SING A SONG OF SEX - Nagisa Oshima

Klirrende Klingen, fliegende Krieger und harte Handkantenkracher.
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Sid Vicious
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SING A SONG OF SEX - Nagisa Oshima

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Alternativer Titel: A treatise on Japanese Bawdy Songs
Produktionsland: Japan
Produktion: Masayuki Nakajima
Erscheinungsjahr: 1967
Regie: Nagisa Oshima
Drehbuch: Tsutomu Tamura, Mamoru Sasaki, Toshio Tajima, Nagisa Ôshima
Kamera: Akira Takada
Schnitt: Keiichi Uraoka
Musik: Hikaru Hayashi
Länge: ca. 100 Min.
Freigabe: FSK 16
Darsteller: Ichirô Araki, Koji Iwabuchi, Kazuyoshi Kushida, Hiroshi Satô, Kazuko Tajima

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Nakamura, Ueda, Hirio und Maruyama studieren in einer Universität zu Tokio. Von Politik hält das Quartett herzlich wenig, eckt allerdings mit Vorliebe bei den linken Aktivisten an. Durch einen Zufall lernen sie ihren Dozenten, Otake, näher kennen. Dieser singt während eines gemeinsamen Aufenthalts in einer Gaststätte ein anstößiges Lied, dessen textlicher Inhalt die vier Studenten fortan in besonderen Maßen fasziniert. Am Folgetag wird Otake in seinem Appartement tot aufgefunden. Die Studenten hätten ihn retten können, aber…

Nagisa Ôshima verkündete zu Beginn der Dreharbeiten: „Diejenigen, die schon jetzt den Mut verlieren, sich auf ein Wagnis einzulassen, haben nichts mehr bei uns zu suchen!" Ôshimas Ansage, die sich primär damit begründete, dass seine Darsteller bei SING A SONG OF SEX improvisieren und weniger nach einem Drehbuch agieren sollten, lässt sich übrigens bestens auf das Verhältnis zwischen Film und Rezipient übertragen, denn wer sich während der Exposition nicht zu Ôshimas Film verführen lässt, der wird vollends scheitern und sollte die Sichtung umgehend abbrechen. SING A SONG OF SEX ist halt kein einfacher Stoff, und wer sich im Œuvre des Regisseurs auskennt, der weiß, dass es sich dabei um kein Novum handelt.

Ôshima war während seines Studiums in einer linken Studentenbewegung aktiv. Für ihn zählte nur (s)eine Denkweise! Er kreidete beispielsweise den „alten Linken“ an, nichts aus den Niederlagen gelernt zu haben und stellte sich selbst als Vertreter der „neuen Linken“ vor. Seine politische Überzeug ließ er freilich in seine Regiearbeiten wie etwa in „Nacht und Nebel über Japan“ einfließen. Einem polarisierenden Werk, welches seine Zuschauer auf eine ganz harte Probe stellt, denn ohne ein gewisses Hintergrundwissen (Japan in den 1960er Jahren) werden diese (die Zuschauer) nur Bahnhof verstehen.

„Sing a Song of Sex“ gestaltet sich zwar etwas zugänglicher als „Nacht und Nebel über Japan“, aber auch hier sind historische Grundkenntnisse unabdinglich, denn
Ôshima feuert so manch linke Breitseiten in Richtung Koreakrieg, Vietnamkrieg und Japans Kapitulation. Währenddessen zentralisiert der Regisseur vier Studenten, die ein Scheißegal-Gefühl vertreten und sinnbildlich für eine junge, anarchistische Generation Japans (Mitte der 1960er Jahre) stehen.

Ihre Vertreter sind Nakamura, Ueda, Hirio und Maruyama, deren Dresscode (komplett schwarz) man als stinknormale Schuluniform, aber auch als traditionell anarchistische Symbolik deuten kann. Kann! Denn gegenwärtig lässt eine schwarze Uniformierung keine eindeutige Kategorisierung zu, da die Farbe Schwarz in linken wie rechten Lagern zuhause ist. Man denke an den autonomen linken Block. Man denke an Michael Kühnen und die ANS. Man denke an Odfried Hepp und seine Wehrsportgruppe Schlageter. Man denke an die Autonomen Nationalisten. Man denke einfach mal an das schwarze Hemd, welches in Italien und darüber hinaus als Bekenntnis zum Faschismus gesehen wird. Man denke… auch mal selber nach…

„Anzügliche Lieder erzählen die Geschichte des Volkes.“

Diesbezüglich wird ein besonderes Lied, respektive dessen Text über die Lust am Sex, zu einem wichtigen Bestandteil des Films. Einst von ihrem Dozenten im betrunkenen Zustand vorgetragen, entwickelt sich der textliche Inhalt zu einem Teil der Lebenseinstellung der vier Studenten. Dabei stellt der Film die Frage, ob die vier Personen jene besungenen Taten umsetzen oder diese einzig in kollektiven Visionen ausleben?

Obwohl SING A SONG OF SEX wesentlich zugänglicher als andere Ôshima-Werke ist, zeigt sich der Film immer noch als verdammt schwierig. Mich konnten seine (des Films) depressive Veranlagung, seine grandiosen Bildkompositionen sowie sein Spiel mit der Imagination und der einhergehenden Realität durch und durch begeistern. Dennoch mag ich keine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen und adressiere diese lediglich an jene Filmfreaks, die bereits einen Großteil der Schwierigkeitsstufen des japanischen Kinos erfolgreich hinter sich gebracht haben. Wer also die „Japanese New Wave“ zu schätzen weiß. Wer sich gern mit Kōji Wakamatsu auf die Reise in andere (teils extrem kranke) Welten macht und einhergehend noch eine Faible für Jean-Luc Godard besitzt, der wird an SING A SONG OF SEX Gefallen finden. Alle anderen könnten mit der Filmsichtung derbe Probleme bekommen.

Von mir gibt es fette 9 von 10 Punkten, denn SING A SONG OF SEX fällt allumfassend in mein (!) Beuteschema.



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