DAS GROẞE PROJEKT - Günter Gräwert

Sexwellen, Kriminalspaß und andere Krautploitation.
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Prisma
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DAS GROẞE PROJEKT - Günter Gräwert

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DAS GROE PROJEKT


● DAS GROẞE PROJEKT (D|1971) [TV]
mit Siegfried Wischnewski, Inge Birkmann, Helmut Gentsch, Walter Buschhoff, Benno Hoffmann, Joachim Wichmann und Heidy Bohlen
eine Produktion der Deutschen Buchgemeinschaft | im Auftrag des ZDF
ein Film von Günter Gräwert

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»Ich habe ihm gesagt wo er sich seinen Job hinstecken kann!«


Joe Manx (Siegfried Wischnewski) ist seit Jahrzehnten in der Baubranche tätig, doch von einer Pechsträhne verfolgt, die mittlerweile schon 15 Jahre andauert. In seinem Kopf setzen sich permanent große Pläne und abenteuerliche Projekte fest, von denen er überzeugt ist, sich und seine Familie aus der finanziellen Misere ziehen zu können. Herkömmliche und nicht sehr gut bezahlte Jobs lehnt er daher immer kategorisch ab. Wenn es wieder klamm in der Brieftasche wird, pumpt er seine Tochter Marilyn (Heidy Bohlen) immer wieder um Geld an, doch dieses Mal reichen ihm die Kleckerbeträge nicht aus, da er ein Projekt von immenser Größe anvisiert hat. Um es umsetzen zu können, klappert er alte Freunde und Bekannte ab, die ihm mehrere Tausend Dollar leihen sollen, damit Joe Land kaufen kann, auf dem er Hunderte von Häusern errichten will. Seine Frau Doris (Inge Birkmann) kann die Fantastereien nicht mehr mit anhören und beschließt, ihm die Realität vor Augen zu führen...

Der Fernsehfilm "Das große Projekt" wurde am 21.03.1971 vom Zweiten Deutschen Fernsehen gesendet, und im Endeffekt handelt es sich bei diesem Schwarzweiß-Film von Günter Gräwert um eine gepflegte, wenn auch keineswegs uninteressante Vorabendunterhaltung, falls sie denn in diesem Zeitfenster gesendet wurde. Diese Einschätzung bezieht sich auf die behandelte Problematik dieser Geschichte, die trotz ihres großen Konfliktpotenzials eher reibungslos vonstatten zu gehen, beziehungsweise überhaupt nicht von der Stelle zu kommen scheint, allerdings auch nicht ohne ihre Ausrufezeichen zu setzen. Die Story beginnt inmitten von Leben, rastlosen Arbeitern und zufällig aufeinander treffenden Personen, bevor man sich in einem gut besuchten Café wiederfindet, in welches Siegfried Wischnewki das Publikum höchstpersönlich, mit einem offensiven Blick in die Kamera und ausgestreckter Hand hineinführt. Die Freude, dass man sogleich Heidy Bohlen an einem Tisch antrifft, ist für Joe Manx ebenso groß wie für das sich noch orientierende Publikum, da zumindest ihre atemberaubende Attraktivität bislang verpflichten konnte. Ein Vater trifft sich mit seiner Tochter, der man deutlich ansieht, das es völlig normal zu sein scheint, dass sie ihrem alten Herrn Geld zusteckt, weil er seit Jahren in einer beruflichen Klemme und mentalen Abwärtsspirale gefangen ist. Von dieser Situation ist man als Beobachter tatsächlich etwas peinlich berührt, da es normalerweise vielleicht anders herum sein sollte, Joe Manx aber auch in einer so unangenehmen Lautstärke spricht, als ob er es darauf anlege, das ihn jeder hören soll. So geschieht das erste Aufeinandertreffen mit der Hauptfigur etwas holprig und würdelos, sodass das anschließende Gespräch zwischen Marilyn und ihrem Verlobten schon alleine informell angenehmer verläuft, da es bald etwas zu feiern gibt. Etwas pragmatisch wird ein Hochzeitstermin geschmiedet und hinter vorgehaltener Hand denkt man sich relativ unverblümt, dass der junge Herr doch am besten schnell ja sagen sollte, da die schöne Frau sicherlich auch zahlreiche andere Chancen hätte.

