SCHER DICH ZUM TEUFEL, MEIN ENGEL - Wolfgang Liebeneiner

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Prisma
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SCHER DICH ZUM TEUFEL, MEIN ENGEL - Wolfgang Liebeneiner

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SCHER DICH ZUM TEUFEL, MEIN ENGEL


● SCHER DICH ZUM TEUFEL, MEIN ENGEL (D|1970) [TV]
mit Karin Jacobsen, Peter Pasetti, Reiner Schöne, Heidy Bohlen, Claus Tinney und Barbara Schöne
eine Produktion der Berliner Union Film | Deutsche Buchgemeinschaft | im Auftrag des ZDF
ein Film von Wolfgang Liebeneiner

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»Du bist an der Grenze deines Charmes angelangt!«


Der Pariser Anwalt André (Peter Pasetti) gerät in Aufruhr, da ihm seine Frau Irène (Karin Jacobsen) ihren beinahe zwanzig Jahre Jüngeren Liebhaber Alain (Reiner Schöne) vorstellt. Dass André selbst zu einer weiblichen Verjüngungskur von sage und schreibe dreißig Jahren gegriffen hat, scheint für ihn allerdings in Ordnung zu sein. Seine Noch-Ehefrau ist über die Affäre jedoch im Bilde und überhaupt zeigt sie sich bewusst gleichgültig gegenüber den neuen Verhältnissen. Alains Schwester Suzanne warnt jedoch vor der wesentlich älteren Dame, verschweigt dabei aber auch nur zu gern, dass ihr neuer Freund um Jahrzehnte älter als sie selbst ist, somit ihr Vater sein könnte. Ein Treffen mit den neuen Lebensabschnittsgefährten scheint schon bald unausweichlich zu sein...

»Darf ich sie aus Ihrer Arroganz erlösen?« Konversationen, die mit derartig bissigen Untertönen eingeleitet werden, versprechen eine Art der Unterhaltung, die man als Zuschauer nicht wieder so schnell vergisst. Heitere Musik und das kulinarische Ambiente des Eiffelturms klären unweigerlich über das Milieu auf, in welchem Wolfgang Liebeneiners Fernsehfilm sich die Ehre geben möchte. Doch bekommt man es am Ende nur mit einer weiteren von unzähligen Geschichten über die Luxusprobleme der Bourgeoisie zu tun? Falls es gut gemacht sein sollte, kann es einem quasi egal sein, denn auch diese in Vergessenheit geratene TV-Produktion verfügt über einen hoch interessanten Stab, der es verdient, ihm aufmerksam zu folgen. Kommt man zurück zum anfänglichen Satz, den Peter Pasetti ungeniert von Karin Jacobsen an den Kopf geworfen bekommt und auf eine doch engere Bekanntschaft schließen lässt, bleibt die Frage über die bevorstehende Richtung dieses Beitrags bestehen, der sich mit seinem Titel-Wortspiel interessant zu machen versucht. Für das Drehbuch zeichnet sich Claus Tinney verantwortlich, der die Geschichte vor und hinter der Kamera unterstützt und den man vor allem als Darsteller aus speziellen deutschen Genre-Filmen in Erinnerung behalten hat, sich daher kurzzeitig auf Treibsand platziert fühlt, wenn auch nur beinahe. Es stellt sich heraus, dass alle Personen - und seien sie auch noch so per Sie - durch eine gemeinsame Vergangenheit aneinander gekettet sind und gelegentlich nicht mehr auf Wolke 7 schweben, da die Realität Überhand gewonnen hat. So potenzieren sich die Emotionen vor der malerischen Pariser Kulisse zwar nicht ins Unermessliche, aber deutlich in einen Bereich, den man fast schon temperamentvoll nennen könnte, wenn nicht gewisse Widersacher am Werk wären, die bremsend entgegenwirken, auch wenn es nicht unbedingt vom Script verlangt zu sein scheint. So driftet der Verlauf immer mehr in die Richtung einer sperrigen Verwechslungskomödie ab, deren Pointen leider etwas zu blank auf dem Tisch liegen, allerdings ist es hier das Warten, das hier für ein gewisses Vergnügen sorgt.

