauen ausgehen. Mary Treadwell wird noch einige Gespräche mit unterschiedlichen Passagieren führen, die junge, attraktive Frau beispielsweise konfrontiert sie mit ernüchternden Geschichten über Erfahrung und Liebe, einen Schiffsoffizier bringt sie so weit, mehr als nur Interesse zu bekunden, um sich im letzten Moment ganz nach Art einer Dame zu verweigern.

Bevor er über die Liebe, was auch immer das bedeuten sollte, philosophieren kann, würgt Mrs Treadwell ihn kalt ab: »Sprechen Sie es nicht aus, ich kann dieses Wort nicht mehr hören!« Zu guter Letzt betrinkt sie sich hemmungslos, geistert am Ende des Bordfestes über das Schiff und sucht nach benutzten Gläsern, um die Reste nicht verkommen zu lassen. Hierbei entsteht eine Szene, die eine der kraftvollsten, spontansten und überraschendsten des ganzen Films geworden ist. Die musikalische Untermalung kreiert eine gar unheimliche Atmosphäre, als Zuschauer denkt man, das gleich etwas Unheilvolles passieren könnte, doch dann gehen plötzlich die Ventile der so beherrschten und in sich gekehrten Frau auf. Charleston, einfach nur Charleston, sich über dreißig Jahre jünger fühlen, die Zeit des Lebens wieder direkt vor Augen zu haben, die Ängste und Sorgen für wenige Augenblicke vergessen können. Bei dem anschließenden Selbstmonolog in ihrer Kabine sieht man sie wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen. Vor ihrem Spiegel sitzend, malt sie sich unbeholfen eine Maske auf und stellt die rhetorische Frage, ob Männer dies anziehend finden. Leigh zeigt in dieser Szene den Mut zur Enthüllung, quasi zur Demaskierung und der Zuschauer sieht auf eine Schauspielerin, die ihre Kino-Karriere mit einem dicken Ausrufezeichen beendet. Vor ihrem Spiegel, den sie sich selbst vorhält, vertritt Mary Treadwell den häufig im Film verwendeten Inhalt, was geschieht, wenn der Körper immer älter wird, in ihm aber eine junge Seele weiter lebt. Natürlich handelt es sich dabei um eine klassische C'est-la-vie-Diskussion, aber in Kramers Film kam es erneut zu einer sehr starken Veranschaulichung. Was bleibt ist eine überragende Interpretation von Miss Vivien Leigh.

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