AMERICAN YAKUZA II - Anthony Lau

Klirrende Klingen, fliegende Krieger und harte Handkantenkracher.
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DJANGOdzilla
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AMERICAN YAKUZA II - Anthony Lau

Beitrag von DJANGOdzilla »

AMERICAN YAKUZA II

(KUANG GING SHA SHOU)
(HK)
(1995)

Bild

Regie: Anthony Lau
Darsteller: Anthony Lau, Simon Yam, Conan Lee, Sharla Cheung, Simon Yam, Elaine Eca Da Silva, Wong Kam-Kong


Inhalt:

Lone [Anthony Wong], ein Festland-Chinese, reist auf einem Fischkutter illegal in die USA ein. Er ist auf der Suche nach seiner Ehefrau Miu [Sharla Cheung], die nach ihrer Reise ins gelobte Land spurlos verschwand. Nach Ankunft sucht er als erstes seinen Bruder Luke [Simon Yam] auf, der in Los Angeles zu einem einflussreichen Gangsterboss aufgestiegen ist. Dieser verspricht, ihn bei der Suche nach Miu zu unterstützen. Als die Männer beim gemeinsamen Zwiegespräch von Mitgliedern einer feindlichen Gang überfallen werden, erweist sich Lone als zuverlässiger Kämpfer und wird quasi postwendend zu Lukes Rechter Hand. Was er nicht ahnt: Sein Bruder treibt ein falsches Spiel. Der gutgläubige Lone wird nach und nach zum Spielball einer blutigen Intrige.

Kritik:

AMERICAN YAKUZA II entstand zu einer Zeit, als sich das bewährte blutverspritzende Hongkonger Action-Kino bereits im Niedergang befand. Über 10 Jahre war es her, dass Pioniere wie John Woo mit Epen wie A BETTER TOMORROW [1985] quasi ein neues Genre aus der Taufe hoben, das Heroic Bloodshed - eine modernisierte, überwiegend im Gangster-Milieu angesiedelte Variante traditioneller Ritter-Mythen, die sentimentale Geschichten von Ehre, Treue und Verrat mit durchästhetisierter Gewaltdarstellung verband und regelmäßig menschliche Körper im Kugelhagel Todestänze aufführen ließ. Zahlreiche Nachahmer und Nutznießer des unerwarteten Sensationserfolges sorgten dafür, dass das Konzept schon bald zu seinem eigenen Klischee verkam, dessen Inhalte nur noch rudimentär variiert wurden. Obwohl den Fan das grundsätzlich freute, war eine gewisse Übersättigung trotzdem kaum zu leugnen. AMERICAN YAKUZA II geriert sich als Paradebeispiel für diesen Sachverhalt und wirft zum Produktionszeitpunkt bereits dutzendfach durchexerzierte Story-Elemente mit großer Geste in den Drehbuch-Topf, um, wenn schon nicht den Feinschmeckern, so doch zumindest den Allesfressern, eine weitere Portion wohlproportioniertes Blutvergießen zu kredenzen. Wie damals beim Hongkong-Kino häufiger der Fall, siedelte man die dazugehörige Geschichte in den USA an, wodurch man sich ein größeres Publikum und internationale Konkurrenzfähigkeit erhoffte.

Hauptantriebsfeder dieser späten Nummer war Anthony Lau (eigentlich: Lau Wing [→ IM GEHEIMDIENST DES GELBEN DRACHEN]), der hier nicht nur die Hauptrolle übernahm, sondern auch die Inszenierung besorgte. Das ist gleich doppelt bemerkenswert, war Lau in Sachen Regie ein bis dahin noch unbeschriebenes Blatt und auch als Schauspieler hauptsächlich eher in zweiter Reihe anzutreffen. Hält man sich dieses vor Augen, ist es schon achtbar, wie souverän er in beiden Positionen abliefert. Die fraglos vorhandenen Probleme von AMERICAN YAKUZA II gehen zumindest nicht auf sein Konto, sondern überwiegend auf das von Autor Yuen Kai-Chi [→ A CHINESE GHOST STORY]. Dass sein Drehbuch das Rad nicht neu erfindet, ist natürlich kein Unglück und war weder zu erwarten noch verlangt. Aber etwas mehr Gedanken über die offenkundig sehr eilig herbeifabulierten Ereignisse und Figuren hätte man sich durchaus machen dürfen. Dass man nie so wirklich erfährt, woher der recht arglos wirkende Lone eigentlich seine sensationelle Kampfqualifikation hat, welche sogar der nun nicht gerade als zimperlich verschrienen Yakuza den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist noch locker zu verschmerzen. Doch vieles andere wirkt unausgegoren oder nicht zu Ende gedacht; die Motive der handelnden Personen erscheinen oft kryptisch und unnahbar. Das betrifft vor allem den Antagonisten Luke (eine routiniert runtergeratterte Klischeerolle für Simon Yam [ → MAN OF TAI CHI]). Dass dieser mit Lone ein doppeltes Spiel treibt, ist zwar nie ein Geheimnis, aber was eigentlich genau seine Pläne und Ziele sind, bleibt vage. Erst hängt er ihm (auf ebenso abenteuerliche wie hanebüchene Weise) einen Mord an, dann, im völligen Widerspruch zu seinem bisherigen Verhalten, betrinkt er sich mit ihm hemmungslos und quietschvergnügt wie mit einem besten Kumpel und tauscht wehmütig Jugenderinnerungen aus. Was denn nun?