Um emotional immer wieder leicht eskalieren zu können, werden sehr unterschiedlich agierende Darsteller eingespannt, deren zu interpretierende Charaktere sich noch weniger gleichen wie ein Ei dem anderen. Insbesondere Barbara Schöne spielt die Klaviatur der zickigen Untertöne aus, erstaunlicherweise oftmals weniger gekonnt, da sie zu dick aufträgt, um dem Publikum das Denken abzunehmen. So bleiben ihre Anwandlungen unterm Strich strapaziös, wenngleich es sicherlich der hier notwendigen Anlegung entspricht, aber vielleicht muss man einfach ein Faible für die unwirsche Berlinerin haben, deren Suzanne so wenig vom Klischee der landläufig glorifizierten Französin vermittelt. An Peter Pasetti - ihrem 30 Jahre älteren Liebhaber - beißt sie sich die Zähne aus, da der Jurist ihr bei jeder Gelegenheit ein Plädoyer hält, bei dem die Synapsen oft vergeblich versuchen, dem Informationsfluss in irgend einer Weise zu ordnen, sodass die Gespräche in ihrer Trockenheit sozusagen im Sande verlaufen. Hierbei kommt insbesondere Peter Pasettis unverwechselbare Erzählstimme zum Einsatz, die sich nicht nur um geistreich gefärbte sprachliche Klippen zu kümmern hat, sondern auch um so manche Pointe, die vor allem von den Spielpartnerinnen geebnet werden. Die laufende ménage à quatre bestimmt den Verlauf im Sekundentakt und ähnelt einem Kokettieren auf dem Vulkan, beziehungsweise einem Tappen in dessen undurchdringlichem Rauch. Gut aufgelegt zeigt sich Karin Jacobsen als langjährige Ehefrau des Juristen, und beide gönnen sich dem Vernehmen nach eine Verjüngungskur: Sie versucht es mit einem beinahe zwanzig Jahre jüngeren Mann, den sie unverblümt als ihren Liebhaber vorstellt, er präsentiert eine Dame, die nicht zuletzt wegen der dreißig Jahre Altersunterschied seine unbändige Tochter sein könnte. Jacobsen gefällt sich in der Rolle der ausgemusterten Ehefrau Irène - oder heißt sie gar Madeleine? - die einen Mittelweg zwischen Eleganz und angriffslustiger Giftspritze einschlägt, Peter Pasetti zwischen antiquiertem, väterlichem Charme und einer Art Zerstreutheit, die möglicherweise dazu führt, dass ihn andere unterschätzen.

Abgerundet durch die unbekümmerte Performance von Reiner Schöne, der den Filmbruder von Barbara Schöne spielt, kommt eine interessante Dynamik bei dem oft amüsanten Bäumchen-wechsle-Dich-Spiel auf, welches allerdings auch Längen aufweist, zumal es neben dem Quartett Peter Pasetti, Barbara und Reiner Schöne sowie Karin Jacobsen keine weiteren tragenden Rollen zu finden gibt. So treten Heidy Bohlen und Claus Tinney in nur wenige Minuten umfassenden Rollen auf, und das zu ziemlich später Stunde im Geschehen. Regisseur Wolfgang Liebeneiner, der zum Produktionszeitpunkt bereits auf eine sehr lange und erfüllte Karriere zurückblicken konnte, zeichnet sich hier durch seine Schauspielführung und oft gutes Timing aus, auch wenn die Gags und Pointen immer mehr Probleme bekommen, treffsicher zu wirken, da sich das Verwechselspiel irgendwann erschöpft. Wer mit wem liiert ist, liegt eigentlich auf der Hand aber andererseits auch nicht, da immer wieder Zweifel gestreut werden. Wer am Ende der Geschichte mit wem zusammen kommt oder bleibt, wird sich nach 90 Minuten weniger spektakulär herausstellen. Für die Verhältnisse hiesiger TV-Produktionen ist der betriebene Aufwand in "Scher dich zum Teufel, mein Engel" anzuerkennen und überzeugt nicht zuletzt wegen interessanter Settings und Schauplätze, bleibt narrativ jedoch hinter den Erwartungen zurück, da derartige Storys - hierzulande gerne als Hardcore-Klamotten verkauft - hinlänglich bekannt waren und sind. Schlussendlich bekommt man es mit keinem zu Unrecht in der Versenkung verschwundenen Klassiker zu tun, sondern mit einem Lustspiel, das unaufgeregt bis aufgeregt unterhalten kann, auch wenn es manchmal ein bisschen zu überladen wirkt. Zu wenige alternative Parts werden phasenweise zu einem zugegebenermaßen netten Diktat, welches sich technisch einwandfrei zu präsentieren weiß. Wenn die in die Jahre gekommene Katze am Ende aus dem Sack ist, dürfte das Publikum wenig überrascht drein schauen, sich aber womöglich über Passagen, Handlungen und Aussagen amüsieren, die oft nur eine Wirkung entfalten, weil sie regelrecht unlustig lustig sind.

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