FRENZY - Alfred Hitchcock

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Prisma
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FRENZY - Alfred Hitchcock

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FRENZY


● FRENZY / FRENZY (GB|1972)
mit Jon Finch, Barry Foster, Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Vivien Merchant, Jean Marsh und Alec McCowen
eine Produktion der Alfred J. Hitchcock Productions | im Verleih der CIC
ein Film von Alfred Hitchcock

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»Sie haben ja ihre Krawatte nicht an!«


Ein Serienkiller hält London in Atem. Immer wenn eine Frauenleiche auftaucht, die nichts als eine Krawatte um den Hals trägt, ist klar, dass der sogenannte Krawattenmörder wieder zugeschlagen hat. Die Polizei verfügt über wenige Hinweise, sodass es zunächst kaum signifikante Anhaltspunkte gibt, bei wem es sich um den gesuchten Triebtäter handeln könnte, bis der Zufall zur Hilfe kommt. Verdächtigt wird der ehemalige Pilot und Staffelführer der Royal Air Force, Richard Blaney (Jon Finch), der beim Verlassen des Hauses seiner Ex-Frau Brenda (Barbara Leigh-Hunt) gesehen wurde, die vergewaltigt und stranguliert wurde. Chief Inspector Oxford (Alex McCowen) nimmt den sozialen Absteiger ins Visier und zieht die Schlinge um dessen Hals immer enger zu...

Alfred Hitchcocks "Frenzy" - dessen Titel ins Deutsche übersetzt etwa so viel heißt wie Raserei oder Wahnsinn, den Verlauf somit en detail charakterisieren wird - beginnt mit einer herrlichen Panoramafahrt über London, sodass die Titelcredits beinahe zur Nebensächlichkeit werden. Aus der Ferne sieht man die Tower Bridge, die sich gerade über der Themse öffnet, und dabei entsteht eine Spannung oder Neugierde, die zweifellos nur durch einen kontinentalen Blick auf die Geschehnisse entstehen kann. Nach über 20 Jahren der Abstinenz konnte Regisseur Alfred Hitchcock endlich wieder einen Film in seinem Heimatland England drehen, was aus zahlreichen Gründen mehr als nur eine Fußnote darstellt. In dieser Produktion kommt nämlich definitiv ein anderes, quasi individuelles Flair in mehrfacher Potenz zum Vorschein, das von Sicherheit, Insiderwissen, Vertrautheit und sogar Intimität berichtet, da zu spüren ist, dass die Regie zu Hause angekommen war. So begleitet man Hitchcock auf unerschütterlichem Terrain, sodass der Film wie auf Schienen gebettet wirkt und ich nicht den kleinsten Aussetzer erlaubt, auch wenn er eine Schneise der Verwüstung hinterlassen will. Vielmehr erlebt das Publikum die Kunst, Handlungsstränge nicht nur nebeneinander herlaufen, sondern sich quasi bedingen zu lassen, damit erst der Eindruck entstehen kann, dass das eine nicht ohne das andere hätte passieren können, auch wenn es sich noch so sehr um nur Kleinigkeiten oder gar Unwichtigkeiten handelt. "Frenzy" versucht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, die Perversion nicht nur bildlich festzuhalten, sondern sie mit realen Ambientes und Personen, die jeder unter Umständen selbst kennen könnte, zu entschärfen. Die Inszenierung oder artifizielle Normalität wirkt daher eigenartig verwegen und plastisch, allerdings überträgt sich der im Titel angekündigte Gefühlszustand nicht auf das Publikum, sondern bleibt isoliert im Geschehen zurück und quält alle Beteiligten.