Um die Vorstellungsrunde komplett zu machen, lernt man im Hause Manx noch Doris, die - wie sich herausstellt - geduldige und besonnene Hausherrin kennen, die von Inge Birkmann mit eigenartiger Ruhe und Zurückhaltung ausgestattet wird, was für die Interpretin vollkommen unüblich erscheint, falls man ihre exaltierten und hoheitsvollen Allüren bereits kennen gelernt hat. In dieser Dreier-Konstellation geht es wie man erfährt wie immer um altbekannte Schimären, denen Joe hinterher jagt, sie aber nicht zu fassen kriegen kann, da sein Blick nach all den bitteren Rückschlägen getrübt ist. Ein großes Projekt soll der Familie einen Millionen-Dollar-Segen bescheren, und das Publikum freut sich mit dem voller Euphorie und Elan durchdrungenen Mann aus der Baubranche, der drauf und dran ist, Bäume auszureißen. Oder sind es nur Luftschlösser? Die Miene seiner Frau verrät, dass das Haustier der Manx offenbar eine Katze ist, die sich immer wieder selbst in den Schwanz beißt, sodass sie die großspurigen Ankündigungen schon gar nicht mehr ernst nimmt. Ganz anders sieht die Reaktion bei Marilyn aus, die sich für ihren Vater freut, allerdings nicht preisgibt, ob der Ursprung Mitleid ist. Diese TV-Produktion, die sich in ihrer Ausarbeitung doch sehr konservativer Mittel bedient, greift ein Thema auf, das eigentlich zu jeder Zeit aktuell ist. So sieht man einen Kampf gegen Existenzängste, die einfach durch das Spiegeln der Realität umgekehrt werden, außerdem von den engsten Mitgliedern der Familie und von Freunden und Bekannten mitgetragen werden. Unterm Strich dominiert das Großthema Geld schließlich den Alltag, und es ist überraschend, dass man trotz dieser Grundvoraussetzungen etwas Harmonie und einen intakten Umgang miteinander wahrnehmen kann. Ein familiäres Trio steuert dreierlei Ansätze bei, die sich gegenseitig schützen und das Fass somit nicht zum Überlaufen bringen. Realitätsferne, Resignation und Optimismus dividieren sich in den heiklen Momenten immer wieder gegenseitig weg, sodass sich diese Scharade bereits unendlich lang wirkende 15 Jahre hat abspielen können.

Im Rahmen des angeblichen Millionenprojekts wird Joe nicht verlegen, immer wieder zu erwähnen, dass er einmal eine Größe in der Branche gewesen und dass es unter seinem Niveau sei, einen unterbezahlten Job als Bau-Kommissar anzunehmen. Dieses Angebot kam übrigens von einem der wenigen Freunde, die noch übrig geblieben sind. Regisseur Gräwert zeigt auf, dass ein sozialer Abstieg und der immer währende Gedanke, dass alle anderen im Unrecht seien, einsam macht. Hinzu kommt die Tatsache, dass ihn die seiner Ansicht nach völlig unterbewerteten Fähigkeiten immer wieder dazu zwingen, hausieren, betteln und werben zu gehen. Wer seiner Freunde, mit denen er sich zum Kartenspiel trifft, könnte ihm 4000 Dollar borgen? Ohne die Antwort zu wissen, weiß jeder einzelne Zuschauer, dass es niemanden geben wird, der sich auf dieses aussichtslose Abenteuer einlässt. Interessant ist, dass die Geschichte eigentlich kaum Zweifel aufkommen lässt, das es sich bei dem großen Projekt um einen Flop aus dem Bilderbuch handelt, sodass selbst für das Publikum keine Hoffnungsträger zu finden sind. Mit jeder weiteren abgeklapperten Adresse wird es zunehmend ermüdender, Joes Hätte-Wäre-Wenn-Geschichten anzuhören, bis man schließlich eine Katastrophe wittert, die sich in Gedanken bildet und konkretisiert. Reibungspunkte werden ganz klassisch als Szenen einer Ehe gezeichnet, in der sich mittlerweile viel gegenseitiges Unverständnis eingeschlichen hat. Je mehr er zu sagen hat, desto weniger kommt bei ihr an, was zum perfekten Nährboden für globale Versagensängste wird. Lediglich die Tochter des Hauses scheint geerdet zu sein, da sie einen guten Job und eine Zukunft vor Augen hat, ihrem Vater allerdings nicht reinen Wein einzuschenken vermag, womit Marilyn ihrer Mutter indirekt in den Rücken fällt. Die Wahl der Schauspieler ist in dieser Fernsehproduktion als sehr gelungen zu bezeichnen und wartet dementsprechend mit bekannten Namen auf.