Für weitere Verwirrung sorgen mehrere ebenfalls nur bruchstückhaft referierte Sub-Plots, deren Intentionen nie so ganz klar werden. So liegt Luke im Clinch mit einem Mr. Lee (gespielt von Wong Kam-Kong [→ PHANTOM SEVEN]), mit dem er um einen wichtigen Posten in der Politik wetteifert (die Hintergründe dazu werden ebenfalls nicht die Bohne erläutert) und den er völlig inkonsequent im einen Augenblick ermorden, im nächsten dann aber wieder vor einem Anschlag schützen will. Tatsächlich bleibt es fortwährend völlig unverständlich, wer hier wen aus welchen Gründen ans Messer liefern möchte und warum Menschen mal getötet, mal gerettet werden sollen. Und mitten durch diese chaotischen Verhältnisse stapft dann auch noch Conan Lee [→ BORN HERO II] als namenloser Polizist, der auch so gar keinen Plan hat, was hier eigentlich Phase ist, ständig nicht nachvollziehbare Schlüsse zieht und mit seinem uniformierten Trottel-Team bis zuletzt rein gar nichts zur Weiterentwicklung oder gar Auflösung der Ereignisse beiträgt. Ohnehin ist es auffällig, wie viele Handlungen hier eigentlich parallel ablaufen, ohne sich gegenseitig zu tangieren. Die Suche Lones nach seiner Frau (so wirklich suchen im herkömmlichen Sinne tut er eigentlich auch gar nicht, in der Regel wartet er nur darauf, dass ihn irgendjemand mit Informationen versorgt) passiert völlig losgelöst von seinen Aktivitäten als Rechte Hand seines Triaden-Bruders, während Lukes Konflikte mit der Konkurrenz ebenfalls nichts mit seinem Verrat an Lone zu tun haben. Und hätte einer der Charaktere die Katze bereits etwas eher (um genauer zu sein: gleich am Anfang) aus dem Sack gelassen, hätte man sich die ganze Bandenkrieg- und Rache-Plotte ohnehin schenken und gleich zum Showdown übergehen können.

Denn was das Publikum schon längst weiß, blickt die Hauptperson doch reichlich spät (und eben auch nur, weil sie es kurz vor knapp endlich mal ganz konkret aufs Butterbrot geschmiert bekommt): Natürlich ist sein eigener Bruder der große Halunke und eigentlicher Drahtzieher hinter dem Verschwinden seiner Frau. Wie wahrscheinlich es ist, dass Lone davon die ganze Zeit nichts mitbekam, obwohl Luke sie eigentlich gar nicht großartig versteckt hält und sogar eine ausladende, absolut ungeheime Geburtstagsfeier für sie gibt, ist wieder so ein Punkt, über den man nicht allzu intensiv nachdenken sollte. Jedenfalls ist diese Erkenntnis Grund genug für Lone, aufgrund einer vom Skript herbeigezauberten heftigen Überreaktion eine unverzügliche bluttriefende Vergeltungsorgie vom Zaun zu brechen, die in ihrer apokalyptischen Konsequenz nichts mehr übrig lässt und damit auch alle anderen mühsam konstruierten Nebenhandlungsstränge mit einem Federstrich für null und nichtig erklärt. Das ist zwar alles andere als gutes Geschichtenerzählen, macht den Actionfreund (und damit die Zielgruppe) aber ziemlich glücklich, denn hier fliegen fröhlich die Fetzen – im Wortsinne, denn die einstigen Freunde zerlegen sich mit Wut und Wumme regelrecht in ihre Einzelteile. Zimperlichkeit ist ohnehin keine Sache von AMERICAN YAKUZA II, denn zwischen all den konfus erdachten und erzählten Ereignissen kommt es immer wieder zu heftigen Gewalt-Eruptionen, die visuell und inszenatorisch samt und sonders überzeugen können und voll und ganz in der Tradition der althergebrachten asiatischen Blutoper stehen. Wenn Lone und Luke sich per Schwert und Schießeisen auf offener Straße steinharte Duelle liefern, dann lacht das Herz des gemeinen Hongkong-Kino-Huldigers.

So macht man als Fan des Genres trotz arg verquaster Story hier tatsächlich wenig falsch. AMERICAN YAKUZA II ist trotz vermutlich eher geringer finanzieller Zuwendung erstaunlich versiert inszeniert, bietet aufgrund ständig wechselnder und ungewöhnlicher Schauplätze (z. B. Schiffe oder Paraden) viel visuelle Varianz und serviert dazu zwar keine überwältigende, aber dennoch fachkundig arrangierte Stunt-Arbeit (wie das Schlittern per Motorrad unter einen Lastwagen hindurch). Zudem sind die Mittel der Selbstverteidigung sehr vielfältig: Gekämpft wird per Klinge, Knarre und klassischer Kung-Fu-Kapriole – wobei für letzteres Conan Lee zuständig ist, der im finalen Akt dann plötzlich den inneren Jackie Chan von der Kette lassen und eine ganze Party-Gesellschaft aufmischen darf. Wer noch zusätzliches Amüsement benötigt, dem sei empfohlen, nebenbei auf die Statisten zu achten, insbesondere auf die in Polizei-Uniform: Wie angestrengt die Herren versuchen, abgebrühte Gesichtsausdrücke aufzusetzen, gleichzeitig aber ihre diebische Freude darüber, hier mitspielen zu dürfen, kaum verbergen können, das ist schon ein paar Gratis-Grinser wert.

Wer hier übrigens eine Fortsetzung des amerikanischen Großstadt-Krimis AMERICAN YAKUZA [1993] mit Viggo Mortensen erwartet hat, der ist Opfer der berüchtigten teutonischen Titel-Trickserei geworden. Diese chinesische Produktion hat nichts mit dem vermeintlichen Vorgänger zu tun und ist im Ausland überwiegend als DRAGON KILLER bekannt.

s. auch: AMERICAN YAKUZA II

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