Hichcock macht den Zuschauer zu seinem Sekundanten, vom Mörder wird dieser zum Komplizen auserkoren, und die Geschichte kann oft mit wenigen Mitteln zupacken. Hierbei handelt es sich um eine hochinteressante Variation, da der blitzschnell vorweg genommene Whodunit durch hochwertige, beziehungsweise clevere Alternativen ersetzt wird. So kann sich "Frenzy" beinahe zum schlimmsten Alptraum der Komödie entfalten. Oder umgekehrt. Für den hier offensiv angebotenen britischen oder vielmehr Schwarzen Humor, müsste nach Hitchcocks verspielter aber ebenso hochkonzentrierter Bearbeitung ein neuer, nämlich noch tieferer Schwarzton erfunden werden. Der Verlauf schockiert in ausgewählten Momenten, um im nächsten Intervall zu amüsieren. Dabei sind diese Zustände oft konträr zur jeweiligen Situation gewählt, was sogar für die Situationskomik gilt. So kann es in heiteren und humorigen Momenten abstoßend und schockgeladen zugehen, ebenso wie es in diesen mit Spannung versehenen Phasen eigentümlich komisch aussehen kann. Gegensätzlichkeiten ziehen sich also auch hier spürbar an, was sich auch über die meist zweifelhaften Protagonisten sagen lässt. Hitchcock bietet kaum klassische Sympathieträger an, die sich in diesem Zusammenhang vollkommen makellos präsentieren würden. Am ehesten lässt sich diese Rolle noch der Polizei, beziehungsweise der ermittelnden Figur zuschreiben, die es aufgrund des Kochkurses der eigenen Ehefrau nicht leichter hat als ein Prägustator im alten Rom. Zu Tisch entstehen somit herrlich skurrile Szenen, die nicht nur zum Schmunzeln, sondern zum herzhaften Lachen animieren. Überhaupt kommt es zu interessanten Assoziationsketten zwischen Essen, Zwischenmenschlichkeit und Mord. Die Regie beschränkt sich dieses Mal nicht auf ein bloßes, wenn auch brillantes Visualisieren, sondern provoziert eine Reihe von Reaktionen beim Publikum. Hierbei handelt es sich vornehmlich um Gefühle wie Ekel, Abscheu und Empörung.

Dieser Korridor der Emotionen ist so lückenlos geplant, dass es kein Entrinnen, Ausweichen und Zurück gibt. Schaut man auf die Besetzung, so drängt sich im ersten Impuls der unverblümte Eindruck auf, dass sie vermeintlich unspektakulär wirkt, wenngleich es sich hierbei nur um eine Halbwahrheit handelt, die wohl dem eigenen Wunschdenken, beziehungsweise der persönlichen Umbesetzungscouch geschuldet ist. Jon Finch zeigt sich auffällig unbeteiligt und nur so weit in den Fokus gerückt, wie unbedingt nötig, sodass seine Funktion als unschuldig Verdächtiger völlig transparent aufgerollt werden kann. Diese fehlende emotionale Beteiligung treibt das suchende Publikum förmlich in die Arme anderer Personen, die jedoch nur Einbahnstraßen anbieten. Dieses Konzept der Abkehr von konventionellen Mustern ist zunächst gewöhnungsbedürftig, erfüllt aber seinen Zweck, denn dieser eigenwillige Nervenkitzel geht jederzeit voll und ganz auf. In Verbindung mit kulinarischen Abgründen und einem lukullischen Fauxpas nach dem anderen, kommt es zu einem Verlauf, der permanent mit dem Thema Nahrung konfrontiert, bevor er zu eigentlichen Themenkomplexen gelangt. Mit Barbara Leigh-Hunt, Anna Massey, Jean Marsh und Alec McCowen kommt es zu hervorragenden Momenten, da sie sich dem fordernden Konzept beugen und bedingungslos anpassen. Vor allem Barry Foster sorgt dafür, dass einem das Blut in den Adern gefriert und bei seinen Opfern nicht mehr zum zirkulieren kommt, was man aber definitiv selbst kennenlernen sollte. Schlussendlich ist Hitchcocks Regiestil in "Frenzy" nicht einmal neu erfunden worden, denn seine typischen Kniffe sind allgegenwärtig. Dennoch bleibt der Eindruck zurück, dass der Regisseur im Herbst seiner Karriere einen Film fabrizieren konnte, der von der Sicherheit des Terrains des Produktionslandes profitiert, somit wie entfesselt, giftig und durch und durch unbändig wirkt. Als Fazit bleibt daher nichts anders zu sagen, dass man es mit einer rabenschwarzen Sternstunde zu tun hat.

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