Siegfried Wischnewski in der Rolle des eigentlich verzweifelten Joe, stattet diesen Charakter mit Ambivalenz und der nötigen Vehemenz aus. Er spielt so gut, dass man zudem wahrnimmt, wie er sogar der zu interpretierenden Figur ein Theater vorspielen kann, zumal es zu wenigen ehrlichen und reflektierten Momenten kommt. Inge Birkmann stellt erneut unter Beweis, dass sie sich dynamisch auf jede noch so bizarre Rolle einstellen konnte, die sie allerdings andernorts zu spielen hatte. Hier sieht man sie ungewöhnlicherweise als Ruhepol, was ihr schlussendlich gar nicht so schlecht steht. Ihre Filmtochter wird von einer seinerzeit aufstrebenden Heidy Bohlen dargestellt, die sich der verfahrenen Situation stellt, indem sie die eigentliche Tragweite zu ignorieren versucht, aber nie den Glauben an ein gutes Ende verliert. Bekannte Darsteller wie Benno Hoffmann, Joachim Wichmann oder Walter Buschhoff runden das Szenario gekonnt und prägnant ab. So kann man von einem Fernsehfilm sprechen, der weit überdurchschnittliche Eindrücke in diesem Bereich zu liefern weiß. Während die nahezu manisch-depressive Atmosphäre immer neue Etappen nimmt, stellt sich die imaginäre Frage nach dem eigentlich großen Projekt der Geschichte, die sich auch gegen Ende per Twist lösen wird. Es ist ungewöhnlich aber angenehm zugleich, wie darauf verwiesen wird, dass man in Situationen bestimmten Musters auch einmal über den eigenen Tellerrand blicken sollte, um möglicherweise mit anderen Verhaltensweisen aufzuwarten, die eine festgefahrene Situation positiv beeinflussen könnte. Diese Möglichkeit wird hier von einigen Charakteren in Angriff genommen, doch das Ganze kommt zu keiner determinierten Wertung, sondern teilt klammheimlich eine Eigenwertung mit. "Das große Projekt" regt sporadisch zum Nachdenken an, da die subtile Anlegung es zulässt, spart sich jedoch große Ratschläge oder gar Augen öffnende Paukenschläge auf. So bleibt ein ruhiges und vielmehr nostalgisches TV-Vergnügen von gestern.

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Prisma
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● HEIDY BOHLEN als MARILYN in
DAS GROẞE PROJEKT (D|1971)



Die attraktive Marilyn sitzt in einem Café und wartet auf ihren Verlobten, einen Medizinstudenten. Die junge Frau berichtet davon, einen guten Job zu haben, der so viel abwirft, dass sie ihren Freund durchbringen und ihren eigenen Vater aushalten kann, zumindest immer dann, wenn es nötig ist. Dies gilt vor allem für ihren alten Herrn, der aus der Baubranche stammt und wieder einmal ein großes Projekt im Kopf hat. Schnell kristallisiert sich heraus, dass Heidy Bohlen in dieser TV-Produktion eine größere Rolle inne hat, schließlich handelt es sich um die Tochter des Hauses Manx; eine ziemlich normale Familie, deren Probleme sich langsam aber sicher aufbäumen werden. Zunächst erscheint es einmal etwas exotisch zu sein, die Interpretin in ihrer einzigen Schwarzweiß-Produktion zu sehen, außerdem handelt es sich hierbei um die zweite und letzte TV-Produktion ihrer Karriere. Marilyn ist es gewöhnt, ihrem Vater in immer wiederkehrenden Abständen ein paar Dollar zuzustecken, allerdings scheint sie es gerne zu tun, da sie verständnisvoll und nachsichtig wirkt. Ein unmittelbar nach diesem Treffen stattfindender Heiratsantrag ändert die finanzielle Lage, da das eigene Geld nun anders verplant werden muss. Marilyn nutzt ihr gutes Recht, auch einmal an sich zu denken und ahnt nicht, dass die Rechnerei zu Hause bei ihren Eltern losgeht, mit denen sie noch zusammen wohnt. Wird man sich die Miete noch leisten können, oder das Leben? Die ersten Szenen mit Heidy Bohlen wirken in dieser TV-Produktion wie eine Offenbarung dessen, was eigentlich immer auf der Hand gelegen hat: Talent. So kommt man in den Genuss einer dynamischen Interpretationsgabe, die fernab von Frondiensten für den zeitgenössischen Film vonstatten gehen darf, wenngleich man vielleicht von einer seichten Anlegung der Rolle und des Verlaufs insgesamt sprechen kann. Wahrzunehmen ist eine eigenartige Nervosität, die jedoch nicht der Situation zuzuordnen ist, da sie sich auf absolut sicherem Terrain befindet. Vielleicht handelt es sich auch nur um die typischen Vorboten einer Situation, die eine junge Frau schon bald unter die Haube bringen wird, immerhin wartet sie auf ihren Verlobten, dem sie noch eine konkrete Antwort abringen wird.

Im häuslichen Rahmen sieht man Marilyn gelöst und heiter, ihre Meinung und ihre Wortmeldungen haben Gewicht im Familienbund. Es ist schön zu sehen, dass die leichtfüßige Leistung der Schauspielerin eine besondere Art der Agilität und Frische im Szenario etablieren kann, außerdem kommt man in den Genuss ihrer eigenen Stimme, die der Film in den meisten Fällen wegzusynchronisieren pflegte. Gerade in dieser TV-Produktion wird man förmlich mit Heidy Bohlens auffälliger Schönheit konfrontiert, die in Verbindung mit dieser seriösen Rolle für eine gepflegte Vorabendunterhaltung die ungenutzten Kapazitäten offenbart, und mehrere Engagements nach sich hätten ziehen können, oder eher noch müssen. Leider verlief die Karriere in einseitigen Bahnen weiter, was vermutlich für das frühe Aus verantwortlich war. Regisseur Günter Gräwerts "Das große Projekt" legt Bohlens natürliche Kapazitäten offen, sich den jeweiligen filmischen Situationen anzupassen. Diese Tatsache erscheint gerade nach diesem Auftritt so erwähnenswert zu sein, da die Interpretin die hier verfügbaren Angebote klassisch wahrnimmt und sich somit in den Fokus ihrer jeweiligen Szenen spielen kann, ohne zu obligatorischen Mitteln zu greifen. Zu sehen ist unterm Strich eine Interpretation, die ernstzunehmen ist, da sie auf die zahlreich vorhandenen, individuellen Stärken hinweist, die auch abgerufen werden. Mit der Figur der Marilyn wird es letztlich keine falschen Untertöne geben, da vielmehr Tugenden zu sehen sind, die immer mehr Seltenheitscharakter bekommen. Sicherlich kann man der schönen Frau auch etwas Naivität unterstellen, immerhin fällt sie bei ihrem Vater auf das immer wieder gleiche Muster herein, doch dennoch passiert dies alles in der vollen Gewissheit, dass sie am Ende etwas bewirken kann, auch wenn es manchmal nicht so aussehen will. Gräwert setzt Bohlen hier wie ein Trumpf-Ass ein, welches sich nur zu einem solchen entwickeln kann, da Ausdauer und Vertrauen vorhanden sind. Hinzu kommt, dass der Regisseur eine der wohl aufregendsten Geschöpfe dieser Zeit in einem eher unscheinbaren Film etablieren kann, der durch Heidy Bohlen ungemein aufgewertet wird, weil man sie außerhalb ihrer Schublade bestaunen darf.



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